Gemeinsam sind wir unterschiedlich


Ausarbeitung, 2001

7 Seiten


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Gemeinsam sind wir unterschiedlich

Vierzig Jahrzehnte haben die Menschen in Ost-und Westdeutschland in völlig unterschiedlichen Systemen gelebt: in einer Demokratie auf der einen Seite und einer Diktatur auf der anderen. 4 Jahrzehnte lang wurden die Fragen nach nationaler Identität unterschiedlich beantwortet. Die daraus resultierende Entfremdung und die bedingten Unterschiede im Denken, im Sprachgebrauch und im Alltag sind kurzfristig nicht zu überwinden.

“Jede Revolution befreit auch die Sprache”, -sagte Christa Wolf. Genau das ist in dem wiedervereinigten Deutschland festzustellen. Die Wende zauberte eine Lawine neuer Begriffe und Bezeichnungen für die Menschen, für die gesellschaftlichen Systeme usw. her. Sie entstanden aus der Notwendigkeit, die sich wandelnden Umstande und einander zu bezeichnen, da der alte Wortschatz ja nicht mehr ausreichend war.

Diese Arbeit ist Sammlung solcher Begriffe als gedacht, und ihr Ziel wäre, die möglichen Unterschiede in der Rezeption der historischen Prozesse in der Vor- Während-und Nach-Wendezeit aufzudecken. Sie ermöglicht interessante Ruckschlusse, natürlich unter Berücksichtigung einzelner Beschrankung, und zwar, dass die Autorin noch Tabula rasa in der Linguistik ist. mögliche Entschuldigung wäre, sie sehr an dem Thema interessiert und hat versucht, es womöglich ernst zu fassen.

Seit der staatlichen Vereinigung gehören die alte DDR und die alte Bundesrepublik zum Erbe aller Deutschen. Das solle heißen “Es gibt kein huben und dr ü ben mehr ”. Dafür gibt es nun folgende Begriffe:

1. Für den Osten Deutschlands: die Ostl ä nder, die ostdeutschen Bundesl ä nder, die Ostgebiete, Ostdeutschland, der Ostteil Deutschlands, die neuen Bundesl ä nder, die O-Zone (Bundespost), die f ü nf neuen L ä nder (die FNL), das Gebiet der ehemaligen DDR, die Ex-DDR, das Beitrittsgebiet, die beigetretenen L ä nder, die Beitrittsl ä nder (nicht verwechseln mit den Beitrittskandidaten), das Neubundesgebiet, die ehemalige DDR, und im Volksmund Ossiland, Stasiland, der Wilde Osten, die Neufundl ä nder.
2. Für den Westen Deutschlands: die Westl ä nder, die(Alt-) Bundesrepublik, die bisherigen L ä nder der Bundesrepublik, Westdeutschland, der Westteil Deutschlands, der bundesdeutsche westen, die W-Zone (Bundespost), die alte Bundesrepublik, die Alt-BRD, das Altbundesgebiet, die alte Bundesrepublik , und im Volksmund die BRDKolonie, Die Bundesrepublik +25% Bev ö lkerung.

Aber nicht nur die Geschichte erweist sich starker als ihre Akteure, sondern auch die Sprache, die täglich etwas Neues produziert, wenn das auch ganz bösartig ist. So reden oft die Westdeutschen von Ostdeutschland als von grauen Ortlandschaften mit dummfaulen Menschen, die sich ü ber die Bananen freuen, wobei das offizielle Bild durch Antikommunismus, revisionistische Forderungen und Wiederaufr ü stung gepr ä gt wurde, Diktatur der Arbeiterklasse im Westen- Projekt des Staatsfeindes.

Die DDR wollte ein neues und besseres Deutschland sein. Der Kapital ist galt in der DDR als historisch zu überwindendes Hemmnis, der gro ß e Schurke der neuren Geschichte. Die innerdeutsche Grenze eignete sich vorzüglich zur Bildung der Feindbilder. Es herrschte sogar die Systemkonkurrenz (in bezug auf Erziehung, Konsum, Mentalitäten und Lebensstile). Mentalitätsmäßig war aber die DDR ein „ Land der kleinen Leute “ .

Unsicherheiten machen Angst. Wer sich seiner selbst nicht mehr sicher ist, wird leicht aggressiv. So aggressiv empfinden viele Ostdeutsche die Wessis, die sogenannten Besserwisser, die ja „ zu den Siegern geh ö ren, d. h. von vornherein alles besser wissen “ . Das Sieger-Besiegte-Syndrom lässt nicht nach. Ostdeutschland ist in der Position eines ökonomisch Schwächeren. Deswegen fühlen sich die Menschen da westkolonisiert, besiegt. Sie können schwer leiden, wenn die Wessis mit dem oberlehrerhaften Tonfall, und befurchten Entwertung ostdeutschen Lebenserfahrungen. Die Westdeutschen ordnen sich selbst gern die Eigenschaften des erfolgreichen Systems zu. Hier lasst sich nur sagen, indem Systemeigenschaften (“ starre Planwirtschaft ”) auf reale Personen ( „ faule Ossis “) übertragen werden, werden aus Westdeutschen „ Sieger “ und aus Ostdeutschen „ Besiegte “.

Ü berlegenheitsgef ü hl / Unterlegenheitsbewusstsein fuhrt zu der Assymmetrie des Dialogs. Früher die gef ä hrlichen Gegner können schwer das Anderssein anerkennen. Hier erweist sich der Westen auch als ein Verlierer. Der Weg zur „ inneren Einheit “ zeichnet sich als langwierig ab. „Aus Euphorie und Begeisterung wurden Beklemmung, Sorge, Distanz und Unsicherheit. Die äußere Mauer ist gefallen, jedoch eine innere, eine psychische und soziale Barriere trennt die Deutschen in Ost und West voneinander, wenn man Meinungsumfragen glauben darf, dann reicht diese deutsch-deutsche Trennung tiefer als zu Zeiten des kalten Krieges, als die Spaltung quer durch Familien ging und Angehörige sich kaum besuchen konnten“. (W.Thierse)

Ein politisches System kann auf Dauer nicht nur auf den Terror bauen, es bedarf auch die Elemente der Hoffnung und des Konsenses. Genau so war es in der ehemaligen DDR. Leute, die dies als gut empfanden, fühlen jetzt, dass die eigene Leistung ist ins Misskredit geraten ist. Und trotzdem, dass sie heute ihre Meinung frank und frei offenbaren können , fühlen sie sich in der westlichen Ellbogengesellschaft unwohl. Dafür haben viele Wessis - „ Zonephobie “ vor den - „ ostm äß igen Arbeiterm ä usen “ in der „ antifaschistischen Erziehungsdiktatur “ , vor dem vormundschaftlichen Staat, wo die Trennung der Arbeitskraft von der eigenen Pers ö nlichkeit nicht nur möglich, sondern auch notwendig war, vor einer “ geschlossenen ” Gesellschaft mit der “ Rotlichtbestrahlung ” _(=marxistisch- leninistische Schulung) .

Die Grenze zwischen den Systemen war konstruiert als eine zwischen Schuld und Unschuld. Man unterscheidet bis heute noch zwischen den - „ gelernten DDR- B ü rgern, ungelernten DDR-B ü rgern und den kulturellen Dissidenten “ . 1961, als die Flucht als Alternative weggefallen ist, begannen die meisten DDR-Bürger ihre Nischengesellschaft zu bauen. Jeder seine. Nach der Wende geschah das Aufspalten der Leute in T ä ter und Opfer, Schuldige und Unschuldige, Verf ü hrer und Verf ü hrte, wobei sich die meisten Ostdeutschen als - Opfer einer kleinen T ä terclique darzustellen versuchten. Aus der kulturellen Dissidenz wurde in der Endphase der DDR politische Opposition, aber fast alle übten die Strategie des Ü berwinterns, des Wartens auf bessere Zeiten aus. Unm ü ndigkeit und Passivit ä t , Verschwendung und Vergeudung von Zeit, R ü ckzug in eine bornierte Privatsph ä re, politische Apathie, das Abwarten, anonyme Masse, das Ü ben in Mimikry gehörte zu jener Zeit wie Feuer zu Flamme. “ Es ging alles seinen sozialistischen Gang ” . -“Das Gute am guten Menschen besteht lediglich darin, dass er der alte geblieben ist”, sagte noch Fr. Nietzsche. Man lernte in der DDR offizielle Parolen durchschauen und gepfefferten Witz darüber zu machen. Nun durchschaute man sich selbst.

Das Klassifikationsschema der Machtlinie in jener Ghettosituation bedurfte paralleler. Eigenschaften, um über die Menschen „ parteiangemessen “ urteilen zu können, so wie zuverl ä ssig/ schwankend, treu / verr ä terisch, ü berzeugt / haltlos, kampfentschlossen / intellektualistisch. Man setzte auf Wir-Ideale und Wir-Gef ü hle, man musste sich an die offizielle Marschroute halten. Nach der Wende ist aus dem meist gelobten Land ein Tabu -Thema geworden. Die DDR-Bürger holten sich „ Persilscheine der Einigung “ , und erwiesen sich als „ die Umbr ü chler “ . Es geschah nachtr ä gliche Selbstheroisierung oder Schwarz-Weis-Malerei. Soljanka als ostdeutsche Tagesgruppe, das Denken in Produkten und Dienstleistungen, die Teilnahme an den Subbotniks versuchte man zu verbergen Man kann sagen, dass die Menschen in dem „ Arbeiter- und Bauernstaat “ 3 Typen des Wandels(das Patchwork des Wandels) durchmachen konnten:1) Verteidigung der sozialen Musters und „ sanfte Anpassung “ (Stabilität),2)Soziale Öffnung und Risikobereitschaft (Beschleunigung),3)Rückzug auf soziale Grundmuster (Erstarrung, Verlangsamung, ein verbissenes Festhalten am Alten).

Schnell kam es nach der Wende zu einem „ deutsch-deutschen Kulturschock “ . Schnell wurden neue Begriffe „ westimportiert “, die Werbung machte babylonische Verwirrung, die Markennamen wandelten sich zu den Gattungsbegriffen, Kunstgebilde zum Wortschatz. Arbeitslosigkeit hieß von nun an Freisetzung/ Rationalisierung, Wohnungsk ü ndigung- Entmietung, Gift- Altlast, Atom-Kernenergie, Einkaufen - Shopping. „ Prolet “ (eins Klassenbegriff) wurde zum Schimpfwort für ungebildete, ungehobene Underdogs. Nur Jugendliche schimpfen jetzt „ Prol “. Die Begriffe änderten sich, aber die „ Mauer in der K ö pfen “ blieb. Die Wessis redeten immer noch von den „ Br ü dern und Schwestern hinter Mauer und Stacheldraht “ , von armen Habenichtsen. Man unterschied zwischen den Kindern von Marx und Coca- Cola und die Reise nach „ nicht mehr dr ü ben “ wie ein Elixier für das eigene Selbstwertgefühl. Am schlimmsten für Image ist der Geruch des Verlierers, des „Losers“, so ging es den Ostdeutschen, die aber schnell festgestellt haben, dass der ge ü bte genuine Wessi für alles eine Quittung braucht. Und dass diese Strahle- M ä nner, sanfte Rasierwasser- Konsumenten, Softies, „ neue “ V ä ter, Sonntagspapas ihr Outfit nur der Werbung verdanken.

- Das gefrorene, dauerhafte „ Dienstleistungsl ä cheln “ und Sch ö nheitsdiktatur, in der Dicke kaum eine Chance haben, hat viele Ostdeutsche schockiert. Ohne die richtigen Klamotten l ä uft nichts, mussten sie verbittert feststellen. Das waren die ersten Zeichen der Entfremdung zwischen den Verlassenen und den Aufsteigern. Die Geknechteten und Entrechteten nannten stolz die BRD-Bürger ans Kapital verkauft und „ eine Mischung aus Cham ä leon und Pfau “ . Die Westdeutschen lachten sich ihrerseits tot über f aule Ossis/ Udos ( unsere doofen Ossis ), Betonkopfe, „ Planerf ü llungspakt “ , „ Kommandowirtschaft “ und die „ Gummistiefelzeit “ im Osten. Voller Mitleid klang die Aussage: “ Eines Tages werden die doch Besser-Ossis “ , wobei die erfolgreichen Ossis begeistert zuriefen : “ Wir sind die Westler des Ostens “ . Es gab manche Ossis, die nach der Wende in den Westen gingen, und sich als Wostler bezeichneten, weil sie sich nirgends zurechtfinden konnten. Einige Ossis wurden Assis / Asoziale genannt, nur wegen des „Fehlers“, in der roten Landschaft, im Ö dland geboren zu werden. Und da das Denken nicht nur im Osten, sondern auch im Westen durch die Teilung geprägt wurde, rechnete die westdeutsche Antwortgesellschaft alle Ossis im Allgemeinen zu den typischen Abnickern, Kopisten und st ä ndigen Nachz ü glern des Westens. Ostdeutschland hielt man für Provisorium, den unvollkommenen Staat. Denn so war es leichter , schließlich hat „ die deutsche Vereinsmeierei nicht wegen des Westens das totale Aus bekommen. Selber schuld. “

