Schulbuchanalyse des Buches "Geschichtsbuch für die deutsche Jugend"


Hausarbeit, 2001

13 Seiten


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1. Vorwort

Die Zeit des nationalsozialistischen Regimes ist mit Sicherheit eine der interessantesten Zeiten für den Historiker. Obwohl diese Zeit im Vergleich zum Rest der Geschichte nur kurz dauerte, wirft sie doch genauso viele Fragen auf wie viele andere, deutlich längeren Zeitspannen der Geschichte. Wer beteiligte sich an den Verbrechen des NS-Regimes, warum verlor Hitler den Krieg, wie schaffte man es so eine menschenverachtende Ideologie zu verbreiten und unzählige Anhänger zu finden, warum war der Hass auf das jüdische Volk so groß? Das sind nur einige der unzähligen Fragen, die uns Historiker beschäftigen.

Im Bereich der Geschichte, unserer eigenen Wissenschaft, interessiert uns natürlich auch, wie die Nationalsozialisten die Geschichte sahen. Wozu diente sie ihnen, warum wollten sie Geschichte betreiben? Wie lehrten sie Geschichte? Wenn man sich ein wenig mit der Geschichtswissenschaft beschäftigt, stellt man fest, dass auch sie, wie andere Wissenschaften, zum Beispiel die Biologie, sehr gut geeignet ist die Ideologie der NSDAP zu verbreiten. Man kann sie benutzen um die Rassenlehre zu erklären, um die Großartigkeit des deutschen Herrenvolkes herauszustellen und um Ansprüche auf die Weltherrschaft zu legitimieren. An diesem Schulbuch interessierte mich besonders, wie das Regime seine Ideologie bereits in der Schulzeit der Jugend näher brachten, wie sie die Kinder zu “guten“ Deutschen erziehen wollte. Wie wird diese menschenverachtende Ideologie verkauft? Wie wurde der 2. Weltkrieg legitimiert?

Die Grundfrage lautet also: Gibt es in diesem Schulbuch Elemente der nationalsozialistischen Ideologie und wie wird diese der Jugend näher gebracht? Natürlich sind auch andere Frage interessant, wie sich zum Beispiel die Didaktik in dem 60 Jahre alten Schulbuch von unserer heutigen Didaktik unterscheidet. Ich hoffe in dieser Analyse diese Fragen gut und erschöpfend beantworten zu können. Für mich war es eine sehr interessante Aufgabe dieses Buch zu lesen und dabei zu überlegen, wie die Schüler damals davon beeinflusst wurden. Nach der Lektüre des Buches war es mir verständlicher, wie so viele Menschen auf die Versprechungen Adolf Hitlers hereinfielen und meine Beurteilung und Verurteilung der damaligen Zeit und der Mitläufer dieser Zeit hat sich geändert.

2. Über das Schulbuch

In dieser Analyse werde ich das Schulbuch „ Geschichtsbuch für die deutsche Jugend“ für die fünfte Klasse behandeln.

Es ist die dritte Auflage dieses Werkes aus dem Jahre 1943, geschrieben von den Autoren B. Kumsteller, U. Haacke und B. Schneider unter der Mitarbeit von G. Ottmer. Verlagsort ist Leipzig. Für die „Ostmark“ ist der Verlagsort Wien.

Leider war es mir nicht möglich über die Autoren eine Biographie zu finden, allerdings konnte ich einen Überblick über ihre anderen Werke bekommen. B. Kumsteller hat, außer dem „Geschichtsbuch“ für die deutsche Jugend“ in mehreren Auflagen und für mehrere Klassen, nichts verfasst. Dieses Geschichtsbuch dürfte sein Lebenswerk gewesen ein. Bei den Autoren U. Haacke und G. Ottmer wurde ich auch bei der Suche nach anderen Werken nicht fündig.

Anders so bei B. Schneider. Diese Suchergebnisse waren für mich sehr interessant. Weitere Bücher von ihm waren:

Einführung in die Neuere Geschichte. - 967.880, Ex.b, 1974

Die Revolution der Barfüssigen, 1986

Pius der Zwölfte, 1968

Sprachliche Lernprozesse, 1978

A 5-steps-method to modify behaviour in accident-incident-concentrations, Frankfurt/Main 1966.

Hier habe ich nur diese Bücher zitiert, die nach 1945 verfasst wurden.

Diese Liste brachte mich auf einen interessante und wichtige Frage. Dürfen Autoren, die Propagandamittel und Bücher, zur Verbreitung der nationalsozialistischen Ideologie beitrugen, weiter Bücher schreiben, oder hätte man ihnen ein Schreibverbot erteilen müssen?

Diese Fragen haben sich sicher auch die Verantwortlichen nach dem Krieg gestellt und offensichtlich haben sie damit beantwortet, dass ein Schreibverbot nicht verhängt wurde. Meines Erachtens nach, kann man nicht alle verdammen, die für das Regime arbeiteten, viele taten es nicht freiwillig. Allerdings halte ich es für unverantwortlich, dass Leute, die Ideologie der Nationalsozialisten verbreiteten, wie es in einem Schulbuch der Fall war, auch weiterhin Lehrbücher verfassen konnten oder im Lehrberuf tätig sein durften.

Im Falle von B. Schneider kann ich nicht sagen, ob er gezwungen wurde mitzuarbeiten, oder ob er es freiwillig tat. Fakt ist, dass er im Jahre 1974 eine Einführung in die Neuere Geschichte schrieb und möglicher Weise auch untererrichtete. Mir stellt sich die Frage, ob so jemand über die Zeit des Nationalsozialistischen Regimes und den 2. Weltkrieg so wertfrei berichten kann, dass es für den Unterricht wertvoll ist. Darf ein Mitläufer, oder vielleicht sogar ein Anhänger, einer so menschenverachtenden Ideologie jungen Menschen etwas über Geschichte beibringen?

