Koloniale Begegnungen in Fidschi und ihre Auswirkungen auf den postkolonialen politischen Diskurs


Seminararbeit, 2000

20 Seiten


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INHALTSVERZEICHNIS

1. Einleitung

2. Koloniale Begegnungen
2.1. Briten und Fijians
2.1.1. Historischer Kontext
2.1.2. Die Fijians aus der Sicht der Briten
2.1.3. Die Briten aus der Sicht der Fijians
2.2. Briten und Inder
2.2.1. Historischer Kontext
2.2.2. Die Inder aus der Sicht der Briten
2.2.3. Die Briten aus der Sicht der Inder
2.3. Fijians und Inder

3. Nationale Einheit - Vision und/oder Realität?!
3.1. Fidschis Entlassung in die Unabhängigkeit
3.2. Visionäre und Visionen
3.3. Politisches Spektrum nach der Unabhängigkeit
3.4. Die Militärputsche von 1987

4. Postkolonialer politischer Diskurs
4.1. Die Position der Fijians
4.1.1. Tradition als politische Idee
4.1.2. Rhetorische Strategien
4.2. Die Position der Inder
4.2.1. Kellys Konzept der Epic Tale of Pollution
4.2.2. Kellys Konzept der Romance of Development

5. Schlußbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. EINLEITUNG

Fidschi ist ein ca. 320 Inseln umfassender Staat, dessen Ausbreitung sich über eine Fläche von über 650.000 km² im Südpazifik erstreckt. Die Bevölkerung wurde 1998 auf 803.000 ge- schätzt. Davon sind 50 % Fijians melanesischer oder polynesischer Abstammung und 43 % Inder. Die Fijians sind größtenteils Christen, während die meisten Inder dem Hinduismus o- der mit Abstrichen dem Islam angehören. Die Briten kolonialisierten Fidschi 1874 und schützten von Beginn an die Rechte der indigenen Bevölkerung. Zwischen 1879 und 1916 wurden ca. 60.500 Inder nach Fidschi gebracht um dort als Kontraktarbeiter auf den Zucker- rohrplantagen zu arbeiten. Nur wenige kehrten nach Ablauf ihrer Verträge in die Heimat zu- rück. Bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts erreichten die indischen Einwohnerzah- len Werte, die mit denen der Fijians vergleichbar waren und sie zeitweise sogar übertrafen (Pitsch 1999: 1).

Die hegemoniale Politik der Briten war eine Politik der Rassentrennung. Nachfolgend soll erörtert werden, inwieweit sich diese Politik als hinderlich auf das Zusammenwachsen von Fi jians und Indern zu einer Nation nach der Entlassung in die Unabhängigkeit 1970 erwiesen hat. Die Untersuchung dieser Frage bedient sich dazu einer Analyse der postkolonialen politischen Rhetorik von Fijians und Indern.

2. KOLONIALE BEGEGNUNGEN

Die koloniale Geschichte von Fidschi unterscheidet sich von der anderer pazifischer Inselgruppen insofern, als daß sie die Begegnung von drei Gruppen unterschiedlicher regionaler Herkunft, nämlich Fijians, Indern und Briten widerspiegelt. Nachfolgend sollen die historischen Hintergründe und die sich während der Kolonialzeit entwickelnden Beziehungsmuster erörtert werden. Die Untersuchung dieser Beziehungsmuster erfolgt unter Berücksichtigung der jeweiligen Perspektive jeder einzelnen Bevölkerungsgruppe.

2.1. Briten und Fijians

2.1.1. Historischer Kontext

Vor der Kolonialisierung durch die Briten bestand Fidschi aus einer Reihe expandierender und miteinander rivalisierender Häuptlingstümer. Die ersten Europäer, die sich in Fidschi niederließen, waren Missionare. Die Bekehrung schritt ab 1830 schnell voran, da sie mit den Strategien der Häuptlinge harmonierte. Wenn letztere konvertierten, folgten ihre Untergebenen in Massen. Widerstand gegen die Konvertierung rührte sich vor allem im Norden und Westen der Hauptinsel Viti Levu, deren Bewohner die Regierungsansprüche der östlichen Häuptlinge nicht anerkannten. Weitere Konflikte entstanden infolge der drohenden Ausbeutung der indigenen Bevölkerung durch weiße Baumwollpflanzer ab 1860. Diese Umstände veranlaßten den einflußreichen Cakobau und zwölf weitere östliche Häuptlinge 1874 die Inseln an die britische Krone abzutreten (Kaplan 1993: 34-37).

2.1.2. Die Fijians aus der Sicht der Briten

Der erste Gouverneur Fidschis Arthur Gordon betrachtete wie wohl die meisten seiner Lands- leute das Verhältnis zwischen Briten und der indigenen Bevölkerung in einem evolutionisti- schen Rahmen mit den Briten an der Spitze der Pyramide. Er tat dies durchaus mit einer pa- ternalistischen Haltung, denn er war beeindruckt von der erfolgreichen Missionierung und sorgte sich um das Überleben der Eingeborenen, die einerseits durch europäische Krankheiten dezimiert worden waren und andererseits Gefahr liefen, durch die gerade erwähnten Baum- wollpflanzer ausgebeutet zu werden.

In Konsequenz hierzu setzte Gordon ein Gesetz in Kraft, daß den Fijians 83% des Landes si- cherte und führte darüber hinaus ein paternalistisches System indirekter Herrschaft ein. Diese Maßnahmen ermöglichten der indigenen Bevölkerung, unter der Führung von Häuptlingen, welche von der Kolonialregierung eingesetzt worden waren, ihre traditionelle Subsistenzlandwirtschaft fortzuführen (Kaplan 1993: 38; Lal 1993: 189).

