Exegese Mk 4, 35-41. Die Wundergeschichte von der Stillung des Sturms


Hausarbeit, 2021

16 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Hinführung

2. Übersetzung

3. Analyse des Textes
3.1 Kontextanalyse
3.2 Strukturanalyse
3.3 Literarkritik
3.4 Formgeschichte
3.5 Begriffs- und Motivgeschichte

4. Interpretation
4.1 Interpretation der vormarkinischen Überlieferung
4.2 Interpretation des Textes an sich
4.3 Interpretation des Textes im theologischen Gesamtrahmen

5. Synoptischer Vergleich
5.1 Übersetzung des Lukasevangeliums
5.2 Übersetzung des Matthäusevangeliums
5.3 Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Evangelien

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Hinführung

Die vorliegende exegetische Hausarbeit wird sich mit der Wundergeschichte der Stillung des Sturms aus dem Markusevangelium Kapitel vier Vers 35 bis 41 befassen. Grundlage ist das typische Muster einer historisch-kritischen Exegese. Dafür wird der vorliegende Text inhaltlich und sprachlich untersucht, um die Intentionen von Markus bei der Verfassung seines Evangeliums herauszuarbeiten.

Zunächst werden dazu einige analytische Schritte durchgeführt. Neben dem Kontext des zugrundeliegenden Textes werden auch die Struktur und die Überlieferung der Geschichte untersucht. Ebenfalls werden verwendete Motive und Begriffe mit besonderer symbolischer Bedeutung näher betrachtet. In einem zweiten Schritt geht es um den synoptischen Vergleich. Dazu werden die Evangelien nach Lukas und Matthäus hinzugezogen um so Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Evangelien herauszuarbeitet. Im Anschluss daran wird die Perikope interpretiert. Dies geschieht sowohl im theologischen Gesamtkontext als auch als Interpretation der vormarkinischen Überlieferung und des Textes an sich. Im Fazit werden noch einmal die wichtigsten Punkte gebündelt zusammengefasst.

2. Übersetzung

Die folgende Übersetzung der Wundergeschichte aus dem Markusevangelium stammt aus der Bibelübersetzung nach Martin Luther.

35Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. 36Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm. 37Und es erhob sich ein großer Windwirbel und die Wellen schlugen in das Boot, sodass das Boot schon voll wurde. 38Und er war hinten im Boot und schlief auf einem Kissen. Und sie weckten ihn auf und sprachen zu ihm: Meister, fragst du nichts danach, dass wir umkommen? 39Und er stand auf und bedrohte den Wind und sprach zu dem Meer: Schweig und verstumme! Und der Wind legte sich und es entstand eine große Stille. 40Und er sprach zu ihnen: Was seid ihr so furchtsam? Habt ihr noch keinen Glauben? 41Sie, aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!

3. Analyse des Textes

3.1 Kontextanalyse

Die Kontextanalyse dient der Frage nach einer Gliederung und Einteilung des Evangeliums nach Markus im Mikro- und Makrokontext. Außerdem gilt es die Besonderheiten der "Stillung des Sturmes" gegenüber anderen Teiltexten herauszuarbeiten.

Nach Udo Schnelle lässt sich das Markusevangelium in drei Teile untergliedern. Die Wundergeschichte von der „Stillung des Sturms“ lässt sich dem ersten Drittel des Evangeliums nach Markus „Jesu Wirken innerhalb und außerhalb Galiläas“ (Schnelle, 2010, S.248) zuordnen. Den zweiten, als „Jesu Weg zur Passion“ (ebd.) betitelten Teil bilden Mk 8 bis Mk 10 und das letzte Drittel „Jesus in Jerusalem“ (ebd.) über Jesus Einzug in Jerusalem und die Umstände seiner Kreuzigung bilden die Kapitel 11 bis 16. Der Wundergeschichte voraus gehen einige Gleichnisse, wie jenes vom Senfkorn in dem Jesus das Reich Gottes mit einem Senfkorn vergleicht, um dieses dem Volk greifbar zu machen.