3. Was ist Geschichte und wozu dient Geschichte?

Winfried Schulze, ein deutscher Historiker, macht eine Unterscheidung der Geschichtsbegriffe in „Geschichte“ und „Geschichtswissenschaft“. Geschichte definiert er erstens als die Tat bzw. das Ereignis und zweitens als den Bericht oder die Erzählung von dem, was geschehen ist. Drittens versteht er darunter die Geschichtskunde oder die wissenschaftlich betriebene Form der Geschichtsschreibung.[1]

Den Begriff von Geschichte, den die Autoren des Schulbuches bzw. das Nationalsozialistische Regime hatten, ist nicht so klar zu definieren, da weder ein Vorwort noch ein Lehrplan vorhanden ist, in dem der Geschichtsbegriff definiert wird. So bleibt nur der Inhalt des Schulbuches für die Definition von Geschichte. Primär zu erkennen ist der Inhalt, den die Geschichte laut den Autoren hat. Sie ist Ereignis- und Personengeschichte. Ob Geschichte etwas feststehendes ist, ob es in der Geschichte immer so kommen musste, wie es kam, lässt sich nicht feststellen. Alternativen, wie die Geschichte anders hätte ausgehen können werden nicht offensichtlich dargeboten. Betrachtet man allerdings die Schuldzuweisungen, welche die Autoren so freizügig verteilen, kann man erkennen, dass sie der Auffassung sind, dass es nicht so schlimm gekommen wäre, wären diese Schuldigen nicht anwesend gewesen.

In der Personengeschichte werden die deutschen Männer hervorgehoben und sie werden als Vorbilder dargestellt, als gute und als schlechte. Es wird indiziert, dass man sich so verhalten muss bzw. nicht verhalten darf, wie diese einzelnen Personen es vorgelebt haben.

Ein großes Kapitel im dem Buch wird Otto Fürst von Bismarck gewidmet. Er wird als der Retter Deutschlands dargestellt. Ihm wird eine unbändige Liebe zum Deutschen Vaterland nachgesagt. So lautete der letzte Satz in dem 11. Kapitel mit Namen:“ Bismarcks Entlassung (1890)“:

„Noch in seiner letzten Krankheit betete er laut um den Schutz für die Sicherheit des Reiches. Am 30. Juli 1898 schloß er die Augen für immer.“[2]

Bismarck ist der „Paradedeutsche“. Obwohl er aus der Oberschicht kommt, kümmert er sich hauptsächlich um das deutsche Volk und das deutsche Vaterland. Seine Motive sind nicht niedere Profitgier oder Machtgier. Weiters kann er dem demokratischen Parteiensystem, welches von den Nationalsozialisten und auch offenbar von den Autoren des Buches extrem gehasst wurde, nichts abgewinnen und duldet es nur als Mittel zum Zweck. Ein Zitat zeigt diese Ansicht der Autoren sehr gut:

„Dabei sah sich Bismarck auf Parlament und Parteien angewiesen. Tiefe Gegensätze klafften zwischen ihm und ihnen. Er wurzelte im Preußentum, sie waren Erben der Französischen Revolution; er schuf, sie kritisierten; er glaubte an das Führertum, sie versteckten sich hinter der Mehrheit; er war ein großer Tatenmensch, sie waren häufig genug verrannte Theoretiker; er dachte nur an den Staat, sie nur an sich.[3] Alles in allem war Bismarck für die Autoren der Deutsche Mann, an dem man sich orientieren sollte.

Der Gegensatz zu Bismarck war Kaiser Wilhelm II., das Beispiel, wie man sich als Deutscher nicht verhalten sollte. Die Verfasser des Buches stellten ihn als unfähigen Staatsmann und Schwächling dar:

„Der junge Kaiser versteht es, durch Liebenswürdigkeit zu bezaubern, dann aber ist er verletzend und unnahbar. Unruhig und sprunghaft ist er, heute hier, morgen dar. Alles fasst er an, er will Staatsmann und Soldat, Seemann und Landwirt, Jäger und Künstler sein. Aber nirgends dringt er in die Tiefe und doch glaubt er alles zu verstehen. (...) Nach außen zeigt er sich gern als schneidiger, draufgängerischer Offizier. In Wirklichkeit aber ist er ängstlich und unentschlossen. Darum kann er die unangenehme Wahrheit nicht ertragen, sondern liebt Schmeichler und Schönfärber; aufrechte Naturen kann er nicht gebrauchen. So war der Monarch, der den Thron Wilhelms I. bestieg.“[4]

Wilhelm II. war es, der Bismarck, den Mann, der das Deutsche Volk, den Deutschen Staat liebte und es einigte, entließ. Er brachte das Land zu einer Scheinblüte[5] und führte es zu einem inneren Machtverfall. Durch ihn und durch seine Politik wurde der Deutsche Staat in den 1. Weltkrieg getrieben. Dadurch kam der Schachfriede von Versailles zu Stande. Nach Meinung der Verfasser hat Wilhelm II. viel Schuld an der Misere, die Deutschland nach dem 1. Weltkrieg erlitt und aus der Hitler das Land wieder hinausführte. Er ist das negative Beispiel, wie ein aufrechter Deutscher Mann sein sollte.

Der zweite Mann, der Vorbild für die Deutschen sein sollte, war Adolf Hitler. Ein Mann, dem das Deutsche Vaterland über alles geht. Traurig ist er darüber, dass er in Österreich geboren ist, und dass sein Geburtsland nicht dem deutschen Vaterlande angehört. In dem Buch wird Hitlers Jugend beschrieben. Wie er ob seiner Überzeugung geächtet wurde, wie er alle Schwierigkeiten überwand und ins Reich heimkehrte und wie er sich seinen Wunsch, Künstler zu sein selbst erfüllte. Wie Hitler sich schließlich entschied für seine Überzeugung zu kämpfen, wie er Parteimitglied wurde und die Partei an die Macht führte. Alle diese „großartigen“ Taten werden mit schönen nicht zu beweisenden Anekdoten untermalt, wie zum Beispiel am 9. November 1923 vor der Feldherrenhalle: „Adolf Hitler hebt trotz seiner Verletzung einen verwundeten Jungen hoch und schleppt ihn in ein Auto.“[6] So wird er als leuchtendes Vorbild, als Führer für sein Volk, an das er glaubt und für das er alles tut, dargestellt. Man kann sogar sagen, dass er fast als Messias dargestellt wird. In der tiefsten Krise des deutschen Volkes kommt er aus armer Familie und führt das Volk ins „gelobte Land“, den Nationalsozialismus.

