Jugend und Gewalt


Hausarbeit, 2001

19 Seiten, Note: 1,3


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Inhalt

1. Einleitung

2. Jugend am Ende des 20. Jahrhunderts
2.1 Theorien über Jugend und Gewalt
2.2 Entwickloungstendenzen der Jugend am Ende des 20. Jahrhunderts

3. Kurzporträt zweier Jugendgangs
3.1 Die „Turkish Power Boys“
3.2 Die „Marienplatz- Rapper“
3.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

4. Unterschiede zwischen Ost und West

5. Rechte Gewalt durch Jugendliche

6. Ursachen und Folgen

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die Gewalt unter Jugendlichen wird in unserer Zeit mehr und mehr zu einem gesamtgesellschaftlichen Problem. Die jüngsten Ausschreitungen junger Rechtsradikaler verdeutlichen, daß Gewalt und Bedrohung sich auch direkt auf mögliche wirtschaftliche Investitionen und damit auf die Arbeitsplätze und den Wohlstand einer ganzen Region auswirken können.

Ziel dieser Hauptseminararbeit ist es, Ursachen und Auswirkungen der Gewalt unter Jugendlichen aufzuzeigen. Im Vorfeld müssen dazu die beiden zentralen Begriffe dieser Arbeit, Jugend und Gewalt näher erörtert werden. Auch die Theorien zur Jugend und deren geschichtliche Entwicklung werden in der gebotenen Kürze vorgestellt.

Der Schwerpunkt der Seminararbeit liegt aber in der Gewalt der Jugendlichen am Ende des 20. Jahrhunderts. Es wird hierbei im Schwerpunkt auf zwei Jugendbanden eingegangen, welche am Ende der 80er Jahre richterlich abgeurteilt wurden: Die FrankfurterTurkish Power Boysund die Münchener Marienplatz- Rapper. Beide Gruppierungen unterscheiden sich in wesentlichen Merkmalen, so in ihrer Zusammensetzung, in der Ursache ihrer Gewaltanwendung und in ihrem sozialen Umfeld. Dennoch gibt es Gemeinsamkeiten, die gleichsam auch typisch für die Gewalt einer Großstadt- Gang sind.

Aufgrund der derzeitigen vermehrten Präsenz der rechten Jugendgewalt in Nachrichten- und Informationssendungen wird in einem weiteren Schwerpunkt auf die Ursachen und Besonderheiten der rechten Gewalt durch Jugendliche eingegangen. Auf Grund der Aktualität liegt zu dieser Form der Jugendgewalt noch kein Forschungsmaterial vor; dennoch kann ein Umriß der Dimension von rechter Gewalt und ihren Ursachen im Rahmen dieser Seminararbeit durch den Rückgriff auf Forschungsmaterial der frühen 90er Jahre geleistet werden.

2. Jugend am Ende des 20. Jahrhunderts

2.1 Theorien über Jugend und Gewalt

Um über die Gewalt der Jugend sprechen zu können, muss zunächst einmal der Begriff Jugend definiert werden. In Zusammenhang mit der Jugendgewalt scheint es nahezuliegen, die juristische Definition für Jugend zu verwenden. Im Strafrecht werden gemäß § 1 des Jugendstrafrechts die 14- bis 18jährigen als Jugendliche betrachtet; die 18 - 21jährigen werden entsprechend als Heranwachsende bezeichnet.1Diese gesetzliche Regelung ist für die Rechtsprechung angemessen, für soziologische Betrachtungen aber ist diese Eingrenzung zu starr und unflexibel.

In der Soziologie setzt man daher den Eintritt in das Jugendalter gleich mit dem Beginn der Pubertät. Das Ende der Jugend ist erreicht, wenn der Jugendliche die Mündigkeit erreicht, d.h. wenn er wirtschaftlich und rechtlich vom Elternhaus unabhängig ist und in der Lage ist, eine eigene Familie zu gründen.2Diese Definition der Jugend wurde aber durch verlängerte Studienzeiten, die Möglichkeiten des zweiten und dritten Bildungsweges sowie Fort- und Weiterbildungsmaßnahmen für Jugendliche ad absurdum geführt. Die wirtschaftliche Unabhängigkeit vom Elternhaus ist heute zum Teil erst im dritten Lebensjahrzehnt gewährleistet, so dass sich in der Soziologie der Begriff der Postadoleszenz durchgesetzt hat.3Die Phase der Postadoleszenz ist somit zwischen der Welt der Erwachsenen und der Welt der Jugendlichen anzusiedeln; ihre Mitglieder sind dem Jugendalter bereits entwachsen, aber dennoch z.B. wirtschaftlich nicht in der Lage, einen eigenen Haushalt zu finanzieren.

Das Jugendalter wird heute in die pubertäre Phase der 13 - 18-jährigen, die nachpubertäre Phase der 18 - 21-jährigen und die Phase der jungen Erwachsenen der 21 - 25-jährigen untergliedert.4Dabei sind diese Altersgrenzen als Richtwerte zu betrachten, die Phase der jungen Erwachsenen kann, wie oben dargelegt, auch die in das dritte Lebensjahrzehnt hinein andauern.

Mit der Jugend verbunden ist ein von der Kindheit und der Erwachsenenwelt abweichendes Verhalten.5 Dieses abweichende Verhalten kann unter Umständen gewalttätige oder sonstige kriminelle Formen annehmen. Neben der physischen Gewalt, also dem direkten Angriff auf Personen oder Gegenstände, nimmt im aktuellen Diskurs auch die psychische Gewalt einen hohen Stellenwert ein. Jedoch ist das Spektrum dieser psychischen Gewalt nur schwer abzugrenzen.6Beleidigungen, Gewaltandrohungen und Mobbing im Klassenzimmer und auf der Straße sind jedoch Kernelemente dieser Form der Gewalt. Auch Sachbeschädigungen und Vandalismus können als Gewalt gegen Sachen angesehen werden. Im Rahmen dieser Seminararbeit soll der Begriff Gewalt aber nur im Zusammenhang mit direkten körperlichen Angriffen auf Personen verstanden werden. Es darf dabei nicht vergessen werden, dass delinquentes Verhalten auch ein typisches Verhalten bei Jugendlichen sein kann, die eben geschilderten Formen der Gewalt sind extreme Ausprägungen des delinquenten Verhaltens und auch heute nicht unbedingt typisch für die Jugend. Zu beachten ist dabei, dass auch die gesellschaftlichen Umstände mitbestimmen, welche Verhaltensweisen als abweichend deklariert werden. In der heutigen Gesellschaft der Bundesrepublik Deutschland stellt Gewalt eine Extremform des abweichenden Verhaltens dar.

