Welche Rolle spielt die Moral in Albert Camus' "Der Mythos des Sisyphos"?


Hausarbeit, 2021

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Philosophie des Absurden von Albert Camus
2.1 Camus‘ Verständnis von Absurdität
2.2 Der physische und philosophische Selbstmord
2.3 Die absurde Freiheit und die Revolte

3 Die Rolle der Moral

4 Der Don-Juanismus

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Albert Camus war ein französischer Schriftsteller und Philosoph, der zwischen 1913 und 1960 lebte und sich Zeit seines Lebens mit der Frage beschäftigte, wie der Mensch mit der Absurdität der eigenen Existenz umgehen könnte. Nachdem Camus bereits einige Schriften zu diesem Thema publiziert hatte, erschien im Jahr 1942 sein Essay „Der Mythos des Sisyphos“, welcher Gegenstand dieser Arbeit werden soll, da er einen großen Einfluss auf die philosophische Debatte gewann und auch 80 Jahre später hochaktuell bleibt. Denn gegenwärtig scheint die Absurdität der menschlichen Existenz neue Ausmaße anzunehmen, bedenkt man die Entwicklungen der Globalisierung und die komplexen ökonomischen, sozialen und politischen Verstrickungen, welche sich mit einer solchen Geschwindigkeit vollziehen, dass es für den individuellen Menschen immer schwieriger wird, die eigene Rolle im globalen System zu erkennen und auszufüllen. Immer öfter bleibt somit die Suche nach konstanten Orientierungspunkten vergeblich, welche dem Individuum Halt geben und einen Lebenssinn vermitteln könnten. Stattdessen führt diese diffuse Außenwelt zu einer Überforderung und bedroht die menschliche Psyche, aber auch das gesellschaftliche Zusammenleben. Camus selbst stellt die Tendenzen eines solchen Phänomens bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts fest und fasst dies unter dem Begriff der Absurdität zusammen. Diese Arbeit soll sowohl Einblicke in Camus‘ Überlegungen zur Absurdität geben und darüber hinaus deren Bedeutung für moralische Aspekte beleuchten, da diese ein gesellschaftliches Zusammenleben maßgeblich beeinflussen.

2 Die Philosophie des Absurden von Albert Camus

Im folgenden Abschnitt soll sich diese Arbeit zunächst mit Camus‘ Grundgedanken beschäftigen und dabei mit einer genauen Definition des Begriffes der Absurdität beginnen. Dazu zählen insbesondere Camus‘ Auffassung von Absurdität, seine Rechtfertigung der menschlichen Existenz, die absurde Freiheit, sowie in diesem Zusammenhang die Revolte. Ein besonderes Augenmerk soll dabei auf die Folgen für das menschliche Handeln gelegt werden. Diesbezüglich soll die Rolle der Moral in Camus‘ Essay „Der Mythos des Sisyphos“ erarbeitet werden. Wenn eine Absurdität der menschlichen Existenz vorherrscht, wie konstruiert Camus dann das gesellschaftliche Zusammenleben? Eine tiefergehende Antwort soll in der Betrachtung der literarischen Figur des Don Juan gesucht werden. Wie lassen sich deontologische Handlungsmaxime aufstellen, wenn sich Handlungen nicht in „gut“ oder „schlecht“, sondern nur in „sinnlos“ rubrizieren lassen? Welche Lösung bietet Camus für dieses Problem an und inwiefern lässt sich diese kritisieren? Dies zu beantworten, soll dann in einem abschließenden Fazit stattfinden.