Aber nicht nur historische Persönlichkeiten sollen zeigen wie man sein soll oder nichts ein soll, auch die unbekannten „Helden“ werden glorifiziert. Die werden geehrt, die für das Vaterland, für das Deutsche Volk, für die nationalsozialistische Bewegung gestorben sind. So ist am Ende des Buches das Bild einer Tafel mit dem Hakenkreuz, dem Adler und den Initialen der NSDASP und der Inschrift:“ Am 9. Nov. 1923 fielen vor der Feldherrenhalle sowie im Hof des Kriegsministeriums folgende Männer im treuen Glauben an die Wiederauferstehung ihres Volkes:“ Hiernach werden alle aufgezählt, die gestorben sind für die nationalsozialistische „Bewegung“. Darüber steht groß Hitlers Ausspruch:“ Und ihr habt doch gesiegt“[7] So lässt Hitler die Illusion entsehen, er tut all dies nur für das Volk und das Vaterland. Er gibt sich als uneigennützig und aufopferungsvoll für sein Land. Der Führerkult wird da ganze Buch hindurch propagiert. Hitler sei ein großer deutscher Mann und man müsse ihm folgen bis in den Tod.

Aber die Geschichte wird nicht nur mit Hilfe von historischen Persönlichkeiten erzählt, auch große Ereignisse der Vergangenheit werden zum Erzählen der Geschichte herangezogen. Sie werden oft, wie die Persönlichkeiten, dazu herangezogen um darzustellen, wie man sich verhalten sollte. Der Heldenmut wird oft propagiert. Diese Ereignisse geben auch die Erklärung, wie es zu der damaligen Situation kam. Sie werden als Fixpunkte der Geschichte dargestellt, die zu dieser Situation, zu diesem Krieg führten.

Besonders herausgestellt wird, besonders bei den Persönlichkeiten, der Heldenmut. Das Kämpfen und Sterben fürs deutsche Vaterland und für das deutsche Volk wird über alles gestellt. Vor allem bei der Beschreibung der Schlachten des 1. Weltkrieges wird dieser Heldenmut betont und die Dolchstoßlegende wird geschaffen. Ein Beispiel dafür ist das Betonen der Unbesiegtheit der Deutschen Truppen in Afrika unter dem Kommando von Lettow-Vorbeck:

„So konnte Lettow-Vorbeck die Kolonie bis 1916 vom Feinde gänzlich frei halten, bis die Gegner von allen Seiten, von der Küste, von Norden und Süden anrückten. Über ein Jahr hielt er den Gegner hin, überraschte ihn durch Überfälle, rieb ganze Regimenter auf und stellte durch erbeutete Waffen seine Kampfkraft immer wieder neu her. (...) Von Lettow-Vorbeck schlug sich abermals durch und wandte sich nach Rhodesien. Hier hatte er noch am 12. November 1918 eine starke englische Abteilung geschlagen. Am Tage darauf traf die Nachricht vom Waffenstillstand ein, und am 25. November musste die unbesiegte Heldenschar die Waffen strecken, weil die Heimat zusammengebrochen war.“[8]

Wie gesagt gaben die Autoren der schwachen Regierung in der Heimat die Schuld an der Niederlage. Ein weiterer Schuldiger an der Niederlage war Österreich-Ungarn und im speziellen Kaiser Karl I. bzw. seine Frau Zita. Man warf Österreich vor einen Sonderfrieden zu schließen und dem Feinde den Durchmarsch durch Österreich zu gewähren um Deutschland entgültig zu besiegen.

„Kaiser Franz Joseph hatte jederzeit treu zum Bündnis gehalten. Aber der junge Kaiser war unter dem Einfluß seiner deutschfeindlichen Frau des Bündnisses überdrüssig und dachte nur and die Rettung der Dynastie, selbst auf Kosten Deutschlands;(...) Alsdann ließ er hinter dem Rücken seiner Minister zwei Brüder seiner Frau, belgische Offiziere, nach Wien kommen und gab ihnen einen Brief an Poincare mit, in dem er einen Sonderfrieden anbot.“[9]

Aber so sehr die Verfasser den Kaiser und seine Friedensbemühungen verachteten, so sehr lobten sie den Heldenmut der Deutschen Volksgruppe in Österreich. Besonderen, Deutschen Heldenmut sahen sie bei den Isonzoschalchten, wo die Österreichischen Truppen sich lange gegen die Italiener wehrten und nicht nachgaben und um jeden Berggipfel kämpften.

„Als dann die Angreifer, 15 frische Divisionen auf wenig mehr als 25 Kilometer Front hervorbrachen, da fasste sie die treffsichere österreichische Artillerie, und die wirklich in die österreichischen Stellungen einbrachen, warfen die Ostmärker und Bosniaken mit Handgranaten und Bajonett wieder hinaus. Tag für Tag stürmten die Italiener, immer neue Truppen setzten sie ein, aber immer vergeblich. Nach wenigen Ruhetagen traten sie zur zweiten Isonzoschlacht an, eine dritte, eine vierte folgte. Aber die Verteidiger leisteten Übermenschliches. Hier auf dem blutgetränkten Boden des Karstes erfüllten noch einmal die Völker der Monarchie ihre soldatische Pflicht.[10] Solche Beschreibungen der Schlachten des 1. Weltkriegs findet man bei fast jeder Schlacht. Immer wird der Deutsche Heldenmut, die Deutsche Vaterlandsliebe und Pflicht hervorgehoben. Ähnliches kann man auch bei Beschreibungen von Ereignissen beobachten, die den Machtwechsel zu Gunsten der Nationalsozialisten herbeiführten. Pflichtgefühl für Volk und Land wird immer wieder betont. Kein aufrechter Deutsche Recke tut etwas für sich selbst. Nur aus Pflicht für Führer, Volk und Vaterland.

Wozu dient nun Geschichte nach Auffassung in diesem Schulbuch? Offizielle Definitionen konnten auch hier nicht eruiert werden. Allerdings, wie bereits gesagt, dürften die offiziellen Ansichten von den wahren stark abweichen.

Die wahren Absichten sind aus heutiger Sicht klar zu erkennen. Geschichte dient zur Identitätsgewinnung als Deutsches Volk. Geschichte soll den Herrschern helfen ihren Machtanspruch zu legitimieren. Sie soll den Sinn des Krieges darlegen und das Volk dazu bringen weiter das Regime zu unterstützen ohne Fragen zu stellen. Geschichte in der Schule soll schon die Jugend auf die Ideologie der Nazis einschwören. Geschichte legitimiert den Rassenhass und die Verfolgung und Vernichtung bestimmter Gruppen.

Wie sich die Ideologie in dem Schulbuch äußert werde ich noch später genauer erläutern.

4. Räumliche-, Zeitliche- und Aspektgliederung der Geschichte

Eine genaue Gliederung des Buches kann man nicht erkennen. Das Schulbuch teilt die Geschichte hauptsächlich zeitlich, vom Ende des 18. bzw. Anfang des 19.

Jahrhunderts bis in die damalige Gegenwart, also bis 1943. In der zeitlichen Abfolge werden immer wieder Aspekte der Geschichte herausgehoben und beschrieben oder die Autoren gehen auf Probleme bestimmter Regionen in dieser Zeit ein.

Am Beginn des Buches wird Bezug genommen auf die Industrielle Revolution und wie diese die Wirtschaft beeinflusst hat. Zeitliche Gliederung liegt hier kaum vor, es wird primär eine Aspektlicht Gliederung vorgenommen, der Aspekt der Wirtschaftsgeschichte wird hier erklärt, und in dieser Aspektgliederung wird eine Regionale Gliederung vorgenommen, und zwar wird die Wirtschaft vor allem in Deutschland und teilweise auch in England und Frankreich vorgestellt. Danach wird der Aspekt der „Feinde“ bzw. der „Drohenden Gefahren“ der deutschen Wirtschaft beschrieben. Hierbei lässt sich sehr gut die Ideologie des Nationalsozialismus erkennen, zu deren Verbreitung dieses Schulbuch offensichtlich gedient hat. Als Feinde der Deutschen Wirtschaft werden vor allem der Kapitalismus, der Marxismus und das Judentum genannt.

So ähnlich ist das gesamte Schulbuch gegliedert. Es ist eine nicht einheitliche Abfolge von Räumlicher-, Zeitlicher- und Aspektgliederung. Es lässt sich kein „roter Faden“ erkennen, nachdem man beurteilen könnte, ob sich die Autoren Gedanken über eine bestimmte Gliederung des Buches gemacht haben. Hier lässt sich wieder erkennen, wozu die Geschichte eigentlich im Nationalsozialismus gedient hat, nämlich zur Verbreitung der Ideologie. Es wird gerade diese Gliederung der Geschichte benutzt, die für das Thema passend ist, um möglichst viel ideologische Überzeugungskraft zu bekommen. Zum Beispiel beginnt das Buch mit einer zeitlichen Gliederung, nämlich mit dem Zeitalter des Unternehmertums. Dabei wird schon eine teilweise Aspektgliederung hineingenommen, da auch die „soziale Frage“ behandelt wird. In dem Kapitel, das eine Zeitspanne behandelt, wird die Aspektgliederung fortgesetzt indem man Kapitel über „Das Geld als Gott“ und „Das Judentum“ in ein Kapitel über „Drohende Gefahren“[11] (für den Nationalsozialismus und das deutsche Volk) einbaut.

5. Sprachliche Analyse

In diesem Buch ist die Sprache die benutzt wird im Hinblick auf die Ideologie welche mit diesem Buch vermittelt wird besonders interessant. Welche Wörter werden benutzt um diese Ansichten zu vermitteln. Werden farbige Metaphern benutzt? Wird eine eher biologische, naturwissenschaftliche Sprache anstelle der trockenen, geisteswissenschaftlichen Sprache gebraucht?

Im allgemeinen fallen in diesem Buch vor allem die Zusatzsätze auf. In diesen Sätzen wird nichts in irgendwelcher Weise beweisbares oder wissenschaftliches ausgedrückt. In diesen Sätzen werden Gefühle, meistens Verachtung für den Feind oder Lob für die Deutschen, vermittelt und Geschichten erzählt. „Der deutsche Soldat hatte in den beiden ersten Kriegsjahren Übermenschliches geleistet, die deutsche Hochseeflotte lag durch die Schuld Bethmann Hollwegs aber immer noch untätig in der Jade.“[12]

„Ende 1919 jubelt ein Wiener Jude: „Jetzt sind wir Juden ganz oben, jetzt sind wir Herren, unsere glühenden Träume sind erfüllt.“[13]

Auffallend an diesen Zitaten ist, dass kein Nachweis für diese Aussagen vorhanden ist, weder in Form einer Fußnote noch sonst in irgendeiner Weise. So lässt sich so eine Aussage schwer wiederlegen.

An dem ersten Zitat, es steht im Kapitel Der erste Weltkrieg => Ein kritisches Jahr (1916), bei der Schlacht von Skagerrak, kann man beide Aspekte der gebrachten Sprache sehen. Bei „der deutsche Soldat hatte in den beiden ersten Kriegsjahren Übermenschliches geleistet“ werden eindeutig Gefühle der Bewunderung und des Stolzes für den deutschen Soldaten hervorgerufen. Beim zweiten Teil des Satzes wird eine Behauptung aufgestellt, die sich nur schwer beweisen lässt, nämlich dass ein Mann Schuld daran war, dass die deutsche Flotte nicht zum Einsatz kam.

