Franz Fühmanns Arbeit zu Georg Trakls Dichtung: Das Verhängnis des poetischen Bildes ist es, daß es sich einmal realisiert.


Hausarbeit, 2000

17 Seiten


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Gliederung

1.0. Einleitung

2.0. Methodischer Ansatz

3.0. „Vor Feuerschlünden“ - eine Auseinandersetzung
3.1. Autobiographie
3.2. Dichtungsästhetik
3.3. Zeitgenossen
3.4. Biographie

4.0. Zusammenfassung

5.0. Eigenes Traklbild

6.0. Literaturliste

1.0. Einführung

Im folgenden soll der Versuch unternommen werden, sich auf die Spuren Franz Fühmanns zu begeben und seinem Weg um und zu Georg Trakl zu folgen. Dabei soll untersucht werden, ob seinen Schlüssen, Parallelen und Einsichten jederzeit zu folgen sein muß. Ebenso wird sich zeigen, ob Fühmanns Herangehensweise allein für sich stehen kann, oder wie es sich in Konkurrenz zu einem neu entstehenden Traklbildes, das neben dem Fühmanns stehen kann, verhält. Diese Arbeit will aber primär versuchen, den Weg Fühmanns nach über zwanzig Jahren erneut zu gehen. Vielleicht ist es möglich, über dessen Reflexionen zu einem eigenen Traklbild zu gelangen. Dabei ist es mir unwichtig, welche inhaltliche Bedeutung Fühmann den Traklversen entzieht1, sondern vielmehr seinen Weg des Fragens und Verstehens nachzuvollziehen.

2.0. Methodischer Ansatz

Ein Zugang zu Georg Trakls Gedichten kann unter der oben formulierten Problemstellung schwerlich aus einer werkimmanenten Betrachtung gelingen. Speziell im Anliegen Fühmann zu folgen, ist es ratsam, seinen Weg aus vier Ansätzen zu reflektieren, um von verschiedenen Seiten auf Trakl zu stoßen.

Als seine Versuche einer Annäherung unterscheide ich zwischen einem biographischen, einem autobiographischem, einem dichtungsästhetischen und einem Versuch, sich über Zeitgenossen und Vorbilder dem Thema zu nähern. Die ersten beiden Versuche sind thematisch eng miteinander verknüpft und so lassen sie sich im Buch auch nicht immer klar trennen, wenn eigene Erfahrungen in einen Zusammenhang mit Trakls Leben in gebracht werden. Im Groben lassen sie sich aber durch den Ansatz, über eine Zeitgenossenschaft Parallelen zu finden und einem allein Trakl folgenden Weg, unterscheiden.

Ich will dabei aber weniger eine komparative Analyse der beiden Biographien vornehmen, sondern mehr den Angaben und Ideen folgen, die Fühmann selbst geltend macht.

Den umfangreichsten Teil wird die ästhetische Betrachtung einnehmen, bevor ich zum Schluß nach einer Zusammenfassung die Skizzierung eines eignen Traklbildes versuchen werde, daß sicher nicht ohne Einfluß der Fühmannschen Betrachtungsweise sein wird.

