Neue Konzepte zu Drogenkonsum und Drogenhilfe


Hausarbeit, 2001

28 Seiten, Note: sehr gut


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit
2.1. Allgemeine Begriffsbestimmungen
2.1.1. Der Begriff der Droge
2.1.2. Der Begriff der Drogenabhängigkeit
2.2. Der Prozeß vom Drogenkonsum in die Drogenabhängigkeit
2.3. Folgen des illegalen Drogenkonsums

3. Ursachen der Drogenabhängigkeit
3.1. Klassische Erklärungsansätze
3.1. Person – Umwelt – Droge – Ansatz

4. Wandel in der Drogenhilfe
4.1. Der traditionelle Ansatz
4.2. Der Ansatz der akzeptanzorientierten Drogenhilfe
4.2.1. Begriffserklärungen
4.2.2. Prämissen
4.2.3. Ziele
4.3. Heutige Drogenhilfe

5. Schlußbetrachtung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Illegaler Drogenkonsum steht von jeher in der öffentlichen Diskussion. Er löst in der Gesellschaft Gefühle von Unbehagen, Schrecken, Ohnmacht oder Resignation aus. Wie aber soll mit diesem Problem umgegangen werden?

Die herrschende Drogenpolitik kriminalisiert die Gebraucher illegaler Drogen und läßt sie nach dem Prinzip „Therapie statt Strafe“ unter Zwang als Kranke behandeln. Doch läßt sich das Problem so lösen? Eher das Gegenteil ist der Fall: seit mehr als 20 Jahren ist ein stetiger Anstieg illegalen Drogenkonsums zu verzeichnen, Therapien werden nur unter Zwang begonnen, aber zu einem Großteil auch wieder abgebrochen. Das Resultat ist die immer noch öffentlich sichtbare gesundheitliche und soziale Verelendung illegaler Drogengebraucher mit ihren Begleiterscheinungen von Beschaffungskriminalität, Prostitution, bis hin zu AIDS- und Hepatitis- Erkrankungen. Dies trägt neben der Medienberichterstattung dazu bei, das in den Köpfen der Menschen vorherrschende Bild vom Drogenkonsum als Einbahnstraße in den sogenannten Drogentod auf öffentlichen Toiletten zu verfestigen.

Spätestens seit der epidemiehaften Ausbreitung von AIDS-Erkrankungen unter intravenös applizierenden Drogengebrauchern Mitte der 80er Jahre ist in der Drogenhilfe jedoch ein Umdenken zu konstatieren. Es wurde zunehmend Kritik am Umgang mit illegalen Drogenkonsumenten laut: neben der herrschenden Drogenpolitik wurde das Abstinenzparadigma in Frage gestellt. Es bildete sich ein Ansatz heraus, der seine Prioritäten auf die Verbesserung der momentanen Lebenssituation von Konsumenten legt und sie als Drogenkonsumenten akzeptiert. Dieser „akzeptanzorientierte Ansatz“ will zuvorderst Schadensbegrenzung betreiben, um so langfristig zu einem Leben ohne Drogen zu motivieren. Die Frage ist nun, ob dieser Ansatz Eingang in die heutige Drogenhilfe gefunden hat, ob er einen Wandel im Umgang mit den Betroffenen bewirken konnte oder ob er dem Abstinenzansatz als ohnmächtiger Gegner gegenübersteht.

Zur Klärung dieser Fragen werden im Rahmen der vorliegenden Arbeit neue Erkenntnisse und Ansätze zu Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit dargelegt. Auf dieser Grundlage wird das traditionelle abstinenzorientierte Vorgehen in der Drogenhilfe dem Akzeptanzansatz gegenübergestellt. Abschließend wird dann überprüft, inwieweit von einem Wandel in der Drogenhilfe gesprochen werden kann.

2. Drogenkonsum und Drogenabhängigkeit

2.1. Allgemeine Begriffsbestimmungen

Im folgenden soll versucht werden, den Begriff der Drogenabhängigkeit zu definieren bzw. darzustellen, welche allgemeinen Begriffsbestimmungen vorherrschen. Zuvor ist es jedoch notwendig, den Begriff der Droge zu beleuchten.

2.1.1. Der Begriff der Droge

Unter Drogen werden in der Umgangssprache meistens die Substanzen zusammengefaßt, deren Konsum strafrechtliche Folgen nach sich zieht und mit denen man die sozial und gesundheitlich verelendeten „Fixer“ oder „Junkies“ in Zusammenhang bringt. Allerdings fallen unter den Begriff der Droge nicht nur illegale Substanzen wie z.B. Heroin, Kokain, LSD, Cannabisprodukte und Amphetamine, sondern auch legale Substanzen wie Koffein, Nikotin, Alkohol und z.T. Medikamente.

Ihnen gemeinsam ist, daß sie das zentrale Nervensystem des Menschen beeinflussen, weshalb sie auch als psychoaktive Substanzen bezeichnet werden.

Die schon seit Jahrhunderten bestehende Unterscheidung zwischen legalen und illegalen Drogen beruht nicht auf wissenschaftlichen Erkenntnissen über Pharmakologie oder Wirkung der Substanzen, sondern ist historisch aufgrund bestimmter Interessenkonstellationen gewachsen. Sie informiert ausschließlich über das Ausmaß der kulturellen Integration und Akzeptanz. Nach Böllinger (1995) „schreibt (diese Einteilung) lediglich die herrschende Doppelmoral in der Drogenpolitik fest“ (S.24). Während der Gebrauch illegalisierter Substanzen strafrechtlich verfolgt wird, die Konsumenten stigmatisiert und ausgegrenzt werden, gelten legale Drogen als kulturell und sozial akzeptiert, obwohl ihnen ebenso ein Abhängigkeitspotential zugeschrieben wird.

Um Mißverständnissen vorzubeugen, sollen im folgenden unter Drogen „alle Stoffe, Mittel, Substanzen, die aufgrund ihrer chemischen Natur Strukturen oder Funktionen im lebenden Organismus verändern, wobei sich diese Veränderungen insbesondere in den Sinnesempfindungen, in der Stimmungslage, im Bewußtsein oder in anderen psychischen Bereichen oder im Verhalten bemerkbar machen“ (WHO-Definition, zit. nach Vogt/Scheerer 1989, S.5f.), verstanden werden.

2.1.2. Der Begriff der Drogenabhängigkeit

Drogenkonsum ist nicht gleichbedeutend mit Drogenabhängigkeit. Eine Droge, ob nun legal oder illegal, kann einmal oder mehrfach konsumiert werden, ohne sofort in die Abhängigkeit zu rutschen. Was aber bedeutet Drogenabhängigkeit genau?

Als Wortführer der Wissenschaft mit „Definitionsmacht“ (Böllinger 1995, S.26) ausgestattet, wird die Weltgesundheitsorganisation (WHO) gesehen. Diese verwendete zunächst nicht den Begriff der Abhängigkeit, sondern den der Sucht. Darunter wurde „ein Zustand periodischer oder chronischer Intoxikation, der durch die wiederholte Einnahme einer (natürlichen oder synthetischen) Droge hervorgerufen wird“ (zit. nach Vogt/Scheerer 1989, S.14), verstanden. Eine Tendenz zur Dosissteigerung und die Folge einer physischen und psychischen Abhängigkeit von der Wirkung der Droge wurden als Charakteristika genannt. 1964 führte die WHO erstmals den Begriff der Drogenabhängigkeit ein, nachdem „Sucht“ nicht hinreichend wirksam erschien, die vielfältigen Wirkungsweisen von Drogen zu erfassen. Drogenabhängigkeit wird seitdem definiert als ein „Zustand, der sich aus der wiederholten Einnahme einer Droge ergibt, wobei die Einnahme periodisch oder kontinuierlich erfolgen kann. Ihre Charakteristika variieren in Abhängigkeit von der benutzten Droge“ (ebd., S.15). Man war also zu der Einsicht gelangt, daß es nicht nur eine Form der Abhängigkeit gibt, sondern daß die Wirkungsweisen der einzelnen Drogentypen zu unterscheiden sind. Es wurden sieben Typen von Abhängigkeit festgelegt, wobei diese aus den festgelegten Substanzgruppen (Morphine, Barbiturate und Alkohol, Kokain, Cannabis, Amphetamine, Khat, Halluzinogene) resultieren.