2.1 Camus‘ Verständnis von Absurdität

Die Absurdität beschreibt für Camus eine „[…] Entzweiung zwischen dem Menschen und seinem Leben, zwischen dem Handelnden und seinem Rahmen […]“(Camus 2016, 18)und ist unter anderem in der Möglichkeit der Existenzlosigkeit begründet (vgl. ebd.). Dabei findet Camus‘ Betrachtung der Absurdität zunächst auf einer subjektiven Ebene statt und wird mit einem Gefühl assoziiert. Befallen könne dieses Gefühl „[…] an jeder beliebigen Straßenecke jeden beliebigen Menschen […]“(Camus 2016, 23)und es führe diese an die Grenzen der gedanklichen Kapazitäten und sei schwer zu fassen (vgl. ebd.). Dabei charakterisiert Camus die Absurdität als eine Grundbefindlichkeit. So sei die aufrichtige und spontane Antwort eines „nichts“ auf die Frage, was man gerade denkt, „[…] das erste Anzeichen der Absurdität“(Camus 2016, 24). Jedoch bedeutet dies noch nicht, dass man sich in diesem Fall der Absurdität bereits bewusst ist. Deshalb geht Camus noch weiter und beschreibt ein gewöhnliches menschliches Arbeitsleben, welches von einem monotonen Rhythmus geprägt ist und sich nach immer wiederkehrenden täglichen Routinen vollzieht(vgl. Camus 2016, 24–25). Das Gefühl der Absurdität entstehe in dem plötzlichen Hinterfragen des Sinns dieser Monotonie, wiederum ausgelöst durch ein Gefühl des Überdrusses, welches gewöhnlich zwar als negativ, in diesem Fall aber als positiv zu bewerten sei (vgl. ebd.). Denn an diesem Punkt beginne das Bewusstsein für das Absurde, was eine Entscheidung zwischen der „[…] unbewusste[n] Rückkehr in die Kette oder das endgültige Erwachen“(Camus 2016, 25)möglich macht, wobei ein Erwachen nur im Selbstmord oder in der Wiederherstellung resultieren könne (vgl. ebd.). Das Gefühl der Absurdität lasse sich jedoch nicht in seiner Gänze durch eine rationale Analyse erfassen. Vielmehr gehe es darum, „[…] nur Erscheinungsformen aufzuzählen und das Klima spürbar zu machen“(Camus 2016, 24). Ein Teilaspekt dieses Klimas sei die Entfremdung des Menschen von der Natur, deren Komplexität und unmenschlicher, geradezu feindseliger Charakter dem menschlichen Sein widersprechen(vgl. Camus 2016, 26). Alles was zunächst geordnet und sinnvoll erscheint, wie die Strukturen, die sich der Mensch geschaffen hat und die Umwelt, die ihn umgibt, offenbaren sich bei genauerem Hinsehen als chaotisch, fremd und für den Menschen unverständlich. Es ist also nicht nur das Leben an sich, sondern auch alles, was den Menschen umgibt, was diese absurden Züge trägt.

Das Gefühl der Absurdität beziehe sich darüber hinaus nicht nur auf die eigene Existenz, sondern auf die Existenz aller Menschen. So veranschaulicht Camus den Transfer des Gefühls auf die eigenen Mitmenschen, indem er eine Person beschreibt, welche dabei beobachtet wird, wie sie hinter einer Glasscheibe telefoniert. „Man hört ihn nicht, man sieht nur sein sinnloses Mienenspiel: man fragt sich, warum er lebt“(Camus 2016, 27). In diesem Zusammenhang sei es ein Gefühl des Ekels gegenüber der menschlichen Natur, das zum Klima der Absurdität beitrage (vgl. ebd.). Dabei unterscheidet Camus jedoch dualistisch zwischen Körper und Geist. Während der Geist den Selbstmord in Erwägung ziehen könne, sei der Körper durch seinen Selbsterhaltungstrieb dazu nicht in der Lage. Dies habe den Widerspruch zur Folge, dass man sich zwar zunächst physisch an das Leben gewöhnt, aber gerade die Vergänglichkeit des menschlichen Körpers determiniert ist(vgl. Camus 2016, 20). So sehr der Mensch sich das Leben also wünscht, der Tod ist am Ende unausweichlich und zwar obwohl der Körper dem Streben nach Existenzlosigkeit entgegenwirkt und versucht, die eigene Existenz so lange wie möglich zu erhalten. So sei dieses „[…] Aufbegehren des Fleisches […] das Absurde“(Camus 2016, 26). Befeuert werde dieser Konflikt durch die menschliche Abhängigkeit von der zeitlichen Dimension, wobei der Mensch dazu neige, Dinge aufzuschieben(vgl. Camus 2016, 25). Letztendlich führe dieser Zeitdruck, den die eigene Endlichkeit vorgibt, dazu, dass sich eine rechnerische Perspektive auf das Leben und vor allem den Tod entwickelt, welche Camus auch als „blutige Mathematik“ bezeichnet und deren Lösung, wenn überhaupt, erst nach dem Tod zur Verfügung stehe(vgl. Camus 2016, 27–28). Denn über den eigenen Tod gebe es keine Erfahrung und somit kein Wissen, stattdessen gebe es nur die Erfahrung über den Tod der Mitmenschen, welche aber nicht subjektiv reproduzierbar sei und somit die Frage nach einer Existenz nach dem Tod offenlasse. Dies führe dazu, dass der Mensch seine Gedanken über den Tod verdrängt. „Man kann jedoch nie genug darüber staunen, dass alle so leben, als ob niemand ‚wüsste‘“(Camus 2016, 27). Im Grunde müsste man eine Existenz nach dem Tod aber verneinen, denn was man erfahren und somit wissen kann, ist, dass am Ende ein leb- und seelenloser Körper zurückbleibt. Somit sei „diese elementare und endgültige Seite des Abenteuers […] der Inhalt des absurden Gefühls“ (ebd.). Aus dieser Endlichkeit und Limitierung des eigenen Lebens ergibt sich bei Camus erstmals die Frage nach der Moral. Denn wenn es für das menschliche Handeln nach dem Tod keine subjektiven Konsequenzen mehr gibt, wieso sollte der Mensch sich dann moralisch verpflichten und nicht im Gegenzug seinen Handlungsspielraum frei auskosten? Diesbezüglich merkt Camus an: „Keine Moral und keine Anstrengung lassen sich a priori vor der blutigen Mathematik rechtfertigen, die über uns herrscht“(Camus 2016, 28). An dieser Stelle eröffnet sich also die Frage, wie mit der Erkenntnis dieser Absurdität umgegangen werden kann, worauf in einem späteren Teil dieser Arbeit noch genauer eingegangen werden soll.