3.0. „Vor Feuerschlünden“ - eine Auseinandersetzung

3.1. Autobiographischer Ansatz

Franz Fühmann (1922) und Georg Trakl (1887) sind keine Zeitgenossen. Doch sind sie Leidtragende der beiden großen Katastrophen des letzten Jahrhunderts. Trakl war Soldat im Ersten und Fühmann im Zweiten Weltkrieg. In dieser Zeit begegnen die Gedichte Trakls dem Soldaten Fühmann. Ihre großen Bilder traten Fühmann beim Lesen vor die Augen (vgl. S. 12). Im ersten angeführten Poem Untergang sind es drei. Und in ihnen findet Fühmann eine Situation in sinnlichen Metaphern verdichtet, die, nachdem sie bereits von Trakl empfunden wurden, ein weiteres Mal eine reale Situation umschreiben2. Und so individualisiert Fühmann diese Verse und verdichtet sie zu „meine[m] Waldsee, den meines Herzens“ (S. 12). Der Vers als Individualerfahrung wird seiner Subjektivität enthoben und im Rezipienten als scheinbare Objektivität erneut ins subjektive überführt ohne das sich die beiden Subjektiverfahrungen zu einer allgemeinen Objektivität aufgeschwungen hätten und diesem Anspruch auch nur ansatzweise gerecht werden würden. Vielmehr wird ein Nerv des Rezipienten zum Klingen gebracht, den Trakl vermutlich gar nicht im Sinne hatte. Während man bei Trakl von einer pessimistischen Grundstimmung sprechen könnte3, schließt sich für Fühmann in jenem Augenblick beinahe die Vergangenheit und eröffnet sich die Notwendigkeit der subjektive Verarbeitung der Kollektivschuld eines Volkes. Doch spart Fühmann diesen Aspekt aus und wechselt zum ersten Mal die Sicht auf Trakls Gedicht von komparativ-biographisch zur Dichtungsästhetik. Dieser Schritt soll später genauer untersucht werden. An dieser Stelle schließt Fühmann mit dem Hinweis, von Trakls Wesen und Gewesen noch nichts gewußt zu haben. Das freilich wird sich später ändern. Nach diesem Bruch setzt die autobiographische Sicht erst wieder mit den Schilderungen aus dem sowjetischen Umerziehungslager ein, in dem Fühmann einsaß. Es steht nun das schwungvoll vorgetragenen dialektische Weltmodell dem post- faschistischen Gedankengut gegenüber.4 Die gedanklichen Brüche, die sich daraus ergeben, reflektiert Fühmann mit Zeilen aus Trakls Gedichten.5 Die Singularität der Dinge, ihre Vereinzelung unter Verzicht auf ihre Absolutierung - deshalb in den Versen auch stets der unbestimmte Artikel - und der ihnen anheimgegebene Verfall6, reflektiert gleichsam Fühmanns Situation im sowjetischen Lager, die eine Isolation impliziert, da sie bis zuletzt den Verweis auf Kameraden schuldig bleibt und vielmehr vom Suizid als Folge der neuen Lehren spricht.

Doch wie angedeutet, wird das „Schärfen [des] Bewußtseins“ (S. 22) nicht bis zur letzten Konsequenz vorangetrieben. Beiden Autoren scheint zu diesem Zeitpunkt ihrer Begegnung die Suche nach einer eigenen Position eigen zu sein. Die Suche nach Halt in einer zerfallenen Welt.

3.2. Dichtungsästhetik

Beim Versuch, Trakls Lyrik dem Bereich des Nebulösen zu entziehen und in ihr greif- und angreifbare Stellen zu finden, sind nach Fühmann zwei Voraussetzungen zu erfüllen. Zum einen ist es zwingend notwendig, sich von der Vorstellung, ein Gedicht meine stets, was es abzubilden scheine. Es geht also darum, das Bild als Metapher zu begreifen und diese zu entschlüsseln. Fühmann spricht in diesem Zusammenhang von einer „Abbildtheorie“, durch die das Dichtungsverstehen geprägt sei (vgl. S. 79). Zugleich ist ein zweites wichtiges Kriterium für das Lyrikverständnis die persönliche Betroffenheit im Sinne eines Sich-Angesprochen-Fühlens.7

Fühmann fühlte sich vermutlich durch die „Dunkelheit“ (S. 66) moderner8 Lyrik - und dazu zählt er auch Trakl - angesprochen.9 Dieses Betroffensein erhebt Fühmann im Folgenden zum Qualitätsmerkmal eines Gedichtes, indem die Subjektivität des Rezipienten nur durch die Objektivität des Gedichtes angesprochen werden könne (vgl. S.78)10. Demnach konstituieren Gedicht und Rezipient einander. Zurecht verweist Fühmann darauf, daß es „keine objektive poetische Form [gibt], die etwas von vornherein verbindlich als Gedicht (...) legitimiert“ (S. 79). Das erkennen einer subjektiven Erfahrung im Werk erweckt das Betroffensein (Sich-Angesprochen-Fühlen) und konstituiert den Leser und das Gedicht.11 Dabei mögen die Welten des Autors und Lesers gänzlich verschieden sein, ebenso wie die Lehren, die sie aus einer bestimmten Situation ziehen, doch in diesem Moment entsteht eine teilweise Verbundenheit durch das Berühren der einen Welt mit der anderen. Dieser Moment ist der Beginn in der Arbeit mit einem Gedicht - und sicherlich mit jeder Art von Literatur - und dann erst folgt die methodische Auseinandersetzung.

