Che Guevara im Spiegel der Propaganda


Studienarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhalt

1. Vorwort

2. Begriffsklärung
2.1. Propaganda und die Erweiterung des Designbegriffs
2.2. Was ist Propaganda?

3. Che Guevara im Spiegel der Propaganda
3.1. Propaganda und Familie
3.2. Studium und Reisen
3.3. Politisierung

4. Propaganda und Agitation
4.1. Propaganda und Agitation im Dschungel
4.2. Staatspropaganda
4.3. Che als Mythos und Ikone

5. „Der neue Mensch“ - Ein Produkt der Propaganda

1. Vorwort

Nach einer Betrachtung zur Erweiterung des Designbegriffs und einer begrifflichen Auseinandersetzung mit der Bedeutung von Propaganda in verschiedenen Systemen orientiert sich diese Arbeit an der Biografie Che Guevaras und geht der Frage nach, welche Rolle Propaganda für die Entwicklung dieses Menschen mit einem unru­higen Geist in einem unruhigen Körper zur Kultfigur spielte. Die Familie als Echo­kammer von Reizüberflutung spielte dabei, wie zu zeigen sein wird, eine bedeutende Rolle bei seiner Inszenierung als ganz besonderes Kind. Recht bald wurde daraus eine Selbstinszenierung als berühmter Arzt, Abenteurer und romantischer Held, unbesiegbarer Guerillakämpfer und Erlöser. Posthum wurde Che zur Ikone der Stu­dentenrevolte der 68er-Bewegung, später dann zur Pop-Ikone und schließlich zum abstrakten Symbol und Werbeträger.

Das folgende Schaubild gibt einen Überblick darüber, wie sich Narrative von Erschei­nungsbildern durch Propagandadesign zur Mythenbildung entwickeln.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Grafik: Max Christ (2020)

„Der Mythos als Kern dieser Narrative ist gewissermaßen als Mosaik zu verstehen, das aus verschiedenen Motivationen, Deutungen und Zufällen zusammengesetzt ist, gleichzeitig jedoch auch das Resultat taktischer Inszenierungen und bewusster Ver­fälschungen darstellt.“1

2. Begriffserklärung

2.1. Propaganda und die Erweiterung des Designbegriffes

Im Laufe der Zeit wurde der Designbegriff ständig erweitert. Er umfasst heute neben den Objekten der materiellen auch Objekte der rhetorisch-visuellen Kultur.

Die Ansätze zur Bedeutungsproduktion im Bereich der Ideen, Werte und Weltan­schauungen erfassen nach Mareis1 den Bereich der Designrhetorik als ein noch in den Anfängen steckender Bereich der Designtheorie.

Eine rhetorisch orientierte Designtheorie untersucht die Stilmittel von Propaganda im Bereich der verbalen und visuellen Rhetorik. Dazu untersucht sie Techniken zur emotionalen Ansprache und Affekterzeugung in den Bereichen Belehrung, Unterhal­tung und Leidenschaftserzeugung. So wurde der herkömmliche Designbegriff um den Bereich der Medienrhetorik erweitert.2 Diese bekam eine immer größere Bedeutung durch die mediale Revolution im 20 Jh. mit den Erfindungen im Bereich Telekommu­nikation, Fotografie, Film, Rundfunk und Fernsehen. In Bezug auf Propaganda sind die ungeheuer gesteigerten Möglichkeiten der Massenommunikation von großer Be­deutung. In Bezug auf Che Guevara kommt der Medienrhetorik eine zentrale Bedeu­tung neben der Bildrhetorik und Sprachrhetorik zu.

2.2. Was ist Propaganda?

Das Wort Propaganda (lat. ausstreuen, ausbreiten, fortpflanzen) wurde für den Be­reich katholischer Missionierung bereits im 17. Jh. benutzt und war positiv besetzt. Eine zusätzliche Aufwertung erfuhr der Begriff in der Französischen Revolution mit dem Bemühen der Jakobiner, die Ideale der Revolution in andere Länder zu expor­tieren. Später dann wurde der Begriff ganz allgemein als Kennzeichnung politischer Interessen verwendet. Heute wird er entpolitisiert auch in der Geschäftssprache ver­wendet, um beispielsweise eine Verkaufskampagne zu beschreiben.

