Starke und Schwache Beziehungen bei Subunternehmen. Welche Rolle spielen Netzwerke in der Baubranche?


Seminararbeit, 2018

23 Seiten, Note: 5.0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einführung

2 Das Subunternehmen «Xheladini Eisenleger GmbH»

3 Die Stärke von schwachen Beziehungen

4 Messung der Beziehungsstärke

5 Die Rolle sozialer Beziehungen bei der Xheladini GmbH

6 Schlussfolgerungen

7 Anhang

Literaturverzeichnis

1 Einführung

Vor einiger Zeit stiess ich auf die Doktorarbeit von Marc S. Granovetter mit dem Titel «Changing Jobs: Channels of Mobility Information in a Suburban Community» aus dem Jahr 1970. Seine Studie befasste sich mit dem Arbeitsmarkt. In einer Umfrage sollten die Befrag­ten angeben, wie sie ihre Stelle gefunden hatten. Dabei gaben viele von ihnen an, die Stelle durch soziale Kontakte gefunden zu haben. Des Weiteren stellte sich heraus, dass es sich da­bei meist um schwache und nicht um starke Beziehungen handelte, was die Bedeutung der schwachen Beziehungen betonte, woraus später Granovetters renommierte Studie „The Strength of Weak Ties“ (1973) entstand.

Diese Zusammenhänge lösten in mir viele Fragen bezüglich der Rolle von Netzwerken beim Unternehmen meines Vaters, der Xheladini Eisenleger GmbH (nachfolgend „Xheladini GmbH“), aus, dessen Entwicklung ich seit ihrer Gründung mitverfolge. Es handelt sich um ein mittelgrosses Subunternehmen, welches hauptsächlich im deutschsprachigen Teil des Kantons Wallis (Oberwallis) tätig und auf das Verlegen von Armierungseisen spezialisiert ist.

Da die Xheladini GmbH im Business-to-Business(B2B)-Markt tätig ist und ihre Kunden grös­sere Bauunternehmen sind, pflegt man naturgemäss engere und persönlichere Beziehungen zu Kunden als bei Business-to-Consumer-Unternehmen, wo im Grunde jedermann ein potenziel­ler Kunde ist. Ich stelle somit die These auf, dass soziale Kontakte bei Subunternehmen eine entscheidende Rolle spielen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist, die Rolle und Bedeutung der Netzwerke der Xheladini GmbH näher zu untersuchen, um daraus schliessen zu können, ob das Unternehmen noch stärker in den Erhalt der bestehenden respektive die Erschliessung neuer Beziehungen investieren sollte. Ein wichtiger Teil der Arbeit besteht darin, schwache von starken Beziehungen zu trennen und die jeweilige Wichtigkeit näher zu beschreiben so­wie die Rolle konventioneller Werbung der Rolle von Netzwerken gegenüberzustellen.

Die Arbeit ist dabei wie folgt gegliedert: Kapitel 2 gibt eine genaue Definition von Subunter­nehmen und einige weitere Informationen zur Xheladini GmbH. In Kapitel 3 wird die Theorie von Granovetter erklärt, während wir uns in Kapitel 4 spezifisch auf die Messung der Bezie­hungsstärke fokussieren. Der Hauptteil der Arbeit folgt in Kapitel 5, wo der Kontakt der Xheladini GmbH zu all ihren Partnerfirmen näher analysiert wird. Kapitel 6 fasst die Resulta­te zusammen.

2 Das Subunternehmen «Xheladini Eisenleger GmbH»

Ein Subuntemehmen ist ein rechtlich selbständiges Unternehmen, welches im Auftrag eines Hauptunternehmens bzw. Auftraggebers Teilaufgaben erledigt. Genauere Konditionen wer­den in einem Werk- oder Dienstvertrag geregelt (Gründerlexikon 2018: Subunternehmer).

Das Subuntemehmen Xheladini Eisenleger GmbH wurde am 23. April 2012 von Herrn Djeladini Naser gegründet. Die Haupttätigkeit der Xheladini GmbH ist das Verlegen von Ar­mierungseisen. Dir Firma arbeitet lokal und fokussiert sich hauptsächlich auf das Oberwallis. Es wurde aber auch für einige Unternehmungen im Unterwallis gearbeitet. Ausserhalb des Kantons Wallis war das Unternehmen bisher nicht tätig.

