Sexualität - interkulturelle Perpektiven im Vergleich


Seminararbeit, 2000

27 Seiten


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Gliederung

1. Einleitung

2. Einführung in das Thema

3. Bedeutung und Entwicklung von Sex
3.1. Eine Definition von Sex
3.2. Eine Definition von Kultur

4. Vorehelicher Sex

5. Sex in der Ehe

6. Außerehelicher Sex

7. Zusammenfassung

Geschrieben am Institut für Psychologie der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg bei Herrn Prof. Dr. Bernd Six im Seminar ,,Interpersonelle Attraktivität", WS 1999/2000

1. Einleitung

Unser Jahrhundert ist geprägt von Globalisation: das Fernsehen trägt globale Ereignisse an uns heran; Internet, Fernsehen, Printmedien und Satelliten bringen geographisch weit auseinanderliegende Gesellschaften zusammen. Die Implikationen für das intellektuelle und persönliche Leben sind enorm. Und sie sind nirgends größer als im privaten Bereich. Wie wir über Liebe und Sexualität denken, ist nicht immuner gegen Veränderungen als Veränderungen, die wir bezüglich unseres politischen Lebens, unserer Kleidung oder zum Beispiel unserer Musikvorliebe vollziehen.

Sozialwissenschaftliche Forschungen über Liebe und Sexualität sind lange Zeit von westlicher Perspektive (Europa, USA, Kanada, Australien, Neuseeland) aus mit westlichen Themenstellungen betrachtet worden. Die Perspektiven wurden als universal übertragbar betrachtet. Es liegt auf der Hand, dass diese Vorgehensweise nicht länger Bestand haben kann.

In unserer Arbeit soll dieser Tatsache Rechnung getragen werden. Wir haben Studien aufgeführt, die interkulturelle Vergleiche zwischen den Gesellschaften zulassen. Dabei legten wir unser Hauptaugenmerk auf die noch gravierend bestehenden Unterschiede zwischen der Erster und Dritter Welt. Ein Eingehen auf die noch bestehenden Rollenunterschiede zwischen Mann und Frau, schien uns unumgänglich.

Wir wollten wissen, inwieweit, bzw. worin sich verschiedene Kulturen ähneln oder unterscheiden. Dabei definieren wir Kultur als einen geographischen Raum, indem eine menschliche Gemeinschaft in Sprache, Religion (en) Wissenschaft, Kunst und Gebräuchen übereinstimmt. Unter der Gliederung vorehelicher Sex, Sex in der Ehe und außerehelicher Sex vergleichen wir diese unterschiedlichen Sichtweisen. Ansichten von industriell stark und weniger stark entwickelten Gebieten, traditionsgebundenen, bzw. fortschrittlich- zielorientierten Gebieten.

Auf eine Interpretation bzw. eine Bezugnahme auf die, den Einstellungen zugrundeliegenden religiösen und gesellschaftspolitischen Hintergründe und Tendenzen wurde im Rahmen dieser Arbeit verzichtet. Die Komplexität zwang uns, .einige Themengebiete, wie zum Beispiel Homosexualität zu vernachlässigen.

Der überwiegende Teil der hier angeführten Studien beruht auf Stichproben in den USA. Im Verlaufe unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass Umfragen über sexuelles Verhalten in den USA durchaus nicht repräsentativ für die gesamte westliche Welt sein müssen. In Ermangelung europäischer Umfragen standen die amerikanischen Studien im Mittelpunkt der Betrachtungen. Dort wo Differenzierungen zu europäischen Verhaltensweisen gemacht werden konnten, wurde diesen natürlich Rechnung getragen. Die Studien über die östliche Welt waren sehr rar. Wir bezogen daher auch Erlebnisberichte und Aussagen in unsere Vergleiche ein. Zum westlichen Teil fanden wir ausreichend Material, das sich allerdings über eine zu große Zeitspanne erstreckte und deshalb unter Vorbehalt interpretiert werden musste.

2. Einführung in das Thema

Als ich Hua fragte, ob sie jemals einen Orgasmus gehabt hätte, sah sie mich fragend an. Was das wäre, fragte sie. Noch nie hatte sie dergleichen erlebt. Geschlechtsverkehr wie sie ihn kennt dauert um die drei bis vier Minuten und endet mit dem Zurückziehen ihres Mannes. Die einzig praktizierte Position wäre dabei, wenn ihr Mannüber ihr ist. Ob sie jemals Oralsex gehabt hätte, fragte ich sie darauf." Was ist das, so etwasähnliches wie Küssen" war ihre diesbezügliche Gegenfrage. Fox Butterfield (1982)

Ich werde dich drei Monate lang lieben. Das wird mir eine Ewigkeit sein.

Ninon De Lenclos

Romantische Liebe bedeutet, einen Partner zu begehren. In wahrer Liebe begehrt man das Beste für seinen Partner.

Margaret Anderson

Diese drei Zitate spiegeln Einstellungen zum Thema Sexualität wieder, die wir als prägnante Stereotypen verschiedener Kulturkreise sehen. Sie dienten uns als Diskussionsgrundlage für wissenschaftliche Untersuchungen und markieren den Rahmen unserer Arbeit.

3. Bedeutung und Entwicklung von Sex

Seit Anbeginn der Menschheit spielt Sex in allen Kulturen eine Rolle. Worte wie Liebe und Sex erwecken unterschiedliche, teilweise widersprüchliche Gefühle. So sind es Zeichen von Schwäche, spiritueller Transzendenz, Sünde, Macht, Schwäche, Fortpflanzung, Erotik, Erholung oder Sport, um nur einige aufzuzählen. Sexualität ist in erster Linie individuell und hängt ab von den Menschen deren Nähe man sucht. Sie sagt eine Menge über das Bedürfnis nach Verbundenheit, Abhängigkeit, Unterwerfung und Schutz aus, über das Bedürfnis nach physischer und psychischer Einheit mit einer anderen Person, über Selbstdisziplin und Kontrolle über sich und Partner, genauso wie über die Möglichkeit des sich Fallenlassens.

Sexualität ist ein Überlebensmechanismus, eine Kette von Bedürfnissen und Wünschen, gemocht, gebraucht und gewollt zu werden, unersetzbar und einzigartig zu sein. Sie ist Maßstab für Attraktivität oder Verletzbarkeit und sie ist ein Zeichen für die Liebe. All diese Aspekte wechseln und entwickeln sich derart, wie unser soziales Umfeld es tut (Ruth Bleier, 1984).

Drei Hypothesen zeichnen die allgemein vorherrschenden Ansichten zu Sexualität und der Bedeutung von Geschlechtsverkehr in westlichen Kulturkreisen aus (Sprecher & McKinney, 1993) :

1. Sex und Sexualität verkörpern die Zügellosigkeit und Sündhaftigkeit des Menschen. Er wird allein durch Fortpflanzung legitimiert. (tief-religiöse Sicht)
2. Sex ist der vollkommene Ausdruck von Liebe, weil er absolute Intimität in sich birgt. Es ist ein Weg, Gefühle aktiv auszudrücken.
3. Sex ist eine Art der Entspannung für den Körper. Sein Anspruch ist allein in Genuss und Freude begründet.

