Die polnisch-russischen Beziehungen im 15. und 16. Jahrhundert


Hausarbeit, 2000

10 Seiten

Anonym


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Die polnisch-russischen Beziehungen im 15. und 16. Jahrhundert

1. Definition des Themas

Die russisch-litauschen Beziehungen im 15. Und 16. Jahrhundert sind gekennzeichnet von ständigen Konflikten. Beide Seiten, die Litauer wie die Moskauer, erhoben den Anspruch auf die Gebiete Westrußlands mit Nordrußland und der Rus.

Ziel dieser Arbeit soll es sein, Voraussetzungen für diesen Zustand zu erklären, sowie den Verlauf der Beziehungen der beiden Länder über den Zeitraum von zwei Jahrhunderten nachzuzeichnen. Den Anfang bilden die Voraussetzungen. In den ersten Teilen der Arbeit, 2. und 3. wird Bezug auf Litauen genommen. Wobei bereits unter 3.1.1 und 3.1.2 die Interaktion mit dem russischen Reich herausgearbeitet wird.

Es hat sich als nützlich erwiesen das Handeln der Moskauer Seite stark mit den Zaren Ivan den Dritten und Vassily den Dritten zu verknüpfen. Anhand von ihren grundlegenden politischen Zielen läßt sich ihre Politik gegenüber Litauen am verständlichsten erläutern. Abschließend werden unter Punkt 6. die Jahre nach dem Tod Vassilys behandelt, sowie eine Schlußfolgerung der Arbeit formuliert

2. Voraussetzungen

2.1 Entstehung und Expansion Litauens

Zum Kerngebiet Litauens gehörten Hochlitauen (Aukschatrien) zwischen mittlerer Memel bis zu Neris und Niederlitauen (Schemaiten) um die Dubiss und die untere Memel. Seit dem 12. Jahrhundert haben sich dort Burgherrschaften herausgebildet. Vorerst war noch keine staatliche Organisation dieser Territorien erkennbar. Für die Nachbarländer wurde die Entwicklung Litauens im Laufe des 12. und 13. Jahrhunderts durch eine Vielzahl von Beutezügen schmerzlich bemerkbar. Die Litauer griffen mit berittenen Gefolgschaften meist sehr schnell und überraschend an. Durch häufige Raubzüge der Litauer ins livländisches Gebiet begann man in Livland sogar mit der Kunst des Burgenbaus zum Schutz vor den heidnischen Litauern. Livland war aber nicht das einzige Ziel der Überfälle. Betroffen waren genauso Estland, Kurland, sowie altrussische Fürstentümer.

Im Laufe des 13. Jahrhunderts entstand aus den losen Verband von Territorien das litauische Königtum. Die Bündelung der militärischen Kraft trug dazu bei, daß Litauen immer weiter ins altrussische Gebiet eindrang. Diese Fürstentümer stellten eine leichte Beute dar. Sie waren tatarischen Tributzahlungen unterworfen. Die litausche Oberherrschaft wurde eher als Erleichterung wahrgenommen. Die Litauer tasteten das "Innenleben" der russischen Fürstentümer kaum an. Die Altrussen konnten über ihre Religion selbst bestimmen und ihre eigenen Fürsten wurden respektiert. Eingefordert wurden lediglich Hilfskontingente. 1316 bestieg Gedimin den litauschen Thron. Er ist der Begründer und der eigentliche Schöpfer des Großfürstentums Litauen. Seine Nachfahren setzten die Dynastie der Jagiellonen ( siehe 2.2.) fort.

Gedimin eroberte 1340 vorübergehend Smolensk und gewann die Macht über die wichtigste Verkehrsstraße Osteuropas. Es folgte die Eroberung Kiews, die Wiege der Rus. Durch geschickte Heiratspolitik wurden litausche Prinzessinnen zu Zarin an der Seite Ivans des Ersten ( Ivan der „Geldsack“) und zur polnischen Königin durch die Heirat mit Kasimir den Vierten. Nach Gedimins Tod setzte Olgerdis den Aufstieg Litauens mit der Herrscherdynastie der Jagillolen fort.1

2.2 Litauen und Polen

Ende des 14. Jahrhunderts bestieg eine junge Königin den polnischen Thron Jadwiga die Erste. Nach dem Ende der Piasten Dynastie2 war der Thronanspruch Jadwigas nicht ganz unumstritten. Zudem war Jadgiwa sehr jung. Es stand fest, daß sie schnellstmöglich verheiratet werden müsse.

