"Volksgemeinschaften" im Umfeld nationalsozialistischer Konzentrationslager. Die Stadt Weimar und das KZ Buchenwald


Hausarbeit, 2020

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. „Volksgemeinschaft“ vor Ort: Alltag der Weimarer Bevölkerung im unmittelbaren Umfeld des Konzentrationslagers Buchenwald

3. Fazit

4. Recherchebericht

5. Quellen- und Literaturverzeichnis
5.1 Quellen
5.2 Forschungsliteratur

1. Einleitung

„…denn wir lebten ja- in der Illegalität unter deutscher Besatzung im Ausland, in Deutschland selber, arbeitend in Fabriken oder gefangen in Kerkern und Lagern- in den entscheidenden Jahren mitten im deutschen Volke.“1

Mit diesen Worten widerlegt Jean Améry- einer der wenigen überlebenden Häftlinge aus den Konzentrationslagern Auschwitz, Bergen-Belsen und Buchenwald- das oft vermittelte Bild, die Massenmorde innerhalb der nationalsozialistischen Vernichtungslager seien fernab jeglicher Zivilisation und unbemerkt geschehen.2 Anhand dieser Begründung wird oftmals versucht, das Geschehene zu verdrängen und die eigene Ohnmacht in Angesicht der geschehenen Massenmorde, zu rechtfertigen. Konzentrationslager, wie das KZ Eutin oder das KZ Buchenwald, widerlegen dieses Argument allein aufgrund ihrer geografischen Lage. Während sich das KZ Eutin mitten innerhalb des Eutiner Stadtkerns befand, wies das vermutlich bekanntere Konzentrationslager Buchenwald mit einer Entfernung von rund acht Kilometern zu der nahegelegenen Stadt Weimar eine ebenfalls deutlich erkennbare geographische Nähe zu den Einwohnern auf.3 Hierbei erachte ich es als besonders interessant zu untersuchen, wie die „Volksgemeinschaften“ innerhalb der Bevölkerung aussahen, die besonders nah an derartigen Orten nationalsozialistischer Gewaltverbrechen lebten. Im Folgenden soll es daher vor allem um das zuletzt genannte KZ Buchenwald und dessen Zusammenhang mit den „Volksgemeinschaften“ innerhalb der Weimarer Bevölkerung gehen, wodurch sich die folgende Forschungsfragestellung ableiten lässt:

Wie sahen die „Volksgemeinschaften“ innerhalb der Weimarer Bevölkerung, in Anbetracht der geographischen Nähe zum KZ Buchenwald, aus?

In diesem Kontext spreche ich bewusst im Plural von „Volksgemeinschaften“, da der Begriff der „Volksgemeinschaft“ keineswegs als einheitliche Handlungsweisung, sondern vielmehr als soziale Praxis anzusehen ist, die an konkreten Orten ausgehandelt wurde und somit regionale Unterschiede aufweist.4 Anhand des von mir gewählten Beispiels erweist es sich als sinnvoll die „Volksgemeinschaft“ aus einer lokalen Perspektive zu betrachten, die sich auf den konkreten Ort Weimar bezieht, da sich „der kleine Raum nicht nur dicht an den Menschen und ihren alltäglichen Lebenswelten“ befindet, sondern darüber hinaus auch die Möglichkeit eröffnet „die Vielfalt der den historischen Prozess beeinflussenden Faktoren miteinander zu kombinieren“.5 Hierbei bestehe laut Ian Kershaw vor allem die Herausforderung den Begriff der „Volksgemeinschaft“ nicht als universellen Begriff anzusehen, der versucht gesamt-gesellschaftliche Entwicklungen generell erklären zu können.6 Vielmehr solle der Begriff „Volksgemeinschaft“, auch in dieser Forschungsarbeit, genutzt werden, um Mechanismen, durch welche Minderheiten von der Gesellschaft isoliert wurden, zu identifizieren.7 Auch der Historiker Michael Wildt mahnt, dass die „Volksgemeinschaft“ in diesem Kontext keineswegs als etwas von der Natur Gegebenes anzusehen sei, sondern vielmehr als eine Vielzahl an sozialen Praktiken im Alltag der Bevölkerung, mit denen bewusste, künstliche Grenzen zwischen der Inklusion der vermeintlichen „Volksgenossen“ und der Exklusion von Minderheiten gezogen worden waren.8 Zu Beginn dieser Forschungsarbeit soll zunächst mit der Interpretation einer Bildquelle begonnen werden, welche die soziale Verflechtung der Weimarer Bevölkerung mit den Häftlingen des Konzentrationslagers Buchenwald exemplarisch darstellt.

