Die Berichterstattung des Hamburger Abendblatts zum Thema BSE unter modernisierungstheoretischen Aspekten


Facharbeit (Schule), 2001
20 Seiten

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INHALTSVERZEICHNIS

Vorwort

1. Übersicht über die erschienenen Artikel

2. Die Berichterstattung der Zeitung und der Eindruck, der dem Leser vermittelt wird.
2.1 BSE: Neuer Verdacht in
2.2 Die Ministerrücktritte von Funke und Fischer oder: Die „Inkarnation des Landwirts“ gibt sich geschlagen, Ministerin Fischer „ertrinkt im Haifischbecken Gesundheit“
2.2.1 Funke und der Ökolandbau
2.2.2 Die Ziele von Frau Fischer und Herrn Funkef
2.2.3 Hedda von Wedel
2.2.4 Der 09.01.2001 - Der Startschuss für eine neue politische Richtung
2.2.5 Schröders Reaktion auf den Rücktritt
2.3 Die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft Künast oder die „Allzweckwaffe“
2.3.1 Die Ziele von Frau Künast
2.4 Der Rinder- Holocaust
2.5 Die Unsicherheit des Verbrauchers „Iss was Grobes, dann sieht man was drin ist?!?“
2.5.1 Der Code - Wie kann ein Verbraucher ein Produkt als Öko-Produkt identifizieren?
2.5.2 Das Essverhalten der Verbraucher
2.6 „Garantiert rindfleischfrei“
2.6.1 Senatorin Roth in der Zwickmühle
2.6.2 Die „Wurstpolizei“
2.6.3 Das Problem, ‚Ross und Reiter’ zu nennen
2.6.4 Die Liste der Produkte
2.7 Der bayrische Versuch in Anlehnung an das Schweizer Modell
2.7.1 Die Kohortenkeulung
2.7.2 Bayerns Kohortenregelung
2.7.3 Der Unterschied zur Schweiz
2.8 Die Revolution der Landwirte
2.9 „Wir brauchen mehr Wissen um das Problem BSE aus der Welt zu schaffen“
2.9.1 Der Mensch und die Seuchen
2.9.2 Bald ein neuer BSE-Test?

3. Die Berichterstattung zum Thema BSE unter modernisierungstheoretischen Aspekten

4. Schlusswort

Artikelüberschrift

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Vorwort

In dieser Facharbeit wird die Berichterstattung des Hamburger Abendblatts zum Thema BSE im Zeitraum vom 06.01. bis zum 09.02.2001 dargestellt. Außerdem soll ermittelt werden, ob bei diesem Thema implizite oder explizite Vorstellungen von Modernisierung genannt werden und worin sie bestehen.

Die Gesellschaft muss sich klar machen, dass es bei den meisten Themen unmöglich ist, ohne Berichterstattung und Informationen durch die Massenmedien auszukommen. Sie können in der Regel weder direkten Kontakt zu Politikern, noch zu Forschern und Experten aufnehmen und sich nur durch den Filter ‚Medien‘ informieren. Viele Menschen sind besorgt, dass BSE ihre Gesundheit gefährden könnte. Deshalb ist es wichtig, dass die Berichterstattung zu diesem Thema möglichst seriös und umfangreich ist, ohne beim Leser Panik hervorzurufen und ohne objektive Aspekte auszulassen.

An diesem Punkt beginnt die Untersuchung zum Thema BSE. Wie schafft es eine Zeitung, einem Leser, der vielleicht schon durch eigene Bedenken verunsichert ist, alle Punkte eines Themas zu vermitteln, ohne seine Unsicherheit weiter zu forcieren?

In Betracht gezogen wurden alle Artikel, die das Thema BSE in irgendeiner Weise behandeln. Hierzu gehören sowohl die Artikel, die die politischen Aspekte beleuchten, als auch Artikel, die die Situation der Verbraucher, der Rindfleischerzeuger und der rindfleischverarbeitenden Betriebe wiederspiegeln.

1. Übersicht über die erschienenen Artikel

Im Hamburger Abendblatt sind im Zeitraum vom 06.01. bis zum 09.02.2001 insgesamt 86 Artikel erschie nen, die das Thema BSE behandeln. Diese Artikel waren in verschiedenen Teilen der Zeitung zu finden, zum größeren Anteil im politischen Bereich, aber auch im Feuilleton, im Teil Forschung und im Teil Reportage. In den meisten Artikeln wird der Verfasser nicht direkt genannt, sondern es wird einfach HA (= Hamburger Abendblatt) angegeben. Zum Teil verfassten Nachrichtenagenturen die Artikel, zum anderen gibt es aber auch namentlich genannte Autoren. Besonders sind hier Erika Krüger und Stefan Tangermann, Professor für Agrarökonomie an der Universität Göttingen zu nennen, weil sie einerseits besonders oft, andererseits sehr ausführlich berichtende Artikel verfasst haben.

2. Die Berichterstattung der Zeitung und der Eindruck, der dem Leser vermittelt wird

Die Krankheit BSE wurde Mitte November zur Krise, als zum ersten Mal ein Rind positiv auf BSE getestet wurde. Mit diesem Fall wurde plötzlich widerlegt, dass Deutschland BSE- frei sei. Man verfuhr mit den betroffenen Höfen zunächst nach einem für Deutschland einheitlichem Verfahren. Alle Rinder des Hofes, auf dem ein Tier erkrankt war, wurden getötet. Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Forscher noch der Meinung, dass die Krankheit durch das Tiermehl übertragen wurde, dass sich im Kraftfutter für die Rinder befand. Mittlerweile geht man aber davon aus, dass die Krankheit durch das Blutmehl, das nicht so stark erhitzt wird wie Tiermehl, und im Milchaustauschfutter für Kälber enthalten ist, verbreitet wurde. Als meine Auseinandersetzung mit diesem Thema begann, war BSE eines der Hauptthemen in der Zeitung. Aber ca. ab dem 17.01.2001 begann die Zahl der Artikel langsam abzusinken. Dies ist meiner Meinung nach auf die Ministerrücktritte am 09.01.2001 und die hiermit verbundene Kabinettsumbildung zurückzuführen. Besonders nach dem Rücktritt des Landwirtschafts-ministers wurde über die Wandlung in der Landwirtschafts- und Verbraucherpolitik sehr stark berichtet und über Reformvorschläge nachgedacht.

