Politikwissenschaftliche Entscheidungstheorie und internationale Politik: Bestandsaufnahme, Kritik, Perspektiven


Hausarbeit (Hauptseminar), 1998
23 Seiten

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Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Entscheidungsbegriffe und -konzepte
2.1. Definition des Entscheidungsbegriffs
2.2. Individualentscheidung vs. Kollektiventscheidung
2.3. Entscheidungsprozesse als Phasenmodell
2.4. Persönlichkeit und Motivation der Entscheidungsträger

3. Historische Ursprünge und Entwicklungslinien der Entscheidungstheorie

4. Ansätze zur Erklärung außenpolitischer Entscheidungsprozesse
4.1. Das dezisionistische Modell von Snyder u.a.
4.2. Das Rationalmodell von Allison
4.3. Dasbounded rationality-Modell von Simon

5. Schlußbetrachtung

6. Literatur

Albert-Ludwigs-Universität Freiburg Philosophische Fakultät IV

Seminar für Wissenschaftliche Politik

Hauptseminar II: Theorien der Internationalen Politik SS 1998

Hauptseminararbeit

vorgelegt von

Marius Weigel

Datum der Abgabe: 06.07.1998

1. Einleitung

Seit sich die Teildisziplin Internationale Politik (IP) innerhalb der Politikwissenschaft ausdifferenziert hat, gibt es auch ein wissenschaftliches Interesse, außenpolitische Prozesse planmäßig auszurichten und eine Rationalisierung der Entscheidungsprozesse über einen längeren Zeitraum zu erreichen. Theoretische Neuorientierungen werden durch die post- behavioralistische Theoriedebatte forciert, die auch auf die Entscheidungstheorie zurückwirkt.1

Die politische Entscheidungstheorie ist heterogen, da rationalanalytische, kybernetische, kognitive, sozialpsychologische und organisationstheoretische Ansätze teilweise in Konkurrenz zueinander stehen, sich ergänzen oder überlappen. Claudia Hoffmann stellt dazu fest: "Die Vielzahl der Ansätze entspricht der Multidimensionalität der Realität, die ein weites Feld für unterschiedliche Sichtweisen eröffnet."2

Im deutschen Sprachraum wurde die Entscheidungstheorie wenig ausgearbeitet, die Impulse kamen hauptsächlich von Autoren aus den USA, was sich auch in der Auswahl der unterschiedlichen Ansätze in dieser Arbeit widerspiegelt.

Politikwissenschaftliche und sozialwissenschaftliche Entscheidungstheorie beschäftigt sich nach wie vor häufig mit Definitions-, Typologisierungs- bzw. Klassifikationsproblemen. Norbert Müller formulierte in Anlehnung an Anatol Rapoport:

"Gegenstand der Entscheidungstheorien ist die zielorientierte Strukturierung von Interaktionsprozessen zwischen einem Entscheider und seiner Umwelt."3

Ein enger Zusammenhang besteht zwischen Entscheidungstheorie und Spieltheorie, da analog zu den Spielbäumen der Spieltheorie Entscheidungsbäume aufgestellt werden können.4 Insgesamt läßt sich feststellen, daß die meisten entscheidungstheoretischen Ansätze das Produkt des Zweiten Weltkriegs sind, wo organisatorische und technische Probleme der damals "modernen" Kriegsführung nach neuen Lösungsstrategien verlangten.

Politikwissenschaftliche Entscheidungstheorie wird von manchen Autoren mit dem Begriff des"policy making"bzw."policy analysis"gleichgesetzt, wobei"policy analysis"im deutschsprachigen Raum einen interdisziplinären sozialwissenschaftlichen Forschungsansatz darstellt. Wichtig für den Bereich der IP ist auch die allgemeine Prämisse, daß Entscheidungen, Verhandlungssituationen und Krisen Prozesscharakter zukomme. Eine internationale Krisensituation kann demnach als das Ergebnis von Interaktionen zwischen Regierungen interpretiert werden. Trotzdem wird die Meinung vertreten, daß "keine Entscheidungstheorie (...) die Fähigkeit des einzelnen Analytikers" ersetzen kann, "die Lage jeweils richtig einzuschätzen (...)."5

In den 70er Jahren stellte sich zunehmend die Frage, ob nicht jede Entscheidungstheorie in einen breiteren Kontext gestellt werden müsse, z.B. in internationalen Krisen. Auch wurden in dieser Zeit vermehrt soziologische Ansätze berücksichtigt und der innenpolitischen Einfluß auf die außenpolitischen Bedingungen des Entscheidungsprozesses in den Vordergrund gerückt.

Henning Behrens versuchte Anfang der 80er Jahre eine Symbiose von politikwissenschaftlicher Entscheidungstheorie, Organisationstheorie, psychologischer Entscheidungstheorie und Begriffen wie Erfahrung, soziales Lernen und Lebensqualität, beeinflußt von Gedanken des sog. Post-Behavioralismus.6

Spätestens seit Mitte der 70er Jahre ist der entscheidungstheoretische Beitrag der politischen Wissenschaft eher spärlich geworden, Planungs-Debatten werden nur noch peripher diskutiert: "Die wissenschaftliche Beteiligung am Projekt Außenpolitik konzentriert sich auf aktuelle politische Aspekte."7 Daher wird sich diese Arbeit vornehmlich auf dem Forschungsstand der 60er und70er Jahre konzentrieren.

Neben der oben angesprochenen zeitlichen Abgrenzung des Themas konzentriert sich diese Arbeit primär auf die politikwissenschaftlichen Entscheidungstheorien innerhalb der IP, wie sie von Snyder u.a., Allison und Simon ausgearbeitet und formuliert wurden. Desweiteren sollen einige Begriffe und Konzepte des Komplexes "Entscheidung" vorgestellt werden und die historischen Ursprünge und Entwicklungslinien der Entscheidungstheorie skizziert werden. Dieses Projekt soll ferner die einzelnen Ansätze kritisch beleuchten und ansatzweise vergleichen. Im Schlußteil soll versucht werden, die Grenzen, Möglichkeiten und auch Perspektiven eines politikwissenschaftlichen entscheidungstheoretischen Ansatzes innerhalb der IP aufzuzeigen.