1386 entschied man sich eine Verbindung mit den aufstrebenden Großfürstentum im Osten einzugehen. Beide Seiten machten in Form von Verträgen ihre Forderungen klar. Für Polen war es wichtig, daß Jagiello sich katholisch taufen läßt und das kürzlich von Litauen eroberte Grenzgebiete wieder an Polen zurückgegeben werden. Jagiello bestand seinerseits auf der Unabhängigkeit Litauens von Polen. Ab 1444 nach dem Tode des polnischen Königs Wladyslaw den Dritten entstand eine Personalunion zwischen Polen und Litauen.3 Die Personalunion hatte für beide Länder weitreichende Folgen. Die polnische Administration sowie polnische Adelsbräuche fanden in Litauen Anklang und gingen in das litausche Leben über. Polen hatte seinen Einflußbereich erheblich vergrößert somit auf sein außenpolitisches Gewicht. Eine neue Macht aus Litauern und Polen bildete seitdem einen bedeutenden Faktor in der Region zwischen Rußland und Deutschland.4

3. Das 15. Jahrhundert

3.1 Litauen unter Witold

Witold, der litausche Großfürst und Bruder des polnischen Königs Wladyslaw Jagiello5, regierte über ein Litauen, das noch tief in ihrer heidnischen Tradition steckte. Litauen trat lediglich als „kämpfende Einheit“ hervor. Das Land im ständigen Kriegszustand zwischen Rußland und dem Deutschen Orden, hatte die kulturellen und wirtschaftlichen Impulse aus dem europäischen Westen weitgehend nicht empfangen. Der Einfluß der katholischen Taufe wirkte sich vorerst nur in einem geringen Masse auf Litauen aus. Auf den ökonomischen und gesellschaftlichrechtlichem Sektor blieb Litauen weit hinter Europa zurück.6

3.1.1 Eroberung Smolensk 1404

Im Frühjahr 1404 rückten polnische und litausche Truppen aus, um auf russischem Einflußgebiet das status quo ante wiederherzustellen und Smolensk wieder litauscher Oberherrschaft zurückzugeben.

Der bisherige Statthalter7 Smolensks eilte nach Moskau um Vassily um Unterstützung zu bitten. Er traf bereits zu spät ein. Smolensk ergab sich am 26 Juni nach einer siebenmonatigen Belagerung. Die Stadt und das Hinterland wurden litausche Provinz und den Titel des Smolenschen Fürsten schaffte man ab.8

3.1.2 Vertrag von 1449

Am 31.08. 1449 wurde nach jahrzehnter Ungewißheit über den konkreten Grenzverlauf zwischen Polen -Litauen und Rußland ein Grenzvertrag unterschrieben. Russische Fürstentümer im Westen und Südwesten sollten im litauschen Herrschaftsbereich verbleiben. Vassily der Zweite und der polnische König Kasimir der Vierte bestätigten vertraglich auch den Besitzanspruch Litauens auf das Fürstentum Smolensk. Somit war das Fortschreiten der Moskauer gegen den Westen vorerst blockiert.9

4. Beziehungen Rußlands und Litauens unter Ivan den Dritten

4.1 Expansion Rußlands

Mit der Regierungszeit Ivans des Dritten kam der Wendepunkt des Moskauer Reiches. Ivan der Dritte regierte über das Moskauer Reich mehr als vierzig Jahre ( 1462-1505). Diese Zeit markiert die Abschüttelung der tatarischen Fremdbestimmung und die Öffnung gegenüber Europa. Dabei half insbesondere die Heirat Ivans mit der Nichte des letzten byzantinischen Kaisers Zoe. Der Prestigegewinn der Moskauer half dabei Kontakte ins westliche Ausland zu knüpfen.

Die größten Territorialgewinne Ivans gingen auf Kosten der vielen bisdato noch sich selbst regierenden Fürstentümer, sowie im Westen auf kosten Litauens.

Die Mittel, die Ivan zur Ausbreitung Moskaus ergriff waren oft massiv und gewaltsam. Als Tver sich anschickte auf die litausche Seite zu wechseln, schlug Ivan überraschend militärisch zu und setzte seinen Sohn als Statthalter ein. Auch die stolze Handelsmetropole Nowogrod fiel ans Moskauer Reich. Als Zeichen Moskauer Übermacht wurde die Vece- Glocke den Glocken im Moskauer Kreml angepaßt und dorthin verpflanzt. Das Fürstentum Twer nahm Kontakte zu Litauen auf, um Schutz zu erhalten. Als Moskau von der „Untreue“ erfuhr ließ es 1485 Tver zwangsangliedern ans Moskauer Reich. Nach der Eroberung Tvers waren alle Fürstentümer Nordrußlands geeinigt unter der Zarenkrone.