Einen weiteren Aspekt der Absurdität, stellt das menschliche Streben nach Wissen und Verständnis dar, welches daraus erwachse, dass der Mensch die Kontrolle über die Welt zurückerlangen will, welche ihm zu entgleiten droht. Denn es gebe eine Diskrepanz zwischen dem Drang des Menschen, die Welt zu verstehen und dem irrationalen Charakter seines Untersuchungsgegenstandes. Unter dem von der eigenen Endlichkeit auferlegten Zeitdruck betreibe der Mensch eine verzweifelte Erkenntnissuche und versuche dabei die Welt als rationalen Gegenstand zu begreifen und Wahres von Falschem zu trennen(vgl. Camus 2016, 28–29). Dabei erkunde er die Welt jedoch nach rein menschlichen Maßstäben, denn „die Welt verstehen heißt für einen Menschen, sie auf das Menschliche zurückzuführen, ihr sein Siegel aufzudrücken“(Camus 2016, 29). Der Mensch würde also am liebsten alles in seiner Außenwelt gedanklich durchdringen, wobei er jedoch an seine Grenzen stoße, da es mehr als nur die menschliche Perspektive gibt. Im Zuge dieser beharrlichen Unternehmung des Menschen, eine absolute Einheit mit der Welt bilden zu wollen, scheitere der Mensch an der paradoxen Perspektive eines Außenstehenden, sobald er über seine Rolle in der Welt gedanklich reflektiert(vgl. Camus 2016, 29–30). Und auch die Wissenschaft oder die Religion könne kein absolutes Wissen liefern, stattdessen seien sie bloß ein Ausdruck von „[…] Sehnsucht und gleichzeitig Unwissenheit. Sie sind unfruchtbare Spielereien mit großen Themen“(Camus 2016, 31). Der Versuch, eine Rationalisierung der Welt vorzunehmen, ist also zum Scheitern verurteilt und selbst die Wissenschaft, mit dem größten Potential für einen Erkenntnisgewinn, verbleibe letzten Endes nur bei der Formulierung von Metaphern und Hypothesen(vgl. Camus 2016, 32). Der Mensch könne sich, in Folge einer skeptizistischen Betrachtung, nur der eigenen Existenz und dem Dasein der Welt gewiss sein(vgl. Camus 2016, 31), wie es beispielsweise auch, wenngleich in den abzuleitenden Konsequenzen abweichend, René Descartes und Immanuel Kant vertraten. Auch die kognitive Auseinandersetzung mit der Welt löse demnach nicht die Absurdität innerhalb der Beziehung zwischen dem Menschen und der Welt auf(vgl. Camus 2016, 33). Für Camus steht also fest: „Diese allgemeine, praktische oder moralische Vernunft, dieser Determinismus, diese alles erklärenden Kategorien haben für einen aufrichtigen Menschen etwas Lächerliches“ (ebd.). Allerdings hänge diese Absurdität von der Koexistenz vom Menschen und der Welt ab und nähre sich aus dieser Beziehung. „Das Absurde entsteht aus diesem Zusammenstoß zwischen dem Ruf des Menschen und dem vernunftlosen Schweigen der Welt“(Camus 2016, 40). Dabei bedürfe es einer Aufrichtigkeit, diese Absurdität anzuerkennen und das eigene Handeln daran anzupassen(vgl. Camus 2016, 34). Und „ist die Absurdität erst einmal erkannt, dann wird sie zur Leidenschaft, zur ergreifendsten aller Leidenschaften“ (ebd.).