Amerikanische Männer und Frauen unterscheiden sich hinsichtlich der Bedeutung, die sie Sex beimessen. Männer betrachten Geschlechtsverkehr getrennt von Liebe, Frauen setzen Liebe als Bedingung für Sex voraus (Glass & Wright, 1985; Regan, 1995; Whitley, 1988). Solche geschlechtsspezifischen Unterschiede fanden sich auch in Afrika (Gay, 1986), Hong Kong (1987) und Schweden (Foa et al., 1987). Wenn es also schon intrakulturell dermaßen unterschiedliche Auffassungen gibt, lassen interkulturelle Studien eine ganze Spannbreite von möglichen Erkenntnissen zu.

Wie aber wird Sex in den verschiedenen Kulturkreisen definiert?

3.1. Eine Definition zu Sex

Sind leidenschaftliche Liebe und sexuelles Begehren das gleiche? Sind sie demzufolge als eine Einheit zu betrachten oder losgelöst voneinander?

Hatfield & Rapson (1993b, S. 259) definieren leidenschaftliche Liebe wie folgt:

"...ist ein Zustand, in dem miteinander eine Einheit angestrebt wird. Leidenschaftliche Liebe ist ein Komplex des Schätzens oder Abschätzens, von subjektiven Gefühlen und Ausdrücken. Er schließt physiologische Prozesse, Handlung und zweckdienliches Verhalten ein.

Reziprokative Liebe (Einheit mit dem anderen) Erfüllung und Ekstase .Unerwiderte Liebe mit Leere, Angst und Hoffnungslosigkeit."1

Ellen Berscheid et al. (Meyers & Berscheid, 1995) fassten die Ergebnisse einer Studie folgendermaßen zusammen: Obwohl Sexualitiät kein zentraler Hauptgesichtspunkt von Liebe sein muss, ist er definitiv ein Hauptgesichtspunkt von Verliebtsein.

Bei unserer Literaturrecherche stellten wir fest, dass eine Beschreibung von leidenschaftlicher Liebe meist keine größeren Probleme bereitete, eine Beschreibung von Sexualität dagegen schwierig war. Es ist kein Thema, worüber die meisten Menschen sich frei äußern können. Es wird vielmehr als ein Komplex mit geschlechtlich spezifischen Spannungen, mit Intensität, Faszination und enormen Kontroversen angesehen. In einigen Kulturen (in denen Tradition stärker ausgelebt wird, sowie Dritte Welt-Staaten) gibt es keine Möglichkeit für Rückschlüsse von sexuellem Verhalten auf sexuelle Gefühle. Junge Männer und Frauen werden, entsprechend den Wünschen der Eltern mit Partnern ,,versehen". Obwohl also passionierte Liebe, sexuelles Begehren und sexuelle Aktivitäten tendenziell nicht trennbar sind, ist diese Verbindung nicht zwangsläufig.

Im Ergebnis (vgl. Hatfield & Rapson ,,Love and sex" S. 3) neigen Wissenschaftler dazu, passionierte Liebe und sexuelles Begehren immer austauschbar zu sehen. Leidenschaftliche Liebe wird definiert als ,,Sehnsucht nach Vereinigung" und sexuelles Verlangen als ,,Sehnsucht nach sexueller Vereinigung".

3.2. Eine Definition von Kultur

Wissenschaftler, die sich mit interkulturellen Beziehungen beschäftigen, definieren Kultur auf unterschiedliche Weise. John Berry und Kollegen (1992) schlug zum Beispiel die folgende Definition vor: ,,the shared way of life of a group of people". Andere bestanden auf die Elemente Ideen, Glauben und Werte, Verhaltensweisen und Ergebnisse von Verhaltensweisen (Jahoda, 1980; Swartz & Jordan, 1980).

In den meisten westlichen Gesellschaften sind Wertvorstellungen von der Einzigartigkeit und Unabhängigkeit des Individuums vorherrschend. Diese Kulturen zeichnen sich durch Individualismus, Einzigartigkeit und Unabhängigkeit aus. Die meisten nicht-westlichen Gesellschaften bestehen auf ein fundamentale Abhängigkeit. Das Selbst definiert sich als Verbindung zu Vorfahren und Familie.

Für unsere Arbeit wollen wir die folgenden Prämissen setzen (vgl. Hatfield & Rapson ,,Love and Sex", S. 17):

1. Die kulturellen Gruppen sind sich in ihrem Standpunkt von Liebe und Sexualität ähnlicher als die Stereotypen es vorgeben.
2. Kulturelle Einflüsse können lebenslang andauern, aber manchmal werden neue Umstände rasch assimiliert.
3. Individuelle persönliche Unterschiede können stärker sein als kulturelle Differenzen in herausgebildetem Verhalten.

4. Man muss nicht ideologisch sein, aber rücksichtslos wahrheitsliebend bezüglich der Vor- und Nachteile verschiedener Kulturen.

4. Vorehelicher Sex

Das Ergebnis einer Studie von Ira Reiss (1967, 1989) in Form einer ,,Premarital Sexual Permissiveness Scale" mit amerikanischen Studenten lieferte das Ergebnis, dass sowohl Männer als auch Frauen vorehelichen Sex generell nicht akzeptierten. Wenn er akzeptiert wurde, dann eher für Männer als für Frauen. Dieses Ergebnis konnte durch weitere Studien bestätigt werden (Darling, Kallen & Van Dusen, 1984; Sprecher & McKinney, 1993). Die unterschiedliche Behandlung der beiden Geschlechter ist auch heute noch anzutreffen, jedoch ist sie in westlichen Kulturen stark zurückgegangen. Sprecher et al. (1988); Sprecher (1989); Sprecher & Hatfield (1995) fanden heraus, dass sowohl Frauen als auch Männer gleiche Rollen haben dürfen in Bezug auf Sexualität bei Frischverliebtsein und kurzen Verabredungen. Susan Sprecher und Elaine Hatfield (1995) interviewten 389 Männer und 654 Frauen von fünf Universitäten in verschiedenen US-amerikanischen Staaten. Sie bemerkten, dass amerikanische Männer immer noch an dem alten Rollenspiel, auch als ,,double standard" bezeichnet, festhielten, während Frauen nicht länger bereit waren, diese unterschiedliche Behandlung zu akzeptieren. Wenn Männer gefragt wurden, ob es bei einem ersten Treffen zwischen einem Mann und einer Frau bereits zu sexuellen Kontakten kommen darf, wurde dies für Männer gut geheißen, jedoch nicht für Frauen. Es überrascht nicht, dass dieser Standpunkt von Frauen nicht geteilt wurde.

Auf den ersten Blick erscheint die Meta-Analyse von Mary Beth Oliver und Janet Shibley Hyde (1993) ein gegensätzliches Ergebnis zu bringen. In der Meta-Analyse wurden 239 Interviews von 128.363 Männern und Frauen der USA und Kanada von 1966 bis 1990 ausgewertet. Sie fanden heraus, dass allen Arten sexuellen Verhaltens Männer toleranter gegenüberstehen als Frauen, dass Männer voreheliche Beziehungen mit sexuellen Kontakten eher tolerieren als Frauen.

Heißt dies, dass Frauen die unterschiedliche Behandlung der beiden Geschlechter im Fazit auch wollen, da sie ja sexuellem Verhalten eben nicht offen gegenüberstehen?

Das Gegenteil ist hier wohl eher der Fall. Da sexuelles Verhalten, wie auch jedes andere Verhalten, immer im Kontext mit den allgemein vorherrschenden Verhaltensregeln einer Gesellschaft steht, ist diese eigene Intoleranz der Frauen gegenüber sexuellen Handlungen zurückzuführen auf die durch die Gesellschaft vorgegebenen Normen und diese ließen in der Vergangenheit eine Gleichbehandlung nicht zu. Der Mensch als Produkt seiner (einer) Gesellschaft und seine Einstellungen eine Introjektion der allgemeinen Verhaltensregeln der Gesellschaft.

