Die Entwicklung des päpstlichen Primats in den ersten Jahrhunderten


Seminararbeit, 2000
13 Seiten

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1 Die Anfänge

1.1 Petrus, der „erste Mann des Urchristentums“

1 Ich aber sage dir: Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen und die Mächte der Unterwelt werden sie nicht überwältigen (Mt 16,18).

Diese Worte, die Jesus zu Petrus gesprochen hat, werden als Ausgangspunkt einer besonderen Entwicklung angesehen, der Papstgeschichte. Der katholischen Auffassung nach ist diese Stelle die Verheißung des Primats an Petrus. Er wird somit zur Schlüsselgestalt der Kirche Christi, deren Gründung hier auch festgelegt wird. Petrus erhält die Vollmacht zu binden und zu lösen (Mt 16,19), die Kirche Jesu zu leiten und sein Stellvertreter auf Erden zu sein (Joh 21,15-17).

Die Geschichte des Papsttums ist damit also die Erfüllung der Verheißungen an Petrus´.

Aber warum ist es gerade Petrus, der diesen Auftrag erhält?

An vielen Stellen bezeugt das Neue Testament eine Sonderstellung, die Petrus unter den Aposteln in der Urgemeinde einnimmt. Er gilt als Wortführer und wird in vielen Quellen als erster angeführt.2 Auch nach der Auferstehung Jesu ist diese Vorrangstellung noch begründet. Petrus hat die Apostel nach der Hinrichtung Jesu wieder zusammengeholt und mit ihnen in Jerusalem eine Gemeinde gegründet, deren Leiter er selbst war. Er tritt jedoch stets nur als primus inter pares auf. Die Jerusalemer Kirche war also die erste Missionszentrale und die Apostel waren die ersten Missionare überhaupt.

Als Petrus im Jahre 44 auf der Flucht vor Herodes Agrippa II. Jerusalem verlässt, überträgt er sein Amt Jakobus. Dies zeigt, dass es in der Gemeinde verschiedene Stellungen gab und dass diese weitergegeben wurden. Auf seiner Flucht gelangte Petrus auch nach Rom, wann genau das war, ist nicht bekannt.3 Aus verschiedenen Quellen geht jedoch hervor, dass Petrus, wie auch Paulus in Rom gewirkt haben und in der christlichen Gemeinde auch eine besondere Stellung inne hatten. Eine dieser Quellen ist der Brief von Bischof Ignatius von Antiochien an die Römer um 110 n. Chr.: „Ich erteile Euch nicht Befehle wie Petrus und Paulus.“4

Diese Aussage lässt keinen Zweifel daran, dass Petrus und Paulus eine höhere Stellung in Rom einnahmen.

Zur Zeit Neros, im Jahr 64 oder 67 n. Chr., finden beide in Rom als Märtyrer den Tod, was wiederum in verschiedenen Quellen belegt ist:

Dionysius, Bischof von Korinth, schreibt um 170 n. Chr.:

„Somit ließ sich dieser Nero auch zur Hinrichtung der Apostel hinreißen und brachte sich so in den Ruf des ärgsten unter den Hauptfeinden Gottes. Es wird nämlich berichtet, dass unter ihm Paulus in Rom selbst enthauptet und ebenso Petrus gekreuzigt worden ist.“5

Und auch im sog. Klemensbrief um 95 n. Chr. werden die Leiden von Petrus und Paulus berichtet:

„[...] mussten die bedeutendsten und geehrtesten Männer - sie waren Säulen - Verfolgung erleiden und bis zum Tode kämpfen. Stellen wir uns die guten Apostel vor Augen: einen Petrus, der [...] nicht eine oder zwei, sondern viele Fährlichkeiten ertrug. [...] Wegen Eifersucht und Streitsucht hat Paulus den Beweis siegreichen Ausharrens erbracht: siebenmal war er in Banden, verjagt und gesteinigt; [...].“6

Aus verschiedenen Überlieferungen geht hervor, dass Petrus direkt in Rom am Vatikan begraben wurde, Paulus an der Via Ostiensis. Bei Ausgrabungen, die seit 1940 unter dem Petersdom in Rom durchgeführt werden, wurde ein Grab gefunden, dass mit sehr großer Wahrscheinlichkeit das Grab Petrus ist.7 Doch hier gehen die Meinungen in der von mir verwendeten Literatur auseinander. Unbestritten steht jedoch fest, dass Petrus in der römischen Christengemeinde gelebt und gewirkt hat.

1.2 Roms zentrale Stellung

Die römische Gemeinde wurde von Anfang an mit Petrus in Verbindung gebracht, man kann ihn als ihren eigentlichen Gründer bezeichnen. Dies ist auch einer der wichtigsten Gründe für die immer bedeutender werdende Stellung Roms. Außerdem breitete sich Rom stetig aus und wurde so im Laufe der Zeit zum Mittelpunkt des römischen Universalreiches und immer mehr auch Mittelpunkt der Christenheit.

Diese Tatsache führte dazu, dass Rom eine besondere Anziehungskraft auf Reisende und Pilger ausübte, die die Gemeinschaft und die Verbindung mit der römischen Christenheit suchten.

Diese besondere Stellung Roms wird wieder in vielen Dokumenten der Zeit erwähnt, darunter der sog. Erste Klemensbrief, das früheste authentische Material der nachapostolischen Zeit (um 95 n. Chr.). Der Verfasser dieses Schriftstücks ist Papst Klemens I.. Der Brief ist an die Gemeinde von Korinth gerichtet, in der eine Gruppe von Gemeindemitgliedern einige Presbyter aus ihrem Amt entlassen und vertrieben haben. Er drückt durch einen mahnenden, fast autoritären Stil die besondere Stellung Roms und damit seiner eigenen Position unter den Gemeinden aus:

„Ihr also, die ihr den Zwist angefangen habt, unterwerfet euch den Presbytern, nehmet Züchtigung zur Buße an und beuget die Knie eures Herzens. Lerntet, euch unterzuordnen und legt ab die prahlerische und stolze Frechheit eurer Zunge.“8

Auch von Ignatius von Antiochien wird die römische Gemeinde überschwenglich gepriesen und hochgelobt:

„[...] entsprechend der Liebe Jesu Christi, unseres Gottes, (die Kirche), die auch im Gebiet der Römer den Vorsitz führt, die gottwürdig, ehrwürdig, preiswürdig, lobwürdig, erfolgwürdig, der Heilung würdig und Vorsteherin des Liebesbundes ist, [...].“9

Mit „Vorsteherin“ meint Ignatius v. Antiochien einen Vorsitzenden, im Sinne einer besonderen, autoritären Stellung. Er spricht hier also von einem römischen Primat.10 Diese Worte können aber auch ganz anders interpretiert werden. Nach SCHATZ ist folgende Deutung naheliegend: durch einflussreiche und wohlhabende Christen war die römische Gemeinde schon damals dazu fähig, andere, ärmere Gemeinden zu unterstützen. Mit „Vorsteherin des Liebesbundes“ ist also nicht eine autoritäre Stellung in der Christengemeinde gemeint, sondern die karitativen Tätigkeiten der römischen Gemeinde. SCHATZ stützt sich dabei auf ähnliche Aussagen in anderen Dokumenten, wie etwa auf einen Text von Dionys von Korinth (um 170):

„Von Anfang an hattet ihr den Brauch, allen Brüdern auf mannigfache Weise zu helfen und vielen Gemeinden in allen Städten Unterstützung zu schicken.“11

Trotzdem streitet auch SCHATZ eine gewisse religiös-geistliche Bedeutsamkeit nicht ab. Als besonderes Zeugnis dafür sieht er die „Aberkios Inschrift“ um etwa 200 n.Chr. In ihr wird die römische Kirche als „Königin im goldenen Gewand und goldenen Schuhen“ gesehen, als „Volk mit glänzendem Siegel“.12

Ein weiteres Zeugnis für die wachsende Bedeutung Roms ist die Tatsache, dass immer mehr Häretiker sich in Rom niederlassen um dort Anhang unter dem Schutz der römischen Gemeinde zu finden. Sie versuchten sogar teilweise eigene Kirchengemeinschaften zu gründen, gegen die sich die römische Kirche zur Wehr setzte musste. Dies hatte zur Folge, dass es immer wichtiger erschien, die Stellung des Bischofs innerhalb der Gemeinde zu festigen und auszubauen.13

1.3 Die Ämter innerhalb der römischen Gemeinde

Dass es in der römischen Gemeinde feste Amtseinteilungen gibt, geht schon aus dem Ersten Klemensbrief hervor:

„So predigten sie [die Apostel] und setzten ihre Erstlinge nach vorhergegangener Prüfung im Geiste zu Bischöfen und Diakonen für die künftigen Gläubigen ein. [...] und gaben hernach Anweisung, es sollen, wenn sie stürben, andere erprobte Männer deren Dienst übernehmen.“14

Der Brief wurde, wie bereits erwähnt, an die Gemeinde von Korinth geschrieben, damit die Gemeindemitglieder den entlassenen Presbytern ihr Amt wiedergeben, denn die Absetzung der Presbyter ist nicht erlaubt, sie verstößt sogar gegen Gottes Willen.

Ein weiteres Zeugnis für das Vorhandensein der Ämter sind die sog. Pastoralbriefe, sie sind wahrscheinlich einige Jahre nach dem Klemensbrief entstanden. Die Pastoralbriefe beschreiben eine Amtsübertragung durch Handauflegung. Diese Handauflegung geht bis auf Mose zurück, auch er übertrug sein Amt durch Handauflegung an Josua (Num 27,22-23), so wie Gott es ihm befohlen hatte. Im Umkreis Jesu war die Übertragung der Vollmacht durch Handauflegung selbstverständlich. Damit konnte jemand mit einem bestimmten Amt betraut werden. Die Handauflegung verleiht die Gnadengabe Gottes, die Kirche übernahm diesen Ritus in die Diakonats-, Priester- und Bischofsweihe.

Auch Ignatius von Antiochien schreibt über die Entstehung der Ämter, vor allem der Bischof hat bei ihm eine überragende Stellung:

„Keiner soll ohne Bischof etwas, was die Kirche betrifft, tun. Jene Eucharistiefeier gelte als zuverlässig, die unter dem Bischof oder einem von ihm Beauftragten stattfindet. Wo der Bischof erscheint, dort soll die Gemeinde sein, wie da, wo Jesus Christus ist, die katholische Kirche ist. Ohne den Bischof darf man weder Taufen noch das Liebesmahl halten, [...]“15

Ignatius preist den Bischof zwar in den höchsten Tönen, aber rechtlich ist sein Brief nicht abgesichert, was bedeuten mag, dass er nicht ganz der Realität entspricht. Im folgenden möchte ich kurz die Ämter in der römischen Gemeinde darstellen.

- Das Amt des Bischofs

Die Entwicklung des Bischofsamtes wird als eines der wichtigsten Ereignisse der nachapostolischen Zeit angesehen. Der Bischof gilt als Nachfolger der Apostel und von Gott/ Christus eingesetzt. Er ist der Stellvertreter Gottes auf Erden, der als Priester, Hirt, Lehrer, als Richter und als Leiter der Armenpflege seinen Dienst verrichtet. Die anderen haben ihm gegenüber Ehrfurcht und sind Gehorsam, nach DASSMANN ist es jedoch fraglich, ob die Bischöfe dies selbst wollten, oder ob die Gemeinde einfach eine Person braucht, bei der sie Sünden beichten können und Heil ausgesprochen bekommen.

- Das Amt des Presbyters

Die Presbyter stehen in der Rangfolge unter dem Bischof, sie dürfen aber auch anstelle des Bischofs die Eucharistiefeier leiten. Mit zunehmender Vermehrung der Christen erhielten die Presbyter neue Aufgaben, die sie vor allem in abgelegenen Christengemeinden ausführten, z.B. die Taufe oder die Bußvergebung bei Todesgefahr. Die Presbyter haben jedoch Stufen durchlaufen müssen, bevor sie diesen Rang erreichten. Nach jüdischer Tradition waren die Presbyter die Gemeindeältesten, die zusammen mit Lehrern und Propheten in einer Gemeinde wirkten. Ignatius beschreibt dann den zweiten Schritt, in dem die Presbyter bereits neben dem Bischof in der Eucharistiefeier besondere pastorale Aufgaben übernehmen. Erst dann, einige Zeit später werden sie zu „Stellvertretern“ des Bischofs in Gemeinden, die er nicht mehr allein betreuen kann. Hier dürfen die Presbyter auch Sakramente spenden.