Fühmann beginnt seine Reflexionen und Überlegungen zu Trakls Werk mit dem Gedicht Untergang, das ihn bis zum Abschluß seiner Überlegungen nicht loslassen wird12. Er folgt damit der These Walter Jens´, wonach Trakls Lyrik einem einzigen Gedicht entspreche, bzw. sich dessen Werk zu einem Metagedicht verdichten lasse, dessen Destillate den einzelnen Gedichten entspreche. Dieser Annahme folgend muß auch der Themenkomplex Trakls sehr eng begrenzt sein. Fühmann scheint dem zu folgen und im Untergang jenes Metagedicht gefunden zu haben.13 So verdichtet sich dieser Anspruch in der These Fühmanns, ein Gedicht sei „ein in sich geschlossen Vollendetes, und zugleich offen als Freibrief für einen Traum“ (S.21). Im folgenden versucht Fühmann entlang dieser These und dem Zusatz, Verstehen im kognitiven Sinne seines endgültigen Charakters zu entledigen und es statt dessen als „ein Weiten und Schärfen unseres Bewußtseins“ (S. 22) zu verstehen, die einzelnen Bilder des Metagedichts in Erfahrungszusammenhänge und semantische Kausalitäten zu bringen.

Mit dem Verweis auf Hugo Friedrich steigt Fühmann in die Lyrikrezeption ein. Er zitiert ihn mit den Worten, daß der Sprache in der Lyrik die „paradoxe Aufgabe“ zufalle, „einen Sinn gleichsam auszusagen wie zu verbergen“(S. 62). In diesem Aufsatz findet sich ein erster Verweis auf Rimbaud.14

Ein zentraler Terminus in der methodischen Auseinandersetzung mit Trakl ist für Fühmann die Dekadenz15 als sozio- literarischer Begriff. Über eine Rede Alexander Fadejews aus dem 1947, in der dieser den Faschismus mit der Dekadenz gleichsetzte, kommt Fühmann zu der Überlegung, ob es vertretbar sei, in erster Linie vor sich selbst, Trakl dann noch als Lyriker zu rezipieren und, was noch viel schlimmer sei, an seinen Gedichten Gefallen zu finden16. Und so stellt Fühmann im folgenden dieser rationalen und von sozialistischen Literaturkritikern vertretene Sicht eine emotionale gegenüber, die nicht leugnen kann, daß Trakls Lyrik17 einen Nerv im Rezipienten zum Klingen bringt, ohne daß der Rezipient Angehöriger oder Sympathisant der kritisierten Gattung ist.

3.3. Zeitgenossen und Vorbilder

Im Versuch, sich von Trakl wegen der Dekadenzproblematik zu lösen, nährt sich Fühmann osteuropäischen Dichtern und beginnt, als ihm sein Pegasus entflog, mit Nachdichtungen. So kam er in Berührung mit dem Dichter Viteslav Nezval. Über ihn schloß sich jedoch wieder der Kreis und Fühmann kehrte durch Trakls tschechischen Übersetzer zu ihm zurück. Bei der Arbeit an Nezval und dem Studium Arthur Rimbauds18 kommt Fühmann zu der These, daß die Moderne (bis dahin) beinahe „ein einziges großes Gedichtganzes darstellt“ (S. 114). In ihrem immer wiederkehrenden Themen- und Motivkanon finden sich die Beschwörungen der Märchen, die Kindheit, aber auch die Fernsucht, die sich in Bildern von Inseln und der Südsee konstituiert ebenso wieder wie der Wahnsinnige und die Waise (tote Schwester) (vgl. S. 114). Fühmann eröffnet nun einen großen Kreis, der neben Trakl, Nezval und Rimbaud auch Heine einschließt. In einen parallel dazu existierenden Themenkreis bringen Trakl und Rimbaud die Thematik der Trauer ein. Schon bei Heine reflektiert sich Entsetzen über die Auflösung der Gesellschaft in Technik und das Ende der menschlichen Beziehungen. So findet sich bei ihm ansatzweise bereits die Dekadenz, wobei der Dichter dort noch traditionell arbeitet und den Bruch nicht sprachlich-stilistisch reflektiert19.

