Deutsche Erinnerungskultur und die AfD. Historisch/gesellschaftliches Verständnisses der AfD


Akademische Arbeit, 2018

73 Seiten, Note: 1,3

Falco Freithal (Autor)


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Erinnerung und Erinnerungskultur
2.1. Begriffsdefinitionen
2.2. Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis
2.3. Warum erinnern? Warum Erinnerungskultur?
2.4. Nation und Erinnerung
2.5.Das ‚Problem’ der deutschen Erinnerungskultur
2.6. Erinnern und Vergessen

3.Die AfD – Alternative für Deutschland
3.1.Geschichte der AfD
3.2.Das Selbstverständnis der AfD
3.2.1.Die Vertreter des Volkes
3.2.2.Beziehung zur Erinnerungskultur und Geschichte
3.2.3.Die politische und kulturelle Arbeit der AfD in den Landtagen

4.Deutsche Erinnerungskultur und die AfD
4.1. Geschichtliches Verständnis und historische Bezüge/Vergleiche
4.1.1. Geschichtliches Verständnis und historische Bezüge/Vergleiche - Alexander Gauland
4.1.2. Geschichtliches Verständnis und historische Bezüge/Vergleiche - Björn Höcke
4.2. Die deutsche Nation/ Der deutsche Staat und das Volk
4.2.1. Die deutsche Nation/ Der deutsche Staat und das Volk - Alexander Gauland
4.2.2. Die deutsche Nation/ Der deutsche Staat und das Volk - Björn Höcke
4.3. Die deutsche Erinnerungskultur und Symbolik und die Teilhabe
4.3.1. Die deutsche Erinnerungskultur und Symbolik und die Teilhabe - Alexander Gauland
4.3.2. Die deutsche Erinnerungskultur und Symbolik und die Teilhabe - Björn Hocke
4.4. Deutschland zwischen anderen Kulturen und Weltsichten
4.4.1. Deutschland und Europa zwischen anderen Kulturen und Weltsichten - Alexander Gauland
4.4.2. Deutschland und Europa zwischen anderen Kulturen und Weltsichten - Björn Höcke

5.Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis

1.Einleitung

"So bitter es ist, überraschend ist das Verhalten einiger Teilnehmer der AfD-Besuchergruppe nicht.“1

Diese Aussage trifft der Präsident des Zentralrats der Juden, nachdem einige Mitglieder der Alternative für Deutschland (AfD) das Gelände der Gedenkstätte des KZ Sachsenhausen besucht haben. Doch was war geschehen? Einige der Teilnehmer zogen während der Führung Existenz der Gaskammern im Zweifel. Durch Ereignisse wie diese rückt die AfD und das historische Verständnis einiger ihrer, teils sehr hochrangigen Mitglieder, in den medialen Fokus. Seit der Gründung der Partei im Jahr 2013 gab es weitere zahlreiche Beispiele, die auch in den Medien thematisiert wurden, die auf die Grundthese schließen lassen, dass die AfD eine ‚Alternative’ in allen Bereichen des Lebens und im Hinblick auf die deutsche Erinnerungskultur sein möchte. Es besteht daher die Annahme, dass sich dem geschichtskulturellen Konsens in der Bundesrepublik Deutschland entgegenstellen wollen.

Seit den frühen Tagen der Gründung vertritt die AfD politisch und kulturell einen Kurs, der versucht mit allem, was etabliert ist, zu brechen. Als Euro- und europaskeptische Partei gegründet, bildete sich schnell ein breiteres klareres Profil der AfD heraus. Mit dem ‚Problem’ der Ströme von Zuwanderern, vor allem aus dem Nahen Osten im Jahr 2015, schärfte die AfD endgültig ihr aktuelles Profil als ‚Antimigrationspartei’. Eine der Befürchtungen im Zuge dieser neuen Ausnahmesituation: Sorge um die nationale Identität Deutschlands.2 Diese Sorge um die Identität Deutschlands liegt darin begründet, dass Identität, insbesondere nationale Identität, durch Kultur und Geschichte bestimmt ist. Im Kontext dessen ist auch das Zitat zu beachten, welches im Titel dieser Arbeit enthalten ist: „Diese dämliche Bewältigungspolitik.“3 Die AfD, insbesondere Björn Höcke, will ein Umdenken im Umgang mit der deutschen Geschichte erreichen. Mit der Zuspitzung auf eine ‚Bewältigung’ zeigt sich, dass Höcke den Umgang mit der Vergangenheit, als etwas Beschwerliches sieht. Insbesondere scheint hier besonders die Auseinandersetzung mit den Geschehnissen des dritten Reiches etwas zu sein, dass gar nicht bewältigt werden muss und deshalb als ‚dämlich’ angesehen wird. Daraus schlussfolgert Höcke, dass es zu einer „Erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“4 kommen müsse. Es könnte bedeuten, dass eine Erinnerungskultur im jetzigen Zustand nicht mehr tragbar ist. Dieses Bild, dass mit einer geschichtskulturellen Tradition in Deutschland brechen will, ist nicht das einzige das Höcke zeichnet.

Warum ist das Thema der Erinnerungskultur, auch mit Blick auf die AfD, in den letzten Jahren so präsent und muss auch nun neu verhandelt werden? Zum einen ist mit den Aussagen, die AfD Politiker tätigen der Blick auf das geschichtskulturelle Verständnis gefallen. Keine andere Partei in Deutschland generiert mit ihren Aussagen ein solches Interesse, vor allem in Bezug auf die deutsche Geschichte. Zum anderen befinden wir uns zurzeit am Punkt einer Zäsur; dem Ende der „Ära der Zeitzeugen“ sowie die dem „Ende der Deutungsmacht der 68er Generation“5. Durch diesen Umbruch, kann ein Vakuum in der deutschen Geschichtskultur entstehen, bei dem es möglich ist, dies zu neu zu füllen oder die Ausrichtung eines Erinnerungskonsenses zu verändern. Die Deutungsmacht der Geschichte scheint neu ausgelotet zu werden.

Diese Arbeit „Diese dämliche Bewältigungspolitik – deutsche Erinnerungskultur und die AfD“ befasst sich mit der Einstellung der AfD zur Geschichte, insbesondere der deutschen, befassen. Am Ende der Arbeit wird ein Fazit dazu gezogen werden, ob die AfD etwas grundsätzlich Neues mit ihrer Auffassung und Aussagen fordert oder ob die Sichtweisen, vor allem der hochrangigen AfD Politiker doch in eine Tradition und die Standards einer Erinnerungskultur einzuordnen sind.