Das Phänomen der Jugendbanden ist nicht neu. Nach den Überlieferungen formierte sich die erste gewalttätige Jugendbande in Illinois / USA um das Jahr 1820. Den Berichten zufolge umfasste das Gewaltspektrum dieser Bande bereits Raub, Mord und diverse Überfälle.7

Abweichendes Verhalten, welches zur Straffälligkeit führt, kann heute eine vorübergehende Erscheinungsform bei Jugendlichen sein oder den Einstieg in eine kriminelle Karriere bedeuten.8Das Jugendstrafrecht setzt daher bei straffällig gewordenen Jugendlichen in erster Linie auf Versuche der Sozialisation oder Resozialisation. Das Prinzip der Vergeltung, wie es beim Strafmaß für Erwachsene festzustellen ist, spielt dagegen bei Jugendlichen Straftätern kaum eine Rolle.9

Bei Gewalt ist primär zwischen Gewalt nach innen und Gewalt nach außen hin zu unterscheiden. Die nach innen gerichtete Gewalt wendet sich dabei gegen den eigenen Körper und äußert sich vornehmlich in Drogenkonsum, leichtsinnigen Verhalten und Selbstverstümmelung. Das andere Extrem bildet die Gewalt nach außen hin, welche sich in Form von kriminellem Verhalten und Gewalt gegen Andere äußert.10Im Rahmen dieser Seminararbeit wird der Schwerpunkt auf das nach Außen gerichtete Gewaltpotential gelegt.

Die von Jugendlichen verübten Gewaltdelikte haben vielfach keinen direkten Auslöser, in vielen Fällen scheinen die Gewalttaten für Erwachsene zudem sinnlos, da kein direkt greifbarer

2.2 Entwicklungstendenze n der Jugend am Ende des 20. Jahrhunderts

Seit dem Ende des zweiten Weltkrieges ist eine vermehrte Aufgliederung der Jugend zu bemerken. Es gibt nicht mehr nur eine Form der Lebensführung und Lebensplanung, wie sie zuletzt durch die Nationalsozialisten propagiert wurde. Die kontinuierliche und vorgegebene Entwicklung vom Jungvolk über die Hitlerjugend und Arbeitsdienst zum Berufstätigen wurde abgelöst von einer Vielzahl an Möglichkeiten der Ausbildung und Freizeitgestaltung. Die damit verbundenen unterschie dlichen Lebenskonzeptionen führen zu einer Entstrukturierung der Lebensphase Jugend.11Daneben wird die Jugend auch immer mehr als eigenständige Lebensphase verdrängt. Schuld daran ist die zunehmende Ausdehnung der Erwachsenenwelt auf Jugend. Die Probleme der Erwachsenen wie Arbeitslosigkeit, Umweltzerstörung und Konkurrenzdenken werden dabei immer stärker in die Welt der Jugendlichen übertragen. Die Jugendphase wurde ferner stets als Schonraum angesehen, in welcher der Jugendliche seine Lernprozesse in gesellschaftlicher, sexueller und beruflicher Hinsicht ungestört verwirklichen konnte. Durch die gerade erwähnte Entwicklung wird dieses Moratorium Jugend zunehmen gefährdet und droht in jüngster Zeit gänzlich zu verschwinden.12

Im Vergleich zu den wissenschaftlichen Standpunkten früherer Jahre ergeben sich dabei einige interessante Unterschiede. So findet sich in einer psychologischen Abhandlung aus dem Jahre 1967 ebenfalls der Hinweis, dass das Jugendalter durch die Integration des Jugendlichen in die Gesellschaft der Erwachsenen geprägt ist. Als Hauptursache für diese Schwierigkeiten wird dabei die mangelnde Lebenserfahrung genannt.13Als Symptome dieser Integrationsprobleme werden dabei Unruhe und Leistungsunfähigkeit genannt. „Launenhaft und mürrisch wird das Wesen. In Trotz und Wildheit, Launenhaftigkeit und Schlaffheit wird das körperliche und seelische Unbehagen abreagiert“.14Aus diesem Zitat wird deutlich, dass die Formen des abweichenden Verhaltens damals, in der Mitte der 60er Jahre, weit weniger ins kriminelle abzudriften scheinen als heute.

Am Ende des 20. Jahrhunderts wird aber, mehr als in früheren Jahren, die Abgrenzung zur Welt der Erwachsenen immer schwieriger. Zugleich erfolgt die Abgrenzung zunehmend über Verhaltensweisen, welche von den Erwachsenen als abweichend definiert werden. Gerade das Brechen von Tabus war schon immer eine Möglichkeit für die Jugend, sich von den Erwachsenen zu distanzieren. Ob

3. Kurzporträt zweier Jugendgangs

Nachfolgend werden zwei Jugendbanden vorgestellt, die sich zu Beginn der 90er Jahre in den beiden Großstädten Frankfurt und München etablieren konnten. Dabei soll anhand dieser Gruppen typische Merkmale von Jugendbanden aufgezeigt werden. Gleichzeitig soll verdeutlicht werden, dass das Phänomen Jugendgewalt keinen einheitlichen Regeln unterliegt, es somit zwangsläufig zu Besonderheiten und Abweichungen bei den beiden hier dargestellten Jugendbanden kommen muss. Die beiden Jugendbandes unterscheiden sich besonders in der Zusammensetzung ihrer Mitglieder, ihrer Motivation für Gewalt und dadurch letztlich auch in der Anwendung der Gewalt.

3.1 Die „Turkish Power Boys“

Die in Frankfurt aktive JugendbandeTurkish Power Boysbestand zwischen 1990 und 1992. Insgesamt gehörten der Gruppe etwa 50 Jugendliche im Alter zwischen 13 und 18 Jahren an.15Ungewöhnlich an dieser Jugendbande war, dass fast sämtliche Mitglieder türkischer Abstammung waren. Deshalb konnte sich die Aggression innerhalb der Gruppe auch ausschließlich gegen Jugendliche anderer Nationalitäten richten.

Gerade bei türkischen Jugendlichen verläuft die Sozialisation häufig problematisch. Im Elternhaus regieren meist türkische Traditionen. Dazu gehört, dass der Vater als Familienoberhaupt die uneingeschränkte Befehlsgewalt über die Familie und deren Mitglieder hat. Jedoch erfahren die türkischen Jugendlichen sehr schnell, dass dies in der von deutschen geprägten Alltagswelt nicht so ist. In diesem Spannungsfeld zwischen Familie und außerfamiliärer Umwelt ist daher eine Ursache für Gewalt zu finden.