Darüber hinaus liefert Camus schließlich eine Definition des Begriffes der Absurdität. „Das Gefühl des Absurden ist nicht mit dem Begriff des Absurden gleichzusetzen. Es begründet ihn nur, das ist alles“(Camus 2016, 41). Von außen betrachtet, habe das Absurde ein mörderisches Klima, da es nur darum gehe, dieses anzunehmen, oder ihm fluchtartig auszuweichen (vgl. ebd.). Der Begriff des Absurden lasse sich aber durch eine Analyse noch genauer eingrenzen. So drücke das Absurde ein Verhältnis zweier Gegensätze aus. „‚Das ist absurd‘ soll heißen: ‚Das ist unmöglich‘, aber auch: ‚Das ist ein Widerspruch in sich‘“(Camus 2016, 42). Dabei bestehe das Absurde in dem Missverhältnis zwischen zwei miteinander verglichenen Phänomenen und sei „in allen diesen Fällen, vom einfachsten bis zum komplexesten, wird die Absurdität umso größer […], je größer der Abstand zwischen meinen Vergleichsobjekten ist“ (ebd.). Dabei sind der Mensch und die Welt zwei mögliche Vergleichsobjekte, welche in ihrer Gegenüberstellung das Absurde hervorrufen und durch diese Absurdität miteinander verbunden sind. „Das Absurde ist im Wesentlichen eine Entzweiung. Es ist weder in dem einen noch in dem anderen der verglichenen Elemente enthalten. Es entsteht durch deren Gegenüberstellung“(Camus 2016, 43). Dabei sei es nur möglich, dass der Mensch, die Welt und das Absurde gleichzeitig existieren. Geht eines davon verloren, so würde alles verloren gehen. Das Absurde würde also mit dem Tod ebenfalls aufhören zu existieren und wird, vergleichbar mit Descartes „cogito ergo sum“, von Camus folglich als seine „[…] erste Wahrheit […]“ bezeichnet (vgl. ebd.).

2.2 Der physische und philosophische Selbstmord

Um bei Camus die Frage nach der Moral stellen zu können, muss zunächst betrachtet werden, inwiefern Camus, vor dem Hintergrund der Absurdität, die menschliche Existenz überhaupt rechtfertigt und ob somit überhaupt eine Grundlage für die Entwicklung einer Moral vorhanden ist. Denn das Absurde ist für Camus eine Prämisse für die tiefgreifendere Frage der daraus erwachsenden Konsequenzen, weshalb sich Camus vorrangig mit der Frage beschäftigt, ob es vor dem Hintergrund der Absurdität legitim ist, Selbstmord zu begehen(vgl. Camus 2016, 28). Es wird also danach gefragt, inwiefern es überhaupt eine Rechtfertigung für das Leben geben kann, wenn mit dem Tod jegliche Existenz endet und somit alles vorher Stattgefundene trivial erscheint. Inwiefern macht es dann überhaupt einen Sinn, das Leben anzunehmen und nicht einfach zu beenden, wieder in der Existenzlosigkeit zu verschwinden und somit diese Absurdität aufzulösen(vgl. Camus 2016, 18)? Für Camus ist die Frage nach dem Selbstmord das einzig ernstzunehmende philosophische Problem, weshalb er dies auch direkt zu Beginn seines Essays klarstellt(vgl. Camus 2016, 15).

Für Camus gebe es eine absurde Logik, nach welcher man die Frage nach dem Selbstmord klären könne(vgl. Camus 2016, 40), womit kein rationaler Charakter des Absurden, sondern der sich daraus, paradoxerweise, logisch ergebenden Konsequenzen gemeint ist. Denn das Absurde habe für Camus nur „[…] insoweit einen Sinn, als man sich nicht mit ihm abfindet“ (ebd.). Auf der einen Seite gilt es also, das Absurde anzuerkennen, sich aber im Gegenzug nicht damit abzufinden und den Strang der Logik zu verfolgen, um eine Antwort darüber zu erhalten, ob der Selbstmord das passende Mittel ist, um das Absurde aufzulösen, oder ob es eine andere Konsequenz ist, welche die Anwesenheit des Absurden fordert. Die Frage ist also, ob es eine logische Schlussfolgerung zum Tod oder zum Leben gibt. Bei seiner Betrachtung differenziert Camus dabei zwischen dem physischen und dem philosophischen, also dem gedanklichen Selbstmord(vgl. Camus 2016, 55).