F ü r die weitere Gliederung dieser Facharbeit sollen nun die wichtigsten Artikel, die im festgesetzten Zeitraum erschienen sind, in einzelne Bereiche geordnet werden. Hierf ü r werden einerseits besonders ‚ typische ’ , andererseits aber auch erw ä hnenswerte Artikel verwendet, die die Berichterstattung m ö glichst objektiv und deutlich darstellen.

2.1 BSE:, Neuer Verdacht in

Seit im November die erste Kuh in Deutschland positiv auf BSE getestet wurde, häufen sich diese Meldungen in den Zeitungen. Nicht anders beim Hamburger Abendblatt. Fast jeden Tag begegnen dem Leser Überschriften von Artikeln wie: „BSE: Neuer Verdacht bei zwei Milchkühen“1. Sie berichten, wo ein Rind positiv getestet wurde, wo sich eine zweite Probe bestätigte und geben Aufschluss über die Häufigkeit der BSE-Fälle in den einzelnen Bundesländern. Das Hamburger Abendblatt berichtet hier sehr nüchtern, es erinnert an Berichte, vergleichbar mit Presseagenturen. Besondere Aufklärung über Hintergründe erfährt der Leser in diesen Artikeln nicht.

2.2 Die Ministerrücktritte von Funke und Fischer oder: Die „Inkarnation des Landwirts“gibt sich geschlagen, Ministerin Fischer „ertrinkt im Haifischbecken Gesundheit“

2 3 In der Chronologie der Artikel ist als nächstes der doppelte Ministerrücktritt ein wichtiges Ereignis. Am 06.01. erfuhr der Leser des Hamburger Abendblatts über den derzeitigen Stand der BSE-Krise und die Maßnahmen, die die Politik ergreifen wollte, um die Krise zu mildern:

2.2.1 Funke und der Ökolandbau:

Drei Tage vor seinem Rücktritt wird vom Landwirtschaftsminister Karl-Heinz Funke berichtet, dass dieser zwar den Ökolandbau fördern wolle, aber keine genauen Angaben zu Zielen und Zahlen gemacht habe. Jedoch wandte er sich gegen eine radikale Wende in der Agrarpolitik.

2.2.2 Die Ziele von Frau Fischer und Herrn Funke:

Im übrigen sollte mit Andrea Fischer gemeinsam eine Positivliste der zu benutzenden Futtermittel erstellt werden und der Verbraucher-schutz gestärkt werden. Fischer kündigte außerdem an, dass BSE auch schon an 24 Monate alten Rindern getestet werden und Risikomaterial von Kälbern unter zwölf Monaten vollständig aus der Nahrungskette verbannt werden solle.

2.2.3 Hedda von Wedel:

Hedda von Wedel ist die neue BSE-Beauftragte der Bundesregierung. Sie wurde von der Regierung eingesetzt, die derzeitige Situation zu überprüfen. Zunächst äußerte sie, dass sie nur „Politikberatung“4 übernommen habe und „keine Vollzugsgewalt“5. Sie betonte weiter, dass sie „völlig unabhängig und niemandem verantwortlich“6 sei. Die Ministerien, so erfährt der Leser, sollen eventuell neu organisiert werden. Dies bedeutet, dass neu überdacht werden soll, ob die Bezeichnung Ministerium für Land- und Forstwirtschaft umbenannt wird, damit schon im Namen erkennbar wird, dass dieses Ministerium auch den Verbraucherschutz einschließt. (Diese Änderung trat sofort nach dem Rücktritt Funkes in Kraft, seit dem heißt das Ministerium Ministerium für Verbraucherschutz und Landwirtschaft.)

2.2.4 Der 09.01.2001 - Der Startschuss für eine neue politische Richtung

Am 09.01.2001 erscheint im Hamburger Abendblatt eine scharfe Kritik an der derzeitigen Regierung und wie als würde es heraufbeschworen, kündigten am Abend die Minister für Landwirtschaft Karl-Heinz Funke und für Gesundheit Andrea Fischer ihren Rücktritt an. „Bundesland-wirtschaftsminister Karl-Heinz Funke versinkt immer tiefer im Schlamassel der BSE-Krise. Seine für Gesundheit zuständige grüne Kabinettskollegin Andrea Fischer leistet ihm Gesellschaft, ist wegen des hanebüchenen Krisenmanagements im Kampf gegen die Rinderseuche nicht minder ramponiert als Schröders sozialdemokratischer Chefagrarier7.“ Gegen Ende des Artikels wird der Autor noch deutlicher: „Deshalb glauben auch nur wenige, dass er ohne Umstellungen in seiner Mannschaft Kurs auf die Bundestagswahl 2002 nimmt. Die Wahr-scheinlichkeit ist groß, dass im Laufe dieses Jahres im rot-grünen Kabinett das eine oder andere neue Gesicht auftauchen wird.“8 Dass es noch am selben Tag Ministerrücktritte geben würde und der Autor mit seiner Vermutung so nahe bei der Realität liegt, wer hätte das gedacht.

2.2.5Schröders Reaktion auf den Rücktritt:

Am nächsten Tag folgt auf den Rücktritt eine Kampfansage Schröders. In der Zeitung wird er so zitiert: „Die Bauernverbände müssten mit einer Schmälerung ihres Einflusses auf die Politik rechnen. Er vermute, dass es deshalb zu politischen Konflikten komme.“9 Diese Karikatur nennt sich

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

passend: „Tanz auf allen Hochzeiten“10 Sie drückt aus, dass der Bundeskanzler auch in der BSE-Krise versucht, den starken Mann darzustellen. Dass es ihm hier nicht zugetraut wird, sich um alles zu kümmern, liegt auf der Hand. Der Karikaturist schont Schröder hier nicht. Man merkt, dass die Zeitung Schröder in diesem Punkt sehr kritisch gegenübersteht. Der Karikaturist scheint zu meinen, dass Schröder eine stark für die Medien inszenierte Politik betreibt. Er weiß zwar, dass BSE für Deutschland und die Bürger eine sehr wichtige Rolle spielt, hat aber keine guten Lösungsvorschläge und Wege, für die Betroffenen, vom Erzeuger zum Verbraucher. Stattdessen versucht er die Schuld an der Krise auf die Bauern abzuwälzen, anstatt bei sich selbst anzufangen. Dadurch, dass er Renate Künast als neue Ministerin eingesetzt hat, glaubt er ein Zeichen gesetzt zu haben, und das Problem als „Der Retter“ gemeistert zu haben.