Der Ursprung derTurkish Power Boysliegt in einem Freundschaftskreis junger Türken. Mit der Zeit schlossen sich diesem Kreis weitere Jugendliche an, teilweise auch anderer Nationalitäten. Dennoch blieben die Jugendlichen durch das Stigma der Migranten miteinander verbunden, zu den Gruppenmitgliedern zählten keine Deutschen.

Normalerweise weisen gewaltbereite Jugendbanden ein einheitliches Bildungs- oder Sozialniveau auf, welches die Mitglieder der Gruppe verbindet. Im Falle derTurkish Power Boyswaren jedoch Schüler sämtlicher Schularten, von Sonderschule bis Gymnasium, vertreten.16Anders als bei den meisten peer- Groups war diese ethnische Komponente offenbar das zentrale Moment der Gruppenbildung. Insgesamt 40 zum Teil brutale Überfälle, vornehmlich auf deutsche Jugendliche, gehen auf das Konto derTurkish Power Boys. Dabei spielte die Erniedrigung der Opfer eine wesentliche Rolle. Die Überfälle liefen stets nach dem gleichen Muster ab: Opfer war stets ein Deutscher mit Markenklamotten, Schmuck und teurem Walkman, Fahrrad oder dergleichen. Das Opfer wurde von mehreren Bandenmitgliedern umstellt und aufgefordert, diese Wertsachen herauszugeben. Das Opfer hatte dabei auf den Verlauf des Überfalls keinerlei Einfluss. Denn gleichgültig, ob er Gegenwehr leistete oder nicht, ihm wurden die Wertgegenstände abgenommen. Anschließend wurde das Opfer zusammengeschlagen und mit den Füßen getreten. Selbst wenn das wehrlose Opfer regungslos am Boden lag, wurde noch weiter eingeprügelt.17Im Mittelpunkt stand also nicht der Wert der erbeuteten Markenklamotten, sondern die Demütigung und Erniedrigung des Opfers. Aus diesem Grunde wurden diese gemeinschaftlichen Überfälle auf deutsche Jugendliche auch bevorzugt auf belebten Plätzen durchgeführt, um dem Opfer und auch den Umstehenden Passanten ihre Hilflosigkeit direkt vor Augen zu führen. Dennoch achtete man bei den Überfällen darauf, dass das Opfer teure Markenklamotten wie Chevignon oder teure Jeans trägt. Denn nur durch derartige Markenklamotten konnte man in einer Gesellschaft, die großen Wert auf Äußerlichkeiten wie Kleidung legt, dazugehören. Die Schuld die Gewalt sahen die Mitglieder derTurkish Power Boysbei den Deutschen Jugendlichen, denn „die reichen Deutschen hatten doch die Chevignon-Jacken [...]“18.

Die Gewalt richtete sich nicht persönlich gegen das Opfer, die beraubten Jugendlichen waren meist, ebenso wie die Passanten, nur Statisten. In Gesprächen gaben die Mitglieder derTurkish Power Boys als Hauptgrund für diese Überfälle Spass an. Auch empfand man es nach den zahlreichen Demütigungen durch die Deutschen als ausgleichende Gerechtigkeit, Deutsche zu demütigen. Diese Erklärung scheint aber eher eine nachträgliche Rechtfertigung der Taten zu sein. Das Argument: „[Deutsche] würden in der Türkei ‚wie Könige‘ behandelt, die Türken in Deutschland aber ‚wie der Neger‘.“19zeigt, dass die Gewalt gegen deutsche Jugendliche auch eine gesellschaftliche Komponente trägt. Doch dürfte dies nicht der Auslöser der Gewalt gewesen sein, da viele der türkischen Jugendlichen in Deutschland geboren wurden und die Türkei selbst nur aus Besuchen in den Ferien kennen.

Das Phänomen der Gewalt durch ethnische Minderheiten in Deutschland zeigte sich zum ersten Mal zu Beginn der 80er Jahre. Ihren Ausgangspunkt nahm diese ethnische Gewalt bei Gastarbeiterkindern der sogenannten zweiten Generation, die in Deutschland geboren und aufgewachsen sind. Sie wuchsen im Widerspruch zwischen der Tradition der Eltern und der gesellschaftlichen Realität des Gastlandes auf. Ihre Selbstachtung war geprägt von dem Bewußtsein, als Ghettokinder in der gesellschaftlichen Hierarchie ganz unten zu stehen.20Die daraus resultierenden gewaltbereiten Gruppen waren zu Beginn meist mono- ethnisch ausgerichtet, inzwischen finden sich aber zunehmend auch Gruppen wie die Turkish Power Boys, welche durch die gemeinsame Erfahrung des Aufwachsens als Migrantenkinder zusammengehalten werden.21

3.2 Die „Marienplatz- Rapper“

In München verübten zwischen 1987 und 1990 bis zu 86 Jugendliche einer gewaltbereiten Gruppe Straftaten verschiedenster Art.22Was ursprünglich als kleine delinquente Gruppe auf dem Münchener Marienplatz begann, wurde aber bald zu einer kaum noch zu überschauenden gewaltbereiten Jugendgang.

Die Mitglieder derMarienplatz- Rappergehörten nicht einer einheitlichen Ethnie an. Zwar besaßen über die Hälfte der Jugendlichen die deutsche Staatsbürgerschaft, insgesamt umfassten dieMarienplatz- Rapperaber Mitglieder mit 17 verschiedenen Staatsangehörigkeiten. Allerdings gehörten die meisten der ausländischen Jugendlichen zur zweiten Generation von Gastarbeiterkindern, so dass sie die Heimat ihrer Eltern selbst kaum kannten.23

Aufgrund der besonderen Größe derMarienplatz- Rappergab es keine einheitliche Machtstruktur. Im Laufe der Zeit schlossen sich andere Jugendgangs vom Stachus u.ä.der Marienplatz- Gangan. Die Rapperwaren jedoch stark hierarchisch strukturiert. Der hierarchische Aufbau der Gruppe ist sehr widersprüchlich. Einerseits gab es keine feste Führungsspitze, andererseits waren durchaus einzelne Gruppenmitglieder anderen über- oder untergeordnet. Es gab die „Führer“, den „festen Stamm“ um jeden Führer, „Sklaven“, „Mitläufer“ und Frauen.24Die für eine Jugendgruppe wichtigen Werte wie Solidarität und Gemeinschaft galten dabei nur innerhalb einer Ebene, bei Auf- oder Abstieg innerhalb des hierarchischen Systems mussten neue Freundschaften geknüpft werden.25Die Straffälligkeit wurde durch diese hierarchische Struktur gesteigert, da die Führer durch immer neue gewagte Diebstahlsdelikte ihre Kompetenz beweisen mußten, Sklaven konnten nur durch Mut und Erfolg beim Diebstahl aufsteigen.26

