Der Schamanismus der Inuit. Spiritualität und Mythos einer Naturreligion


Hausarbeit, 2017

13 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1. Thema und Fragestellung

2. Schamanismus

3. Die Inuit

4. Schamanismus der Inuit
4.1 Initiation
4.2 Hilfsgeister
4.3 Utensilien des Schamanen

5. Mystisches Handeln
5.1 Seelenreisen
5.2 Heilungen

6. Schluss

7. Literaturverzeichnis

1. Thema und Fragestellung

Esoterische Bewegungen und mystisch Interessierte sind fasziniert von schamanistischen Praktiken. Entsprechend gewinnen solche Konzepte heute wieder vermehrt an Aufmerksamkeit. Die Wurzeln des Schamanismus sind aber andere. In dieser Arbeit soll der Schamanismus der Inuit, der eng verbunden ist mit dem Ursprung des Schamanismus, bearbeitet werden. Dabei soll ein möglichst allgemeiner, aber umfassender Blick auf den Inuit-Schamanismus zusammen getragen werden. Es wird erläutert, welche Rolle der Schamane in die Gemeinschaft übernimmt, welche Bedeutung er für diese hat, und was seine Aufgaben sind. Ferner wird der Frage nachgegangen, was den Schamanen ausmacht und wie sich sein Schaffen zusammensetzt. Durch allgemeine Angaben zur Inuitkultur und ihren religiösen Vorstellungen, wird das Gesamtbild greifbar gemacht. Zunächst soll allgemein auf den Schamanismus, sowie die Inuit eingegangen, anschließend umfassender der Geisterbeschwörer der Inuit analysiert werden.

Der Schamanismus der Inuit und ihre Kultur waren kaum Gegenstand der jüngsten Forschung, entsprechend wird in dieser Arbeit ältere Literatur herangezogen. Die meisten Autoren beziehen sich auf Aufzeichnungen, Forschungsberichte und Interviews von frühen Reisenden, Siedlern und Forschern, die tatsächlichen Kontakt zu den Inuitvölkern hatten, oft werden dabei von den Autoren die gleichen Quellen genutzt. Problematisch ist dabei, dass die Quellenlage nicht für alle Inuitvölker auf gleichem Niveau ist, teilweise besteht sie nur aus Einzelstücken, teilweise fehlen Quellen gänzlich. Grundsätzlich lässt sich aber auf eine ausreichende Menge an Quellen und entsprechender Literatur zurückgreifen, um ein ungefähres Gesamtbild erschließen zu können.

2. Schamanismus

Das Wort Schamane stammt wohl vom Wort „xaman“ des sibirischen Volkes der Tungusen ab, und bezeichnete ihren Geisterbeschwörer. In ihm steckt das Verb „scha“ – wissen, somit ist ein Schamane ist also ein „Wissender“. Der Begriff fand in der Forschung zunächst allgemein Verwendung im Bezug auf Jäger- und Hirtenvölkern Nordasiens,1 bezieht sich heute aber auch auf ähnliche Erscheinungen in andere Kulturen. Manche Forscher vermuten das Auftreten schamanenartiger Persönlichkeiten schon im Paläolithikum. In diesen frühen Jagd- und Sammelkulturen war der Animismus vermutlich ein wesentlicher Bestandteil religiöser Vorstellungen. Dieser beschreibt die Vorstellung, dass viele bis alle Elemente der Natur, von Pflanze bis Tier über eine Seele verfügen. Dabei galt es diese Mächte und Geister der Natur zu achten und zu wahren und keines Falls zu erzürnen.2 Das daraus hervorgegangene Regel- und Konsequenzprinzip, welches sich in vielen ähnlichen Kulturen findet, wird heute allgemein als „Mana-Tabu-Prinzip“ bezeichnet. Offensichtlich ist, dass sich im Zuge einer solchen Vorstellung Persönlichkeiten hervortaten, die über die Gabe und das Wissen verfügten, dafür zu sorgen, diese Ordnung zu wahren und im Ernstfall wieder herzustellen. Ein entscheidendes Charakteristikum des Schamanen war also der Umgang mit und sogar teilweise das Beherrschen dieser Naturmächte und Geister. Möglich wurde dieser Kontakt durch die Ekstase, einem weiteren kennzeichnenden Element des Schamanismus. In einem durch Konsum halluzinogener Pflanzen oder Pilze, Meditation, Fasten oder Tanz erzeugten Rauschzustand, löste sich die Seele vom Körper und war so in der Lage, die Geisterwelt zu durchwandern und mit Geistern Kontakt aufzunehmen und zu kommunizieren. Eine weitere, den Schamanismus konstituierende Eigenschaft ist seine Motivation, das Handeln im Auftrag einer Gemeinschaft, anstatt den bloßen eigenen Interessen, wobei davon auszugehen ist, dass der Wunsch das Amt zu erfüllen, sicherlich im Interesse des Schamanen war, der gewisse Achtung und Kompensation erfuhr. Doch gab es gewiss auch Fälle des Missbrauchs der Mächte und Autorität.3