Der lokale Markt, in dem die Xheladini GmbH tätig ist, präsentiert sich oligopolistisch. Im Oberwallis existieren ca. 50 Bauunternehmen, welche für das Verlegen von Armierungseisen Subuntemehmen beiziehen. Von den sechs Eisenleger-Firmen im Oberwallis ist die Xheladini GmbH mit elf Mitarbeitern das grösste Unternehmen seiner Branche.

Da die Baumaterialien vom Hauptunternehmen (Auftraggeber) bereitgestellt werden, besitzt die Firma keine Geschäftsräume oder Depots. Für den Transport der Mitarbeiter zu den ver­schiedenen Baustellen benutzt die Xheladini GmbH sechs firmeneigene Fahrzeuge. Der Jah­resumsatz der Firma liegt zwischen 1.5 und 2 Millionen CHF.

Die Xheladini GmbH zählt hohe Fachkompetenz, termingerechtes Arbeiten und Präzision zu ihren Erfolgsfaktoren. Seit der Gründung 2012 bis Oktober 2018 wurden über 20‘000 Tonnen Eisen verlegt, was das Unternehmen zur Marktführerin im Oberwallis macht.

Im Interview haben wir Herrn Djeladini gefragt, ob er, um erfolgreich zu sein, mehr in das Marketing oder in das Knüpfen sozialer Kontakte investiert hat. Seine Antwort war, dass die sozialen Kontakte ganz natürlich entstanden seien und dies für ihn keine spezifische Investiti­on gewesen sei, während er das Marketing für einen wichtigen Teil der Unternehmensent­wicklung halte. Zu den wichtigsten Werbemitteln der Xheladini GmbH zählen die Firmen­Homepage, die Baustellenschilder, die Beschriftung der Fahrzeuge sowie beschriftete Ar­beitskleider.

3 Die Stärke von schwachen Beziehungen

Marc S. Granovetter schrieb im Jahr 1970 seine Doktorarbeit über die Wichtigkeit sozialer Kontakte bei der Stellensuche (Granovetter 1970). Die Teilnehmer seiner Studie, welche ihre Stelle durch soziale Kontakte gefunden hatten, wurden unter anderem gefragt, ob ihnen ein Freund über ihre aktuelle Stelle erzählt habe, worauf die Antwort «kein Freund, ein Bekann­ter» öfter zu hören war. Diese Feststellung war für Granovetter ein Ansatzpunkt, um die Wichtigkeit bzw. die Stärke schwacher Beziehungen tiefer zu analysieren (Granovetter 1973: 1372).

Granovetter definiert die Stärke einer Beziehung als Kombination von:

1) der gemeinsamen Zeit, die zwei Leute miteinander verbringen,
2) ihrer emotionalen Intensität,
3) des gegenseitigen Vertrauens (Intimität),
4) und der gegenseitigen Dienste, welche die eine Person der anderen zu leisten bereit ist (Granovetter 1973: 1361).

In seiner Arbeit über die Stärke von schwachen Beziehungen (The Strength of Weak Ties) wollte er vor allem aufzeigen, dass Informationen eine grössere Anzahl von Menschen durch schwache statt durch starke Beziehungen erreichen (Granovetter 1973: 1366). Was die Opera­tionalisierung und die Messung der Beziehungsstärke angeht, so begnügte er sich mit der in­tuitiven Annahme, dass die Stärke einer Beziehung anhand der oben erwähnten Kriterien be­stimmt werden kann. Er schrieb dazu: «Discussion of operational measures of and weights attaching to each of the four elements is postponed to future empirical studies. It is sufficient for the present purpose if most of us can agree, on a rough intuitive basis, whether a given tie is strong, weak, or absent.» (Granovetter 1973: 1361)

Zur Vereinfachung wird vorausgesetzt, dass Beziehungen symmetrisch sind, d.h. wenn die Beziehung von A zu B als stark empfunden wird, dann ist diese von B zu A auch stark (Gra- novetter 1973: 1361). Trotz einiger Kritik bezüglich dieser Vereinfachungen und intuitiven Annahmen stiess seine Arbeit auf grosse Resonanz und wurde sogar zur häufigsten zitierten Arbeit in der Netzwerkforschung (Avenarius 2010: 99).