Die Hauptdelikte der Jugendbande waren Kaufhausdiebstahl, Raub, Hehlerei, Vergehen gegen das Betäubungsmittelgesetz und Körperverletzung. Die Diebstahlsdelikte dienten zunächst noch als Mutproben oder für den Eigenbedarf, später wurden die Raubzüge durch die angerenzenden Geschäfte immer professioneller und dienten der Finanzierung eines möglichst luxuriösen Lebensstils. Die geklauten Waren wurden dann zum Teil im Auftrag gruppenfremder Hehler geklaut. Durch einige Hehler kamen einige Mitglieder der Gruppe auch in Kontakt mit Rauschgift. Zunächst gaben die Hehler vor, nicht genügend Bargeld für die gestohlene Ware zu besitzen. Als Ausgleich gaben die Hehler den Mitgliedern harte Drogen, meist Kokain.27 So wurden einzelne Mitglieder süchtig gemacht, was den Finanzbedarf dieser Gruppenmitglieder weiter erhöhte. Dies führte wiederum zur Ausdehnung räuberischen Überfälle oder Diebstahlsdelikte.

Die Jugendlichen lernten recht schnell, daß man sich mit einer handwerklichen oder kaufmännischen Ausbildung nicht den Lebensstil leisten kann, den sie sich erwünschten. Viele der „Rapper“ brachen daher die Schule oder Ausbildung ab, nachdem sie einige Zeit in der Gruppe waren. Auch nach der Zerschlagung derMarienplatz- Rapperdurch die Polizei ist eine Rückkehr einiger Mitglieder in die Gesellschaft nur schwer möglich. [...] manche haben sich so an dieses Leben gewöhnt, [...] also viel Geld mit wenig Aufwand, [...] die können sich wahrscheinlich gar nicht mehr vorstellen, acht Stunden zu arbeiten“,28so die ernüchternde Prognose eines mit dem Fall betrauten Staatsanwaltes.

Durch aufwendigen Kleidungs- und Lebensstil sowie Drogen war der Finanzbedarf der Gruppe erheblich; die betroffenen Geschäfte in der Münchener Altstadt ergriffen gegen die zunehmenden Überfälle Abwehrmaßnahmen wie Telefonketten oder bestellten privaten Wachdiensten, so daß sich das Revier derRapperimmer weiter ausdehnen musste. Durch Kontakt mit benachbarten Gangs wuchs die Zahl derRapperstetig. Die Berichterstattung durch die Medien steigerte zudem die Faszination der anderen Jugendlichen für dieRapper, so daß mit der Zahl der Mitglieder die Zahl der Gesetzesverstöße exponentiell wuchs.

Die Jugendlichen kopierten in ihrer Gruppe einzelne Aspekte der bundesdeutschen Leistungsgesellschaft. So genügte es innerhalb der Gruppe nicht, bei Raubüberfällen erfolgreich zu sein. Der Erfolg musste auch präsentiert werden. Verschwenderischer Umgang mit Geld, teure Markenklamotten und ein aufweniger Lebensstil waren daher für die die Mitgieder derMarienplatzRapperselbstverständlich.29Auch die bereits beschriebene hierarchische Struktur der Gruppe ahmt den Leistungsgedanken der eigentlich verhassten bundesdeutschen Gesellschaft nach.

Ein besonders gewaltsames Vorgehen zeigten die Mitglieder der Marienplatz- Rapper gegen Homosexuelle. In großer Überzahl wurde dabei auf Personen eingeprügelt, die homosexuell aussahen. Ob es sich dabei tatsächlich um Homosexuelle handelte, spielte dabei keine Rolle. Es ging dabei auch nicht um ein Kräftemessen oder einen regelgeführten Schlagabtausch. Vielmehr stand bei derartigen Prügeleien im Vordergrund, dem Opfer so viel Schaden als möglich zuzufügen.30Eine weitere Form der Gewalt zeigte sich bei den sogenannten Sturmaktionen. In innerstädtischen Modeboutiquen mit nur wenig anwesendem Personal wurde mit einer zahlenmäsigen Übermacht ungeniert alle Gegenstände mitgenommen, von denen anzunehmen war, dass sie leicht weiterzuverkaufen waren. Leistete das Personal Gegenwehr, wurde aus dem Diebstahl schnell ein Raubüberfall.31

3.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede

Die beide hier betrachteten Gruppen weisen einige Geminsamkeiten auf. So ist festzustellen, dass beide Gruppen zunächst als ein kleiner Freundeskreis ihren Anfang nahmen. Insbesondere durch den Ruf in der Öffentlichkeit wurden die beiden Gruppen schnell auch für andere Jugendliche attraktiv.Die Medien, insbesondere die lokalen Zeitungen spielten dabei eine Schlüsselrolle. Ein Mitglied der Turkish Power Boysmeinte dazu: „Wir haben in einem halben Jahr soviel Hektik gemacht, was (sic!) andere Banden nicht einmal in einem Jahr gemacht haben [...]“.32Im Falle derMarienplatz-Rapper waren die Meldungen in den örtlichen Medien Anreiz für Jugendgruppen aus benachbarten Vierteln, sich denMarienplatz-Rappernanzuschließen. Die Berichte in den Medien haben also offenbar das Phänomen in beiden Fällen verstärkt.

Beide Gruppierungen waren unter anderem an Überfällen beteiligt, in beiden Fällen ging es dabei um Markenbekleidung. Jedoch dienten diese Überfälle bei denTurkish Power Boysin erster Linie der Demütigung des Opfers. Jugendliche Deutsche sollten am eigenen Leib die Übermacht der Türken spüren, und sei es auch nur für kurze Zeit. Dies wurde von den vornehmlich türkischen Gangmitgliedern derTurkish Power Boysauch als Rache für die gersellschaftliche Unterdrückung der türkischen Minderheit in Deutschland gerechtfertigt.

