Werthers Frauenbild. Was sagen die Äußerungen des verliebten Werthers in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" über seine Sicht auf Frauen aus?


Hausarbeit, 2017

13 Seiten, Note: 2,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Die Frau im 18. Jahrhundert

3 Lotte
3.1 Häuslichkeit, Familie & gesellschaftliche Konvention
3.2 Kultur & Natur
3.3 Erotische Frau & unschuldiges Mädchen
3.4 Mündigkeit & Autonomie
3. 5 Werthers Ideal

4 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Ein Jüngling liebt ein Mädchen.. Ä1 2 - das ist erst einmal der zentrale Inhalt des Die Leiden des jungen Werthers. Die zentralen Figuren darin sind Lotte und Weither, und wie der Titel ahnen lässt, handelt es sich um eine tragische Liebesgeschichte. In zahlreichen Ausführungen beschreibt Werther seine Lotte und zeichnet ein nahezu perfektes Bild seiner Geliebten, indem er sie in verschiedenen bezeichnenden Situationen beschreibt und ihre Wirkung auf ihre Mitmenschen darstellt. Als „Möglichkeitsform“ der Realität ist Lotte ein „Geschöpf liebevollster Idealisierung seitens des Autors Goethe wie des Briefeschreibers Werther“.3 So wird die Figur Lotte mit Superlativen weiblicher Ideale geschmückt.

Es bietet sich an, diese Ideale aufzugreifen und zu durchleuchten: Was sagen diese Schwärmereien, Gedankenzitate und Beschreibungen über seine Sicht über die Frau im Allgemeinen aus? Welche Tugenden hält er für weiblich, als wie gleichberechtigt sieht er Frauen, was ist in Werthers Augen die Rolle der Frau? Also: Was für ein Frauenbild steckt dahinter?

Da Fräulein von B., welche ihn an Lotte erinnert, oder Werthers Mutter nur indirekt oder sehr wenig von Bedeutung im Werther sind, beschränkt sich die Hausarbeit auf die weibliche Hauptperson Lotte. (vgl. W 67) Werthers Lotte basiert zu einem Teil auf der realen Person Charlotte von Stein. In dieser Hausarbeit soll jedoch ausschließlich um die fiktive Lotte und die Informationen, die der Leser von Werther erhält, gehen. Es ist möglich, dass der fiktive Herausgeber Briefe ausgelassen oder bearbeitet hat, somit beschäftigt sich diese Hausarbeit nur mit dem fiktiv erhaltenen Briefmaterial über Lotte und den Anmerkungen. Für diese Arbeit und für den Leser ist es spannend, die einseitig erhaltenen Briefe zu lesen, sich als Mitwisser zu fühlen und doch nur Äußerungen eines jungen Mannes, über den man recht wenig weiß, zu lesen. Dank der internen Fokalisierung und vieler direkter und transponierter Rede, welche die Vorstellung einer szenischen Darstellung beim Lesen aufkommen lassen, taucht der Leser in Werthers Welt ein und vergisst, wie subjektiv Werthers Darstellungen sind. Somit ist es sinnvoll, bei Analysen über Lotte die „Werther-Brille“ auch in der Fragestellung aufzuziehen und miteinzubeziehen. Die vielen Gedankenzitate und Monologe Werthers bieten eine Charakterisierung Werthers, welche zur Klärung der Fragestellung notwendig ist, an. Um im Rahmen dieser Hausarbeit zu bleiben, wird sich hier auf die Analyse von Werthers Idealen im direkten Zusammenhang mit Lotte beschränkt.

Es soll geklärt werden, wie Lotte als Frau in Die Leiden des jungen Werthers vom Protagonisten dargestellt wird und was dies über Werthers Bild der Frau aussagt. Dabei soll zunächst auf das typische Frauenbild des 18. Jahrhunderts, die Rolle der Frau in Ideal und Realität eingegangen werden, um Lotte und Werthers Vorstellungen und Erwartungen zu kontextualisieren. Es soll ermittelt werden, wie Lotte von Weither gesehen und dargestellt wird, ob sie typisch oder atypisch für das Bild der Frau um 1800 ist. Da das Werk autobiographische Züge aufweist und die Binnenhandlung 1771/ 1772 spielt, kann angenommen werden, dass die Einordnung in den zeitlichen Kontext von besonderer Bedeutung ist.4 Anschließend soll Lotte in ihren weiblichen Facetten analysiert werden. Dabei spielt zunächst ihre Häuslichkeit und die eingenommene Mutterrolle gegenüber ihren Geschwistern eine Rolle. Danach soll ihre Lektüre und ihr Verhältnis zur Natur untersucht werden, worauf die Betrachtung ihrer Sexualität und Anziehungskraft auf Männer folgt. Die Frage nach der Autonomie Lottes, ob sie frei handelt und in wieweit sie als entscheidungsmündige Person gesehen wird, soll im Kontext ihrer vorangegangenen Facetten und im Kontext des 18. Jahrhunderts stehen. Nach der Analyse und Bewertung vorangegangener Dinge soll eine Analyse von Werthers Idealen führen.