Von Rimbaud finden sich die meisten Spuren in Trakls Werk. Dem Ausspruch Reinhold Grimms, Trakl habe Rimbaud „bedenkenlos als Steinbruch benutzt“ (zitiert nach S. 121) schließt sich Fühmann ausdrücklich an, wobei er darin weniger das Kopieren als die Anregung zum eigenen Erschaffen sieht (vgl. S. 121).

Als Beispiel dazu gibt er die Parallelität der Satzanfänge „es ist...“ aus dem Gedicht De profundis und Rimbauds Enfance in der Übersetzung Karl Ammers20.

3.4. Biographischer Ansatz

Nach all diesen Versuchen zu Trakl entschließt sich Fühmann nun zur Lektüre einer Traklbiographie.21 Viele Eindrücke, die sich Fühmann bislang aus den Gedichten aufdrängten bestätigen sich. Fühmann referiert kurz den Werdegang und den literarischen Hintergrund Trakls. Sein Frühwerk soll besser verschwiegen werden (vgl. S. 133). Zentral bleibt die chronische Geldnot, die Spannungen der Zeit und die Sucht nach Medikamenten und Frauen. „Sein Leben nicht leben zu können und doch leben zu müssen, ist das nicht maßlos und heillos genug und sollte Erkenntnis allein sich nicht als begreifen unsühnbarer Schuld darstellen?“ (S. 135) Fühmann zeichnet das Bild eines jungen Mannes, der hilflos sein Leben scheitern sieht und dem hilflos gegenübersteht. Das Verhältnis zu seiner Schwester Grete steht in seiner Tragik stellvertretend für ein gesamtes Leben. Welche Tragik ist die größere, welche ist Grund für die andere. Fühmann beschreibt, wie die Schwester im lyrischen Werk zur „beherrschende[n] Gottheit“ (S. 166) wird. Und dort nun schält sich langsam ein Mensch aus dem Bild. Der Leser ist angesprochen über die eigene Betroffenheit.22 Inzest bestimmt die Welt der Mythologie. Fühmann als Fachmann in mythischen Fragen weiß das. „Im Tabu23 wird nicht ein Unmenschliches geächtet, sondern ein Menschliches Unmenschlich gemacht.“ (S. 170) Die Schwester wird als „Gottheit“ zur Heiligen, zur heiligen Hure. Trakl fleht um Erlösung. Doch dem geistlichen flehen steht das irdische tabu gegenüber. Trakl flüchtet in die Blasphemie und leidet als religiöser Mensch daran (vgl. S. 171). Trakl ist Karfreitagskind - der Antichrist (ebd.).

„Fahles Braun, matter Glanz“ - es ist nur die Beschreibung einer Photographie und doch Leben in sinnlicher Verdichtung. Die Moderne ist von ihm beinahe komplett gelesen. „Die Geschichte der Moderne ist die Geschichte des Scheiterns ihrer Vertreter.“ Es kommt zur finalen Katastrophe. Das noch so junge Jahrhundert versammelt all seine Tragik und sein Elend für Trakl in einem Lazarett im Ersten Weltkrieg. Nicht wenige sehen später darin die Urkatastrophe des Jahrhunderts24. Trakl zerbricht wie viele daran. Wenn die Welt sich nicht ändert, wechselt er sie eben.

Später kommt Fühmann über E.T.A. Hoffmann zu dem Schluß, „Künstler ist, wer nicht anders kann - und dem ist nicht zu helfen“ (S. 175). Trakls Leben war also notwendig, um das Werk zu schaffen, das heute vor uns liegt (vgl. S. 175). War das Werk also 1914 vollendet?

4.0. Zusammenfassung und Schlußbemerkung

In vorhergehenden Kapiteln habe ich versucht, dem Weg Franz Fühmanns, ein Traklbild zu bekommen, zu folgen. Dabei habe ich seine nicht explizit beschriebene aber durchaus nachvollziehbare Vierteilung übernommen, wobei es teilweise schwierig war, seinen Gedankensprüngen und theoretischen Ausflügen zu helfen.

