Das Klima Südtunesiens


Ausarbeitung, 2000

16 Seiten


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Referat 1 : Das Klima Südtunesiens

1 Allgemeine Charakteristik des tunesischen Klimas

2 Der aride Süden Tunesiens

3 Klimatische Gliederung Südtunesiens nach Menching

4 Der Schirokko

5 Bedeutung der Niederschlagsvariabilität

1. Allgemeine Charakteristik des tunesischen Klimas:

Tunesien als schmaler nördlicher Teil des Mahgreb liegt im Bereich winterfeuchten semiariden Subtropen und des subtropisch-tropischen Wüstengürtels und ist geprägt durch den Übergang zwischen diesen beiden Klimazonen. Allgemein läßt sich dieses Gebiet folgendermaßen charakterisieren:

1. Das Niederschlagsmaximum liegt im Winter mit Nebenmaxima in den Übergangsjahreszeiten Frühjahr und Herbst.
2. Die sommerliche Trockenzeit ist unter dem Einfluß des stationären Keils des Azorenhochs sehr ausgeprägt.
3. Die Variabilität der jährlichen Niederschlagssummen ist ebenfalls stark ausgeprägt.

Im Sommer liegt Tunesien im Einflußbereich des subtropischen Azorenhochs. Im Gebiet der Sahara entstehen in dieser Zeit flache Hitzetiefs. Das Mittelmeer bleibt in Relation zu den umgebenden überhitzten Landmassen relativ kühl. Die absteigenden Luftbewegungen verhindern die Wolkenbildung. Niederschläge fallen lediglich durch Gewitter bei lokal aufsteigenden Luftmassen. In den Monaten Oktober / November bis März stellt sich die allgemeine Zirkulation auf ihren Wintertypus um. Tunesien gerät dann in den Einfluß der Polarfront-Westwinde. Vor allem die Nordwestküste Tunesiens fällt unter den Einfluß mittelmeerischer Tiefdruckgebiete, die aus dem Golf von Genua und von Lion feuchte Luftmassen gegen die Küste steuern.

In Ost- und Südtunesien fallen die Niederschläge vor allem in den Übergangsmonaten des Jahres. Zyklone aus dem Gebiet des Syrtengolfs wandern mit der allgemeinen Luftströmung ostwärts, wobei sie über dem Meer erhebliche Mengen an Feuchtigkeit aufnehmen können. Die daraus resultierenden advektiven Landregen bringen, vor allem an den ostexponierten Flanken der süd- und zentraltunesischen Gebirge, die höchsten Niederschlagswerte des Jahres.

Nach Süden hin verstärkt sich der kontinental-saharische Einfluß und führt zu klimatischen Veränderungen. Die jährlichen Niederschlagssummen nehmen stark ab (siehe Tab 1). Erhält der bevorzugte Nordwesten des Landes im Jahresmittel noch bis zu 1047 mm Niederschlag, so sind es im Süden bei Touzeur schon nur noch 78 mm. Gleichzeitig wächst die jährliche Variabilität der Niederschlagsmengen (siehe Abb. 14). Es findet ein deutlicher Wandel von den humiden bzw. semihumiden Region Nord- und Zentraltunesiens zu den dauerhaft ariden Gebieten Südtunesiens statt.

Durch die oben beschriebene großklimatische Lage nimmt der Anteil der Frühjahrs und Sommerregen nach Süden hin stark zu (Abb. 13). Als Ausdruck der wachsenden Kontinentalität wächst die Temperaturamplitude sowohl im Tages als auch im Jahresgang.

Abb. 13: Anteil der Frühjahrs- und Sommerregen am Gesamtniederschlagsaufkommen Quelle: Frankenberg (1979)

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Tab. 1: Niederschlag, Humditätsandauerwerte, Jahresmitteltemperaturen tunesischer Klimastationen (Quelle: Eigene Darstellung nach Frankenberg 1975)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ergänzend dazu zeigen auch die Temperatur-Niederschlags-Diagramme Tunesiens

diesen Nord-Süd-Wandel:

2. Der aride Süden Tunesiens:

Der Süden Tunesiens ist der trockenste Teil des Landes. Seine Grenzen sind einmal durch den klaren meridionalen Klimawandel, zum anderen durch die rasche Abnahme des maritimen Einflusses von der kleinen Syrte her gekennzeichnet. Das Jahresmittel der Luftfeuchtigkeit liegt durchschnittlich 20% niedriger als im Nordteil des Landes.

(Zum Vergleich: Bizerte 73% , Remada 51,3%). Die mittleren jährlichen Niederschlagsmengen liegen unter 200mm bzw. unter 100mm im Bereich des Grand Erg Oriental. Gleichzeitig weist die Region hohe potentielle Verdunstungsraten mit Maxima von bis zu 2500mm im Bereich des Schott Djerid auf. Abbildung 11 zeigt deutlich den Verlauf der entsprechenden Isohyeten, die zur Abgrenzung der Teilgebiete herangezogen werden.

Das gesamte Gebiet ist dauerhaft arid. Die Grenzlinie der 0 Isohygrome verläuft, wie in Abbildung 12 zu sehen, südlich des Beckens von Kairouan. Einzig die südlichen Bergketten des Djebel Orbata bei Gafsa und das Bergland von Matmata zeigen eine deutlich höhere Humidität und Niederschlagsmenge als das Tiefland. Wie die Tabelle

1 zeigt verfügt das Bergland über 4 semihumide Monate. Die Regionen bilden eine „Feuchteinsel“, die auf den Karten im Anhang auch deutlich hervortritt. Die Variabilität der jährlichen Niederschlagsmengen liegt mit über 40% sehr hoch, im äußersten Süden Tunesiens erreicht sie sogar Werte über 50%. Zum Vergleich: Dies entspräche für die Stadt Bonn einer Niederschlagssumme von 1300 mm in einem und nur noch 350mm im darauffolgenden Jahr (Frankenberg (1979), S.138). Auch der Anteil der Frühjahrs- und Sommerregen nimmt nach Süden und ins Landesinnere zu. Im Bereich der südtunesischen Hochlandflächen liegt sie bei 45%. Allgemein kann man von einer Verschiebung der Niederschläge in Richtung der Übergangsmonate sprechen.

Die jährlichen Durchschnittstemperaturen im Süden Tunesiens liegen zwischen 19,1°C bei Gabes und 21,3°C bei Touzeur. In den Sommermonaten können die Tageshöchsttemperaturen 50°C überschreiten. Die höchste bisher gemessene Temperatur lag bei 58,9°C und wurde im Juli 1961 in Touzeur gemessen. Die mittleren Juli- Temperaturen der Schott- Region liegen zwischen 29,5°C in Gafsa und 32,3°C in Touzeur. Entsprechend der Kontinentalität der Region sind die Winter deutlich kälter als im Norden und maritimen Osten des Landes. Frankenberg (1979) gibt für Kebili eine durchschnittliche Januartemperatur von 3,1°C und mittlere Januarminima von - 6°C an.

3. Klimatische Gliederung Südtunesiens nach Mensching

Nach Mensching (1976) kann man den ariden Süden in 4 Teilgebiete gliedern, deren Charakteristik in Folge erläutert werden soll. Die Variabilität zwischen den Teilgebieten erklärt sich durch die klimatisch günstigere Lage des Küstengebiets der kleinen Syrte im Einflußbereich der Ostwetterlagen (Chergui-Wetterlagen). Ohne den advektiven Landregen, den diese Wetterlagen mit sich bringen, wäre die Sahelregion, die Küstenregion bei Djerba und auch die südtunesische Schichtstufenlandschaft wesentlich arider und die Ausläufer des Großen östlichen Erg würden bis an die Küste heranreichen.

a) Wintermildes Küstengebiet der kleinen Syrte:

Dieses Gebiet bildet einen schmalen Streifen südlich von Sfax und um den Golf von Gabes. Es schließt an das Gebiet um Djerba an und reicht bis in das Gebiet der Djeffara-Steppe. Das Jahresmittel der Niederschläge liegt zwischen 150 und 200 mm (In Gabes 178mm) mit einem deutlichen Maximum in den Wintermonaten. Der Anteil der Frühjahrs- und Sommerregen beträgt ungefähr 30 %. Die Region weist durchschnittlich weniger als 40 Regentage und 150 bis 200 Trockentage, von denen 40 bis 60 zu den heißen Tagen mit mehr als 30°C zählen, auf. Trotz der Küstenlage weist dieses Gebiet keinen humiden Monat mehr auf.

b) Präsaharisches Übergangsgebiet der Wüstensteppe

Dieses Gebiet wird durch einen breiten Streifen gebildet, der von Gafsa bis in die Nähe von Sfax reicht und den Schott Fedjedi und das südtunesische Schichtstufenland bis zur tripolitanischen Grenze mit einbezieht. Die Jahresmittelwerte des Niederschlags liegen nur noch knapp über 100 mm. Der Anteil der Frühjahrs- und Sommerregen steigt auf 30 bis 40 % an. Die Region weist immer noch durchschnittlich 30 -40 Regentage auf. Der Anteil der trockenen Tage liegt bei knapp 300, mit bis zu 100 heißen Tagen. Das Monatsmaximum der Jahresmitteltemperaturen liegt in Teilen der Region bereits im Juli (Tatahouine 29,3°C). Nach Mensching ist für dieses Gebiet das häufige Auftreten der Ostwinde ein weiteres Kennzeichnungsmerkmal. Auch die Verarmung der Wüstensteppenvegetation zeigt den Übergangscharakter dieses Gebiets.

c) Präsaharisches Zentralgebiet am Nordrand der Schott

Dieses Gebiet liegt westlich von Gafsa und nördlich des Schott Djerid. Es reicht über die Schichtkammlandschaft bis zum Ouled el-Kebir. Das Gebiet weist keinerlei maritimen Einfluß mehr auf. Die mittleren Niederschlagssummen liegen unter 100 mm. Der Anteil der Frühjahrs- und Sommerregen bei 40 - 45 %. Die Anzahl der durchschnittlichen Regentage beträgt weniger als 30. Gleichzeitig steigt der Anteil der Trockentage auf 250-300, mit mehr als 140 heißen Tagen mit mehr als 30 °C. Die hohe Amplitude der mittleren Monatstemperaturen (Gafsa 20,5°C) ist deutlicher Ausdruck der zunehmenden Kontinentalität. Kennzeichnend ist ein hoher Anteil heißer trockener SW- Winde. Diese werden in der Literatur als Schirokko bezeichnet.

d) Saharisches Klimagebiet des Schott Djerid und des großen Erg Zur Abgrenzung dieses Gebietes wird die 100mm Isohyete herangezogen. Sie verläuft am Nordrand des Schott Djerid um dann nach Süden hin abzuknicken. Ihren Verlauf kann man in der Abbildung 11 gut erkennen. Die Niederschläge fallen zum Teil mit über 45% als Frühjahrs- und Sommerregen. Bei mehr als 300 Trockentagen wen immer weniger als 30 Regentage gezählt. Die jährliche Amplitude der Monatsmitteltemperaturen ist hier am höchsten in ganz Tunesien (Kebili 22,8°C)

Bei der Beschreibung der mittleren jährlichen Niederschlagssummen muß bedacht werden, daß die tatsächlichen jährlichen Niederschlagssummen, bedingt durch die hohe jährliche Variabilität, sehr stark um diesen Mittelwert fluktuieren. So fielen in Sousse im Zeitraum von 1901 bis 1951 nur in 17 % aller Jahre eine Niederschlagshöhe um den Mittelwert, in 10% der Jahre nur etwa ein Drittel, in ca. 5% jedoch die doppelte Menge (Frankenberg (1979), S.138)

4. Der Schirokko:

Besonders schädlich für den südtunesischen Raum sind die südlichen Winde aus der Sahara. Sie werden allgemein Schirokko genannt. Diese Winde treten bevorzugt im Frühjahr und Sommer auf und werden von den saharischen Tiefdruckgebieten südlich der Atlasketten gesteuert.

Sie treten als Sand- und Staubstürme auf, bringen dabei eine sprunghafte Erhöhung der Lufttemperatur um 10°C und eine Absenkung der relativen Feuchte um 12 - 15 % mit sich. Dadurch fördern sie die Transpiration der Pflanzen ganz extrem und können ganze Anbaukulturen in kurzer Zeit verdorren. Die Winde reichen mit ihrer ausdörrenden Wirkung meist nur bis an den Südrand der Dorsale, können durch Gebirgspforten aber gelegentlich bis in den Golf von Tunis vordringen. Die Steppenregion ist besonders betroffen (Becken von Kairouan von 1951 - 1960 durchschnittlich 31 Schirokkotage). Die Sahelregion hat weit weniger darunter zu leiden.(ca. 4,3 Schirokkotage pro Jahr in Sousse)

5. Bedeutung der Niederschlagsvariablität:

Abbildung 11 zeigt, daß durch Tunesien zwei landwirtschaftlich wichtige Isohyetenlinien (Linien gleicher Niederschlagssummen) verlaufen:

1. 200mm Isohyete als Grenze der rentablen Baumkulturen

2. 400mm Isohyete als agrarklimatische Grenze des Regenfeldbaus Durch die hohe Variabilität der Niederschläge verschieben sich diese Isohyeten mit katastrophalen Folgen für die Land- und Viehwirtschaft. Vor allem die nomadischen Stämme sind davon betroffen. So kann die 400mm Isohyete (Mensching (1976) zwischen Feucht- und Trockenjahren um bis zu 250 km wandern.

