Sportpartizipation als Bestandteil von Bildungsprozessen von Schüler/innen im Kontext sozialer Ungleichheit in Deutschland


Hausarbeit, 2021

22 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Fragestellung
1.2 Wesentliche Begriffe und theoretischer Bezugsrahmen

2 Forschungsstand auf der Grundlage von drei ausgewählten Studien
2.1 Studie I: Sportengagement sozial benachteiligter Jugendlicher
2.2 Studie II: Aufwachsen mit Sport - Paderborner „SET"-Studie
2.3 Studie III: Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS)
2.4 Diskussion der Studien

3 Forschungsdesiderate

4 Schärfung der Forschungsfrage und Forschungsskizze

5 Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Fragestellung

Die Vorteile sportlicher Betätigung im Lebensverlauf sind vielfältig und unumstritten. Sie kann einen wesentlichen Beitrag zur physischen und psychischen Gesundheit des Menschen leis­ten und vermag es, dessen Lebenserwartung positiv zur beeinflussen. Anhaltspunkte dafür konnte bereits in der Antike der bekannte Arzt und Philosoph Claudius Galen ermitteln (vgl. Renneberg und Hammelstein 2006, S. 195). Trotz der positiven Effekte des Sporttreibens, partizipieren längst nicht alle Menschen gleichermaßen daran, wenngleich Bewegung und Sport vielfältig und oft ohne größeren materiellen Einsatz durchführbar sind und der Zugang zu den breit gefächerten Möglichkeiten sportlicher Betätigung nicht derart reglementiert ist, wie es im Bereich der formalen Allgemeinbildung der Fall ist (vgl. AOK-Bundesverband 2018; Quenzel 2010, S. 517). Die resultierenden gesundheitlichen Folgeerscheinungen betreffen große Teile der Bevölkerung und verursachen neben individuellen Problemen hohe volkswirtschaftliche Kosten (vgl. AOK-Bundesverband; OECD 2018a). Die Erziehung zum und vom Sport beginnt bereits im Rahmen von Sozialisierungs- und Bildungsprozessen im Kindes- und Jugendalter (vgl. LSB NRW 2005, S. 8; Schmidt 2002, S. 103). Die Chancen auf Bildung der Heranwachsenden sind jedoch weiterhin in starkem Maß vom sozialen Status der Eltern determiniert (vgl. OECD 2018b). Ausgehend von der durch die Organization for Economic Co­Operation and Development (OECD) konstatierten Bildungschancen beeinflussenden so­zialen Ungleichheit in Deutschland stellt sich die Frage, ob der soziale Status der Herkunfts­familie auch das Sporttreiben der Heranwachsenden beeinflusst.

1.2 Wesentliche Begriffe und theoretischer Bezugsrahmen

Sport und Sportpartizipation: Eine allgemeingültige Definition des Sportbegriffes ist nicht möglich, da es sich um einen global genutzten umgangssprachlichen Begriff handelt, der de-terminiert ist von seinen „historisch gewachsenen und tradierten Einbindungen in soziale, öko-nomische, politische und rechtliche Gegebenheiten...“ und daher einem stetigen Wandel un-terliegt (Röthig und Prohl 2003, S. 493). In dieser Arbeit sind unter Sport alle Leibesübungen zusammengefasst, die in differenten Kontexten ausgeübt werden, die erzieherische und ge-sundheitliche Zwecken verbinden sowie die „über die an klassischen Sportarten orientierten und auf Leistung und Wettbewerb ausgerichteten Sportaktivitäten hinausgehen, wie z. B. Spa­zierengehen, Wandern, Baden...“ (Grupe und Krüger 1998, S. 478 ff.). Eine in der Sportpäda­gogik oft genutzte Differenzierung in formelles Sporttreiben, das durch Organisationen oder Institutionen fremdstrukturiert und fremdorganisiert, meist mit festem Zeitplan stattfindet und personell betreut wird sowie in informelles Sporttreiben, das außerhalb dieser Strukturierung erfolgt, wurde von den Autoren der folgenden Studien z. T. genutzt, ist aber für die Hausarbeit kein Ein- oder Ausschlusskriterium (vgl. Albert et al. 2017, S. 33 ff.). Unter Sportpartizipation soll dementsprechend die Teilnahme bzw. Teilhabe der Schüler*innen an den genannten kör­perlichen bzw. sportlichen Aktivitäten verstanden werden, ungeachtet der Durchführungskon­texte.

Bildungsprozesse und Bildung: Bildung zielt ausgehend von „individuellen Möglichkeiten und Wünschen, Vorlieben und Abneigungen des Einzelnen. auf die Lebensgestaltung des Subjekts.“ (Neuber 2010, S. 17). Im Kontext von Sport fokussiert sie darauf, das Individuum in die Lage zu versetzen, „sich in der Vielfalt sportlicher Angebote zurecht zu finden, einen eige­nen Standpunkt zu begründen und Bewegung, Spiel und Sport sinnvoll in seinen Lebensalltag zu integrieren“ (ebd.). Außerdem können Heranwachsende durch ihr Sporttreiben weitere Kompetenzen wie z. B. Durchsetzungs-, Anpassungs- und Kommunikationsvermögen erler­nen (vgl. Neuber 2010, S. 21). Grundlage sind Bildungsprozesse, die Heranwachsenden durchlaufen müssen, in denen die körperlichen und geistigen Anlagen geweckt werden, in denen sie Erkenntnisse und Erfahrungen sammeln können und in welchen sie Kontakt auf­nehmen zu anderen Menschen und von und miteinander lernen (vgl. Textor 1999, S. 527 ff.). Bezogen auf Sport bedeutet das, dass diese Bildungsprozesse dann stattfinden, wenn Kinder die Möglichkeit bekommen, sportbezogene Erfahrungen zu machen, indem sie beispielsweise von ihrem sozialen Umfeld ermutigt werden, Sport zu treiben und gleichzeitig die Gelegenhei­ten dazu bekommen. Dabei ist es unerheblich, ob das Sportreiben innerhalb oder außerhalb formaler Arrangements erfolgt (vgl. Neuber 2010, S. 19). Diese Hausarbeit bezieht sich auf Humboldts Bildungsverständnis, der Bildung als die vielseitige Entfaltung der individuellen An­lagen, in ständiger Wechselwirkung zwischen Subjekt und Welt versteht (vgl. Humboldt et al. 1795/2002, S. 64). Die ganzheitliche Bildung des Menschen geht über den reinen Wissenser­werb hinaus und findet in der Auseinandersetzung mit dem Medium Welt statt. Sporttreiben kann bereits im frühen Kindesalter die individuellen Anlagen wie z. B. Visuomotorik und Kör­perkoordination fördern und ist im Hinblick auf eine erfolgreiche Bildungsbiografie, die Lebens­chancen ermöglicht und eröffnet, grundlegend (vgl. Keßler 2013, S. 3; Strohmeier und Alic 2006, S. 44). Ein wichtiger Bestandteil der Lebenschancen ist Gesundheit, die auch auf lang­fristiger Sportpartizipation beruht, für die jedoch notwendig ist, die fundamentale Bedeutung des Sports bereits im Kindes- und Jugendalter zu internalisieren und zu lernen, ihn entspre­chend der individuellen Präferenzen zum festen Bestandteil des Lebens werden zu lassen. Theoretischer Bezugsrahmen - Soziale Ungleichheit (S. U.): Stefan Hradil spricht von S. U. „wenn Menschen aufgrund ihrer Stellung im sozialen Beziehungsgefüge von den ,wertvollen Gütern‘ einer Gesellschaft regelmäßig mehr als andere erhalten" (Hradil 2001, S. 30). Die S. U. stellt sich als relativ dauerhafter Zustand einer Gesellschaft dar, in dem die Individuen oder Gruppen von ihnen infolge ihrer differenten gesellschaftlichen bzw. sozialen Position in kont­rärer Weise über „wertvolle Güter" (z. B. Macht, Prestige, materiellen Wohlstand, Bildung) ver­fügen können (ebd., S. 28 ff.). Bourdieu entwarf in seinen Arbeiten zur S. U. das Konstrukt des sozialen Raumes als theoretisches Abbild