- Das Amt des Diakons

Über die Entstehung dieses Amtes sind keine genauen Angaben bekannt. Aus der Apostelgeschichte geht hervor, dass eine Stadt, auch wenn sie sehr groß sei, nur sieben Diakone einberufen dürfe. Dies zeigt, dass es das Amt des Diakons wohl schon sehr lange gibt. Aus dem Wort „ diakonos “ ist zu schließen, das der Diakon vor allem karitativ tätig war, wohl aber auch einige liturgische Aufgaben übernahm. Die sog. Verwaltung der Armenkasse gehörte zu den vornehmsten Aufgaben der Diakone, die sie auch beibehalten sollten und die ihnen ein gewisses Ansehen in der Gemeinde verschaffte. Die immer engere Zusammenarbeit der Diakone mit dem Bischof teilte ihnen schließlich die Beteiligung bei der Gabenbereitung, die Austeilung der Eucharistie an Abwesende und Kranke, und Hilfestellung bei der Taufe als Aufgabenbereiche zu. In der Rangfolge standen die Diakone allerdings unter den Presbytern.16

2 Die Ereignisse bis zum 4. Jahrhundert nach Christus

Wie ich schon in den Punkten zuvor beschrieben habe, gibt es seit dem ersten Jahrhundert in der römischen Gemeinde so etwas wie einen Primat, wenn auch die eigentliche Bedeutung dieses Wortes noch nicht erfüllt ist. Unter Primat versteht man die Überordnung des Bischofs von Rom über alle anderen Bischöfe.17 Dies ist aber noch nicht gegeben, obwohl die römische Gemeinde ein hohes Ansehen unter den Christen besitzt (vgl. 1.2). Irenäus von Lyon ist ein wichtiger Zeuge für die Entwicklung des Primats in Rom. Er berichtet in seinem Schreiben (um 180 n.Chr.) von einem Vorrang Roms, weil Rom von den beiden Aposteln Petrus und Paulus gegründet wurde. „Mit der römischen Kirche muss nämlich ihrer höheren Autorität wegen jede Kirche, d.h. die Gesamtheit der Gläubigen aller Orte übereinstimmen;[...]“18. Irenäus möchte in seinem Brief aber vor allem gegen die Häresien vorgehen, in dem er die römische Tradition anhand einer Bischofsliste darstellt. Da der wahre Glaube auf die Apostel zurückgeht und durch sie an andere weitergegeben wurde, ist der Glaube rein und unverfälscht erhalten geblieben. Durch die ununterbrochene Reihenfolge der Bischöfe ist die Überlieferung des apostolischen Glaubens nicht gefährdet. Doch Irenäus spricht nicht von einem Vorrang des Bischofs an sich, sondern von der bedeutenden Stellung Roms.19 Hier möchte ich wieder Klaus SCHATZ einbringen, der meist im Gegensatz zu anderen Büchern sehr kritisch mit überlieferten Texten umgeht. Ein Kritikpunkt an Irenäus von Lyon ist für ihn, dass uns nur die lateinische Übersetzung und nicht das Original in griechischer Sprache vorliegt. Die lateinische Übersetzung könnte nach SCHATZ „verderbt“, also fehlerhaft sein. Und damit kann der ganze Inhalt des Schriftstücks einen ganz anderen Sinn haben. Er stellt sich die Frage, ob denn überhaupt die römische Kirche gemeint ist, wenn Irenäus von „dieser Kirche“ spricht. Doch eine gewisse „qualifizierte Maßgeblichkeit“ der römischen Kirche streitet auch SCHATZ nicht ab. Er glaubt nicht daran, dass Irenäus zufällig die römische Kirche wählte, um an ihr die Bischofsfolge darzustellen. Außerdem nennt SCHATZ noch weitere Texte, die Rom und seinen Bischöfen eine besondere Stellung zukommen lassen, z.B. Hegesipp, der ebenfalls ein besonderes Interesse an der römischen Bischofsliste zeigt, obwohl er selbst aus dem Osten kommt.20