Mensching hat die Häufigkeit von Trocken- und Feuchtjahren für den Zeitraum von 1901 bis 1961 untersucht. Wie die Tabelle 2 zeigt treten solche Jahre mit einer Verschiebung der Isohyeten recht häufig auf. Immerhin 39,5% aller Jahre des Untersuchungszeitraums können dazu gerechnet werden. Hierbei treten die Trockenjahre häufiger auf als Feuchtjahre. Dies gilt vor allem für den Süden des Landes. Andererseits können Feuchtjahre im Norden ohne nennenswerte Auswirkungen auf den Süden Tunesiens verlaufen.

Tab 2: Häufigkeit der Extremjahre in Tunesien für den Zeitraum von 1901 bis 1961

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung nach Mensching (1976))

Auch das folgende Diagramm von Frankenberg (1979) verdeutlicht die extremen jährlichen Schwankungen, aber auch die bereits angesprochenen Schwankungen zwischen den aufeinanderfolgenden Jahren

Referat 2: Der Nomadismus

1. Einleitung

2. Definition des Nomadismus

3. Der Nomadismus in Tunesien

4. Steppennomaden

5. Wüstennomaden

6. Ausblick

1. Einleitung

Das Wort Nomadismus stammt aus dem Griechischen und leitet sich vom Wort für „Weidend“ ab. Plinius der Ältere, ein griechischer Schriftgelehrter, benutzt zum ersten Mal den Namen „Numidier“ bzw. „Arabia Numidarum“ von dem sich der spätere Name Nomade ableitet. Das oft synonym verwendete Wort Beduine stammt vom arabischen Wort „Bedoui = Der Unstete“ ab.

2. Definition des Nomadismus

Scholz (1992) definiert den Begriff des Nomadismus wie folgt:

„Nomaden sind die Gruppen, die hauptsächlich oder einzig Tierhaltung zur Existenzsicherung betreiben, dem Weideangebot folgend, zu wiederkehrendem Standortwechsel gezwungen sind, und deren materielle Kultur dieser mobilen Lebensweise entspricht“ Vollnomaden: Gruppen, die ausschließlich von der Tierhaltung leben und deren Wanderverhalten dadurch bestimmt wird. Benutzen nur bodenvage Behausungen Halbnomaden: Betreiben auch außerpastorale Tätigkeiten (z.B. Ackerbau, Handel, Transport) und richten ihren Wanderrhythmus danach aus. Benutzen neben bodenvagen auch bodenstete Behausungen.

Transhumanz: Hirtenfamilien sind nicht gleichzeitig Eigner der Herden, benutzen i.d.R. bodenstete Behausungen und pendeln zwischen den selben Sommer- und Winterweiden. Herzog (1963) ist allerdings der Meinung, daß das Bild des nichts anbauenden, mit seiner Herde unbegrenzt umherziehenden Vollnomaden hypothetisch ist, daß vielmehr die Bodenbearbeitung eine wichtigere Rolle spielt, als die Nomaden selbst zugeben wollen. Dem kann man in sofern zustimmen, daß die Einnahmequellen durch die Oasenwirtschaft immer von großer Bedeutung für die Stämme waren.

Auch der tunesische Nomadismus ist eher als Halbnomadismus zu bezeichnen, da der Getreideanbau von jeher eine relativ wichtige Rolle spielt. Es ist jedoch eine deutliche Entwicklung in Richtung der Transhumanz zu erkennen.

3. Der Nomadismus in Tunesien:

Bereits unter der berberischen Urbevölkerung Tunesiens gab es halbnomadische Stämme, die mit ihren Viehherden durch das Land zogen. Ihre Rolle in der Entwicklung des Landes war jedoch eher unbedeutend. Einzig die Nomaden der Wüste stellten eine ständige Bedrohung für das Land dar.

Eine Zäsur in der Geschichte des tunesischen Nomadismus bedeutet das Jahr 1048. Als Tunesien sich von den über das Gebiet herrschenden Fatamiden lossagte und die Tributzahlungen an Kairo verweigerte, entsendeten diese die Nomadenstämme der Beni Hilal und Beni Sulayn und deren Bundesgenossen nach Tunesien, und stellten ihnen die Herrschaft über den gesamten Mahgreb in Aussicht.

1051 fallen ca. 150000 - 200000 Krieger in das Land ein und verwüsten es binnen weniger Jahre. Zahlreiche Städte werden zerstört. Es kommt zu einer tiefgreifenden Veränderung der Kulturlandschaft, da die Nomaden Felder und Baumplantagen in Weiden für das mitgeführte Vieh umwandeln. Die einheimische Bevölkerung erfährt eine tiefgreifende Arabisierung, die Eroberer zwingen ihnen ihre eigene nomadische Kultur auf.