Genauer meint der physische Selbstmord die gewaltsame Selbsttötung des Menschen, die als Flucht vor einem „ausgehöhlten“ Innenleben diene, welches wiederum durch die gedankliche Überforderung entstehe(vgl. Camus 2016, 16). Damit widerspricht Camus der bisherigen Auffassung, dass der Selbstmord immer eine Folge sozialer Einflüsse sei (vgl. ebd.). Am Anfang stehe ein emotionaler Konflikt: „Der Wurm sitzt im Herzen des Menschen“ (ebd.). Es sei die Klarheit darüber, dass die eigene Existenz in der Welt etwas Absurdes in sich trägt, was die Entfremdung zwischen dem Menschen und seinem Leben nach sich ziehe und somit ein Streben nach dem Nichts bedingt(vgl. Camus 2016, 18). Der physische Selbstmord sei jedoch nicht aus religiösen oder moralischen Gründen abzulehnen, sondern da dadurch das Absurde in seiner bereits erwähnten Abhängigkeit von der Koexistenz vom Menschen und der Welt nicht aufgelöst werde. Für Camus widerspricht der Selbstmord somit der Logik der Konsequenzen aus dem Absurden, denn er widerspreche einer simplen methodischen Regel: „Wenn ich ein Problem lösen will, dann darf ich durch diese Lösung zumindest nicht einen Bestandteil dieses Problems verschwinden lassen“(Camus 2016, 43–44). Somit sei der physische Selbstmord als Lösung des Absurden nicht zu rechtfertigen, stattdessen sei das Absurde zu akzeptieren und das Leben vorzuziehen, auch wenn dies einen Kampf bedeute (vgl. ebd.).

Der philosophische Selbstmord findet bei Camus hingegen auf einer metaphysischen Ebene statt. Diesbezüglich wirft Camus einigen bekannten Philosophen vor, die Logik des Absurden nicht konsequent zu verfolgen, indem sie das Absurde verneinen und einen Ausweg daraus suchen(vgl. Camus 2016, 45–54). Anstatt das Absurde anzunehmen, komme es zur Flucht in das Transzendente durch einen gedanklichen Sprung. „Diese erzwungene Hoffnung ist bei allen wesenhaft religiös“(Camus 2016, 45). Im Vergleich zum physischen Selbstmord sei es also nicht der Tod, sondern die erzwungene Hoffnung, die Welt rational erklären zu können, obwohl diese Unternehmung zum Scheitern verurteilt ist, welche den Selbstmord ausmacht. Hierbei sei es das Absurde, welches zwischen der Irrationalität der Welt und dem rationalen Anspruch des Menschen vermittelt. „Das Absurde ist die hellsichtige Vernunft, die ihre Grenzen feststellt.“(vgl. Camus 2016, 62). Auch der philosophische Selbstmord ist für Camus als Reaktion auf das Absurde also unzulässig. Anstatt das Absurde zu verdrängen, oder sich in den physischen Selbstmord zu flüchten, komme es demnach darauf an, das Absurde anzunehmen und damit zu leben.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Welche Rolle spielt die Moral in Albert Camus' "Der Mythos des Sisyphos"?
Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover  (Institut für Philosophie)
Veranstaltung
Absurdität und Revolution - Camus` Existentialismus
Note
2,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1014167
ISBN (eBook)
9783346410368
ISBN (Buch)
9783346410375
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Albert, Camus, Albert Camus, Der Mythos des Sisyphos, Moral, Ethik, Existenzialismus, Absurdität, Absurd, physischer Selbstmord, philosophischer Selbstmord, absurde Freiheit, Revolte, Don-Juan, Don-Juanismus, Gesellschaftliches Zusammenleben
Arbeit zitieren
Malte Scholz (Autor:in), 2021, Welche Rolle spielt die Moral in Albert Camus' "Der Mythos des Sisyphos"?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014167

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Welche Rolle spielt die Moral in Albert Camus' "Der Mythos des Sisyphos"?



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden