Die Mathewerkstatt


Ausarbeitung, 2000

8 Seiten


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Die Mathewerkstatt

1. Einleitung

Die vorliegende Arbeit soll dem Leser das Thema und den Raum “Mathematikwerkstatt” beschreiben.

In der Einleitung wollen wir kurz eine Definition des Begriffes Mathewerkstatt darstellen. Dies wird in Punkt zwei unserer Arbeit noch differenzierter ausgeführt und beschrieben. Im dritten Teil sollen zum einen die Organisationsformen, die in einer Mathematikwerkstatt vorkommen können, näher erörtert werden. Hierbei beziehen wir uns vor allem auf Käthi Zürcher und Jürgen Reichen. Zum anderen soll die Rolle des Lehrers in einem solchen Mathekabinett vor bzw. während der Werkstattphase präzise dargestellt sowie die Aufstellung der Regeln, die in einer solchen Werkstatt gelten, sollen behandelt werden.

Im vierten Punkt wollen wir auf die Lernziele der Mathewerkstatt eingehen. Abschließend steht unser Resumee zur Disposition, welches die positiven und negativen Seiten, einerseits der Autoren unseres Literaturverzeichnisses, andererseits unserer eigenen Erfahrungen nach, darstellen sollen.

Definition des Begriffes “Mathematikwerkstatt”:

Die Mathematikwerkstatt ist eine vorbereitete schulische Lernumwelt. Den Schülern steht eine Vielzahl an Lernmaterialien, -aufgaben und - situationen für Einzel-, Partner- oder Gruppenarbeit zur Verfügung. Für unser Referat besuchten wir die Werkstätten in Roßdorf und Hanau.

2. Was ist eine Mathewerkstatt?

Die Mathematikwerkstatt dient dazu, den Schülern (hier: Grundschüler) eine Unterstützung des Gelernten zu bieten. Sie befindet sich meistens in einem eigens dafür vorgesehenen Raum in der Schule und ist nach Lernmaterialien sortiert. In Hanau finden wir zum Beispiel eine Geometrieecke, eine Rechenecke und eine Bauecke. Es gibt allerdings auch Mathewerkstätten, die im Klassenraum zu finden sind. Diese sind im Regelfall natürlich weniger gut bestückt, wie in einem eigenen Raum. Da der Klassenraum auch für andere Fächer genutzt wird, kann man hier nicht mit verschiedenen Themen arbeiten, sondern muß sich auf einige wenige beschränken. Es fehlt an Platz und Möglichkeiten. Die in einem eigenen Raum befindliche Mathewerkstatt sollte so aufgebaut sein, daß sie für die Kinder leicht überschaubar ist. Die Spiele sollten nicht in Schränken verschwinden, sondern sichtbar in Regalen oder auf der Fensterbank stehen und für die Schüler frei zugänglich sein. Natürlich ist das nicht für alle Spiele und Requisiten aus dem Mathematikbereich möglich, aber durch geschicktes Aussuchen kann der vorher schlichte Raum sehr leicht in einen sehr attraktiven Raum umgestaltet werden. Doch nicht nur durch die einzelnen Spiele sollte der Raum optisch ansprechbar sein. Dunkle und triste Farben sollten außen vor gelassen werden. Je heller und farbenfroher desto besser, denn das Lernen soll hier Spaß machen und die Schüler keinesfalls erdrücken. Die Vorbereitung der Lernangebote und -materialien sowie des organisatorischen Rahmens geschieht sehr langfristig und nimmt damit entsprechend Zeit in Anspruch. Es muß ein großes Gesamtangebot entwickelt, strukturiert und bereitgestellt werden, das mehrschichtig ist und den Kindern möglichst viele Erfahrungs- und Lernzugänge bietet.

3. Werkstattunterricht

Die Lernangebote in der Mathewerkstatt sollten so konzipiert sein, daß die Kinder die Arbeitsaufträge eigenständig bearbeiten und auch eigene Ideen, sowie neue Lösungswege einbringen können. Die Schüler sollten allerdings auch selbst entscheiden können, auf welches Gebiet sie sich heute begeben möchten. Der Lehrer hat allerdings auch die Möglichkeit sich auf ein Gebiet (beispielsweise: die Geometrie) zu beschränken, so daß der Aufenthalt in der Mathewerkstatt an den Mathematikunterricht anschließen kann. Es sollte den Kindern ermöglicht sein, zwischen Aufgabenfolge und Art der Sozialform frei zu wählen und mittels Selbstkontrolle die gelösten Aufgaben auf Richtigkeit zu überprüfen. Im Werkstattunterricht wird nicht nach Reihenfolge mit der ganzen Klasse, sondern in Zeitblöcken und individuell gearbeitet. Über Zeitpunkt, Tempo und Rhythmus entscheiden die Kinder weitgehend selbst. Werkstattunterricht stellt somit eine Arbeitsform dar, die ein “aktives, intensives, handlungsorientiertes und zunehmend selbständiges Lernen ermöglicht.” (Claussen, 1996, S. 40).

3.1 Organisationsformen

Es gibt verschiedene Arten von Organisationsformen beim Werkstattunterricht. Wir wollen hier insbesondere auf die Autoren Käthi Zürcher1 und Jürgen Reichen2 eingehen.

Zürcher unterscheidet zwischen zwei Werkstatt-Arten:

1. Der Fertigkeitswerkstatt
2. Der Erfahrungswerkstatt.

Bei der Erfahrungswerkstatt geht es um das Erleben und Verstehen. Den Kindern werden anhand bestimmter Lernangebote, -materialien und - situationen sowie definierter Arbeitsaufträge neue Erfahrungen und Entdeckungen vermittelt.

Um das Üben, Anwenden und Vertiefen bereits vorhandenen Wissens geht es bei der Fertigkeitswerkstatt.

Jürgen Reichen unterscheidet zwischen vier Werkstattformen:

1. Die programmierte Werkstatt
2. Die begleitende Werkstatt
3. Die reine Werkstatt
4. Die gemischte Werkstatt

Beim programmierten Werkstattunterricht steht den Kindern ein großes Lernangebot zur Verfügung, das mit geordneten Aufgaben zur Bearbeitung in einer bestimmten Reihenfolge abzielt. Der begleitende Werkstattunterricht wird während des normalen Unterrichts eingesetzt und dient als freiwilliges Ergänzungsangebot. In dem mit anderen Unterrichtsformen gemischten Werkstattunterricht werden im Gegensatz zum reinen Werkstattunterricht Phasen für gemeinsame Aktivitäten der ganzen Klasse oder für Einführungen und Instruktionen eingeschoben.

Nach Reichen kann der Werkstattunterricht unterschiedlich lang dauern, zum Beispiel eine Stunde täglich, ein Tag pro Woche, ein bis zwei Tage hintereinander oder durchgehend ein bis zwei Wochen. Wir haben in den Schulen in Hanau und Roßdorf allerdings die Erfahrung gemacht, daß der Werkstattunterricht meistens nach einer abgeschlossenen Unterrichtseinheit zur Wiederholung des Gelernten gemacht wird. Dies nennt man Angebotsunterricht. Die Schüler entscheiden aus einem bestimmten Angebot, welches Lernspiel sie bearbeiten möchten. Bei der freien Schülerarbeit, bei welcher der Lehrer keine Vorgaben macht, können die Kinder selbst entscheiden, welche Lernaufgaben sie bearbeiten möchten.

Reichen betont, daß für eine Lernwerkstatt Lernangebote und -materialien notwendig sind, mit denen die Schüler selbständig umgehen und arbeiten können. Arbeitsaufträge sollten anregend, leicht verständlich und mit Kontrollmöglichkeiten bestückt sein. Bei den Lernangeboten sollte auf den ersten Blick sichtbar sein, welchen Schwierigkeitsgrad sie enthalten. Auch der Grad der Verbindlichkeit sollte bei den Arbeitsaufträgen nicht fehlen. Dies kann in Form von Symbolen geschehen, die für die Kinder leicht verständlich sind. Eine lachende Sonne beispielsweise für eine freiwillige Aufgabe, ein rotes Ausrufezeichen für eine verbindliche Aufgabe. Den Schwierigkeitsgrad könnte man mit Würfelpunkten von eins bis sechs charakterisieren.

Bei der Arbeit in der Lernwerkstatt sprechen sich Reichen und Zürcher für einen sogenannten Werkstattpaß aus. Dieser Paß dient als Übersicht für die Kinder und für den Lehrer. Die Schüler können dort vermerken, welche Lernangebote sie bearbeiten wollen oder welche sie bereits erledigt haben.

3.2 Die Rolle des Lehrers

Für den Lehrer entfallen während der Werkstattphase wichtige Aufgaben, wie Wissensvermittlung, Erklärung, Demonstration sowie Organisation und Anleitung zum Üben und Festigen des Lernstoffes. Die größte Arbeit hat der Lehrer im Vorfeld der Werkstattphase im Falle, daß bestimmte Lernangebote erst noch bereitgestellt werden müssen. Im Werkstattunterricht selbst bietet sich daher die Möglichkeit für den Lehrer, die Schüler intensiv zu beobachten und die Fähigkeiten und Bedürfnisse der einzelnen Kinder zu diagnostizieren. Er kann beobachten, wie sich die Schüler in Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten entwickeln und wie sich diese verschiedenen Sozialformen auf das individuelle Arbeitsverhalten und auf das soziale Miteinander auswirkt. Für den Lehrer ist diese Art von Beobachtung und Feststellungen natürlich um ein vielfaches einfacher, da die Schüler selbständig arbeiten und auf seine Hilfe nur in Einzelfällen angewiesen sind, ganz anders als im Klassenverband. Die Beobachtungen von Arbeits-, Lern- und Sozialverhalten kann der Lehrer dann gezielt im “normalen” Unterricht berücksichtigen. Im Werktstattunterricht hat der Lehrer auch die Möglichkeit, sich intensiver mit einzelnen Kindern befassen und auf deren Probleme eingehen. Er kann anleiten und betreuen, kann Fragen, Aktivitäten, Entdeckungen, Erfahrungen, Überlegungen und Lernprozesse anregen und intensiv über diese Erfahrungen und Erlebnisse mit den einzelnen Schülern sprechen.

Der Lehrer kann die Kinder bei schwierigen Aufgaben unterstützen oder auch mal als Mitspieler wirken. Eine didaktische Zurückhaltung des Lehrers ist im Werkstattunterricht dennoch sehr wichtig, um den Schülern ein selbständiges Arbeiten und Lernen zu ermöglichen. Er sollte bei Problemen helfen, den Lernprozeß der Schüler jedoch nicht stören. Den Kindern sollte der Anreiz zum Selberprobieren und -entdecken erhalten bleiben. Im “Alltagsunterricht” ist so etwas für den Lehrer kaum möglich.

3.3 Regeln in der Lernwerksatt

Ohne gewisse Regeln geht es im Leben nicht. So ist es auch in der Mathewerkstatt. Bevor der erste Werkstattunterricht stattfindet, sollten in der Klasse die verschiedenen Regeln erarbeitet, diskutiert und mit den Schülern vereinbart werden.

Wichtige Regeln für die Mathewerkstatt sind zum Beispiel:

- leise sein
- nicht rennen
- alle Spiele nach der Benutzung sofort aufräumen und auf seinen Platz bringen
- anderen Kindern bei Schwierigkeiten helfen und anderes.

Die Verhaltensregeln sollten notiert und gut sichtbar in der Werkstatt aufgehängt werden. Sehr wichtig ist, daß die Schüler die Regeln möglichst selbst aufstellen, weil sie sich dann am ehesten daran halten. Mancherorts soll es sogar Verträge geben, die die Kinder unterschreiben müssen, bevor sie die Mathewerkstatt “entdecken” dürfen. Ob dies so sinnvoll ist, möchten wir bezweifeln. Regeln, die sichtbar im Raum, von den Kindern selbst erstellt wurden, sollten unserer Ansicht nach genügen, um zum Gelingen der Werkstattphase beizutragen.