Obwohl gemäß WHO „Sucht“ durch „Abhängigkeit“ ersetzt wurde, werden heute meistens beide Begriffe nebeneinander verwendet. Allerdings gibt es auch hier Definitionsschwierigkeiten: während Hurrelmann/Bründel (1997) unter „Sucht“ eher den Prozeß, der in die Abhängigkeit führt, verstehen (S.14), sieht Scheerer (1996) den Begriff in starker Abgrenzung zum „Endstadium“ der Sucht (S.32.).

Es gibt folglich nach wie vor nicht die Definition von Abhängigkeit an sich. Üblich ist jedoch die Unterscheidung hinsichtlich physischer und psychischer Abhängigkeit. Bei der physischen Abhängigkeit werden die Entzugserscheinungen, die beim Absetzen der Droge auftreten, als charakteristisch angesehen. Diese variieren in Abhängigkeit von der Person und der Substanz und äußern sich in Unruhe, Gereiztheit, Schwitzen, Schüttelfrost, Schwindelgefühlen, Schlafstörungen, Übelkeit und Erbrechen sowie Schmerz. Die Ursache für das Auftreten von Entzugserscheinungen liegt in der Gewöhnung an die Substanz. Um ähnliche Effekte wie zuvor zu erzielen, muß die Dosis ständig gesteigert werden. Wird die Droge nicht mehr zugeführt, kommt es zu den beschriebenen Entzugserscheinungen, da die Substanz im Verlauf des Konsums in den Stoffwechsel eingebaut wurde und dieser nun gegenregulieren muß (vgl. Hurrelmann/Bründel 1997, S.16). Unter psychischer Abhängigkeit wird verstanden, daß der Drogengebraucher seinen Konsum nicht mehr unter Kontrolle hat. Dem Verlangen nach der Droge wird alles untergeordnet, was zuvor wichtig war. Der „Stoffhunger“ regiert das Leben und äußert sich in Ängsten und Depressionen oder sogar in Selbstmordabsichten.

Physische und psychische Abhängigkeit können getrennt voneinander oder auch nebeneinander bestehen. Dabei wird angenommen, daß manche Substanzen hauptsächlich physische Abhängigkeit bewirken (Opiate, Schlafmittel, Nikotin, Alkohol etc.) und andere vor allem psychische Abhängigkeit hervorrufen (LSD, Cannabis, Kokain).

2.2. Der Prozeß vom Drogenkonsum in die Drogenabhängigkeit

Physische und/oder psychische Abhängigkeit müssen nicht grundsätzlich das Resultat des Drogenkonsums sein: „Die sogenannte Stepping-Stone-Hypothese der quasi automatischen Vorwärtsentwicklung zum Status ‚der Drogenabhängigkeit‘ entspricht nicht der Realität drogaler Lebensformen“ (Schneider 2000, S.64). Angesprochen wird hier, daß es auch Gelegenheitsgebraucher, kontrollierten und risikobewußten Drogengebrauch und Selbstaussteiger ohne professionelle Hilfe gibt. Ein zwanghafter und exzessiver Gebrauch ist nur ein mögliches Stadium und der Verlauf hin zur Drogenabhängigkeit nicht die logische Konsequenz.

Das Experimentieren mit Drogen ist besonders für Jugendliche typisch. Sie greifen meist aus Neugier und in einer Gruppe von Gleichaltrigen zur Droge und lassen es dann mehrheitlich dabei bewenden. So liegt z.B. nach einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung die Zahl der Ecstacy-Probierer, die nur ein – bis fünfmal konsumieren bei ca. 60% (vgl. Freitag 1999, S.53). Der Umschlag vom experimentellen zum mißbräuchlichen Konsum wird meist darin gesehen, wenn die Droge regelmäßig und exzessiv konsumiert wird oder wenn sie als Mittel der Lebens- und Problembewältigung dient. Es gibt nach Hurrelmann/Bründel (1997) jedoch „keine klare Trennlinie zwischen Gebrauch und Mißbrauch“ (S. 10). Dieser Übergang ist eher als Kontinuum zu sehen und vollzieht sich fließend. Vom gelegentlichen und dem regelmäßigen Gebrauch über die Gewöhnung bis hin zum Kontrollverlust und schließlich der Abhängigkeit kann dieser Prozeß verlaufen. Dabei wirken eine Vielzahl von Faktoren aus den Bereichen Person, Umwelt und Droge ein.