2.3 Die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft Künast oder die „Allzweckwaffe“

11 Die neue Ministerin für Verbraucherschutz und Landwirtschaft Künast wird in den meisten Artikeln sehr positiv eingeschätzt. Die Berichterstattung ließ häufig den Eindruck entstehen, dass sie sehr menschlich und sympathisch sei. Dies wurde vor allem durch eine Art „persönliche Vorstellung“ und eine Schilderung ihrer politischen Laufbahn in den ersten Berichten über sie erreicht. Die Zeitung berichtet, dass es besonders schwierig für die Bauern ist, Frau Künast als Ministerin zu akzeptieren. „ das hat noch nicht gereicht die Gunst der Landwirte zu erobern. Sie betrachten die neue Ministerin (...) noch mit Skepsis. Erstmals steht keiner aus ihren eigenen Reihen an der Spitze des Ministeriums, erstmals eine Frau und erstmals eine Grünen-Politikerin.“12 Hierbei bleibt offen, ob es schlimmer sein soll, dass sie eine Ministerin ist, oder dass sie eine Gr ü ne ist.

2.3.1 Die Ziele von Frau Künast:

Ihr Ziel ist es, die Ökopolitik zu stärken und den „Verbraucherschutz großzuschreiben“13. Hierfür setzt sie zunächst einmal das durch, was Minister Funke und Ministerin Fischer so kurz vor ihrem Rücktritt noch vorformuliert haben. Der Ökobetrieb soll gefördert werden, es gibt eine Positivliste für Futtermittel, das BSE Testalter wird auf 24 Monate herabgesetzt. Weitere Ziele von ihr sind eine Behörde für Verbraucherschutz (22.1.2001). In einer Zusammenfassung ihrer Ziele am 09.02.2001 wird berichtet:

„ Antibiotika sollen aus den Futtertrögen verschwinden. Für erlaubte Futtermittel wird eine Positivliste geführt. Vom Stall bis zur Ladentheke wird es eine gläserne Produktion geben, bei Verstößen gegen das Futtermittelgesetz drohen in Zukunft harte Strafen. Für Landwirte sollen Programme aufgelegt werden, die ihnen auch im Naturschutz oder Tourismus Einkommensquellen erschließen. Außerdem soll eine ‚Art Verbraucherschutzpolizei’ entstehen, die Futtermittelhersteller, Bauern und Handel kontrolliert14.“

2.4 Der „Rinder-Holocaust“- das Marktentlastungsprogramm

15 Gefordert wurde die neue Ministerin Künast besonders beim Thema ‚Marktentlastungsprogramm’. Dieses Programm, das von der EU getragen wird, sieht vor, dass EU-weit etwa 1500 000 Rinder gekeult und verbrannt werden, um den Rindfleischmarkt zu stabilisieren. Für Deutschland sollen es insgesamt 400 000 Rinder sein, was ungefähr 80000 für Niedersachsen bedeutet. Im Hamburger Abendblatt begann die Berichterstattung zu diesem Thema am 15.01.2001 mit dem Artikel: Schonfrist für Rinder. Hier distanzieren sich die Grünen von der EU- Schlachtaktion. Auch, so heißt es, wächst der Widerstand der Bauern gegen die geplante Aktion, während die Union von einer neuen Kampagne Schröders gegen die Landwirte spricht. Am 01.02.2001 beschloss das Bundeskabinett, dass die Tiere gekeult werden sollen, was große Proteste bei zahlreichen Tierschutzorganisationen hervorrief. Künast sagte hierzu, dass sie sich „trotz ethischer Bedenken für die Rindervernichtung entschieden habe.“16 Der Artikel stellt zunächst in Frage, ob es wirklich der beste Weg ist, die Rinder zu keulen, sie trotzdem auf BSE zu testen und zu verbrennen, oder ob man das negativ getestete Fleisch nicht in Konserven aufbewahren sollte oder in Hungerregionen senden kann. Hierzu gibt der Artikel weitere Aufschlüsse:

„Die Schlachtquote ist in Deutschland seit Beginn der BSE-Krise um 50% zurückgegangen. Europaweit liegt der Rückgang bei 27%. Es seien mehrere Handlungsvarianten geprüft worden. Für die betroffenen Rinder fänden sich auf Grund der BSE-Krise keine Käufer mehr. Ein Export ist laut Künast nicht möglich, weil 37 Länder ihre Grenzen für Rindfleischeinfuhren aus der EU dichtgemacht hätten. Bei Export in Entwicklungsländer könnte der Absatzmarkt für die Bauern vor Ort zerstört werden.“17

Das Programm sollte nach 14 Tagen anlaufen und für alle Landwirte freiwillig sein. Die Bauern sollen pro Kilogramm einen Marktpreis von 4DM erhalten, der derzeitige Marktpreis liegt bei 3 DM. Das Schlachtprogramm wird aus dem EU- Überschuss des letzten Jahres finanziert und kostet rund 1.9 Millionen Mark.

Am selben Tag erschien in der Zeitung ein Kommentar zur EU-Aktion. Er beginnt mit dem Satz: „ Den Europäern geht es so gut, sie sind so satt, dass sie mal eben zwei Millionen Rinder vernichten, nur damit der Marktpreis für Rindfleisch nicht ins Bodenlose fällt, während in anderen Teilen der Welt die Menschen an Hunger sterben. Wenn das kein Zeichen von Dekadenz ist. Dürfen wir das?“18 Der Autor kritisiert in diesem Artikel die Entwicklung in der EU-Landwirtschaftspolitik. „In der Agrarpolitik ist der gleiche Strukturwandel angesagt, den Schwerindustrie oder Bergbau bereits hinter sich haben.“19 Er ist allerdings guter Hoffnung, dass Frau Künast den richtigen Weg für die Europäische Union einschlägt, nämlich , dass die Überproduktion in Deutschland nicht länger subventioniert und bezahlt wird.