3. Die Inuit

Als Inuit gelten die indigenen Völker Grönlands, Nordkanadas, Alaskas und Sibiriens.4 In den beiden großen Sprachgruppen „Inupik“ und „Yupik“ ist „Inuit“ beziehungsweise „Yuik“ die Selbstbezeichnung des Volkes und bedeutet in beiden Fällen schlicht „Mensch“.5 Es wird angenommen, dass die Vorfahren der Inuit sibirische Mongolen waren, die vor 15.000 oder 12.000 Jahren in die Arktis und nach Nordamerika kamen. Ab 2.000 v. C. etwa lassen sich dann Kulturen feststellen, die in ihren Lebensarten denen der Inuit glichen.6 Die Inuit sind an sich keine einheitliche Volksgruppe. Die Bedingungen ihres Lebensraumes zwangen sie, sich in viele kleine Familiengruppen und Zusammenschlüsse zerstreut, über die gesamte Größe des bewohnbaren Gebietes zu verteilen, um überleben zu können. Entsprechend viele differenzierbare Kulturen haben sich so entwickelt. Nichtsdestotrotz beschränken sich die Unterschiede zwischen den verschiedenen Gruppen häufig auf Details, sodass sie im Wesentlichen als ein Volk bezeichnet werden können.7 Die Inuit lebten nicht in organisierten Klans oder Sippen, sondern in Familien- und Freundesgruppen, welche sich immer wieder neu formierten. Im Winter fanden sie sich in größeren Gruppen zusammen und brachen dann im Sommer in den kleineren Zusammenschlüssen auf. Die Männer brachten den Großteil ihrer Zeit mit der Jagd zu, während die Frauen Kinder hüteten, Nahrung zubereiteten und Rohstoffe verwerteten. Eine wahre Hierarchie oder Führung kannten die Inuit nicht. Man respektierte sich, war verwandt oder befreundet.8 Einzig der Schamane konnte eine gewisse Machtposition innehaben. Doch basiert auch diese eher auf Achtung, als auf wahrgenommener Autorität. Er war weniger religiöser Führer als vielmehr Ratgeber und Helfer.

Spätestens mit den vermehrten Kontakten zur westlichen Zivilisation im 20. Jahrhundert begann die Inuitkultur, wie sie hier beschrieben ist, allmählich zu verschwinden. Kulturelle Einflüsse waren zu stark und die sowieso geringe Bevölkerungszahl wurde von eingeschleppten Krankheiten drastisch reduziert.9

4. Schamanismus der Inuit

Versucht man die Namen zu übersetzen, welche die Inuit in ihren Sprachen den Schamanen geben, bedeuten diese etwa „Mann mit Geist“, „großer, weiser Mann“ oder im übertragenen Sinn etwa „Familienoberhaupt“.10 Bezeichnungen also, die auf ein entscheidendes Charakteristikum und die Achtung, die dem Schamanen in der Inuitkultur entgegengebracht wurde, hinweisen. Da der Schamane in vielerlei Hinsicht Hilfe bot, ist dies keine Überraschung. Für die Inuit war das Leben bestimmt von übernatürlichen Kräften, sie mussten sich den Mächten fügen und ihren Gesetzen folgen. Sie kannten himmlische und unterweltliche Reiche, waren aber auch ständig in ihrer Welt von Geistern umgeben. Krankheit und Unglücke wurden meist als Tat erzürnter Geister angesehen. Verärgert wurden die Geister durch Brechen der Tabus, was es absolut zu vermeiden galt. Den Gesetzen des Glaubens zu folgen, war oberstes Gebot für die Inuit, so soll ein Schamane gesagt haben: „Wir glauben nicht, wir fürchten.“11 Worte, die diese Annahme eindrucksvoll deutlich machen. Um Heilung zu erlangen oder weiteres Unglück abzuwehren, galt es diese Kräfte wieder zu beruhigen. An dieser Stelle war der Schamane gefragt, und hatte als Mittler zwischen der Geister- und der Menschenwelt zu agieren.12