Um sein Modell zu erklären und die oben erwähnte Hypothese zu bestätigen, greift Granovet- ter auf zwei weitere Konzepte zurück, das Konzept der verbotenen Triade (forbidden triad) und das Konzept der «Brücke» (concept of a «bridge»).

Die verbotene Triade besagt, dass, wenn Person A eine starke Beziehung zu den Personen B und C hat, es unmöglich ist, dass B und C keine Freundschaft pflegen. Eine starke Beziehung impliziert nach Granovetter einerseits eine grosse Menge an miteinander verbrachter Zeit und andererseits eine Ähnlichkeit der beiden stark befreundeten Personen. Nehmen wir an, Person A verbringt 60% seiner Zeit mit Person B und 40% seiner Zeit mit Person C: In diesem Fall würden A, B und C 24% der Zeit miteinander verbringen. Die Annahme, dass eine starke Be­ziehung auch eine hohe Ähnlichkeit der Individuen voraussetzt, würde bedeuten, dass beide starken Beziehungen von A, nämlich zu B und C, auch ähnlich zueinander wären, was die Wahrscheinlichkeit der Freundschaft von B und C erhöhen würde. Als Beweis für die oben­erwähnten Thesen gibt Granovetter die Arbeiten von Davis (1970) und Newcomb (1961) an (Granovetter 1973: 1363-1364).

Abbildung 1: Verbotene Triade

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Granovetter 1973.

Granovetter stellt fest, dass sobald A und B eine Information teilen, sehr wahrscheinlich auch C davon erfahren wird, entweder von einem der beiden oder von beiden. Bei schwachen Be­ziehungen ist die Situation jedoch anders, weil dort diese Beschränkung (die verbotene Tria­de) nicht gilt. Das bedeutet, dass es sehr gut möglich ist, dass wenn A eine schwache Bezie­hung zu jeweils B und C hat, B und C untereinander gar keine Beziehung haben.

Wenn wir Abbildung 2 betrachten, in der die durchgezogene Linie eine starke und die gestri­chelte Linie eine schwache Beziehung darstellen, dann sieht man, dass eine Information von den Kontakten von A, wie beispielsweise von D, nur durch A zu B gelangen kann. Diese schwache Beziehung von A zu B wird als eine Brücke definiert - also als eine Linie, welche den einzigen Weg zwischen zwei Punkten darstellt (Granovetter 1973: 1364-1365).

Abbildung 2: Schwache Beziehung als Brücke (A-B)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Granovetter 1973.

Jedoch ist nicht zwingend, dass alle schwachen Beziehungen auch Brücken sind. Wenn wir Abbildung 3 näher anschauen, dann könnte es gut möglich sein, dass die Information, welche von A zu B gelangt ist, auch den Umweg über I hätte nehmen können, welcher die Informati­on von E erhalten hat. Klar ist, dass alle Brücken schwache Beziehungen sind, d.h. eine starke Beziehung kann keine Brücke sein. Um dies nochmals mittels Abbildung 2 zu erklären: Wäre die Beziehung von A zu B stark, dann würde dies unter der Annahme der verbotenen Triade bedeuten, dass B auch mit C, D und E befreundet wäre, so dass er die Information auch durch sie erhalten haben könnte (Granovetter 1973: 1364-1365).

Abbildung 3: Schwache Beziehung nicht als Brücke (A-B)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Granovetter 1973.

Zusammenfassend lässt sich ableiten, dass man durch schwache Beziehungen an Informatio­nen gelangt, an die man durch starke Beziehungen nicht gekommen wäre. Am besten lässt sich diese These durch die von Granovetter geführten Studie zur Stellensuche, welche bereits vorher erwähnt wurde, veranschaulichen.