2.1 Viktor I. und der Osterfeststreit

Bei Papst Viktor I. zeigt sich das erste Mal die Tendenz zum „richtigen“ Papst im Sinne eines Primaten. Er erhebt den Anspruch auf Weisungsrecht für die ganze Kirche. Deutlich wird dies im Osterfeststreit, bei dem es darum ging, einen einheitlichen Termin für die Feier des Osterfestes festzulegen. Begonnen hatte dieser Streit schon um das Jahr 160 n. Chr., als Bischof Polykarp von Smyrna zu Bischof Anicet nach Rom reiste. Damals galten beide Termine nebeneinander. Der eine Termin war nach jüdischem Brauch der 14. Nisan, d.h. am Vollmond nach Frühlingsanfang, der andere, im heidnischen Raum entstandene Brauch, feiert Ostern am Sonntag nach dem 14. Nisan. Viktor I. versuchte nun diesen Streit endgültig zu regeln. Er forderte in allen Gemeinden die Bischöfe auf, sich zu versammeln und über die Osterfrage zu diskutieren. Alle sprachen sich für den heidnischen Brauch aus, bis auf die Provinz Asia. Sie hielt am jüdischen Brauch fest. Dies hatte letztendlich den Ausschluss aus der Gesamtkirche zur Folge. Diese strenge Maßnahme von Seiten Viktors wurde jedoch von vielen anderen Bischöfen gerügt, vorneweg von Bischof Irenäus von Lyon. Dies zeigt, dass die Zeit für so einen Herrschaftsspruch noch nicht gekommen war, auch wenn Viktor dem Primatsanspruch schon ein Stückchen näher gekommen ist. Das Eingreifen Viktors in der Osterfestfrage ist ein wichtiges Zeugnis in der Geschichte des Primats.21

2.2 Die Streitigkeiten zwischen Bischof Cyprian von Karthago und Stephan I.

Im Laufe des 3. Jahrhunderts scheint es immer wichtiger zu werden, in Rom anerkannt zu sein. Die römische Gemeinde wächst stetig und es gibt bereits christliche Gemeinden in Nordafrika, deren Zentrum Karthago ist. Auch in Spanien und Gallien sind Christengemeinden zu finden. Doch noch ist diese besondere Stellung Roms nicht auf einen Primaten zurückzuführen, auch wenn sich in Kirchenkonflikten alles nach Rom wendet.

Ein interessantes Beispiel ist das des Bischofs Marcian von Arles um 255. Er ließ ausgeschlossene Gemeindemitglieder, die in der Verfolgung ihren Glauben verleugnet hatten, ohne Wiederaufnahme in die Kirchengemeinschaft sterben, obwohl sie Buße tun wollten. Schweren Sündern verweigerte er die sakramentale Lossprechung, auch dann, wenn sie in Todesgefahr waren. Wegen dieser Härte wendet sich nun Cyprian von Karthago, Inhaber des Bischofsitzes in Nordafrika, an Stephan I. in Rom. Cyprian bittet Stephan, nach Gallien zu schreiben und Marcian abzusetzen. Ein neuer Bischof sollte gewählt werden, mit dem dann die Gemeinschaft gehalten wird.

Aus diesem Fall mag man im ersten Moment eine Primatstellung Stephans sehen, doch die Begründung Cyprians für die Notwendigkeit des Eingreifens ist folgende:

„Deshalb ist ja, teuerster Bruder, die mächtige Körperschaft der Bischöfe durch gegenseitige Eintracht zusammengekittet und durch das Band der Einheit umschlungen, damit die anderen zu Hilfe eilen, [...], wenn einer aus unserer Mitte versuchen sollte, eine Irrlehre aufzustellen [...].“

Cyprian beruft sich also auf die Solidarität aller Bischöfe und auf ihre Verantwortung für die Kirche. Er spricht nicht von einer besonderen Stellung Stephans. Was aber doch ungewöhnlich ist, dass gerade Stephan handeln soll. Hat er dann doch mehr Autorität als die anderen?22

Bedeutend ist diese Frage auch im Ketzertaufstreit um 255. Hier wird eine weitere Stufe des römischen Primatbewusstseins deutlich. Das Problem dieses Streites war die Frage, ob Häretiker die Taufe gültig spenden können. Müssten nicht diejenigen von ihnen, die in die katholische Kirche eintreten oder zurückkehren wollen neu getauft werden? Bischof Cyprian sprach sich gegen die Gültigkeit der Ketzertaufe aus und forderte eine Wiedertaufe, Bischof Stephan begnügte sich mit einer zusätzlichen Handauflegung (Firmung) als Zeichen der kirchlichen Gemeinschaft, wie es schon seit Jahrzehnten der Brauch war. In den Jahren 155 und156 wurden zwei Synoden unter Bischof Cyprian abgehalten, bei denen sich die mehrheit der Bischöfe gegen die Gültigkeit der Ketzertaufe aussprachen. Man ließ dieses Ergebnis Stephan zukommen, worauf dieser sehr verärgert reagierte. Er berief sich darauf, dass er der Nachfolger Petri auf dessen Stuhl sei, und dass nichts geschehen dürfe, was gegen die römische Tradition sei. Er droht damit, die Kirchengemeinschaft aufzuheben, wenn nicht von einer Wiedertaufe abgesehen wird. Es kommt schließlich zu einem Zerwürfnis zwischen Rom und Karthago. Erst nach dem Märtyrertod von Bischof Stephan I. wurden die Beziehungen zu den Kirchen im Osten und in Afrika wieder aufgenommen. Die darauffolgenden Bischöfe ließen den Streit ruhen.23