2. Entscheidungsbegriffe und -konzepte

2.1. Definition des Entscheidungsbegriffs

Es existieren mehrere Entscheidungsdefinitionen, die uneinheitlich gehandhabt werden und je nach Standpunkt des Autors variieren. Snyder u.a. definieren Entscheidungshandeln folgendermaßen:

"Decision making is a social process that selects a problem for decision (i.e., choice) and produces a limited number of alternatives, from among which a particular alternative is selected for implementation and execution."8

In der Terminologie von David Easton werden Entscheidungen mehr systemtheoretisch definiert:

"Decisions are (...) the ´outputs´ of the political system, by which values are authoritatively allocated within a society."9

James Dougherty formuliert eine Definition auf weniger abstrakten Ebene als bei Easton mit spezifischer Betonung der Auswahl von Alternativen:

"Decision-making is simply the act of choosing among available alternatives about which uncertainty exists."10

2.2. Individualentscheidung vs. Kollektiventscheidung

Auf der Ebene der Entscheidungsträger läßt sich die Individualentscheidung von der Kollektiventscheidung abgrenzen. Hoffmann subsumiert unter Individualentscheidung das Modell deshomo oeconomicusder traditionellen ökonomischen Entscheidungstheorie, denhomo cogitansals Modell der Kognitionspsychologie und schließlich den "Mensch als Komplexitätsbewältiger"11.

Das Modell der Mikroökonomie mit der fiktiven Figur deshomo oeconomicus,der jedes Problem der Entscheidung überblicke und ohne Zeitverlust analysiere, kann als ein Modell der rationalen Wahl(rational choice)und des rationalen Handels verstanden werden. Rational handeln heißt in diesem Kontext "(...) konsistente Ziele zu haben, einen Maßstab zur Unterscheidung zwischen besseren und schlechteren Wegen zu besitzen und mit dessen Hilfe die jeweils günstigste Handlungsalternative auszuwählen und diese Prozedur so oft zu wiederholen, bis das Ziel des Handelns erreicht ist."12 Kai Schellhorn führt dazu vier Prämissen an, die vorhanden sein müssen, um von "Entscheidung" sprechen zu können.13 Dieses Rational-Choice-Modell individualistischer Art ist für die Analyse außenpolitischer Entscheidungsprozesse weniger geeignet, da an solchen Entscheidungsprozessen i.d.R. mehrere Akteure bzw. Entscheidungsträger beteiligt sind und sowohl innenpolitisch wie außenpolitisch heterogene Institutionen, Organisationen und Interessengruppen teilweise in Konkurrenz zueinander stehen.

Von einer Kollektiventscheidung kann man sprechen, wenn komplexe Probleme vorhanden sind. Hoffmann meint dazu in Anlehnung an das systemtheoretische Konzept der Reduktion von Komplexität: "Komplexität kann nur durch Zulassen von Komplexität reduziert werden."14 Weiterhin unterscheidet Hoffmann zwischen demRational Actor-Modell, dem Machtmodell, dem sozialen Modell, dem Kommunikationsmodell und dem Organisations- und Planungsmodell innerhalb des Modells der Kollektiventscheidung.15 Mit Kollektiv wird allgemein eine Gruppe von mehr als zwei Teilnehmern bezeichnet, daß man auch als partikulares isoliertes soziales System beschreiben kann. Ein Charakteristikum von Kollektiventscheidungen sei nach Hoffmann das interdependente Beziehungsgeflecht, wodurch Abhängigkeiten entstehen können. Drei Einflußfelder bestimmen Hoffmanns Ansicht nach die außenpolitische Entscheidung: innerstaatliche Umwelt, außerstaatliche Umwelt und außenpolitisches Entscheidungssystem (Organi-sation).16

2.3. Entscheidungsprozesse als Phasenmodell

Wird die Entscheidung als Prozeß aufgefaßt, den man in mehrere Phasen untergliedern kann, so unterscheidet z.B. William Welsh acht Phasen17:

(1) Bestimmung eines Problems als bedeutungsvoll, um es zu berücksichtigen (von der Gruppe, die Entscheidungen fällen muß).

(2) Zusammentragen von Informationen über das spezifische Problem.

(3) Formulierung von Handlungsalternativen.

(4) Festlegung der Regeln, die bei der Entscheidung über die Alternativen befolgt wer

den sollen.

(5) Ergebnisabschätzung bei Verfolgung der Handlungsalternativen.

(6) Festlegung der Wahl einer Handlungsalternative.

(7) Kritik oder Würdigung des Erfolgs einer Entscheidung.

(8) Problemlösung oder gegebenenfalls neue Problemdefinition.

Harold Laswell hat dahingegen sechs Phasen identifiziert:18

(1) Informationsverarbeitung und Planung(intelligence).

(2) Selektion von Alternativen(recommendation).

(3) Verbindliche Festlegung einer Alternative(prescription).

(4) Spezifische Entscheidungsausführung(application).

(5) Effizienzkontrolle(appraisal).

(6) Revision oder Entscheidungsaufhebung(termination). Schellhorn hat ein ähnliches Phasenmodell entwickelt:19

(1) Zielsetzung.

(2) Lagebeurteilung.

(3) Entwicklung von Handlungsalternativen (Optionen).

(4) Entscheidung.

(5) Aktion.

(6) Soll-Ist-Vergleich.

(7) Zielkorrektur.

Edward S. Quade ermittelt zehn Phasen, die auch als"think piece"bezeichnet wurden:20

(1) Problemklärung.

(2) Identifizierung der zu entscheidenden Probleme.

(3) Messung der Effektivität der Methoden.

