Bindung und Responsivität. Auswirkung der elterlichen Nutzung von Smartphones auf die frühkindliche Entwicklung ihrer Kinder


Hausarbeit, 2019

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Bindung und Bindungstheorien

3 Sensitive Responsivität

4 Forschungsstand zur Smartphone-Nutzung von Eltern während der Interaktion mit ihrem Kind

5 Auswirkung der Nutzung von Smartphones durch die Eltern in Bezug auf die frühkindliche Entwicklung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Smartphones sind in Deutschland allgegenwärtig. In öffentlichen Verkehrsmitteln, in Wartezimmern, beim Sport und vielen anderen alltäglichen Tätigkeiten halten Menschen ein Smartphone in der Hand. Seit der Einführung Ende der 1990er Jahre wurde die Funktionalität immer weiterentwickelt und seit im Jahr 2007 das erste Apple-iPhone auf den Markt kam, ist das Smartphone auch ein Lifestyleobjekt. Die Nutzungsmöglichkeiten gehen durch den Zugang zum Internet weit über das bloße telefonieren hinaus. Smartphones dienen zum Fotografieren, Recherchieren, als E-Book-Reader, zum Videos schauen, Musik hören, zum Nachrichten senden, aber vor allem als Zugang zu sogenannten sozialen Medien wie Facebook oder Instagram. In Deutschland nutzten im Jahr 2018 rund 57 Mio. Menschen ein Smartphone (Statistica o.J., o.S.) Die Autorin der vorliegenden Arbeit hat als pädagogischer Fachkraft im U3-Bereich die Beobachtung gemacht, wie viele Eltern unterwegs mit ihrem Kind gleichzeitig das Smartphone benutzen. Säuglinge im Kinderwagen, Kleinkinder im Bus oder im Straßenverkehr haben dabei häufig nicht die Möglichkeit, Blickkontakt zum Elternteil aufzunehmen, weil dieser auf das Smartphone konzentriert ist. So beginnen die Kinder zu quengeln, bis sie schließlich die Aufmerksamkeit des Erwachsenen erlangen, der auf die Störung dann häufig ärgerlich reagiert. Auch in unserer Kindertagesstätte kommt es immer wieder vor, dass Eltern telefonieren oder Nachrichten verschicken, während sie ihr Kind der Erzieherin/dem Erzieher übergeben. So ist der Austausch über die Befindlichkeit des Kindes stark eingeschränkt und auch die Verabschiedung vom Kind findet eher „beiläufig“ statt. So berichtete auch aktuell der MDR darüber, dass in einigen Kindertagesstätten in Essen, den Eltern künftig verboten sei, das Mobiltelefon in der Kita zu nutzen. Eine Leipziger Kita sprach sich gegen ein solches Verbot aus (vgl. Wiemann 2019). Wie pädagogische Fachkräfte Eltern im Hinblick auf den Umgang mit dem Smartphone beraten können oder welche Regeln zum Beispiel in einer Kindertagesstätte gelten sollten, beginnt die Fachwelt gerade erst zu diskutieren, da über die Auswirkungen dieses relativ neuen Phänomens noch nicht viel bekannt ist. Die vorliegende Arbeit befasst sich daher mit der Frage: Welche Auswirkungen hat die Nutzung von Smartphones durch die Eltern auf die frühkindliche Entwicklung?

Um die genannte Frage zu beantworten wird zunächst auf das Phänomen Bindung und Bindungstheorien (siehe Kapitel 2) sowie Sensitive Responsivität (siehe Kapitel 3) eingegangen. Anschließend wird der Forschungsstand zu den Auswirkungen der Smartphonenutzung der Eltern auf die frühkindliche Entwicklung aufgearbeitet (siehe Kapitel 4), um im abschießenden Kapitel 5 die Forschungsfrage zu beantworten.