2.3 Die römischen Bischöfe in der Konstantinischen Zeit

Die Hauptvorwürfe im vierten Jahrhundert richten sich gegen die Person Konstantins. Er bezeichnete sich gerne als Mitbischof unter den christlichen Bischöfen, blieb aber trotz alledem der römische Kaiser, mit heidnischen Herrscherauffassungen, die er nicht überwand. Er verlangte auch in religiösen Fragen unbedingten Gehorsam gegenüber den staatlichen Verordnungen. Auch zu Rom selbst hatte der Kaiser ein getrübtes Verhältnis, so dass er schließlich im Mai 330 seine „neues Rom“, Konstantinopel einweihen ließ. Dies hatte natürlich eine Gewichtverlagerung von West nach Ost zur Folge, bei der auch der Bischof von „Alt-Rom“ politisch wie religiös immer mehr in den Hintergrund gerückt wurde. Doch ein gewisser Ehrenvorrang ist ihm auch von Konstantin nie streitig gemacht worden. Dieser Weggang Konstantins aus Rom wirkte sich für die Geschichte des Primats sogar positiv aus, weil sich das Papsttum im Westen frei und selbständig entwickeln konnte, während das Hauptaugenmerk Konstantinopel galt.

Zwei Namen sind hier zu nennen, zum einen Bischof Miltiades und Bischof Silvester I., die in der Zeit der „Alleinherrschaft“ Konstantins in Rom auf dem Bischofsstuhl waren. Doch nur der Kaiser ist es, der in kirchlichen Fragen und Angelegenheiten die Oberhand hat. Miltiades und Silvester treten in der kaiserlichen Religionspolitik nicht hervor.

Im weiteren nimmt die Kirchenstruktur folgende Entwicklung: die Communio der Kirchen, die bisher nur in regionalen Synoden und in Hauptkirchen, als Knotenpunkte der Communio, wenig fixiert war, wird fester institutionalisiert. Es bilden sich Kirchenprovinzen mit einem Metropoliten an der Spitze. Die Bischöfe der sich herausbildenden drei Hauptkirchen Rom, Alexandrien und Antiochien beginnen gegen Ende des vierten Jahrhunderts für die ihnen unterstehenden Gemeinden und Provinzen eine Art Aufsichtsfunktion auszuüben. Ab dem fünften Jahrhundert werden sie dann Patriarchen genannt.

In den letzten Jahren des vierten Jahrhunderts war die Papstentwicklung geprägt von Unruhen und Streitigkeiten teilweise auch innerhalb der Kirche, vor allem aber zwischen Ost und West. Mehrere Synoden, wie etwa die Synode von Sardica versuchten hier Licht ins Dunkel zu bringen.

In der Zeit nach Konstantin ist es besonders Damasus, der die Entwicklung des Primats vorantreibt. Mit ihm kommt ein neurer herrischer Stil, unter dem die Communio in Rom sehr an Stellenwert gewinnt. Damasus prägt den Ausdruck „Apostolischer Stuhl“ und vermittelt so den Anspruch des römischen Bischofs auf die unmittelbare Vertretung des Apostel Petrus. In der weiteren Entwicklung sieht sich der Kaiser nicht mehr als Herr des Glaubens, wie es Konstantin tat, sondern er bindet sich an den Glauben, der durch die Bischöfe garantiert ist. Ein bedeutendes Ereignis in der Zeit des Damasus ist noch zu nennen, und zwar eine ausdrückliche Begründung für den päpstlichen Primat in Rom:

„[...] so ist doch die heilige römische Kirche den übrigen Kirchen an Rang vorangestellt - nicht durch Synodalbeschlüsse, sondern weil sie den Primat erhalten hat durch das Wort des Herrn im Evangelium [...]: Auf diesen Felsen will ich meine Kirche bauen.“24

Dieser Ausspruch der Synode von Rom im Jahr 382 ist unmissverständlich ein Zeugnis für den Anspruch Roms auf ein primatiales Vorrecht.