(4) Identifizierung der zugrundeliegenden Beurteilungsmaßstäbe.

(5) Berücksichtigung der Umwelteinflüsse.

(6) Prüfung von Alternativen.

(7) Aufbau eines entscheidungstheoretischen Modells.

(8) Prüfung der Möglichkeiten der Analyse mit quantitativen Methoden (z.B. Spieltheorie, Simulation).

(9) Kosten-Nutzen-Analyse,sensitivity analysis.

(10) Prüfung der Fehleinschätzungen und Empfehlungen.

Diese theoretische, mitunter willkürliche Einteilung ist von Faktoren wie dem subjektiven Urteil des Analytikers oder seiner Intuition abhängig. Quade nimmt seine Einteilung nach eher mathematisch-statistischen Gesichtspunkten vor, was sich in seiner Begriffswahl widerspiegelt (Messung, Modellorientierung, Prüfung von Hypothesen usw.). In allen vier Phasenmodellen nimmt der Begriff "Alternative" bzw. "Handlungsalternative" eine zentrale Rolle ein. Am Anfang eines Entscheidungsprozesses steht meistens die Problemklärung (Quade) oder Bestimmung eines Problems (Welsh). Die Endphase eines Entscheidungsprozesses wird von den vier Autoren ähnlich formuliert, z.B. als Lösung des Problems oder Problemneudefinition.

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß diese vier verschiedenen Phasenmodelle von der Prämisse ausgehen, daß Entscheidungsprozesse einen bestimmten Zeitraum in Anspruch nehmen und psychologisch-kognitive Prozesse aktivieren im Gegensatz zum Modell des fiktiven rationalenhomo oeconomicus. Trotzdem bleiben diese Phasenmodelle Idealtypen. Michael Posner stellt dazu fest,

"(...) daß die unendliche Vielfalt von Problemen es höchst unwahrscheinlich erscheinen lasse, daß eine einzige stufenweise Lösungsstrategie für alle Situationen zutreffen könnte."21

2.4. Persönlichkeit und Motivation der Entscheidungsträger

Snyder hat zwischen zwei Motivationstypen differenziert:"in order to"-Motive und"because of"-Motive.22 Erstere sind bewußte und artikulierbare Motive: Die Entscheidungsträger entschließen sich für eine bestimmte Entscheidung, um ein Ziel des Staats zu erreichen, dem sie dienen. Auf der anderen Seite sind"because of"-Motive unbewußte oder semi-unbewußte Motive, die aus Lebenserfahrung und Glaubenssätzen herrühren.

Die meisten Entscheidungstheoretiker - wie auch einige Historiker - sind sich darüber einig, daß biographisches Wissen über politische Akteure (Erziehung, Religion, kritische Wendepunkte, Berufserfahrung, Auslandsreisen, physische und psychische Gesundheit usw.) helfen können, um die tieferliegenden Motive und Werte von Personen zu ergründen, die spezifische Entscheidungen fällen. Politische Studien über Sozialisation von Politikern wurden in folge eines Diktums von Laswell23 durchgeführt, z.B. über Woodrow Wilson.

Trotzdem implizieren diese psychologischen Ansätze und Erklärungen Probleme, da der Gegenstand (die Psyche oder das Unterbewußtsein) schwer faßbar und analysierbar ist. Die langanhaltende akademische Trennung von Politikwissenschaft und Psychologie haben weitergehende Forschung behindert. Es ist anzunehmen, daß die Interaktion von Persönlichkeit und politischer Entscheidung ein fruchtbares Studienobjekt sein könnte.24

3. Historische Ursprünge und Entwicklungslinien der Entscheidungstheorie

Ein entscheidungstheoretischer Ansatz, um das System der internationalen Beziehungen zu verstehen, zeigte sich schon in Grundzügen bei dem antiken griechischen Historiker Thucydides, der in seinem WerkDer peloponnesische Kriegdie Faktoren untersucht, die die Führer der Stadt-Staaten zu Entscheidungen über Krieg und Frieden, Allianzen usw. veranlaßte. Er kann als früher Vertreter eines Entscheidungsansatzes betrachtet werden.25

Als "Urvater" der modernen sozialwissenschaftlichen Schule der Entscheidungsanalyse gilt der Philosoph Edmund Husserl26 mit seinem WerkIdeen zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologischen Philosophie(1913). Für Husserl bedeutet Sinnerklärung und Bedeutungsanalyse von prätheoretischen Aussagen das Ziel seiner Forschung. Diese Methode kann als Entwicklung einer deskriptiven Psychologie bezeichnet werden, die aber zu diesem Zeitpunkt empirisch-naturalistische Kausalerklärung noch ausschloß.27 Ein weiterer wichtiger Ansatz für die Analyse von Entscheidungsprozessen und Perzeptionen war der von Alfred Schütz, von Max Webers und Husserls Denken beeinflußt. Schütz´ "Theorie des Fremdverstehens"28 bestimmte den Anfang der 50er Jahre formulierten außenpolitischen Entscheidungsansatz maßgeblich. Die Suche nach den Gründen und Zwecken von Handlungen und der nachkonstituierende Vollzug von Bewußtseinserlebnissen soll das außenpolitische Entscheidungsverhalten klären und deuten helfen, so die Ansicht der Protagonisten des außenpolitischen Entscheidungsansatzes.29