2 Bindung und Bindungstheorien

Der englische Kinderpsychiater John Bowlby war in den 1940/50er Jahren ein Pionier der Bindungsforschung. Mit seiner Kollegin Mary Ainsworth, die das Bindungsverhalten erstmals in einer Studie (Fremde Situation) erfasste, löste er sich von den gängigen Annahmen der Psychoanalyse und begann mit empirischer Forschung. Bowlby (1980, S. 41) beschrieb Bindung als ein affektives, also gefühlsbetontes Band, das aufgrund bestimmter Verhaltensmuster, die im Kind angelegt seien, auf eine andere Person konzentriert werde. Die Wirkung bestehe im Bindungsverhalten, das dazu diene, diese Person nahe an das Kind heranzubringen und dort zu halten. Das Bindungsverhalten äußere sich vor allem in Weinen und Rufen, Folgen und Festhalten und Protest bei Trennung von der Bindungsperson. Die Muster des Bindungsverhaltens hingen von verschiedenen Faktoren ab, wie Alter, Geschlecht, Lebensumständen und früheren Erfahrungen mit Bindungspersonen.

Grossmann (2019, S. 338) hat die Bindungstheorie als offene Theorie beschrieben, die die Entdeckung neuer Zusammenhänge fördert. Sie befasst sich nach seiner Definition mit physiologischen Prozessen und der Psychologie von den besonderen Beziehungen zwischen Kindern und ihren Bindungspersonen.

„Die Entwicklung einer Bindung ist, wie bereits gesagt, phylogenetisch vorprogrammiert, aber in ihrer phänotypischen Ausprägung ist sie abhängig von der Qualität des Umgangs von Bindungspersonen mit den Bindungsbedürfnissen des Kindes von Geburt an bis zum Erreichen psychologischer Reife“ (Grossmann 2019, S. 30).

Die Bindung im Menschen ist seiner Ansicht nach also stammesgeschichtlich angelegt, weil die Nähe eines verantwortlichen Erwachsenen zum Kind in der Vergangenheit Sicherheit vor wilden Tieren oder anderen Gefahren geboten hat. Im Erscheinungsbild wird die Bindungsqualität davon geprägt, wie feinfühlig die Bindungsperson auf die Bedürfnisse und Signale des Kindes reagiert. Was unter „Feinfühligkeit“ zu verstehen ist, wird im weiteren Verlauf der Arbeit näher erläutert (siehe Kapitel 3).

In der Bindungstheorie werden, im Gegensatz zur modernen Psychoanalyse, die Ursachen für Veränderungen eher in der Außenwelt gesehen. So ändert sich laut Dornes (2019, S. 46) die Bindungsqualität und unter Umständen das Bindungsverhalten des Kindes, wenn beispielsweise die Interaktion weniger feinfühlig sei. Ahnert (2019, S. 64) unterscheidet zwischen Bindung, Bonding und Priming. Dementsprechend ist Bonding die biologische Basis für die Mutter-Kind-Beziehung. Priming sind hormonelle Mechanismen, die neuronale Prozesse in Gang setzen und so das mütterliche Fürsorgeverhalten nach der Geburt beeinflussen. Das Bindungsbedürfnis des Menschen entwickle sich erst durch soziales Lernen, so Ahnert. Die Bindungsbeziehung sei dabei durch eine kompetente Person dominiert, die Sicherheit bieten kann.

„Bindung und Bonding definieren soziale Beziehungen auf der Grundlage von Verhaltenssystemen, die als vorhersagbares Ergebnis Nähe zwischen dem Kind und einer ausgewählten erwachsenen Person herstellen oder aufrechterhalten.“ (Ahnert 2019, S. 63)

Auch die Hirnforschung liefert wichtige Erkenntnisse zum Thema Bindungstheorie: Während der Geburt, beim Stillen, engem Hautkontakt und anderen Situationen, in denen zwei Menschen liebevoll miteinander interagieren, wird Oxytocin freigesetzt, das auch als Bindungshormon bezeichnet wird. So passieren im kindlichen Gehirn wichtige Prozesse: Die frühe Bindungsbeziehung wird als Belohnung abgespeichert. Das Stresssystem wird gehemmt, um eine optimale Lernumgebung zu schaffen. Bindungsbeziehungen schaffen also eine sichere Basis für den Umgang mit Stress. Es bildet sich die Grundlage dafür, dass eigene Emotionen vom Kind erkannt und beschrieben werden können, die Voraussetzung für Mitgefühl (vgl. Strüber 2017, S. 123). Laut Hüther ist heute bekannt, dass Kinder mit einem sehr unfertigen Gehirn zur Welt kommen. Die endgültige Verschaltung und Stabilisierung geschehen erst später. Wie das Gehirn geformt wird, hängt von den Entwicklungs- und Rahmenbedingungen des Kindes ab und von den Erfahrungen, die es in seiner jeweiligen Lebenswelt sammeln kann (vgl. Hüther & Weser 2015, S. 23ff.). Der Vorteil eines unfertigen Gehirns bei der Geburt ist laut Hüther, dass alles, was zum Überleben gebraucht wird, in der konkreten Welt, in die das Kind hineingeboren ist, auch nach der Geburt noch im Gehirn verankert werden kann. Es muss dem Menschen in der Evolutionsgeschichte gelungen sein, das Gefühl einer engen Bindung in den Familien immer fester und haltbarer zu machen:

„Je besser sie in der Lage waren, dieses Gefühl der Zusammengehörigkeit zu entwickeln, desto besser ließen sich die individuellen geistigen und körperlichen Fähigkeiten und Fertigkeiten der einzelnen Mitglieder zur Festigung des Gemeinwesens, zur Erschließung neuer Ressourcen und zur Abwehr äußerer Feinde nutzen." (Hüther 2016, S. 59)

Durch die Weiterentwicklung des Gehirns nach der Geburt und die Bindung an eine Bezugsperson ist also die Weitergabe von erworbenen Eigenschaften und Leistungen an die nächste Generation möglich. Ein Kritikpunkt in der Bindungsforschung ist laut Keller (2019, S. 113ff), dass die Bedeutung des kulturellen Kontextes nicht genügend Beachtung findet und sie zurzeit nicht davon ausgeht, dass es eine universell beste Bindungsstrategie gibt. Die Entwicklungspsychologin richtet den Blick auf die verschiedenen kulturspezifischen Sichtweisen. In verschiedenen Kulturen werden verschiedene Verhaltensweisen von Kindern als erstrebenswert oder notwendig angesehen. "Die Unterschiede zwischen diesen Konzeptionen von Bindung und einer euroamerikanischen Sichtweise liegen im Wesentlichen im unterschiedlichen zugrunde liegenden Menschenbild." (Keller 2019, S. 113) So legen beispielsweise euroamerikanische Mütter eher Wert auf Selbstmaximierung und Unabhängigkeit, während japanische Mütter Anpassung und Harmonie anstreben.

Obwohl Fachleute aus verschiedenen wissenschaftlichen Richtungen verschiedene Ansätze und Meinungen zum Thema frühkindliche Bindung vertreten, beziehen sich doch alle auf die ursprünglichen Ansätze auf die Forschung von John Bowlby und Mary Ainsworth. Durch die fortlaufende Forschung und die neuen Möglichkeiten der Hirnforschung verschieben sich Schwerpunkte und es kommen neue Erkenntnisse hinzu, wie im vorausgegangenen Abschnitt beschrieben wurde. Zusammenfassend lassen sich aus der Fachliteratur folgende Definitionen ableiten:

Bindungstheorie:

Die Bindungstheorie beschreibt die empirische Forschung zur Bindungsentwicklung zwischen einem Kind und einer Bindungsperson. Ihr Gegenstand ist im Wesentlichen der Zusammenhang zwischen Bindungsqualität und einer gesunden Entwicklung des Kindes. Die Bindungstheorie wurde seit der Begründung durch John Bowlby beständig weiterentwickelt. Dabei spielen heute auch Erkenntnisse aus der Psychologie, Ethologie, Instinktlehre, Tierforschung und Hirnforschung eine Rolle. In jüngeren Veröffentlichungen wird die Frage diskutiert, ob die Bindungstheorie wirklich als universell angesehen werden kann, da in verschiedenen Kulturen unterschiedliches Verhalten bei Kindern geschätzt wird. So unterscheiden sich auch die Vorstellungen über die Entwicklung wünschenswerter Verhaltensweisen und Kompetenzen bei Kindern.

Bindung:

Bindung ist ein emotionales Band zwischen einem Kind und einer primären Bezugsperson. Die Aufgabe dieser Bindungsperson ist es, dem Kind in einem interaktiven Prozess Sicherheit zu vermitteln. Eine gelungene Bindung führt zu seelischer Gesundheit bei dem Kind. Das Kind erlebt sich als selbstwirksam, fühlt sich sicher, lernt seine Gefühle zu deuten und ist in der Lage zu explorieren.