der Gesellschaft, in dem Individuen nach Höhe und Ausprägung ihrer Kapitalausstattung an der Stelle positioniert sind, die sich als „... als Stellung innerhalb einer Rangordnung" offenbart, sodass Menschen mit etwa gleichwertiger Kapital­ausstattung ähnlichen Positionen im sozialen Raum innehaben (Bourdieu 1991, S. 26). Er er­mittelte vier Kapitalsorten, wobei er Kapital formulierte als akkumulierte Arbeit in materieller Form oder in verinnerlichter Form: ökonomisches Kapital in Form von materiellem Besitz, so­ziales Kapital (z. B. Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen), objektiviertes kulturelles Kapital (z. B. kulturelle Güter), inkorporiertes kulturelles Kapital (z. B. durch Lernen erworbene Fähigkeiten), institutionalisiertes kulturelles Kapital (z. B. Bildungszertifikate) und symbolisches Kapital, wel­ches die anderen lediglich umrahmt und befördern kann (vgl. Bourdieu 1983, S. 183 ff.). Indi­viduen, die ähnliche Positionen im sozialen Raum innehaben, verfügen über einen vergleich­baren Habitus, den Bourdieu definiert als: „Systeme dauerhafter Dispositionen, strukturierte Strukturen, die geeignet sind, als strukturierende Strukturen zu wirken, mit anderen Worten: als Erzeugungs- und Strukturierungsprinzip von Praxisformen und Repräsentationen" (Bour­dieu 1979, S. 165 ff.). Dispositionen resultieren aus den objektiven Strukturen innerhalb derer Menschen sozialisiert werden und reproduzieren sich gleichzeitig durch die „von ihnen erzeug­ten kognitiven und motivationalen Strukturen" (ebd., S. 183). Der so „erzeugte" Habitus struk­turiert das aktuelle und zukünftige Fühlen, Denken und Handeln und stellt eine Verbindung zwischen Individuum und Gesellschaft dar und ist eine Brücke zwischen Position im sozialen Raum und Bildungserfolg mit der Folge, dass „Bildungswege gerade nicht das Resultat indivi­dueller Wahl sind, sondern Effekte der Positionierung im sozialen Raum, die ... objektive Mög­lichkeitsräume abstecken und ,Laufbahnen‘ vorstrukturieren" (Dausien 2014, S. 44). Neben den genannten vertikalen Dimensionen der S. U. ist es wichtig, deren horizontalen Dimensio­nen zu berücksichtigen, denn sie ist ein hochkomplexes, mehrdimensionales Gebilde, dessen vertikale und horizontale Dimensionen meist nicht isoliert auftreten, da sie oft im Zusammen­hang stehen, sich bedingen und verstärkten können (vgl. Albert et al. 2017, S. 111). Zu den horizontalen Dimensionen zählen Merkmale wie Geschlecht, Alter, ethnische Herkunft oder auch regionale Gegebenheiten des Wohnsitzes (Albert et al. 2017, S. 85). S. U. hat zur Folge, dass Kinder und Jugendliche in einem System vorgegebener Strukturen aufwachsen, welches bereits Kraft ihrer Geburt beeinflusst, wie sie künftig denken, interagieren, welche Möglichkei­ten und Bildungschancen sie haben. Ein im Zusammenhang mit der Position in der sozialen Hierarchie und auch in vorliegenden Studien genutzter Begriff, ist der des sozioökonomischen Status (SoS), der die Ausprägung von Ungleichheitsmerkmalen wie z. B. Bildung, Einkommen, Beruf einer Person bzw. deren Herkunftsfamilie umfasst(vgl. Ditton und Maaz 2011, S. 193).