2 Die Frau im 18. Jahrhundert

Goethe schrieb die erste Fassung des Werthers im Jahr 1774.5 Um Werthers Frauenbild nachzuvollziehen müssen die sozialen Normen und impliziten Regeln der Gesellschaft, deren Einhaltung über den Erfolg und die Zugehörigkeit zum Sozialleben entscheiden, berücksichtigt werden.6

Im Verlauf des 18. Jahrhunderts gab es eine aus heutiger Sicht rückschrittliche Veränderung: In der ersten Hälfte wurde noch das Bild der gelehrten Frau propagiert. Die Frau war hier idealerweise gebildet und intellektuell, obwohl es zu dieser Zeit keine systematische Bildung für Frauen gab. Doch sowohl die Verleger Weimar-Jenas als auch das große, literarisch zu begeisternde, Publikum waren ideale Bedingungen für den Zugang zu Büchern und Zeitschriften.7

Gegen Ende des Jahrhunderts, in der Entstehungszeit des Werthers, wurde diese Vorstellung abgelöst von der Idee des natürlichen Geschlechtscharakters der Frau. Aufgrund der ihr zugeschriebenen passiven Eigenschaften, Tugendhaftigkeit, Sittsamkeit und Fleiß war ihr die Rolle der Ehefrau und Mutter zugedacht.8 Schönheit wurde aufgewertet, Gelehrsamkeit galt nun plötzlich als Widerspruch zur „schönen Weiblichkeit“. Frauen wurden nicht als mündigen, autonome Subjekte wahrgenommen, sondern hatten bestimmte Aufgaben zu erfüllen und benötigten eine durch den Vater, Bruder oder Gatten ausgeübte Geschlechtsvormundschaft.9 Gemäß bürgerlicher Charakterdefinition galt die Frau also als passiv, emotional, duldend, der Mann als aktiv, rational, durchsetzungsfähig.

Dieses Rollenkonzept trennte die gesellschaftlichen Räume: Die Frau gehörte ins Haus, der Mann in die Öffentlichkeit. Da die Erwerbsarbeit aber in der Regel für den Unterhalt der Familie gebraucht wurde, stand das Konzept der nicht erwerbstätigen bürgerlichen Hausfrau und Mutter der Realität oft drastisch entgegen. Die Frau sah sich einem nur schwer erfüllbaren Ideal ausgesetzt. Weibliche Vollkommenheit sollte durch optimale Erfüllung gesellschaftlicher Anforderungen erreicht werden.10 Auch die Einhaltung der Hofetikette und passende Kleidung, welche einen großen Kostenfaktor darstellte, für Anlässe wie Bälle, wurde erwartet.11 Sowohl innerhalb des bürgerlichen als auch des adeligen Standes erfolgte die Erziehung der Frauen mit Blick auf ihre zukünftige Rolle als Ehefrau. Auch um 1800 sollte die Frau drei Hauptaufgaben erfüllen. Neben einer perfekten Hausfrau hatte sie treusorgende Mutter und liebevolle Gattin zu sein.12 Zur Unterhaltung sollte eine Ehefrau gut vorlesen können, musizieren können und über Allgemeinbildung verfügen.13

Die Familie galt als Keimzelle der Gesellschaft, weshalb Treue von der Frau erwartet wurde. Sie hatte die „Hochachtung und Liebe ihres Gatten“ zu erhalten und sollte „unreine und schändliche Begierden“ vermeiden.14 Schließlich sei es „unnatürlich und gottlos“ wenn eine Frau untreu ist, der religiöse Druck wirkte zusätzlich auf die Frau.15 16

3 Lotte

Die Binnenhandlung des Briefromans ist stark gerafft (10. Mai 1771- 17.Dezember 1772) auf 89 Seiten, die erzählte Zeit ist also um einiges länger als die Erzählzeit. Somit gibt uns die Auswahl des Erzählten, der Szenen, die Weither als erwähnenswert empfindet, deutliche Hinweise auf Werthers Prioritäten (in Annahme, dass der fiktive Herausgeber die Briefe vollständig überliefert hat).