Zum russischen Erfolg an der Litauschen Grenze trugen die vielen Übertritte der litauschen Kleinfürsten zu Moskau bei. Bei jedem übertritt gewann Moskau, das jeweilige Territorium des Kleinfürsten als Einflußbereich. Den Fürsten blieb das Fürstentum als Erbgut (Wotschina) erhalten. Die Fürsten Wiasemskij, Odojewskij und viele andere sagten sich vom litauschen

Großfürsten zu Gunsten Rußlands ab. Der entscheidene Grund des Übertritts war ihr orthodoxer Glaube der im Gegensatz stand zur katholischen Konfession des litauschpolnischen Königsgeschlechts.

Ivan und sein Nachfolger Vassily haben das Territorium Moskaus um das sechsfache anwachsen lassen.9

4.1.1 Das Stehen an der Urga

„ Das Stehen an der Ugra“ bezeichnet das Ende der mongolischen Vorherrschaft über Moskau. Nach der Angliederung Nowogrods an Rußland sah sich Polen -Litauen sowie die Goldene Horde unter Chan Ahmed veranlast die aufstrebenden Russen bei weiteren Eroberungen aufzuhalten. Beide Heere beschlossen den Eingriff auf Moskau. Ahmed bezog mit seinem Heer Stellung an der Ugra und wartete auf seine Verbündeten, die Polen-Litauer. Ivan wollte 1480 der Vereinigung der tatarischen Truppen mit dem polnischen Herr unter Kasimir den Vierten zuvorkommen und ließ seine Truppen an dem Fluß Ugra aufmarschieren. Der tatarische Anführer Ahmed wartete vergeblich auf die polnischen Truppen und blieb auf der anderen Seite der Ugra stehen. Beide Heere verharrten in dieser Lage bis Ahmed mit seinen Reitern abzog. Seit diesem Abzug stellten die Tataren keine große Bedrohung für Moskau dar.10

4.2 Erster russisch-litauscher Krieg ( 1492-1494)

Die wechselseitige Konkurrenz um den Einfluß auf die Fürstentümer im Grenzgebiet zwischen Litauen und Moskau, blieb nicht nur im Bereich von Diplomatie, sondern wandelte sich im Laufe der 80er Jahre des 15. Jahrhunderts zu einer militärischen Konfrontationen. Moskau habe immer behauptet, daß die Aufnahme der orthodoxen Fürsten ins russische Reich nicht dem Zweck von Expansion Moskaus diene. Litauen dagegen beobachtete mit Besorgnis den Schwund von grenznahen Fürstentümern im Osten.

Die Aggressivität Rußlands steigerte sich, als nach dem Tod Kasimirs des Vierten 1492 die Personalunion Litauens mit Polen gelöst wurde. Der neue Großfürst in Litauen wurde Alexander. Den polnischen Thron bestieg Johann Albrecht. Johann Albrecht war zu einer aktiven Unterstützung Litauens nicht mehr bereit. Diese Schwächung Litauens nutzte Moskau für sich und griff Litauen an. Der Großfürst Alexander war Moskau stark unterlegen. Der Krieg endete mit einen Friedensvertrag 1994. In diesem Vertrag mußte Litauen auf dem Zaren den bedeutungsschweren Titel „ des Herrschers der ganzen Rus“ zustehen. Dieser Titel war insofern bedeutungsschwer, da die Gebiete der Rus seit Jahrhunderten den Litauen angehörten. Folglich wird der Anspruch Litauens auf die Rus unterwandert und die Rus als russisches Kernland neu definiert. Ivan beließ es aber nicht bei der Beanspruchung allein, sondern behielt die Fürstentümer an der Oka sowie das Gebiet Vjazma zwischen Moskau und Smolensk für sich.11

4.3 Russisch- litausche Konflikte bis zum Tod Ivans

Zum weiteren Inhalt des Vertrages von 1494 gehörte die Ehe von Alexander und der Tochter Ivans Elena. Alexander versuchte auf diese Weise weitere Angriffe Ivans auf Litauen zu vermeiden. Leider wurden seine Hoffnungen enttäuscht. Zur Bedingung der Heirat gehörte nämlich Alexanders Versprechen, daß Elena nach der Heirat ihren othodoxen Glauben behalten kann und bei der Ausübung der Othodoxie nicht behindert werden darf. Dieses Versprechen Alexanders sollte in den folgenden Jahren einen große Rolle spielen in den russisch-litauschen Auseinandersetzungen.

Bereits in den ersten Monaten der Ehe Elenas und Alexanders warf Moskau Alexander vor Elena nicht die nötige Freiheit des Glaubens zu gewähren. Moskau beschuldigte den litauschen Hof Elena zur einer Konversion gedrängt worden. Ivan gab zu verstehen, daß es wohl im gesamten Litauen keine Glaubensfreiheit für Orthodoxe gibt, wieso sonst würden denn die orthodoxen Fürsten den Schutz Moskaus suchen. So stellte sich der Zar nicht mehr als Aggressor sondern als Beschützer des rechten Glaubens und der Freiheit der gläubigen Orthodoxen dar.

Es folgte der Bruch des Friedensvertrages von 1494 und der Angriff Rußlands auf Litauen. Diesmal ist es Alexander gelungen weniger Land an Moskau zu verlieren als 1492-1494, trotzdem verschaffte sich Rußland ideale Ausgangsstellungen für weitere wichtige litausche Gebiete, die von Ivan beansprucht wurden, wie z. B. Smolensk. Es kam 1503 zwar zu einem Waffenstillstand aber sonst konnte man sich auf keinen Friedensvertrag einigen.12

4.4 Bündnis gegen die Jagiellonen

Ivan der Dritte schloss mit Kaiser Maximilian den Ersten einen förmlichen Vertrag über gemeinsame Politik gegen die Jagiellonen ab. Da Polen-Litauen unter den jagiellonischer Herrschaft einen wachsenden Machfaktor darstellte, wuchs auch der Kreis seiner Feinde. Zum weiteren Partner des Anti-Jagiellonen Pakts wurde der Deutsche Ritterorden Die Auswirkungen des Anti-Jagiellonen Vertrages brachten keine militärischen Folgen mit sich. Das Bündnis an sich beweist die wachsende Bedeutung Rußlands in Europa, da Moskau als gleichberechtigter politischer Bündnispartner anerkannt worden ist.

5. Beziehungen Rußlands und Litauens unter Vassily den Dritten

Vassilys Thronbesteigung war durchaus umstritten. Sein Vater Ivan hat noch zu Lebzeiten Dimitrij den Stiefbruder Vassilys zum Nachfolger gemacht. Aus nicht bekannten Gründen wurde Dimitrij kurz vor Ivans Tod noch als zukünftiger Zar abgesetzt und an seiner Stelle wurde Vassily zum Thronfolger.

1506 starb Alexander von Litauen. Der neue Zar von Rußland Vassily bemühte seine Schwester Elena, die Witwe Alexanders ihn als Kandidaten für den litauschen Thron vorzuschlagen. Es war aber schon zu spät. Der Bruder von Alexander Sigimund wurde auf Wunsch Alexanders bereits inthroniesiert.

In der Folgezeit bemühten sich beide Seiten den jeweiligen Kontrahenten durch Putschversuche zu Schwächen. Sigimund bestärkte Jurij, den Bruder Vassilys in seinem Wunsch Zar von Moskau zu werden und Vassily zu stürzten. Auf der anderen Seite unterstützte Vassily den Aufstand des Fürsten Michail Glinstij gegen Sigimund. Beide Versuche des Machtwechsels erreichten nicht ihr Ziel, sondern trugen zu einem weiteren Friedensvertrag bei. Als Grundlage des Vertrages sollte der Waffenstillstand von 1503 werden.

Auch wenn dieser Vertrag für die „Ewigkeit“ sein sollte, wurde bald klar, daß beide Seiten nachwievor Ansprüche erheben, die auf Kosten der Gegenseite gehen müssen, wenn sie sich erfüllen sollen. Alte Vorwürfe Moskaus wegen Grenzverletzungen und religiöser Intoleranz wurden laut. Als dann Gerüchte über eine Gefangennahme Elenas verbreiten wurden kam es wieder zum Krieg.

Das Kräfteverhältnis hat sich aber diesmal gewandelt. Litauen hatte die Krimtataren als Bündnisspartner gegen Moskau. Anfänglich zeigte sich Moskau siegreich. 1514 eroberten die Russen Smolensk. Litauen konnte es aus eigener Kraft nicht vermeiden. In folgenden Jahre des Krieges waren geprägt von Grenzkämpfen kleinen Umfangs. Bis der Krimtatar Muhammad Girai mit seinem Heer die russische Verteidigungslinie durchbrach seinem Siegeszug bis nach Moskau fortsetzte. Am Ende der Belagerung Moskaus haben die Moskauer „ewigen“ Tributzahlungen an die Krimtataren zugestimmt und Muhammad Girai zog ab.

Die Friedensvertragsverhandlungen mit Litauen blieben ohne Ergebnis, da die Moskauer nicht bereit waren auf Smolensk zu verzichten. In Folge von Verhandlungen vereinbarte man einen Waffenstillstandsabkommen, das bis Vassilys Tod bestand hatte.13

6. Ausblick und Schlußfolgerung

Nach dem Tod Vassilys sollte sein Sohn Ivan der neue Zar von Rußland werden. Ivan der Vierte wird in die Geschichte eingehen als der Schreckliche. Er wird in seiner Regierungszeit zu Tausende Untertanen und andere Völker brutal ermorden lassen.

Zum Zeitpunkt des Todes seines Vaters ist er aber noch zu jung um die Herrschaft zu übernehmen. Bis zum Beginn seiner Herrschaft 1538 übernahm Elena ab 1533 die Regentschaft für ihren unmündigen Sohn.

Gleich im Jahr 1533 sollte der Waffenstillstand mit Litauen wieder verlängert werden. Die Regentschaft Elenas verunsicherte den Vertragspartner Litauen. Litauen spekulierte auf eine Schwäche Rußlands und forderte von Moskau die Rückgabe Smolensk als Bedingung für den Abschluß eines Waffenstillstandes. Litauen fühlte sich durch das Bündniss mit den Krimtataren auch stark genug Moskau militärisch zu begegnen. 1534 änderte sich aber die Führung der Tataren und die Koalition gegen Moskau bestand nicht mehr. Moskau zog gegen Litauen. Ab diesen Moment konnte Litauen den russischen Eingriffen nicht mehr standhalten und die russischen Truppen stießen bis kurz vor Wilna vor. Ebenfalls auf der russischen Seite kämpften Tatarenverbände Kasimov und andere heidnische Völker. Russische Chronisten berichteten von besonders brutaler Kriegführung der Russen. Es wurde von Verwüstungen der Dörfer und Brandschätzung berichtet.

1555 schlug die Regentschaftsregierung unter Elena erneut in Litauen zu. Sigimund ist aber in der Zwischenzeit ein geschickter diplomatischer Erfolg gelungen. Ohne daß die Russen es bemerkten, hat Sigimund den neuen Herrscher der Tataren Islam auf seine Seite ziehen können. Moskau war sich währenddessen sicher auf die Freundschaft der Tataren zählen zu können. Um so überraschender war es als die Taraten an der Seite der Litauer es Feinde gegen Moskau auftauchten. Russischen Krampfverbände hatten keine Chace gegen das Bündnis der Litauer und Tataren. Besonders verheerend erwies sich die tatarische Kampftechnik den Moskauern gegenüber. Die Tataten griffen besonders schnell und überraschend an. Ihre Angriffe waren gleichzeitig Raubüberfälle und hinterließen bei den Gegnern verwüstete Erde.

Im Jahr 1556 war das Kriegsglück gegen Litauen und sie verloren Schlacht um Schlacht. Beide Seiten waren an die Grenzen ihrer Kräfte gegangen und sehnten sich nach Frieden. Wie bei allen Waffenstillstands und Friedensverhandlungen war es erneut schwer eine für beide Seiten annehmbare Lösung zu finden. Die Litauer stellten sich einen Vertrag vor, der auf der Grundlage der Verträge zwischen Vaslij und Kasimir aufgesetzt werden sollte. Demnach hätten die Russen Novogrod und Pskov abtreten müssen. Es ist unverständlich, wie Litauen trotz seiner Kriegsverluste solche hochgeschraubten Forderungen stellen konnte. Rußland seinerseits bestand auf einen Frieden ganz ohne Zugeständnisse. Trotz entgegengesetzter Vorstellungen über die Bedingungen eines Friedensvertrages, setzten sich Anfang des Jahres 1537 russische Bojaren mit litauschen Gesandten an einem Verhandlungstisch. Die Litauer betonten abermals, daß sich einen Territorialgewinn davon tragen müssen ansonsten wird es keinen Vertrag mit ihnen geben.