Für lange Zeit stellten die Nomaden die sozial dominierende Bevölkerungsschicht des ariden Raums dar. Sie beherrschten die Oasen und bedrohten die seßhafte Bevölkerung. Sie erwarben meist mit Gewalt bzw. als Schutzherren vor Raubzügen Ansprüche auf Ernteanteile und Besitz in den Oasen.

Die Felder wurden von Sklaven und Pächtern bewirtschaftet, da sich die Nomaden für diese Art von Arbeit zu fein waren („Lieber ein leerer Magen in Freiheit, als ein Voller hinterm Pflug“ - nomadisches Sprichwort).

Klassische Erwerbsfelder der Nomaden waren während dieser Zeit:

1. Zucht und Handel mit Vieh. In Tunesien waren dies Kamele, Schafe, Ziegen und das zähe aber unergiebige Atlasrind. Andere Tierarten, wie z.B. die europäischen Milchkühe, wurden erst später im Zuge der Kolonialzeit eingeführt.

2. Für lange Zeit spielte auch die Jagd- und Sammelwirtschaft noch eine große Rolle. Ihre Bedeutung nahm jedoch mit dem wachsenden Einfluss der Nomaden auf die Oasen ab.

3. Karawanenhandel. Hierbei muß zwischen dem eigenständigen Handel und der Organisation und Durchführung von Karawanen für fremde Händler unterschieden werden. Der eigenständige Handel war oft in den traditionellen Wanderrhythmus der Stämme integriert. So wurden im Frühjahr, bei der Wanderung in die nördlichen Weidegründe, Datteln aus dem Süden des Landes mitgeführt. Auf dem Rückweg im November wurde Getreide aus dem Norden transportiert um es in den Oasen im Süden zu verkaufen.

4. Erlöse aus der Schutzherrschaft über die Oasen. Hierbei waren gerade die tunesischen Nomadenstämme oftmals nicht die eigentlichen Herrscher über die Oasen, sondern ihrerseits den libyschen Tuareg und den algerischen Souf-Stämmen untertan. Die Verbindungsstrecke zwischen Touzeur und Algerien zeugt noch heute von diesem Verhältnis und den historischen Verbindungen zum Nachbarland.

Der Niedergang der nomadischen Herrschaft und der Rückgang des tunesischen Nomadismus allgemein geht mit dem Beginn der Kolonialzeit und der Unterzeichnung des Protektoratsvertrags im Jahr 1881, die durch einen Aufstand der „Ouled Yacoub“, einem Stamm aus der Djeffara-Steppe, markiert sind, einher. Die Nomaden protestierten gegen eine Entscheidung des Beys, woraufhin dieser die Französische Armee zur Unterstützung rief. In Folge marschierten ca. 35000 Soldaten von Algerien aus in das Land ein. Es dauerte noch bis ins Jahr 1991 bis auch der Süden des Landes befriedigt war und einer französischen Militärverwaltung unterstellt wurde. Dadurch verloren die Nomaden ihre politisch-militärische Macht und die Vormachtstellung in den Oasen und damit eine ihrer wichtigsten Einnahmequellen.

Im Zuge der weiteren politischen Entwicklung wurden die Nomaden in ihrer Lebensweise immer weiter eingeschränkt, da die jeweils Machthabenden großes Interesse daran hatten, die aufrührerische nomadische Bevölkerung durch Seßhaftmachung besser kontrollieren zu können.

Gerade in der zentraltunesischen Steppe als traditionellem Lebensraum der Nomaden gibt es seit der Kolonialzeit umfangreiche Bemühungen zur landwirtschaftlichen Erschließung und Wiederaufforstung in deren Zuge der überwiegende Teil der Halbnomaden - teils unter staatlichem Zwang - seßhaft wurde.

Mit der Unabhängigkeit Tunesiens im Jahr 1956 wurden die Nomaden durch verschiedenste staatliche Maßnahmen in ihrer Freizügigkeit eingeengt. Die wirtschaftliche Entwicklung (Entwicklung und Ausbau neuer Transportmittel und Verkehrswege, Mechanisierung der Landwirtschaft) beraubte sie weiterer traditioneller Einnahmequellen.

Frankenberg (1979) beschreibt die Situation verschiedener Nomadengruppen Ende der 60er Jahre. Diese will ich hier kurz zusammenfassen um danach auf die heutige Situation der Nomaden einzugehen.