Als theoretischer Überbau der Abhandlung dient die Untersuchung des Themenfeldes der Erinnerung und der Erinnerungskultur. Es ist wichtig zu definieren, was die Begrifflichkeiten im Themenkomplex ‚Erinnerung’ beinhalten und was die Geschichtsforschung als maßgeblich für Erinnerung ansieht. Daraufhin folgend werden diese Betrachtungen auf die Aspekte des kulturellen Gedächtnisses und Unterpunkten, wie dem Problem der deutschen Erinnerungskultur erweitert. Die herangezogenen Quellen sind in diesem Fall unter anderem die Werke von Aleida Assmann, die mit ihren Überlegungen zum kulturellen Gedächtnis, in den letzten Jahren, gesellschaftliche Akzeptanz und viel Renommee erhalten hat. Um diesen ersten Teil abzurunden werden noch weitere Faktoren des Erinnerns, wie das Vergessen oder Erinnerung in Verbindung mit Nation behandelt.

Im darauffolgen Abschnitt wird die AfD genauer vorgestellt. Es folgt ein darstellender Teil der zeigen soll mit welchen Motiven die Partei gegründet wurde und sich im Laufe der Jahre verändert hat. Des Weiteren wird das Selbstverständnis der Partei, anhand von Forschungsliteratur, umrissen, was zum Hauptteil dieser Arbeit führen soll. In diesem werden Reden von zwei der führenden AfD Politiker, Alexander Gauland und Björn Höcke, im Hinblick auf deren historisches Verständnis und damit stellvertretend für die AfD, analysiert. Die für diese Arbeit herangezogenen Reden wurden mit Hilfe von verschiedenen Kriterien ausgewählt. Als erstes die Relevanz der Reden. So wird unter anderem die „Dresdener Rede“ Björn Höckes untersucht, die medial eine große Aufmerksamkeit erfahren hat. Durch die mediale Aufmerksamkeit stellt es sich als eine Herausforderung dar, eine objektive Perspektive auf das Material aufrechtzuerhalten und es ist schwierig sich nicht von Meinungen und Sichtweisen, die durch die Medien transportiert werden, beeinflussen zu lassen. Im Zuge des kommenden angesprochenen Endes der geschichtlichen Deutungsmacht wird durch Gauland und Höcke eine Deutung und Einordnung von historischen Inhalten vorgenommen, die es wichtig ist zu analysieren. Dies folgt unter verschiedenen Analysekriterien, wie einem allgemeinem Geschichtsverständnis dieser beiden Personen oder der deutschen Kultur. Weitere Ausführungen zur Herangehensweise werden zu einem späteren Zeitpunkt dieser Arbeit gemacht.

Als zweites zählt unter anderem die Verfügbarkeit, sprich auch die Qualität der Aufnahmen, mit der sie zu finden sind eine Rolle. Die Reden die zur Veranschaulichung genutzt werden, stammen aus den Jahren 2017 und 2018. Alle Reden behandeln Themen, wie Nation, Identität und Kultur und sind deshalb eine gute Quelle für die gewünschte Analyse

Als Bezugsquelle für diese Reden dient hierbei die Plattform Youtube. Zur einheitlichen Transkription der Reden wurden die Transkriptionsregeln des Werkes von Thorsten Dresing und Thorsten Pehl verwendet.6

2. Erinnerung und Erinnerungskultur

2.1. Begriffsdefinitionen

Es gibt einen Unterschied zwischen einer bzw. der Erinnerung, der bloßen Fähigkeit des Menschen sich an Vergangenes zu erinnern und der Erinnerungskultur. Ganz offensichtlich ist allein die Zusammensetzung des Wortes an sich. Der Begriff Erinnerungskultur beinhaltet den Terminus ‚Kultur’. In allen Bereichen, wie auch der Forschung, gilt es als schwierig diesen Begriff so zu definieren, dass es ein einheitliches Verständnis gibt. Der Duden definiert Kultur als: „Gesamtheit der geistigen, künstlerischen, gestaltenden Leistungen einer Gemeinschaft als Ausdruck menschlicher Höherentwicklung“7. Diese Definition zeigt, dass Kultur ein von Menschen geschaffenes Konstrukt ist. Daraus lässt sich auch schlussfolgern, dass diese form- und veränderbar ist. Für den Prozess der Form- und Veränderbarkeit sind bestimmte Faktoren nötig. Neue Ereignisse, neue Sichtweisen und ein neuer Zeitgeist, können bei der Formung eine besondere Rolle einnehmen. Sie verändern die Gesellschaft und damit auch den Rahmen, in dem eine Diskussion stattfinden kann. Die Form der Erinnerung kann also grundsätzlich aufgebrochen und neu gestaltet werden8.

Ein Beispiel für den Wandel einer Erinnerungskultur liefert die Historikerin Aleida Assmann. Durch die Ereignisse des späten 20. Jahrhunderts und dem Zusammenbruch des Ostblocks, ist laut Assmann die Form der Erinnerungskultur entstanden, die wir heute vorfinden. Mit dem Zusammenbruch der kommunistischen Sowjetunion ist ein Fortschrittsgedanke verloren gegangen, der eine Zuwendung zur Vergangenheit und einer ‚heilen Welt’ begünstigt hat.9

Betrachtet man den Kulturbegriff im historischen Kontext, so stehen hier die Formen der Überlieferung von historischen Inhalten im Fokus, verbunden damit auf welche Art und Weise diese stattfindet.10 Ein Zitat welches den Gedanken, des Drangs zum Erinnern aufgreift, ist folgendes: „Wir betrachten das Erinnern als eine Pflicht und Leistung und damit als eine wichtige soziale und kulturelle Ressource.“11 Hier wird deutlich, dass es eine innerliche moralische Verpflichtung zum Erinnern zu geben scheint. Das Erinnern innerhalb der Gesellschaft ist ein Aspekt, was eben diese als geschlossene Gruppierung definiert und durch den Begriff ‚Ressource’ ein Gut und durch die Zuschreibung ‚Leistung’ etwas, das mit Arbeit verbunden ist. Zusammenfassend ist Erinnerungskultur das Produkt, die Übereinkunft des Erinnerns einer Gesellschaft.