Bei beiden Gangs wurde der Haß auf die Wohlstands- und Überflußgesellschaft, in die man sich nicht integrieren konnte, durch Nachahmung scheinbar überwunden. Die Gewalt und Gesetzesübertretungen wurden dabei nicht als Unrecht empfunden, da man sich selbst als Opfer der Gesellschaft sah. Die Turkish Power Boys empfanden ihre gewalttätigen Angriffe als Rache für die vermeintliche Unterdrückung der Türken in der deutschen Gesellschaft. Dabei bezog man die Erfahrung der Unterdrückung auf die eigene Kindheit und das Leben als Ghettokind. Die Gesellschaft, in welche man nicht aufgenommen werden konnte, sollte nun durch Gewalt die Übermacht der türkischen Migrantenkinder zu spüren bekommen.33Die bereits angesprochenen fehlenden Handlungsoptionen wurden durch den Einsatz von Gewalt hergestellt. Ähnliche Motive finden sich bei den Mitgliedern derMarienplatz- Rapper. Man distanzierte sich einerseits von der Leistungsgesellschaft, indem man die Schule ohne Abschluss verließ und straffällig wurde, andererseits kopierte man den Lebensstil der Leistungsgesellschaft, indem man großen Wert auf Markenklamotten und teure Elektrogeräte wie Fernseher, Walkman oder Videorekorder legte.

Die angesprochenen Jugendgangs zeichnen sich zudem durch einen übersteigerten Männlichkeitswahn aus. Der niedrige Frauenanteil in beiden Gruppen ist dafür ein Zeichen. DieTurkish Power Boysdrückten dies durch ein überhöhtes Ehrgefühl aus, bei denMarienplatz- Rappernbestand ein großer Teil der Gewaltdelikte aus „Schwulen- Klatschen“. Homosexuelle paßten nicht in ihr durch Männlichkeit und Stärke geprägtes Weltbild.

DieRappernutzen den Erlös der Diebstahlsdelikte, um Geld für ihren aufwendigen Lebensstil zu erlangen. Gewaltanwendung wurde meist unabhängig von Diebestouren unternommen. Dennoch gaben einige der Hauptangeklagten bei der Frage nach den Motiven an, dass ihnen die Diebestouren auch Spass gemacht hätten.34

Man orientierte sich bei der Ausübung der Gewalt an der Welt der Straßengangs in den USA, welche ihnen durch die Rap- Musik nähergebracht wurde. Jedoch waren die Englisch- Kenntnisse der meisten Gangmitglieder nicht ausreichend, um die der amerikanischen Gangstersprache entnommenen Texte ins Deutsche zu übersetzen. Bezeichnenderweise verstanden die Gruppenmitglieder erst durch Übersetzungen, welche in lokalen Zeitungen veröffentlicht wurden, was der genaue Inhalt ihrer Rap- Musik war.35

Dagegen waren dieTurkish Power Boysweniger hedonistisch fixiert. Bei ihnen stand nicht das gestohlene Produkt im Mittelpunkt, sondern vielmehr die Erniedrigung des Opfers. Ein wesentlicher Unterschied zeigt sich in der Altersstruktur beider Gangs. Während die Mitglieder derTurkish Power Boyszwischen 13 und 18 Jahre alt waren,36war die Altersstruktur derMarienplatz- Rapperwesentlich breiter gefächert. Der überwiegende Teil derRapperwar zwischen 18 und 20 Jahre alt, damit auch älter als die Mitglieder derTurkish Power Boys. Da dieMarienplatz- Rappermit 86 Mitgliedern auch wesentlich größer waren als dieTurkish Power Boys, verwundert es nicht, dass die Extremwerte bei denRappernweiter auseinader liegen. Der jüngsteRapperwar zur Zeit seines Eintritts in die Gruppe 14, der älteste 43 Jahre alt.37

Auch die Vorgehensweise der Soziologen unterscheidet sich in beiden Fällen. Hermann Tertilt, der die Turkish Power Boysbefragte und das Material der Untersuchungsbehörden auswertete, verfolgte einen narrativen Ansatz. Mittels Interviews versuchte er, die Einzelschicksale der Gruppenmitglieder zu beleuchten und so ihre Motivation für den Eintritt in die Gruppe zu ermitteln. Ferner begleitete er einzelne Gruppenmitglieder durch Kneipen und Parties und nahm so an ihrem Alltagsleben teil. 38Siegfried Lamnek, der das Material der Ermittlungsbehörden zum FallMarienplatz- Rapperaufarbeitete, verfolgte dagegen einen empirisch- statistischen Ansatz. Er ermittelte mittels strukturierter Fragebögen und kodierten Antworten die häufigsten Ursachen für den Gruppeneintritt und die Relationen zwischen gesellschaftlichen Gegebenheiten wie Familienverhältnisse und Wohnumfeld mit dem Eintrittsalter oder der Zahl der Straftaten in der Gruppe.

4. Ursachen und Folgen

Die geschilderten Formen der Gewalt haben unterschiedliche Auslöser. Ein zentraler Aspekt dürfte dabei die Anerkennung sein, welche ein delinquenter Jugendlicher für seine Tat und den Mut zu dieser Tat von anderen Bandenmitglie dern erhält. Doch gerade im Fall derMarienplatz- Rapperwurde auch deutlich, dass auch ein finanzielles Interesse hinter kriminellem Verhalten stecken kann. Ein nicht unwesentlicher Bereich bei jugendlicher Gewalt ist aber im Bereich Vandalismus und Sachbeschädigung zu suchen. Auch hierbei können finanzielle Aspekte im Vordergrund stehen, z.B. bei Einbruchsdelikten oder der Zerstörung von Zigarettenautomaten. In vielen Fällen wird aber Zerstört um der Zerstörung Willen betrieben. Auf die Frage, warum Jugendliche Wände mit Graffiti besprühen oder öffentliche Einrichtungen wie Bushaltestellen oder Telefonzellen beschädigen, findet sich zunächst keine befriedigende Antwort. Ebensowenig bei den Prügeleien Rechtsradikaler oder der paradigmatisch aufgeführten Turkish Power Boys. Die häufig von besorgten Eltern, Pädagogen und Passanten gestellte Frage, was denn die Ursache von Gewalt gegen andere Personen ist, greift dabei aber meist zu kurz. Es geht eben nicht, wie sonst in der bürgerlichen Gesellschaft, um einen konkret benennbaren Streitgegenstand, sondern letztlich nur um den Streit selbst, um die Bewährung innerhalb der Konfliktsituation.39

