Das Ziel dieser Arbeit ist es, das Klischee des Wirtshauses als Ort der Unordnung und Gewalt kritisch zu hinterfragen und ein allgemeines Bild der Gasthauskultur in der Frühen Neuzeit zu schaffen.
Dabei soll zunächst der Schauplatz des Gasthauses betrachtet und in seinen verschiedenen Formen analysiert werden, wobei seine architektonischen und rechtlichen Hintergründe untersucht werden, sowie auf die verschiedenen Funktionen des Gasthauses eingegangen werden soll. Anschließend wird die soziale Komponente, die dem Gasthaus einhergeht, umfassend betrachtet und auf die im Gasthaus verkehrenden Personen und Strukturen des gasthäuslichen Interagierens, zwischen Geschlechterrollen, Ehrempfinden und politischen Regulierungen, eingegangen wird. Die Arbeit basiert auf Sekundärliteratur und kann dabei auf eine Fülle an Werken zurückgreifen. Im Vergleich werden so die einzelnen Erkenntnisse der zugrundeliegenden Autoren geprüft, um ein umfassendes Gesamtbild zu kreieren.
In einem Schweizer Wirtshaus in Neuenegg wollten der Wirt und seine Frau im Jahr 1686 zur Sperrstunde mit den letzten Gästen abrechnen, wobei sich der Gast Hans Fastnacht dem Zahlen eine halben Maß Wein verweigerte. Mehrere betrunkene Anwesende, auch der anwesende Weibel – ein untergeordneter Amtsträger – unterstützten ihren Zechgenossen, woraufhin es zu Beleidigungen und Drohungen kam. „Um friedens willlen“ verzichtete der Wirt darauf, Fastnacht abzurechnen, doch als die Wirtin die Gruppe mahnte und einen der Betroffenen am Kragen nach draußen führte, eskalierte die Situation und die die Wirtin wurde „mit der Faust in das gsicht gschlagen, daß sie häeftig gebloutet.“ Der anwesende Weibel, der von Amtswegen für Ordnung hätte sorgen sollen, spottete nur „Er habe doch nie durstig aus dem Wirtshauß müssen als jez.“ Dieser, aus Gerichtsakten entnommene Fall, versetzt den Leser beispielhaft in ein Wirtshaus der Frühen Neuzeit und bestätigt dabei auf den ersten Blick das Klischee des Wirtshauses als Ort der Unordnung und Gewalt. [...]
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Gasthaus
2.1 Architektur
2.2 Einrichtung
2.3 Funktionen des Gasthauses
2.4 Kommunikationsraum
2.5 Rechtliche Bestimmungen der Institution
3. Das Gasthausleben
3.1 Personen
3.1.1 Der Wirt und die Wirtin
3.1.2 Die Bediensteten
3.1.3 Die Kundschaft
3.2 Das soziale Interagieren
3.2.1 Das gemeinsame Trinken
3.2.2 Sonstige Unterhaltungsformen
3.2.3 Die Geschlechterrollen
3.2.4 Das Gasthaus als Ort der Gewalt
3.3 Das Gasthaus in der öffentlichen Ordnung
4. Exkurs: Das Gasthaus in der Kunst
5. Schluss
Zielsetzung & Themen
Ziel dieser Arbeit ist es, die Klischees vom Gasthaus als reinem Ort der Unordnung und Gewalt in der Frühen Neuzeit kritisch zu hinterfragen und ein umfassendes Bild der damaligen Gasthauskultur zu zeichnen. Dabei werden die architektonischen, rechtlichen und sozialen Strukturen analysiert, um die vielfältigen Funktionen des Gasthauses in der Gesellschaft aufzuzeigen.
- Strukturelle Analyse der Gasthausarchitektur und -einrichtung
- Soziologische Untersuchung der im Gasthaus verkehrenden Personen
- Beleuchtung der vielfältigen sozialen und politischen Funktionen
- Rolle des Alkoholkonsums und der Trinkkultur als soziales Bindemittel
- Gasthaus als Ort gesellschaftlicher Ordnung, Gewalt und Kontrolle
- Reflektion der Gasthauskultur in der zeitgenössischen Kunst
Auszug aus dem Buch
3.2.1 Das Gemeinsame Trinken
In vielen der gasthäuslichen Verhaltensweisen und Rituale spielt der Konsum von Alkohol eine wichtige Rolle. Alkohol wurde im Gasthaus immer und vorwiegend dort konsumiert. Ob dabei Wein oder Bier getrunken wurde, war ohne Bedeutung, entscheidend war, dass konsumiert wurde. Die Menschen tranken also in der Wirtsstube, und im besten Falle tranken sie zusammen. Das einsame Trinken war verpönt und wurde mit asozialem Verhalten assoziiert. Häufig war also die Zugehörigkeit zu einer Gruppe von Trinkenden, oft „Gelage“ genannt, welche sich neben dem gemeinsamen Trinken auch durch gemeinsames Zahlen auszeichnete. Innerhalb dieser Gruppe fanden viele freundschaftliche und verbrüdernde Trinkrituale statt.