Am zweiten Zitat kann man sehr gut ersehen, welche unsinnigen „Wahrheiten“ erfunden wurden, um Hassgefühle bei der Jugend zu erzeugen. Nie kann bewiesen werden, ob ein Jude so etwas gesagt hatte.

Die Schuld jemanden in die Schuhe zu schieben war ein beliebtes Mittel der Nazis. Dies wird auch in diesem Geschichtsbuch ersichtlich. Es ist immer jemand schuld an schlechten Dingen. Meistens die Juden, die Marxisten, die Freimaurer, oder die schwache deutsche Regierung.

Es wird primär mit Aussagen gearbeitet wie:

„Die Schuld der Regierung“[14], als Überschrift einer Unterteilung eines Kapitels oder die Bezeichnung der Friedensverträge der Achsenmächte nach dem ersten Weltkrieg als „Friedensdiktate“[15].

Rassistische Komponenten werden vor allem in der Bezeichnung der Völker benutzt. Es wird nie von dem Russischen Staat oder dem Französischen Staat gesprochen. Es ist immer „der Russe“, „der Franzose“ oder „der Jude“. Ein ganzes Volk wird durch die Zusammenfassung auf eine Person verdammt. Immer ist das ganze Volk, „der Jude“, an allem Schuld. Niemals Einzelpersonen, außer einigen hohen Staatsmännern, hinter denen aber wieder das Volk steht. Auch wird durch die Reduzierung auf einen Einzelausdruck dem Volk ein bestimmter Charakter verliehen. Gerne wird von der nordischen Rasse gesprochen, allerdings fällt in den Begriff nicht nur das deutsche Volk, sondern auch die Engländer, Norweger und andere hinein. Hingegen wird das Wort „arische Rasse“ kaum benutzt. Unter Deutschland wird das Deutsche Volk verstanden, welches aber nicht nur die Deutschen in Deutschland, sondern auch in Österreich, Polen, der Tschechoslowakei und Russland mit ein bezieht.

Um verschiedene Gefühle zu erzeugen fällt die Sprache auch sehr blumig aus. Zum Beispiel:“

Doch kurz davor hatten jüdische Machthaber zehn Männer und Frauen deutschen Blutes als Geiseln im Hof des Luitpold-Gymnasiums niederknallen lassen.“[16]

Außer dem blumigen Wort „niederknallen“ fällt hier auch auf, dass der Autor von Männern „deutschen Blutes“ spricht, eine biologische Metapher die ebenfalls Einzug gefunden hat in den Wortschatz der Nazis um zu erklären, dass die nordische „Rasse“, durch ihr Blut, besser sei als alle anderen Rassen und dass das Deutsche Volk überhaupt der Gipfel der Schöpfung und somit Herrenvolk über alle andern Völker sei.

Wie eigentlich alles in diesem Schulbuch dient die Sprache nur dazu die Jugend zu überzeugen, dass die Nazis das Richtige tun.

6. Didaktik

Zur didaktischen Analyse des Schulbuches habe ich ein modernes Schulbuch zur Hilfe genommen, um die Didaktik in einem alten Schulbuch mit der in einem neuen vergleichen zu können. Das Schulbuch, das ich zusätzlich verwendete, war: F. Seitz, A. Wald, Geschichte kurz gefasst Eisenstadt 1982/1995.

Für ein Buch, auch ein Lehrbuch ist sicher ein Vorwort wünschenswert, wenn nicht sogar notwendig, um zu erklären, was der oder die Autoren mit dem Buch bezwecken. Leider sucht man so ein Vorwort in dem Geschichtsbuch von 1943 erfolglos. Offenbar war es den Autoren nicht wichtig zu erklären, was es mit diesem Buch auf sich hat. Anders hier die „modernen“ Autoren. Hier ist ein kurzes Vorwort abgedruckt, welches Auskunft gibt, wozu dieses Schulbuch dient. Hier können die Schüler erkennen, warum die Autoren dieses Buch verfasst haben: „Die Vorliegende Zusammenfassung ist in erster Linie als Lernhilfe zur Vorbereitung auf jede Art der Reifeprüfung gedacht.“[17]

Nach dem Inhaltsverzeichnis, welches in „Geschichte kurz gefasst“ wirklich eher kurz gefasst ist, es teilt die Geschichte in sieben große Kapitel ohne jegliche Unterkapitel ein, folgt eine Definition der Geschichte, wozu Geschichte betrieben werden soll und wie Geschichte, nach Auffassung der Autoren, in „verschiedene Bereiche“[18], eingeteilt ist.

Beim „Geschichtsbuch für die deutsche Jugend“ gibt es hingegen ein sehr detailliertes Inhaltsverzeichnis. Es teilt den Zeitrahmen den die Autoren gewählt haben in 11 große Kapitel und 50 Unterkapitel. Allerdings sucht man hier vergebens eine Definition von Geschichte, eine Auffassung wozu Geschichte betrieben werden soll, oder eine Gesamteinteilung der Historiae.

Für leichteres Lernen ist sicher ein detailliertes Inhaltsverzeichnis besser geeignet als ein grob gefasstes, da die einzelnen Kapitel kürzer gehalten sind und man sich einen Plan machen kann, welches Kapitel man lernt und nach jeder Lernphase einen Schlussstrich unter einen Abschnitt machen kann. Sind die Kapitel hingegen zu lang, bleibt man, wenn man einen Lerneinheit beendet hat, mitten im Kapitel stecken und man hat keinen Gesamtüberblick über das gerade Gelernte, sondern man hat das Gefühl, dass einem etwas entgangen ist, dass einem ein Teil fehlt.

Genauso wichtig für das Lernen ist allerdings ein Vorwort und eine Definition von Geschichte, ebenso wie ein Leitfaden, wozu Geschichte betrieben werden soll. Kommt so eine Erklärung nicht vor, weder im Unterricht, noch im Buch, so fehlt dem Schüler meist der Ansporn Geschichte zu lernen. Wenn man nicht sonderlich interessiert ist an einem Fach in der Schule, fällt einem das Lernen schwer. Bald darauf stellt man sich die Frage, warum man dieses Fach überhaupt lernen soll, im späteren Leben ist das hier Gelernte sowieso unwichtig. Solchem Frust beugt eine Erklärung des Faches vor und der Schüler kann etwas mit dem Stoff anfangen, weiß, warum er Geschichte lernen muss, was es ihm im späterem Leben bringt.