Zentrales Moment der Beschäftigung mit Trakl und Ausgangspunkt für ein eigenes Traklbild ist der Ansatz, seiner eignen Betroffenheit zu folgen. Diesem Ansatz ist grundsätzlich zu folgen, doch möchte ich ihn um den Aspekt der sprachlichen Auffälligkeit erweitern. Fühmanns Sicht setzt ein Durchdringen der äußeren Gedichtstruktur und eine partielle Aufschlüsselung der inhaltlichen Ebene voraus. Doch kann sich ein Zugang ebenso über formale Auffälligkeiten wie Melodie, Semantik oder Reime ergeben. Eine geschickte aber vorerst undurchdringliche Konstruktion kann ebenso die Lust an einem Gedicht wecken.25 Wegen einer gewissen Parallelität der Ereignisse erscheint Trakl Fühmann ganz im Rimbaudschen Sinne als Visionär und Seher, mit dem Unterschied, daß wir von Trakl in diesem Zusammenhang wissen, daß er auch noch sehen mußte, wie seine empfindlichen Wahrnehmungen Realität wurden26. Über die katastrophale Einsicht der Ohnmacht bezüglich der Unausweichlichkeit der Ereignisse sagt Fühmann nichts. Fühmann ist in der Lage die pessimistisch-metaphorische Sprache Trakls auf seine eigene Zeit anzuwenden, ohne dabei den Anspruch zu haben, Trakl zu verstehen.

Der oberflächlichen Vereinnahmung Trakls folgt die Reibung an anderen Stellen des Gedichts, für die der Rezipient nicht sofort eine Interpretation anbieten kann. Über diese scheinbaren Brüche geht Fühmann zu einer intensiven Arbeit an Trakl über und versucht, sich ihm in beschriebener Art und Weise von vier Seiten zu näheren und den Kreis immer enger um das zu ziehen, was letztlich zu seinem Bild von Trakl zu werden verspricht.

Dazu dient neben der Auseinandersetzung mit dem eigenen Leben und dem Infragestellen von Positionen auch ein umfangreicher ästhetischer Diskurs. In ihm eröffnet Fühmann dem Leser einen kleinen Analyseapparat und umreißt eine eigene Poetik. Man kann durchaus der Meinung sein, daß in dem Versuch, ein Bild von Trakl zu erhalten, als Ergebnis auch ein Lyrikverständnis, das durchaus als Fühmanns Anspruch an eigene Arbeiten verstanden werden kann, entsteht. So konstituiert sich ein poetisches (Gesamt)Werk in einer Familie semantisch verwandter Begriffe. Für Trakl sind dies Dämmerung, Verfall, Schuld, Sünde, Untergang. Für Fühmann, dessen Werk hier nicht zur Diskussion steht, sind dies eher literar-spezifische Begriffe.27 Nach der Abhandlung zu Trakls literarischen Vorbildern, die einen vergleichsweise kleinen Raum einnimmt, hat sich ein erstes aber schon recht intensives Traklbild konstituiert. Bis dahin erscheint Trakl als junger Soldat, der mehr als viel seiner Zeitgenossen ein Kind und ein Chronist seiner Zeit war, einer der darüber hinaus den Folgen widerstandslos ausgeliefert war. Einer, der sehend aber machtlos ins Unglück lief. Insofern erscheint Trakl bei Fühmann als Dichter, dessen Lebensverlauf in tragischem Gleichklang mit der Zeit verlief. Sowohl Trakls leben war nach Fühmann nicht lebbar, als auch die erste Hälfte des Jahrhunderts. Auch Fühmann muß diese Einsicht gewinnen.28