Im deutschen Sprachraum hat sich nach Bussemer3 eine Definition von Gerhard Ma- letzke eingebürgert. „Propaganda sollen (demnach) geplante Versuche heißen, durch Kommunikation die Meinung, Attitüden, Verhaltensweisen von Zielgruppen unter po­litischer Zielsetzung zu beeinflussen.”4 Eine Form der Propaganda ist die Indoktrina­tion, die totalitäre Gesellschaften durch die Monopolisierung der Massenkommuni­kationsmittel ausüben. Dies war im Natioalsozialismus ebenso wie in sozialistischen bzw. kommunistischen Gesellschaften üblich.

Im sozialistischen Sinn ist Propaganda nach Lenin als notwendiges Aufklärungs- und Bildungsinstrument unverzichtbar. Sie ist als Verbreitung eines ganzen, in sich ge­schlossenen Ideengebäudes zu sehen, das zur höchsten Stufe des Sozialismus führen soll.

Unabhängig von ihren Zielen als Kriegspropaganda, soziologische Propaganda oder Auslandspropaganda ist diese immer medientechnisch vermittelt und richtet sich an große Zielgruppen.5 Der Gegenstand von Propagandadesign sind Ideen, Werte und Weltanschauungen, der Gegenstand klassischen Designs sind Produkte und Dienst­leistungen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Tabelle zeigt die Unterschiede von Werbung, Public Relations und Propaganda auf.6

3. Che Guevara im Spiegel der Propaganda

3.1. Propaganda und Familie

Die Eltern von Ernesto Guevara stammen aus altem spanischen Kolonialadel, insze­nieren sich aber als Aussteiger. Der kleine Ernesto wächst zusammen mit vierjünge­ren Geschwistern an wechselnden Orten in Argentinien auf. Die Mutter ist eine sehr Die Abbildungen wurden aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt

Abb. 1 Abb. 2 Abb. 3 Abb. 4

energische, sportliche und literarisch-politisch gebildete Frau, die gerne gegen gängi­ge Konventionen verstößt. Der Vater ist ein eher passiver Bohemien, der wenig durch­setzungsfähig ist und wirtschaftlich erfolglos bleibt.

Als der kleine Ernesto zwei Jahre alt ist, ereignet sich eine „Ur-Szene“, die sein ge­samtes Leben sowohl psychisch als auch physisch prägen sollte. Celia geht mit ihrem kleinen Sohn bei schlechtem Wetter im kalten Wasser schwimmen und entfernt sich gefährlich weit vom Ufer. Kurz darauf erleidet Ernesto seinen ersten schweren Asth­maanfall, für den sich die Mutter verantwortlich fühlt. Infolge ihrer Schuldgefühle entwickelt sich eine starke emotionale und intellektuelle Beziehung. Sie ist seine Leh­rerin, die ihn wegen seiner ständigen Asthmaanfälle bis zu seinem neunten Schuljahr zu Hause unterrichtet und ihm alles gibt, was sie an Bildung hat. D. James vertritt die Auffassung , das kein Zweifel daran bestehe, dass „(...) Ernesto Guevara in entschei­dendem Maß das Produkt seiner Mutter war.“2

Mit vier Jahren kann er schon schreiben. Bald beginnt er auch mit Begeisterung zu le­sen. Einer seiner frühen Lieblingshelden ist Don Quichote von der traurigen Gestalt.3 Celia setzt allerdings alles daran, aus der „traurigen Gestalt“ einen siegreichen Helden zu machen, der auch mit körperlichem Einsatz verbissen gegen sein gesundheitliches Handikap ankämpft. Bald geht er als Anführer seiner Freunde keinem harten Spiel mehr aus dem Weg und zieht sich nur während der Asthmaanfälle zurück, nur um sich sofort wieder ins Getümmel zu stürzen. Dadurch umgibt ihn statt Mitleid bald eine Aura des Triumphes.