Vor dem 2. Weltkrieg war die Entscheidungstheorie ein Thema, mit dem sich v.a. die Disziplinen Philosophie, Theologie, Geschichtswissenschaft, teilweise auch die Psychologie beschäftigten. Insbesondere das "Wesen" der Entscheidung stand im Zentrum des Interesses, nicht so sehr die Faktoren für das Zustandekommen einer Entscheidung.30 Der massenhafte Einsatz von technischen Waffensystemen und die interkontinentale Kriegssteuerung erforderten neue Entscheidungs- und Koordinationsinstrumente bei den Regierungen Englands und der USA. Wissenschaftler sollten den militärischen Akteuren bei der Lösung dieser Probleme helfen. Aus diesen Kooperationen entstanden Technologien des praktischen Entscheidungsverhaltens (Nachrichtentechnik, Datenverarbeitung,Operations-Research usw.). Der Umgang mit diesen neuen Technologien forcierte die Analyse komplexer Probleme und förderte die Entwicklung einer modernen Entscheidungstheorie in Ökonomie, Administration und Politik. Dieser Aufschwung, den die Entscheidungstheorie nach dem 2. Weltkrieg erfuhr, wurde auch von John von Neumann und Oskar Morgenstern31 mitgetragen, die 1944 mir ihrer Spieltheorie den sozialwissenschaftlichen Diskurs beeinflußten.32 Auf fachwissenschaftlicher Ebene hat Hans Morgenthau, der als Begründer der Disziplin der IP gilt, mit seinem normativ-deduktiven Ansatz versucht, Außenpolitik durch objektive staatliche Interessen zu erklären. Dieser traditionalistische Theorieansatz wurde seit Anfang der 50er Jahre von den Szientifisten33 kritisiert, vor allem von Snyder, Bruck und Sapin34. Das Autorentrio Snyder u.a. wird i.A. als Begründer der dezisionistischen außenpolitischen Entscheidungstheorie und -analyse angesehen.

Joseph Frankel ergänzte den Ansatz von Snyder u.a. um das Element der "objektiven Umwelt" und hat damit zur Erarbeitung weitere systemtheoretische Elemente innerhalb der außenpolitischen Entscheidung beigetragen.35

Robert Jervis36 untersuchte den Einfluß der Perzeption auf die Träger des außenpolitischen Entscheidungsprozesses und argumentiert von einem psychologischen Standpunkt aus. Er identifizierte Image-Bildung und Perzeption als wichtige Komponenten innerhalb des Entscheidungsprozesses und versuchte, perzeptive Informationsaufnahme- und verarbeitung zu rekonstruieren.37

4. Ansätze zur Erklärung außenpolitischer Entscheidungsprozesse

Allgemein lassen sich drei unterschiedliche Richtungen außenpolitischer Entscheidungsansätze unterscheiden:38

(1) Der dezisionistische Ansatz; betont die Bedeutung der prozessualen Determinanten der Entscheidung (z.B. Snyder u a., Richard Rosecrance, William Coplin).

(2) Der systemare Ansatz, beeinflußt von Systemtheorie und/oder Spieltheorie (z.B. Jo- seph Frankel, Karl Deutsch, J. W. Burton).

(3) Der Individual- und sozialpsychologische Ansatz (Herbert Kelman, Robert Jervis, Joseph de Rivera).

Henning Behrens hingegen differenziert sechs verschiedene Ansätze zur Erklärung politischer

Entscheidungsprozesse heraus39 :

(1) Systemtheoretischer Ansatz.

(2) Rationalanalytischer Ansatz.

(3) Kybernetischer Ansatz.

(4) Kognitiver Ansatz.

(5) Perzeptions-/Misperzeptions-Ansatz.

(6) Konfrontations-/Kompromiß-Ansatz.

Besonders relevant in bezug auf die Abgrenzung des Themas und für die Analyse von außenpolitischen Entscheidungsprozessen erscheinen mir Ansatz 2, 5 und 6 zu sein, die knapp skizziert werden sollen, bevor die Ansätze von Snyder u.a., Allison und Simon überblicksartig dargestellt, kritisch beleuchtet und verglichen werden sollen.

Die Rationalanalyse sieht bestimmte Entscheidungsprämissen als gegeben an und geht von einer vollständigen, schwach-transitiven Ordnung der Ereignisse aus. Ein weiteres Merkmal dieses Ansatzes ist, daß die Rationalität expliziert werden soll. Die Rationalanalyse wurde v.a. durch Simon40 zum Ansatz"bounded rationality"weiterentwickelt. Das Gegenmodell der Rationalanalyse ist die Inkrementanalyse41.

Der Perzeptions-/Misperzeptionsansatz42 ist ein autonomer entscheidungstheoretischer Ansatz. Perzeptionen regeln Orientierungsverhalten in Entscheidungsprozessen, die von verschiedenen Faktoren abhängig sind. Zahlreiche Misperzeptionen verzerren die eigene Wahrnehmung und setzen der Rationalität Grenzen in politischen Entscheidungsprozessen.

Der Konfrontations-/Kompromiß-Ansatz43 stellt eine Synthese von Spieltheorie, Rationalanalyse, Modell der "Begrenzten Rationalität", Bürokratie-Politik-Modell,"belief systems"und Perzeptionsansatz dar.

4.1. Das dezisionistische Modell von Snyder u.a.

Snyder u.a. entwickelten im Auftrag der US-Regierung einen Bezugsrahmen, um außenpolitische Entscheidungsprozesse analysieren zu können. Dabei versuchen sie, zahlreiche Einflußfaktoren zu berücksichtigen, um damit der Komplexität des Untersuchungsgegenstands gerecht zu werden.44

Ihr Modell gründet sich auf folgende Prämissen: Die Analyse soll auf der Ebene eines beliebigen Staates geschehen, d.h. es wird von einem fiktiven Staat ausgegangen.45 Weiterhin wird der Nationalstaat als herausragende politische Handlungseinheit definiert. Der "Staat X als Akteur in einer Situation"46 wird mit den in der Außenpolitik aktiven Mitgliedern der Regierung gleichgesetzt. Damit reduzieren sie ihre Annahme auf außenpolitische Mandatsträger; Akteure außerhalb der Regierung werden ausgeschlossen47:

"Staatshandlung ist die Handlung derer, die im Namen des Staates handeln. Der Staat ist also identisch mit seinen Entscheidungsträgern."48