Hat sich der Prozeß vom Gebrauch in die Abhängigkeit vollzogen, bedeutet dies jedoch nicht, daß kein Entrinnen mehr möglich ist. Nach der „Maturing-Out-These“ gibt es durchaus kompulsive Drogengebraucher, die durch sogenannte „Reifungsprozesse“ ohne professionelle Hilfe aus der Abhängigkeit herauswachsen (vgl. Schneider 2000, S. 114). Hier spielen allerdings vielfältige Bedingungen eine Rolle: soziale Unterstützung, Wahrnehmung der eigenen Situation und der eigenen Fähigkeiten, materielle Ressourcen und schließlich die eigene Motivation und der Druck von außen.

Zusammenfassend soll an dieser Stelle verdeutlicht werden, daß es nicht „die Drogenabhängigkeit“ an sich gibt, daß Drogen kontrolliert konsumiert werden können, und daß ein Selbstausstieg aus der Abhängigkeit unter Umständen möglich ist. Festzuhalten ist andererseits, daß jedem Drogenmißbrauch ein unkontrollierter Gebrauch vorher geht. Beim Konsum illegaler Substanzen ist dann die Möglichkeit, den mißbräuchlichen Konsum zu reduzieren, besonders erschwert durch die Kriminalisierung der Gebraucher. Welche Folgen illegaler Drogenkonsum hat, soll daher nun dargestellt werden.

2.3. Folgen des illegalen Drogenkonsums

Die Folgen, die der Konsum illegaler Substanzen für den Gebraucher hat, sind eng mit der Gesetzgebung verknüpft. Daher lassen sich die Folgen mißbräuchlichen Konsums nicht nur auf die psychische und physische Abhängigkeit reduzieren. Im folgenden werden aus diesem Grund die Auswirkungen des Drogenkonsums im Hinblick auf die Kriminalisierung der Konsumenten beleuchtet.

Die Kriminalisierungsstrategie der Drogenpolitik konnte keine Erfolge verzeichnen. Eher das Gegenteil ist der Fall: „Das Verbot illegaler Drogen, also die herrschende repressive Drogenpolitik hat (...) in den letzten 20 Jahren mehr Schaden angerichtet, als es die Drogen selbst je vermocht hätten“ (Schmidt-Semisch 1996, S. 23). Angesprochen wird hier der sehr schlechte Gesundheitszustand der Drogenkonsumenten und besonders jener der Heroinkonsumenten als Folge der Kriminalisierung. Zurückzuführen ist die gesundheitliche Verelendung vor allem auf den langjährigen Konsum gestreckter Schwarzmarktsubstanzen, mangelnde Spritzenhygiene und den Mischkonsum zur Vermeidung von Entzugssymptomen, da es an Geld für den Stoff fehlt. Kennzeichen des schlechten Gesundheitszustands sind akute gesundheitliche Leiden wie Spritzenabszesse, Zahnverlust, Venenentzündungen u.ä. oder auch schwere chronische Erkrankungen wie Hepatitis, Geschlechtskrankheiten oder Aids, die bis in den Tod führen können. Damit einher geht die Vernachlässigung der Selbstfürsorge und Hygiene in der Lebensführung, vor allem da der Konsument unter ständigem Beschaffungsdruck und der Angst vor Verfolgung lebt. Dieses wirkt sich letztlich auch negativ auf die Psyche Drogenabhängiger aus (vgl. Böllinger 1995, S.42).

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Ende der Leseprobe aus 28 Seiten

Details

Titel
Neue Konzepte zu Drogenkonsum und Drogenhilfe
Hochschule
Universität Vechta; früher Hochschule Vechta  (Institut für Erziehungswissenschaft)
Note
sehr gut
Autor
Jahr
2001
Seiten
28
Katalognummer
V10157
ISBN (eBook)
9783638166713
ISBN (Buch)
9783638717090
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Schwerpunktmäßig wird die traditionelle Drogenhilfe dem Konzept der akzeptanzorientierten Drogenhilfe gegenübergestellt. Schriftliche Hausarbeit im Rahmen der Diplomprüfung.
Schlagworte
Drogenkonsum, DrogenabhängigikeitDrogenhilfe, akzeptanzorientierte Drogenarbeit, akzeptierende Drogenhilfe, Person-Umwelt-Droge-Ansatz, klassische Erklärungsansätze
Arbeit zitieren
Andrea Triphaus (Autor), 2001, Neue Konzepte zu Drogenkonsum und Drogenhilfe, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10157

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