4. Steppennomaden

Bevorzugte Lebensräume der Steppennomaden sind die zentraltunesische Hochlandsteppe und die Djeffara (Tieflandsteppe). Im Sommer (Trockenzeit) wandern sie in die feuchteren Regionen des Tell (siehe Abb.18). Dort suchen sie Weiden für ihre Herden und Arbeit auf den Feldern der Seßhaften. Bevorzugte Ziele sind hierbei die Hamama und Fraichiche des Hochlandes, die Berge von Maktar oder das mittlere Medjerdatal. Die Zahl der Wandernden schwankt dabei von Jahr zu Jahr stark.

In Feuchtjahren, in denen ausreichend Viehnahrung zur Verfügung steht, wandern wenige Nomaden nach Norden, in Trockenjahren mit schlechterem Nahrungsangebot entsprechend mehr. Den Verlauf dieser Sommerwanderungen zeigt Abbildung 19.

Heute kann man diese Wanderungen eher als Transhumanz bezeichnen, da sie zielgerichtet entlang vorgeschriebener Wege verlaufen. Dem steht allerdings die jährlich stark schwankende Zahl der Wandernden entgegen.

Die europäische Agrarkolonisation des Tell löste mit ihrer Getreidemonokultur die traditionelle Grasfolgewirtschaft ab und schränkte für die Nomaden die Möglichkeit zur Sommerweide immer mehr ein. Infolge der zunehmenden Mechanisierung wurde auch ihre Arbeitskraft als Saisonarbeiter zunehmend entbehrlich. Auch die Winterweiden der Steppe wurden durch Ausdehnung der Baumkulturen und des Getreideanbaus ebenfalls stark reduziert. In der Tieflandsteppe sind so ganze Nomadenstämme seßhaft geworden. In der Hochlandsteppe st der Rückgang des Nomadentums dagegen weniger ausgeprägt.

In der Djeffara sind der Ausdehnung von Dauerkulturen durch die größere Aridität Grenzen gesetzt. Das Beharrungsvermögen des Halbnomadismus ist entsprechend größer. Die Djeffaranomaden haben von den Bergbewohnern (Djebalia) die Kunst der Dammkultur übernommen und bauen daher zur Ergänzung ihrer Viehwirtschaft in den Betten der Wadis Getreide an. Die meisten ziehen in kleinen Gruppen durch die Steppe. Allerdings sind auch ihren Wanderungen Grenzen gesetzt. Sie beschränken sich auf die Küstenebenen südlich von Gabes. Nach Norden hin ist ihnen der Durchzugsweg durch die Anbauflächen versperrt. Im Süden sind die Weidegründe durch die Grenzziehung der Kolonialmächte stark eingeschränkt.

Viele Nomaden versuchen daher im feuchteren Norden der Djeffara seßhaft zu werden oder fliehen in die Städte. Die Landflucht zielt vor allem nach Tunis, wo sie wegen ihrer mangelnden Schul- und Ausbildung häufig auf eine niedrige soziale Rangstufe abgleiten. Auch innerhalb der Djeffara findet eine randstädtische Seßhaftwerdung der Nomaden statt. Sie konzentriert sich vor allem auf Gebiete um alte nomadische Getreidevorratsspeicher. Die Speicheranlagen von Ksar Metameur bei Medine sind noch nahezu vollständig erhalten.

Folgende Tabelle gibt eine Vorstellung der Dimensionen, in denen diese Wanderungsbewegungen abgelaufen sind.

Tab. : Zuwanderung von Nomaden und Halbnomaden in die städtischen Bezirke Tunesiens im Zeitraum von 1936 bis 1946:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(Quelle: Eigene Darstellung nach Herzog, 1963)

Basierend auf den Zahlen der Volkszählung von 1946 (Herzog, 1963) sind innerhalb dieser 10 Jahre immerhin knapp 7 % der tunesischen Gesamtbevölkerung aus dem Süden des Landes in die städtischen Bezirke gewandert.

5. Wüstennomaden

Auch das Nomadentum der Sahara ist durch Seßhaftwerdung gekennzeichnet. Die verbleibenden Nomaden sind zu Halbnomaden geworden. Der Getreideanbau spielt eine wichtige Rolle. Die Getreidefelder liegen nördlich der Schottregion und südlich der ersten Schichtkämme. Ihre Weidegründe befinden sich am westlichen Rand der südtunesischen Schichtstufenlandschaft und dem „Grand Erg Oriental“ Normalerweise suchen die Nomaden im Herbst die Oasen auf, wo sie sich mit Datteln versorgen. Bei ausreichenden Niederschlägen bearbeiten sie die Getreidefelder. Im Frühjahr ziehen sie für maximal 5 Monate nach Süden auf die Weidegründe der Sahara. Den Sommer verbringen sie auf den Halophytenweiden (Halophyten = Salzpflanzen) der Schottregion oder in den Oasen.