Ungefahr in dieser Zeit entstehen die Klischees voneinander wie der Wessi wei ß , wie man ‘ s zu was bringt, ist clever und gesellschaftst ü chtig, selbstbewusst und l ä ssig, ist belehrend, weil hier ja 40 Jahre Mist gebaut wurde und der Ossi ist unsicher und zaghaft, sehr leichtgl ä ubig, wird belehrt und sollt keine Verantwortung ü bertragen bekommen, weil er nichts Ordentliches kann. Die teilungsbesch ä digten Wessis meckerten bei der Reise in die Östlichen Bundesländer:“Die brauchen eine ordentliche Boutique hier, sonst komme ich nicht mit “ .

Die Vorurteile sitzen so fest, weil sie sich allzu oft bestätigen. Die Ostler hatten immer Angst vor allem Unkontrollierbaren, jetzt kam sie, die unkontrollierbare Zeit. Die Übernahme amerikanischer Kulturmodelle, im Westen so Üblich, trug dazu bei. Manche haben sich angepasst an die neue Situation, an die Pseudophilosophie des Westens, übten Plagiat mit eigenst ä ndigen Facetten aus, oder auf Westdeutsch ä fften nach. Die anderen hielten das für den D ü nnsinn und verfielen in die radikale Szene: “ So haben wir uns das nicht vorgestellt “ . Von solchen wurde die Parole „ Jeder sucht seins - die Kultur des W ä hlens “ abgelehnt. Man wünschte sich verz ö gerte Modernisierung, aber keine Verwestlichung des Ostens. Der ganze Vereinigungszauber war verflogen.

Die Unterschiede wurden größer und großer. Die Westler zuckten mit den Achseln: “ Was wollen die nun noch? “ Die Ostler verzogen den Mundwinkel:““ Was wollen die nun noch? “ Die Annäherung geriet allmählich in die Krise. Der Mensch begann in Selbstmitleid und Egoismus zu leben. Die Hochglanzverpackung der Vereinigung verblies.

Das katastrophale Unverständnis beeinflusste die Sprache und führte zu der Entstehung radikaler und bösartiger Begriffe wie eine rote Sau, emotionaler und intellektueller Hungerleider, eine Wolfgestalt (ostdeutsche Schulleitung), die DDR-Rad-Ikone( der DDR-Wappen), der Honecker-Staat, eine Maschine, um Systemfeinde zu brechen, Konfetti aus den Ideologiepartikeln, rotlackierter Faschismus , Schulerbespitzler, Zonis, die sich geh ä utet haben, „ Jammerossi “ / „ Motzki “ und „ Trotzki “ , die Minderbemittelten, die Kaputten, die Sinnentleerten, die Wirtschaftsasylanten, die Stasibelasteten, die armen Ossis, denen Pakete geschickt wurden, die vom Westen Freigekauften, das Rotlicht-Milieu, die Politschw ä tzer, die Ausreisis, die Gedrillten, Knetmasse, die psychisch Bankrotten, ewige Meckerer, die Ewig-Gestrigen / die Stasi-Mannen, Die IMs ( informelle Mitarbeiter des Stasi), Hurra-Schreier, die weltlichen Grabredner, die Gehorsamen, sp ä tkommunistische Fensterredner, die organisierten Verantwortungslosen, Gleichgeschnittene, „ interessantes historisches Experiment “ , Ausgrenzungswahnsinnige, Ostausl ä nder, die Doppelb ö digen, die Ausrei ß er, die Ostt ü rken, die Westpolen, die Zoobewohner, die Maskenwechsler, die Gesinnung wie ein schmutziges Hemd abgelegt haben, die mit Honecker und C ° in einer Scheinwelt lebten, aber heute so tun, als ob sie erst im November 1989 zu leben und zu denken begannen, „ Wir finanzieren eigene Killer “ ( „ Wir haben Ostdeutschland mit Kusshand genommen “ ) und „ die machen wir klein “ . Manche stellte sogar die Deutschwerdung Deutschlands nach der Vereinigung in Frage. Die ehemalige DDR wird gesehen als Flickenteppich aus DDR-Relikten / Ü berbleibseln, da schließlich „ Jeder Ossi hat seine DDR im Kopf, die ihn bis heute pr ä gt, die er erhalten will. “

Der abgewickelte Kanzler hat immer versucht auf Ost-Stolz und Ost-Trotz zu setzen und das „Wir-Gefühl“ der Wendeverlierer zu beschwören. Heute handelt es sich mehr um die Verkrippung der DDR und darum, wie man den DDR-Geruch loswerden kann. Die Finessen der deutschen Sprache erlauben, die Annäherung der SPD mit der PDS als einen rot-roten Schmusekurs zu den Enkeln Willy Brandt und den Erben Erich Honeckers zu bezeichnen.