Die Inuit sprachen ihren Schamanen vielseitige Talente zu, so verfügten diese über hellseherische Fähigkeiten, konnten heilen und sogar Tote wiedererwecken, konnten unverwundbar sein gegen magische wie körperliche Angriffe, schlimmste Verletzungen regenerieren, Geister beschwören und mit diesen kommunizieren, sich verwandeln und in andere Welten reisen.13 Diese Aufzählung ließe sich noch erweitern, zusammenfassend lässt sich feststellen, dass die Inuit ihren Geisterbeschwörern nahezu jede nur erdenkliche übernatürliche Fähigkeit zugestehen. Allerdings konnten auch andere Inuit magische Fähigkeiten besitzen, ohne gleich als Schamane zu gelten. Entscheidend ist, dass der Schamane seine Fähigkeiten in den Dienst der Gemeinschaft stellt und als höchste Autorität in religiösen Fragen gilt. Des Weiteren hat er Initiation und Lehre zu bewältigen.14

4.1 Initiation

Der Schamane musste über umfangreiches Wissen und Fertigkeiten, sowohl auf naturkundlicher wie spiritueller Ebene, verfügen um sein Handwerk ausführen zu können. Vermittelt wurde ihm dies durch einen Schamanen, der ihn als Novizen ausbildete. Die Position des Geisterbeschwörers war sehr vorteilhaft für seinen Träger, entsprechend war es nicht ungewöhnlich zu versuchen, seinen Nachwuchs auf dieses Amt vorzubereiten, in der Hoffnung dieser könne einmal das Amt innehaben. Je nach Kultur gab es verschiedene Versuche, dies zu bewerkstelligen. Man gab den Kindern magisch beladene Amulette, führte Rituale mit ihnen durch – wie die Kupfer-Inuit, die das Kind durch seine Nachgeburt sehen ließen, in der Hoffnung so hellseherische Fähigkeiten zu wecken – oder ließ sie im direkten Umfeld von Schamanen aufwachsen. Prinzipiell wurden die Fähigkeiten nicht vererbt, aber Schamanen wählten oft unter Familienmitgliedern ihre Novizen, sodass die Fähigkeiten oft an den Nachwuchs weiter gegeben wurden, vor allem dann, wenn sie entsprechende Eignungen zeigten. Als solche sah man das Auftreten von Träumen und Visionen, oder gewisse Verbindungen zum Tod, wie der Tod der Mutter bei der Geburt, oder nach mehreren Totgeburten als gesundes Kind geboren zu werden. Auch überstandene Krankheiten und Unfälle konnten als Art Berufung zum Schamanismus gesehen werden. In ihnen verstand man den Kontakt mit Geistern, die einem erst übelgesonnen waren, aber doch von einem abließen. Häufig wurden diese dann zu den Hilfsgeistern des Schamanen.15 Grundsätzlich gab es allerding keine klaren Regeln, wer Schamane werden konnte oder zu welchem Zeitpunkt die Ausbildung idealerweise begann. Auch das Geschlecht spielte keine Rolle. Am häufigsten wurde die Ausbildung von der Kindheit an begonnen, dabei konnte auch schon vor der Geburt die Laufbahn bestimmt werden. Ebenso konnte die Ausbildung erst im Erwachsenenalter beginnen.16

Initiation und Lehre unterscheiden sich zwischen den einzelnen Gruppen teilweise sehr. Es konnte einen oder mehrere Lehrer geben, die Ausbildung konnte ein paar Tage bis zu mehreren Jahren dauern, oft fand diese abseits der Dörfer statt. Teilweise musste die Initiation aber auch geheim gehalten werden. Wurde der Novize in dieser Zeit schwer krank, waren die Geister über ihn erzürnt und die Initiation gescheitert. Durch ein Eingeständnis seiner Ausbildung vor der Öffentlichkeit, konnte er sich retten. Neben diesen Verhaltensweisen musste kultische Reinheit herrschen. Der Lehrer des Novizen reinigt zuvor dessen Körper und Geist mittels seiner Hilfsgeister, von allem was unrein ist. Der Novize muss Tabu-Brüche beichten und erhält etliche neue Tabus auferlegt. Abhängig von der kulturellen Zugehörigkeit Essensgebote wahren, durfte nicht Jagen, nicht Nähen oder nur geräuschlos arbeiten. Hierunter fällt auch das bereits erwähnte Verschweigen seines Noviziats. Zum Abschluss der Initiation verbrachten einige der Jung-Schamanen weitere Zeit in der Abgeschiedenheit. Fastend und meditierend sollte Kontakt zu den persönlichen Hilfsgeistern aufgenommen und Kontrolle über diese erlangt werden. Die Initiation endete mit der Bekanntmachung des neuen Schamanen bei der Gemeinschaft. Erst ihre Anerkennung und Akzeptanz macht ihn zum wahren Schamanen und diese muss erst durch Proben seines Könnens bewiesen werden. Darüber hinaus hat er seine Kenntnisse weiter zu erweitern und muss weitere Erfahrungen sammeln und unter Umständen neue Hilfsgeister finden.17