Die Lektüre der stark psychologisierenden Traklbiographie von Otto Basil ist nur noch ein Vergleichen der bisherigen Eindrücke. Erst an dieser Stelle erwähnt und erarbeitet Fühmann kurz den Inzest.29 Doch auch das zeigt nur die Zerrissenheit des Einzelnen. Und so schließt Fühmann wenig später mit der Einsicht, den ersten Eindruck als „innigsten“ (S. 196) zu erhalten. Ein abschließendes Traklbild gibt es nicht. Das entschlüsseln aller Metaphern, aller Gedichte ist gut möglich und zweifelsohne mit Hilfe Fühmanns auch einfacher geworden. Aber trotzdem wird man den Menschen Georg Trakl nicht erschließen können. Was der Dichter meinte, bleibt vielfach unerschlossen. Es ließe sich einengen, einiges sogar lösen. Doch mag der Leser eine andere Betroffenheit als Fühmann spüren, mögen sich Brüche an anderen Stellen ergeben, werden Metaphern andere Sinne und Sinnlichkeiten beinhalten.30 Und so bleibt am Ende nur ein Bild von Trakl, eine Ahnung seines Lebens und seiner Absichten. Wenn auch ein deutlich klareres.

5.0. Versuch eines eigenen Traklbild

Georg Trakl war natürlich ein Kind seiner Zeit und als Intellektueller ihr Chronist und letztlich ist er an ihr gescheitert. Aber ist das schon alles? Sicher war sein Leben nicht frei davon, aber war es das allein? Wie schwer wiegt eine Sünde, wenn sie bekannt ist aber verschwiegen wurde bis zum Leugnen. Wie lebt es sich, wenn die katholische Gesellschaft die Absolution verweigert aber ebenso auf eine Strafe verzichtet? Wie laut kann Schweigen sein? Georg Trakls Leben spielte sich zwischen den Polen einer zerfallenen Gesellschaft und Isolation ab. Die Zeit konnte ihn nicht auffangen, da sie selbst zu Ende ging und niemand wußte, was ihr folgt, und auch Trakl hatte nicht genug Kraft, sein Leben zu meistern. Franz Fühmann wählt als Ansatzpunkt den Dichter in seiner politischen Zeit. Otto Basil hingegen stellt Trakl als Sünder in eine gesellschaftliche Zeit. In beiden Fällen scheitert der Held.

Scheitern gehört also zum zentralen Punkt in Trakls Leben. Fühmanns Betroffenheit mag sich eben daraus konstituieren. Auch seine ersten Lebensjahre dokumentieren ein Scheitern - die Gesellschaft, Teile der Bildung, Ideale, Träume. Doch Fühmann findet Halt in den Umerziehungslagern der Sowjets. Trakl hingegen kann den Halt, den ihm von Ficker und andere bieten nicht nutzen. Neben der unleugbaren Schuld wird vielleicht auch das Scheitern zum Programm. Alkohol, Drogen, Geldnot und Schreiben werden zu Trakls Welt und verdichten sich zu einem dunklen, klebrigen Etwas. Bürgerliche Existenzversuche scheitern daran. War Trakl Seher in seiner Zeit, wie es Rimbaud postulierte? Oder war er lediglich krank und depressiv? Thomas Mann und Hermann Hesse schrieben parallel dazu.

Diese trübe, braune Traklwelt wurde plötzlich mit dem Krieg sichtbare Realität. Was muß es für Trakl bedeutet haben, als die Welt wurde, wie er sie sich zurechtgelegt hatte?

Wieviel also von dem was die Gesellschaft zerbrechen ließ registrierte Trakl und wieviel seines Pessimismus´ war subjektiv? Wo trafen sich Trakls Welt und die Zeit?

All diese Fragen kann ich nicht beantworten. Ganz sicher vernachlässigt Basil die zeit in ihrer wahrnehmbaren Form in seiner Monographie und ganz sicher verharmlost Fühmann die Folgen der Blutschuld. Irgendwo dazwischen liegt für mich der dichter Trakl. Seine Briefe und Werke sind beinahe alle Zeugnisse von ihm und sie sind teilweise penibelst bearbeitet. Fühmann verweist zurecht darauf, das jede Biographie immer Dichtung und Wahrheit zugleich ist. Und ebenso verweist er auf verschiedene Entwicklungsstufen in Trakls Lyrik, die sich oftmals durch entgegengesetzt intendierte Adjektive unterscheiden. Dort trennt sich die Biographie von der Bibliographie und umgekehrt. Trakl war arm, krank, süchtig und oft allein. Er schlief mit der Schwester und war fortan bindungsunfähig. Trakls Frauen waren ab dem Tag Huren. Doch reicht all dies, nicht ein singuläres Schicksal stringent und zwingend zu beschreiben. Trakls gab und gibt es viele. Was führte zu seinem Scheitern? War es tatsächlich seine Sensibilität? Oder lag es daran, daß es aus seiner aufgebauten Welt plötzlich nicht mehr lohnte und funktionierte, in die reale Welt zu fliehen. Plötzlich war Krieg und seine Metaphern bekamen beklemmende Plastizität.