Im Anschluss beginnt die Analyse der eingangs formulierten Forschungsfragestellung, indem die verschiedenen Ausprägungen des „Volksgemeinschaftsbegriffes“ in der Stadt Weimar beleuchtet werden. Zusätzlich soll der Wandel des Begriffes der „Volksgemeinschaft“, der sich auch in Weimar gerade in den letzten Jahren der nationalsozialistischen Herrschaft vollzog, skizziert werden. Abschließend sollen die Forschungsergebnisse im Hinblick auf die Beantwortung der eingangs formulierten Forschungsfragestellung interpretiert und in den aktuellen Forschungsstand zum Begriff der „Volksgemeinschaft“ eingeordnet werden. Angesichts der aktuellen Ausnahmesituation wird auch ein Recherchebericht Teil dieser Forschungsarbeit sein, in welchem der Prozess der Quellenrecherche sowie die dabei aufgetretenen Probleme beschrieben werden sollen.

2. „Volksgemeinschaft“ vor Ort: Alltag der Weimarer Bevölkerung im unmittelbaren Umfeld des Konzentrationslagers Buchenwald

Es ist der Tag des 16. Aprils 1945, an dem sich Teile der Weimarer Bevölkerung in Angesicht mit den Massenmorden befinden, die zuvor acht Jahre lang in unmittelbarer Nähe geschahen. Die US- amerikanische Kriegsberichterstatterin Lee Miller hält diesen Moment auf einer schwarz-weiß-Fotographie fest, welche im Rahmen einer Fotostrecke des SPIEGELS im Jahr 2018 veröffentlicht wurde.9 Das Foto zeigt uniformierte US-Soldaten, die vor einer Menschenmenge aus Männern und Frauen verschiedenen Alters stehen. Diese sind förmlich angezogen, indem sie Mäntel, Sakkos oder Kleider tragen. Im Zentrum des Bildes steht ein Schienenwagen, auf welchem sich abgemagerte und kahlrasierte Leichen türmen. Auf Beschluss des Oberbefehlshabers der alliierten Streitkräfte Eisenhowers hin, wurden rund 1000 Einwohner der nahegelegenen Stadt Weimar ausgewählt, um mit den Geschehnissen innerhalb des KZ Buchenwaldes konfrontiert zu werden. Das Foto zeigt diese Konfrontation im Rahmen des Zwangsbesuchstages am 16. April 1945, fünf Tage nach Befreiung des Konzentrationslagers. Der Anblick der auf dem Schienenwagen liegenden Häftlingsleichen rief bei den Weimarern verschiedene Reaktionen hervor. Die anwesende Kriegsberichterstatterin Miller beobachtete ein Verhaltensspektrum, bei dem eine Vielzahl an Besuchern, auch angesichts des zunehmenden Verwesungsgeruchs, in Ohnmacht fielen, während andere ihr Bild der Ahnungslosigkeit weiter zu wahren versuchten.10 Angesichts der Massenvernichtung, die zuvor jahrelang in unmittelbarer Stadtnähe vollzogen und nun konkret sichtbar wurde, war außerdem ein allgemeines Gefühl der Fassungslosigkeit beobachtbar. Auch die Frau, die sich unten rechts im Bild an die Stirn fasst, lässt auf ein derartiges Gefühl schließen. Das von Miller dokumentierte Verhaltensspektrum der Weimarer*innen spiegelt die existierenden Haltungen und Neigungen der Bevölkerung gegenüber dem Konzentrationslager Buchenwald wider.

Mit der erstmaligen nationalsozialistischen Übernahme eines deutschen Regierungspostens galt die Thüringer Gauhauptstadt Weimar ab 1932 als eine Art Basis der voranschreitenden NS-Bewegung. Die NSDAP, um ihre Symbolfigur Hitler, erhielt rund 50% der Weimarer Stimmen.11 Vor allem innerhalb des Bildungsbürgertums der einstigen „Kulturhauptstadt Weimar“ war jenes Kulturverständnis in erster Linie völkisch-antisemitisch und nationalistisch assoziiert. Noch stärker als in anderen deutschen Städten wurde dieser der Stadt Weimar auferlegte Kulturgehalt als eine Art Überlegenheitsgedanke interpretiert. Dieser richtete sich vornehmlich gegen fremde Religionen und Nationalitäten, aber auch demokratisch-denkende Deutsche waren zum gemeinsamen Feindbild erklärt worden.12 Kurz nach Beginn der Bauarbeiten für das einstige „K.L. Ettersberg“ im Juli 1937 sträubten sich namhafte Vertreter der Weimarer Elite gegen die ursprüngliche Benennung des KZs, die zunächst nach seiner Lage, dem „Ettersberg“, erfolgte. Die angeführte Begründung, der Ettersberg stehe mit dem Leben des Dichters Goethe in Zusammenhang, sorgte schließlich für eine Umbenennung des Lagers in „Buchenwald“.13 Der angeführte Grund für die frühe Umbenennung des Konzentrationslagers macht deutlich, dass die damaligen Protestler*innen zumindest eine Idee davon gehabt haben müssen, welche Funktion dem Konzentrationslager Buchenwald zukommen sollte, da eine Konnotation mit dem Dichter Goethe scheinbar dringlichst vermieden werden sollte. Auch die Tatsache, dass sich der Widerstand vereinzelter Weimarer*innen lediglich auf die Namensgebung des nun in „Buchenwald“ umbenannten Konzentrationslagers beschränkte, verdeutlicht, dass die nationalsozialistischen Vorhaben in Weimar durchaus auf Anklang zu stoßen schienen.14 Mit zunehmendem Aufstreben nationalsozialistischer Politik verbreitete sich der Gedanke eines „organischen Volksbegriffes“, der nun auch breite Teile der Weimarer Bevölkerung erreichte.

Dieser „organische Volksbegriff“ basierte auf bestimmten rassenideologischen Idealvorstellungen der Nationalsozialisten, bei denen die Zugehörigkeit zu einer „Volksgemeinschaft“ unter anderem aufgrund bestimmter körperlicher Merkmale bestimmt werden sollte. Auch in Weimar diente dieser „organische Volksbegriff“ als Legitimation für zunehmende, vermeintlich „notwendige“ SS- und Polizeigewalt gegen „Gemeinschaftsfremde“, welche nicht selten mit medizinisch-biologischen Begriffen wie „Schädlingen“ oder „Zerstörungskeim“ in Verbindung gebracht wurden. Zusätzlich wurden diese Gewaltexzesse als positive Arbeit inszeniert, mit denen das Wohlergehen des Volkes sichergestellt werden sollte.15 Im Rahmen der Nürnberger Gesetze von 1935 wurde das von den Nationalsozialisten konstruierte Feindbild nun auch gesetzlich verankert und befeuerte die öffentliche Gewalt gegen vermeintliche „Gemeinschaftsfremde“. Auch in Weimar wurde der Begriff der „Volksgemeinschaft“ genutzt, um Gewalt gegen vermeintliche „Gemeinschaftsfremde“ zu schüren und deren aktive Ausübung nun auch von bestehenden Rechtsnormen zu lösen.16

Dass sich die damaligen Weimarer „Volksgemeinschaften“ nicht nur aus ideologisch-überzeugten „Volkskameraden“ zusammensetzten, sondern einen Großteil ihrer Mitstreiter durch Exklusionsmechanismen, wie Einschüchterung und soziale Ausgrenzung, gewannen, wird unteranderem am Beispiel des ehemaligen Forstamtsleiters des Ettersberges deutlich. Dieser war zum Zeitpunkt des Baustartes von Buchenwald mit der Verwaltung des Ettersberges betraut und wurde am 15.07.1937 mit dem Eintreffen erster Zwangsarbeiter und SS-Wachmannschaften vor vollendete Tatsachen gesetzt. Um mit dem verantwortlichen Kommandanten Karl Koch verhandeln zu dürfen, wurde ihm nahegelegt, dass er zuvor Mitglied der SS sein müsse. Dies verweigerte er, da ihm die SS mit ihren antisemitischen und nationalsozialistischen Handlungsmaximen fernlag.

[...]


1 Baumann, Immanuel; Knigge, Volkhard: „...mitten im deutschen Volke“. Buchenwald, Weimar und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft, Göttingen 2008, S.7.

2 Ebd., S.7.

3 Stokes, Lawrence: Konzentrationslager im Spiegel der Provinzpresse. Eutin 1933/34. in: Dachhauer Hefte. Heft 17 (2001), S. 60-77, hier: S.61.

4 Von Reeken, Dietmar; Thießen, Malte: „Volksgemeinschaft“ als soziale Praxis? Perspektiven und Potenziale neuer Forschungen vor Ort. In: Nationalsozialistische „Volksgemeinschaft“. Studien zur Konstruktion, gesellschaftlicher Wirkungsmacht und Erinnerung. Band 4 (2013), S. 11- 36, hier: S.16-17.

5 Ebd., S. 17, zit. nach: Schneider, Michael: Nationalsozialismus und Region, München 2000, S. 435.

6 Kershaw, Ian: „Volksgemeinschaft“. Potenzial und Grenzen eines neuen Forschungskonzepts, in: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte 59 (2011), S. 1-17. Hier: S.9.

7 Ebd., S. 15-16.

8 Wildt, Michael: „Volksgemeinschaft”. Eine Antwort auf Ian Kershaw, in: Zeithistorische Forschungen/Studies in Contemporary History 8 (2011), S. 102-109, hier: S.106-107. https://zeithistorische-forschungen.de/16126041-Wildt-1-2011, Zugriff am 19.09.2020.

9 Iken, Katja; Frank, Alexandra: Weimarer im KZ Buchenwald: „Männer wurden weiß vor Entsetzen“. Fotostrecke. in: Der SPIEGEL-Online, Rubrik „SPIEGEL Geschichte „(2018), URL: https://www.spiegel.de/geschichte/kz-buchenwald-zwangsbesichtigung-am-16-april-1945-a-1193659.html#fotostrecke-038de390-0001-0002-0000-000000158547, Zugriff am 19.09.2020.

10 Ebd.

11 Stein, Harry: Konzentrationslager Buchenwald 1937-1945. Begleitband zur ständigen historischen Ausstellung, Göttingen 1999, S. 29.

12 Baumann; Knigge: „...mitten im deutschen Volke“, S.8.

13 Knigge, Volkhard; Löffelsender, Michael: Buchenwald- Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945. Begleitband zur Dauerausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald, Göttingen 2016, S.13.

14 Baumann; Knigge: „...mitten im deutschen Volke“, S.9.

15 Stein, Harry: Eine Stadt für die SS. Die Errichtung des Konzentrationslagers Buchenwald. in: „...mitten im deutschen Volke“. Buchenwald, Weimar und die nationalsozialistische Volksgemeinschaft, Göttingen 2008, S.12-32, hier: S.21f.

16 Bajohr, Frank: Lager und Volksgemeinschaft. Die nationalsozialistischen Konzentrationslager als Spiegel und Instrument nationalsozialistischer Gesellschaftspolitik. in: Buchenwald- Ausgrenzung und Gewalt 1937 bis 1945. Begleitband zur Dauerausstellung in der Gedenkstätte Buchenwald, Göttingen 2016, S. 254- 256. hier: S.256.

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Details

Titel
"Volksgemeinschaften" im Umfeld nationalsozialistischer Konzentrationslager. Die Stadt Weimar und das KZ Buchenwald
Hochschule
Universität Bremen
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V1014502
ISBN (eBook)
9783346410115
ISBN (Buch)
9783346410122
Sprache
Deutsch
Schlagworte
volksgemeinschaften, umfeld, konzentrationslager, stadt, weimar, buchenwald
Arbeit zitieren
Fabian Severin (Autor:in), 2020, "Volksgemeinschaften" im Umfeld nationalsozialistischer Konzentrationslager. Die Stadt Weimar und das KZ Buchenwald, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014502

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