Das Markusevangelium beginnt mit der Taufe Jesu durch Johannes den Täufer und der Berufung seiner ersten Jünger. Auch die ersten Wundertaten Jesu sind Bestandteil des ersten Kapitels. Im zweiten Kapitel geht es um Streitgespräche bei denen Fragen nach Glauben und Gesetzen thematisiert werden. In Mk 3 werden die 12 Apostel berufen und weitere Heilungsgeschichten aufgeführt. Darauf folgt ein Bericht von einer Heilung am See Genezareth. Das vierte Kapitel beginnt mit einer Ortbeschreibung des Sees, an dem Jesus lehrt. Aus diesem Bericht von der Heilung am See Genezareth lässt sich schließen, dass es sich auch hier um den See Genezareth handelt. Die „Stillung des Sturms“ ist die letzte Geschichte in Mk 4 und leitet demnach ein neues Kapitel ein. Es folgen weitere Geschichten über Heilungen und Wundertaten von Jesus, in denen er seine Macht gegenüber den Menschen demonstriert. Im achten Kapitel beginnt Jesus mit seinen ersten Leidensankündigungen, welche auch im weiteren Verlauf des Markusevangeliums Kapitel 13 immer wieder zu finden sind. In Mk 14 wird der Verrat Jesus thematisiert und nachfolgend seine Verhaftung, die Hinrichtung und die Auferstehung.

Die Wundergeschichte von der „Stillung des Sturms“ nimmt eine besondere Stellung im Evangelium nach Markus ein, da sie die erste Wundergeschichte ist in der Jesus nicht nur Gewalt über Menschen und Krankheiten, sondern auch die Natur also den Wind hat. Außerdem stellt die Geschichte eine Überleitung in das fünfte Kapitel und einen Abschluss der vorausgegangenen Gleichnisse dar.

3.2 Strukturanalyse

Im Folgenden werden eine Gliederung und ein Aufbau des Textes herausgearbeitet. Dabei gilt es zu klären, in welche Bestandteile sich der Text zerlegen lässt, wie diese aufeinander bezogen sind und welche Funktion die einzelnen Elemente haben.

Die Wundergeschichte der Stillung des Sturms lässt sich in fünf Abschnitte aufteilen. Diese Gliederung spiegelt den typischen Aufbau einer Wundergeschichte aus Exposition, Vorbereitung, Durchführung, Demonstration und Reaktion wider.

Vers 35 und 36 „Und am Abend desselben Tages sprach er zu ihnen: Lasst uns hinüberfahren. Und sie ließen das Volk gehen und nahmen ihn mit, wie er im Boot war, und es waren noch andere Boote bei ihm“ schildern knapp die Ausgangssituation und bildet somit die Exposition.

In Vers 37 und 38, der Hinführung taucht dann das Problem auf: Ein Sturm zieht auf, sodass Wasser ins Boot läuft. Die Jünger geraten in Not und fürchten um ihr Leben. Sie wecken Jesus der bis zu dem Zeitpunkt schlafend auf dem Boot gelegen hat und fragen ihn, ob er gar keine Angst hat.

Die Durchführung des Wunders geschieht in Vers 39. Durch Jesus verbalen Befehl der Wind solle still sein, endet der Sturm. Auf die Frage der Jünger geht er jedoch nicht ein, sondern belässt es bei seiner Machtdemonstration gegenüber der Gewalt der Natur.

Es folgt die Belehrung der Jünger. Den Jüngern wird Unglaube, Furcht und mangelndes Vertrauen in Jesus vorgeworfen.

Der letzte Abschnitt beinhaltet die Reaktion der Jünger auf die Tat Jesus in Vers 41: „Sie, aber fürchteten sich sehr und sprachen untereinander: Wer ist der? Auch Wind und Meer sind ihm gehorsam!“ Die Jünger fürchten sich vor der Macht Jesus, bewundern ihn aber gleichzeitig für seine Fähigkeiten.

3.3 Literarkritik

Die Literarkritik geht der Frage nach, ob der Autor für den Text schriftliche Vorstufen zur Verfügung hatte und an diesen Änderungen vorgenommen hat, also Ergänzungen, Umgestaltungen oder eine Kombination aus beidem vorgenommen hat. Diese Vorstufen werden im Folgenden auch als vormarkinische Texte bezeichnet.