Erst am 16. Februar des Jahres 1537, nach wochenlangen Verhandlungen ist man zu einem Ergebnis gekommen. Litauen wurde der Landstrich Gomel zugestanden. Rußland erhielt Sebez.14 Frötschner und Osterrieder haben für die Kriege zwischen Litauen und Rußland im 16. Jahrhundert einen interessanten Gedanken verfolgt. Demnach hatten beide Länder aufgrund ihrer geisteswissenschaftlichen Entwicklungsgeschichte unterschiedliche Kriegsbilder somit andere Beweggründe für die Kriegführung.

Litauen war im 16. Jahrhundert bereits mit westeuropäischen Gedankengut vertraut. Der Humanismus, die Renaissance und die Reformation drangen via Krakau schnell auch nach Litauen durch. Wilna, die Hauptstadt Litauens, war neben Krakau und später Lwow eine Kulturzentrum für Polen-Litauen. In Polen und Westeuropa begann eine „Rationalisierung“ der Staatsführung. Insbesondere Polen als Adelsrepublik tendierte stark zu demokratischen Elementen der Regierbarkeit.

Das Moskauer Reich dagegen schien von der „Neuzeit“ Westeuropas weit entfernt. Kriegführung und allgemein Herrschaft werden religiös geprägt. Der Zar vertrat nach aussenhin nicht nur seinen Staat, sondern die gesamte religiöse Einheit der orthodoxen Kirche.

Gerade diese Einheit von Religion und Staat erinnert stark an frühmittelalterliche Herrscher des Abendlandes und unterstreicht die Ideologie Rußlands.15

Aus dieser Betrachtung heraus läßt sich viel über den litausch- russischen Konflikt im 15. und 16. erklären.

Ab dem Sieg über die Mongolen begann Moskau mit der Erweiterung seines Landes. Dabei war die Wiege der Moskauer, die Rus, bereits in litauscher Hand. Da aber der Zar seine Herrschaft als Inhaber des Titels „ Herrscher der ganzen Rus“ definierte, mußte er „seine Rus“ zurückgewinnen. Litauen war seit der Expansion Moskaus meistens in der Situation des Anwehrens der russischen Angriffe. Falls Litauen in Rußland einfiel beschränkte sich das Ziel auf die Gebietsvergrößerung. Rußland dagegen sah in der Auseindersetzung mit Litauen eine höhere Bedeutung aufgrund des Titels des Zaren.

[...]


1 Siehe Hellmann, Handbuch der Geschichte Rußlands. S. 1084-1088.

2 Die Piasten haben bis dato seit Entstehung des Staates Polen die Könige gestellt.

3 Vgl. Jasienica Pawel, Polska Jagiellonow, Warszawa 1979. S. 53f.

4 Vgl. ebda. S. 63-65.

5 Jagiello erhielt bei seiner katholischen Taufe den Vornamen Wladyslaw.

6 Vgl. Kochanowski J.K., Witold Wielki Ksieze Litewski., Lwow 1900. S.82-84.

7 Polnischer Ausdruck : kniaz .

8 Vgl. Kolankowski L., Dzieje Wielkiego Ksiestwa Litwiniskiego za Jagielonow 1377-1499, Warszawa 1930. S. 84.

9 Vgl. Platonow, Geschichte Rußlands, Leipzig 1967. S. 130-131.

10 Vgl. Hellmann, a.a.O. S. 647.

11 Vgl. Hellmann, ebda. S. 649.

12 Vgl. Hellmann, a.a.O., S. 649-650.

13 Vgl. Hellmann, a.a.O., S.650 ff.

14 Siehe. Rüss Hartmund, Die Vormundschaftsregierung der Großfürstin Elena von Moskau 1533-1538. Kiel 1969. S. 55ff.

15 Vgl. Frötschner/Osterrieder, Das Bild Krieges im Moskauer Reich und Polen-Litauen im 16. Jahrhundert, München 1995. S. 44.

10 von 10 Seiten

Details

Titel
Die polnisch-russischen Beziehungen im 15. und 16. Jahrhundert
Jahr
2000
Seiten
10
Katalognummer
V101460
ISBN (eBook)
9783638998765
Dateigröße
347 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Beziehungen, Jahrhundert
Arbeit zitieren
Anonym, 2000, Die polnisch-russischen Beziehungen im 15. und 16. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101460

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