Eine Erleichterung zum Lernen stellen auch Abbildungen und Grafiken dar. Bilder bringen einem das Erlernte näher, man kann sich vorstellen, wie es damals aussah und hat nicht nur Namen ohne Gesicht oder nackte Zahlen vor sich. Im Geschichtsbuch aus dem Jahre 1943 finden sich 24 Tafeln und viele Grafiken sowie einige Bilder. Mit den Abbildungen wird das Kapitel anschaulich dargestellt. Es werden diejenigen Persönlichkeiten, mit denen man sich gerade beschäftigt, dargestellt. Szenen aus Schlachten oder von bestimmten Ereignissen geben einen Eindruck von den damaligen Zuständen.

Durch die Grafiken werden Frontverläufe erklärt oder wirtschaftliche Daten dargestellt.

Tabellen finden sich in dem Buch kaum. Die einzige Tabelle befindet sich am Ende des Lehrbuches und trägt den Titel „Zum Wiederholen“[19]. Hier wird anhand von Jahreszahlen und kurzen Zusammenfassungen der Stoff wiederholt. Diese Tabelle erleichtert das Lernen sehr, da hier das Wichtigste, was der Schüler wissen muss, zusammengefasst ist, ohne die Geschichten, die es einem schwer machen, das Wichtige von dem Unwichtigen zu trennen.

Man kann sagen, dass in dem „Geschichtsbuch für die deutsche Jugend“ sehr viel mit Bildern gearbeitet wird und dem Schüler damit das Lernen erleichtert wird.

Im moderneren Geschichtsbuch finden sich deutlich weniger Grafiken und Bilder.

Hier dominieren eher die Tabellen, die es im alten Buch, außer am Ende des Buches nicht gibt. Man kann sogar sagen, dass das gesamte Buch mehr oder weniger in Tabellenform aufgebaut ist. Das kann dem Schüler das Lernen sicher erleichtern, hat aber auch den Nachteil, dass fast jedes Wort wichtig ist und man keinen Teil auslassen darf. Dies und die Tatsache, dass es nur große Kapitel und keinen kleinen Kapitel gibt, erschweren das Lernen sehr, da die Fülle von Informationen den Schüler leicht abschrecken kann. Allerdings muss auch gesagt werden, dass man für die Reifeprüfung den wichtigen Stoff in einem Buch hat und nicht in unzähligen Büchern, sich das Wichtigste erarbeiten muss. Für die Matura ist diese Art des Lehrbuches sicher die bessere Variante.

Im Schulbuch aus dem Jahre 1943 fällt besonders auf, dass sehr viele Zitate verwendet werden von „großen“ deutschen Persönlichkeiten wie Hitler oder Bismarck. Diese Zitate werden meistens aus Reden an das deutsche Volk genommen und unterstreichen die Aussagen, welches die Autoren machen.

Wie bereits gesagt ist das moderne Schulbuch hauptsächlich in Tabellenform geschrieben, das alte Buch hingegen in Textform. Durch die vielen Unterkapitel und Grafiken gibt es kaum einmal 2 Seiten, die nicht durch ein neues Kapitel oder ein Bild unterbrochen ist. Das erleichtert das lernen, da man nicht so viel Text vor sich hat.

Gesamt gesehen ist das „Geschichtsbuch für die deutsche Jugend“ kein didaktisches Meisterwerk, hat aber durchaus Vorteile, die einige moderne Schulbücher nicht haben, aber man hätte es durchaus, zum Beispiel durch ein Vorwort und eine Erklärung des Geschichtsbegriffes, besser gestalten können.

7. Verbreitung der Ideologie des Nationalsozialismus in dem Schulbuch

Bei einem Buch, vor allem bei einem Lehrbuch, aus der Zeit des nationalsozialistischen Regimes ist es durchaus wichtig zu erklären, in wieweit die Ideologie der Nazis durch das Buch Verbreitung gefunden hat.

Bei der Ideologie spielen vor allem nationalistische, sozialistische und Elemente der Rassenlehre eine wichtige Rolle.

Betrachtet man die nationalistischen Elemente so findet man eine Fülle von übertriebenem nationalen Stolz auf das deutsche Volk, auf die Leistungen der

Deutschen im Krieg, in der Wirtschaft und in der Kultur. Man gebraucht Symbole als Träger des nationalen Stolzes, zum Beispiel die Fahne mit den Alt-deutschen Farben schwarz-weiß-rot. Hingegen wurden die neuen deutschen Farben, Schwarz-Rot-Gold als Farben des Landesverrates gewertet.

„Reichsfarben werden Schwarz-Rot-Gold. Durch diese Farben bezog sich die Nationalverssammlung auf die Revolution von 1848; sehr zu Unrecht: denn den 48ern bedeuteten Schwarz-Rot-Gold schönste Hoffnung auf ein neues großes Reich, Bekenntnis zu Großdeutschland; Schwarz-Rot-Gold von 1919 war die Farbe des Landesverrates und der Unterwerfung, hervorgeholt von Entente und internationalem Judentum.[20]

Auch durch Bilder werden nationale Gedanken hochgejubelt.