Ferner wird zwischen innerem Bezugsrahmen(internal setting)und äußerem Bezugsrahmen (external setting)differenziert. Der innere Bezugsrahmen (erster Komplex) schließt die nicht- menschliche Umwelt, die Gesellschaft und die menschliche Umwelt ein. Der äußere Bezugsrahmen (zweiter Komplex) setzt sich aus der nicht-menschlichen Umwelt, anderen Kulturen, Gesellschaften usw. zusammen. In einen dritten Komplex fassen Snyder u.a. die gesellschaftliche Struktur und Verhaltensnormierung, die auf den inneren Bezugsrahmen und auf den Entscheidungsprozeß bzw. die Entscheidungsträger (vierter Komplex) einwirkt. Ein fünfter Komplex bestehe aus Handlungen, wobei Handlung im analytischen Sinne verstanden wird, wenn sich Akteur(e), Ziele, Mittel und definierte Situationen nachweisen lassen.49

In ihrem Entscheidungsansatz wird eine Definition des Entscheidungsbegriffs vorgenommen: "Entscheidung ist ein Prozeß, welcher zur Auswahl eines Projektes aus einer gesellschaftlichen definierten begrenzten Anzahl von in Frage stehenden, alternativen Projekten führt, um einen von den Entscheidungsträgern angestrebten zukünftigen politischen Zustand zu erreichen."50

Diese Endscheidungsdefinition wird in acht Annahmen erläutert.51 Weiterhin wird auf die Notwendigkeit verwiesen, die Ziele und Einheiten einer Entscheidungseinheit zu typisieren, wofür sie sechs Kriterien aufstellen:52

(1) Größe bzw. Anzahl der Teilnehmer der Einheit.

(2) Struktur der Einheit (z.B. hierarchisch).

(3) Standort der Einheit innerhalb der institutionellen Umgebung.

(4) Beziehung der Einheit zu anderen Organisationseinheiten (z.B. relative Abhängigkeit oder Unabhängigkeit).

(5) Dauer der Einheit.

(6) Zieltyp (dieses Kriterium wird als eines der wichtigsten von Snyder u.a. bezeichnet)

Diese Entscheidungseinheiten können auf drei Betrachtungsebenen beobachtet werden, als wirkliches System, als typische Einheit mit typischen Ziel oder als Einheit ganz allgemein. Einheiten entstehen nach Snyder u.a. nach zwei Methoden der Auswahl von Entscheidungsträgern aus der Gesamtzahl der Personen, die an der Entscheidung beteiligt werden können: Verhandlung und automatische Zuordnung.53

Nach Snyder u.a. sind interne und externe Entscheidungsrestriktionen wichtig bei der Analyse politischer Entscheidungsprozesse. Alternative Zielsetzungen und Strategien werden durch fünf Bereiche potentieller Restriktionen stark begrenzt:54

(1) Bereich der Information: Relevante Informationen liegen meist nur unvollständig vor und sind nicht direkt überprüfbar.

(2) Bereich der Kommunikation: Störungen im Informationsübertragungsprozeß fragmentieren die Informationslage des jeweiligen Entscheidungsträgers.

(3) Bereich der Routinebehandlung: Routineverhalten kann möglicher Selektion von Alternativplänen im Wege stehen.

(4) Bereich der Ressourcen: Energie, Zeit und physische wie psychische Fähigkeiten können Entscheidungsprozesse beeinflussen.

(5) Bereich der Perzeptionen. Die Perzeption der Handlung unterschiedlicher Staaten determiniert in hohem Maße die Wahl einer Lösung in außenpolitischen Entscheidungsprozessen (Bsp. Sicherheitsdilemma).

Anzumerken ist, daß Snyder u.a. einen relativ stabilen Bezugsrahmen für die Analyse außenpolitischer Entscheidungsprozesse ausgearbeitet haben. Der Anspruch, möglichst viele Einflußfaktoren zu berücksichtigen, kann positiv bewertet werden. Viele dieser oben skizzierten Faktoren sind wichtige Ansatzpunkte für die politische Entscheidungstheorie seit den 60er/70er Jahren geworden.

Defizite hingegen sind bei der subjektiven Differenzierung der Anzahl der Faktoren zu erkennen, die mangelnde Explikation und Transparenz, x-Faktoren und nicht y-Faktoren festzulegen. Auch die Gewichtung der Faktoren und Determinanten außenpolitischer Entscheidungsprozesse bleibt in der Argumentation von Snyder u.a. nebulös. Weiterhin ist es keinem entscheidungstheoretischen Analytiker gelungen, den theoretischen Bezugsrahmen mit entsprechenden empirischen Daten aufzufüllen. Glenn Paige (1968) versuchte, den Entscheidungsprozeß der USA im Juni 1950, in den Korea-Konflikt militärisch einzugreifen, nach dem Snyder u.a.-Modell zu analysieren.55 Trotz zahlreicher Hypothesen, die er ableiten konnte und drei Ratschlägen für ein besseres Management von krisenhaften Situationen ist es doch als zweifelhaft anzusehen, aus einer singulären Krise auf zukünftige Krisen verallgemeinerbare Schlüsse ziehen zu wollen. Eine Rekonstruktion des Entscheidungsprozesses ist auch fragwürdig, wenn zahlreiche Daten (z.B. Akten, Briefwechsel) nicht verfügbar sind und somit nicht berücksichtigt oder ausgewertet werden können.

4.2. Das Rationalmodell von Allison

Allison kann als ein Vertreter aus dem Forschungsgebiet "Bürokratie-Politik"(Bureaucratic Politics)angesehen werden. Das Bürokratie-Politik-Modell konzentriert sich auf die interne Entscheidungsstruktur einer Nation und ihrer Bedeutung für Entscheidungsprozesse außenpolitischer Natur. Der Einfluß einer bestimmten Gruppierung auf eine Regierungsmannschaft bezüglich der Auswahl einer Handlungsstrategie ist ein zweiter Themenkomplex dieser Forschungsrichtung.