2.1.3. Die Briten aus der Sicht der Fijians

Die Kolonialisierung und die von Gordon durchgesetzten Maßnahmen müssen im Kontext der kulturellen Logik der Fijians im 19. Jahrhundert betrachtet werden. In dem daran geknüpften ritualpolitischen System wurden Häuptlinge als Fremde angesehen. Die Landbevölkerung hieß die Fremden willkommen und setzte sie auf rituelle Weise als göttliche Könige ein. Die Beziehung von Häuptlingen und Landbevölkerung war zwar hierarchisch, aber auf gegensei- tigen Verantwortlichkeiten und Verpflichtungen basierend. Die Häuptlinge herrschten, wäh- rend die Landbevölkerung im Gegenzug über den Landbesitz verfügte, die Häuptlinge ein- setzte und in ihren rituellen und politischen Unternehmungen unterstützte. Aus der Perspektive der Fijians wurde durch die Briten ein solches Verhältnis zwischen fremden Häuptlingen und Landbevölkerung etabliert. Obwohl es auch, insbesondere im Nor- den und Westen Viti Levus, Widerstandsbewegungen gab, so wurde die Kolonialisierung durch die Briten von den meisten Fijians doch als eine derartige Beziehung aufgefaßt, in der die Landbevölkerung zwar die Herrschaft an eine göttliche (christliche) Königin abtrat, ihr Land aber behielt. Es verbleibt jedoch anzumerken, daß es sich hierbei streng genommen um eine künstliche Tradition handelte, denn nicht die Landbevölkerung sondern die Briten schu- fen quasi von oben herab eine neue politische Klasse der Häuptlinge. Der Great Council of Chiefs wurde vermittels kolonialer Autorität erschaffen um Gordon zu beraten und zu unter- stützen. Die wenigsten Eingeborenen betrachteten ihre Häuptlinge jedoch als kolonial kon- struierte Marionetten der Briten. Vielmehr sah und sieht man bis heute in ihnen traditionelle Autoritäten, in ähnlicher Weise wie man auch das Christentum in die Kategorie Tradition einordnet (Kaplan 1993: 38).

2.2. Briten und Inder

2.2.1. Historischer Kontext

Aus seiner Politik der indirekten Herrschaft erwuchs zwangsläufig ein ökonomisches Dilem- ma für Gordon. Die Prämisse der späten Kolonialisierung Fidschis lautete nämlich schnellst- mögliche wirtschaftliche Unabhängigkeit. Nun waren aber weder Kapital noch Arbeit und be- dingt durch Gordons Politik erst recht keine Arbeitskräfte verfügbar. Selbst die Baumwoll- pflanzer steckten nach dem Kollaps des Baumwollbooms in einer finanziellen Krise. Gordon sah die Lösung seines Problems in auswärtigen Quellen. Erstens sorgte er dafür, daß die Co- lonial Sugar Refining Company (C.S.R.) 1882 ihre Aktivitäten von Australien aus nach Fi- dschi ausdehnte; zweitens holte er indische Kontraktarbeiter ins Land, da man in anderen Ko- lonien bereits Erfahrung mit Indern gesammelt hatte (Lal 1993: 189).

Zwischen 1879 und 1916, als die letzten Inder einwanderten, kamen daraufhin mehr als 60.000 Migranten nach Fidschi, von denen nur ca. 40% nach Auslaufen des Vertrags zurück- kehrten. 75% kamen aus den ärmlichen nordöstlichen Bezirken Indiens, also dem heutigen Bihar und Teilen von Uttar Pradesh. Der Rest wurde ab 1903 in Südindien rekrutiert. Bemer- kenswert ist, daß die Briten nicht nur für den Pull sondern auch für die Push -Faktoren der Migration verantwortlich zu machen sind. Die meisten Migranten gehörten nämlich einer entwurzelten Bauernschaft an und suchten ursprünglich eine Anstellung in den städtischen In- dustriezentren, insbesondere in Kalkutta und Madras. Bedingt durch Landreformen und die Verarmung lokaler Industrien nach dem britischen Eindringen waren diese Leute erheblichen ökonomischen Härten ausgesetzt, was eine Migration schmackhaft machte. Theoretisch bekam jeder Kontraktarbeiter die Klauseln und Bedingungen seines Vertrags in Indien erläutert. Ein örtlicher Richter mußte dies sogar zertifizieren. Die Praxis sah aber, so- wohl die Aufklärung als auch die letztendliche Umsetzung betreffend, ganz anders aus. Weltweit galt Fidschi bald als der Ort, an dem das Kontraktarbeitersystem in seinen schlimm- sten Ausmaßen wucherte. Disziplin wurde durch körperliche Züchtigung erzwungen; Lohnzahlungen wurden ausgesetzt, wenn der geforderte Ertrag nicht erbracht wurde; der nied- rige Frauenanteil von ca. 30% förderte die Prostitution; die Gewalt eskalierte in den überfüll- ten Baracken und die Selbstmordrate war extrem hoch. Eine Schlüsselstellung auf den Planta- gen nahm der sogenannte Sirdar ein. Es handelte sich dabei um einen indischen Vorarbeiter, der zwischen Aufsehern und Arbeitern vermitteln sollte und seine Sonderstellung häufig zum Nachteil seiner Landsleute mißbrauchte. Was allerdings am schwersten für die kastenbewuß- ten Inder gewogen haben dürfte, war die undifferenzierte Behandlung, die ihnen zuteil wurde. Sie wurden ihrer Kastenzeichen beraubt und wurden gezwungen, mit Angehörigen anderer Kasten auf engstem Raum zusammen zu leben. Unter den geschilderten Umständen sahen sich viele Migranten außer Stande, in ihre Heimat zurückzukehren ohne dabei ihr Gesicht zu verlieren (Lal 1993: 189-190; Sowell 1997: 362).

2.2.2. Die Inder aus der Sicht der Briten

Die Inder wurden von den Briten lange Zeit als Randfiguren in der sozialen Landschaft Fi- dschis aufgefaßt. Während die indigene Bevölkerung als schützenswerte primitive Community galt, wurden die indischen Migranten als ein Kollektiv freier Individuen betrachtet, das nach Belieben kommerziell ausgebeutet werden konnte. In Übereinstimmung hiermit steht die oben erwähnte undifferenzierte Behandlung der Inder, die einen nachhaltigen Schwund der sonst üblichen Kastenpraktiken und damit verbunden einen Verlust der ihnen eigenen sozialen Hie- rarchien und Entscheidungsstrukturen bewirkte. In der Tat ist in Fidschi das Kastenwesen ge- genwärtig quasi ausgestorben. Aufgrund ihres vermeintlich temporären Status als Arbeiter- pool wurden seitens der Briten auch keine Anstrengungen unternommen, ein ähnliches Sys- tem indirekter Herrschaft einzuführen wie für die indigene Bevölkerung. Versuche der Inder, sich politisch zu organisieren, wurden demzufolge als Aufwiegelung betrachtet und unter- drückt (Kaplan 1993: 40-42; Kelly 1988: 401-402).