4. Lernziele

Lernen ist ein aktiver Prozeß. Wissen kann nicht einfach nur vermittelt werden, sondern muß aktiv-entdeckend aufgebaut werden. Denkstrukturen werden mit Unterstützung wiederholter Handlungen durch geeignetes Material aufgebaut. Da jedes Kind anders lernt, bietet sich eine Differenzierung im Umgang mit Lernmaterial an. In der Mathewerkstatt können die Schüler selbst entscheiden, welches Lernmaterial sie wie lange zur Unterstützung benötigen. Lernmaterialien sind immer dann besonders wichtig, wenn im Unterricht Selbständigkeit, Selbsttätigkeit, Selbstentdeckung und Individualisierung im Lernen gefördert werden sollen. Aktiv-entdeckendes Lernen braucht Freiraum zum Probieren, Experimentieren und Entdecken eigener Lösungswege und zum Erkennen innerer Zusammenhänge. Da Lernen ein soziales Geschehen ist, ist ebenfalls ein Freiraum nötig, damit die Kinder mit- und voneinander lernen, Rücksicht nehmen und die Erfahrung machen, anderen zu helfen und sich von anderen helfen zu lassen. Die Schüler lernen auch, sich selbst einzuschätzen, da sie entscheiden dürfen, welche Lernangebote sie in welchem Zeitraum bearbeiten. Dies dient zugleich zur Selbstverantwortung und stärkt die Arbeitshaltung. Werkstattunterricht begünstigt neben der Individualisierung des Lernens auch die soziale Interaktion, Gemeinschaftsbildung und Kommunikation der Schüler untereinander.

5. Resümee

Die Mathematikwerkstätten in Hanau und Roßdorf haben uns sehr gut gefallen. Begeistert waren wir vor allem von der Vielfalt der zur Verfügung stehenden Spiele und Arbeitsmaterialen. Die Lernwerkstatt ist für uns zu einem wichtigen Bestandteil der Schule geworden, da wir erlebt haben, wie sehr sich Kinder in die Arbeit stürzen, wenn sie gar nicht merken, daß sie arbeiten. Sehr gut gefallen hat uns, daß die Schüler völlig selbständig gearbeitet und sich gegenseitig geholfen haben. Das Lernen Spaß machen kann, haben uns die beiden Lernwerkstätten bewiesen und der Lehrer hat auch mal die Möglichkeit, sich mit einzelnen Schülern intensiv zu beschäftigen.

Wir haben allerdings auch lernen müssen, daß es nicht leicht ist, eine Mathewerkstatt einzurichten. Als Kurs sind wir damals an unsere Grenzen gestoßen, was zum Beispiel das Budget der Mathematik betrifft, beim Selbstbasteln der einzelnen Spiele und natürlich auch bei der eigenen Motivation.

Letztendlich zählt aber das Ergebnis, welches die Schwierigkeiten vergessen läßt. Die Motivation und die Begeisterung der Kinder ist ausschlaggebend dafür, daß wir die Mathematikwerkstatt für sehr sinnvoll und geeignet halten. Den Kindern auf die ein oder andere Weise selbständiges Lernen zu ermöglichen und ihnen den Spaß am Lernen näher zu bringen, ist mit dem Bestehen einer Mathewerkstatt vielleicht ein bißchen einfacher geworden und sollte auf jeden Fall von jedem Lehrer genutzt werden.

[...]


1 Käthi Zürcher: Werkstatt-Unterricht 1 x 1. Didaktisches und Praktisches. 1991

2 Jürgen Reichen: Mensch und Umwelt. 1995

8 von 8 Seiten

Details

Titel
Die Mathewerkstatt
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Mathematisches Hauptseminar für Lehramt Nebenfach Mathe
Autoren
Jahr
2000
Seiten
8
Katalognummer
V101566
Dateigröße
339 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Mathewerkstatt, Mathematisches, Hauptseminar, Lehramt, Nebenfach, Mathe
Arbeit zitieren
anja sturm (Autor)Katrin Weirauch (Autor), 2000, Die Mathewerkstatt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101566

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