Die Ostler spuren das Gef ü hl des Unter-Druck-Seins, dass „ Die Herren “ Psychoterror gegen sie treiben, dass sie Lippenbekenntnisse abgeben, die Lebensl ü ge herausspucken aber das es alles nur die hohe Formelsprache ist. Darum reagierten sie sprachlich weniger bösartig, aber verbittert. Typische Ausdrucke aus dem Mund eines Ostlers sind Die neue Geld-Mentalit ä t, bei den Wessis hat sich alles festgefressen, die Herren mit verordneter Fr ö hlichkeit , billig-nette Kumpeltypen ( „ die sitzen doch mit dem Arsch im Trockenen “ ), die Kolonialisierung, westimportierte Gesinnung, das Gesetz der Auslese der Besten, die gerissenen kapitalistischen H ä ndler, die nur kalte Gesch ä ftsmacherei treiben( „ Die Herren machen ‘ s im Brustton der Ü berzeugung “ ) und „Es ist zusammengewachsen, was nicht zusammengehörte“.

Freiheit kann nur empfunden werden, wenn man weiß, wie man sie ausfüllen kann. Das Freund - Feind - Bild ist immer noch aktuell für beide Teile Deutschlands. Im Westen wirkt alles so hohl für die Ostler, soziale berufe gelten da nichts im „ Nobelkaff “ . Selbst die ostdeutschen Frauen fühlen sich auf dem Abstellgleis, weil sie meist arbeitslos nach der Wende geworden sind. In der DDR haben sie alle gearbeitet, obwohl das Wort Karriere im DDR-Deutsch einen unangenehmen Beigeschmack hatte. Den Begriff „ Karriere-Frau “ gab es gar nicht. Es gab ja auch keine Kids. Die Parole „ Meine Frau sichert das Heimatland “ verschwand schnell aus dem Sprachgebrauch. Jetzt wurde sie eine Nurhausfrau.

Sexualität wurde im Osten eine wichtige Kommunikationsform, z ä hneknirschend mussten die Ostler aus dem Westen den Spruch „ Wer zweimal mit desselben pennt, geh ö rt schon zum Establishment “ importieren. Nach dem Tabu-Thema „Sex“ in der ehemaligen DDR, mussten sich schon viele nach diesem „ Sexual-Kulthure-Boom “ richtig die Wunden lecken. Denn in der ehemaligen DDR konnte man kau von dem geliebten Kid: “ Halt die Schnauze, Mutti! “ hören.

Traurig war für die Ostler, dass die Menschen in Westdeutschland ihren Wohlstand f ü r das Resultat einer besonders hoch entwickelten Kultur halten, als ob sie die Kaste der Privilegierten seien .

Die letzten paar Jahre der Entfremdung führten dazu, dass die meisten Deutschen nicht mehr die Notwendigkeit sehen, die Wiedervereinigung zu feiern :“Alle wissen, dass es die gr ö sste Heuchlerei ist, weil es alles nicht so geklappt hat, wie man wollte “ . Das prägt natürlich die Sprache, die immer radikaler in den gegenseitigen Bezeichnungen wird. Die neuesten Ausdrucke für Ostdeutschland sind russische Waffenarsenale, eine Schuldkultur, der Patientstaat, der Bastard, Erichs Lampenladen. Dabei werden die Westler als Leute, die Demokratie von „ Lucky Strike “ -rauchenden amerikanischen Soldaten gelernt haben “ - also selber keine Ahnung davon haben.

Beide Staaten entstanden mit gleichen Geburtenfehler, jeder verunglimpfte den anderen als Bastard, jeder beanspruchte für sich das Recht, das gesamte deutsche Volk zu vertreten und rief nach der Wiederherstellung der Einheit. Aber die Wiedervereinigung erweist sich als ein H ä rtetest f ü r die junge deutsche Demokratie, denn eine Zweiklassengesellschaft ist sicher entstanden. Und die Bravourleistung des Wiederaufbaus ist weg. „In einem Reich, das seit Jahrhunderten zersplittert ist, und wo, fast immer durch fremden Einfluss bewogen, Deutsche gegen Deutsche kämpfen, kann keine große Vaterlandsliebe existieren, und auch die Liebe zum Ruhm kann nicht sehr lebhaft sein in einem Land, wo es kein Zentrum, keine Hauptstadt, keine Gesellschaft gibt“ (Germanie da Stael, 1813).