Nichtsdestotrotz endete die Meta-Analyse mit dem Ergebnis, dass sich diese Rollenunterschiede von 1960 bis 1990 rapide verringert haben und in den 90er Jahren fast verschwunden waren.

Das unterschiedliche Rollenverhalten ist darauf zurückzuführen, dass sich ein Mann der Vaterschaft eines Kindes niemals sicher sein kann und er daher eine große Sicherheit über die Ehrlichkeit der Partnerin braucht als die Frau, die ja nichts anderes sein kann als die Mutter des Kindes (vgl. Elaine Hatfield & Richard L. Rapson ,,Sex and love"). Demzufolge muss eine Frau, will sie sich der Anerkennung der Vaterschaft durch den Mann sicher sein, eine gewisse ,,Reinheit" bewahren, die sich darin zeigt, dass sie vorehelichen Kontakten gegenüber nicht aufgeschlossen ist.

Es liegt wohl auf der Hand, dass eine Veränderung dieser Einstellung einhergeht mit der allgemeinen Veränderung der Rolle der Frau (gesellschaftlich, politisch etc.) und dass abhängig von den allgemeinen Veränderungen in der jeweiligen Gesellschaft, diese Einstellung mehr und mehr verschwindet.

In diesem Zusammenhang prüfte David Buss (1989) die Hypothese, ob Männern weltweit mehr an der Jungfräulichkeit ihrer zukünftigen Ehefrau gelegen war als Frauen. Buss interviewte Männer und Frauen in 33 Ländern, wie bedeutend Jungfräulichkeit bei einer Frau sei. Bei 62 Prozent der beteiligten Gesellschaften maßen Männer der Jungfräulichkeit mehr Wert bei als Frauen, bei 38 Prozent stimmten Frauen und Männer bezüglich der Bedeutung oder Nichtbedeutung überein. Folgende Graphik von Wallen (1989), basierend auf Buss (1989), verdeutlicht die Wichtigkeit der Jungfräulichkeit für Männer und Frauen in verschiedenen Kulturkreisen:

Sie schlüsselt auf, inwieweit dies nun auf verschiedene Kulturkreise zutrifft. Je höher der Wert auf der Rating Scale ist, desto wichtiger ist die Unberührtheit der Frau. Es war zu erwarten, dass östliche und westliche geographische Regionen der Jungfräulichkeit nicht unbedingt dieselbe Bedeutung beimessen.

Klar, dass afrikanische, asiatische oder Länder des mittleren Ostens die Jungfräulichkeit bis zur Ehe wesentlich höher einschätzen, als das Europäer oder Nordamerikaner tun. Erstaunlich ist aber, dass Frauen auf ihre Keuschheit generell weniger Wert legen, als die Männer des jeweiligen Kulturkreises: Signifikant ist der Unterschied in Afrika, Südamerika und im Mittleren Osten. Während sowohl Europäer und Amerikaner, als auch Asiaten eine sehr ähnliche Auffassung von vorehelichem Sex haben, differieren die Meinungen hier um bis zu 20% auf der Average Rating Chastity Scale.

Je traditionsgebundener ein Kulturkreis ist, desto mehr Wert wird auf die Keuschheit gelegt. So gehen chinesische, arabische und indische Frauen zumeist sexuell völlig unbedarft eine Ehe ein. Kommt es zu vorehelichem Sex und fast zwingender Weise zu Schwangerschaft, ist es völlig normal, Betreffende mit dem Tod zu bestrafen (Hart, 1976; Bouthaina Shaaban, 1991, S. 51 f.)

,,Ich sah Aziz stolz , mit einem bluttropfenden Dolch, den Hügel hinauflaufen. ,,Ich habe sie getötet und damit die Familienehre gerettet! Ich habe meine Schwester umgebracht und stelle mich Ihnen nun freiwillig." sagte er undübergab den Dolch damit zwei Polizisten. (...) Yemen war sechzehn Jahre alt (...) und schwanger. An dem Tag, an dem ihre Tante und ihre Mutter von dem Gerücht hörten, fuhren sie mit ihr in die nächste Stadt, wo ein Doktor die Schwangerschaft bestätigte. Ihre Mutter wagte es nicht, sie wieder mit nach Hause zu nehmen. Sie hatte Angst, dass ihre Brüder sie umbringen könnten. Deshalb brachte sie sie zum Bürgermeister ins nächstgelegene Dorf, und bat um Schutz für ihre Tochter.(...) Doch eines Nachts kletterte Aziz in das Haus, in dem Yemen schlief und schnitt ihr mit seinem geschärften Dolch die Kehle durch. Im Gegensatz zu anderen Kriminellen, beschmierte er seine Hände mit Blut und lief triumphierend durch die Straßen, umöffentlich die wiederhergestellte Ehre zu zelebrieren. (...) Kinder zogen den toten Körper bei den Haaren auf den Friedhof, warfen Steine auf ihren misshandelten Körper und bespuckten sie. Auf dem Rückweg von der Schule sahen wir sie dort noch immer achtlos liegen. Niemand von uns traute sich, das geringste Zeichen von Mitleid zu zeigen. (...) Zwei Tage später erfuhren wir, dass Yemen fort war. Entweder wurde sie von Tieren weggeschleppt, oder es hatte jemand Mitleid mit ihr und begrub sie zu einer Zeit, wo er oder sie nicht gesehen werden konnte. Aziz wurde zu einer Strafe von nur sechs Monaten verurteilt."

Natürlich muss Rücksicht auf den Prägungsgrad einer Tradition, politische und ökonomische Situation, Religion, Familienstruktur, etc. genommen werden. Was aber so flüssig in wenigen Sätzen umrissen wird, ist tatsächlich ein viele Jahrzehnte andauernder Prozess, der von Adaptation, Übernahme und Innovation geprägt wird. Je fortschrittlicher hier gedacht und umgesetzt wird, desto mehr werden sich Auffassungen über unterschiedliche sexuelle Rechte relativieren. Tendenzen dazu finden sich laut Butterfield (1982) zum Beispiel in China. Man kann also sagen, dass sich Frauen traditionell ausgerichteter Kulturkreise männlichen Ansichten zwar noch fügen, Meinungsverschiedenheit jedoch durchaus ein erstes Zeichen in Richtung Egalität bedeutet. Eine nicht unbedeutende Rolle spielen hierbei, soweit möglich, die Medien, und zunehmende Technisierung. Es gibt immer mehr Einzelgänger, die ihre eigene Tradition sehr kritisch betrachten, und Neuheiten, Berichten und Gerüchten eben solchen aufgeschlossen und neugierig gegenüber stehen (Dirie, 1999). Ob es nun positiv oder negativ zu werten ist, die Identifikation des Individuums erfolgt nicht mehr ausschließlich über die Gruppe. Die Präsenz von damaligen/ heutigen Missionaren, Botschaften, Entwicklungshelfern und anderen derartigen Bewegungen zeigen zu dem Althergebrachten immer eine Alternative und fordern damit zu freier Meinungsbildung auf, was sich natürlich auch auf Sexualität und deren Selbstverständnis bezieht. Bestätigend für diese Ergebnisse steht ebenfalls die Untersuchung von Shapurian & Hojat (1985): "...je mehr Macht Männerüber Frauen besitzen, desto mehr werden sie Double Standards nach ihrem Sinne ausbauen. Sowie sich dieses kulturell bedingte Machtverhältnis verändert, relativiert sich dieses Monopol. Frauen beginnen, auf ihre sexuellen Rechte zu bestehen, eine Doppelmoral ist in der Auflösung begriffen."

Buss fand außerdem heraus, dass das Thema Sex und vorehelicher Sex wie kein anderes Differenzen in sich birgt. Entweder ist Jungfräulichkeit ,,unabdingbar", oder sie ist ,,relativ unwichtig", wenn nicht sogar ein ,,Nachteil".

Nach westlichen Standards ist es also durchaus zulässig, vorehelichen sexuellen Kontakt zu haben, falls religiöse oder rituelle Prämissen dem nicht unweigerlich im Weg stehen. Dies bestätigt auch eine Studie von Susan Sprecher und Elaine Hatfield (1995), die 1667 Männer und Frauen, Collegestudenten in den USA, Russland und Japan, nach ihrer Einstellung zu vorehelichem Sex fragten. Sie sollten einschätzen, inwieweit sie mit den folgenden Statements übereinstimmen, mögliche Antworten lagen auf der rating-scale zwischen (1), d.h. starke Zustimmung, und (6), starke Ablehnung.

1. Geschlechtsverkehr beim ersten Date ist okay für mich.
2. Geschlechtsverkehr ist in Ordnung, wenn ich mit meinem Partner regelmäßig verabredet bin (seit ca. einem Monat).
3. Geschlechtsverkehr ist in Ordnung, wenn ich mit meinem Partner eine ernsthafte und regelmäßige Beziehung führe (seit ca. einem Jahr).
4. Geschlechtsverkehr ist in Ordnung, wenn mein Partner und ich ernsthaft über eine Heirat nachdenken.
5. Geschlechtsverkehr ist in Ordnung, wenn ich mit meinem Partner verlobt bin.

Stimmen diese Studenten aus drei unterschiedlichen Kulturen miteinander überein, oder gibt es grundsätzliche Unterschiede in ihrem Selbstverständnis von Sexualität? Tatsächlich sind amerikanische Studenten wesentlich toleranter als Studenten aus Russland und Japan. Alle drei Kulturkreise missbilligen ,,zufälligen Sex". Es gibt signifikante kulturelle Differenzen, wann, das heißt in welchem Alter und nach welcher Beziehungsdauer, eine Partnerschaft auch auf sexueller Ebene in Ordnung ist. Russen sind gegenüber ,, Sex beim ersten Date" etwas aufgeschlossener, als Japaner und Amerikaner. Letztere tolerieren dafür eher Sex in ernsthaften Beziehungen (3), signifikant mehr in Partnerschaften, die ernsthaft über eine Heirat nachdenken (4) und definitiv mehr bei tatsächlich Verlobten. Für Amerikaner scheinen die wesentlichen Voraussetzungen Liebe und gemeinsames Miteinander zu sein. Russen und Japaner scheinen allein die Heirat als ,,Sexual Green Card" zu sehen. Kon (1993) bestätigt jedoch auch für Russland eine beginnende Toleranz, was vorehelichen Sex betrifft.

John DeLamater und Patricia MacCorquodale (1979) führten eine Meta-Analyse zu Geschlechtsunterschiede durch. Die Ergebnisse zeigten auf, dass Männer und Frauen im ungefähr gleichen Alter das erste Mal Beziehungen auf sexueller Ebene haben, Männer nämlich mit durchschnittlich 17,5 und Frauen mit 17,9 Jahren, wobei Männer von 1966 bis 1990 sexuell aktiver gewesen seien, (Hyde, 1993).

Prinzipiell sind Männer eher zum Geschlechtsverkehr bereit als Frauen, Schuldgefühle oder Angst sind bei ihnen, auch, was die Experimentierfreudigkeit betrifft, weniger ausgeprägt. Bei einem Vergleich der Entwicklung von 1960 bis 1990 stellte er jedoch auch eine kontinuierliche Angleichung fest. Bei der genaueren Betrachtung einzelner östlicher und westlicher, will heißen, stark oder weniger stark industrialisierter und traditionsgebundener Länder, sieht man keine Unterschiede. ,,Früher" oder ,,später" lässt sich nicht auf oben genannte Kriterien zurückführen.

Einige Beispiele werden durch die Tabelle auf Seite zehn verdeutlicht. Der Unterschied in den USA von 84 Prozent bei den Männer und nur 61 Prozent bei den Frauen bestätigt weitestgehend unsere Ausführungen zum ,,double standard".

Signifikante Unterschiede bestehen jedoch zu den drei europäischen Ländern. Der Prozentsatz bei den Männern liegt zwar ungefähr gleich (78 für Westdeutschland und Norwegen, 84 Prozent für Großbritannien), jedoch bei den Frauen wesentlich höher (83, 86 und 85 Prozent). Ebenfalls signifikant ist der Unterschied zwischen den beiden Geschlechtern. In den USA variiert dieser um 23 Prozentpunkte, in den europäischen Ländern um nur um 5 Prozentpunkte (Westdeutschland) bzw. acht Prozentpunkte (Norwegen) und einen Prozentpunkt (Großbritannien). Damit ergibt sich ein Mindestunterschied von 22 Prozentpunkten. Dieser Wert entspricht einem prozentualen Unterschied von 27 Prozent. Dieses Ergebnis lässt sich unseres Erachtens dahingehend interpretieren, dass das kulturelle Erbe der USA sehr vielschichtig ist, sich aus unterschiedlichen kulturellen Einflüssen herausgebildet hat. Aus diesem Grunde schien es uns wichtig, die einzelnen ethnischen Gruppen Amerikas in obiger Übersicht aufzuführen.

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Bemerkenswert erscheint, dass europäische Frauen, im Gegensatz zu amerikanischen, früher sexuelle Kontakte haben als europäische Männer. Es sei dahin gestellt, ob dies ein ausgeprägteres Unabhängigkeitsgefühl impliziert, oder ob amerikanische Staatsbürgerinnen konsequenter, im Sinne von idealistischer und ,,qualitativ anspruchsvoller" , sind (warten auf den ,,Richtigen"), weil wir davon ausgehen, dass sexuelle Motivation und Einstellung wesentlich durch die Erziehung geprägt werden, Medien aber zunehmend als Sozialisationsinstanz zu betrachten sind (Winterhoff-Spurk, 1999)

Vergleicht man die beiden Studien von Nigeria, ist dies ein bezeichnendes Beispiel für einen beginnenden Verfall des ,,double standard". Während 1984 68 Prozent aller Männer und 43 Prozent aller Frauen zwischen dem 14. und 19. zum ersten Mal sexuellen Kontakt Lebensjahr hatten, waren es acht Jahre später 86, bzw. 63 Prozent. Das macht einen absoluten Unterschied von über zwanzig Prozent.

Unseres Erachtens nach liegt eine mögliche Begründung in einer seit längerer Zeit andauernden Friedensperiode (letzter Bürgerkrieg endete nach einem Putschversuch 1985), die eine progressive Entwicklung in allen ökonomischen, technischen und sozialen Bereichen des Lebens mit sich bringen. Das Land wird reicher, Gewohnheiten ändern sich, die sexueller Natur vielleicht nicht unbedingt bei den Muslimen (Anteil von ca.50 Prozent der Gesamtbevölkerung), bei Christen nach Liskin anscheinend aber sehr extrem. Zu berücksichtigen ist das Durchschnittsalter der Probanden in der koreanischen Studie. Bei einer unteren Altersgrenze von 12 Jahre, scheint es wichtig, nicht nur den Zeitpunkt des ersten Geschlechtsverkehrs zu erfragen, sondern auch, ob dies mit Freiwilligkeit oder Zwang einhergeht (Gail Wyatt, 1993). Gerade unsere als östlich/orientalisch bezeichneten Länder bedürfen einer solcher Unterscheidung. Kinderprostitution, Vergewaltigung, Zwangs- und Kinderheiraten verlangen eine solches.

,,Die Tradition verlangte von Prinzessin Sultana von Saudi-Arabien, dass sie, sobald sie in die Pubertät kam, einen dicken, schwarzen Schleier tragen muss. Männern war es nicht erlaubt, ihr Gesicht zu sehen. Doch Sultana und ihre Freundinnen wehrten sich. (...)Als ihre Väter entdeckten, was sie im Begriff zu tun waren, warf Nadias ´ s Vater seine Tochter gefesselt in den Pool. Wafa musste sofort einen 53-jährigen Mann heiraten, sodass sie von der Versuchung befreit worden war. (...)

(Sultana´s) Bruder Ali und sein scheinheiliger Freund Hadi vergewaltigten ein achtjährigesägyptisches Mädchen. Zu diesem Zeitpunkt bemerkte Sultana, dass ihr Vater, ihr Bruder und seine Freunde regelm äß ig derlei taten." (Sasson, 1992)

Eindeutig findet sich hier eine Doppelmoral wieder. Zwar gibt es Tendenz zur Egalisierung, die ihren Anfang zum Beispiel mit der Auflehnung der arabischen Töchter nimmt. Lange Traditionen und Patriarchat werden dennoch für lange Zeit ihren ,,Gewohnheitsrechtstatus" behalten.

5. Sex in der Ehe

In den USA sind 80 bis 90 Prozent der entsprechenden Bevölkerungsgruppe verheiratet (Gagnon, 1977). Trotz der offensichtlichen Tatsache, dass ehelicher Sex allgemein hin Zustimmung findet, sind bisher wenige Studien über eheliches sexuelles Verhalten durchgeführt worden. Martin Weinberg, Rochelle Swensson, and Sue Hammersmith (1983) analysierten in einer Untersuchung 69 Sex-Handbücher, die in den USA zwischen 1950 und 1980 herausgegeben worden sind. Die ersten Handbücher der 50er Jahre trugen der Tatsache Rechnung, dass Sexualität für Frauen eine Pflicht darstellt. In den folgenden Jahrzehnten befreiten sich die Frauen jedoch von der traditionellen sexuellen Passivität. In der heutigen Zeit können diese Handbücher als überholt angesehen werden (vgl. Elaine Hatfield, Richard L, Rapson ,,Love and Sex"). Die Untersuchungen der heutigen Zeit legen ihre Schwerpunkte auf die Änderungen der sexuellen Gewohnheiten, insbesondere auf die Änderung der sexuellen Gewohnheiten der Frau. In diesem Abschnitt soll auf die jüngsten Studien eingegangen werden insbesondere auf die Thematiken Vorspiel, Häufigkeit der sexuellen Beziehungen, gebräuchliche Stellungen, Interesse an sexuellen Variationen und die Orgasmushäufigkeit.

Betrachtet man das Vorspiel verschiedener Völker, variiert dieses enorm. Während zum Beispiel die Thongas, ein Stamm in Mosambique, Küssen, Umarmen und Petting als lächerlich und schmutzig empfinden, verbringen die Trobriand Isländer von Melanesia mehrere Stunden mit dem Vorspiel. Die westliche Welt steht auf dieser Skala in der Mitte. Gewöhnlich wird mit einem Vorspiel begonnen, bevor es zu Geschlechtsverkehr kommt. Eine erste Studie über die Dauer des Vorspiels liegt von Kinsey et al. vor. In den 30er und 40er Jahren wurden im Durchschnitt 10 Minuten mit Vorspiel verbracht (Studie für Amerika), in den 90er Jahren waren es bereits 17,5 Minuten (Darling, Davidson und Cox, 1991). Bemerkenswert ist, dass Männer durchaus zufrieden sind mit dieser Dauer des Vorspiels, Frauen hingegen diese Zeitspanne als Minimum für das sexuelle Vorspiel wünschen (Darling et al., 1991).

Nicht nur die Dauer des Vorspiels hat sich seit der ersten Studie von Kinsey in den 40er Jahren geändert, auch das Repertoire während des Vorspiels entwickelte sich. Oraler Sex wurde zum einen durchaus akzeptiert, zum anderen regulärer Teil des Vorspiels. Während in den 40er und 50er Jahren nur 11 bis 12 Prozent der Ehepaare oralen Sex praktizierten, waren es gemäß der Studien von Blumstein & Schwartz (1983); Gagnon & Simon (1987); Griffitt & Hatfield (1985) bereits 90 bis 93 Prozent. Das bedeutet eine Steigerung von 900 Prozent in 50 Jahren.

Auch die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs variiert stark zwischen den Völkern. An den Anfang seien hier wieder zwei ,,Extreme" gestellt. Während die Keraki, ein Stamm im Südwesten von Papua Neu Guinea, generell nur ein Mal pro Woche Geschlechtsverkehr haben, kopulieren die Arandas in Australien drei bis fünf Mal pro Nacht.

Auch auf dieser Skala ordnet sich die westliche Welt im Mittelfeld ein. In den USA wurden 4314 Ehepaare über die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs befragt (Philip Blumstein und Pepper Schwartz, 1983). Die Antworten lagen im Durchschnitt zwischen 2 bis 3 Mal pro Woche. Nach einer neueren Studie von Vanhu Call, Susan Sprecher und Pepper Schwartz nahm bei einer Befragung von 7000 Erwachsenen in den USA die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs mit der Dauer des Zusammenseins ab. In den ersten Monaten waren es noch mehr als vier Mal, in den ersten Jahren waren es nur noch zwei Mal pro Woche und nach zwanzig Jahren nur noch einmal pro Woche (James, 1981).

Das diese Ergebnisse auch auf europäische Gesellschaften übertragbar sind, zeigt untenstehende Tabelle über die Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs von Ehepaaren. Die Häufigkeit der Kopulation pro Woche ist zum Beispiel bei Finnländern und Norwegern annähernd gleich. Die Abnahme der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs mit zunehmendem Alter wird an den Beispielen von Französisch-Kanada und Japan verdeutlicht.

Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs von Ehepaaren

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Interessanter Weise gehen chinesische Wissenschaftler davon aus, dass ,,Samenverlust" durch Masturbieren, homosexuelle Aktivitäten und, bis zu einem gewissen Punkt, auch ehelicher Sex, zu einem Ungleichgewicht führen und damit als Krankheitserreger zu betrachten sind. Eine harmonische Basis zwischen yin (Frauen) und yang (Männern) ist für die Gesundheit unerlässlich. Fortpflanzung ist der ursprüngliche Gedanke hinter der Kopulation, Lust ist bis zu einem gewissen Grad genehmigt.

Inder schätzen zolibatäres Leben, da es der erste Schritt in Richtung ,,wahre Fitness" ist und Samen, bzw. Energie bei jedem Orgasmus ,,verschwendet" wird. Grundlage ist das ayurvedische System, dass unter anderem eine Weisheit beinhaltet, die besagt, es bräuchte 40 Tage und 40 Blutstropfen, um einen Tropfen Samenflüssigkeit zu erzeugen. Samenverlust (jiryan oder viriya nasta) führt demnach ebenfalls zu Krankheit und körperlicher Schwäche (Carstairs, 1956; Dewaraja & Sasaki, 1991).

Der Vollständigkeit halber noch eine Bemerkung zur ,,Liebeskunst": Da wir uns nun einmal die indische Kultur zu einem Vergleich herangezogen haben, sollte, wenigstens am Rande, das Kamasutra, das altindische Lehrbuch der Liebeskunst nach Vatsyayana, erwähnt werden. Keinesfalls wollten wir zum Ausdruck bringen, dass Inder dem Geschlechtsverkehr zugunsten besserer Gesundheit permanent entsagen. Vielmehr scheint der Aspekt, etwas Besonderes gemeinsam zu erleben, im Vordergrund zu stehen. Einmal durch unterschiedliche Stellungen während des Aktes, sowie durch das ,,Aufsparen", das ,,bewusst Genossene". Das Kamasutra, geschrieben zwischen dem ersten und vierten Jahrhundert, beweist eine größere Offenheit und ein ausgeprägteres Körperbewusstsein als zum Beispiel Hatfield und ihre Studenten (1988) in einer Studie über das Interesse und die Experimentierfreudigkeit von Pärchen herausfanden.

Interessanter Weise gaben sowohl Männer, als auch Frauen zu, sich den Geschlechtsakt liebevoller, mit mehr Nähe verbunden, wilder oder verbal kommunikativer zu wünschen. Hatfield schloss daraus auf ein generelles Kommunikationsproblem: Aufgrund von unnötigen Schamgefühlen möchten beide Seiten dem Partner nicht klar ihre Wünsche mitteilen, vielmehr hoffen sie, dass jener Gedanken lesen kann und ,,irgendwie merkt", was dem anderen jetzt gut tun würde.

Apropos Kommunikationsproblem: Auch ein Grund, dass Orgasmen vorgetäuscht werden/werden müssen, von Frauen mehr als Männern sagt eine Studie von Darling, Davidson und Cox (1991). Genauer: 27,5 % aller Frauen haben schon einen Orgasmus vorgetäuscht oder nie einen erlebt, selbiges gilt für 11 % aller verheirateten Frauen (Darling et al.,1991). Als Erklärungen werden neben Müdigkeit, zu kurzes Vorspiel und Beschäftigung mit anderen Dingen angegeben. Auch ,,Erfolgsdruck" spielt eine nicht unwesentliche Rolle.

In Japan zum Beispiel erlebten nur 60 bis 67 % aller Ehefrauen im ersten Jahr einen Orgasmus. Circa 20 % der Probanden erlebten nie einen (Asayama, 1975).

Frage: Wie groß wird wohl der prozentuale Anteil an Zwangsheiraten sein ? Und: Inwiefern wurden Frauen definitiv über ihr diesbezügliches Erlebnispotential aufgeklärt? Denken wir nur mal an Hua zurück, die völlig unschuldig fragt, ob ,,oral" vielleicht etwas mit Küssen zu tun haben könnte. Für dieses Interview wurde sie inhaftiert, da offene Kommunikation über das Thema Sex in China streng verboten ist. Solches bestätigen auch Ergebnisse von Iyer (1988) und Kristof (1991).

Diesen Tatsachen, für europäische Verhältnisse bereits als überholt und unvorstellbar geltend, lassen sich mit dem folgenden Beispiel von den traditionellen Gebräuchen nomadischer Wüstenstämme überhaupt nicht mehr vereinbaren. Wo Wissenschaftler unserer, und in dieser Beziehung ähnlicher Kulturkreise, den Grad der Lust erforschen wollen, da die Lust per se schon Standard ist (man denke nur an Teenie-Zeitschriften, wie ,,Bravo", diverse Talkshows oder Pornofilme), werden Frauen hier noch beschnitten und verstümmelt, quasi als ,,Gütezertifikat" für eine Jungfrau. Waris Dirie (1999) beschreibt:

,,Irgendwann war es an der Zeit, daßmeineälteste Schwester Aman beschnitten wurde. Wie alle Geschwister war ich neidisch und eifersüchtig, daßsie in die Welt der Erwachsenen aufgenommen werden sollte, die mir noch verschlossen blieb. (...) Mein Vater machte sich allmählich Sorgen, denn Aman hatte das heiratsfähige Alter erreicht, doch ehe nicht alles ,,bei ihr geregelt" war, konnte sie keine Ehe eingehen . (...) Die Einzelheiten der rituellen Beschneidung sind ein Geheimnis - sie werden einem Mädchen nicht erklärt. Du weißt nur, dass mit dir etwas Besonderes geschieht, wenn du an der Reihe bist."

6. Außerehelicher Sex

Ehepaare können aus den verschiedensten Gründen außereheliche sexuelle Aktivitäten entwickeln. Ihr Selbstwertgefühl kann vorübergehend gering sein, und sie finden anderer Menschen Aufmerksamkeiten unwiderstehlich. Sie können verliebt sein oder sich nach etwas mehr Aufmerksamkeit und Verständnis sehnen. Sie können frustriert sein angesichts eines sexuell inaktiven Ehepartners. Sie können neugierig sein, ob und wie ihnen ein anderer Körper gefällt. Oder sie können es einfach als selbstverständlich ansehen, außerehelichen Sex zu haben.

Männer und Frauen unterscheiden sich diesbezüglich in ihren Motivationen. Während Männer dahingehend tendieren, Liebe und Sex auseinander zuhalten, verbinden Frauen Sex mit Liebe. Sie riskieren eine außereheliche Affäre nur, wenn sie wirklich verliebt sind und die Affäre sie auch emotional stimuliert. Männer hingegen können eine Affäre einfach nur aus sexuellen Motiven eingehen. Auch hier finden wir die unterschiedliche Sichtweise, wie oben bereits erwähnt, wieder und werden im folgenden abermals näher darauf eingehen. In der westlichen Welt missbilligen die meisten Menschen unter allen Bedingungen eine außereheliche Affäre (Lawson & Sampson, 1988; Reiss, Anderson, & Sponaugle, 1980; Sprecher & McKinney, 1993). Drei Studien kommen zu den gleichen Ergebnissen und bestätigen diese Aussage. In der Umfrage des NORC19 (Davis & Smith, 1991) wurde eine Stichprobe von 987 Amerikanern über ihre Meinung zu außerehelichen sexuellen Beziehungen eines verheirateten Partners befragt. Die Skala erstreckte sich von immer falsch, fast immer falsch, nur manchmal falsch bis überhaupt nicht falsch. Sie fanden heraus, dass 88 Prozent außerehelichen Sex als immer falsch oder fast immer falsch betrachteten, 6 Prozent als manchmal falsch, 3 Prozent als nur manchmal falsch, 2 Prozent wußten keine Antwort. In der national-amerikanischen Studie von Andrew Greeley (1991) kamen gleiche Ergebnisse zustande: 86 Prozent der Männer und Frauen gaben an, dass außereheliche Aktivitäten immer oder meistens falsch sind, wobei Männer toleranter damit umgingen als Frauen, besonders dann, wenn sie bereits einmal eine außereheliche Beziehung hatten. Die jüngste Studie zu diesem Thema von Oliver & Hyde, 1993 bestätigt dieses Ergebnis ebenfalls. Diese Ergebnisse gestalten sich bereits bei Umfragen in den USA differenziert, berücksichtigt man die unterschiedlichen ethnischen Gruppierungen, die Religionen und die einzelnen Gebiete der USA. Auf diese Diversifikationen soll hier nicht weiter eingegangen werden. Soweit zu Studien aus den USA Vielmehr wollen wir uns mit der Frage beschäftigen, ob es Studien für den europäischen Teil der westlichen Welt gibt und wie sich deren Ergebnisse im Verhältnis zu den US-amerikanischen Studien darstellen.