Aber auch dies beschreibt Trakl nicht. Trakl konstituiert sich um ein paar unwiderlegbare Fakten zwischen denen aber viel unentdeckter Raum bleibt. Man nährt sich Trakl über seine Lyrik nur an, schafft es aber nicht ihn zu fassen. Es bleibt eben alles Dämmerung und Verfall.

6.0. Literaturangabe:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten31

[...]


1 „Es [das Gedicht J.W.] hat die Eigenschaft, Konkretes bedeuten zu können, ohne daß es dazu geschrieben wurde, denn es hebt sich auf, wenn es also bedeutet, so wie der Mythos sich aufhebt, wenn er erklärt.“, S. 29

2 Widmungsgedicht für K. B. Heinrich, von Fühmann in der 5. Fassung aus Sebastian im Traum zitiert

3 Als Ursachen seien hier nur kurz der Vorabend des ersten Weltkrieges, die Blutschande des Dichters aber auch das Festfahren der konservativen Donaumonarchie angedeutet.

4 Trotz aller guter Reflexionen und der intellektuellen Höhenflüge Fühmanns unterläuft ihm hier ein großer Fehler, der schwer zu überschätzen ist. So berichtet er von der „Notwendigkeit des Atheismus“ um wenig später von der „weltumspannende[n] Kampfgemeinschaft mit dem Großen Stalin“ zu erzählen. Diesen Widerspruch, der ein wenig weitergedacht einem Götzentausch gleichkommt, läßt Fühmann sträflich unkommentiert (vgl. S. 47).

5 Fühmann bemüht hierfür den Psalm

6 vgl. Verweis auf Trakls Metagedicht beachten !

7 Dies setzt meiner Meinung nach voraus, das der Rezipient sich primär von der Grundstimmung angesprochen fühlt, oder aber daß es eine unbestimmte Zahl von Metaphern gibt, die bereits beim ersten Lesen entschlüsselt werden könne, wodurch sich ein erster Ansatz zum Lyrikverständnis ergibt. Ist einer dieser beiden Punkte nicht gegeben, ist ein Angesprochensein schwer nachvollziehbar. Als Beispiel seien die dadaistischen Gedichte oder aber Selbst III/88 von Peter Rühmkorf kurz erwähnt.

8 Modernebegriff bei F. nicht hinreichend geklärt. Im Zusammenhang mit H. Friedrich als historische Kategorie gebraucht.

9 Auf Fühmanns Situation am Ende des Krieges ist weiter oben bereits kurz hingewiesen. Ebenso auf den Untergang als mögliches generationenübergreifendes Motiv der Kriegsteilnehmer.

10 Dieser scheinbaren Reduktion auf die inhaltliche Ebene folge ich nicht. Siehe Zusammenfassung.

11 Leider geht F. nicht darauf ein, das auch Abneigung Betroffenheit auslösen und so eine Konstituierung von Werk und Rezipient entstehen kann.

12 vgl. S. 12, 20

13 Diese Deutung entspricht meiner Auseinandersetzung mit Fühmann. Er wird diese These nie explizit stützen oder verwerfen.

14 Allerdings wird dieser Verweis nicht über thematische Zusammenhänge hergestellt, sonder vorerst nur durch stilistische Gemeinsamkeiten - Gebrauch von bestimmten und unbestimmten Artikeln - hergestellt.

15 F. arbeitet mit folgender Definition: philo.-ästh. Begriff für den Verfall und die Deformierung von

Beziehungen, Sitten und Normen des menschlichen Zusammenlebens, für die allmähliche Preisgabe von humanistischen Prinzipien (...) (vgl. S. 96f.)

16 Fühmann gibt an, zu dieser zeit dem Alkohol verfallen zu sein und so ähnlich Trakl Zuflucht in anderen Welten zu suchen. Den ästhetischen Einwände Fühmanns an der Dekadenz mag somit außerhalb der geschichtlichen Reflexion auch die moralische Verurteilung der Selbstzerstörung gegenüber gestanden haben.

