Der Sommer 2015. Herausforderung oder Chance für Deutschland?

Migrationsgeschehen in Deutschland


Seminararbeit, 2020

13 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Der Sommer 2015

2. Herausforderungen für Deutschland
2.1 Diversitätspolitiken und räumliche Dimension
2.2 „Theorie sozialer Identitäten“ und rechtsextremistische Gruppierungen

3. Chancen für Deutschland
3.1 Demographischer Wandel
3.2 Arbeitsmarkt und wirtschaftliche Vorteile für deutsche Unternehmen

4. Evaluation der Ergebnisse

5. Literaturverzeichnis

1. Der Sommer 2015

Ende 2019 waren 79,5 Millionen Menschen weltweit auf der Flucht, so viele wie noch nie zuvor seit Beginn der Aufzeichnungen (Unhcr 2020: 1). Deshalb gewinnt das Phänomen der Migration nicht nur in Deutschland zunehmend an Bedeutung, sondern wird auch auf europäischer und weltweiter Ebene diskutiert (Bertelsmann Stiftung 2017). Migration kann viele verschiedene Ursachen haben und in verschiedenste Kategorien eingeordnet werden. In Deutschland ist vor allem der „Sommer 2015“ bekannt. Ich werde mich im Folgenden der Fragestellung annehmen, ob die Migration – speziell der Sommer 2015 – eine Herausforderung oder eine Chance für Deutschland darstellt. Dieser wird, veranschaulicht durch Abbildung 1, als Hochpunkt einer Flüchtlingswelle bezeichnet (Bamf 2016). Betrachtet wird im Folgenden nur die Zuwanderung der Drittstaatenangehörigen nach Deutschland. Um sich diesem Thema auf sachlicher Ebene nähern zu können, werden zuerst grundlegende Zahlen vorgestellt, dann die Herausforderungen und die Chancen erarbeitet, um abschließend ein möglichst umfassendes Fazit ziehen zu können.

Bei diesem Thema sind empirischen Daten von Bedeutung. Ich habe mich insbesondere den Statistiken und Studien des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge (Bamf) und des Statistischen Bundesamtes bedient, die neben der Fachliteratur aufgrund der Aktualität entscheidend sind, um die Fragestellung zu beantworten. Hierbei war es vor allem wichtig die Quellen genau zu analysieren, weil sich die veröffentlichten Kategorien der Migranten oft in Alter, Qualifikation, Herkunftsland oder Zeitpunkt des Asylantrags unterschieden haben.Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Eigene Darstellung (Datengrundlage BAMF – Wanderungsmonitoring Jahresbericht 2016: 8)

Deutlich auffallend sind in dieser Grafik die steigenden Zuzüge, besonders im Vergleich von 2014 zu 2015 (+ 116,9%). Verrechnet man die Fortzüge im Jahr 2015 mit den Zuzügen, erhält man einen positiven Wanderungssaldo von 859.816. Die angegebenen Daten bilden hier jene Migranten ab, die 2015 in Deutschland angekommen sind (eine reine Wanderungsbewegung). Eine Dunkelziffer kann nicht ausgeschlossen werden.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Eigene Darstellung (Datengrundlage BAMF – Wanderungsmontoring Jahresberichte 2014: 12 und 2015: 13)

Betrachtet man in Abbildung 2 die Herkunftsstaaten der ankommenden Migranten fällt auf, dass im Jahr 2014 6,6% der eingewanderten 518.802 Migranten aus Syrien kamen, im Jahr 2015 waren es 13,2% von 1.125.419 (Bamf 2014; Bamf 2015). Somit immigrieren aus Syrien im Jahr 2015 viermal so viele Menschen als im vorherigen Jahr nach Deutschland. Dieser Anstieg lässt sich mit dem parallel verlaufenden Bürgerkrieg in Syrien erklären. Dort gewann die Organisation Islamischer Staat (IS) immer mehr die Oberhand und löste damit aufgrund ihrer Verbrechen eine Massenflucht aus (Worm 2019: 179). Beachtet man, dass die häufigste Wanderung regional stattfindet und somit in Deutschland nur ein Bruchteil der Geflüchteten ankommen, wird diese Zahl durchaus dramatischer (Gebhardt et al. 2020: 995).