Darin fragte er die Probanden, welche ihre Stelle über einen Bekannten gefunden hatten, wie oft sie die Person, welche ihnen die Information über die offene Stelle gegeben hatte, zu der Zeit als sie die Information erhielten, sahen. Dabei konnte zwischen folgenden Antworten gewählt werden:

A) Oft = mindestens zwei Mal pro Woche
B) Gelegentlich = mehr als einmal pro Jahr, aber weniger als zwei Mal pro Woche
C) Selten = einmal pro Jahr oder weniger

Nur 16.7% der Befragten gaben «oft» an, während 55.6% «gelegentlich» und die restlichen 27.7% «selten» angaben.

Da Granovetter zum Zeitpunkt der Studie im Jahr 1970 nicht primär die Stärke der Beziehun­gen analysieren wollte, nahm er in der Studie über die «Stärke der schwachen Beziehungen» vom Jahr 1973 die gemeinsam verbrachte Zeit als Ausgangspunkt, um intuitiv festzuhalten, dass es sich nur bei den 16.7%, welche mit «oft» antworteten, um starke Beziehungen han­deln könnte. Informationen zu einer neuen Stelle entstanden also grösstenteils aus schwachen Beziehungen. Granovetter erklärt dies damit, dass unsere schwachen Beziehungen sich eher in anderen Kreisen als wir und unsere starken Beziehungen bewegen und deshalb Zugang zu Informationen haben, die wir nicht besitzen und durch unsere starken Beziehungen auch nicht erhalten hätten (Granovetter 1973: 1371).

Eine weitere Frage, welche Granovetter in seiner Studie stellte, war, woher der jeweilige Kon­takt die Information über die neue Stelle erhalten hatte, wobei 39.1% angaben, dass der Kon­takt direkt bei ihrem künftigen Arbeitgeber angestellt war, bei 45.3% war der Kontakt ein Vermittler zwischen ihnen und ihrem künftigen Arbeitgeber, während nur bei 12.5% zwei Personen dazwischen waren und bei 3.1% mehr als zwei Personen (Granovetter 1973: 1372).

Eine weitere Studie, welche ebenfalls die These bestätigt, dass durch schwache Beziehungen eine Information an viel mehr Leute gelangt als durch starke Beziehungen, ist die von Rapo- port und Horvath aus dem Jahr 1961, «A Study of a Large Sociogram». Sie führten die Studie in einer Mittelschule in Michigan durch, wo sie alle Schüler (N=851) baten, ihre acht besten Freunde in der Reihenfolge ihrer Präferenz aufzuzählen. Dann erstellten sie eine Tabelle mit der ersten und zweiten Auswahl aller Schüler, wobei ein Name nur einmal erscheinen durfte, so dass er beim zweiten Vorkommen nicht mehr geschrieben wurde. Sie erstellten dann eine zweite Tabelle mit der dritten und vierten Auswahl, eine dritte Tabelle mit der fünften und sechsten Auswahl und eine vierte Tabelle mit der siebten und achten Auswahl. Es stellte sich heraus, dass sich die geringste Gesamtzahl der Nennungen bei der ersten Tabelle ergab, d.h. die Tabelle mit der ersten und zweiten Präferenz, und die grösste Gesamtzahl der Nennungen bei der vierten Tabelle, derjenigen mit der siebten und achten Auswahl. Dies bestätigt letzt­lich die These von Granovetter, dass durch schwache Beziehungen mehr Menschen erreicht werden können (Granovetter 1973: 1369).

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Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Starke und Schwache Beziehungen bei Subunternehmen. Welche Rolle spielen Netzwerke in der Baubranche?
Hochschule
Universität Luzern
Note
5.0
Autor
Jahr
2018
Seiten
23
Katalognummer
V1014686
ISBN (eBook)
9783346421814
ISBN (Buch)
9783346421821
Sprache
Deutsch
Schlagworte
starke, schwache, beziehungen, subunternehmen, welche, rolle, netzwerke, baubranche
Arbeit zitieren
Drilon Djeladini (Autor), 2018, Starke und Schwache Beziehungen bei Subunternehmen. Welche Rolle spielen Netzwerke in der Baubranche?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014686

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