Bindungssystem:

Das Bindungssystem ist ein das Überleben sicherndes System. Der menschliche Nachwuchs ist auf Hilfe für die Versorgung seiner primären Bedürfnisse angewiesen. Er braucht außerdem Fürsorge, Schutz und emotionale Zuwendung. Dies soll durch das Bindungsverhalten sichergestellt werden.

Bindungsentwicklung:

Die Bindungsentwicklung geschieht durch eine Bindungsperson, das heißt, eine kompetente Person, die Sicherheit bieten kann. Die entstehende Bindungsbeziehung ist ein dynamischer Prozess, der sich immer wieder auf Veränderungen einstellen muss. Die Bindungsperson reagiert möglichst feinfühlig und prompt auf die Signale des Kindes. Sie verstärkt positive Emotionen und hilft dem Kind, negative Emotionen zu bewältigen. So erlangt das Kind ein inneres Arbeitsmodell, das es ihm ermöglicht, in Stresssituationen auf bewährtes Verhalten zurückzugreifen.

Bindungsverhalten:

Als Bindungsverhalten werden Verhaltensweisen bezeichnet, die das Kind bei drohender Trennung von der Bindungsperson zeigt oder bei der Wiedervereinigung nach der Trennung. Dieses Verhalten wird klassisch unterteilt in die A-B-C Bindungsmuster nach Bowlby und Ainsworth. Das bedeutet:

Unsicher-vermeidende (A) Bindung: Das Explorationsverhalten überwiegt, es findet keine emotionale Orientierung zur Bindungsperson hin statt. Bei Trennung zeigt das Kind seine emotionale Belastung nicht, bei der Wiedervereinigung vermeidet es Blick- und Körperkontakt.

Sichere (B) Bindung: Die Mutter ist die sichere Basis des Kindes für Exploration, bei der Trennung zeigt das Kind seine emotionale Belastung. Bei der Wiedervereinigung begrüßt es die Mutter aktiv, lässt sich leicht trösten und exploriert schnell wieder.

Unsicher-ambivalente (C) Bindung: Das Kind wirkt in einer unbekannten Umgebung hoch belastet und zeigt wenig Exploration. Es ist bei Trennung von der Bindungsperson sehr beunruhigt, bei der Wiedervereinigung wechseln Nähe suchen und Ärger ab.

Für Fälle, die schwer zu klassifizieren waren, wurde später eine zusätzliche Bezeichnung eingeführt: Desorganisierte/ desorientierte (D) Bindung, in der keine Strategie erkennbar ist. Einzige Gemeinsamkeit der Kinder bei dieser Klassifizierung ist Angst vor der Bezugsperson und vor Konfliktverhalten.

Es wurde lange davon ausgegangen, dass die sichere B-Bindung das erstrebenswerteste Muster für eine gelingende kindliche Entwicklung sei. Diese Annahme wird heute in Frage gestellt. Aus evolutionärer Sicht müssten aber alle Bindungsmuster Anpassungsstrategien sein, die das Überleben sichern sollen. So wurde in vergleichbarem Kontext bei den Dogon in Mali und den Nso in Kamerun als häufigste Bindungsstrategie ein extrem passives und emotionsloses Verhalten der Kinder beobachtet. Nach der gängigen Bindungstheorie würde dieses Verhalten als desorganisiert klassifiziert und würde eine schlechte Entwicklungsprognose für das Kind beinhalten. Durch Interviews konnte jedoch nachgewiesen werden, dass Nso-Mütter genau dieses Verhalten an ihren Kindern am meisten schätzten. So seien die Kinder leichter durch eine andere Bezugsperson betreubar und ermöglichten ihren Müttern somit, ihre tägliche Arbeit zu bewältigen (vgl. Keller 2019, S. 112f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Bindung und Responsivität. Auswirkung der elterlichen Nutzung von Smartphones auf die frühkindliche Entwicklung ihrer Kinder
Hochschule
DIPLOMA Fachhochschule Nordhessen; Zentrale  (FH)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
21
Katalognummer
V1015066
ISBN (eBook)
9783346411389
ISBN (Buch)
9783346411396
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bindung, Sensitive Responsivität, Bindungsforschung, Bindungstheorien, Smartphonenutzung durch Eltern, Bindungsmuster in anderen Kulturen
Arbeit zitieren
Sarah Strazny (Autor), 2019, Bindung und Responsivität. Auswirkung der elterlichen Nutzung von Smartphones auf die frühkindliche Entwicklung ihrer Kinder, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1015066

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