Phonologische und Morphologische Besonderheiten im lëtzebuergeschen und (süd)burgenländischen Sprachraum


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Terminus Dialekt

3. Luxemburg – Eine dialektgeographische Einordnung
3.1 Dialektgeographische Verortung
3.2 Morphologische und phonologische Charakteristika im Lëtzebuergeschen /Moselfränkischen
3.2.1 n-Tilgung (Eifler Regel)
3.2.2 Schwa-Elision
3.2.3 Einkasussystem im Singular und Plural
3.2.4 Pluralbildung
3.2.5 Wechselflexion im Verbsystem
3.2.6 Präteritalvokal ou
3.2.7 Das Verb geben

4. Das Südburgenland – Eine dialektgeographische Einordnung
4.1 Dialektgeographische Verortung
4.2 Hianzisch im Burgenland
4.3 Morphologische und phonologische Charakteristika im Südmittelbairischen
4.3.1 Nasalierung
4.3.2 Vergangenheitsform und Zukünftiges
4.3.3 l-Vokalisierung
4.3.4 Die Diphthonge ui, ua und ǫu
4.3.5 k als behauchter Starklaut
4.3.6 Pronomina
4.3.7 Doppelte Verneinung
4.3.8 Konsonantenschwächung
4.3.9 Euphonie

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Im Rahmen des sprachwissenschaftlichen Proseminars „Einführung in das Luxemburgische“ soll ein Überblick über ausgewählte morphologische und phonologische Besonderheiten des südburgenländischen und luxemburgischen Sprachgebiets gegeben werden. Obwohl sich Luxemburgisch (Lëtzebuergesch) seit 1984 zu einer anerkannten Sprache etabliert hat, ist ihr deutscher, oder spezifischer, ihr moselfränkischer Ursprung unverkennbar (vgl. Wiesinger 1983: 857). Da das Luxemburgische als junge germanische Sprache phonologisch noch wenig erforscht ist (vgl. Conrad 2017: 22), werden in der folgenden Seminararbeit auch unter anderem die für den gesamten moselfränkischen Sprachraum typische, dialektale Phänomene behandelt. Im Gegensatz dazu steht der (süd)burgenländische Dialektraum, der laut Hornung/Roitinger (2000: 52) zu den eigentümlichsten Mundarten Österreichs gehört, wenngleich es heute weitgehend von der Wiener Umgangssprache unterwandert ist.

Zunächst wird der Begriff Dialekt beleuchtet, um anschließend sowohl den bairischen Dialekt, dem alle Bundesländer Österreichs, außer Vorarlberg und ein dialektales Übergangsgebiet in Tirol zugeordnet sind (vgl. Lenz 2019: 319), als auch den moselfränkischen Dialekt, geographisch zu verorten und allgemein gültige Besonderheiten beider Dialekte erläutert. Folglich wird speziell auf die Charakteristika des südburgenländischen Dialektraums, dem auch mein eigener Dialekt zugehörig ist, und auf die des luxemburgischen Raums vertiefend eingegangen. Wenn vom (süd)burgenländischen Dialekt gesprochen wird, darf auch der Begriff des Hianzischen nicht fehlen, auf den im Kapital 3 kurz eingegangen wird.

2. Der Terminus Dialekt

Etymologisch betrachtet leitet sich der Begriff Dialekt aus dem griechischen Wort diá-lektos ab, was eine bestimmte Redensweise oder eine Art des Redens bezeichnet (vgl. Bußmann 2008: 131). Der Terminus Dialekt wird im Allgemeinen als jene Sprachform definiert, die an einen Ort oder an eine Region gebunden ist und von der dort beheimateten Bevölkerungsgruppe gesprochen wird. Löffler (2003: 2) fügt hinzu, dass Dialekte, die am wenigsten räumlich verbreiteten und der Standardsprache am weitesten entfernten Sprachsysteme einer Sprache darstellen. Zudem gebe es laut Schlosser (1985: 21) keine vorgegebenen orthographischen Bestimmungen, die dem Dialekt unterliegen und kann dementsprechend auch nicht als eine für die formelle oder offizielle Kommunikation zugelassene Sprachvarietät gelten. Zudem habe jeder Dialekt bestimmte phonetische Merkmale, eine eigene Intonation und Spezifika in Wortschatz und Formenbildung (ebd.). Gossens (1977) geht noch weiter und definiert den Termini als Gegenpol der Standardsprache:

Dialekt ist also der als Ausdrucksweise der Sprachgemeinschaft eines Ortes zu betrachtende, auf lokale Verwendung zielende Komplex von Sprechweisen, bei dem zur Aufhebung der Differenzen zum hochsprachlichen System, im Vergleich zu den anderen am gleichen Ort vorkommenden Sprechweisen dieser Sprachgemeinschaft, eine maximale Anzahl von Regeln notwendig ist. (Gossens 1977: 21)

Seit jeher handelt es sich beim Dialekt um einen vieldiskutierten Begriff, bei dem es keinen eindeutigen Konsens gibt, wie er zu definieren sei, infolgedessen dieser in der Forschungsliteratur keinesfalls einheitlich erfolgt. Ebenso viel diskutiert und uneinheitlich verwendet werden in der linguistischen Forschung die Termini Dialekt und Mundart. Laut Löffler (2003: 2) handelt es sich beim Begriff Mundart um eine deutsche Übersetzung vom Terminus Dialekt und findet er vielmehr in der verbalen, volkstümlichen Kommunikation Anwendung. In der vorliegenden Proseminararbeit finden sich beide Termini wieder, wobei darauf hinzuweisen ist, dass beide Termini synonym zu verstehen sind.

3. Luxemburg – Eine dialektgeographische Einordnung

3.1 Dialektgeographische Verortung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Einteilungskarte des Westmitteldeutschen (Paul 2007: 7)

Luxemburgisch ist seit 1984, wie eingehend erwähnt, als Nationalsprache von Luxemburg anerkannt und neben Französisch und Deutsch als Amtssprache verankert. Grundsätzlich wird das Luxemburgische in der germanistischen Dialektologie dem Westmitteldeutschen, oder noch spezifischer, dem Westmoselfränkischen zugeordnet. Wie in der obigen Abbildung ersichtlich, befindet sich Luxemburg zwischen der Dorp-Dorf -Isoglosse im Norden und der dat/das -Isoglosse im Süden und ist in den Rheinischen Fächer eingelagert. In diesem Zusammenhang ist zu erwähnen, dass sich dieser Dialekt über vier Staaten erstreckt und somit eine Dachsprache bildet (vgl. Gilles 2019: 1039). Gilles weist außerdem eindrücklich darauf hin, „dass das Gebiet des heutigen Luxemburg keineswegs als homogenes Westmoselfränkisch anzusehen ist“ (Gilles 2019: 187) und infolgedessen „heute kein gemeinsames, grenzüberschreitendes Dialektkontinuum mehr angenommen werden kann.“ (Gilles 2019: 1043)

3.2 Morphologische und phonologische Charakteristika im Lëtzebuergeschen /Moselfränkischen

Allgemein zählt das Moselfränkische zu jenen Idiomen, bei denen die zweite Lautverschiebung nur teilweise durchgeführt wurde. Ein weiteres, signifikantes Merkmal ist, dass das p nach den Konsonanten r und l zum Frikativ f verschoben wurde. Das t wurde im Auslaut jedoch nicht verschoben, was am Beispiel dat für standarddeutsch das ersichtlich wird (Lenz 2006: 102). Lëtzebuergesch wurde in der Dialektologie traditionell nicht gesondert als eigene Sprache behandelt, sondern als Dialekt, der dem Moselfränkischen zuzuordnen ist und hat sich infolgedessen „aus dem Gefüge der eigentlichen deutschen Mundarten emanzipiert.“ (vgl. Gilles 2019: 1043). Die im Folgenden erläuterten dialektalen Besonderheiten oder Merkmale sind dementsprechend nicht nur dem Moselfränkischen zuzuordnen, sondern stellen primär Merkmale des (standardisierten) Lëtzebuergeschen dar. Worin sich Lëtzebuergesch, die jüngste westgermanische Vernakularsprache, auf sprachstrukturelle Ebene divergent zu anderen deutschen Dialekten verhält, schildert Gilles (2019) aufgrund der nahezu vollständigen Grammatikalisierungen:

ginn „geben“-Passiv, hatt-si -Differenzierung für weibliche Personen, 2. Ps. Pl. als Höflichkeitsform (Dir, Iech), flektierender Komplementierer (wann s de ‘wenn du’), Ausbau des Allomorphs -en zur generellen Pluralmarkierung bei Verzicht auf -s -Plural, Ausbau des -s- Fugenallomorphs, Ausbau der Kompositionsfreudigkeit mit integrierten oder ad hoc entlehnten französischen Bestandteilen etc. (Gilles 2019: 1043)

Nach einigen allgemeingültigen Charakteristika des Lëtzebuergeschen wird im Folgenden auf ausgewählte, morphologische und phonologische Besonderheiten Bezug genommen.

3.2.1 n -Tilgung (Eifler Regel)

Eine Besonderheit des Luxemburgischen ist die sogenannte n-Tilgung, bei der das n im Wortauslaut nur in bestimmten Fällen ausgesprochen wird. Vor den Konsonanten h, d, t und ts wird das n sehr wohl ausgesprochen. Gilles (2006) veranschaulicht das gesprochene n im Wortauslaut am folgenden Beispiel: en trauregen Trouscht (ein trauriger Trost), aber e_ bloe_ Méindeg maachen (einen blauen Montag machen). Dieses Phänomen der n -Tilgung tritt auch innerhalb eines Kompositums, wie beispielsweise Asse_minister (Außenminister), auf (Gilles 2006: 30). Diese sprachliche Besonderheit wird in der Literatur auch oft als Eifler Regel benannt, da diese ihren Ursprung an der Eifel hat und sich mittlerweile über den gesamten moselfränkischen Dialektraum ausgebreitet hat und folglich auch im Lëtzebuergeschen präsent ist. In den meisten moselfränkischen Gebieten ist die n -Tilgungen jedoch etwas rückläufig, wogegen sie im Lëtzebuergeschen verankert ist bzw. obligatorisch erhalten bleibt (Gilles 2006: 34).

3.2.2 Schwa-Elision

Speziell im gesprochenen Lëtzebuergesch findet oft eine Tilgung oder eine Ellision der schwa-Vokale in jenen Wörtern statt, bei denen eine unbetonte auf eine betonte Silbe folgt. So wird aus „ d’Duechtere bastelen ‚die Töchter basteln‘, d’Duecht_re bast_len.“ (vgl. Conrad 2017: 21)

3.2.3 Einkasussystem im Singular und Plural

Zu erwähnen sind das höchst ökonomische Einkasussystem im Singular und Plural, das durch den Zusammenfall von Akkusativ und Nominativ und Ersatz der synthetischen Genitivformen durch den possessiven Dativ (dem Asterix säi Jong) und die präpositionalen von -Konstruktionen (d’Mauer vun eisem Gaarts) entsteht (Filatkina 2005: 21).

3.2.4 Pluralbildung

Dem kompletten Abbau der Kasusmarkierung steht ein massiver Ausbau der Pluralmarkierung mit elf Prinzipien des Pluralausdrucks (vgl. vier im Neuhochdeutsch) und mehreren (über 40) möglichen Vokalalternanzen gegenüber. Der Vokalwechsel, der im Neuhochdeutschen nur bei Zweisilblern möglich ist, tritt im Luxemburgischen auch bei Einsilblern auf (vgl. FlossFless, ’Fluss – Flüsse‘, NummNimm ’Name – Namen‘), ist bis heute produktiv und erstreckt sich unbegrenzt auf Lehnwörter (vgl. TirangTiräng ’Schublade – Schubladen‘) (Filatkina 2005: 21).