2 Forschungsstand auf der Grundlage von drei ausgewählten Studien

Die Darstellung des Forschungsstandes erfolgt anhand drei ausgewählter Studien. Studie I und II beruhen auf einem längsschnittlich angelegten Forschungsdesign, das die Sportpartizi­pation von Kindern und Jugendlichen besser abbilden kann, als es querschnittliche Untersu­chungen vermögen, da die Sportteilhabe oft in einem diskontinuierlichen Entwicklungsprozess erfolgt. Aufgrund des hohen Aufwandes werden Längsschnittstudien zu dieser Thematik je­doch selten durchgeführt (vgl. Gerlach und Brettschneider 2013, S. 8). Studie III zur Gesund­heit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland (KiGGS) beinhaltet Daten von Heranwach­senden aus dem gesamten Bundesgebiet und enthält neben querschnittlichen Daten mit der KiGGS-Kohorte auch Werte einer längsschnittlichen Untersuchung.

2.1 Studie I: Sportengagement sozial benachteiligter Jugendlicher

Mit der 2015 fertiggestellten Studie möchte Katrin Albert ein Problembewusstsein dafür schaf­fen, dass Jugendliche ein hohes sportliches Interesse besitzen, dessen Umsetzung aber in Abhängigkeit von verschiedenen Faktoren variiert (vgl. Albert et al. 2017, S. 6). Aufgrund der unter 1.2 erwähnten Problematik und der Subjektivität des individuellen Sportverständnisses, kann auch diese Studie keine trennscharfe Sportbegriffsdefinition liefern (vgl. Albert et al. 2017, S. 31). Dennoch ist sie für die Beantwortung der Forschungsfrage von großer Relevanz, da der Blickwinkel auf sozial benachteiligten Jugendlichen liegt und damit auf einer von S. U. stark negativ determinierten Gruppe (ebd., S. 111). Ferner geht sie von breit gefächerten Sportsettings aus, sodass verpflichtend und freiwillig stattfindende körperliche Aktivitäten be­rücksichtigt werden, was dem Sportverständnis der Hausarbeit sehr nahekommt (ebd., S.32). Zielsetzung und Fragestellung: Ausgangspunkt ihrer Arbeit ist die „Zielvorstellungen einer gerechten Gesellschaft mit gleichen Zugangschancen, Partizipations- und Entwicklungschan­cen für alle" (ebd., S. 20). Da auch die BRD von diesem Ziel weit entfernt ist, möchte die Autorin im Handlungsfeld Sport die Chancen sozial benachteiligter Jugendlicher offenlegen (ebd.). Sie betrachtet die Sportpartizipation der Jugendlichen nicht isoliert, sondern nimmt eine subjektzentrierte Perspektive ein, die es ermöglicht, bereits durchlaufene Entwicklungs- und Sozialisationsprozesse und aktuelle Lebensbereiche der Jugendlichen zu beleuchten (ebd., S. 21). Anschließend untersucht sie das aus diesen Prozessen und den persönlichen Gege­benheiten entstandene Sportengagement. Sie grenzt ihre Arbeit auf folgende vier Fragen ein: wie partizipieren Jugendliche mit Hauptschulbildung am Sport, wie und warum finden diese Jugendliche Zugang zum Sporttreiben, welche Faktoren fördern oder behindern die längerfris­tige Sportteilhabe und welche Entwicklungschancen und -risiken birgt diese Sportpartizipation (ebd., S. 116 ff.). Mit dem generierten Wissen möchte sie die Interaktionen der Jugendlichen deutend verstehen und ermöglichen, zukünftiges pädagogisches Handeln auf die konkreten Erfordernisse sozial benachteiligter Jugendlichen abzustimmen, um dadurch die Vorausset­zungen für deren langfristige Sportteilhabe zu schaffen (ebd., S. 118).

Forschungsdesign: Über die Sportbeteiligung von Hauptschülern lagen kaum wissenschaft­liche Forschungsergebnisse vor, daher wurde ein exploratives Vorgehen präferiert. Die Autorin führte, an die Methodik der qualitativ-interpretativen Sozialforschung anknüpfend, qualitative leitfadengestützte episoden- und themenfokussierte Interviews durch (ebd., S. 20 ff.). Vom Dezember 2003 bis zum August 2006 interviewte sie in fünf halbjährlichen Erhebungswellen anfangs 14 Hauptschüler*innen einer Leipziger Plattenbausiedung. Das Alter der Jugendli­chen schwankte zu Beginn der Befragung zwischen 12 und 14 Jahren. Die Interviewdauer betrug anfänglich ca. 45 Minuten, wurde im Erhebungsverlauf den Erfordernissen: „Erzählfreu­digkeit und Konzentrationsfähigkeit“ der Befragten angepasst und dauerte schließlich bis zu drei Stunden (ebd., S. 146). In den Interviews waren die Jugendlichen aufgefordert, Angaben zu ihrer Freizeitgestaltung insb. zum Sportverhalten zu machen (ebd., S. 147). Die so gewon­nen 63 Transkripte, lediglich neun Jugendliche (vier weibliche, fünf männliche) nahmen voll­ständig an den Interviews teil, wurden einer themenzentrierten komparativen Analyse in An­lehnung an das mehrschrittige Auswertungsvorgehen nach Christiane Schmidt (1997), unter­zogen (ebd., S. 133 ff.).