Allgemein betrachtet gibt es neben den humanitären Fluchtursachen (Hungersnot, kein Zugang zu sauberem Trinkwasser und Gewalt/Diskriminierung) noch weitere wichtige Motive zur Flucht: politische Ursachen (Armut, Ausbeutung, Korruption und Verfolgung) genauso wie wirtschaftliche Gründe durch Arbeitslosigkeit, niedrige Löhne und Unterbeschäftigung (Bertelsmann Stiftung 2017: 21 f). Ein weiterer Fluchtfaktor ist die Umweltzerstörung und der Klimawandel, welche durch vermehrte Dürren, Überschwemmungen, Tsunamis und ähnliche Umweltkatastrophen immer präsenter wird (Bertelsmann Stiftung 2017: 22).

Weil Deutschland für einen hohen Ausbildungsstandard und moderne Ausbildungs- und Arbeitswelten bekannt ist, immigrieren auch aus diesem Grund immer mehr Menschen. Dieser Aspekt beschreibt eine freiwillige Bewegung (Bertelsmann Stiftung 2017: 22).

All diese Ursachen und Gründe beziehen sich entweder auf das Heimatland oder auf das Zielland der Bewegung und werden in der Fachsprache auch als push- und pull-Faktoren bezeichnet (Gebhardt et al. 2020: 1007).

2. Herausforderungen für Deutschland

Geographische Migrationsforschung befasst sich im Wesentlichen mit zwei großen Themengebieten: dem gesellschaftlichen und räumlichen Wandel der Herkunfts- und Zielländer der Migranten und der damit verbundenen sozialen und räumlichen Mobilität (Gebhardt et al. 2020: 1009). Räumliche Mobilität entspricht hierbei dem Positionswechsel zwischen verschiedenen Orten oder geographischen Räumen, soziale Mobilität dem Wechsel zwischen unterschiedlichen Positionen in der Gesellschaft. Beide beeinflussen sich gegenseitig (Gebhardt et al. 2020: 1009). Soziale Mobilität kann in Bezug auf Migranten auf Integration im Zielland beruhen und stellt systemische Herausforderungen dar. Diese werden nun im Folgenden zusammen mit den Chancen der Integration in Deutschland erörtert.

2.1 Diversitätspolitiken und räumliche Dimension

Die verschiedenen Motive der Migration – in Kapitel 1 angesprochen – stellen eine große Herausforderung für Deutschland dar. Die Diversität der Migranten zeigt sich in Kultur, Qualifikation, Wanderungsdistanz und Religion erheblich (Gebhardt et al. 2020). Arbeitsmigranten, die mit hoher Qualifikation in Deutschland ankommen, geringe bis gute finanzielle Möglichkeiten besitzen und sich schnell eingliedern können, zeigen eine große Diskrepanz zu Fluchtmigranten, die von Angst vor Gewalt und Zerstörung getrieben, in Deutschland einen sicheren Ort suchen (Meyer, Schubert 2011). Dass die räumliche Komponente einen wichtigen Aspekt darstellt wird in einer Studie des Forschungsinstitut für gesellschaftliche Weiterentwicklung (2015-2016) deutlich (Wiedemann 2018). Angefangen bei den kostengünstigen Massenunterkünften für Flüchtlinge, die die Unterbringung möglichst vieler sicherstellen (Wiedemann 2018). Problematisch ist hierbei die vernachlässigte Integration und die mangelnde Interaktion zur Außenwelt (Wiedemann 2018). Weiterführend stellen Segregationsviertel der Personen mit Migrationshintergrund in deutschen Städten die aktuelle Stadt- und Regionalentwicklung vor grundlegende Aufgaben (Meyer, Schubert 2011). Untersucht wurde die Quartiersbildung in großen deutschen Städten (Friedrich 2008: 45). Migranten suchen ihresgleichen und siedeln sich dort an, um möglichst schnell Netzwerke aufbauen zu können (Friedrich 2008: 45). Seit der Paradigmenwende (spartial und cultural turn) wird die Meinung vertreten, dass Menschen ihren eigenen Raum erschaffen und der Raum von der Gesellschaft konstruiert wird (Glasze, Pott 2014: 49). Die Herausforderung für Stadt- und Regionalentwicklung ist hierbei signifikant, da die Segregationsviertel in deutschen Städten meist einen längeren zeitgeschichtlichen Hintergrund haben und eine gewisse Eigenstruktur (Parallelgesellschaften) besitzen, die sich durch die ankommenden Migranten verstärken kann (Ceylan 2018). Die schon bestehende Struktur lässt sich nur schwer durch die Stadtpolitik (Wohnungsmarkt, Ansiedelung) auflockern (Ceylan 2018).