Der „Erfolg“ bei der Seßhaftwerdung ist eng mit der Geschichte der einzelnen Nomadenstämme verknüpft. Frankenberg (1975) zeigt dies am Beispiel der Stämme der Nefzaoua-Region:

1. „Ouled Yacoub“: Aristokratischer Kriegerstamm. Da fast alle Familien des Stammes Landbesitz in den Oasen haben, ist bei ihnen die Seßhaftwerdung am weitesten fortgeschritten. Sie selbst sind zum Teil Händler geworden.

2. „Ghrib“: Kamelnomaden, die bisher am wenigsten von der Tendenz zur Seßhaftwerdung berührt sind. Sie sind der einzige Stamm, der noch monatelang im Süden seine Kamelherden weidet und somit dem Bild des Nomadismus am ehesten entspricht.

3. „Marazig“: Stamm heiliger Marabuts, religiöse Aristokratie. Betrieben früher den Karawanenhandel, der heute fast vollständig durch den Lastkraftwagen ersetzt ist. Nur wenige haben heute Landbesitz. Reiche „Marazig“ konnten sich zwar in den Oasen niederlassen, die meisten müssen jedoch als arme „Khammes“ (Pächter) auf den Feldern der Oasen arbeiten.

4. „Adhara“: Geringwertiger Stamm. Heute nahezu vollständig zur seßhaften

Lebensweise übergegangen. Sie bearbeiten die Felder in den Oasen oder verdingen sich als Hirten bei den Marazig. Dabei hat sich eine regelrechte fraktionelle Arbeitsteilung entwickelt. Die Herden werden an die Hirten übergeben, während sich die eigenen Familien um die Oasen und Getreidefelder kümmern.

Wie unsere eigenen Beobachtungen während der Exkursion gezeigt haben ist der Nomadismus im heutigen Tunesien fast vollständig verschwunden. Dies ist vor allem auf die tiefgreifenden wirtschaftlichen Veränderungen der jüngsten Zeit zurückzuführen. Der früher vorherrschende Großtiernomadismus, in dem die Größe der Herde ein Statussymbol darstellte, ist vom Kleintiernomadismus abgelöst worden. Der Südwesten Tunesiens ist eine der wenigen Regionen, in denen noch Halbnomaden ihr zumeist kärgliches Dasein fristen. Klassische Nomaden sind im modernen Tunesien zu einer Randgruppe geworden, auch die Zahl der Halbnomaden nimmt stetig ab. So ist der noch von Frankenberg als typisch bezeichnete Stamm der „Ghrib“ fast vollständig in der Oasenstadt Douz seßhaft geworden. Die Auflösung der traditionellen Stammesverbände macht es den Jungen leichter in die Städte abzuwandern. Viele Nomaden hausen in ärmlichen zeriba-Siedlungen am Rande der Oasendörfer. Ihr ungebrochener Stolz, die Verabscheuung körperlicher Arbeit und die nach wie vor großen Bildungsunterschiede machen ihre gesellschaftliche Eingliederung sehr schwer.

Ein kleiner Teil der Nomaden finden ihr Auskommen in der verstärkt geförderten Tourismusbranche.

6. Ausblick

In den letzten Jahren wird versucht, die weiten ariden Räume mit weniger als 100 mm Jahresniederschlag mit modernen Methoden zu bewirtschaften. Der starke Bevölkerungsanstieg Tunesiens zwingt dazu alle möglichen Räume für die Land- und Viehwirtschaft zu nutzen. So transportieren die Nomaden ihre Herden zum Teil mit Lastwagen zwischen den einzelnen Weideplätzen hin und her, um so eine Beschädigung der Landwirtschaftlichen Flächen zu vermeiden. Mit modernen Ranchsystemen sollen die Randgebiete ökologisch und ökonomisch sinnvoll genutzt werden. Wasser und Futter wird teilweise zu den weidenden Herden transportiert, statt die Herden zu einer anderen Weide zu treiben.

Zusammenfassend kann man also folgende Gründe für den Niedergang des tunesischen Nomadentums verantwortlich machen:

1. Aufbau und räumlicher Ausbreitung übertribaler Verwaltungen, zuerst durch die europäische Kolonialmacht später durch die tunesische Regierung. Dadurch wurde den Stämmen ihre militärisch-politische Funktion in den Oasen und damit eine wichtige ökonomische Existenzgrundlage geraubt.