Unter Damasus wurde außerdem noch Latein als Liturgiesprache eingeführt, er sorgte für die Errichtung neuer Kirchen und beauftragte einen Sekretär mit der Übersetzung der Bibel zu beginnen.25

Im fünften Jahrhundert sollen dann vor allem zwei Päpste die Primatsentwicklung vorantreiben, Innozenz I. und Leo I. der Große.

3 Der Weg vom Bischof zum Papst

Einen weiteren, bedeutenden Schritt auf dem Weg zum päpstlichen Primat geht Bischof Innozenz I. am Anfang des fünften Jahrhunderts. Er besaß eine klar entwickelte Vorstellung von seinem Amt in der Kirche. Ein besonderer Verdienst waren die sogenannten causae majores, bei denen er dem römischen Bischof die letztverantwortliche Entscheidungsgewalt zusagte. Von nun an ist nicht mehr genau festgelegt, was der Präjudiz Roms unterstehen soll. Der Begriff causae majores ist juristisch nicht festzulegen, da er aus der Bibel abgeleitet wurde und nicht aus dem römischen Recht stammt. Damit sieht Innozenz das päpstliche Recht auf Gottes Wort begründet und holt so alle Streitfälle nach Rom. Dies bedeutet für das Papstamt in Rom eine weitere Stärkung der Vormachtstellung und eine Aufwertung im Sinne des Primats.

Die Päpste, die auf Innozenz I. folgten, versuchten unter den ganzen Streitigkeiten, mit denen sie zu kämpfen hatten, diese Linie fortzuführen und das Papsttum immer mehr zu stärken.

Aber erst mit Leo I. besteigt ein wirklicher Papst den Stuhl Petri. Er bringt die Primatentwicklung, wie sie seit Damasus ihren Lauf nimmt, zum Abschluss, indem er die Gedanken seiner Vorgänger weiterentwickelt. Er setzte den politisch begründeten Machtansprüchen, wie sie aus Konstantinopel kamen, eine religiös fundierte Primatslehre entgegen und stützt sich dabei mit aller Kraft auf Mt 16,18. Hier findet auch der Papsttitel „Stellvertreter Petri“ seine klare Formulierung, aus der Leo seine eigene Verantwortung für die Gesamtkirche ableitet. Wichtig ist hier aber, dass es Leo auch gelang, diese Primatstheorie in die Tat umzusetzen. Mit Hilfe des Staates ging er besonders gegen die Häretiker vor, indem er strenge Gesetze forderte. Ein Problem stellte für Leo, wie auch schon für seine Vorgänger, jedoch der Osten dar. Alexandrien z.B. wollte sich auf keinen Fall einer Jurisdiktion Roms unterwerfen. Leo I. musste in dieser Angelegenheit nachgeben, um den Frieden nicht zu gefährden.

In den nächsten Jahren entwickeln sich das östliche und das westliche Denken immer weiter auseinander. Während im Osten ein religiös-politisches Denken um sich greift, d.h. dass Kirche und Staat immer mehr miteinander verschmelzen, sieht es im Westen ganz anders aus. Hier herrscht eine Art Dualismus, d.h. Kirche und Staat stehen unvermischt und ungetrennt nebeneinander. Mit dieser sogenannten Zwei-Naturen-Lehre gibt Leo I. dem Westen eine ganz andere Richtung. Seine Nachfolger bauen seine Lehre dann zu Zwei-Gewalten-Lehre aus.