Allison steht in der Tradition des klassischen "Rational Actor"-Modells, in dem politische Entscheidungen mehr oder weniger als zweckgerichtete Handlungen von homogenen Regierungen gesehen werden, die mit logischer Argumentation bestimmte Ziele erreichen wollen. Eine Handlung wird mit einer plausible Kalkulation als verbunden betrachtet. Allison kritisiert seinerseits teilweise das Rational-Actor-Modell:

"Although the Rational Actor Model has proved useful for many purposes there is powerful evidence that it must be supplemented, if not supplanted, by frames of reference that focus on the governmental machine."56 Mit Bezugsrahmen(frames of reference)meint er ein"Organizational Process"- und ein Bürokratie-Politik-Modell. Insgesamt lassen sich aus Allisons Ansatz drei unterschiedliche Entscheidungsmodelle herausfiltern: Das Rationalmodell (Modell 1), das"Organizational Process"-Modell (Modell 2) und ein drittes Modell, das als eine Modifikation des BürokratiePolitik-Modells aufgefaßt werden kann.57

Modell 1 betrachtet eine nationale Regierung als"black box", die Ziele, Optionen, Folgen und Entscheidungen impliziert. Das Regierungshandeln wird als bewußte, rationale Entscheidung interpretiert, eine Entscheidung im Hinblick auf Zwecke.

Modell 2 füllt die"black box"des 1. Modells mit idealtypischen Organisationen (A-G) und einem Regierungsführer. Regierungshandeln wird als organisatorischeroutputbetrachtet. Das dominante Erklärungsschema ist, daß Regierungshandeln kurzfristig wesentlich durch Routineverfahren, langfristig von organisatorischen Zielen determiniert sei. Modell 3 faßt die nationale Regierung als Spieler in bestimmten Stellungen (A-F) auf, die bestimmte Einsätze in das Spiel geben. Als dominante Erklärungsformel gilt: Regierungshandeln = Ergebnis von Verhandlungsprozessen.

Kritisch zu diesen drei Modellen ist anzumerken, daß sein Bürokratie-Politik-Modell sich stark an die Werke Max Webers anlehnt. SeinOrganizational Process-Modell orientiert sich in seinen Grundbegriffen an dasBounded-Rationality-Modell von Simon. Die Modelle 2 und 3 könnten auch zum Entscheidungsmodell der Bürokratie-Politik zusammengefaßt werden. Man kann Allison also vorwerfen, eklektizistisch aus früheren Modellen verschiedener Autoren ein dreisträngiges Entscheidungsmodell zu synthetisieren, ohne sie präzise voneinander abzugrenzen. Somit wirkt seine Dreiteilung eher subjektiv und willkürlich. Allison versucht mit seinem integrierten Ansatz Ziele und Zwecke als die Essenz einer Entscheidung zu betrachten, er faßt sein drittes Modell mit folgender Kurzformel zusammen: "Dein Standpunkt hängt von deiner Stellung ab."58 Das Verhältnis der Modelle 1 und 2 wird nicht klar genug herausgearbeitet: Schließen sich diese Entscheidungsmodelle aus oder ergänzen sie sich? Auch die Frage nach der unterschiedlichen Erklärungskraft der einzelnen Modelle bezüglich des außenpolitischen Entscheidungsverhaltens bleibt weitgehend unbeantwortet.

Im Vergleich zu Snyder u.a., die sich methodisch stark an der phänomenologischen Methode Alfred Schütz´ anlehnen59, orientiert sich Allison eher an dem Modell deshomo oeconomicus, des rationalen Akteurs der Mikroökonomie. Dieses geschlossene Entscheidungsmodell ist vielfach kritisiert worden, da in der IP diese rigorose Komplexitätsreduktion der hochkomplexen Phänomene unangemessen erscheint.60

4.3. Dasbounded rationality-Modell von Simon

Herbert A. Simon gilt als Vertreter des Modells derBounded Rationality(begrenzte Rationalität)61 und steht somit in der Tradition der Rationalanalyse. Simon kritisiert dieses Modell des Rational-choice-Denkens, indem er eine Theorie des Organisationsverhaltens entwirft, die der Ökonomie vorwirft, sie würde die Inhalte von Präferenzen verschweigen und ein falschen Menschenbild voraussetzen. Trotz dieser Kritik steht Simon dem Behaviorismus nahe, was sich u.a. in seiner Ablehnung der Freudschen Psychologie manifestiert.62

In seinem Modell derBounded Rationalitybehauptet er, daß menschliches Verhalten rational und zielgerichtet(goal directed)sei. Der einzelnen Person genüge es, ihre Ziele an einem bestimmten Punkt zu erreichen. Handeln wird als beschränkte Rationalität gesehen, da vollständige Informiertheit prinzipiell nicht möglich sei. Schwierige Entscheidungssituationen würden durch Routinegewohnheiten vereinfacht und Entscheidungen vermehrt habituell getroffen. Bellers/Woyke fassen Simons Ansatz folgendermaßen auf:

"Alternativen werden nicht bei Maximierung, sondern bereits dann akzeptiert, wenn submaximale Erwartungsniveaus erfüllt werden, die ihrerseits von Entscheidungen eingrenzenden Faktoren (Constraints) abhängen."63

Auf die Entscheidungspraxis bezogen war Simon durchaus der Ansicht, daß mit entsprechendem Datenmaterial und weiterer Forschung in diesem Bereich ergebnisorientierte Handlungsempfehlungen (Bsp. Politikberatung) angeboten werden könnten.