Bram Buunk (1980) interviewte niederländische Ehepaare oder Lebenspartner und verglich seine Ergebnisse mit Ergebnissen aus den USA. Er fand heraus, dass in den Niederlanden sowohl Männer als auch Frauen außerehelichem Sex positiver gegenüberstehen als in den USA. Sie hatten das Gefühl, dass sie mit ihrem Partner ihre außerehelichen Affären diskutieren können, ohne eine Ehekrise hervorzurufen. Viele der Niederländer haben ein hohes Bedürfnis nach tiefen persönlichen Beziehungen mit anderen. Sie lehnten traditionelle Standpunkte bezüglich einer strengen Rollenverteilung von Männern und Frauen ab und waren unabhängig. Sie bevorzugten Freunde, die außerehelichen Sex akzeptieren und sind mehr oder weniger regelmäßig in außereheliche Beziehungen involviert.

Harold Christensen (1973) befragte Studenten in neun verschiedenen Kulturen. Er fand heraus, dass Studenten aus Dänemark, Schweden und Belgien im allgemeinen ziemlich tolerant mit außerehelichen Beziehungen umgehen. Nur 7 Prozent der Studenten in Dänemark, 31 Prozent in Schweden und 56 Prozent in Belgien fanden Untreue immer falsch.

Bis zu diesem Punkt ging es um fiktive sexuelle außereheliche Beziehungen. Wie sieht es aber mit dem tatsächlichen Verhalten der Ehepartner aus. Wie groß ist die Häufigkeit der außerehelichen Kontakte, differiert deren Anzahl in den einzelnen Ländern, gibt es eine Lücke zwischen der Einstellung und dem tatsächlichen Vollzug bzw. gibt es eine widersprüchliche Darstellung?

Entsprechend einer Studie in Amerika des NORC (Smith, 1991) über außereheliche Beziehungen im letzten Jahr wurde herausgefunden, dass nur 1,5 Prozent im vergangenen Jahr ein solche Beziehung unterhielten. Frauen und Männer wiesen dabei keine Unterschiede auf. Unterschiede gab es bereits zwischen Afro-Amerikanern mit 5,3 Prozent und europäischen Amerikanern mit 1,3 Prozent sowie anderen ethnischen Gruppierungen mit 0,0 Prozent. Eine andere Studie des NORC (Davis & Smith, 1991), die sich auf die gesamte Dauer der Ehe bezog, es wurden 999 Amerikaner befragt, lieferte das Ergebnis, dass 15 Prozent bereits irgendwann im Verlaufe ihrer Ehe eine außereheliche Beziehung hatten, 85 Prozent hingegen nicht. Folgende Tabelle soll als Diskussionsgrundlage dienen:

Anteil von Männern und Frauen mit außerehelicher sexueller Erfahrung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten2021222324252627

Kommen wir auf die vorab benannte Einstellung der Niederländer zurück. Der Vergleich gemäß der Studie von Buunk (1980) mit Ergebnissen der USA zeigte im Vergleich zu den USA ein offeneres Verhältnis zu außerehelichem Sex. Wir entnahmen die verbal formulierten Resultate dieses Vergleichs von Elaine Hatfield und Richard L. Rapson ,,Love and Sex" (vgl. S. 147). Angaben über das Studienmaterial aus den USA, das von Buunk zu dem Vergleich herangezogen wurde, liegen nicht vor. Vergleichen wir die von Buunk gemachten Aussagen mit den vorliegenden in der Tabelle angeführten Studien, kommen wir zu einem widersprüchlichen Ergebnis. Während bei Buunk (1980) 28 Prozent zusammenlebender und verheirateter Paare bei den Männern und 18 Prozent bei den Frauen außereheliche Erfahrungen gemacht haben, waren es bei den US-amerikanischen Verheirateten 26 bei den Männern, 31 Prozent bei den Frauen sowie bei Lebenspartnern sogar 30 Prozent bei den Frauen und 33 Prozent bei den Männern. Im Ergebnis steht hier ein höherer Prozentsatz der US-Amerikaner dem geringeren Prozentsatz der Niederländer gegenüber. Ein Vergleich der Einstellungen ist jedoch dazu reziprok. Hier kommt unseres Erachtens ein Doppelmoral zum

Ausdruck, die sich, um mit Heinrich Heines Worten zu sprechen ,, ... und sie tranken heimlich Wein und predigtenöffentlich Wasser ..." (vgl. Heinrich Heine ,,Deutschland, ein Wintermärchen"),oder: ,,Links Krach machen, rechts angreifen." zutreffend beschreiben lässt. Eine andere Reflexion und sozusagen eine Bestätigung dieser Ergebnisseaus unserer heutigen Zeit ist der US-amerikanische Film ,,American Beauty".

In England, Schottland und Wales ist der prozentuale Anteil für beide Geschlechter mit 45 Prozent für Männer und 42 Prozent für Frauen gegenüber den anderen aufgeführten euroäischen Ländern mit einer durchschnittlichen Differenz zwischen beiden von 3 Prozentpunkten vergleichsweise hoch. Der Unterschied dieser 3 Prozentpunkte könnte durch eine Studie der gleichen Wissenschaftlerin aus dem Jahre 1988 erklärt werden. Es wurden 679 verheiratete Männer und Frauen in Interviews und Gruppendiskussionen befragt. Der typische traditionell eingestellte Mann war mehr in zeitlich begrenzte außereheliche Affairen, kurze Treffen oder ,,One-night-stands" involviert als die traditionell eingestellte Frau. Diese war dazu nur bereit, wenn ihre Gefühle tief genug waren, da sie andernfalls das Risiko als zu hoch einschätzte, während der Mann zu Seitensprüngen berechtigt schien.

In der Tabelle fallen die unterschiedlichen Prozentzahlen für Männer und Frauen auf.