2.5 Die Unsicherheit der Verbraucher - „Iss was Grobes, dann sieht man was drin ist?!?“

2.5.1 Der Code - Wie kann ein Verbraucher ein Produkt als Öko-Produkt identifizieren?

20 Das Hamburger Abendblatt leistet seinen Teil zur Verbraucherschutz-information. So wird der Leser ausführlich über Ökoprodukte aufgeklärt und es werden Unterschiede zur konventionellen Landwirtschaft aufgezeigt. Der Verbraucher lernt außerdem, wie er am Code erkennen kann, ob das Produkt von einer Kontrollstelle zertifiziert wurde. „Die ersten zwei Buchstaben bezeichnen das Herkunftsland der Ware (DE steht für Deutschland). Es folgen drei Ziffern und das Wort „Ökokontrollstelle“. Die dreistellige Zahl ist die Kennnummer der zuständigen Kontrollstelle“21. Andererseits wird der Leser vor bestimmten Begriffen gewarnt: „...Dagegen sind die Begriffe kontrolliert, extensiv, alternativ, integriert, unbehandelt oder naturnah wenig aussagefähig, wenn die zuvor genannten anerkannten Öko-Kennzeichen fehlen.“22

Die Zeitung meint hiermit, dass es leicht ist das Wort ‚unbehandelt’ auf eine Verpackung zu schreiben, deshalb sollte man ein Produkt, dass keine anerkannten Öko-Bezeichnungen hat, unter diesen Umständen besser nicht kaufen. In einer Zeit, in der viele Verbraucher verunsichert sind, ist es positiv zu bewerten, dass eine Zeitung versucht hier Orientierungshilfe zu leisten.

2.5.2 Das Essverhalten der Verbraucher

Zum Thema Verbraucherverhalten passend, bringt die Zeitung auch Artikel wie: „Statt Rind: Großer Run auf Pute & Co,“ oder: „Die Speisekarte nach BSE: Fohlen und Känguru statt Rind.“ Hier wird berichtet, dass die Restaurants ihre Karten bereits umgestellt haben, damit auch Menschen, die aus Angst vor BSE auf Rindfleisch verzichten, beruhigt essen gehen können. „Statt Kuh gibt’s Känguru, das Rind wird durch Fohlen ersetzt oder zu Gunsten von Krokodilschwanz von der Speisekarte gestrichen.“23 Besonders interessant war hier der Artikel über eine Straußenfarm in Marklohe/ Oyle. Durch das BSE-Problem hat sich die Lage für die Straußenzüchter stark verbessert. „...Dann gab es den ersten BSE- Fall und die Verbraucher, die sich noch vor Jahren vor Straußengulasch ekelten, wollten plötzlich ohne Reue Fleisch schlemmen.“24 Auch wenn Straußenfleisch sicher die Ausnahme bleibt, hier wird dem Verbraucher bewiesen, wie stark er sein Essverhalten ändert . In Zeiten von BSE vergessen plötzlich alle die Würmer, die im Fisch gefunden wurden und die Masthaltung der Hähnchen. Sie weichen ganz unkritisch auf andere Fleischsorten aus.

2.6 „Garantiert rindfleischfrei“

2.6.1 Senatorin Roth in der Zwickmühle

25Im Hamburger Abendblatt wurde als nächstes das Thema „Wurstbetrug“ sehr ausführlich behandelt. Es geht hierbei um die Senatorin Roth, die zunächst die Namen von den Wurstherstellern verschwiegen hatte, die nachweislich, obwohl nicht auf der Verpackung angegeben, Rindfleisch in ihre Wurst gearbeitet haben. Dabei soll es sowohl vorgekommen sein, dass das Wort Rindfleisch auf der Verpackung nachträglich überschwärzt wurde, als auch dass es einfach nicht angegeben worden ist. Obwohl der Senatorin der Verbraucherschutz wichtig ist: „Dieser Etikettenschwindel ist unverantwortlich. Die Verbraucher verlieren das Vertrauen in die Lebensmittelbranche,“26 weigerte sie sich doch, „Ross und Reiter“, also die beschuldigten Hersteller zu veröffentlichen.

2.6.2 Die Wurstpolizei

In einem zweiten Artikel, der am selben Tag erschien, geht es um die Erklärung der Taskforce-Wurst. Hierunter versteht die Senatorin, dass eine zentrale Stelle zur Strafverfolgung eingerichtet wird. Es heißt: „Zwar nahm sie nicht den Begriff ‚Soko Wurst’ in den Mund, doch ließ sie quasi durchblicken, das eine Taskforce eingerichtet würde. Die Staatsanwaltschaft weiß davon jedoch noch nichts.“27

2.6.3 Das Problem,‚Ross und Reiter’zu nennen

Zum Ende des Artikels wird erläutert, dass es sehr schwierig ist, überhaupt Schuldige für eine falsche Beschriftung zu bestrafen. Zum einen durchläuft ein Fleischprodukt eine Reihe von Stationen, in denen zunächst einmal ein Schuldiger gefunden werden muss. Dann muss geprüft werden, ob Vorsatz oder Fahrlässigkeit vorliegt, ob überhaupt strafrechtliche Belange berührt sind, denn zumeist wird es sich nur um ‚Ordnungswidrigkeiten’ aus dem Auszeichnungs- und Lebensmittel- geschäft handeln. Auch die Haftbarmachung der Hersteller ist ein Problem.

„Landwirtschaftliche Produkte sind von jeder Haftungs- möglichkeit ausgenommen. Deshalb gab es auch noch keine Rückrufaktionen, wie man sie z.B. aus der Autoindustrie kennt.“28 Was jedoch immer unmöglich bleiben wird: sollte jemals ein Fall der neuen Creutzfeld-Jakob-Erkrankung auftreten, wird der Schaden nie auf den Verzehr eines bestimmten Produktes zurückzuführen sein. Auf heftigen Druck hin haben sich die Gesundheitsministerien von Berlin, Bremen, Hamburg, Hessen, Saarland, Sachsen und Thüringen am 17.01.2001 in einer telefonischen Schaltkonferenz doch entschlossen, die Namen der Wursthersteller mit falschen Etiketten zu nennen.

In einem Interview mit der Gesundheitssenatorin Hamburgs, Roth, vom 23.01.2001 sagt die Senatorin, sie habe die Namen zunächst aufgrund des Gesetzes zum Vertrauensschutz nicht genannt, außerdem wollte sie den Unternehmen die Chance geben, selbst Kontrollen an Lebensmitteln durchzuführen. Sie werde in Zukunft „Ross und Reiter“ nennen, wenn es klar ist, das umetikettiert wurde. In diesem Falle werden alle Namen (Hersteller, Händler) genannt, in Fällen einer falschen Inhaltsdeklaration nur der Name des Herstellers. Außerdem muss die Regierung immer mit dem Risiko einer Schadensersatzklage der Hersteller in Millionenhöhe rechnen, was die Entscheidung, ob der Verursacher genannt wird, oder nicht, noch schwieriger macht.