Trotz seines behavioralistischen Anspruchs kann Simon als erster Sozialwissenschaftler gesehen werden, der die Analyse des Individualverhaltens in den Kontext des behavioralistischen Diskurses eingebracht und somit Anstöße zu einer postbehavioralistischen politischen Theorie gegeben hat. Als ausgebildeter Politikwissenschaftler hat er mehr in der Ökonomie gewirkt und dazu aufgerufen, den Dialog der Wirtschafts- und Politikwissenschaftler mit der Psychologie zu pflegen. Seine Schriften haben ihm schließlich 1978 den Nobelpreis für Ökonomie eingetragen und während der 80er Jahre wuchs die rezeptive Stimmung für seine Werke innerhalb der politikwissenschaftlichen Theorie. Als Grund für diese Entwicklung nennt Jürgen Hartmann:

"Das Public- oder Rational-choice-Paradigma drohte in der nicht-philosophischen politischen Theorie hegemonial zu werden. (...) Simon wiederholte in den 80er Jahren nur, was er schon immer geschrieben hatte. Nur traf er jetzt auf eine rezeptive Stimmung."64

Das Individuum stand aber weiterhin im Fokus seiner Betrachtung, mit stärkerer Betonung psychologischer und organisatorischer Faktoren. Die Kritik Simons bleibt innerhalb des Rahmens der Rationalanalyse, anders dagegen das Modell von David Braybrook und Charles Lindblom65, die das "synoptische" Modell des Inkrementalismus entwickelten, des"muddling through"("sich Durchwurstelns")66.

Im Vergleich zu den Modellen von Snyder u.a. und Allison orientiert sich Simon weitgehend am einem modifizierten rationalanalytischen Modell. Damit steht er dem Ansatz Allisons näher, der vor allem mit seinem ersten Modell (Regierungshandeln als bewußte und rationale Entscheidung) dem Rationalmodell nahesteht. Snyder u.a. gründen ihre Methode der Erklärung außenpolitischer Entscheidungsprozesse auf den phänomenologischen Ansatz von Schütz, der in Anlehnung an Husserl und die "verstehende Soziologie" von Max Weber die besondere Struktur der sozialen Wirklichkeit als sinnhaft aufgebaut versteht und versucht, diesen Aufbau zu rekonstruieren und deutend zu verstehen.

Es kann festgestellt werden, daß alle drei Ansätze interessante Modelle darstellen, um Entscheidungsprozesse innerhalb der internationalen Beziehungen analysieren zu können. Die unterschiedliche Akzentuierung und Betonung bestimmter Faktoren der Autoren schließt natürlich andere Schwerpunktsetzungen aus. Snyder u.a. erfassen mit ihrem Modell zahlreiche wichtige Faktoren, wohingegen bei Simon das Individuum zu stark betont wird. Die Reduktion der gesellschaftlichen Komplexität ist bei Snyder u.a. eher gelungen und der phänomenologische Ansatz scheint methodisch dem komplexen Gegenstand angemessener zu sein als das Rational-Actor oder Rational-Choice-Modell von Allison und teilweise auch Simon.

5. Schlußbetrachtung

Die Entwicklung der Entscheidungstheorie innerhalb der IP vollzog sich bisher dynamisch und implizierte einen hohen Grad an Interdisziplinarität. Anstöße kamen u.a. aus der Nachrichtentechnologie, Informationstheorie, Psychologie bis hin zur Konflikttheorie. Dieser interdisziplinäre Ansatz birgt in sich schon die Problematik der Entscheidungstheorie, nämlich ihre starke Fragmentierung in zahlreiche Einzelkomponenten. Bei Allison z.B. bleibt unklar, ob seine drei Modelle sich eher ausschließen oder ergänzen. Selbst das relativ kohärente Modell von Snyder u.a. bleibt infolge mangelnder Daten eine Hypothese, die empirisch zu überprüfen wäre. Die Möglichkeiten eines Entscheidungsmodells zur Erklärung der Realität politischer Entscheidungsprozesse werden infolge der nur schwer beschreibbaren vielschichtigen Ebenen des Untersuchungsgegenstandes stark begrenzt. Aufgrund der hohen Komplexität des Gegenstandes scheint es auch im Bereich der Entscheidungstheorie unangebracht, auf eine geschlossene Theorie der außenpolitischen Entscheidungsprozesse warten zu wollen. In diesem Fall wird besonders das Dilemma im Verhältnis zwischen Makro- und Mikro-Theorie deutlich, die in ihrer dichotomen Konzeption dem vielschichtigen Gegenstand nicht mehr angemessen erscheinen.

Zukünftige Forschung im Bereich der Entscheidungstheorie müßte versuchen, die bisherigen Konzepte zu synthetisieren. Autoren wie Snyder/Diesing67 und Stein/Tanter68 haben mit ihren Arbeiten gezeigt, daß die zahlreichen Entscheidungskonzepte nicht voneinander isoliert sind, sondern sich zur Erklärung von Entscheidungsprozessen innerhalb eines bestimmten Rahmens synthetisieren lassen.

In bezug auf zukünftige Theoriedebatten in der Disziplin IP kristallisieren sich drei verschiedene Tendenzen heraus69:

(1) Methoden- und theorienpluralistische Haltungen gewinnen an Gewicht; die Vielfalt der Ansätze wird als ein Kreativpotential betrachtet.

(2) "Plädoyer für eine Politik- als Norm oder Orientierungswissenschaft"70. Die Gesell-

schaft als Ganzes und derhomo sapiensals Teil des Ganzen stehen im Zentrum der Analyse, der auch als "kritischer Perspektivismus"71 bezeichnet wird.

(3) Nach Meyers soll der traditionelle analytische Theorietypus durch einen Wissenschaftstypus, ersetzt werden, der "den Entwurf oder Nachweis wissensgenerierender, wissensakkumulierender und wissenstradierender kognitiver Großstrukturen"72 favorisiert.

Angesichts der zunehmenden Zersplitterung der einzelnen Wissenschaftsdisziplinen und auch der Entscheidungstheorien scheint es an Bedeutung zu gewinnen, die einzelnen Teile wieder zu einem Ganzen zusammenzusetzen und sich verstärkt auf interdisziplinäre und multiparadigmatische, integrative Ansätze zu konzentrieren. Um mit Hegel zu sprechen: "Das Wahre ist das Ganze"73

6. Literatur

Allison, Graham T. 1971.The Essence of Decision. Explaining the Cuban Missile Crisis. Boston.