Zentrale Ergebnisse: Vorab ist anzumerken, dass in dieser Studie explizit Hauptschüler*in- nen befragt wurden, d. h., es handelt sich um Angehörige einer mehrfachbenachteiligten Grup­pe, die über ein niedriges Bildungsniveau verfügen, das häufig mit dem niedrigen Bildungsni­veau der Eltern korreliert, sie gehören einer niedrigen sozialen Schicht an, ihre Eltern sind teilweise arbeitslos, das resultierende Einkommen ist gering, sodass sie in einer unterprivile­gierten Wohngegend leben (ebd., S. 111). Grundsätzlich besteht bei den Interviewten großes Interesse an den verschiedensten Sportsettings, welches aber oft mit circa 15 Jahren nicht mehr wie zuvor in sportliche Aktivitäten mündet, was sich besonders im formellen Sportenga­gement niederschlägt (ebd., S. 571). Formeller Sport ist für die Jugendlichen u. a. verbunden mit Leistungsorientierung, Verbindlichkeit und Pflicht, während informelles Sporttreiben eher mit Kontakt, Unverbindlichkeit und Freiheit assoziiert wird, was dazu führt, dass lediglich die sportkompetenten Jugendlichen aus beiden Settings persönlichen Gewinn ziehen und daran partizipieren, während sich die weniger sportkompetenten Jugendlichen aus Gründen ihrer physischen und psychischen Sicherheit zunehmend daraus zurückziehen und/oder sich auf informelle Sportsettings beschränken, in denen sie sich kompetent erleben (ebd., S. 572). Da­raus ergeben sich für die Jugendlichen zwei Konsequenzen. Sie können nicht an sportbezo­genen Entwicklungs- und Bildungsprozessen partizipieren und es beginnt ein Teufelskreis, da sie auch als Sportpartner nicht mehr nachgefragt werden, mit der Folge, dass ihnen der Wie­dereinstieg zusätzlich erschwert wird (ebd.). Das erwähnte große Interesse am Sporttreiben der Befragten ist für sie umso schwerer umzusetzen, je ungünstiger ihre sportlichen Vorerfah­rungen sind (ebd., S. 573). Gerade diese Jugendlichen sind dann auf äußere Anstöße der Bezugspersonen angewiesen, die jedoch von Eltern und Lehrern meistens ausbleiben und auch die sportkompetenten Freunde werden im Altersverlauf weniger, da sie sich einem eher sportaffinen Freundeskreis zuwenden (ebd.). Weitere Umsetzungshindernisse sind räumli­chen Gegebenheiten wie z. B. wenig öffentliche Sporträume oder ein nicht vorhandenes eige­nes Zimmer, in dem ungestört Sport getrieben werden kann (ebd., S. 574). Extrem erschwe­rend wirken negative Kompetenzerlebnisse aus dem Sportunterricht, verbunden mit schlech­ten Zensuren (ebd.). Erlebnisse, die z. T. darauf beruhen, dass die Jugendlichen einige Sport­arten dort zum ersten Mal ausführen, da sie von den Eltern nicht vermittelt wurden (ebd.). Dieses Erleben führt dazu, dass Jugendliche keinen Spaß mehr am Sport empfinden und sich abwenden (ebd.). Mangelnde Informationen z. B. von Eltern oder Peers über sportliche Mög­lichkeiten, nicht ausreichende eigene Kompetenzen zur Informationsbeschaffung, daraus re­sultierende Vorurteile der Jugendlichen sowie ausbleibende ökonomische Unterstützung des Elternhauses stellen weitere hinderliche Faktoren dar (ebd., S. 575). Obwohl die Autorin an­merkt, dass primär nicht die ökonomischen Faktoren über die Partizipation entscheiden, da die meisten informellen Sportarten mit vergleichsweise geringem Kosteneinsatz durchführbar sind (ebd.). Ursächlich für die langfristige Sportpartizipation der Jugendlichen sind psycholo­gischen Bedürfnisse und das soziale Umfeld, sodass die Sportteilhabe beendet wird, wenn diese Bedürfnisse nicht ausreichend befriedigt werden (ebd., S. 577). Obwohl auch formelle Sportangebote reizvoll bleiben, gelingt den Befragten nur dann der Wiedereinstieg, wenn sie die sportlichen Voraussetzungen erfüllen und über ein soziales Umfeld verfügen, dass ent­sprechenden sportlichen Leistungen „anerkennend, wertschätzend und fehlertolerant“ gegen­übersteht (ebd.). Eine wichtige Grundlage stellen sportaffine Eltern dar, die in einer positiv geprägten Beziehung mit ihren Kindern leben, die ihnen in Sozialisations- und Erziehungspro­zessen die notwendigen Werte und Haltungen vermitteln sowie ihren Kindern die erforderliche finanzielle, informationelle, materielle und emotionale Unterstützung geben (ebd., S. 579). Be­zugnehmend auf die Fragestellung dieser Hausarbeit können Kontexteffekte zwischen sozia­lem Status und Sportpartizipation der befragen Hauptschüler konstatiert werden. Die Sportteil­habe variiert in Abhängigkeit zur Ausprägung des jeweiligen sportbezogenen familiären Habi­tus, des sozialen Umfeldes, der materiellen Grundlagen, der Wohnsituation sowie der kogniti­ven und sportlichen Kompetenzen der Jugendlichen selbst, wobei deren zunehmendes Alter zusätzlich erschwerend wirken kann.