Nimmt man zum Beispiel das Photo von Walter Reschdorff. Es wurde in Königsberg aufgenommen und zeigt eine Statute eines deutschen Ritters auf sein Schwert gestützt, der in die Ferne blickt. Darunter steht geschrieben „Dies Land bleibt deutsch[21]

Dieses Bild bezieht sich auf das Kapitel „6. Die Abstimmung in Schleswig und Ostpreußen (1920)“ im 25. Kapitel Blutende Grenzen im Oberkapitel VII. Die Zeit der Knechtschaft.[22]

Allein durch die Titulierung der Kapitel werden schon nationale Tendenzen sichtbar. Zum Beispiel: “Aufstieg der deutschen Wirtschaft“, „Das Deutschtum außerhalb der Grenzpfähle“ und „Die Zertrümmerung der deutschen Widerstandskraft (1917)“[23] Wie in einem oberen Kapitel bereits angesprochen, ist die gesamte angewendete Sprache sehr von nationalen Komponenten bestimmt. Ist gibt kein Kapitel indem nicht das große deutsche Volk gelobt wird und seine Taten und sein Charakter gepriesen wird. Das deutsche Volk erstreckt sich laut dem Buch nicht nur auf das deutsche Reich, sondern auch auf Österreich und andere Länder, zum Beispiel Polen und Russland. Für die Autoren ist das deutsche Volk viel größer, als der angestammte Raum, Deutschland, den es bevölkert. Gut erkennbar ist diese nationale Ideologie an einer Überschrift:

„1. Volk ohne Raum.“[24]

Die nationale Ideologie zu vermitteln ist offenbar das Hauptanliegen der Autoren.

Anders hingegen die sozialistische Ideologie. Vergleicht man die sozialistischen Komponenten mit den nationalen, so stellt man fest, dass den sozialistischen Ideologieanteile weit weniger Beachtung geschenkt wird, als den nationalen. Gerade 23 Seiten von 286 Seiten beziehen sich auf soziale Probleme. Dies sind die ersten 20 unter dem Kapitel:“ das Zeitalter des Unternehmertums und die soziale Frage.“[25] Der soziale Teil der nationalsozialistischen Ideologie bezieht sich darauf den Kapitalismus zu verdammen, den freien Handel als Untergang der deutschen Volkskultur zu bezeichnen und den Marxismus als von einem Juden verbreitete Irrlehre zu verwerfen. Als drohende Gefahr wird der Kapitalismus angesehen und in dem Kapitel “Das Geld als Gott“[26] angeprangert.

Man prangert an, dass nachdem das deutsche Volk durch die Reichsgründung, durch die deutsche Einigung, reich geworden ist, der Geist solcher Leute wie Alfred Krupp verloren gegangen ist und man sich nur mehr um sich kümmert, nur mehr seinen Vorteil sieht und die Schwachen unterdrückt wurden.

„Während noch Männer wie Alfred Krupp und August Borsing für das Volk arbeiteten, wurde bereits bei vielen aus freiem Spiel der Kräfte rücksichtslose Ellbogenfreiheit. Gewissenlos wurde der Schwache beiseite geschoben.“[27]

Das soziale Ideal war für die Nazis nicht der Marxismus, den sie als unfair bezeichneten, sondern eine gerechte Gesellschaft, in der jeder zum Ruhme des Volkes arbeitete und sich nicht einen Vorteil auf Kosten des Volkes verschaffte. Weiters verdammten sie den Marxismus als Produkt der jüdischen Weltverschwörung, von einem Juden geschrieben, der kein Mitgefühl hatte und nie Arbeiter war.

„Der Jude, der diese Täuschung zuwege brachte war Karl Marx (jüd. Mardochai).(...) Er hatte kein Geld, trotzdem arbeitete er nicht, sondern ließ sich von seinem Freund, einem Bramer Fabrikantensohn unterhalten. Überall hatte er Schulden, sogar bei Arbeitern borgte er. Mitgefühl für den Freund war ihm unbekannt. Als dieser ihm den Tod seiner Freundin anzeigte, antwortete er, indem er von seinem eigenen Elend schrieb.“[28]

Und so kommt man gleich zu der rassistischen Ideologie, die in diesem Buch vermittelt wird. Vergleicht man sie mit den nationalen Komponenten, so ist die rassistische Komponente noch immer geringer, allerdings weit höher als der sozialistische Anteil.

Konkrete Kapitel über die Rassenlehre gibt es in dem Buch nicht. Der einzige Abschnitt, der sich mit Rassen beschäftigt findet sich im I. Kapitel Das Zeitalter des Unternehmertums und die soziale Frage unter der Überschrift „das Judentum“ in dem Kapitel 2. Drohende gefahren.[29] Dieses Kapitel beschäftigt sich damit, wie das internationale Judentum der deutschen Wirtschaft geschadet hat. Man verurteilt die jüdische Geldpolitik und ihre unsozialen Neigungen, indem diese alles Geld verdienen und die Arbeiter ausbeuten. In dem restlichen Buch wird immer wieder auf das Judentum eingegangen. Man behauptet, dass an fast allem die Juden beteiligt sind. Sie sollen Schuld am Ersten und Zweiten Weltkrieg gehabt haben, an der Inflation nach dem Ersten Weltkrieg und so weiter. Man behauptet, dass die Juden sich nur in hoch geistigen Berufen und im Handel betätigen und ihre Pflicht als Arbeiter nicht erfüllten. Dies beweist man mit einer Grafik. Diese Grafik ist ein Balkendiagram, welches das Verhältnis der jüdischen Bevölkerung in den verschiedenen Berufen zeigt, wie es ist, und wie es, an der Gesamtzahl gemessen, sein sollte. Im Handel zum Beispiel gab es 106700 Juden, es sollten aber im Durchschnitt nur 19300 sein. In der Landwirtschaft sollten es hingegen 58250 sein, es waren aber nur 3280. So wird der Jugend ein Hass auf die Juden eingeimpft. Natürlich spielen die Juden auch im 1. Weltkrieg eine große Rolle. Sie sollen Schuld daran sein, dass die Vereinigten Staaten in den Krieg eintraten, da hauptsächlich Juden und Freimaurer den Krieg gegen Deutschland wollten.