2.6.4 Die Liste der Produkte

Am Ende der Berichterstattung zum Thema „Wurst-Betrug“ erschien ein von Wissenschaftlern durchgeführter Test im Auftrag der Zeitung Computer-Bild, in dem von 61 ‚rindfleischfreien Produkten’ vier als ‚rindfleischhaltig’ ermittelt wurden. (Tabelle: www.computerbild.de) Der Leser wird außerdem genau über die Verfahrenstechnik des Tests aufgeklärt.

Es hat den Anschein, als wenn dieses Thema hauptsächlich aufgrund seiner regionalen Brisanz besonders behandelt wird. In einigen Sätzen hat man das Gefühl, dass die Zeitung sehr stark provoziert, wie man z. B. an Ausdrücken wie „Soko Wurst“ erkennen kann.

2.7 Der bayrische Versuch in Anlehnung an das Schweizer Modell

2.7.1 Die Kohortenkeulung

Ein anderes Thema, mit dem sich das Hamburger Abendblatt sehr ausführlich befasst, ist der bayrische Versuch, nicht mehr alle Rinder zu keulen, sondern nur noch eine Kohortenkeulung, wie sie in der Schweiz gemacht wird, durchzuführen. Kohortenkeulung bedeutet, dass nur noch die Tiere auf einem Hof getötet werden, die sich im selben Jahrgang des erkrankten Rindes befinden, sowie die, die in dem Jahrgang darüber und in dem darunter sind.

2.7.2 Bayerns Kohortenregelung

Die Zeitung berichtet hierzu, dass nachdem diese Methode von Bayern ohne große Vorbereitung übernommen wurde, die Molkereien keine Milch mehr von dem betroffenen Hof übernehmen wollten und der Bauer sich gezwungen sah, seine Tiere doch töten zu lassen. Seine Begründung: „ Er könne es sich nicht leisten seinen Hof wie einen Zoo zu führen.“29 Der Autor dieses Artikels, bewertet das Schweizer Modell so: „ Das „Schweizer Modell“ hat einiges für sich. Der Unterschied zu Deutschland ist jedoch, dass es die Eidgenossen (Schweizer) - ganz so, wie es ihre Art ist - nicht als Versuchsballon, sondern über Jahre konsequent und sehr planmäßig entwickelt haben. Und zum Modell des Nachbarlands gehört auch weit mehr als die Entscheidung, nur alle Tiere jenes Jahrgangs, aus dem die BSE-Kuh stammt sowie dem davor und danach zu töten - die sogenannte Kohorten-Lösung.“30

2.7.3 Der Unterschied zur Schweiz

Der Autor meint hiermit, dass im Gegensatz zu Bayern das Prinzip der Kohortenteilung über viele Jahre, nämlich seit dem ersten BSE-Fall im November 1990 entwickelt wurde und dass auch die Gesellschaft, also der Verbraucher, hinter der Regierung steht. Außerdem wird der Bauernverbandssprecher zitiert: „Wir führen einen engen Dialog. Es gibt keinen solchen Hickhack wie in Deutschland.“ Mit ‚Dialog’ ist gemeint, was in Deutschland fehlt, nämlich der konstruktive Austausch zwischen der Regierung, den Bauern und den Verbrauchern. Will man die Auswirkungen der BSE-Krise langfristig in den Griff bekommen, ist es ein wichtiger Schritt das Vertrauen des Verbrauchers zurückzugewinnen. Außerdem macht es einen Unterschied, ob eine Kohortenkeulung über 10 Jahre hinweg geprüft und dann übernommen wird, oder ob das Vertrauen durch ein plötzlich neu eingeführtes, nicht mit der Bundesregierung abgesprochenes Gesetz, nochmals strapaziert wird.

2.8 Die Revolution der Landwirte

Zum „Objekt der Bauernproteste“ wurde das Kalb Jeanne d’ Arc in Schleswig- Holstein. Als die Herde aus Nordhastedt gekeult werden sollte, gingen zahlreiche Landwirte auf die Straße und protestierten mit Mahnfeuern gegen den Abtransport. Die Bauern ließen erst von der Blockade ab, als es einem vom Nachbarhof stammenden Landwirt erlaubt wurde, das erst wenige Stunden alte Kalb, eben Jeanne d’ Arc, mitzunehmen. Als Ministerpräsidentin Heide Simonis die Auslieferung des Kalbes forderte, weil sie befürchtete, dass es den Export von schleswig-holsteinischen Rindern gefährdet, falls das Tier nicht herausgerückt wird, versteckte der Bauer das Kalb. Verhandlungen scheiterten, die Bauern waren nicht bereit das Tier herauszugeben, dass, ähnlich wie seine Namenspatronin es im Mittelalter für den französischen Freiheitskampf war, für die Bauern ein Symbol für den Widerstand ist. Deshalb sollte es auch zunächst nicht in die Bundesforschungsanstalt für Virusforschung gebracht werden, was das eigentliche Ziel war.