2.2 „Theorie sozialer Identitäten“ und rechtsextremistische Gruppierungen

Einer der möglichen Ansätze, warum sich Integration als schwierig erweist, soll im Folgenden dargestellt werden. „The social identiy theory of intergroup behaviour“ – Theorie sozialer Identitäten - ist ein sozialpsychologischer Ansatz von Henri Tajfel (1979) und John Turner (1986) (Zick 2018: 409). Es werden auf Grundlage von Tajfels Analysen von Stereotypen und Vorurteilen intergruppale Prozesse untersucht, analysiert und kategorisiert (Zick 2018: 409). Tajfel und Turner haben sich damit beschäftigt, die Ursachen des Abwertungsprozesses einer anderen Gruppe gegenüber der eignen Gruppe zu analysieren und die psychologischen Folgen aus diesem Vorgang untersucht (Zick 2018: 409). Folgende Theorien wurden daraus entwickelt:

Erstens, schon die Benennung der anderen Gruppe kann zur Abwertung führen, da die Gruppe homogenisiert und auf den Namen reduziert wird (Wagner 2018: 16). Ein gutes Beispiel dafür ist die Politikdebatte über das Thema „Flüchtlinge, Migranten oder Asylbewerber – Wortwahl in der Flüchtlingsdebatte“ (Beer 2016). Diese zeigt gut wie drei Begriffe mit völlig unterschiedlichen Bedeutungen undifferenziert zu Synonymen für die vermeintlich gleiche Menschengruppe gemacht werden (Beer 2016). Zweitens, je stärker die Identifizierung mit der eigenen Gruppe, desto stärker die Abwertung der gegenüberstehenden Gruppe (Wagner 2018: 16). Drittens, dieses Verhalten verstärkt sich nochmals durch negative Emotionen, die mit der anderen Gruppe verbunden werden (Wagner 2018: 16). Und viertens die Reduzierung der anderen Gruppe auf Verhaltensweisen einzelner aus dieser (Gewalt und Kriminalität) und der daraus resultierenden Angst vor der fremden Gruppe (Wagner 2018: 17). Diese gefühlte Bedrohung kann unterschieden werden in: Eine Konkurrenz um materielle Werte (Ressourcen wie Geld, Wohnraum, Arbeitsplätze etc.), die eigene Kultur (Entfremdung der eigenen Kultur, Religion, etc.) und Angst vor direkten Begegnungen (Sicherheit und Kriminalität) (Wagner 2018). Es ist anzunehmen, dass Menschen mit dieser Angst dazu neigen, rechtsextremistische Parteien und Gruppierungen mit dem Ziel einer Antiflüchtlingspolitik zu bilden oder sich ihnen anzuschließen (Wagner 2018: 17). Die Parteigeschichte der Alternative für Deutschland (AfD) bildet hierfür ein anschauliches Beispiel. Bei ihrer Gründung im Jahr 2013 machten sie Wahlwerbung mit der Auflösung des Euro-Währungsgebiets (Bücker 2018: 32). Hintergrund hierfür war die Krise der Europäischen Währungsunion, die auf die internationale Finanzmarktkrise folgte (Bücker 2018: 32). Ab 2014 begann sie die Kernthemen Antiflüchtlings-/Antiislampolitik in ihr Wahlprogramm aufzunehmen. Ein deutlich emotionaleres, einfacheres Thema, das mehr Möglichkeit hat Menschen zu polarisieren als das Gründungsthema. Ab dieser Wende bekam die AfD immer mehr Zulauf, wie die Ergebnisse der einzelnen Landtagswahlen zeigen (Bücker 2018: 33).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Eigene Darstellung - Wahlergebnisse Vergleich (Datengrundlage Bundeswahlleiter 2013-2019)

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Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Der Sommer 2015. Herausforderung oder Chance für Deutschland?
Untertitel
Migrationsgeschehen in Deutschland
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Geographie)
Veranstaltung
Begleitseminar Kulturgeographie
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
13
Katalognummer
V1020310
ISBN (eBook)
9783346412928
ISBN (Buch)
9783346412935
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Sommer 2015, Herausforderung, Chance, Deustchland, Migration, Migrationsgeschehen, Integration, Arbeitsmarkt, Theorie sozialer Identitäten, Diversitätspolitiken, Demographischer Wandel, Rechtsextremismus
Arbeit zitieren
Julia Hilfenhaus (Autor), 2020, Der Sommer 2015. Herausforderung oder Chance für Deutschland?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1020310

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