„Im Jahre 1917 hatte Präsident Wilson unter dem Druck der Juden, der Freimaurer und des Großkapitals die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg hineingezerrt, obwohl es keine Gegensätze zwischen dem amerikanischen und dem deutschen Volk gab.“[30]

Im Zweiten Weltkrieg waren es angeblich wieder die Juden, die den Krieg gegen Deutschland wollten, denn Juden waren die Berater von Präsident Roosevelt: „In Wirklichkeit haßte er Deutschland, und seine Absichten waren ganz andere. Er war ein Freimaurer, seine Berater waren Juden. Sein Finanzminister hieß Morgenthau, ein anderer hieß Frankfurter, ein anderer Baruch.“[31]

Interessant ist, dass nur durch die Namen der Leute impliziert wird, dass sie Juden sein mussten. Dies führt dazu, dass die Jugend besonders auf die Namen achten konnten und sollten und jeden, der nicht einen deutschen Namen hat als Juden denunzierten. Eine interessante Taktik um das jüdische Volk auszurotten.

Aber natürlich sind nicht nur die Juden schuld an Allem, sondern auch die Freimaurer und die Kapitalisten trugen große Schuld an dem Leid, dass das deutsche Volk ertragen musste.

Betrachtet man nun das Buch in seiner Gesamtheit, ist es voll von ideologischen Ansichten der Geschichte. Kaum ein Faktum wird objektiv dargestellt.

8. Schlusswort

Zusammenfassend kann man nun erkennen, wozu dieses Schulbuch und die Geschichte im allgemeinen in der Zeit des Nationalsozialismus diente. Das Hauptanliegen ist die nationalsozialistische Ideologie zu verbreiten, zu legitimieren. Es werden Gründe angeführt, warum man die Nazis an der Macht haben muss. Gründe, warum der Erste Weltkrieg verloren ging, Gründe, warum man den Versailler Vertrag nicht hinnehmen und kündigen musste. Es wird erklärt, wozu der 2. Weltkrieg geführt wird, warum man die Juden zumindest vertreiben musste. Man bereitet die Jugend auf die sogenannte „Endlösung“ vor. Es wird der Hass auf die Juden geschürt, aber auch der Hass auf die Demokratie, da sie nicht funktionierte. Man macht der Jugend Angst vor Weltverschwörern, abermals den Juden und den Freimaurern.

Auch wird den Kindern ein übertriebener nationaler Stolz eingeimpft. Dem deutschen Volk werden nur gute Eigenschaften gegeben, dem deutschen Volk wird eine großartige, von erfolgen gepflasterte Geschichte gegeben. Es wird erklärt, warum das deutsche Volk besser ist als alle andern. Hierdurch wird auch die Eroberungspolitik Hitlers legitimiert. Man muss ja schließlich seine deutschen Volksgenossen heim ins Reich holen. Interessant ist allerdings, dass nie von den Deutschen in der Schweiz die Rede war.

Man darf sicher stolz sein auf sein Land und auch auf die Geschichte seines Landes. Aber man darf den Nationalstolz nicht übertreiben. Tut man dies, wird man zu radikal und es kann zu Katastrophen, wie dem 2. Weltkrieg, kommen. Genauso sollte man Bescheid wissen woher man kommt. Die Geschichte hilft dabei. Eines darf die Geschichte allerdings nicht: legitimieren. Sie darf nicht dazu missbraucht werden um Eroberungsfeldzüge zu legitimieren. Die Geschichte soll zeigen, wie es war, nicht wie es wieder sein soll. Man kann sicher die Geschichte dazu benutzen um Fehler aufzuzeigen die gemacht worden sind, auf dass sie nicht mehr gemacht werden. Die Geschichte ist sicher zur Identitätsfindung zu gebrauchen. Aber man darf sie nicht als einziges Mittel dazu sehen. Wenn man ohne die Geschichte keine Identität hat, hat man auch mit ihr keine.

Literaturverzeichnis

B. Kumsteller, U. Haacke, B. Schneider: Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Leipzig 1943

W. Schulze: Einführung in die Neuere Geschichte 3. Auflage, Stuttgart(Hohenheim) 1996

F. Seitz, A. Wald: Geschichte kurz gefasst, 1995

[...]


[1] Winfried Schulze, Einführung in die Neuere Geschichte 3. Auflage, Stuttgart (Hohenheim) 1996, S.255 ( in Folge abgekürzt als „Schulze“)

[2] B. Kumsteller/U. Haacke/B. Schneider, Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Leipzig 1943, S. 55 (in Folge abgekürzt als „Geschichtsbuch für die deutsche Jugend“)

[3] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 23

[4] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 52

[5] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 55

[6] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 210

[7] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 289

[8] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 91

[9] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 116

[10] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 96

[11] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Inhaltsverzeichnis, S. III

[12] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S.102

[13] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S.161

[14] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S.113

[15] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S.127

[16] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S.158

[17] F. Seitz, A. Wald, Geschichte kurz gefasst, Eisenstadt 1995, S.1 (in Folge abgekürzt als :Geschichte kurz gefasst)

[18] Geschichte kurz gefasst, S.2

[19] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 290

[20] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 159

[21] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 159

[22] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 159

[23] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Inhaltsverzeichnis, S. III f

[24] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Inhaltsverzeichnis, S. IV

[25] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Inhaltsverzeichnis, S. III

[26] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 7

[27] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 7

[28] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 18 f

[29] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, Inhaltsverzeichnis, S. III

[30] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 286

[31] Geschichtsbuch für die deutsche Jugend, S. 286

13 von 13 Seiten

Details

Titel
Schulbuchanalyse des Buches "Geschichtsbuch für die deutsche Jugend"
Hochschule
Universität Wien
Veranstaltung
Einführung in das Studium der Geschichte, Univ.Prof. Mitterauer
Autor
Jahr
2001
Seiten
13
Katalognummer
V101969
Dateigröße
387 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schulbuchanalyse, Buches, Geschichtsbuch, Jugend, Einführung, Studium, Geschichte, Univ, Prof, Mitterauer
Arbeit zitieren
Johann Seidl (Autor), 2001, Schulbuchanalyse des Buches "Geschichtsbuch für die deutsche Jugend", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/101969

Kommentare

  • Gast am 20.11.2003

    Wer schrieb das nur.

    Naive Sichtweise für den neudummen Bundesmenschen.
    So denkt doch kein Historiker.

Im eBook lesen
Titel: Schulbuchanalyse des Buches "Geschichtsbuch für die deutsche Jugend"



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