2.9 „Wir brauchen mehr Wissen, um das Problem BSE aus der Welt zu schaffen“

2.9.1 Der Mensch und die Seuchen

31 Insgesamt sind im Hamburger Abendblatt vier Artikel erschienen, die sich mit der Forschung zum Bereich BSE und den Befürchtungen der Gesellschaft über die BSE-Entwicklung beschäftigen. Im ersten von ihnen, (09.01.2001), wird zunächst beschrieben, wie verschiedene Seuchen über Jahrhunderte hinweg die Menschen immer wieder heimsuchten und sie gefährdeten. Es wird erzählt, wie die Menschen damals mit den Seuchen umgingen, zum Beispie l mit der Lepra, (Lazarusklapper). Die Zeitung schreibt hierzu: „Über die alten, großen Seuchen weiß man heutzutage relativ viel - dank intensiver Forschung. Doch die neuen, die heute auftauchen, fordern die Wissenschaft heraus. Oft ist sie hilflos und die Furcht vor Keimen, gegen die kein Mensch gefeit ist, zieht dann oft - wie schon bei Pest und Lepra - drakonische Maßnahmen nach sich.“32 Hier wird als Beispiel die asiatische Hühnergrippe genannt, wobei 1,4 Millionen Hühner in Hongkong geschlachtet wurden. Der Artikel erklärt weiter: „Ähnliches geschieht jetzt mit Rindern: Ist ein Tier einer Herde an BSE erkrankt, werden alle Tiere zur Schlachtbank geführt. Und das, obwohl Ursprung und Übertragungswege auf den Menschen bei BSE noch weitgehend im Dunkeln iegen - und damit auch gezielte Maßnahmen zu ihrer Bekämpfung.“33 Der zu diesem Artikel befragte Professor Dr. Schmitz, ein Virologe, meinte außerdem, dass es wahrscheinlich sei, dass BSE in der Natur auch spontan auftrete und dass die Krankheit nur durch Tiermehlverfütterung explodiert sei. Außerdem wird vor Panik gewarnt. Die Gefahr, als Insasse eines Autos einen Unfall zu erleiden, ist um das 5000-fache höher. An diese Aussage knüpft auch ein am 02.02.2001 veröffentlichter Bericht von der Bundesanstalt für Seuchenbekämpfung in Riems an. Hier wird ebenfalls gewarnt: „Der Verbraucher brauche vor BSE nicht mehr Angst haben, als von der Treppe zu fallen und sich das Genick zu brechen.“34 Außerdem sei es „erheblich riskanter zu rauchen, als den Rest des Lebens ausschließlich Rindfleisch zu essen.“35

2.9.2 Bald ein neuer BSE-Test?

Ein anderer Artikel, der im Teil Forschung der Zeitung erschienen ist, befasst sich mit den derzeitigen BSE-Tests. Hier wird der Leser über den derzeitigen Forschungsstand aufgeklärt. Die Zeitung berichtet, dass es bis zum Beginn des Jahres 2002 einen neuen Test geben soll, mit dem auch lebende Tiere auf BSE getestet werden können. Es gibt bereits Frühtests, aber bis jetzt sprechen sie erst wenige Tage vor dem Auftreten der klinischen Symptome an. Dies ist zwar ein Fortschritt gegenüber den jetzigen Testmethoden, aber um den Rinderwahnsinn wirklich frühzeitig zu erkennen, reichen sie nicht aus. Der Artikel berichtet weiter, dass es schon einen Frühtest des Göttinger Nobelpreisträgers Manfred Eigen gibt, der 25mal empfindlicher ist als alle anderen Testmethoden. Er kann die Erreger von BSE und auch von vCJD, (Creutzfeld-Jakob-Krankheit), frühzeitig in der Rückenmarkflüssigkeit nachweisen. Weil jedoch bis jetzt die finanziellen Mittel fehlen, um den Test marktreif zu machen, wird er nur experimentell angewendet. Einen anderes Ziel verfolgten Forscher des Arzneimittelkonzerns Boehringer Ingelheim seit vier Jahren. Die Krankheit soll nicht an den Prionen, sondern anhand von Veränderungen in den Blutzellen nachgewiesen werden. Hierzu erklärt der Molekularbiologe Dr. Mathias Giese: „Wir haben also nach Markern gesucht, die durch Infektionen auftreten.“36 Inzwischen sind die Forscher sich sicher, dass sie eine charakteristische Veränderung, einen so genannten Marker, kennen. „Es sei die gesunde Form des Prions,“37 so Giese. In ihrem Test weisen die Forscher nun das vermehrte Auftreten von gesunden Prionen in bestimmten Blutzellen nach. Hiermit soll die Infektion sicher erkannt werden. „Wir haben ein SchwarzWeiß System: Wer nicht krank ist, hat keine gesunden Prionen in bestimmten Blutzellen, wer krank ist, hat dort immer gesunde Prionen.“ Im Moment wird untersucht, in welchem Stadium der Infektion der Test greift.

Zum Ende des Artikels zieht die Autorin, Angela Grosse, noch einmal Bilanz:

„Insgesamt wurden bis Mitte Januar 2001 112 281 Schlachtrinder getestet. Darüber hinaus wurden mehr als 7000 kranke bzw. verendete Tiere untersucht. Von den rund 119 000 getesteten Tieren waren 16 mit BSE-infiziert.“38 Positiv zu bewerten sind in diesem Falle die Internet-Adressen am Ende des Artikels, unter denen sich der Leser noch zusätzlich Informationen über den Rinderwahnsinn und was damit zusammenhängt, holen kann. Es ist gut, dass der Verbraucher hier eher beschwichtigt wird, als in Panik versetzt zu werden. Die Zeitung bemüht sich, um ein möglichst realistisches Bild von der BSE-Krise, ohne den Verbraucher zu verunsichern.

3. Die Berichterstattung des Hamburger Abendblatts zum Thema BSE unter modernisierungstheoretischen Aspekten

Das Thema BSE ist von verschiedenen Modernisierungsansätzen durchzeichnet. Besonders die beiden ausführlichen Artikel von Stefan Tangermann sind interessant, in denen er die Agrarwirtschaft im Zusammenhang mit der BSE-Krise beleuchtet. Am 12.01.2001 äußert Tangermann sich zur Öko- Landwirtschaft und fragt: ‚Was macht der Bauer der Zukunft?‘ Er macht klar, dass Veränderungen erarbeitet und umgesetzt werden müssen, die einen Erfolg auf lange Sicht garantieren. Der Verbraucher muss überzeugt hinter diesen Maßnahmen stehen. Tangermann sagt, man müsse zwar von der ‚Ladentheke aus denken‘, aber er meint auch, dass nicht alle agrarpolitisch geplanten Konsequenzen, wirklich das widerspiegeln, was die breite Bevölkerung will. Als Beispiel nennt er, dass die Bürger, wenn sie denn wollten, auch jetzt schon Öko-Produkte in den Läden kaufen könnten. Würde wirklich jeder großen Wert auf diese Produkte legen, hätten diese inzwischen reißenden Absatz gefunden. Der Verkauf dieser Produkte beläuft sich jedoch weiterhin auf 3% des gesamten Nahrungsmittelbedarfs. Obwohl zu erwarten ist, dass es sich bei der ökologischen Landwirtschaft auch in Zukunft um einen Nischenmarkt handeln wird, wird agrarpolitisch eine Modernisierung in diese Richtung angestrebt. Ist hier Modernisierung das Ziel oder möchten die Politiker das Vertrauen der Verbraucher gegenüber der landwirtschaftlichen Erzeuger wiederherstellen? „Die Wissenschaft tut sich nach wie vor schwer, an den Eigenschaften eines Nahrungsmittels zu erkennen, ob es auf einem Öko- Hof oder in konventioneller Landwirtschaft erzeugt wurde. Öko- Betriebe sind noch nicht einmal mit Sicherheit davor gefeit, dass eines ihrer Rinder an BSE erkrankt. (In Deutschland ist dies bereits geschehen.) Mit der BSE-Krise kann man also nicht begründen, warum in Zukunft die Politik auf die ökologische Landwirtschaft ausgerichtet werden sollte.“39 Meiner Meinung nach wäre dies auch kein Schritt in Richtung Modernisierung, denn strenggenommen schreibt hier die Politik der Wirtschaft vor, was sie zu tun hat. Die wäre nach dem Modell der funktionalen Differenzierung ein eindeutiger Rückschritt.