17 Ich betrachte sie dabei als stellvertretend für die sogenannte Dekadenz.

18 Französischer Dichter (20.10. 1854 - 10.11. 1891), Vertreter des franz. Symbolismus`, erblickte im Dichter den sensiblen Visionär und Entdecker (zit. Microsoft Encarta)

19 Parallel stellt Fühmann eine thematische Kette von Heine über Rimbaud zu Trakl in der Benutzung des Pan- Motivs her.

20 Auf die Stimmigkeit dieser Parallelen möchte ich nicht eingehen, da sie zum einen das Thema einer eigenen Arbeit wären, zum anderen meine Themenstellung nur ausfransen würde. Wichtig bei der Verfolgung dieser These ist mir nur der thematische Ansatz Fühmanns. Im Anhang bietet der Autor aber eine Auswahl von Gedichten, die diese Annahme stützen sollen.

21 Trakl benutzt die Traklbiographie Otto Basils aus der Reihe der Rowohlt Monographien in einer Ausgabe von 1965. (vgl. S. 202)

22 Dieser Gedankenstrang ist weiter oben ausgeführt.

23 Tabu-Definition von Fühmann nicht geliefert. Nur kurze Andeutung über den „Widerspruch des Tabuisierten“ und der „zutiefst existentiellen“ Wirkung. (S. 170)

24 vgl. Golo Mann u.a., In Großbritannien gilt der I. Weltkrieg als „The Great War“. In ihm verloren sie doppelt so viele Menschen wie im Kampf gegen Hitlerdeutschland.

25 Dies ist beispielsweise bei Gedichten des Dadaismus und der Moderne der Fall. Das Französische wird vielfach als wohlklingend bezeichnet und Chansons als angenehm empfunden, ohne die Sprache zu verstehen.

26 Darunter verstehe ich aber allein die seismographische Empfindung der Schieflage des Jahrhunderts. Keinesfalls erscheint mir Trakl als Prophet der Weltkriege.

27 F. ist für mich in einem anderen Maße Autor als Trakl. Bei F. dominiert die Arbeit zur Literatur über die Literatur an sich. (vgl. Traklbuch, Arbeiten zum Mythos und zur Sage, 22 Tage oder die Hälfte des Lebens) Ich will hier aber nicht F. literarische Arbeiten bewerten, sondern lediglich darauf verweisen, daß sich für mich hier der Ansatz zu F.s Poetik bietet.

28 Vgl. Reflexionen im Umerziehungslager speziell Nationalsozialismus und „Bekehrung“

29 Die späte Erwähnung dieses Themas halte ich zur Hälfte für einen dramaturgischen Effekt. Jedoch wird der menschliche Aspekt dieses Ereignisses zugunsten einer Mythologiebetrachtung und einer erneuten poetologischen Diskussion vermieden. Der große Komplex der Erotik und der Sexualität zwischen Norm und Abnorm wird von Fühmann lediglich kurz gestreift. Diese Feststellung treffe ich wert- und kommentarfrei.

30 Selbst Trakl mag vieles von dem was er schrieb anders oder gar nicht verstanden haben. Mit den Worten Reich-Ranickis: Ein Autor ist nicht immer sein bester Interpret.

31 Lizenzausgabe Vor Feuerschlünden für die Bundesrepublik mit einem Nachtrag der Werke von Rimbaud und Nezval unter Verzicht auf Auszüge aus den Briefen Trakls

17 von 17 Seiten

Details

Titel
Franz Fühmanns Arbeit zu Georg Trakls Dichtung: Das Verhängnis des poetischen Bildes ist es, daß es sich einmal realisiert.
Autor
Jahr
2000
Seiten
17
Katalognummer
V101894
Dateigröße
364 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz, Fühmanns, Arbeit, Georg, Trakls, Dichtung, Verhängnis, Bildes
Arbeit zitieren
Jürgen Wutschke (Autor), 2000, Franz Fühmanns Arbeit zu Georg Trakls Dichtung: Das Verhängnis des poetischen Bildes ist es, daß es sich einmal realisiert., München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101894

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