Er beginnt, aktiv nach heftigen Situationen zu suchen, die ihm einen Kick geben und genau wie das Adrenalin wirken, das er sich zur Bekämpfung seiner Anfälle schon mit 10 Jahren selbst spritzt.4

Wurde er bis dato vom behinderten Kind zum geistig-körperlichen Helden inszeniert, beginnt er mit Eintritt der Pubertät, sich selbst zu inszenieren. Er legt sich die Rolle eines nachlässig gekleideten Bohemiens ohne Manieren zu. So trägt er zum Beispiel verschiedene Schuhe, eine ausgebeulte Ballonhose mit einer Kordel als Gürtel wird zu seinem Markenzeichen, ebenso wie seine T-Shirts, die er tagelang nicht wechselt. Vor Freunden spielt er den Lehrer und trägt ihnen Gedichte und Zitate vor. Erwachsenen gegenüber legt er eine gewisse Altklugheit an den Tag. Nach seinem Abitur 1946 tren­nen sich seine Eltern und Ernesto beginnt zu studieren.

3.2. Studium und Reisen

Ernesto bezieht ein eigenes Zimmer und beginnt ein Medizin­studium. Nach anfänglicher Begeisterung langweilt er sich bald, man könnte auch sagen, er kommt „auf Entzug“. Als Gegenmittel macht er nach dem dritten Studienjahr in den Semesterferien eine extrem anstrengende Fahrradreise durch Argentinien, womit er erstmals seine behütete Umgebung verlässt. Er besorgt sich nun selbst die Reizzufuhr, die er braucht. Vor dem Abschluss seines Studiums unternimmt er 1951 mit seinem Freund Alberto Granado, Doktor der Che­mie, eine große, waghalsige Motorradreise durch Lateinamerika.

Beide sind rastlos und abenteuerlustig. Wahrend dieser Reise entstehen die „Motor­cycle Diaries“ die später eindrucksvoll verfilmt wurden.10

Die Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt

Abb. 6

Die häusliche Reizüberflutung wird nun durch Reiseabenteuer abgelöst, die derse- ben Dynamik folgen. Ernesto bereist einen Kontinent im Umbruch, in dem die Men­schen gegen die herrschenden Verhältnisse aufbegehren. Die USA, die eine Ausbreitung des Kommunismus fürchten, bekämpfen je­den noch so kleinen Ansatz.

In sein Tagebuch schreibt er: „(...)verschlinge Kilometer um Kilometer im Ritus des Wanderns, / mit meiner asthmatischen Materie, die ich trage wie ein Kreuz“.11 Er kommt mit seinem Freund in lebensbedrdohliche Situationen. Nachdem das Mo­torrad nicht mehr zu reparieren ist, setzen sie die Reise zu Fuß und auf Viehtrans­portern fort. Eine Mischung aus Selbstlosigkeit und Allmachtsphantasien begleiten sie. Die letzte Station der Reise ist eine Leprastation in Peru, wo sie bei der Kranken­versorgung helfen und mit den Patienten Fußball spielen. Ernestos Wunsch, ein be­rühmter Allergologe zu werden, um das Asthma zu besiegen, wird hier vom Wunsch, ein Albert Schweitzer der Leprakranken zu werden, abgelöst. Auch hier wird wieder deutlich, dass sein Ziel, den Kranken und Armen zu helfen, gepaart ist mit seinen Größenphantasien. Nach dieser Reise schließt er 1953 sein Studium ab und ist nun Doktor der Medizin.