Zu dem Vorschlag, nur noch ökologische Landwirtschaft zu subventionieren, sagt Tangermann deutlich, dass hierdurch eine Verschiebung des Marktes entstehen würde. Durch die Subventionierung würden viele Bauern die ökologische Landwirtschaft betreiben. Aber wenn das Verhältnis zwischen Angebot und Nachfrage hier nicht stimmt, führt das zu einer Überproduktion. Die Preise geraten unter Druck und die Landwirte und Erzeuger könnten ihre Kosten auf dem Markt nicht mehr decken. Sie wären auf immer mehr staatliche Unterstützung angewiesen. „Da die Bürger als Verbraucher nicht bereit sind, für Öko - Produkte die höheren Preise zu bezahlen, würden sie durch den Staat als Steuerzahler zur Kasse gebeten. Wenn die Politik das anstrebt, soll sie es offen sagen, denn die Bürger haben ein Recht darauf zu wissen, was es kostet, wenn man die Politik in die eine oder andere Richtung dreht.“40 Einen „echten“ Modernisierungsvorschlag sieht Tangermann darin, die Subventionierung der Landwirtschaft von der Produktion loszulösen. Auf diese Weise muss der Staat nicht mehr länger mit der einen Hand die Landwirtschaft fördern, in dem er sie durch Prämien für jedes geschlachtete Rind zu einer größtmöglichen Produktion führt, um sie mit der anderen Hand dann in Marktentlastungsprogrammen wieder zu vernichten, sondern die Landwirtschaft würde von sich aus ihre Produktion extensiver gestalten und damit den Vorstellungen der Allgemeinheit nach besserer Qualität entgegenkommen.

In einem zweiten Artikel, vom 03.01.2001 äußert sich Tangermann erneut zu einer Wende, die in der Landwirtschaft angestrebt werden muss und zu den Subventionen. Er stellt nochmals deutlich heraus, dass es gut wäre, die Zahlungen von der Masse der Tierproduktion zu lösen, und zum Beispiel an die Größe der Fläche zu knüpfen, völlig unabhängig von dem, was vom Bauern hier produziert wird. Wenn man dies so ausgestaltet, dass kein Landwirt Einkommen verliert, kann die Landwirtschaft bei gleicher Gesamtleistung des Staates sogar höhere Einkommen erzielen. Hierzu sagt der Autor, dass dies nicht allein in Deutschland geändert werden kann, sondern dass die gesamte Agrarpolitik neu überdacht werden müsste. Der wichtigste Punkt in seinem Artikel ist jedoch, dass die Politik die Qualität nicht mit Subventionen unterstützen sollte, sondern sie mit Mindestnormen, Kontrollen und Strafen bei Verstößen behandeln muss. Der Käufer kann diese Qualität dann mit entsprechenden Zahlungen honorieren. Die Marktsituation würde sich von alleine stabilisieren, ohne weitere Kosten aufkommen zu lassen.

In einem Kommentar von Frank Ilse, erschienen am 01.02.2001 wird ganz klar eine Modernisierung der Landwirtschaft gefordert: „ Die gesamte Agrarpolitik der Europäischen Union ist äußerst fragwürdig. Die Landwirtschaft in der EU ist ein aus Steuergeldern finanzierter Alimentierungsbetrieb, Planwirtschaft pur. [...] In Europa gibt es sicherlich zu viel Vieh, zuviel Milch und Wein. In der Agrarpolitik ist der gleiche Strukturwandel angesagt, den Schwerindustrie oder Bergbau schon hinter sich haben.“

Hier spricht der Autor ein wichtiges Problem der Gesellschaft an. Über die Jahrhunderte hinweg hat die Landwirtschaft einen wichtigen Prozess durchgemacht. Während zu Beginn der Neuzeit die Gesellschaft noch zum größten Teil aus Bauern bestand sind es inzwischen nur noch etwa 3%, die in der Landwirtschaft beschäftigt sind. Das bedeutet, dass damals vier Bauern einen fünften ernähren konnten, mittlerweile ernähren 3% der Gesellschaft die restlichen 97%. In dieser Zeit änderte sich auch das Verbraucherverhalten stark. Aufgrund des hohen Preises haben zu Beginn der Neuzeit die meisten Familien höchstens zweimal pro Woche Fleisch gegessen. Heute ist Fleisch vom täglichen Speiseplan nicht mehr wegzudenken. Man beachte, dass die Verbraucher nur noch ca. 13% ihres Einkommens für Lebensmittel ausgeben, ein hoher Fleischkonsum inbegriffen. Die landwirtschaftliche Produktionsweise muss sich also verändert haben.