Behrens, Henning. 1980.Politische Entscheidungsprozesse: Konturen einer politischen Entscheidungstheorie. Opladen.

Behrens, Henning; Paul Noack. 1984.Theorien der internationalen Politik. München. Bellers, Jürgen; Wichard Woyke (Hgg.). 1989.Analyse internationaler Beziehungen: Methoden - Instrumente - Darstellungen. Opladen.

Beyme, Klaus von. 1992.Die politischen Theorien der Gegenwart. Eine Einführung.Opladen

Braybrook, David; Charles Lindblom. 1963.A Strategy of Decision. Policy Evaluation as a Social Process.New York.

Dougherty, James E.; Robert L. Pfaltzgraff. 1990.Contending Theories of International Relations. New York

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1 Siehe Hoffmann, 1993, 14.

2 Ebd.

3 Zitiert in Behrens, 1980, XIII.

4 Siehe ebd., XVII.

5 Ebd, XV.

6 Siehe Behrens, 1980.

7 Hoffmann, 1993, 3.

8 Robinson, 1968, 55.

9 Dougherty/Pfaltzgraff, 1990, 468.

10 Ebd., 469.

11 Siehe Hoffmann, 1993, 32-80.

12 Zitiert in ebd, 32.

13 Siehe ebd.

14 Ebd., 81.

15 Siehe ebd., 81-184.

16 Auffällig ist die häufige Verwendung der Begriffe Umwelt, System, Komplexität, was auf systemtheoretische Präferenzen der Autorin schließen läßt.

17 Siehe Behrens/Noack, 1984, 113.

18 Siehe ebd., 113.

19 Siehe ebd.

20 Siehe Behrens, 1980, XVI.

21 Behrens/Noack, 1984, 114.

22 Siehe Dougherty/Pfaltzgraff, 1990, 473.

23 Siehe Robinson, 1968, 58.

24 Siehe ebd., 59.

25 Siehe Dougherty/Pfaltzgraff, 1990, 469.

26 Siehe Kunzmann, 1991, 193-195.

27 Siehe Bellers/Woyke, 1989, 136/137.

28 Siehe Morel u. a., 1995. 67-89.

29 Siehe Bellers/Woyke, 1989, 137.

30 Siehe Schwarz, 1978, 327.

31 Siehe John von Neumann; Oskar Morgenstern. 1944.Theory of Games and Economic Behavior.Princeton.

32 Siehe Behrens/Noack, 1984, 112.

33 Siehe Hoffmann, 1993, 27-29.

34 Siehe Kapitel 4.1.

35 Siehe Bellers/Woyke, 1989, 142.

36 Siehe Robert Jervis. 1970.The Logic of Images in International Relations. Princeton.

37 Siehe Bellers/Woyke, 1989, 142f.

38 Siehe ebd., 140f.

39 Siehe Behrens, 1980, 158f.

40 Siehe Kapitel 4.3.

41 Siehe Behrens/Noack, 1984, 121f.

42 Siehe Robert Jervis. 1976.Perception and Misperception in International Politics. Princeton.

43 Siehe Glenn Snyder; Paul Diesing. 1977.Conflict Among Nations. Bargaining, Decision Making, And System Structure in International Crisis. Princeton.

44 Siehe Behrens/Noack, 1984, 120.

45 Siehe Snyder u.a., 1975, 227.

46 Siehe ebd., 228.

47 Siehe Behrens/Noack, 1984, 115/116.

48 Synder u.a., 1975, 229.

49 Siehe ebd., 228, Schaubild.

50 Ebd., 232.

51 Siehe ebd., 232ff.

52 Siehe ebd., 234.

53 Siehe ebd., 236.

54 Siehe ebd., 238/239; Behrens/Noack, 1984, 118/119.

55 Siehe Behrens/Noack, 1984, 120/121.

56 Zitiert in Dougherty/Pfaltzgraff, 1990, 477.

57 Siehe Behrens/Noack, 1984, 124/125.

58 Siehe ebd., 126.

59 Siehe Snyder u.a., 1975, 229.

60 Siehe Bellers/Woyke, 1989, 132.

61 Siehe Herbert A. Simon. 1982.Models of Bounded Rationality.Cambridge.

62 Siehe Hartmann, 1997, 225.

63 Bellers/Woyke, 1989, 133.

64 Hartmann, 1997, 227.

65 Siehe David Braybrook; Charles Lindblom. 1963.A Strategy of Decision. Policy Evaluation as a Social Process. New York.

66 Siehe Behrens/Noack, 1984, 121f.

67 Siehe Glenn Snyder; Paul Diesing. 1977.Conflict Among Nations. Bargaining, Decision Making, And System Structure in International Crisis. Princeton.

68 Siehe Janice Stein; Raymond Tanter. 1980.Rational Decision-Making. Israels´s Security Choices, 1967.Columbus.

69 Siehe Hoffmann, 1993, 15-17.

70 Zitiert in ebd., 16.

71 Ebd., 17.

72 Ebd.

73 Zitiert in Bellers/Woyke, 1989, 75.

23 von 23 Seiten

Details

Titel
Politikwissenschaftliche Entscheidungstheorie und internationale Politik: Bestandsaufnahme, Kritik, Perspektiven
Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Veranstaltung
Hauptseminar II: Theorien der Internationalen Politik
Autor
Jahr
1998
Seiten
23
Katalognummer
V101931
Dateigröße
474 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Politikwissenschaftliche, Entscheidungstheorie, Politik, Bestandsaufnahme, Kritik, Perspektiven, Hauptseminar, Theorien, Internationalen
Arbeit zitieren
Marius Weigel (Autor), 1998, Politikwissenschaftliche Entscheidungstheorie und internationale Politik: Bestandsaufnahme, Kritik, Perspektiven, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101931

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