3.2.5 Wechselflexion im Verbsystem

Komplexitätszunahme ist außerdem bei der präsentischen Wechselflexion im luxemburgischen Verbsystem zu verfolgen, von der im Unterschied zum Neuhochdeutschen auch die 2. Und 3. Person Singular der schwachen und athematischen Verben (vgl. ech bezuel-en – du bez i l-s/er bez i l-t ’ich bezahle – du bezahlst/er bezahlt‘) betroffen ist. Die Wechselflexion manifestiert sich in 24 verschiedenen weniger vorhersehbaren, oft singulären Vokalalternanzen (vgl. maximal 7 im Neuhochdeutschen), darunter nur zwei frequentierte: e à i und a à ä und auch im Konsonantenwechsel (ech schrei w en – du schrei f s/ er schrei f t; echt lan d endu lan t s/ er lan t; echt sch ë dd en – du schë tt s/ er schë tt s; ech behaa pt en – du behaa p s/ er behaa p t; ech fléien – du fli tt s/ er fli tt) (Filatkina 2005: 21f.).

3.2.6 Präteritalvokal ou

Der Um- und Ausbau der Wechselflexion kontrastiert stark mit der gegenläufigen Nivellierung der Präteritalablaute zu nur einem einzigen, uniformen Präteritalvokal ou (gouf ’gab‘, koum ‚’kam‘, loug ’lag‘, souz ’saß‘, houl ’hielt‘ usw.), trotz des starken Präteritumschwunds und der Verbreitung der periphrastischen Vergangenheitsformen in den etwa 20 frequentesten Verben noch auffindbar ist (Filatkina 2005: 22).

3.2.7 Das Verb geben

Eine weitere Besonderheit des Lëtzebuergeschen bzw. des Moselfränkischen, ist die Ersetzung des Verbs werden durch das Verb geben (vgl. Lenz 2007: 53). Vor allem in den lëtzebuergeschen oder anderen deutschsprachigen Varietäten geht die Funktion von geben bei weitem über die eines dreiwertigen Vollverbs hinaus, wie im Folgenden anhand einer Vielzahl von geben -Varianten nach Lenz (2007) ersichtlich ist:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Sowohl im Lëtzebuergeschen als auch in der deutschen Standardsprache und in den meisten regionalsprachlichen Varietäten des Deutschen übernimmt geben die Funktion eines Existenzverbs und tritt in der Regel in der 3. Person Singular in Verbindung mit dem expletiven Pronomen es auf, also in der Kombination es gibt (vgl. Lenz 2007: 55f.).

Während also dem Verb geben als Funktionsverb, perfektives (präfigiertes) Verb und Existenzverb standardsprachlicher Status zugeschrieben werden kann, sind die Varianten zur Kopula (Er gibt alt) oder zum Passivauxiliar (Er gibt geschlagen) auf regionalsprachliche Varietäten beschränkt. Geben als Konjuktivauxiliar (Er gäbe schwimmen) stellt schließlich eine Besonderheit des Lëtzebuergeschen dar, welche in anderen deutschen Varietäten kaum zu finden ist (vgl. Lenz 2007: 53).

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Phonologische und Morphologische Besonderheiten im lëtzebuergeschen und (süd)burgenländischen Sprachraum
Hochschule
Universität Wien
Note
1
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V1014196
ISBN (eBook)
9783346407818
ISBN (Buch)
9783346407825
Sprache
Deutsch
Schlagworte
phonologische, besonderheiten, sprachraum
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, Phonologische und Morphologische Besonderheiten im lëtzebuergeschen und (süd)burgenländischen Sprachraum, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014196

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