Da die meisten Verse der Erzählung mit "und" beginnen, gleichen diese einer Auflistung, bei der die einzelnen Sätze lediglich aneinandergereiht und nicht weiter miteinander verknüpft werden.

Rudolf Pesch nimmt an, dass bereits der erste Vers der Exposition ergänzt wurden (vgl. Pesch, 1980, S. 268). Vermutet wird, dass der Evangelist Markus so dem Leser eine kurze geographische Einleitung in das Geschehen geben wollte, auch wenn die Information, dass Jesus sich an einem Ufer befindet für den Verlauf der Geschichte vermutlich ausreichend wäre. Außerdem ist auf Grund von Mk 4,1 bereits bekannt, dass Jesus und seine Jünger sich in einem Boot befinden. Gnilka begründet, das Verständnis von Vers 35 als vormarkinisch dadurch, dass "die Initiative für die Überfahrt zunächst von Jesus und dann von den Jüngern ausgeht" (Gnilka, 1987, S.193)

Ein inhaltlicher Widerspruch innerhalb der Wundergeschichte findet sich in Vers 36 wieder. Zuerst wird davon berichtet, dass neben dem Boot, in dem sich Jesus und seine Jünger befinden auch noch andere Boote auf dem See sind. Während des Sturms wird jedoch nur davon gesprochen, dass sich das Boot von Jesus und seinen Anhängern mit Wasser füllt. Anmerken lässt sich auf jeden Fall, dass die anderen Boote in der gesamten weiteren Geschichte nicht mehr erwähnt werden und somit keine tragende Rolle für den Ablauf dieser darstellen. Demnach lässt sich Vers 36 als vormarkinisch bezeichnen, da Markus vermutlich keine theologischen Absichten damit verfolgt und die Erzählung auch ohne die einmalige Erwähnung der anderen Boote funktionieren würde.

Bei genauerer Betrachtung von Vers 40 fällt auf, dass dieser Vers für den Verlauf überflüssig ist und deshalb vermutlich eine Ergänzung des vormarkinischen Textes darstellt. Der Tadel gegenüber den Jüngern wird in Form von zwei Fragen zum Ausdruck gebracht, die jedoch zu spät gestellt werden und eigentlich "vor dem wunderbaren Eingreifen Jesu" (Gnilka, 1987, S.193) zu erwarten sind. Außerdem wirken die Worte Jesus zunächst maßlos überzogen, da sie sich zuvor noch in einer lebensbedrohlichen Situation befunden haben. Durch die Kritik an den Jüngern wird demnach lediglich eine theologische Funktion erfüllt. Vermutlich beabsichtigt der Evangelist mit diesem Einschub eine theologische Aussage.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass Markus den vormarkinischen Text an mehreren Stellen ergänzt hat und bei der Verfassung seines Evangelium Zugriff auf Quellen hatte, die er in seine eigene theologische Interpretation hat einfließen lassen.

3.4 Formgeschichte

Da bei Mk 4, 35 - 41 eine mündliche Vorgeschichte anzunehmen ist, gilt es in diesem Schritt zu klären, welcher Gattung der Text zuzuordnen ist, in welcher Form er der Gemeinde überliefert wurde und welche Funktion die Geschichte verfolgt.

Die Erzählung von der Stillung des Sturmes gehört zur Gattung der Wundergeschichten. Allerdings gibt es verschiedene Formen beziehungsweise unterschiedliche Strukturen bei biblischen Wundergeschichten. In der vorliegenden Erzählung spielt die Wundertat Jesu eine elementare Rolle. In anderen Bibelstellen wie Beispielsweis bei der „Heilung am Sabbat“ in Mk 3, 1 - 5 ist die Wunderhandlung selbst eher nebensächlich.