2.2 Studie II: Aufwachsen mit Sport - Paderborner „SET“-Studie

Die im Jahr 2013 von Wolf-Dietrich Brettschneider und Erin Gerlach veröffentlichte Studie „Auf­wachsen mit Sport" fokussiert die Sportpartizipation von Heranwachsenden im organisierten Vereinssport (vgl. Gerlach und Brettschneider 2013, S. 13). Sie basiert auf der „Paderborner Kinderstudie ,Sportengagement und Entwicklung von Kindern. Eine Evaluation zum Paderbor­ner Talentmodell (SET)‘" (ebd., S. 52). Sie umfasst einen Erhebungszeitraum von 10 Jahren, betrachtet „den Zusammenhang zwischen motorischer und psychosozialer Gesundheit von Kindern und Jugendlichen" (ebd., S. 8). Trotz der Fokussierung auf den Vereinssport ist die Studie für die Hausarbeit von großer Relevanz, da sie aufgrund des langen Untersuchungs­zeitraumes gut geeignet ist, die Entwicklung der Sportpartizipation der Heranwachsenden dar­zustellen. Außerdem setzt sie bereits im Kindesalter der Befragten an und kann daher offene Entwicklungsprozesse in der Sportteilhabe der Übergänge vom Kindes- zum Jugendalter und im Übergang in das sekundäre Bildungssystem zeigen (ebd., S. 12 f.).

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Sportpartizipation als Bestandteil von Bildungsprozessen von Schüler/innen im Kontext sozialer Ungleichheit in Deutschland
Hochschule
FernUniversität Hagen  (KSW)
Note
1,3
Autor
Jahr
2021
Seiten
22
Katalognummer
V1019542
ISBN (eBook)
9783346412669
ISBN (Buch)
9783346412676
Sprache
Deutsch
Schlagworte
sportpartizipation, bestandteil, bildungsprozessen, schüler/innen, kontext, ungleichheit, deutschland
Arbeit zitieren
Anita Selter (Autor:in), 2021, Sportpartizipation als Bestandteil von Bildungsprozessen von Schüler/innen im Kontext sozialer Ungleichheit in Deutschland, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1019542

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