Die Sozialisation der Kinder und Jugendlichen erfolgt in unserer Zeit vermehrt durch das Medium Fernsehen sowie durch diverse Computerspiele und Spielkonsolen. Dennoch greift eine pauschale Verurteilung dieser Mittel moderner Freizeitgestaltung zu kurz. Die Betrachtung der Gewalt im Fernsehen allein ist nicht der Auslöser der Gewalt im realen Leben der Jugendlichen. Vielmehr spielt die Bewertung der Gewalt durch die Medien eine große Rolle. Setzt der Held eines Filmes oder Computerspiels die Gewalt ein, um sein Ziel zu erreichen, wird die Gewaltanwendung also dem Zweck untergeordnet? Oder begeht der Bösewicht Gewalttaten und wird dafür später zur Rechenschaft gezogen? Auch die Frage, inwieweit die in Filmen dargestellte Gewalt mit der Alltagserfahrung eines Jugendlichen übereinstimmt, spielt dabei eine wichtige Rolle.40

Gerade die Frage, ob Gewalt in den Medien auch Auslöser der Gewalt unter Jugendlichen ist, wird in der Forschung noch rege diskutiert. Durch die Darstellung von Gewalt werden beim jugendlichen Betrachter Lernprozesse ausgelöst werden, da durch die Darstellung der Gewaltakte meist auch die Folgen der Gewalt dargestellt werden. Die Gewaltdarstellungen in den Medien können damit eine abschreckende Wirkung auf den Betrachter ausüben. Andererseits können aber auch neue Formen der Gewalt an den Jugendlichen herangetragen werden, welche dann in kürzester Zeit durch den Jugendlichen imitiert werden.41

Es muss daher festgestellt werden, dass Medien einen nicht zu unterschätzenden Einfluß auf die Gesellschaft haben. Doch gerade die Jugendlichen nehmen die Informationen aus dem Fernsehen oft zu unkritisch und unreflektie rt auf. Die Medien sind so in der Lage, Vorbilder und Orientierungsmuster für die Jugendlichen zu schaffen. Die Bedeutung der Medien bei Jugendgewalt ist daher insgesamt sehr ambivalent. Zum einen sollen journalistische Beiträge über Jugendgewalt aufklären. Auf der anderen Seite findet sich auch sehr häufig ein negativer Einfluß auf das Phänomen Jugendgewalt durch sensationsgetriebene Journalisten.42Wie am BeispielMarienplatz- Rapper dargelegt, kann die Berichterstattung über gewalttätige Jugendbanden deren Attraktivität für andere Jugendliche steigern.

Innerhalb der Soziologie bietet sich ein mit den Namen Talcott Parsons und Niklas Luhmann verbundener Erklärungsansatz an. Die für jedes System und für jedes Individuum bedeutende Fähigkeit, ein gestecktes Ziel zu erreichen, ist bei vielen Jugendlichen nicht mehr vorhanden. Insbesondere durch das bereits angesprochene Verschwinden der Jugend als Moratorium werden viele Probleme und Ängste der Erwachsenenwelt in die Jugendphase hineingetragen. Gleichzeitig verlieren die Jugendlichen die Möglichkeit, angemessen und ihren Zielen entsprechend zu handeln.43So erfahren viele Jugendliche bereits früh eine Ohnmacht, die aus den mangelnden Handlungsoptionen resultiert.44Ein Ausgleich zwischen den Interessen des einzelnen Jugendlichen und der Gesellschaft , wie von Parsons gefordert, findet so nicht mehr statt. Der Jugendliche kann so keine Möglichkeit mehr erkennen, das von ihm angestrebte Ziel zu verwirklichen. Dieser Verlust an Handlungskapazität kann besonders von politisch Radikalen ausgenutzt werden, wie in den beiden folgenden Kapiteln dargelegt wird. Ferner können auch Gewaltanwendungen aus Langeweile aus dieser fehlenden Handlungskapazität entstehen.

Der ehemalige Jugendbeauftragte beim Landeskriminalamt, Wolfgang Zirk, unterscheidet vier Varianten des aggressiven Verhaltens45: Primär kann sich die Aggressivität gegen die Personen oder Gegenstände richten, welche das Erreichen eines Zieles vereiteln. Hierzu kann Gewalt gegen Lehrer, Eltern oder die Polizei gerechnet werden. Häufiger findet sich dagegen Gewalt gegen ein Ersatzziel, da das eigentliche Ziel nicht greifbar oder übermächtig ist. Dazu gehört die Gewalt gegen Ausländer als Ersatzobjekte für den Staat oder die Gesellschaft oder generell die Gewalt gegen Fremde. Weiterhin kann sich, wie bereits angesprochen, die Gewalt in Form von innerer Gewalt gegen den eigenen Körper richten, so in Form von Drogenkonsum oder Selbstverstümmelung. Zuletzt gibt es noch die Möglichkeit, dass sich die Aggression in diffuser Form äußert, wie z.B. in Apathie oder Depressionen.

Eine Ursache der Gewalt sieht der Bielefelder Soziologe Heitmeyer in der autoritären Erziehung. Ähnlich wie bei den Medien erlernen Kinder und Jugendliche im Laufe einer autoritären Erziehung, dass Gewalt ein legitimes Mittel zur Durchsetzung der eigenen Interessen sein kann.46Dabei muss sich Gewalt nicht notwendigerweise auf körperliche Züchtigung beziehen, auch bereits die Androhung von Schlägen können als Gewalt empfunden werden. Doch gerade dieser Punkt wird in der Pädagogik und in der Jugendsoziologie kontrovers diskutiert. Die Gegenseite argumentiert, dass gerade die liberale Erziehungspraxis im Zuge der 68er Revolution und die damit verbundene Forderung nach antiautoritärer Erziehung den Jugendlichen keine Orientierung bietet.47Eltern, die mehr Partner als Autoritatsperson sind, seien demnach nicht geeignet, dem Jugendlichen die notwendigen Richtlinien für das gesellschaftliche Zusammenleben zu vermitteln.

Es gibt derzeit verschiedene Ansätze, wie der Gewalt bei Jugendlichen begegenet werden kann. Sämtliche Autoren sind sich darin einig, dass eine konsequente und möglichst rasche Sanktionierung von Gewaltdelikten nötig ist.