Wundergeschichten wie beispielsweise die „Heilung eines Taubstummen“ aus Mk 7, 31 - 37 oder auch die „Heilung eines Blinden“ in Mk 8, 22 - 26 haben einen sehr ähnlichen strukturellen Aufbau wie jene, die Grundlage für diese Exegese ist. Zu Beginn dieser Erzählungen steht jeweils eine Notsituation. Darauf folgt das Eingreifen des Wundertäters also das Vollbringen des Wunders und am Schluss steht das Ergebnis der Wundertat mit möglicher Reaktion Jesus oder auch der beteiligten Personen.

Durch diese recht simple Struktur lassen sich Rückschlüsse auf viele mündliche Überlieferungen ziehen, da der Ablauf von der Notsituation über das Eingreifen des Wundertäters bis hin zum Ergebnis der Wundertat auf die meisten Wundergeschichten anzuwenden ist.

Bultmann differenziert unter dem Gesichtspunkt, dass einige Wunder an Menschen vollzogen werden und andere einen Eingriff in die Gesetze der Natur darstellen, innerhalb der Gattung der Wundergeschichten zwischen Natur- und Heilungswundern. Unter Naturwundern wird hier die (übernatürliche) Macht des Wundertäters verstanden und bei Heilungswundern geht es primär um die Barmherzigkeit Jesus dem Geheilten gegenüber (vgl. Bultmann, 1995, S.230ff.). Nach Bultmann ist die Erzählung von der Stillung des Sturmes den Naturwundern zuzuordnen. In anderen Kontexten wird von der Geschichte auch als Rettungswunder gesprochen, da Jesus seine Mitmenschen vor den Gefahren des Sturmes beschützt.

Durch das mündliche Weitererzählen von Jesus Wundertaten wird den Menschen die Macht Jesus beziehungsweise Gottes vor Augen geführt. Jesus als menschgewordener Sohn Gottes verfügt über solche Fähigkeiten, dass er sogar über der Natur steht und den Wind stillen kann und Menschen von unheilbaren Krankheiten heilen kann. Durch diese Erzählungen sollen die Menschen ermutigt werden an Gott zu glauben und in ihn zu vertrauen.

3.5 Begriffs- und Motivgeschichte

In der vorliegenden Bibelstelle befinden sich einige symbolische Begriffe und Motive, welche typisch für das Neue Testament sind. Diese werden im Folgenden näher betrachtet und erläutert.

Die symbolische Intention des Begriffes Boot kann verschieden interpretiert werden. Wie auch die Arche stellt ein Boot in christlichen Geschichten meist die Kirche und den damit verbundenen Glauben dar. Für die Gläubigen bietet das Boot Schutz vor Bedrohungen wie dem Sturm in der Wundererzählung. In der griechischen Mythologie wird mit dem Wort Boot zumeist der Übergang zu einem bestimmten Ziel oder auch die Überfahrt der Toten ins Reich der Toten assoziiert. Für Mk 4, 35 - 41 bedeutet das Boot also zum einen den Schutz vor dem Ertrinken während des Sturms und zum anderen wäre ohne die Anwesenheit Jesus die Situation deutlich gefährlicher, wenn nicht sogar lebensbedrohlich gewesen hätte, also den Übergang ins Totenreich für die Insassen des Bootes zur Folge gehabt.

Die Wellen beziehungsweise das Meer generell wird im christlichen Sinn als etwas Bedrohliches wahrgenommen, da es stürmisch und gefährlich sein kann. Es hängt also in diesem Kontext eng mit der Symbolik des Sturms zusammen.

Die Symbolik des Sturms steht nicht nur für ein gefährliches Naturereignis, sondern kann auch als Krise, einen Schicksalsschlag, Unglück im Allgemeinen oder schreckliches Ereignis gedeutet werden.

[...]

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Exegese Mk 4, 35-41. Die Wundergeschichte von der Stillung des Sturms
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2021
Seiten
16
Katalognummer
V1019701
ISBN (eBook)
9783346411242
ISBN (Buch)
9783346411259
Sprache
Deutsch
Schlagworte
exegese, wundergeschichte, stillung, sturms
Arbeit zitieren
Marie Weisemann (Autor:in), 2021, Exegese Mk 4, 35-41. Die Wundergeschichte von der Stillung des Sturms, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1019701

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