2. Koloniale Grenzziehung mit z.T. willkürlicher Grenzziehung durch traditionelle nomadische Lebensräume hindurch. Die für die mobile Tierhaltung notwendige Freizügigkeit der Wanderungsbewegungenen wurde stark eingeschränkt. Die Mißachtung der Grenzziehung hatte nicht selten militärische Konflikte zur Folge

3. Durchdringung des Raumes mit modernen Verkehrsmitteln und

Transportwegen. Diese Entwicklung raubte den Nomaden die Basis des Karawanenhandels und öffnete die nomadischen Lebensräume für das überlokale Marktgeschehen.

4. Ausweitung des Ackerlandes und Wiederaufforstung. Diese vor allem in der Kolonialzeit betriebenen Maßnahmen engten die Mobilität der Nomaden noch weiter ein. Überstockung der Weidegründe bis hin zur Desertifikation war die Folge. Da sie nicht mehr in begünstigtere Regionen ausweichen konnten, waren die Nomaden von Dürrejahren wesentlich stärker betroffen. Dies hatte Viehverluste von bis zu 45% der Herden zur Folge (Herzog,1963).

5. Zunehmende Mechanisierung der Landwirtschaft. Hierdurch wurden die Nomaden als saisonale Arbeitskräfte in der Landwirtschaft zunehmend entbehrlich.

6. Gesamtgesellschaftliche Entwicklung und staatliche Ansiedlungsmaßnahmen.

Literatur:

1. ANHUF, D. u. P. FRANKENBERG (1988): Reale Bodenbedeckung in Südosttunesien, Bd. 42, H. 1/4, S. 16-26.

2. DONGUS, H. (1970): Über Beobachtungen an Schichtstufen in Trockengebieten. In: Beiträge zur Geographie der Tropen und Subtropen. Festschrift für Herbert Wilhelmy, S. 43-55. (Tübinger Geographische Studienn, H 34)

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5. FRANKENBERG, P. (1983): Zur Landschaftsdegradation in Südosttunesien. In:

AKADEMIE DER WISSENSCHAFTEN UND DER LITERATUR:

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6. FRANKENBERG, P. u. D. Klaus (1987): Studien zur Vegetationsdynamik Südosttunesiens - Quantitative Bewertung klimatischer und anthropo- edaphischer Bestimmungsfaktoren. In: Bonner Geographische Abhandlungen, H. 74. Bonn

7. FRANKENBERG, P. u. M. RICHTER (1981): Zusammenhänge zwischen Pflanzenvielfalt, Wasserhaushalt und Mikroklima in Tunesien. In: AHNERT, F. u. R. ZSCHOCKE (Hg.): Festschrift für Felix Mohnheim zum 65. Geburtstag,

S. 242-271. (Aachener Geographische Arbeiten, H.14)

8. HERZOG, R. (1963) : Seßhaftwerdung von Nomaden. In: Forschungsberichte

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9. HERZOG, R. (1982) : Der Nomadismus in der Sahara. In: GR 34, H.6., S. 275 - 293

10. LAUER, W. (1995): Klimatologie. Braunschweig

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12. MENSCHING, H. (1968): Tunesien - Eine Geographische Landeskunde.

Darmstadt

13. MENSCHING, H. (1964): Zur Geomorphologie Südtunesiens. In: Zeitschrift für Geomorphologie 8, S. 424-439

14. QUÉZEL, P. (o. J.): Die Pflanzen. In: SCHIFFERS, H. (Hg.): Die Sahara und ihre Randgebiete. Darstellung eines Naturgroßraumes in drei Bänden. Bd. 1, S. 429-473. München.

15. SCHIFFERS, H. (1971): Die Sahara und ihre Randgebiete. Darstellung eines Naturgroßraums. Bd. 3.München

16. SCHLIEPHAKE, K. (Hg.) (1984): Tunesien: Geographie-Geschichte-Kultur- Religion-Staat-Gesellschaft-Bildungswesen-Politik-Wirtschaft. Stuttgart

17. STRÄßER, M. (1999): Klimadiagramm-Atlas der Erde. S.194-185. Dortmund.

18. TENGBERG, A.(1995): Desertification in northern Burkina Faso and central Tunisia inferrd - from vegetation cover changes, land degradation indicators and

local knowledge. Göteborg

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Das Klima Südtunesiens
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Veranstaltung
Grosse Exkursion
Autor
Jahr
2000
Seiten
16
Katalognummer
V101579
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Klima, Südtunesiens, Grosse, Exkursion
Arbeit zitieren
Thomas Brüggen (Autor:in), 2000, Das Klima Südtunesiens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101579

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