Lotte ist „wie eine Venus, die aus mehreren Schönheiten herausstudiert wurde [...], eine Figur, die obgleich die Hauptzüge von einer geliebten Frau stammen, eine Gestalt mit den Eigenschaften mehrerer ,hübscher Kinder‘“

ist. Auch Goethe selbst spricht von „mehreren Lotten“.17 Es ist also sinnvoll, diese aufzuschlüsseln, um ein systematisches Bild von Lotte, wie sie Werther sieht, zu erhalten. Der Briefroman bietet neben der Möglichkeit der Herausgeberfiktion auch Raum für Gefühlsausbrüche, Schwärmereien und erlaubt Subjektivität. Letztere erklärt, dass Anmut, Natürlichkeit, Schlichtheit, Herzensbildung, Unschuld, Liebe, Treue, Empfindsamkeit und Häuslichkeit Lotte im Superlativ zugeschrieben werden.18 Man könnte sagen, Lotte selbst als Figur ist eine Allegorie auf weibliche Tugenden. Gerade durch diese übertriebene Darstellung zeichnen sich Werthers Ideale deutlich ab.

Die folgenden Kapitel sind chronologisch nach der Reihenfolge der aufblitzenden Facetten Lottes gegliedert: die Vesperszene, die gewaltige und von Gewitter dramatisierte Klopstock Szene auf dem Ball und die zunehmende Begierde nach einer nicht nur platonischen Beziehung nach Lotte.

3.1 Häuslichkeit, Familie & gesellschaftliche Konvention

Bezeichnenderweise ist die rührende häusliche Szene die erste und, im Gegensatz zum Großteil des Romans, repetitiv erzählte Szene, in der Lotte in Erscheinung tritt (vgl. W 18ff, 79). Weither ist begeistert von der Mutterrolle, die Lotte für ihre Geschwister einnimmt. Es ist für ihn das „Reizendste Schauspiel“, was er „jemals gesehen“ hat (W 19). Ihm scheint die mütterliche und aufopfernde Seite an Frauen sehr wichtig zu sein.

In jener Szene der ersten Begegnung mit Lotte ist Albert außer Haus und auch über den Roman hinweg erfüllt er seine typisch männlichen Pflichten. Hier ist das typische Rollenmodel erfüllt, die Frau hat einen wohlhabenden, fleißigen und erfolgreichen Versorger und widmet sich dem Familienleben (vgl. W 44). Dass Lotte im Gegensatz zu Werther akzeptierter Teil der Gesellschaft ist, mag ihm missfallen (vgl. W 69ff, W 114). Bei aller Munterkeit, mit der sie die Aufgaben im Haushalt und der Geschwistererziehung nach dem Ableben ihrer Mutter ausführt, ist sie verzweifelt, da sie ihre Aufgaben nicht als eigenständige Herausforderung, sondern vielmehr rituelle Beschwörung des Geistes der Mutter sieht, die sie dann doch nicht zurückholen kann. Sie strebt nach Selbstverwirkli­chung und Anerkennung.19

Außerdem erlegt sie durch den Zwang in die Mutterrolle eine Ausgrenzung von der nach Universalität strebenden Vernunftskultur.20 Das ursprünglich Natürliche wird hier zum Minderwertigen. Werther bemerkt und versteht Lottes zwiegespaltene, durch den Tod der Mutter erzwungene Beziehung zu ihrer Familie und romantisiert sie. Er sieht ein Ideal, wo eine nicht nur frei handelnde Lotte ist und sieht sich nicht in der Pflicht, dies zu ändern.

[...]