Die Erinnerung selbst ist hingegen subjektiver Natur sehr Subjektives. Sie ist wiederum „perspektivisch, nicht isoliert und mit den Erinnerungen anderer vernetzt.“12 Die verschiedenen Erinnerungen vieler Einzelner helfen dabei der Geschichtswissenschaft Erkenntnisse zu liefern, diese zu erweitern und eine Kultur zu formen. Dieser Prozess des Formens kann aber auch so verstanden werden, dass eine Kultur, die bereits geformt wurde, weiter greifbar und erkennbar zu machen.

Die Historikerin Juliane Reil ist beispielsweise der Ansicht, dass eine Erinnerung, in Form von Zeitzeugenaussagen, dazu beitragen sollte die Erkenntnisse der Historiker zu unterstreichen, verweist aber ebenso darauf, dass es Gefahren birgt die Untersuchung von Erinnerungen und Geschichtswissenschaft zu vermengen.13 Dazu passend ist auch folgende Aussage: „Das gegenteil ist zutreffend. Bei fachhistorikern ist, psychoanalytisch besehen, gleichwohl die nicht selten zu diagnostizierende leugnung von belang, professionelle ausbildung führe zu qualitativ höher zu veranschlagender einsicht in das „zeitgeschen“ als das zeitzeugenhafte miterleben.“14 Erinnerung und Erinnerungskultur sind also getrennt voneinander zu bewerten, beeinflussen sich jedoch.

2.2. Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis

Wie beschrieben ist die Erinnerungskultur der Ausdruck des historischen Erinnerns einer Gesellschaft, die sich im Laufe einer bestimmten Zeit herausgebildet hat und daher auf bestimmten, u.a. zeitgeistlichen Konventionen beruht. Da Erinnerungskultur immer auf einer Art Konsens der gesellschaftlichen Erinnerungen fußt, ist zu beobachten, dass es oft zu einer synonymen Verwendung der Begriffe Erinnerungskultur und kollektivem Gedächtnis kommt.15 Doch was ist nun der Unterschied zwischen diesen beiden Begriffen und dem was sich dahinter verbirgt? Erinnerungskultur definiert, wie erinnert wird, das kollektive Gedächtnis dabei eher, was erinnert wird.16 Das kollektive Gedächtnis beinhaltet somit die Information über ein historisches Ereignis. Ob diese Information wirklich einen Wahrheitsanspruch hat und triftig ist, ist laut dieser Definition nicht wichtig:

„Was als kollektives Gedächtnis bezeichnet wird, beruht nicht auf Erinnerung, sondern auf einer Verabredung: dass dies wichtig ist, dass es sich so zugetragen hat, samt den Bildern, die diese Geschichte dann in unserem Gedächtnis fixieren.“17

Diese ‚Verabredung’ unterliegt grundsätzlichen Fragen wie, z.B. was, wer oder wie zu erinnern ist.18 Aufgrund dieser Aussage erscheint es logisch, dass Erinnerung immer konstruiert werden kann, z.B. durch einen bestimmten Reiz. Diese Erinnerung kann in Form von Bildern oder Aussagen gelenkt werden. Das kollektive Gedächtnis ist somit auch immer ideologisch aufgeladen. Um eine Erinnerungskultur und kollektives Gedächtnis zu definieren, ist es notwendig die Deutungsmacht, einfach erklärt, das Recht zu definieren, was historisch als wichtig angesehen wird, innerhalb einer Gruppierung oder eines Staates inne zu haben. Das Ziel jeder politischen Führung ist es auch die Art und Weise des kollektiven Gedächtnisses und Erinnerungskultur vorzugeben, sozusagen ein Kampf um die historische ‚Wahrheit’. Daher ist es logisch, „Je stärker eine Richtung ihre Sicht von Geschichte durchsetzt, desto näher kommt sie dem Zustand der kulturellen Hegemonie.“19 Trotz dieser Ausführungen es ist wichtig, dass Erinnerung in der Regel nicht staatlich gesteuerte Geschichtspolitik oder national besetztes Narrativ ist, sondern sich aus einem Prozess heraus entwickelt20. Es ist ein Prozess, der auch nicht innerhalb kürzester Zeit abgeschlossen ist. Doch gerade zu diesem Zeitpunkt scheint der Kampf um Deutungsmacht immer wichtiger zu werden, da die, die das prägendste Ereignis des letzten Jahrhunderts, den zweiten Weltkrieg, miterlebt haben, versterben.21

Die Erinnerungskultur definiert dann mit welchem Ritus oder einer Tradition an ein Ereignis, eine historische Information, erinnert wird. Gesellschaftliche Instanzen, wie Lehrer, Priester oder andere Amtsträger gießen die Riten in Form und bewahren diese, durch ihre Tätigkeiten.22 Ergänzend dazu lässt sich sagen, dass „das, was in Museen ausgestellt, in Denkmälern verkörpert und in Schulbüchern vermittelt wird (…)“23 an weitere Generationen gegeben werden kann.

Ein treffender Vergleich ist es daher die Erinnerungskultur als „Grammatik“, und das kollektive Gedächtnis als „Semantik“24 zu bezeichnen. Grammatik kann hier als Anleitung betrachtet werden, wie Erinnern praktiziert werden sollte, Semantik als der Inhalt, Kernaspekte der Erinnerung und auch zu Teilen der Deutung. Um im literaturwissenschaftlichen Duktus zu bleiben, kann der Schluss gezogen werden, dass das kollektive Gedächtnis den Kanon25 der Erinnerung darstellt. Es gibt eine Reihe von historischen Ereignissen, die von der Gesellschaft als erinnerungswürdig angesehen werden. Eine Zusammensetzung aus beidem wäre möglich, dies kann dann als „kulturelle Erinnerung“26 bezeichnen werden. Zwischen der Erinnerungskultur und dem kollektiven Gedächtnis besteht somit, folgt man dem Argument, dass dies zu verbinden möglich sei, ein wechselseitiges Verhältnis.