Insgesamt versteht sich Leo I., der den Beinamen „Der Grosse“ zugesprochen bekam, als Führer aller Bischöfe und damit der ganzen Kirche. Er hat frühere päpstliche Gedanken erweitert und seine eigene Vorstellung von sich als päpstlichen Primat folgendermaßen formuliert und für die Folgezeit der Papstgeschichte zusammengefasst:26

„Ich bin mir bewusst, unter dem Namen dessen an der Spitze der Kirche zu stehen, dessen Bekenntnis vom Herrn Jesus Christus gepriesen worden ist und dessen Glaube alle Häresien vernichtet.“27

4 Literaturverzeichnis

- Altaner, Berthold, Der päpstliche Primat bis auf Leo den Grossen (Bd. 18). Paderborn 1926.
- Dassmann, Ernst, Kirchengeschichte I. Ausbreitung, Leben und Lehre der Kirche in den ersten drei Jahrhunderten. Stuttgart, Berlin, Köln 1991.
- Dassmann, Ernst, Kirchengeschichte II/ 1. Konstantinische Wende und spätantike Reichskirche. Stuttgart, Berlin, Köln 1996.
- Franzen, August/ Bäumer, Remigius, Papstgeschichte. Aktualisierte Neuausgabe. Freiburg, Basel, Wien 1988.
- Kühner, Hans, Das Imperium der Päpste. Kirchengeschichte, Weltgeschichte, Zeitgeschichte. Von Petrus bis heute. Frankfurt a. M. 1980.
- Schatz, Klaus, Der päpstliche Primat. Seine Geschichte von den Ursprüngen bis zur Gegenwart. Würzburg 1990.
- Seppelt, Franz Xaver, Geschichte der Päpste. Der Aufstieg des Papsttums. Von den Anfängen bis zum Ausgang des sechsten Jahrhunderts (Bd. 1). München 21954.
- Sierszyn, Armin, 2000 Jahre Kirchengeschichte. Von den Anfängen bis zum Untergang des weströmischen Reiches (Bd. 1). Neuhausen, Stuttgart 1995.

[...]


1 Seppelt, Geschichte der Päpste, 14.

2 Vgl. Seppelt, ebd., 11-14.

3 Vgl. Franzen-Bäumer, Papstgeschichte, 20-22.

4 Altaner, Der päpstliche Primat, 8.

5 Altaner, Der päpstliche Primat, 10.

6 Altaner, ebd., 7.

7 Vgl. Franzen-Bäumer, Papstgeschichte, 26.

8 Altaner, Der päpstliche Primat, 13.

9 Altaner, ebd., 14.

10 Vgl. Seppelt, Geschichte der Päpste, 18-26; Franzen-Bäumer, Papstgeschichte, 27-32.

11 Schatz, Der päpstliche Primat, 16.

12 Schatz, ebd., 18f.

13 Vgl. Seppelt, Geschichte der Päpste, 20-23.

14 Dassmann, Kirchengeschichte I, 165.

15 Dassmann, Kirchengeschichte I, 167.

16 Vgl. Dassmann, Kirchengeschichte I, 164-172.

17 Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte, 131.

18 Altaner, Der päpstliche Primat, 17f.

19 Vgl. Sierszyn, 2000 Jahre Kirchengeschichte, 131f; Seppelt, Geschichte der Päpste, 25f; Dassmann, Kirchengeschichte I, 138f.

20 Vgl. Schatz, Der päpstliche Primat, 21-24.

21 Vgl. Schatz, Der päpstliche Primat, 24-26; Dassmann, Kirchengeschichte II/ 1, 159; Seppelt, Geschichte der Päpste, 28-31.

22 Vgl. Schatz, Der päpstliche Primat, 32-34.

23 Vgl. Schatz, Der päpstliche Primat, 26-28; Seppelt, Die Geschichte der Päpste, 51-54; FranzenBäumer, Papstgeschichte, 36f.

24 Dassmann, Kirchengeschichte II/ 1, 162.

25 Vgl. Schatz, Der päpstliche Primat, 36-43; Franzen-Bäumer, Papstgeschichte, 42-52; Kühner, Das Imperium der Päpste, 34-39; Dassmann, Kirchengeschichte II/ 1, 160-162.

26 Vgl. Franzen-Bäumer, Papstgeschichte, 58-71; Dassmann, Kirchengeschichte II/ 1, 162-170.

27 Dassmann, Kirchengeshichte II/ 1, 169.

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Details

Titel
Die Entwicklung des päpstlichen Primats in den ersten Jahrhunderten
Hochschule
Universität Passau
Veranstaltung
Seminar Kirchengeschichte Altertum
Autor
Jahr
2000
Seiten
13
Katalognummer
V101802
Dateigröße
362 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, Primats, Jahrhunderten, Seminar, Kirchengeschichte, Altertum
Arbeit zitieren
Christine Aulinger (Autor), 2000, Die Entwicklung des päpstlichen Primats in den ersten Jahrhunderten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101802

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