1 Die Hausarbeit bezieht sich auf die erste Fassung des Die Leiden des jungen Werthers von 1774. Die folgenden Angaben der Primärquelle sind Goethe, Johann Wolfgang von: Die Leiden des jungen Werthers. Stuttgart: Reclam 2015 entnommen. (Abkürzung: W Seitenzahl)

2 Heine, Heinrich: Buch der Lieder. Hamburg: Hoffmann & Campe 1849. 7. Aufl. S. 138.

3 Kiermeier-Debre, Joseph: Goethes Frauen. 44 Portraits aus Leben und Dichtung. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2011. S. 80.

4 Vgl. z.B. Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit, Stuttgart: Reclam 1993. S. 149.

5 Kiermeier-Debre, Joseph: Goethes Frauen. 44 Portraits aus Leben und Dichtung. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2011. S. 80.

6 Vgl. Frindte, Julia: Handlungsspielräume von Frauen in Weimar-Jena um 1800. Sophie Mereau, Johanna Schopenhauer, Henriette von Egloffstein. Zuletzt am 10.08.17 aufgerufen unter: https://www.db- thueringen.de/servlets/MCRFileNodeServlet/dbt_derivate_00012758/Frindte.pdf. S. 75.

7 Vgl. ebd. S. 80.

8 Vgl. Paletschek, Sylvia: Adelige und bürgerliche Frauen (1770-1870). In: Elisabeth Fehrenbach (Hrsg.): Adel und Bürgertum in Deutschland 1770 - 1848. München: Oldenbourg, 1994. S. 162.

9 Vgl. Holthöfer, Ernst: Die Geschlechtsvormundschaft. Ein Überblick von der Antike bis ins 19. Jahrhundert. In: Ute Gerhard (Hrsg.): Frauen in der Geschichte des Rechts. Von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart. München: C.H. Beck 1997. S. 390-452.

10 Vgl. Hopfner, Johanna: Mädchenerziehung und weibliche Bildung um 1800. Im Spiegel der populär­pädagogischen Schriften der Zeit. Bad Heilbrunn: Klinkhardt 1990. S. 41.

11 Vgl. Caroline von Egloffstein an Henriette von Beaulieu-Marconnay, Weimar, 10.04.1817, GSA, Bestand Egloffstein, Henriette v. Beaulieu-Marconnay, Eingegangene Briefe, Egloffstein, Karoline v. 1816-1817, GSA 13/33,3.

12 Vgl. Campe, Joachim Heinrich: Väterlicher Rath für meine Tochter. Ein Gegenstück zum Theophron. Köln 1997 (ND der Ausgabe Braunschweig 1796), S. 87.

13 Vgl. ebd. S. 88- S. 117.

14 Vgl. Campe, Joachim Heinrich: Väterlicher Rath für meine Tochter. Köln 1997 (ND der Ausgabe Braunschweig 1796). S. 141f.

15 Vgl. Hippel, Theodor Gottlieb von: Ueber die Ehe. 5.Aufl. Berlin: Reimer 1828. S. 120.

16 Kiermeier-Debre, Joseph: Goethes Frauen. 44 Portraits aus Leben und Dichtung. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2011. S. 79.

17 Goethe, Johann Wolfgang von: Dichtung und Wahrheit. In: Goethe's Werke. Bd. 22. Berlin: Hempel 1875. S. 137.

18 Vgl. Kiermeier-Debre, Joseph: Goethes Frauen. 44 Portraits aus Leben und Dichtung. München: Deutscher Taschenbuchverlag 2011. S. 81.

19 Vgl. Dumiche, Béatrice: Weiblichkeit im Jugendwerk Goethes. Die Sprachwerdung der Frau als dichterische Herausforderung. Würzburg: Königshausen & Neumann 2002. S. 60.

20 Vgl. ebd. S. 58.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Werthers Frauenbild. Was sagen die Äußerungen des verliebten Werthers in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" über seine Sicht auf Frauen aus?
Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena  (Neuere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Seminar Literarische Anonymität um 1800
Note
2,0
Jahr
2017
Seiten
13
Katalognummer
V1015151
ISBN (eBook)
9783346410979
ISBN (Buch)
9783346410986
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Goethe, Werther, Frauenbild, Frauenrolle, Frau, Anonymität, Herausgeberfiktion, Lotte, Sturmunddrang, Klassik
Arbeit zitieren
Anonym, 2017, Werthers Frauenbild. Was sagen die Äußerungen des verliebten Werthers in Goethes "Die Leiden des jungen Werthers" über seine Sicht auf Frauen aus?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1015151

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