Erste Ideen des kollektiven Gedächtnisses finden sich bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts bei dem Soziologen Maurice Halbwachs, der dieses als maßgeblich für das einzelne Individuum ansieht. Durch Erinnerung erlangt das Individuum eine Teilhabe an der Gesellschaft. Der Erinnerungsschatz der Gruppe ist von ihr geprägt und definiert.27 Erinnerung, und die Konstruktion dieser, ist mit diesem Hintergrund ein sozialer Prozess, da eine Erinnerung ohne den Diskurs und die Kommunikation in und mit der Gesellschaft nicht möglich ist.28

Eine weitere Unterteilung, die das (kollektive) Gedächtnis betrifft, sind die Überlegungen Jan Assmanns. Dieser unterscheidet zwischen kommunikativem und kulturellem Gedächtnis. Das kulturelle Gedächtnis ist laut Assmann „instiutionalisiert“ während das andere, wie die Bezeichnung bereits zeigt, „kommunikativ“ ist.29 Die Beschaffenheit des kulturellen Gedächtnisses ist durch folgendes charakterisiert: Durch symbolische Medien wird eine Langlebigkeit hergestellt, die über den einzelnen Menschen hinausgehen soll und somit auch Generationen überdauern soll. Das dazu gehörige Fundament ist die soziale Kommunikation, bei der sich eine Gesellschaft regelmäßig austauscht, einzelne Korrekturen vornimmt und auch die Langlebigkeit der symbolischen Medien so sicherstellt. Zuletzt wird dies dann auf der Ebene der einzelnen Individuen gestützt, die sich diese Symbole aneignen.

Kommunikatives Gedächtnis zeigt somit an, dass es sich hier um mündlich tradierte Inhalte handelt, was durch eine persönliche Komponente noch einmal verstärkt werden kann30. Als Beispiel dafür kann das Gespräch mit den Großeltern gesehen werden. Der Historiker Harald Welzer sieht es daher auch als „Kurzzeitgedächtnis der Gesellschaft“31 an.

2.3. Warum erinnern? Warum Erinnerungskultur?

Überall in unserem alltäglichen Leben kommen wir mit Zeichen und Geschichten aus der Vergangenheit, teils unbewusst, in Verbindung. Diese ständige Konfrontation mit Geschichte bildet eine historische Kultur und als Folge dessen eine Erinnerungskultur aus32. Eine Auseinandersetzung mit der Geschichte muss, um die Umwelt zu verstehen und Teilhabe an der Gesellschaft zu haben, stattfinden.

Doch wie entsteht eine spezifische Erinnerungskultur? Wirft man diese Frage in dieser Form auf, liegt der Gedanke zu Grunde, dass Erinnerungskultur nicht gegeben ist, sondern immer durch eine Gesellschaft und deren Mitglieder geformt wird. Bei dem Diskurs um eine Geschichts- und Erinnerungskultur ist es notwendig zu fragen, wie weit die Thematisierung von Erinnerung überhaupt möglich ist. Dadurch, dass dies ein zum Teil individueller Prozess ist, wird die Darstellung eines einheitlichen Bildes zur Schwierigkeit.33 Forschungen zur Geschichtskultur können nie wirklich empirisch sein, sondern immer nur die Diskurse einiger Eliten und Historiker, bezüglich dem Umgang mit der Vergangenheit thematisieren.

Dadurch kann sie, wie auch die Gesellschaft selbst, nie homogen sein34. Eine Gesellschaft muss zudem über ein bestimmtes Geschichtsbewusstsein verfügen. Laut dem Historiker Jörn Rüsen ist dieses Bewusstsein ein zentraler Begriff aller „Debatten über historisches Lernen und Lehren, seine Voraussetzungen, Grundlagen und Funktionen.“35 Trotz einer nicht zu erreichenden Homogenität gibt es Strömungen und Ereignisse, die die Geschichte eines Landes stärker beeinflussen als andere. Der Historikerstreit in den 1980er Jahren brachte u.A. den Gedanken und die Debatte voran, dass es wichtig sei, aus der Geschichte herzuleiten, was die Begriffe „Identität“ und „Wir“ ausmachen.36 Es geht also um eine Art der Deutungshoheit, mit dem Ziel bestimmte Ereignisse der Vergangenheit im Sinne seines Identitätsverständnisses zu nutzen. Neben diesem Identitätsgedanken spielen Gedanken der positiven Effekte der Geschichte eine Rolle. Die Flucht in die Geschichte, wie sie beispielsweise in den 1980er Jahren in der Bundesrepublik und dem Rest Europas stattgefunden hat, diente der Befriedigung einer nationalen Emotion und Sehnsucht nach Vergangenheit, auch im identitätsstiftenden Kontext der „Erbobsession“.37

2.4. Nation und Erinnerung

Warum benötigt eine Gesellschaft die Suche nach einer eigenen nationalen geschichtlichen Identität? Die Schaffung einer eigenen Identität sorgt dafür, dass es möglich ist sich von anderen Nationen und Kulturen abzugrenzen, ein wichtiges Kriterium des Menschen und der einzelnen Gesellschaften. Eine Nation und deren Bürger werden durch eine gemeinsame Historie definiert. Überall in Europa berufen sich Nationen auf deren, vorrangig erfolgreiche, Geschichte. Das Europa der Vergangenheit und auch noch der Gegenwart ist somit ein Europa der Nationalstaaten. Geschichte ist eine der Hauptgrundlagen einer gemeinsamen nationalen Identität38. Das dies nicht nur allein zur Identität einer Nation beiträgt zeigen die USA. Die Einwohner der vereinigten Staaten sind „Bewohner einer gemeinsamen Utopie und nicht einer gemeinsamen (…) Geschichte.“39 Die Identität der USA ist nicht also nicht vorrangig historisch-kulturell bedingt, sondern durch ein politisches System und eine bestimmte Form der Demokratie, sprich durch ihr politisches System und den dahinter verborgenen Idealen. Die USA können aber durchaus als Einzelfall gesehen werden. Allgemein lässt sich zunächst festhalten: Geschichte schafft eine Kollektividentität. Was beinhaltet diese Kollektividentität?

Eine Besonderheit der Kollektividentität ist die, dass es in diesem Zuge auch immer zu „Staatsnation“ und so unzertrennlich mit der Nation, dem Volk, gekoppelt wird.40 Wenn man versucht immer kleinteiliger, bei der Verbindung Nation, Identität und Erinnerung zu werden, zeigt sich, dass zunächst einmal nicht nur nationale Grundannahmen gibt. Unumstößliche Grundannahmen im europäischen und deutschen Geschichtsbewusstsein sind beispielsweise, die Zugehörigkeit zu einer bestimmten Klasse oder der Stellung der „weißen Rasse“.41 Alle Konstruktionen einer Identität beinhalten, insofern sie nicht ausreichend reflektiert werden, eben diese Annahmen.

Einen Unteraspekt zur Signifikanz dieser Grundannahmen nennt der Historiker Herbert Kremp. Laut diesem ist die Nation eine Art Überbau bezüglich der Identität, die aber durch eine Klassenzugehörigkeit (z.B. Arbeiterklasse) überlagert wird, die sich in bestimmten Situationen, der Identitätsbestimmung zeigt42. Alle diese Unterteilungen sind meist historisch beeinflusst.