Ein immer wiederkehrender Akt innerhalb des gemeinsamen Trinkens war das Zutrinken oder Zuprosten, welches sich in grundlegender Form bis heute erhalten hat. Häufig begleitet von einem Trinkspruch oder einem die zu betrinkende Sache bezeichnenden Ausrufes, wandte sich jemand an gewisse oder alle anwesenden Personen und erwarte eine entsprechende Erwiderung des Trunkes durch die Trunkgenossen. Dabei konnte auf eigene Gesundheit, herrschende Personen oder fremdes Unglück getrunken werden. Diese Form des gemeinsamen Trinkens schaffte Solidarität und Zusammengehörigkeit, fand daher aber auch oft in sich bekannten Kreisen statt. Gleichzeitig stellte es aber auch die Forderung dar, mit einem zu trinken und somit eine gewisse Nötigung zum Trunk, die schnell in einen Wettbewerb ausarten konnte oder in übermäßigem Konsum ausartete.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Vorstellung des historischen Untersuchungsgegenstands anhand eines Gerichtsfalls und Hinführung zur Fragestellung der Arbeit.
2. Das Gasthaus: Untersuchung der architektonischen Formen, der rechtlichen Rahmenbedingungen sowie der vielfältigen kommerziellen und sozialen Funktionen des Gasthauses.
3. Das Gasthausleben: Analyse der Akteure (Wirte, Personal, Kundschaft), des sozialen Interagierens, der Geschlechterrollen sowie der Problematik von Gewalt und Ordnung.
4. Exkurs: Das Gasthaus in der Kunst: Betrachtung der künstlerischen Darstellung von Wirtshausszenen und deren Aussagekraft als historische Quelle.
5. Schluss: Zusammenfassende Synthese der Ergebnisse zur Rolle des Gasthauses als zentraler, multifunktionaler Raum der frühneuzeitlichen Gesellschaft.
Schlüsselwörter
Gasthauskultur, Frühe Neuzeit, Wirtshaus, Soziales Interagieren, Alkoholkonsum, Trinkrituale, Geschlechterrollen, Rechtliche Bestimmungen, Sozialdisziplinierung, Gastgewerbe, Gesellschaftliche Ordnung, Gewalt, Ehrverständnis, Gaststube, Alltagsgeschichte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Wirtshauswesen in der Frühen Neuzeit und hinterfragt das gängige Klischee vom Wirtshaus als reinem Ort der Unordnung und Gewalt.
Welche zentralen Themenfelder deckt die Untersuchung ab?
Die zentralen Felder umfassen die Architektur und Einrichtung, die rechtliche Verankerung, die soziale Struktur der Gäste, die Bedeutung von Alkohol als "soziales Schmiermittel" sowie die Konfliktpotenziale innerhalb des Gasthauses.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das primäre Ziel ist es, ein differenziertes Bild der frühneuzeitlichen Gasthauskultur zu entwerfen und deren Funktionen als multifunktionaler Ort der Kommunikation, des Handels und der sozialen Interaktion herauszuarbeiten.
Welche wissenschaftliche Methode wird primär verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer umfangreichen Auswertung von Sekundärliteratur, wobei Erkenntnisse verschiedener Autoren verglichen und durch Analysen von historischen Gerichtsprotokollen sowie zeitgenössischer Kunst untermauert werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des physischen Raums (Architektur/Einrichtung), die sozialen Rollenbilder der Akteure und das Interaktionsverhalten innerhalb der Gaststube, wobei besonders auf Trinkrituale, Geschlechterrollen und die Rolle von Gewalt eingegangen wird.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Neben dem zentralen Begriff der "Gasthauskultur" sind "Sozialdisziplinierung", "Ehrverständnis", "Öffentlichkeit" und "Multifunktionalität" für das Verständnis der Arbeit essentiell.
Wie war das Verhältnis von Wirten und Obrigkeit rechtlich geregelt?
Die Wirte unterlagen einer steten Beobachtung durch die Verwaltung, da das Gasthaus als wichtiger Steuerfaktor (Ungeld) galt. Die Lizenzvergabe war oft an Auflagen geknüpft, und das Wirtshaus musste als geordneter Betrieb geführt werden, um keine Sanktionen zu riskieren.
Inwiefern spielten Frauen eine Rolle im Wirtshausleben?
Frauen waren entgegen häufiger Annahmen maßgeblich beteiligt, etwa als Wirtinnen (insbesondere Witwen) oder Bedienstete. Dennoch waren sie als Gäste an strengere soziale Konventionen gebunden, um nicht als ehrlos oder leichtfertig zu gelten.
Warum war der "Vertragstrunk" von so großer Bedeutung?
Er fungierte als ritueller Abschluss für diverse Verträge, wie Arbeits- oder Eheverträge. Da das Gasthaus ein öffentlicher Ort war, diente der Trunk vor Zeugen zur rechtlichen und sozialen Absicherung des Übereinkommens.
- Arbeit zitieren
- Lukas Braun (Autor:in), 2018, Gasthauskultur in der Frühen Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014212