2.2.3. Die Briten aus der Sicht der Inder

Bedenkt man die britische Politik der Unterdrückung gegenüber den indischen Kontraktarbei- tern, so könnte man als Reaktion darauf ebenso heftigen Widerstand erwarten. Diese Schluß- folgerung würde jedoch in dem hier behandelten Fall der Situation nicht ganz gerecht werden, zumindest nicht in den Anfängen der Kontraktarbeiterperiode. Die Inder reagierten vielmehr mit einer eher passiven bis lethargischen Haltung den Unterdrückern gegenüber. Dafür kön- nen jedoch einige gewichtige Gründe angeführt werden. Zum ersten standen die Arbeiter de facto einer übermächtigen Allianz bestehend aus Arbeitgeber und Kolonialregierung gegen- über, denn letztere war in beträchtlichem Maß abhängig von der Wirtschaftskraft der C.S.R. Diese Allianz griff auf allen Ebenen, da es selbstverständlich auch Abhängigkeiten persönli- cher Natur zwischen Plantagenbesitzern und Bürokraten, die in denselben Kreisen verkehrten, gab. Auch in der Rechtsprechung waren die Kontraktarbeiter benachteiligt. Zweitens ist ihre Unorganisiertheit, die zweifellos in der Uneinheitlichkeit des sozialen und kulturellen Hinter- grundes wurzelt, zu nennen. Drittens muß in diesem Zusammenhang die anfängliche Gastar- beitermentalität, die sich vor allem in Form von regelmäßigen Geldüberweisungen nach In- dien ausdrückte, in Betracht gezogen werden. Das angepeilte Ziel, möglichst viel Geld in möglichst kurzer Zeit zu verdienen, hatte oberste Priorität. Da potentieller Widerstand mit diesem Ziel unvereinbar gewesen wäre, versuchte man statt dessen, das beste aus der Situati- on zu machen, zumal die Erfolgsaussichten eines Aufstandes ohnehin gering einzuschätzen waren. Zuletzt sei noch auf die ungünstigen geographischen Voraussetzungen, die einer Mo- bilisierung der Arbeiter entgegenwirkten, hingewiesen. Bis auf eine Plantage in Labasa auf der zweitgrößten Insel Vanua Levu befanden sich zwar alle weiteren Plantagen der C.S.R. auf Viti Levu; letztere waren aber weit verstreut und ein Gesetz verhinderte, daß sich mehr als fünf Arbeiter gleichzeitig ohne spezielle Erlaubnis von der Plantage entfernten (Lal 1993: 190-213).

Die Situation änderte sich gegen Ende der Kontraktarbeiterperiode. Als die freie indische Gemeinde in Fidschi wuchs und mit neuem Selbstbewußtsein begann, sich politisch zu orga- nisieren, wurden die ersten Gefechte mit den Briten auf der wirtschaftlichen Ebene in Form von Streiks gegenüber der C.S.R. und anderen Arbeitgebern ausgetragen. Nachdem 1920 die letzten Verträge aufgelöst worden waren, wurden die meisten nicht nach Indien zurückge- kehrten Migranten entweder kleine unabhängige Zuckerrohrpflanzer oder betätigten sich in diversen kommerziellen Sektoren in den Städten. Neue soziale Strukturen, die sich von denen der alten Heimat unterschieden und darüber hinaus ökonomische Kriterien beinhalteten, be- gannen sich abzuzeichnen. Das Verhältnis zur Kolonialregierung gab sich zunehmend als Teil eines umfassenden antikolonialen nationalistischen Bestrebens Indiens gegen den britischen Imperialismus zu erkennen. Politische Führer waren wie in Indien häufig religiöse Führer, und einige von ihnen wurden in der Tat von Gandhi entsandt um die Migranten zu unterstüt- zen. Weitere Parallelen betreffen die internen Dispute und die Uneinigkeit innerhalb der indi- schen Gemeinde, sei es zwischen Hindus und Moslems oder zwischen Nord- und Südindern. Als schwer wiegendes Handicap im Vergleich zu den Nationalisten in Indien ist allerdings die Tatsache zu bewerten, daß „ Fiji Indians were not indigenes in Fiji. Consequently, unlike the Fijian community (also sometimes the scene of intense internal, especially regional, factionalism) the Fiji Indians have not had the powerful political and rhetorical tool of a colonially defined and idealized, common indigenous identity as a bond of union” (Kaplan 1993: 42). Diesem Mangel ist es zuzuschreiben, daß politische Aktionen nur von geringer Ef- fizienz waren und die Inder in der Folge keinen wesentlichen Zuwachs an politischem Einfluß zu verzeichnen hatten. Erfolgreicher waren dagegen die ökonomischen Projekte, welche ge- gen die britische Ausbeutung gerichtet waren, sowie die religiösen Bewegungen, die für einen sozialen Aufschwung sorgen sollten (Kaplan 1993: 42).