Das oberste Ziel ist eine Form des „Wir“ zu erschaffen, das je nach der eigenen Sichtweise, beliebig groß oder klein gedacht werden kann, wie das Beispiel der Arbeiterklasse zeigt43. Verbunden ist damit die Etablierung eines eigenen Deutungshorizonts. Es gibt dann aber einige Ereignisse der Geschichte, die über einen nationalen Rahmen hinausgehen und nicht nur einem Nationalstaat Europas oder einer Klasse zuzuordnen sind und im Kontext eines „Wir“ Gedankens gesehen werden. Ein Beispiel dafür sind die beiden Weltkriege oder der Holocaust.

Deshalb sei der Holocaust der paradigmatische „lieu de memoire“ Europas und jede kulturelle Identitätskonstruktion Europas müsse von diesem Gedächtnismittelpunkt ausgehen.“44 und nationales „Wir“-Denken hinter sich lassen. Dabei wird aber, aufgrund einer moralischen Verpflichtung, nicht freiwillig an dieses Ereignis erinnert, sondern vielmehr wird versucht mit der Zeit eine Distanz zu den Geschehnissen aufzubauen, um die einzelne Nation nicht zu kontaminieren.45 Die Sichtweise auf dieses Ereignis zeigt, auch wenn es in einem europäischen Kontext eingebettet wird, dass Erinnerung in Verbindung mit Nation nicht homogen ist. So hat jedes Land sein eigenes Tempo, mit dem es seine Geschichte aufarbeitet. Dabei ist es, mit dem Beispiel des Vichy Regimes in Frankreich, erst langsam von Seiten des Auslands zu einer Aufarbeitung gekommen46

Eine weitere grundsätzliche Annahme in Bezug auf historische Identitätsbildung ist die, dass das eigene Leid sehr viel mehr Raum im Gedächtnis und der Vergangenheitsbewältigung einnimmt, als die Taten und Entwicklungen, die man selbst verursacht hat.47. Das ist das generelle Problem der einzelnen europäischen Staaten, vor allem in der historischen Auseinandersetzung mit den Ereignissen der letzten 100 Jahre. Es muss eine Differenzierung geschaffen werden zwischen den eigenen Opfern und denen die den eigenen Verbrechen zu Opfer gefallen sind.48

Diese Auseinandersetzung muss zudem noch mit dem Aspekt der notwendigen geschichtlichen Perspektivierung verbunden werden. Sowohl die ‚Gewinner’, als auch die ‚Verlierer’ der Geschichte nehmen verschiedene Sichtweisen ein. Dabei verhält es sich so, dass der ‚Verlierer’ der Geschichte, aufgrund des Leids immer viel stärker erinnert49. Mit diesen beiden verschiedenen Sichtweisen ist es kaum möglich eine einheitliche Linie zu finden, da so schnell ein moralischer Appell mitschwingt. Die historische Vermischung von Leid, Täterschaft und moralischer Perspektivierung macht eines der Hauptprobleme der deutschen Erinnerungskultur aus.

2.5.Das ‚Problem’ der deutschen Erinnerungskultur

Wie bereits beschrieben braucht eine Nation und ein Volk immer historische Anknüpfungspunkte, um eine Erinnerungskultur und eine damit verbundene Identität zu konstruieren. Im Falle Deutschlands und anderen Ländern wird heutzutage von einem generellen historischen Pluralismus ausgegangen. Es gibt nicht den einen entscheidenden Punkt in der Geschichte Deutschlands oder eines Landes, sondern immer verschiedene Akzente im Geschichtsbild gesehen werden50. Das prägende Thema der deutschen Geschichts- und Erinnerungskultur ist ohne Zweifel der Umgang mit dem Nationalsozialismus und den in dieser Zeit begangenen Verbrechen. Hinzu kommt aus heutiger Sicht betrachtet die Tatsache, dass eine Aufbereitung der deutschen Geschichte und die Folgen dessen, mit zwei verschiedenen Sichtweisen stattgefunden hat oder stattfinden musste. Es kam zu einer Bildung zweier Gedenkkulturen51. Bezüglich dieser Gedenkkulturen benötigt daher einer kurzen Erklärung.

Zum einen wurde in der BRD zunächst ein Kurs des kollektiven Verdrängens eingeschlagen, der darauf bedacht war, mit der Duldung der NS-Eliten in der Nachkriegsgesellschaft eine neue funktionsfähige Nation aufzubauen. Historisch-moralische Schuldfragen wurden ausgeblendet. Schlussendlich ist der Nationalsozialismus dann aber „normativ Internalisiert worden“52, so dass immer mehr, auch moralisch, für die Taten gehaftet wurde. In der DDR wiederum gab es von Beginn an eine klare Abgrenzung vom Faschismus und möglicherweise damit auch der Schuld. Mit dem weiteren Blick auf die Erinnerungskultur der BRD lassen sich weitere Tendenzen im Laufe der Zeit erkennen. Es kam zu einem großen Wandel in der Erinnerungskultur, vor allem durch die Kultur in den 60er Jahren, dadurch wurden nicht nur die großen Zusammenhänge der Geschichte thematisiert. Mit der Zeit sind gesellschaftliche Entwicklung und Formen des Widerstands größerer Gruppen in den Fokus gerückt53. In den 90er Jahren wurden von der CDU/CSU Gedanken geäußert, die eine Verengung des deutschen Geschichtsbilds bemerkten und forderten sich nicht nur den zwölf Jahren der NS-Zeit zuzuwenden54. Auch Veranstaltungen der FDP, bei denen sich den frühen 1950er Jahren sich an symbolisch und historisch aufgeladenen Orten versammelt wurde, zeigen einen Bezug zur Geschichte, die unabhängig vom zweiten Weltkrieg gesehen wird55. Aufgrund der Wiedervereinigung und dem Einfluss der 68er Generation entwickelten sich dann zwei erinnerungspolitische Tendenzen:

„Ethos der nationalen Selbstkritik, die die Bereitschaft zur Aufarbeitung dunkler Episoden der eigenen Geschichte und die Übernahme von Verantwortung für die Verbrechen einschließt und die Wiedereinsetzung einer nationalen Geschichtspolitik, die vom Ethos des Stolzes getragen ist.“56