Betrachten wir die bisherigen Resultate im folgenden einmal unter dem bereits oben erwähnten ,,double standard". In den vielen, wahrscheinlich sogar in den meisten Kulturen existiert dieser immer noch. Unterhalten Männer außereheliche sexuelle Aktivitäten, wird ,,ein Auge zugedrückt". Frauen hingegen droht oft eine Bestrafung bis hin zum Tod (Campbell, 1964; Lateef, 1990; Persitiany, 1966; Smuts, 1991). Paradoxer Weise auch dann, wenn eine Frau vergewaltigt wurde. Wehren darf sie sich nicht, denn Vergewaltigung ,,ist doch ein Akt männlicher Stärke". Ist die Frau jedoch geschwängert, trägt sie allein die Verantwortung für eine so verabscheuungswürdige Tat wie Ehebruch oder eben Sex, bevor oder obwohl sie überhaupt nicht verheiratet ist (Maxine Hong Kingston, 1975). Demzufolge gibt es praktisch keine fremdgehenden Frauen in osteuropäischen, asiatischen oder orientalischen Gebieten. und demzufolge keine Untersuchungen. Welche muslimische Ehefrau würde schon zugeben, in einen anderen Mann als ihren Ehemann verliebt zu sein? Beziehungsweise, welcher Mann gibt überhaupt seine Einwilligung für eine solch öffentliche Darlegung seiner privaten Verhältnisse und Kompromittierung seiner Männlichkeit. Zimbabwe als Fallstudie für die nicht-westliche Welt birgt wieder eine erwartete Bestätigung für den unterschiedlichen Stellungswert von Mann und Frau in der Gesellschaft: 67 Prozent aller Männer, und nur drei Prozent aller Frauen hatten Sex mit einem anderen Partner als ihrem Ehepartner. Da Frauen aber fast ausschließlich weitaus weniger an außerehelichem Sex interessiert sind, liegt es sicher nicht nur an der fehlenden Gelegenheit, sondern auch daran, dass Sex für sie aus anderen Beweggründen in Frage kommt. Danach gefragt, antworten sie ,,aus Liebe und Vertrautheit", männliche Motivation stützt sich zunächst auf ,,Verlangen und Lust, sowie körperliche Erleichterung" (B. E. Whitley, 1988; Barbara Leigh, 1989). Existiert diese Doppelmoral, diese Tatsache, dass Ehebruch Männern leichter verziehen wird als Frauen, also tatsächlich noch in den Köpfen der Menschen und nicht nur im allgemeinen Bild der Gesellschaft? Christiansen (1973) verglich Studien aus den 60er und den 70er Jahren. Er stellte fest, dass in den 70er Jahren der ,,double standard" mehr oder weniger verschwunden war. Nur ungefähr 2 bis 10 Prozent der befragten Studenten hielten an ihm fest. In allen Kulturen jedoch hießen zwei mal mehr Männer als Frauen den ,,double standard" gut. Eine Umfrage von Laumann et al. (1994) zeigt, dass 75 Prozent der verheirateten Männer und 90 Prozent der verheirateten Frauen noch nie eine außereheliche Beziehung unterhielten. In mehreren Studien wurde festgestellt, dass Männer generell eher mit außerehelichen Beziehungen beginnen, dass sie öfter außereheliche Beziehungen haben, dass sie mehrere sexuelle außereheliche Partner haben und dass sie sich weniger schuldig fühlten als Frauen (Glass & Wright, 1985; Lawson, 1988; Spanier & Margolis, 1983). Die gleichen geschlechtlichen Unterschiede sind in Australien (Thompson, 1984), in England und den Niederlanden (Buunk, 1980). (Vgl. die jeweiligen Studien in obiger Tabelle) vorgefunden worden.

Gegenwärtig ist es schwierig, exakt zu bestimmen, wie verbreitet außerehelicher Sex ist.

Während die einen Wissenschaftler für 37 Prozent bei Männern und für 29 Prozent bei Frauen außereheliche Kontakte feststellten (Reinisch et al., 1988), bestehen andere auf 50 Prozent für Männer als auch für Frauen (Blumstein & Schwartz, 1983, Thompson, 1983), (vgl. Tabelle). Diese Differenzen rühren wohl auch daher, dass es schwierig ist, einen genauen Terminus für außereheliche Beziehungen zu definieren. Immerhin reicht die Spannbreite von einfachem Flirt-Verhalten bis hin zu langfristigen Beziehungen. Eines steht jedoch fest. In der westlichen Welt gibt es augenscheinliche Veränderungen. Der ,,double standard" ist im Niedergang begriffen. Frauen und Männer sind sich in der Bereitschaft zu außerehelichen Beziehungen gleich geworden. Frauen als auch Männer beginnen außereheliche Beziehungen früher, öfter und experimentieren mit mehr Partnern als es in der Vergangenheit der Fall war.

7. Zusammenfassung:

Unsere Ergebnisse zeigen, dass sich in der westlichen Welt besonders in unserem Jahrhundert eine sexuelle Revolution vollzogen hat. Diese wirkte sich auch auf die nicht-westlichen Kulturen aus. Besonders in der Veränderung des Rollenverhaltens von Mann und Frau, in dem Absterben der Doppelmoral hin zu sozialer Gleichheit in sexuellen Preferenzen, Gefühlen und Erfahrungen. Die meisten modernen Gesellschaften verfolgen eine Richtung, die auf gesellschaftlich moderater Ebene größere sexuelle Freiheiten für alle Individuen zulässt.

Eine ähnliche Entwicklung findet auch, auf andere Art und Weise, in Asien, Lateinamerika, Osteuropa und Teilen von Afrika statt. Bei einem immer stärker werdenden Trend zur Globalisierung kann man sich derartigen Veränderungen nicht erwehren, was uns die Weltgeschichte zahlreich und in diversen Bereichen beweist. Sexuelle Revolution hin oder her, eine prosperierende Gesellschaft ist immer progressiv, ihre Kultur verbindet Erfahrung mit neuen Erkenntnissen. Werden letztere nicht unterstützt oder anerkannt, wird sie von anderen Kulturen überrollt.

Wenn ein Land seine Bewohner ins Ausland schickt, um von dem Wissen fremder Kulturen zu lernen und zu profitieren, kehren jene auch mit gemäßigten oder abgeänderten Meinungen zurück. Das betrifft Tradition, wie Fortschritt, Sex, wie alle anderen Lebensbereiche. Traditionalisten sehen diesen Veränderungen mit großer Sorge entgegen. Sie meinen, dass der Verfall sexueller Beschränkungen zu größerer Selbstsucht auf Kosten der allgemeinen Belange geht, Freude auf Kosten von Verantwortung, Sensualismus auf Kosten von Tradition, Religion und Ernsthaftigkeit. Logisch, dass sie ihren Hörern alle Nachteile, Gefahren und Defizite westlicher Gesellschaften geballt entgegenwerfen. Sex ist dabei ein wichtiges Thema, ist die Familie doch eine grundlegende Sozialisationsinstanz, die dabei profund ins Wanken gerät.

Feministen sehen in dieser Revolution nichts weiter, als das, was es ihrer Meinung auch vorher schon war: Unterdrückung. Für viele brachte sie die Freiheit, offen über Lust, Begierde, Schönheit, Verlangen, Sexobjekte zu reden - ohne Angst vor Strafen oder Konsequenzen jedweder Art; die Freiheit, sich Krankheiten, wie AIDS zuziehen; die Freiheit ,,Lust ohne Liebe" zu praktizieren. Dies ist, wie sie behaupten, ein Konzept, das die Macht des Mannes über die Frau nur noch verstärkt. Andererseits gibt es Gegenargumente, die besagen, dass Frauen eigentlich die gleichen Rechte zustünden, immerhin hätten sie die Wahl, sich dafür oder dagegen zu entscheiden.

Und so finden wir wahrscheinlich so viele Meinungen wie es Diskussionsteilnehmer gibt. Sex ist ein Thema von gesellschaftlichem (Fortbestand der Kultur) und privatem (Lust, Liebe, Arterhaltungstrieb) Interesse. Deshalb variieren Meinungen, gerade zu vor- und außerehelichem Geschlechtsverkehr zwischen Aufgeschlossenheit und Gleichgültigkeit, situationsbedingter Kritik oder Zustimmung und definitiver Ablehnung.

Literaturverzeichnis

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[25] Kontula (1993)

[26] Asayama (1975)

[27] Buunk (1980)

27 von 27 Seiten

Details

Titel
Sexualität - interkulturelle Perpektiven im Vergleich
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Veranstaltung
Seminar
Autor
Jahr
2000
Seiten
27
Katalognummer
V101753
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sexualität, Perpektiven, Vergleich, Seminar
Arbeit zitieren
Nicole Borchert (Autor), 2000, Sexualität - interkulturelle Perpektiven im Vergleich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101753

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