Derzeit werden von einigen Medien und Politikern lautstark möglichst harte Strafen für jugendliche Straftäter gefordert.48Gerade bei Gewaltdelikten, hierbei vor allem bei Übergriffen gegen Ausländer, ist die Gesellschaft derzeit besonders sensibilisiert. Es darf aber nicht vergessen werden, dass viele gewalttätige Jugendliche nur ein Spiegelbild der gesellschaftlichen Probleme sind. Der Zusammenhang zwischen Gewalt im Elternhaus und der Gewaltausübung bei Jugendlichen ist zwischenzeitlich hinreichend erforscht.49

5. Unterschiede zwischen Ost und West

Nach der deutschen Vereinigung wurde schnell klar, dass die beiden Teil Deutschlands nicht so schnell und so problemlos zusammenwachsen würden, wie das von der Politik gewünscht wurde. Insbesondere die Jugendlichen, auf denen die Hoffnungen so manches Politikers lagen, weisen nach zehn Jahren Deutscher Einheit immer noch gravierende Unterschiede in Ost und West auf. Insbesondere in Ostdeutschland bahnt sich die jahrzehntelang unterdrückte nationale Identität nun durch einen überspitzten Nationalismus seinen Weg. Die Suche nach neuen Gegnern und Feindbildern konnte besonders deshalb in den neuen Bundesländern von Rechtsradikalen leicht für ihre Zwecke genutzt werden.

Gerade bei den Jugendlichen zeigt sich, dass Deutschland nicht nur politisch geteilt war. Die unterschiedliche Sozialisation in der Bundesrepublik und der DDR spiegelt sich auch in der rechten Gewaltbereitschaft wider. Während im Westen die Sozialisation vornehmlich im Elternhaus erfolgte, wurde im Osten das Kind und der Jugendliche unter staatlicher Aufsicht in Kinderhorten erzogen.50Nach dem Fall der Mauer wurden die Kinderhorte zumeist geschlossen, die Sozialisation sollte, wie auch im Westen, im Elternhaus stattfinden. Einige Eltern waren und sind damit überfordert, da gerade im Osten oft beide Elternteile erwerbstätig sind. Ein weiteres Problem besteht darin, dass viele Lehrer innerhalb kürzester Zeit von sozialistischen zu demokratischen Grundwerten wechseln mussten, was bei den Jugendlichen die Glaubwürdigkeit solcher Lehrer bezweifeln lässt.51

Insgesamt ist in Ostdeutschland eine zunehmende Polarisierung der Jugend in Linke und Rechte zu beobachten. Auch werden diese politischen Standpunkte zunehmend radikaler vertreten, der Einsatz von körperlicher Gewalt gegen Andersdenkende wird damit immer selbstverständlicher.52

6. Rechte Gewalt durch Jugendliche

Angesichts der jüngsten Entwicklung im Bereich der Jugendgewalt scheint es dem Autor angebracht, auch die rechte Gewalt als eine Erscheinungsform der Jugendgewalt am Ende des 20. Jahrhunderts eingehender zu betrachten. Ungefähr 55 Jahre nach dem Ende des nationalsozialistischen Terrorstaates konnte sich in Deutschland wieder eine auf Ausgrenzung und Unterdrückung von Ausländern und sonstigen vermeintlich Andersartigen ausgerichtete Jugendstruktur bilden. Politisch rechtsradikale Denkansätze sind dabei in der Bundesrepublik kein neues Phänomen. Bereits zu Beginn der 90er Jahre machten rechtsgerichtete Kreise durch Brandanschläge auf Asylbewerberheime auf sich aufmerksam. Zur erneuten Eskalation der rechten Gewalt in Deutschland im Sommer 2000 liegt auf Grund der Aktualität noch kein Forschungsmaterial vor.

Die Schlagzeilen der letzten Wochen und Monate wurden dominiert von Meldungen rechter Schläger in den östlichen Bundesländern. Auch hierbei spielt die Theorie von der Abgrenzung der Jugend gegen die Erwachsenenwelt eine entscheidene Rolle. Nach der Wende waren viele Jugendlichen in der DDR von den neuen Möglichkeiten enttäuscht. Höhe Arbeitslosigkeit, unsichere Zukunftsaussichten und das Gefühl, Deutsche zweiten Klasse zu sein schürten Angst und Unsicherheit, welche sich in Gewalt gegen die vermeintlichen Verursacher äußerte.53

Dennoch muss man unterscheiden zwischen rechtsextremem Protestverhalten von Jugendlichen und organisiertem Rechtsextremismus. Der wesentliche Unterschied liegt darin, dass das rechtsextreme Protestverhalten kaum auf einer fundierten und gefestigten nationalsozialistischen Überzeugung aufbaut. Bei einer 1995 durchgeführten Befragung im gesamten Bundesgebiet wurde festgestellt, dass nur ein geringer Anteil der Jugendlichen eine Affinität zu nationalsozialistischem Gedankengut aufweisen. Dagegen befürworteten über 20 % im Westen und über 30 % im Osten Deutschlands mindestens eine der in rechten Kreisen verbreiteten ausländerfeindlichen Parolen.54Auch diese Umfrage bestätigt, dass es eine starke Korrelation zwischen Bildungsstand und ausländerfeindlicher Einstellung gibt. Die Absolventen eines Gymnasiums weisen dabei eine signifikant geringere Neigung zu ausländerfeindlichem Gedankengut auf. Auch eine seperate Betrachtung der östlichen Bundesländer ergibt ein ähnliches Ergebnis, wobei insgesamt in allen Schularten die Neigung zu ausländerfeindlichen Ideen höher ist als im Westen Deutschlands.55

Es ist als grundsätzlich zwischen rechter, nationaler Gesinnung und Ausländerfeindlichkeit zu unterscheiden. Von vielen der aufgrund von übergrriffen gegen Ausländer straffällig gewordenen Jugendlichen wurden rechte Parolen als Mittel des Protestes gegen die Gesellschaft benutzt.56Dabei dienen die Ausländer nur als Ersatzobjekte, die eigentliche Aggression richtet sich dabei gegen den Staat, den Arbeitgeber oder die Schule. Nur in den wenigsten Fällen haben sich die Kontrahenten zuvor getroffen oder gar gekannt.

7. Schluss

Die Gewaltbereitschaft unter Jugendlichen hat nie nur eine einzige Ursache. Ein monokausaler Erklärungsansatz greift daher zu kurz. Vielmehr sind, wie aus den BeispielenMarienplatz- RapperundTurkish Power Boyshervorgeht, stets mehrere Faktoren dafür verantwortlich, dass das deliquente Verhalten Jugendlicher in den Bereich des strafbaren Handelns rückt.