Immer mehr verbreitet sich die Meinung, d ass sich die Dinge f ü r Westdeutschland so ü beraus g ü nstig entwickelt haben, ist dem Ost-West-Konflikt zu verdanken, welche die Westler nicht so gern berucksichtigen. Was wird denn aus Deutschland einig Vaterland ? Diese Begriffe wie „Nation“ und „Heimatland“ leiden semantisch noch unter der vom Nationalsozialismus aufgebürdeten Hypothek. Politiker haben Angst, in den Jargon aus brauner Zeit zu verfallen, deswegen furchten sie, für diese begriffe zu plädieren. Darauf sagte ein Journalist: “Deutsche Politiker hei ß en nicht nur wie Figuren aus Grimms M ä rchen, oft handeln sie auch so “ ( Starrsinn und Arroganz der regierenden Etablierten) , was natürlich nicht ganz unrecht ist.

Die Deutschen fürchten eine Gesellschaft ohne Organisation und Ordnung, und so halten sie an überkommenen Unterwerfungsritualen fest. Dies ist auch der Grund für ihr mitunter geradezu sklavisches Verhalten gegenüber Hierarchien, bzw. Regeln und Vorschriften ganz allgemein. „ Wir haben unsere Vorschriften “ - eine der meiststrapazierten Redewendungen in Deutschland. Um den Menschen das Denken abzugewöhnen? Wie sollen heutige Vorschriften sein? „ Soll das wiedervereinigte Deutschland das Deutschland von Messerschnitt - B ö lkow - Blohm, Mercedes und Herrhausen sein? “

Nur zu wenige Deutsche sind in der Lage, hier über ihren Tellerrand zu blicken und weitere Annäherungsversuche starten. Denn immer noch teilen sich Deutsche in „ Leute im Westen, die auf ihren fetten Arschen sitzen “ und die, die „ Honecker jahrelang in den Hintern gekrochen haben “ . Und von den Systemen redet man wie von einer Diktatur, die Opfer am Flie ß band produzierte und von einer Demokratie der Erfolgreichen. Politische K ö rperfresserei in der Frage der Wiedervereinigung setzt sich fort, Mitl ä ufer spielen Karneval, aber das ist nur ein Spiel. „ Blindheit f ü r das Unheil des anderen “ wurde immer der DDR vorgeworfen. Jetzt scheint dieses Klischee das ganze Deutschland bestimmt zu haben.

Das heutige Deutschland wird immer öfter als ein „ Halbfabrikat “ genannt vereinigt, aber nicht vereint, zusammen, aber doch nicht eins, nicht mehr geteilt, aber nach wie vor gedoppelt.

Es ist leicht, rückblickend recht zu haben. Ostler und Westler streiten, wer von beiden der bessere Mensch sei, und werfen sich gegenseitig vor, am Scheitern der Verständigung schuld zu sein. Wieder vereint, aber zänkisch wie ein Paar in der Krise. Unfähig, Kritik zu üben und anzunehmen. Anklagen fällt eben einfacher.

Es lasst hinzu noch sagen, dass Indem Systemeigenschaften ( “starre Planwirtschaft”) auf reale Personen („faule Ossis“) übertragen werden, werden aus Westdeutschen „Sieger“ und aus Ostdeutschen „Besiegte“.

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Details

Titel
Gemeinsam sind wir unterschiedlich
Autor
Jahr
2001
Seiten
7
Katalognummer
V101784
Dateigröße
349 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gemeinsam
Arbeit zitieren
Victoria Sarycheva (Autor), 2001, Gemeinsam sind wir unterschiedlich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101784

Kommentare

  • Gast am 1.2.2002

    Tabula rasa?.

    Zufälligerweise kenne ich die Autorin dieses Beitrags und ich kann guten Gewissens behaupten, dass sie alles andere als Tabula rasa ist. Im Gegenteil, ich habe Frau Saryhceva als intelligente und sensible Frau kennengelernt und habe ihren Beitrag mit großem Interesse gelesen. Wenn ich jemandem die Bearbeitung eines heiklen Thema auftragen würde dann ihr.

    Herzlichen Glückwunsch Frau Sarycheva.

    Ihr
    Dr. Dr. Benjamin Neurohr

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Titel: Gemeinsam sind wir unterschiedlich



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