3.3. Politisierung

Er politisiert sich schließlich, als er 1953 am Ende der Reise in Guatemala auf die Ökonomin Hilda Gadea trifft. Sie beherbergt Exilanten, so auch Veteranen des ers­ten, missglückten Kuba-Feldzuges. Hilda tritt in die Fußstapfen seiner Mutter und bemuttert ihn wegen seiner wiederholten Asthmaanfälle, indoktriniert ihn politisch und macht ihn mit der marxistischen Lehre vertraut. Guevara wird in Guatemala zum erklärten Marxisten und verfestigt seinen Hass gegen den „Yankee-Imperialismus“, der für Ausbeutung und Unterdrückung steht. Nach dem Sturz der demokratischen Regierung, der von der CIA unterstützt wird, flieht Guevara 1954 nach Mexiko, wohin Hilda ihm folgt. Dort heiraten sie und bekommen eine Tochter. Seinem Tagebuch ver­traut er allerdings an, dass er sich nicht vorstellen könne, sich als Familienvater und Arzt zur Ruhe zu setzen. So ist es für ihn ein „Erweckungserlebnis“, als er 1955 Raul und Fidel Castro kennenlernt, die gerade in Mexiko angekommen waren. Die Männer verstehen sich auf Anhieb. Fidel Castro wird zu seinem leuchtenden männlichen Vor­bild, dem er nachfolgt. Er hat nun zwei Elternfiguren gefunden, von denen er sich inszenieren lässt und die ihm eine klare Zielorientierung geben. Er gehört von nun an zu Castros „Operation Tyrannenmord“, die das Ziel verfolgt, in Kuba eine Revolution auszulösen und Batista zu stürzen. Es dauert noch ein Jahr, in dem die Rebellen auf einer Ranch 60 km von der Hauptstadt entfernt von Alberto Bayo, einem Ex-General, eine Grundausbildung als Guerilleros erhalten. Geländemärsche und Bergexpeditio­nen gehören zum harten Drill, der eine eiserne Disziplin erfordert. Ernesto gibt alle früheren Berufswünsche und Reisepläne auf und verbringt immer weniger Zeit mit seiner Familie. Das harte Training ist ein heroischer Kampf gegen sich selbst und sei­ne Asthmaanfälle. Wie bereits zu erwarten, wird er bald zum Anführer der Truppe und zum Stellvertreter des Generals ernannt, was ihn mit großem Stolz erfüllt. Die Rebellen stechen schließlich auf einem eigenen, viel zu kleinen Schiff, der Granma, Richtung Kuba in See, wo sie verspätet ankommen.

In einem vorsorglich verfassten Abschiedsbrief aus Mexiko an die Eltern beschreibt er Castro als „glühenden Propheten der Morgenröte“, in dem er seinen Meister ge­funden habe, und dass es sich lohnen würde, an einem fremden Strand für ein solch reines Ideal zu sterben.“12 Koenen sieht das als „puerile Fantasien im Spiel, die das Va­kuum seiner existentiellen Ziellosigkeit füllen sollten.“13 In dieser Zeit der Identitäts­findung nimmt er auch einen neuen Namen an, er nennt sich jetzt stolz nach einem Spitznamen „Che“ als Demonstration einer neuen Identität.

[...]


1 Karber, Lena: Ein menschlicher Held? Che Guevara in Steven Soderberghs Biopic von 2008. In: WERKSTATT GESCHICHTE. 80 (2018), 108.

2 James, Daniel: Che Guevara. Mythos und Wahrheit eines Revolutionärs, München 2003, 53.

3 ebd., 74ff.

4 Koenen, Gerd: Traumpfade der Weltrevolution. 2. Aufl., Köln 2008, 97.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Che Guevara im Spiegel der Propaganda
Hochschule
Rheinische Fachhochschule Köln  (Mediendesign)
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V1019740
ISBN (eBook)
9783346413444
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Che Guevara, Che, Guevara, Leben, Propaganda, Revolution, Designwissenschaft, Designbegriff
Arbeit zitieren
Max Christ (Autor:in), 2020, Che Guevara im Spiegel der Propaganda, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1019740

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