Das Verschwinden des Jugendalters als Moratorium verunsichert die Jugendlichen. Darüber hinaus werden im Fernsehen und in der Musik Möglichkeiten aufgezeigt, die eigenen Ohnmacht gegenüber der Gesellschaft mit Hilfe von Gewalt zu beantworten. Doch auch hierbei muss weiter differenziert werden, ob Gewalt auch tatsächlich als Mittel zur Konfliktlösung präsentiert wird.

7. Literaturverzeichnis

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TERTILT, HERMANN:Turkish Power Boys. Zur Interpretation einer gewaltbereiten Subkultur.In: ZSE 17,

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ZIRK, WOLFGANG: Jugend und Gewalt. Polizei-, Sozialarbeit und Jugendhilfe, Stuttgart et al. 1999

[...]


1Strafgesetzbuch. Jugendstrafrecht, Betäubungsmittelrecht, Wehrstrafrecht, Wirtschaftsstrafrecht und weitere Nebengesetze. 50. völlig neubearbeitete Auflage, München 1993 (= Beck’sche Textausgaben), S. 197.

2Bernhard Schäfers (Hrsg): Grundbegriffe der Soziologie. 5. verbesserte und erweiterte Auflage, Opladen 1998,

S. 159.

3Ebd.

4Bernhard Schäfers: Soziologie des Jugendalters. Eine Einführung. 5. aktualisierte und überarbeitete Auflage, Opladen 1994, S. 30

5Bernhard Schäfers (Hrsg.): Grundbegriffe der Soziologie, S. 159.

6 Ebd., S. 115.

7Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt. Polizei-, Sozialarbeit Jugendhilfe, Stuttgart et al. 1999, S. 31.

8Ebd., S. 12.

9Ebd., 92.

10 Klaus Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. 5. Auflage, Weinheim / Basel 1995, S. 179

11Klaus Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie. Über den Zusammenhang von Sozialstruktur und Persönlichkeit. 5. Auflage, Weinheim / Basel 1995, S. 284.

12Bernhard Schäfers: Soziologie des Jugendalters, S. 24 f.

13Charlotte Bühler: Das Seelenleben des Jugendlichen. Versuch einer Analyse und Theorie der psychischen Pubertät. 6. Erweiterte Auflage, Stuttgart 1967, S. 16.

14 Ebd., S. 56.

15Hermann Tertilt: Turkish Power Boys. Zur Interpretation einer gewaltbereiten Subkultur. In: ZSE 17, S. 19 - 29,

S. 24.

16 Ebd.

17Hermann Tertilt: Turkish Power Boys, S. 26.

18Ebd., S. 27.

19Ebd.

20Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt, S. 28.

21 Hermann Tertilt: Turkish Power Boys, S. 24.

22Siegfried Lamnek / Otto Schwenk: Die Marienplatz- Rapper. Zur Soziologie einer Großstadt- Gang, Pfaffenweiler 1995, S. 16.

23Ebd., S. 88.

24Ebd., S. 53.

25Ebd., S. 46.

26Ebd., S. 62.

27 Ebd., S. 125.

28Siegfried Lamnek / Otto Schwenk: Die Marienplatz- Rapper, S. 163.

29Ebd. S. 67.

30Ebd., S. 69.

31 Siegfried Lamnek / Otto Schwenk: Die Marienplatz- Rapper, S. 111 f.

32Hermann Tertilt: Turkish Power Boys, S 25.

33 Hermann Tertilt: Turkish Power Boys, S. 25.

34Siegfried Lamnek / Otto Schwenk: Die Marienplatz- Rapper, S. 120.

35ebd., S. 203 f.

36Hermann Tertilt: Turkish Power Boys, S 24.

37Siegfried Lamnek / Otto Schwenk: Die Marienplatz- Rapper, S. 87 f.

38 Hermann Tertilt: Turkish Power Boys, S. 20.

39Freerk Huisken: Jugendgewalt. Der Kult des Selbstbewußtseins und seine unerwünschten Ftüchtchen, Hamburg 1996, S. 9 - 12.

40Ebd., S. 22.

41 Wilhelm Heitmeyer et al. (Hrsg.): Gewalt. Schattenseiten der Individualisierung bei Jugendlichen aus unterschiedlichen Milieus. 3. Auflage, Winheim / München 1998, S. 18 f.

42Ebd., S. 107.

43Klaus Hurrelmann: Einführung in die Sozialisationstheorie, S. 183.

44Richard Münch: Theorie des Handelns. Zur Rekonstruktion der Beiträge von Talcott Parsons, Emile Durkheim und Max Weber, Frankfurt / Main 1988, S. 220 f.

45 Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt, S. 95 f.

46Wilhelm Heitmeyer et al. (Hrsg): Gewalt, S. 21 f.

47Gottfried Moeckl: Treffpunkt Clique. Jugend zwischen Langeweile und Gewalt, Fellbach 1992, S. 98.

48Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt, S. 92

49 Ebd.

50Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt, S. 102 f.

51Ebd.

52 Förster, Friedrich et al.: Jugend Ost. Zwischen Hoffnung und Gewalt, Opladen 1993, S. 38 f.

53Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt, S. 44

54Ursula Hoffmann-Lange: Das rechte Einstellungspotential in der deutschen Jugend. In: Rechtsextremismus. Ergebnisse und Perspektiven der Forschung, Opladen 1996 (=Politische Vierteljahresschrift, Sonderheft 27 / 1996), S. 121 - 137, S. 123 f.

55Ebd., S. 127.

56 Wolfgang Zirk: Jugend und Gewalt, S. 76.

19 von 19 Seiten

Details

Titel
Jugend und Gewalt
Hochschule
Universität Karlsruhe (TH)
Veranstaltung
Soziologie der Jugend
Note
1,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V101584
Dateigröße
378 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jugend, Gewalt, Soziologie, Jugend
Arbeit zitieren
Andre Stuber (Autor), 2001, Jugend und Gewalt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101584

Kommentare

  • Gast am 26.3.2010

    Das ist der grösste Blödsinn den ich gelesen habe,- da ich selbst zu meiner Jugendzeit damals einer von denen war. Dummerweise gab es nie irgendwelche Marienplat-Rapper!!! Also was soll diese Falschmeldung? Es gab nur Stachus-Rapper,- und die standen etliche Male in der Zeitung. Am Amrienplatz hielten sich oftmals Holigans oder Teds auf! Also der obere Artiekl könnt ihr schon mal gleich korrigieren, wenn nicht sogar ganz streichen!!!!!!

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