Dass es zwei Tendenzen gibt ist ein Indikator dafür, dass Verantwortung als Hauptmerkmal der einen Sichtweise und Stolz der anderen Sichtweise nicht, oder nur schwer, miteinander zu verbinden sind. Der Erinnerungspolitische Konsens in Deutschland ist der der historischen Verantwortung für die Vergangenheit, insbesondere bezogen auf die NS-Zeit. Doch warum gibt es eine solche Verengung auf diese geschichtliche Epoche und warum ist der Umgang mit der Deutschen Geschichte durch diese Phase so schwierig? Eine treffende Aussage dazu und der Unvereinbarkeit von Stolz und Verantwortung ist:

„Triumph und Trauma schließen einander aus, das Eine verdrängt das andere, bringt es zum Verschwinden, lässt es vergessen- und doch verschränken sich beide Momente untrennbar im nationalen Gedächtnis der Deutschen: das triumphalistische Symbol der Wiedervereinigung in der Mitte Berlins und Auschwitz als traumatischer Tiefpunkt.“57

Die deutsche Erinnerung und Erinnerungskultur kann als Medaille mit zwei Seiten betrachtet werden, die nicht miteinander verbunden werden können und dies aus folgendem logischem Grund:

Es gibt keine Möglichkeit die Geschehnisse des Nationalsozialismus und des Holocaust in die deutsche Geschichte, deutsche Identität als ein ‚normales’ Ereignis einzubauen, da diese keine sinnstiftenden Elemente ausweisen. Sie stehen nur für eine maßlose, unerklärliche und singuläre Epoche. Diese maßlosen Vorgänge sind nicht in Einklang zu bringen mit dem Leid, welches die deutsche Gesellschaft selbst im Krieg erlebt hat. „Es gibt keine Sinnstiftung, die rückwirkend die Totalität der Verbrechen der nationalsozialistischen Deutschen einholen oder einlösen könnte.“58 Doch kann man sich nun davon abwenden, um eine gesunde historische Identität zu erzeugen? Eine Abwendung von der Aufarbeitung der Verbrechen des Nationalsozialismus, würde, so den Aussagen Reinhard Kosellecks folgend, das deutsche Grundgesetz und die deutsche Identität verachten. Artikel 1 des Grundgesetzes ist eine unmittelbare Folge der Verbrechen des Nationalsozialismus.59 Daher ist es ebenfalls eine legitime Stütze und Bestandteil der deutschen Identität. Doch stellt sich durch gerade diese Verankerung im Grundgesetz ein Dilemma dar.

Es findet eine Gleichsetzung zwischen kollektiver Erinnerung und Kollektivschuld statt. Passend dazu ist die Aussage:

„Die Täterschaft und ihre Taten müssen in die Erinnerung einbezogen und nicht nur die Opfer als solche und allein erinnert werden. Das unterscheidet uns von anderen Nationen.“60

Es ist nicht so, als dass andere Nationen sich nicht auch mit den Tätern der eigenen Vergangenheit auseinandersetzt, kommt an dieser Stelle wieder die Einzigartigkeit der deutschen Verbrechen zu tragen.

Die Begründungen, warum die Verbrechen des Nationalsozialismus immer präsent sein werden und müssen, sind vielzählig. Der Philosoph Robert Nozick, sieht es als eine Art nicht zu verdrängendes Beispiel dafür, zu was Menschen fähig sind, weshalb die Erinnerung an diese Bestandteile der Geschichte aufrecht erhalten werden müssen61. Dennoch benötigt es einiger erinnerungskultureller Regeln im Umgang mit den Ereignissen der letzten ca. 100 Jahre. Mit der bereits beschriebenen Form der Aufarbeitung der Geschichte, im Spannungsfeld zwischen Geschichtswissenschaft und Zeitzeugenaussagen auf der anderen ergeben sich einige Probleme, weshalb einmal die Deutungsmacht innerhalb des erinnerungskulturellen Diskurses umso wichtiger wird.

Durch die Generationen, so der Historiker von Borries kann es in Teilen zu einer Verharmlosung und Verfälschung der Geschichte, bzw. der NS-Zeit gekommen sein. Durch das Erzählen und das Weitergeben von Ereignissen, aus dem unmittelbaren familiären Umfeld, durch die Großeltern, z.B. die positiven Aspekte der NS-Zeit, wie ein positives Volks-und Gemeinschaftsgefühl, betonen, können falsche Schlüsse gezogen werden.62 Die emotionale und familiäre Komponente des Erzählens kann die Bewertung des Gesamtzusammenhangs verzerren. Diesem Gedanken folgend ist es eine der zentralen Fragen der nächsten 10-15 Jahre, wenn alle Zeitzeugen dieser Geschehnisse verstorben sein werden, wie sich dieser Aspekt entwickelt.

Im Zuge der Analysen von Borries’ schreibt dieser von Interviews, die mit Angehörigen von Zeitzeugen geführt wurden. Die folgende Bemerkung wird dabei von ihm herausgestellt:

„ja, also da will ich Ihnen ganz klar folgendes sagen: Alle Leute, die diese Zeit nicht bewusst erlebt haben, sind überhaupt nicht fähig, über die Zeit Hitler zu urteilen, weil ihnen einfach das Erlebnis fehlt.“63

Diese Aussage zeigt eine bedenkliche Form der Geschichtsauffassung. Schlussfolgernd aus der Logik des Satzes wird deutlich, dass die NS-Zeit nicht bewertet werden kann und somit auch die negativen Aspekte ausgeblendet werden können. Die Möglichkeit zur Deutung der Ereignisse und die Formung einer Erinnerungskultur wird in die Hände anderer, Dritter, gelegt.

Auch die AfD versucht auf diesen emotionalen Bezug zur Geschichte anzuspielen. Aussagen wie die, dass die Leistung der deutschen Soldaten in zwei Weltkriegen Respekt verdiene, passt in dieses Bild und deuten auf gewollte Herbeiführung einer erinnerungspolitischen Wende. Hier werden vor allem diejenigen angesprochen, die durch ihre Großeltern oder die Erzählungen den anderen, einen weitaus persönlicheren und emotionalen Zugang zu dem Thema haben. Die AfD wendet sich zudem gegen einen Kult, um die Opfer des Nationalsozialismus, konstruiere aber selbst permanent deutsche Opferrollen mit Blick auf den Zweiten Weltkrieg64.

Durch das bewusste Weglassen und Vergessen einer Seite der Erinnerung und der Betonung der anderen Seite entsteht ein Ungleichgewicht.

In Bezug auf, insbesondere den Holocaust, stellt sich dar, dass ein Erinnern notwendig ist, um das Unvorstellbare, ständig vor Augen zu führen und wieder deutlich zu machen. Dabei findet alles im Spannungsfeld zwischen Triumph und Trauma und dessen scheinbarer Unvereinbarkeit statt.

2.6. Erinnern und Vergessen

Das Vergessen nimmt in allen theoretischen Betrachtungen der Erinnerung immer eine wichtige Rolle und einen alternativen Zugang zur Erinnerung ein. Neben dem menschlichen Bedürfnis des Erinnerns, gehört das Vergessen ebenfalls dazu.

„Darum neigt die Gesellschaft dazu, aus ihrem Gedächtnis alles auszuschalten, was die einzelnen voneinander trennen könnte, und darum manipuliert sie ihre Erinnerung in jeder Epoche, um sie mit den veränderlichen Bedingungen ihres Gleichgewichts in Übereinstimmung zu bringen.“65

Betrachtet man diese Aussage von Halbwachs tritt hervor, dass das Vergessen die Funktion einnimmt, eine gewisse Stabilität in der Gesellschaft aufrechtzuerhalten. Alles was die Mitglieder einer Gesellschaft aufgrund eines historischen Ereignisses trennen könnte, wird durch einen Konsens „ausgeschaltet“. Der Begriff der Ausschaltung bedarf einer genaueren Betrachtung. Es hängt von der Perspektive, ob ein ‚ausschalten’ zulässt, den Aspekt der Erinnerung einzuschließen oder nicht. Generell kann bei dieser Begriffsverwendung dennoch von einer reinigenden Maßnahme sprechen.

Im Gegenzug kann davon gesprochen werden, ob nicht das Vergessen generell das eigentliche Wesen des Menschen wiedergespiegelt und deshalb auch nicht verwerflich ist. Daher könnte geschlussfolgert werden, Vergessen sei die kulturelle Eigenschaft und Erinnern sei überhaupt nur angesichts einer absoluten Ausnahmesituation wie Auschwitz zu empfehlen.66 Dass das Vergessen auch ein legitimes gesellschaftliches und politisches Ziel sein kann, zeigt sich nach mehreren Ereignissen der Geschichte. Nach dem peleponesischen Krieg beispielsweise wurde mit dem „Mnesikakein“ ein historisch kommunikatives Verbot erteilt, eine Form der Zensur, die das Gemeinwohl sicherstellen soltel.67 Auch die Nachkriegszeit nach dem zweiten Weltkrieg in der BRD war von einem „kommunikativen Schweigen“68 geprägt. Dieses war nötig, um die Funktionen des Staates aufrecht zu erhalten und ein neues System zu etablieren, indem das alte verschwiegen wurde. Erinnern ist in diesem Fall etwas Negatives, dennoch lässt sich dies kaum auf die heutige Zeit anwenden. Es ist zu hinterfragen, ob ein Vergessen überhaupt, angesichts der momentanen, langgewachsenen Erinnerungskultur, möglich ist.

[...]


1 Zit.: Josef Schuster kritisiert AfD nach KZ-Besuch, in: www.zeit.de, URL: https://www.zeit.de/politik/deutschland/2018-08/zentralrat-der-juden-josef-schuster-afd-besuch-konzentrationslager-sachsenhausen, letzter Zugriff am 14.10.18.

2 Vgl.: AfD-Bundesvorstand (2016): Programm für Deutschland. Wahlprogramm der Alternative für Deutschland für die Wahl zum Deutschen Bundestag am 24. September 2017, in: www.afd.de, URL: https://www.afd.de/wp-content/uploads/sites/111/2017/06/2017-06-01_AfD-Bundestagswahlprogramm_Onlinefassung.pdf, letzter Zugriff am: 29.09.2018, S.6.

3 Zit.: Vollständiges Transkript der Rede von Björn Höcke vom 17. Januar 2017 im Ballhaus Watzke, in: www.pastebin.com, URL: https://pastebin.com/jQujwe89, letzter Zugriff am 27.09.2018.

4 Zit.: Vollständiges Transkript der Rede von Björn Höcke vom 17. Januar 2017 im Ballhaus Watzke.

5 Zit.: Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur. Eine Intervention, C.H. Beck, München 2003, S.16.

6 Siehe dazu: Dresing, Thorsten / Pehl, Thorsten , Praxisbuch Interview, Transkription & Analyse - Anleitungen und Regelsysteme für qualitativ Forschende, dr. dresing & pehl GmbH, Marburg 2016.

7 Zit.: Art. Kultur, in: www.Duden.de, URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Kultur, letzter Zugriff am 1.11.2018.

8 Vgl. Reil, Juliane: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust, Entwurf einer historischen Gedächtnistheorie,Transcript, Bielefeld 2018, S.27.

9 Vgl.: Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, S.10-11.

10 Vgl. Reil, Juliane: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust, S.12.

11 Zit.: Assmann, Aleida. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur, Pictus Verlag, Wien 2012, S.22.

12 Zit.: Assmann, Aleida. Der lange Schatten der Vergangenheit. Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. 2. Auflage, Verlag C.H. Beck, München 2014, S.24.

13 Vgl.: Reil, Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust S.12-13.

14 Zit.: Schmid, Georg, Die geschichtsfalle, Über bilder, einbildungen und geschichtsbilder, Böhlau Verlag, Weimar/Wien, 2000, S. 55.

15 Diese Feststellung findet sich u.a. bei: Reichel, Peter: Politik mit Erinnerung. Gedächtnisorte im Streit um die nationalsozialistische Vergangenheit, München 1995, S.18.

16 Vgl.: Reil, Juliane: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust, S.25.

17 Zit.: Sontag, Susan: Das Leiden anderer betrachten Hanser, München 2003, S.85-86.

18 Vgl.: Koselleck, Reinhart, Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses. In: Knigge, Volkhard/ Frei, Norbert (Hrsg.), Verbrechen erinnern. Die Auseinandersetzung mit Holocaust und Völkermord, Verlag C.H. Beck, Bonn 2005, S.21-33.

19 Zit.: Winkler, Heinrich- August (hrsg.): Griff nach der Deutungsmacht, Zur Geschichte der Geschichtspolitik in Deutschland, Wallstein, Göttingen 2004, S.7.

20 Vgl.: Nikolic, Jelena „Erinnerungskultur entsteht aus dem Kampf um die historische Wahrheit“, URL: https://www.boell.de/de/2017/04/13/erinnerungskultur-entsteht-aus-dem-kampf-um-die-historische-wahrheit, letzter Zugriff am 16.10.18.