Massentierhaltung, neue Fütterungsmethoden und Technisierung machten möglich, landwirtschaftliche Erzeugnisse in größeren Mengen (Folge: Übermengen) preiswerter anzubieten. Irgendwann gab es einen Überschuss an Rindfleisch. (Vor der BSE- Krise produzierte Deutschland ca. 116% des Rindfleisches, das benötigt wurde.) Es begann ein Druck auf die Landwirtschaft. Die Haltungskosten mussten weiter heruntergeschraubt werden, ein Höfesterben setzte ein, weil viele Kleinbauern dem Druck nicht mehr stand halten konnten. Nun begann die Politik diesem Höfesterben mit starken Subventionen entgegenzuwirken. Heute machen die Subventionen schon fast die Hälfte des Einkommens eines Landwirtes aus. Man kann also davon sprechen, dass die Landwirtschaft auf dem richtigen Weg zur Marktwirtschaft war und davon abgekommen ist. Wenn man diese Artikel zusammen-nimmt, könnte man also sagen, dass die von der Regierung geforderten Mittel zur Agrarwende allesamt widerlegt sind. So ist es demnach unsinnig, den Ökolandbau besonders zu fördern, und geht viel eher in eine rückschrittliche Richtung der Modernisierung. Nach Meinung der Autoren der Zeitung müsste man eher die Subventionspolitik verändern und Produktion von Prämien entkoppeln. Für die Modernisierung wäre es zwar am besten, die Subventionen zu streichen. Jedoch würde das die wirtschaftliche Situation der Landwirte noch mehr verschlechtern, wenn nun auf einmal von ihnen die freie Marktwirtschaft gefordert werden würde.

4. Schlusswort

Inzwischen, fast 2 Monate nach Ende meiner Archivierung der Zeitung ist die BSE- Berichterstattung fast vollständig aus den Zeitungen verschwunden. Das liegt nicht daran, dass keine neuen Fälle bekannt geworden sind. Es gibt auf diesem Gebiet keine neuen Erkenntnisse. Vielleicht denkt mancher Verbraucher im Stillen doch darüber nach, was er unbedenklich essen kann, wenn er vor den Supermarktregalen steht. In einigen Monaten gibt es vielleicht eine neue Krise oder einen neuen Skandal, die den Verbraucher von der BSE-Krise ablenken werden. Wahrscheinlich wird er allmählich zu seinen altbekannten Essgewohnheiten zurückkehren. An diesem Punkt endet der Einfluss der Medien. Es fällt auf, dass die Verbraucher es nicht schaffen, auf Dauer ihr Verhalten der Situation gemäß konsequent zu verändern. Die Medien können bei der Abhandlung zeitaktueller Themen unser Handeln und Verhalten Intensität und für eine bestimmte Dauer beeinflussen. Es wäre wünschenswert, dass Verbraucher geschlossener für den Verbraucherschutz kämpfen würden, mit der nötigen Einsicht, dass Qualität seinen Preis hat und unsere Gesundheit es uns wert sein sollte.

Für die Politiker deutet sich bereits eine neue Krise an: Die Maul- und Klauenseuche, von der befürchtet wird, dass sie sich epidemienartig in Europa ausbreiten könnte, fordert politische Konsequenzen und Handeln. Frau Künast ist im Moment stark beschäftigt: BSE ist jetzt nicht dran - oder?

[...]


1 Hamburger Abendblatt, 06.01.2001: BSE: Neuer Verdacht bei zwei Milchkühen

2 siehe Fußnote 2

3 ebenda

4 Hamburger Abendblatt, 06.01.2001: „Funke will Ökolandbau fördern“

4 ebenda

5 ebenda

7 Hamburger Abendblatt, 09.01.2001: Der Fehlstart der rot-grünen Regierungsriege ins neue Jahr: Nichts als Ärger

8 ebenda

9 Hamburger Abendblatt, 11.01.2001: Schröder sagt Bauern den Kampf an.

10 Hamburger Abendblatt, 12.01.2001: „Tanz auf allen Hochzeiten“

11 Hamburger Abendblatt, 12.02.2001 : Wen Joschka anschaut

12 ebenda

13 ebenda

14 Hamburger Abendblatt, 09.02.2001: Nach BSE: Agrarwende

15 Hamburger Abendblatt, 17.02.2001: Verbraucher bevorzugen Bio-Fleisch. Anmerkung: Dieser Ausdruck stammt vom Umweltbeauftragten der deutschen Bischofskonferenz und wurde inzwischen zurückgenommen. Trotzdem war es eine Reaktion auf dieses Gesetz, die vielleicht viele Leser und Verbraucher nachvollziehen können, deshalb wird das Wort hier verwendet.

16 Hamburger Abendblatt, 01.02.2001: Kabinett beschließt Massentötung von Rindern

17 ebenda

18 Hamburger Abendblatt, 01.02.2001: Massenschlachtung in Europa: Fragwürdig

19 ebenda

20 Hamburger Abendblatt, 09.01.2001: Statt Rind: Großer Run auf Pute & Co.

21 Hamburger Abendblatt, 11.01.2001: Bio-Produkte

22 Hamburger Abendblatt, 11.01.2001: Bio-Produkte

23 Hamburger Abendblatt, 15.01.2001: Die Speisekarte nach BSE: Fohlen und Känguru statt Rind

24 Hamburger Abendblatt, 17.01.2001: BSE-Krise: Die Furcht vor dem Rinderwahn und ihre Folgen: Strauße stark im Kommen

25 Hamburger Abendblatt, 11.01.2001: Der Wurstbetrug: Wo bleiben die Namen, Frau Roth?

26 Hamburger Abendblatt, 11.01.2001: Der Wurst-Betrug: „Wo bleiben die Namen, Frau Roth?

27 Hamburger Abendblatt, 11.01.2001: Taskforce-Wurst? Die Staatsanwaltschaft weiß von nichts.

28 ebenda

29 Hamburger Abendblatt, 15.01.2001: Das Schweizer Modell als Ausweg?

30 ebenda

31 Hamburger Abendblatt, 09.01.2001: Die Angst vor den Seuchen

32 ebenda

33 ebenda

34 Hamburger Abendblatt, 02.02.2001: BSE-Forscher warnen vor Panikmache

35 ebenda

36 ebenda

37 ebenda

38 ebenda

39 Hamburger Abendblatt, 13.01.2001: Was macht der Bauer der Zukunft?

40 ebenda

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Die Berichterstattung des Hamburger Abendblatts zum Thema BSE unter modernisierungstheoretischen Aspekten
Autor
Jahr
2001
Seiten
20
Katalognummer
V101492
Dateigröße
559 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berichterstattung, Hamburger, Abendblatts, Thema, Aspekten
Arbeit zitieren
Gesche Evers (Autor), 2001, Die Berichterstattung des Hamburger Abendblatts zum Thema BSE unter modernisierungstheoretischen Aspekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101492

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