2.3. Fijians und Inder

Wie aus den bisherigen Ausführungen ersichtlich geworden sein dürfte, definierten sich Fiji- ans und Inder auf der Beziehungsebene während der Kolonialzeit nahezu ausschließlich in Relation zu den Briten und nicht etwa in ihrem direkten Verhältnis zueinander. Dieser Um- stand kann nicht allein auf die geographische Isolierung der Inder während der Kontraktarbei- terperiode zurückgeführt werden, sondern basiert letztendlich auf der grundsätzlich unter- schiedlichen Beurteilung, Behandlung und politischen Führung der beiden Gruppen durch die britische Kolonialregierung. Während die Fijians als schützenswerte primitive Community beurteilt wurden, galten die Inder als freie Individuen, die man zu kommerziellen Zwecken ausbeuten konnte. Die jeweiligen Beziehungsmuster in Relation zu den Briten prägten nach- haltig das Selbstverständnis der beiden Gruppen und verhinderten eine kulturelle und soziale Annäherung zueinander. Es dauerte eine ganze Weile, nämlich bis zum 2. Weltkrieg, bis Inder und Fijians erstmalig auf politischer Ebene miteinander debattierten, und erst mit der Unab- hängigkeit 1970 wurden sie mit der schwierigen wenn nicht aussichtslosen Aufgabe konfron- tiert, zu einer gemeinsamen Nation zusammenzuwachsen (Kaplan 1993: 43).

3. NATIONALE EINHEIT - VISION UND/ODER REALITÄT?!

Bevor ich im nächsten Abschnitt auf die Analyse des postkolonialen politischen Diskurses in Fidschi und die Zusammenhänge mit den soeben erörterten kolonialen Begegnungen eingehen werde, soll an dieser Stelle ein Abriß der äußeren Umstände, in die jener Diskurs eingebettet ist, erfolgen.

3.1. Fidschis Entlassung in die Unabhängigkeit

Fidschis Unabhängigkeit war in den Jahren vor 1970 heftig debattiert worden. Während der indische Bevölkerungsanteil nach Unabhängigkeit strebte, suchten die Fijians nach Aufschub. Schließlich entschied sich die damalige britische Labour- Regierung für ein unabhängiges Fi- dschi. Die beiden größten politischen Parteien kristallisierten sich bereits in den Jahren davor heraus. Die von Indern dominierte National Federation Party wurde 1964 von führenden Köpfen der Canegrowers ’ Union und einiger anderer Vereinigungen gegründet. Die von Fiji- ans beherrschte Alliance Party wurde bereits 1956 ins Leben gerufen. Die von den scheiden- den Briten eingesetzte und von der National Federation Party nur unwillig akzeptierte Ver- fassung verlangte, daß jede Partei sich gemischt zusammensetze und für jede Wählerkategorie (Fijians, Inder und andere) entsprechende Kandidaten aufgestellt würden. Die Regierung des unabhängigen Fidschi basierte auf dem Westminster Modell. Das Parlament setzte sich folg- lich aus den zwei Kammern Repräsentantenhaus und Senat zusammen. Entscheidend für die darauffolgende politische Hegemonie der Fijians war die Zusammensetzung des 22 Sitze um- fassenden Senats. Während der Premierminister 7 Senatoren und der Oppositionsführer 6 Se- natoren nominierte, wurde eine Mehrheit auf Seite der Fijians durch 8 weitere Senatoren, die vom kolonialen Überbleibsel, dem Great Council of Chiefs nominiert wurden, garantiert. Wie Kaplan richtig bemerkt: „The constitution reified the unequal political relations formed in the colonial era in favor for the Fijians, and it reinforced and further routinized race as a category in Fijian social and political life” (Kaplan 1993: 45).

3.2. Visionäre und Visionen

Ungeachtet der ungünstigen Voraussetzungen verkündeten die politischen Führer der zwei annähernd gleich großen Bevölkerungsgruppen kurz vor der Entlassung Fidschis in die Unabhängigkeit die Vision von einer gemeinsamen Nation.

Der indische Führer A. D. Patel (1968: 5) richtete dabei die folgenden Worte ein sein indisches Publikum:

Imperialism everywhere has been the greatest enemy and antagonist of nationalism. In every country which was under imperial rule people were never described even as people, they were always described as peoples….People who have awakened natio- nally and have national consciousness now realize that religion is immaterial, even your way of life is immaterial - what is most important is a sense of political solidari- ty, a sense of unity, a sense of oneness….So after all is said and done, it is a question of the mind, not a question of the colour….It is the same thing with our nation, co- vered with the ignorance of racialism and sectarianism. Remove the cover, and the nation is there.

Der spätere Premierminister und high chief Ratu Mara (1968: 1) äußerte sich gegenüber Parteigenossen wie folgt:

This is the first mass party political conference representing the towns and villages of the nation assembled to discuss and debate the issues that confront us. The Alliance is and will be the political force expressing the will of the people - the citizens of Fiji - not the Fijians alone, not the Indians alone, not the Europeans, part-Europeans, Chi- nese or any smaller group alone, but THE CITIZENS OF FIJI….So this party must build a national awareness that puts Fiji first in the minds and hearts of our people.

Für einen kurzen historischen Moment war man sich einig darüber, die von Rassentrennung geprägte koloniale Vergangenheit hinter sich zu lassen und eine gemeinsame Nation nach dem Vorbild der im 18. Jahrhundert entstandenen europäischen Nationalstaaten aufzubauen. Beide Führer hatten eine Vision, in der Inder und Fijians Rassenpolitik und kulturelle Unterschiede den gemeinsamen säkularen Zielen eines modernen kapitalistischen und demokratischen Staates unterordnen würden.

Es zeigte sich bald, daß diese Vision mit der Realität unvereinbar war, denn die Vorstellungen davon, wie die gemeinsame Zukunft aussehen sollte, wiesen doch eine recht beachtliche

Bandbreite auf. Die meisten Inder tendierten zu einer Argumentation, die auf Assimilation ba- sierte und stellten sich in diesem Zusammenhang Bürger jedweder Rasse in einer modernen Gesellschaft vor, deren höchstes Ideal die nationale Solidarität darstelle. Inder sollten unein- geschränkte politische Rechte erhalten und die Verfassung müßte hinsichtlich einer rassen- unabhängigen Wahlliste geändert werden. Dagegen basierte die mehrheitliche Argumentation der Anhänger Ratu Maras auf einer Haltung, die gegenseitigen Respekt als Grundlage einer gemeinsamen Nation vorzog und den rassenspezifischen Wahlgang befürwortete (Rutz 1988: 74).

3.3. Politisches Spektrum nach der Unabhängigkeit

Zwischen 1970 und 1987 hielt die Alliance Party mit Ratu Mara als Premier die parlamenta- rische Mehrheit. Die National Federation Party war in dieser Zeit durch interne Meinungs- verschiedenheiten zerstritten und stellte folglich keine echte Herausforderung für die Alliance Party dar. Innerhalb der Regierungsperiode der Alliance Party entstanden neue politische Par- teien. Die Fijian Nationalist Party vertrat eine radikale antiindische Position und forderte die Rückführung der Inder nach Südasien. In jüngerer Zeit wurde die Rechtmäßigkeit der Autori- tät der high chiefs als Repräsentanten der indigenen Bevölkerung in Frage gestellt. Als die Fi- jian Nationalist Party zwischenzeitlich auf Kosten der Alliance Party an Zulauf gewann, mo- difizierte letztere ihre politische Orientierung und machte hinsichtlich der Rassenfrage einen

Rechtsruck. Die Western United Front wurde 1981 in den westlichen Provinzen Viti Levus ins Leben gerufen. Obwohl von Fijians dominiert, ging sie eine kurzlebige Koalition mit der Na- tional Federation Party ein. Den Anlaß hierzu gaben wohl die oben angedeuteten aus vorko- lonialer Zeit stammenden Rivalitäten zwischen östlichen und westlichen Häuptlingstümern und die Verbitterung letzterer über die eigenmächtige Abtretung Fidschis an die britische Krone durch die östlichen Häuptlinge sowie über deren anschließende politische Dominanz. 1985 wurde die Fiji Labour Party unter der Führung des aus der Landbevölkerung des West- teils von Viti Levu stammenden Dr. Timoci Bavadra gegründet. Die Partei betonte das beid- seitige Interesse aller Bürger Fidschis an wirtschaftlichem und sozialem Aufschwung und schlug vor, Rassenpolitik durch eine wirtschaftspolitische Interpretation von Gruppen und Beziehungen zu ersetzen. Die Sozialpolitik müsse neu organisiert werden um eine gleichmä- ßigere Verteilung von Wohlstand zu erzielen. Bemerkenswert war Bavadras Vorschlag, die Bezeichnung Fijian für alle Bürger Fidschis zu verwenden (Kaplan 1993: 46-48).

3.4. Die Militärputsche von 1987

Im April 1987 gewann eine Koalition aus National Federation Party und Fiji Labour Party mit der Unterstützung des weitaus größten Anteils der indischen und 9% der indigenen Be- völkerung die nationalen Wahlen. Unter Rücksicht auf die Befürchtungen vieler Fijians hin- sichtlich eines nunmehr von Indern dominierten Kabinetts wurde Bavadra zum Premierminis- ter ernannt; sein Stellvertreter wurde der Führer der National Federation Party. Am 14. Mai 1987 führte Oberst Sitiveni Rabuka einen Putsch gegen die Koalitionsregierung. Bavadra und die Kabinettsmitglieder wurden gefangen genommen. Rabuka versprach die Rückkehr zu einer Zivilregierung, nachdem eine neue Verfassung ausgearbeitet worden sei, die das Häuptlingssystem, die Landverteilung und die christliche Religion bewahre. Am 23. Mai übergab Rabuka die Regierungsgeschäfte an den die britische Krone repräsentierenden Generalgouverneur Ratu Ganilau, der sich während der nun folgenden kurzen Interimsperiode für die Bildung einer aus Koalition und Alliance zusammengesetzten Regierung der nationa- len Einheit einsetzte. Als Ganilau am 23. September seine Pläne in die Tat umsetzte, putschte Rabuka zwei Tage danach erneut. Am 7. Oktober erklärte er Fidschi zur Republik und brach durch den Austritt aus dem Commonwealth die Brücken zu Großbritannien ab. Am 6. Dezem- ber übergab Rabuka die Regierungsgeschäfte an den nun als Präsident designierten früheren Generalgouverneur Ganilau und an Ratu Mara als neuen Premierminister. Die neue Verfas- sung trat am 25. Juli 1990 in Kraft und garantierte die fortdauernde politische Kontrolle durch Vertreter der indigenen Bevölkerung. Die Ämter des Präsidenten und Premierministers dürfen ausschließlich von Fijians besetzt werden. Darüber hinaus institutionalisierte der Great Coun- cil of Chiefs seinen autoritären Status über innenpolitische Angelegenheiten hinaus auch be- züglich außenpolitischer, die Nation betreffender Fragen (Kaplan 1993: 48-51). Die geschilderten Ereignisse setzten den Schlußpunkt unter die Versuche, eine nationale Kultur für die Bürger Fidschis zu schaffen oder in den Worten von Rutz: „The restoration of Fijian power, and with it a new constitution, brought to a halt the brief experiment of transplanting an eighteenth century nation-state in the time-space of Fiji the coups took away the Other against which Fijian identity had been dialectically shaped by racial politics during the colonial and independence periods“ (Rutz 1997: 74).

4. POSTKOLONIALER POLITISCHER DISKURS

Im nun folgenden Abschnitt soll der Frage nachgegangen werden, warum die von Patel und Ratu Mara geäußerte Vision einer gemeinsamen Nation zum Scheitern verurteilt war. Die Un- tersuchung dieser Frage bedient sich dazu einer Analyse der politischen Rhetorik von Indern und Fijians.

4.1. Die Position der Fijians

4.1.1. Tradition als politische Idee

Die Anschauungsweise, daß Tradition eine politische Idee verkörpert, setzt zwei Dinge voraus. Erstens, die Gegenwart zieht ihre Berechtigung aus der Vergangenheit, d. h. der politische Diskurs beruft sich auf Kontinuität zwischen Vergangenheit und Gegenwart um seine Wahrheiten zu etablieren. Zweitens, der betreffende Diskurs, der sich Tradition zunutze macht, bedient sich dazu rhetorischer Strategien, die gegenwärtige Anschauungsweisen hinsichtlich ihrer Anfänge legitimieren (Rutz 1997: 78).

Seit den ersten Tagen des unabhängigen Fidschi wurde auf Seiten der indigenen Bevölkerung Tradition als rhetorisches Mittel eingesetzt, um die eigenen Ansprüche, den souveränen Staat Fidschi zu regieren, gegenüber der indischen Bevölkerungsgruppe zu behaupten, d. h. man bediente sich der entferntesten noch zugänglichen Vergangenheit (die Zeit der Missionierung und die Anfänge der Kolonialisierung), um die Perspektive einer Fijian nation, in der Inder, wenn überhaupt, nur eine untergeordnete Rolle spielen, zu rechtfertigen. Die Betonung liegt hierbei auf einer Fijian Nation konträr zum Nationalstaat nach europäischem Muster. Wie zu- vor bereits angedeutet, blitzte die Vorstellung von einer gemeinsamen Nation im letzteren Sinne nur für einen kurzen Augenblick unmittelbar vor der Entlassung in die Unabhängigkeit auf, um nach 17 Jahren endgültig dem kolonialen Vermächtnis der Rassentrennung und dem daraus resultierenden Bild von einer Fijian nation zum Opfer zu fallen. Das Militär garantier- te auf weiteres die Kontrolle des Staates durch Fijians, und in der neuen Verfassung von 1990 wurde Tradition als Ausweg aus einer Legitimierungskrise verankert. Diese einschneidenden Ereignisse setzten jedoch nicht etwa einen Schlußpunkt unter die rhetorischen Strategien, die sich Tradition zunutze machten. Vielmehr setzte eine Dezentrierung des politischen Diskurses ein, in deren Folge der Streit um die Nation innerhalb der indigenen Bevölkerungsgruppe ausgetragen wurde. Während zu Zeiten, als der politische Diskurs von Rassenpolitik bestimmt war, Fijians keine Schwierigkeiten hatten, sich als eng miteinander verbundene Community zu betrachten, deren Identität von rhetorischen, Land, Häuptlinge und Kirche betreffenden, Strategien gestützt wird, kamen nun unterschiedliche, bisher angesichts der indischen Gefahr unterdrückte rhetorische Strategien zum Vorschein (Rutz 1997: 75).

Rutz unterscheidet im Anschluß drei paradigmatische Strategien, von denen jede eine von den anderen abweichende Konstruktion der Fijian nation im Rahmen der drei oben genannten Konzepte Häuptlinge, Land und Kirche darstellt. Er fügt hinzu: „Each strategy maintains an appearance of remaining within the bounds of a cultural system, while the sequence and timing of strategies are important for an understanding of the capacity of each to sustain this appearance….The very success of a rhetorical strategy depends upon a blurring of the distinction between reproduction and transformation of a cultural system” (Rutz 1997: 79).

4.1.2. Rhetorische Strategien

Die erste rhetorische Tradition unter den drei zu erörternden Paradigma bezeichnet Rutz als royalist strategy und nennt als ihre Hauptvertreter die obersten Häuptlinge und Ratu Mara, unter dessen Führung die Strategie in der Verfassung von 1970 als Schutz des Fijian way of life vor den Gefahren des Kapitalismus und der politischen Demokratie verankert wurde (1997: 79). Die royalist strategy verbindet die Tradition der Fijian nation mit dem kolonialen Bild, in dem das Schicksal der Fijians durch die Vermittlung der Häuptlinge unwiderruflich an die britische Monarchie geknüpft ist. Paradoxerweise zieht dabei die traditionelle Häupt- lingsautorität ihre Berechtigung aus der Akzeptanz der britischen Königin als Häuptling aller Fijians. Zwei historische Ereignisse bilden die Basis der royalist strategy. Das erste Ereignis ist die Abtretung Fidschis an die britische Krone im Jahr 1874 durch die östlichen Häuptlinge (s. o.). Diese Handlung wurde später als ein Akt der Großzügigkeit im Austausch für die Herrschaft im eigenen Land interpretiert. Der zugrunde liegende Gedanke beinhaltet, daß die spezielle Beziehung zwischen Häuptlingen und Krone Vorrang gegenüber den Verpflichtun- gen letzterer hinsichtlich einer immigrierten Rasse habe. Das zweite historische Ereignis ist der 10. Oktober 1970, also der Tag der Unabhängigkeit. Die neue Verfassung Fidschis als Mitglied des Commonwealth untermauerte die spezielle Beziehung zwischen den Häuptlingen und der Krone durch die Institutionalisierung von Häuptlingen und Land als separate politi- sche Einheit innerhalb des Staates. Im Rahmen der royalist strategy sucht die Fijian nation ihre Rechtfertigung also nicht in kulturellen sondern historischen Ursprüngen, was laut Rutz eine Desakralisierung von Tradition zur Folge hat (1997: 79-82).

Die zweite Strategie wird von Rutz als s trategy of betrayal of the land bezeichnet (1997: 82). Es ist die Strategie, von der sich vor allem verdrossene und unzufriedene Landleute angespr chen fühlen. Ihr Hauptvertreter war Sakeasi Butadroka, der Gründer der Fijian Nationalist Party. Butadroka argumentierte, daß die Häuptlinge gleich zweimal Landesverrat begingen. Er bezeichnete die Abtretung der Inseln an die britische Krone als Diebstahl und Verstoß der Häuptlinge gegen das geheiligte Vertrauen zwischen Häuptlingen und Landbevölkerung. Bu- tadroka berief sich dann auf dieses erste Ereignis um einen zweiten Landbetrug aufzudecken. Seiner Meinung nach hätte Queen Elizabeth 1970 das Land an die Fijians, die allein die rechtmäßigen Besitzer seien, zurückgeben müssen. Statt dessen übergab sie das Land an die neuen Bürger Fidschis, die zu jenem Zeitpunkt annähernd 50 % indischer Abstammung wa- ren. Die Verfassung von 1970 wurde von Butadroka als ein Mittel dargestellt, gewöhnliche Fijians um ihr Land zu bringen. Das Erreichen der Unabhängigkeit läge für Fijians folglich nicht in der Vergangenheit sondern in der Zukunft. Fijians sollten sich von der Demokratie, die ihr Schicksal mit dem der Inder verbunden habe, befreien, denn Demokratie und Gleich- berechtigung seien Termini der westlichen Vorstellung von Tradition. Fijian Nationalists sa- hen sowohl die Häuptlinge als auch die Krone als Hindernis bei der Realisierung einer Fijian Nation, deren Herz die Landbevölkerung sein sollte (Rutz 1997: 82-84).

Die dritte und letzte rhetorische Strategie, von der Rutz spricht, entwickelte sich in der politi- schen Krise von 1987. Er bezeichnet sie als strategy of divine intervention und nennt den Putschanführer Oberst Rabuka als ihren Hauptvertreter (1997: 84). Rabuka sah die Ursprünge der Fijian nation in der Konvertierung zum Christentum, die 1835 mit der Ankunft der ersten Missionare begann. Rutz behauptet jedoch: „The real source lies beyond the time - space of history and culture, in an imaginative and timeless covenant with God and the Fijian people. In this covenant, chiefs and land are authorized by church ….(1997: 84). Das Problem bestand darin, daß ein von Gott gegebener Schatz von einer immigrierten Rasse bedroht wurde. Die Lösung, die Rabuka anbot und gewaltsam durchsetzte, sollte den Fijians die Möglichkeit ge- ben, ihr eigenes Schicksal in ihrem eigenen Land zu bestimmen. In Rabukas Vorstellung ist die Fijian nation durch die Konvertierung zum Christentum quasi von Gott verordnet worden (Rutz 1997: 84-86).

Alle drei hier behandelten rhetorischen Strategien haben etwas gemeinsam: sie verbinden das Konzept der Fijian nation mit dem Aspekt der Tradition und letzteres wiederum mit einem Diskurs, der die Begriffe Häuptlinge, Land und Kirche in der Prägung der kolonialen Vergan- genheit umfaßt.

4.2. Die Position der Inder

4.2.1. Kellys Konzept der Epic Tale of Pollution

Kelly kategorisiert die, der ideologischen Artikulation dienenden, rhetorischen Strategien der Inder in Epics und Romances, je nach der Stimmung des historisch geprägten Bildes, das sie vermitteln (1988: 400). Während der Kolonialzeit waren sich indische Politiker sehr wohl bewußt, daß ihre Landsleute im Verlauf der Kontraktarbeiterperiode dem Kastenwesen zwangsläufig abschwören mußten. Inder neigten dazu, ihren Leidensweg mit dem Schicksal des Hindugottes Ram zu vergleichen, der durch äußere Umstände in die Armut und ins Exil getrieben wurde, wie im Epos des Ramayana nachzulesen ist (Kaplan 1993: 41). Auf der poli- tischen Ebene führte dies dazu, daß man der hegemonialen Rhetorik der Briten, die Kelly, be- zugnehmend auf die oben beschriebene Beziehung der Briten zu den Fijians, als Pacific Ro- mance bezeichnet, die sogenannte Epic Tale of Pollution entgegensetzte (1988: 400). Kon- traktarbeit als britisches Projekt bewußter Verunreinigung verlangte nach heroischer Abhilfe. Der Argumentation lagen die Ideen Gandhis und des indischen Nationalismus zugrunde. Die anti-indenture Kampagne war eine der ersten erfolgreichen Anstrengungen der nationalisti- schen Bewegung in Indien, eine indische Nation zu schaffen und sie zu politischem Leben zu erwecken. Der Gebrauch devotionaler Texte wie des Ramayanas um politische Streitfragen und Beziehungen zu definieren, war laut Gandhi nicht etwa willkürlich oder zufällig, denn der indische Nationalismus sollte nicht als Austausch von sozio-religiösen Vorstellungen gegen eine nationale Identität sondern als Synthese von beiden verstanden werden. Selbstbestim- mung wurde gleichzeitig zum Prinzip antikolonialer Politik und religiöser Selbstpurifikation gemacht. Diese sogenannte radikale Rhetorik des indischen Nationalismus dominierte die po- litischen Bewegungen der Inder im kolonialen Fidschi. Die in dem beschriebenen devotional

- politischen Diskurs eingefaßte Ethik hat die soziale Identität und das Beziehungsmuster der Inder auch hinsichtlich ihrer vermeintlich modernen, individualistischen und egalitären Aus- richtung geprägt. Indischer Individualismus trägt jedoch keine egalitären Züge im Sinne von Dumont. Vielmehr handelt es sich um die demütige Anerkennung von Gleichheit vor Gott. Der antikoloniale Devotionalismus und die damit verbundene Ethik hat ebenso den indischen Kapitalismus in Fidschi geprägt. Arbeit wurde als Dienstleistung zu Ehren Gottes und der

Gemeinde angesehen. Bis in die Gegenwart hinein artikuliert sich in privaten Kreisen die Epic Tale of Pollution auf unterschiedliche Art und Weise (Kelly 1988: 405-410). Auf der politi- schen Ebene trat jedoch mit der Unabhängigkeit Fidschis ein Wandel der politischen Rhetorik ein, den man nicht als simple Funktion einer Art Verwestlichung darstellen kann, denn so Kelly: „The grievances of colonial history and the rhetoric of colonial era politics have been forgotten only publicly, in the national political and intellectual arenas“ (1988: 409).

4.2.2. Kellys Konzept der Romance of Development

Die neue politische Rhetorik, die aus dem oben angezeigten Wandel hervorging, bezeichnet Kelly als Romance of Development (1988: 410). Die Gründe für den Wandel wurzeln in den Bedingungen von Fidschis Unabhängigkeit, d. h. in der Art und Weise, wie die Pacific Ro- mance sich in der von den Briten eingesetzten Verfassung niederschlug. Obwohl die koloniale Ära beendet war, traf dies nicht auf den Einfluß der hegemonialen Rhetorik zu. Sie formte weiterhin die postkoloniale Politik. Nach wie vor mußten die Probleme und Interessen der In- der hinter denen der Fijians zurückstehen. Jedoch handelte es sich nun nicht mehr um die I- deologie von Kolonisatoren, gegen die sich die Inder hätten wehren können, sondern um ver- fassungsmäßiges Recht. Die Verfassung anzufechten, hätte bedeutet, auf Konfrontationskurs mit dem Great Council of Chiefs zu gehen. Die scheidenden Briten zwangen die Inder somit in eine Rhetorik der Kooperation, verbunden mit einem Maß an Akzeptanz für die britische Vision von der Zukunft Fidschis. Diese neue Rhetorik pries die Universalität menschlicher In- teressen und Bedürfnisse und wies auf die Vorzüge von Toleranz und nationalem Geist hin. Alle auf den Inseln vertretenen Rassen wurden als Pioniere porträtiert, und Fidschi stellte man sich als harmonische Synthese gleichgesinnter Communities vor, die für dieselben Ziele ein- traten, nämlich Modernisierung, Wohlstand sowie geistige und materielle Entwicklung. Kelly konstatiert: „Thus Fiji Indians accepted and employed the same evolutionary ideology that underlay the colonial racism they once condemned, and conjoined it with the Romance of Development which has, since the Second World War, been the new gloss for the world system” (1988: 415). Im Interesse, die sozialen und wirtschaftlichen Erfolge zu schützen, die Inder in Fidschi mittlerweile verzeichnen konnten, wurden die demütigenden Ereignisse im Kontext der Epic of Pollution als irrelevante Historie abgetan. Es handelte sich offensichtlich um eine Rhetorik, die dazu diente, die Fijians zu beschwichtigen. Wie die Ereignisse von 1987 zeigen, waren diese Anstrengungen jedoch zum Scheitern verurteilt (Kelly 1988: 410- 416).

5. SCHLUSSBEMERKUNG

Die Analyse der politischen Rhetorik von Fijians und Indern sollte verdeutlicht haben, daß ein Jahrhundert kolonialer Vergangenheit auch in Fidschi ihre Spuren hinterlassen hat. Die Briten klassifizierten sich selbst, Fijians und Inder nach evolutionistischen Gesichtspunkten und betrieben eine Politik der Rassentrennung. Während den Fijians eine indigene Politik in- nerhalb der kolonialen Politik ermöglicht wurde, ist der koloniale Status der Inder nicht viel höher einzustufen als der von Sklaven. Beide Ethnien hatten bis in die Mitte des 20. Jahrhun- derts hinein wenig Berührungspunkte. Die Folge war, daß beide Gruppen sich in Relation zu den Briten und nicht etwa in ihrer (kaum existenten) Beziehung zueinander definierten. Die Inder organisierten ihre eigene Community nach den Richtlinien der antikolonialen Bestre- bungen der nationalistischen Bewegung in Indien und stellten sich eine Nation nach dem Vorbild der europäischen Nationalstaaten vor. Diese Sichtweise konnte die indigene Bevölke- rung nicht zufriedenstellen. Die Mehrzahl der Fijians betrachtete das Verhältnis zur britischen Krone im Rahmen ihrer kulturellen Logik, nach der die Landbevölkerung zwar die Herr- schaft, aber nicht das Land an eine vermeintlich göttliche Königin abtrat. Aus der Perspektive der Fijians wurde durch Missionierung und Kolonialisierung Tradition etabliert. Die Fijian nation stellte man sich konsequenterweise als die Fortführung des kolonialen Systems der in- direkten Herrschaft vor, in dem Inder keinen Platz fanden. Durch die von den Briten am Tag der Unabhängigkeit eingesetzte Verfassung wurde das, was Inder bis dato noch als Willkür einer Kolonialmacht auslegen konnten, verfassungsmäßiges Recht. Die Inder waren nun ge- zwungen, auf Kooperationskurs mit den Fijians zu gehen, doch die koloniale Kluft war zu groß, wie die weitere Entwicklung zeigen sollte.

6. LITERATURVERZEICHNIS

Lal, Brij V. 1993. „Nonresistance“ on Fiji Plantations: The Fiji Indian Experience, 1879-1920. In Brij V. Lal, Doug Munro, Edward D. Beechert (Ed.), Plantation Workers. Honolulu: University of Hawaii Press, S. 187-216.

Kaplan, Martha 1993. Imagining a Nation: Race, Politics, and Crises in Postcolonial Fiji.

In Victoria S. Lockwood, Thomas G. Harding, Ben J. Wallace (Ed.), Contemporary Pacific Societies: Studies in Development and Change. Englewood Cliffs: PrenticeHall Inc., S. 34-54.

Kelly, John D. 1988. Fiji Indians and Political Discourse in Fiji: from the Pacific Romance to the Coups. Journal of Historical Sociology 1 (4): 399-422.

Mara, Ratu K. K. T. 1968. Address of the President of the Alliance. Mimeograph.

Patel, A. D. 1968. Out of many races one nation. Speech to the 1968 annual convention of the Jaycees at Nadi, Suva, Fiji: National Federation Party Headquarters. Mimeograph. Pitsch, Anne 1999: East Indians and native Fijians in Fiji.

http://www.bsos.umd.edu/cidcm/mar/fiji.html

Rutz, Henry, J. 1997. Occupying the Headwaters of Tradition: Rhetorical Strategies of Nation Making in Fiji. In Robert J. Foster (Ed.), Nation Making: Emergent Identities in Postcolonial Melanesia. Ann Arbor: The University of Michigan Press, S. 71-93. Sowell, Thomas 1997. Migrations and Cultures. A World View. New York: Basic Books.

20 von 20 Seiten

Details

Titel
Koloniale Begegnungen in Fidschi und ihre Auswirkungen auf den postkolonialen politischen Diskurs
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg
Veranstaltung
Seminar Migration und Displacement im Pazifik des 20. Jahrhunderts
Autor
Jahr
2000
Seiten
20
Katalognummer
V101669
Dateigröße
386 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Koloniale, Begegnungen, Fidschi, Auswirkungen, Diskurs, Seminar, Migration, Displacement, Pazifik, Jahrhunderts
Arbeit zitieren
Frank Elsner (Autor), 2000, Koloniale Begegnungen in Fidschi und ihre Auswirkungen auf den postkolonialen politischen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101669

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