21 Vgl.: Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, S.12.

22 Vgl.: Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis, Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, Verlag C.H. Beck, München 2013, S.12.

23 Zit.: Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, S.17.

24 Zit.: Reil, Juliane, Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust S.25.

25 “Liste mustergültiger Autoren, Werke“- Zit.: Art. Kanon, in: www.Duden.de, URL: https://www.duden.de/rechtschreibung/Kanon_Lied_Leitfaden_Norm, letzter Zugriff am 1.11.2018. Wichtig ist hier bei der Aspekt des mustergültigen.

26 Zit.: Reil, Juliane: Erinnern und Gedenken im Umgang mit dem Holocaust, S.25.

27 Vgl.: Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Beziehungen, Frankfurt a.M. 1995 (1925), S.71.

28 Vgl.: Ebd., S.368.

29 Vgl.: Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis, S.53.

30 Vgl.: Ebd., S.50

31 Zit.: Welzer, Harald: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, 2. Aufl. München 2008, S.14.

32 Vgl.: Van Vree, Frank: Auschwitz and the Origins of Contemporary Hisorical Culture, Memories of World War II in a European Perspective, in: Pók Attila/ Rüsen, Jörn /Scherrer Jutta (hrsg.), European History: Challenge for a Common future, Fuldaer Verlagsangentur, Hamburg 2002, S.202.

33 Vgl.: Von Borries, Bodo: Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein, Empirische Erkundungen zu Erwerb und Gebrauch von Historie, Ernst Klett Verlag, Stuttgart 1988, S.10

34 Vgl.: Van Vree, Auschwitz and the Origins of Contemporary Hisorical Culture, S.202.

35 Zit.: Rüsen, Jörn (Hrsg.), Geschichtsbewusstsein. Psychologische Grundlagen, Entwicklungskonzepte, empirische Befunde, Böhlau Verlag, Köln/Weimar/Wien, 2001, S.1.

36 Vgl.: Von Borries, Bodo: Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein, S.8.

37 Zit.: Wolfrum, Edgar: Geschichte als Waffe: vom Kaiserreich bis zur Wiedervereinigung, Vandenhoeck, Göttingen 2001, S.128.

38 Vgl.: Assmann, Aleida. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur, Pictus Verlag, Wien 2012, S.19

39 Zit.: ebd., S.19.

40 Vgl.: Von Borries, Bodo: Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein, S.9.

41 Zit.: Von Borries, Bodo: Geschichtslernen und Geschichtsbeusstsein S.9.

42 Vgl.: Kremp, Herbert: Wir brauchen unsere Geschichte, Nachdenken über Deutschland, Verlag Ullstein, Frankfurt am Main 1988, S.203.

43 Vgl.: Assmann, Aleida. Der lange Schatten der Vergangenheit, S.23.

44 Zit.: Assmann, Aleida. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur, S.32.

45 Vgl.: ebd., S.35.

46 Vgl.: Van Vree, Frank Auschwitz and the Origins of Contemporary Historical Culture, S.211.

47 Vgl.: Assmann, Aleida. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur, S.53.

48 Vgl.: Assmann, Aleida: Das neue Unbehagen an der Erinnerungskultur, S.11.

49 Vgl.: Assmann, Aleida: Der lange Schatten der Vergangenheit, S.65.

50 Vgl.: Von Borries, Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein, S.9.

51 Diese Sichtweise findet sich unter anderem in dem Werk: Winkler, Heinrich- August (hrsg.): Griff nach der Deutungsmacht.

52 Zit.: Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik und deutsche Frage. Der 17. Juni im nationalen Gedächtnis der Bundesrepublik (1953-89), in:Geschichte und Gesellschaft24. Jahrg., H. 3, Geschichtsbilder und Geschichtspolitik (Jul. - Sep., 1998), S. 384.

53 Vgl: Van Vree, Frank Auschwitz and the Origins of Contemporary Historical Culture, S. 209-210.

54 Vgl.: Tagungsbericht: Geschichtspolitik und neuer Nationalismus im gegenwärtigen Europa, 10.10.2017 – 11.10.2017 Berlin, in: www.hsozkult.de, 25.11.2017, <www.hsozkult.de/conferencereport/id/tagungsberichte-7411>, letzter Zugriff am: 01.10.2018.

55 Siehe dazu: Wolfrum, Edgar: Geschichtspolitik und deutsche Frage, S. 396.

56 ZIt.: Assmann, Aleida. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur, S.52.

57 Zit.: Assmann, Aleida. Der lange Schatten der Vergangenheit, München 2014, S.14.

58 Zit.: Koselleck, Reinhart, Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses, S.23.

59 Vgl.: Koselleck, Reinhart, Formen und Traditionen des negativen Gedächtnisses, S, 25.

60 Zit.: ebd., S.27.

61 Vgl.: Nozick, Robert: The Examined Life. New York 1989, S.237-238.

62 Vgl.: Von Borries, Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein, S.52.

63 Zit.: Von Borries, Geschichtslernen und Geschichtsbewusstsein, S.53.

64 Vgl.: Tagungsbericht: Geschichtspolitik und neuer Nationalismus im gegenwärtigen Europa.

65 Zit.: Halbwachs, Maurice: Das Gedächtnis und seine sozialen Beziehungen, S.382.

66 Vgl.: Assmann, Aleida. Auf dem Weg zu einer europäischen Gedächtniskultur, S. 22-23.

67 Vgl.: ebd. S. 24.

68 Zit.: ebd., S. 25.

Ende der Leseprobe aus 73 Seiten

Details

Titel
Deutsche Erinnerungskultur und die AfD. Historisch/gesellschaftliches Verständnisses der AfD
Hochschule
Universität Kassel
Note
1,3
Autor
Jahr
2018
Seiten
73
Katalognummer
V1014843
ISBN (eBook)
9783346414755
Sprache
Deutsch
Schlagworte
AfD, Geschichte, Erinnerung, geschichtskultur, kultur, nationalsozialismus, geschichtsrevision, Höcke, Gauland, Alternative, Erinnerungskultur, erinnern, Konsens, Gesellschaft, Holocaust, Gedenken, 2. Weltkrieg
Arbeit zitieren
Falco Freithal (Autor), 2018, Deutsche Erinnerungskultur und die AfD. Historisch/gesellschaftliches Verständnisses der AfD, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1014843

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