4.2 Hilfsgeister

Ein in vielen Kulturen der Inuit gebräuchlicher Begriff für die Hilfsgeister, aber auch das „Geistervolk“ im Allgemeinen lautet „tornak“. Hilfsgeister konnte nahezu jeder Geist werden, die mystischen Völker – Berg-, Strand-, Erdgeister, oder ähnliches, groteske Varianten von Menschen, Monsterwesen, Tiergeister, aber auch die Seelen Verstorbener, von Naturphänomenen oder sogar die noch lebender Menschen und Tiere. Nach der Vorstellung der Inuit lebten die Geister ständig in der Welt um die Menschen herum. Die meisten Schamanen nannten mehrere Hilfsgeister ihr Eigen. Mit Hilfe dieser Geister bewältigten sie ihre mystischen und alltäglichen Aufgaben. Dabei waren die Geister nicht direkt an eine Funktion gebunden, sondern verfügten über entsprechende Eignungen um beispielsweise eher bei der Jagd, Heilungen oder beratend eingesetzt zu werden.18

Die Beziehung eines Schamanen zu seinen Geistern war keine klassische Meister-Diener Beziehung. Ein Geist schloss sich dem Menschen aus freien Stücke an und blieb auch weiterhin frei. Der Schamane musste eine gewisse Macht ausüben, um den Geist kontrollieren zu können, der Geist musste aber auch kontrolliert werden wollen. Vergleichbar mit einer Freundschaft, konnte sich das Verhältnis der beiden wandeln. Verlor der Schamane an Macht, verlor er alle Geister, für die er zu schwach wurde. Brach er Tabus und verärgerte einen Geist, konnte dieser sich auch gegen ihn wenden. Auch anhaltende Trauer war ein Grund für eine Abkehr der Geister. Allerdings konnte sich ein solcher negativer Zustand auch wieder bessern, und die Geister zurückkehren oder sich mit dem Schamanen versöhnen.19

[...]


1 Vgl. Hoppál, Mihály: Schamanen und Schamanismus. Augsburg 1994. S. 13.

2 Vgl. Hoppàl: Schamanen und Schamanismus. S. 13.

3 Vgl. Merkur, Daniel: Becoming Half Hidden. Shamanism and Initiation Among the Inuit, Stockholm 1985. S. 11.

4 Vgl. Bandi, Hans-Georg: Urgeschichte der Eskimo. Stuttgart 1965. S. 5.

5 Vgl. Haase, Evelin: Der Schamanismus der Eskimos. Aachen 1987. S. 7.

6 Vgl. Alexander, Bryan u. Alexander, Cherry: Eskimo. Jäger des hohen Nordens, Stuttgart 1993. S. 5.

7 Vgl. Morrison, David u. Germain, Georges-Hébert: Eskimo. Geschichte, Kultur und Leben in der Arktis, München 1996. S. 12.

8 Vgl. Morrison: Eskimo. S. 30.

9 Vgl. Ebd. S. 102.

10 Vgl. Haase, Evelyn: Schamanismus der Eskimo. Augsburg 1994. S. 109 f.

11 Vgl. Morrison: Eskimo. S. 104.

12 Vgl. Haase: Schamanismus der Eskimo. S. 115 f.

13 Vgl. Ebd. S. 186.

14 Vgl. Haase: Schamanismus der Eskimo. S. 188.

15 Vgl. Ebd. S. 121.

16 Vgl. Merkur, Daniel: Becoming Half Hidden. S. 146.

17 Vgl. Haase: Schamanismus der Eskimo. S. 122 ff.

18 Vgl. Ebd. 150 ff.

19 Vgl. Haase: Schamanismus der Eskimo. S. 159.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Schamanismus der Inuit. Spiritualität und Mythos einer Naturreligion
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,0
Autor
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V1014202
ISBN (eBook)
9783346407504
ISBN (Buch)
9783346407511
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religion, Naturreligion, Inuit, Glaube, Spiritualität, Geist, Mythos, Tiergeist, Gott, Entstehung, Hilfsgeister, Seelenreisen
Arbeit zitieren
Lukas Braun (Autor), 2017, Der Schamanismus der Inuit. Spiritualität und Mythos einer Naturreligion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014202

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Der Schamanismus der Inuit. Spiritualität und Mythos einer Naturreligion



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden