Heinz Vater - Einführung in die Textlinguistik


Skript, 2001

7 Seiten


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Heinz Vater – Einführung in die Textlinguistik

Textthema und Textstruktur

Zwischen Thema und Struktur eines Textes besteht ein Zusammenhang.

Der Satz ist die minimale Struktureinheit von Texten. Man kann nicht einfach behaupten, daß der Text eine höhere grammatische Einheit als der Satz ist - besser klingt: Der Satz ist minimale Stelle, an der textinterne und textexterne Faktoren festzumachen sind.

→ Textintern wird der Satz durch seine syntaktische Struktur bestimmt (man kann nicht einen Satz nur nach Finitumanwesenheit definieren dies ist nämlich nicht verläßlich - ein Satz kann auch ohne Finitum vollständig sein (z. B. Alle mal herhören! Ab mit dir!) und umgekehrt braucht ein Satz doch ein bißchen mehr, als nur ein Finitum.

Ein Text kann aus einem Satz bestehen, ein Satz aus einem Wort...

→ Textextern wird der Text als minimale Äußerung im Rahmen der Sprechakten charakterisiert. Ein Satz kann dabei mehrere Sprechakte enthalten (z. B. Peter, komm mal her!), sogar ein einfacher Satz kann mehrere Sprechakte enthalten, besonders im Rahmen eines Gesprächs (Zahnputzdialog). Manchmal beansprucht aber ein Sprechakt zwei Sätze (Sie haben sich zu Ehren des Verstorbenen von den Plätzen erhoben. Ich danke Ihnen.)

Die textinternen Bedingungen für einen Text entsprechen also eigentlich dem, was Beaugrande/Dressler unter Kohäsion verstehen, hinzu fügt noch Van Dijk die phonologischen Faktoren (Rhythmus, Reim, Lautsymbolismus, Intonation, Pausenstruktur), diese sind besonders in den künstlerischen Texten wichtig.

Morphologische Kohäsion gibt es im Bereich der Wortbildung, besonders bei Okkasionalismen (z. B. reif für die Schule fi schulreif).

Für das Zustandekommen einer Textstruktur sind nicht die Kohäsionsmittel notwendig, bzw. hinreichend, sondern die semantisch-kognitiven Beziehungen zwischen den Sätzen

-

(semantisch Referenz-Beziehungen, Verknüpfungsarten; diese sind jedoch durch Intentionen des Sprechers und das Weltwissen von Sprecher und Hörer motiviert) - diese Zusammenhänge lassen sich (nach Lang) als „Gemeinsame Einordnungsinstanz“ bezeichnen (GEI), sie können, aber müssen nicht explizit im Text erscheinen. Durch Koordination mit einem anderen Satz kann sogar eine Bedeutung abgeleitet werden, die in der ursprünglichen wörtlichen Bedeutung nicht enthalten ist. (z. B. Peter hat sich einen Trabant und seiner Frau ein Auto gekauft.)

Ein langer Text läßt sich unter Umständen in einen Satz verbinden, manchmal führt es aber zu Bedeutungsverschiebung. Man kann also die Beschreibung von Sequenzen nicht einfach mit der Beschreibung von zusammengesetzten Sätzen gleichsetzen.

Im Text handelt sich nicht primär um Relationen zwischen Sätzen, sondern zwischen Propositionen (Proposition @ einem Satz zugrundeliegender Bedeutungsgehalt; dieser kann entweder wahr oder falsch sein; dabei ist er nicht wahrheitgebunden, sondern von den abstrakten Konzepten der Dinge und Sachverhalte abhängig).

Gülich/Raible verstehen Texte als zweidimensionale Gebilde (kohäsive Verkettung + Makrostruktur (Textsortenhaftigkeit)). Nach dieser Konzeption besteht ein Textganzes aus Teilganzen, die als Sinneinheiten eine Funktion im Textganzen haben. Textteile lassen sich in kleinere Textteile zerlegen. Bei Textsorten beschreibt man die Art, Abfolge und Verknüpfung ihrer Textteile.

Nach Van Dijk sind die Makrostrukturen semantisch, formal unterscheiden sie sich nicht von den Mikrostrukturen (beide bestehen aus einer Reihe von Propositionen). Im Text gibt es eigentlich mehr Makrostrukturen, auf verschiedenen Ebenen.

Um die Makro- und Mikrostrukturen bestimmen zu können, schafft Van Dijk „Makroregeln“ (semantische Transformationsregeln).

I. Auslassen -(für die Interpretation der restlichen Textes) irrelevante Information

Ein Mädchen mit einem gelben Kleid lief vorbei.

II. Selektieren - die ableitbare Information

Peter lief zu seinem Auto. Er stieg ein. Er fuhr nach Frankfurt. fi Peter fuhr mit seinem Auto nach Frankfurt.

III. Generalisieren - merkmalkonstituierende Kennzeichen werden durch ein gemeinsames Merkmal ersetzt

Eine Puppe lag auf dem Boden. Eine Holzeisenbahn lag auf dem Boden. Bausteine lagen auf dem Boden. fi Spielzeug lag auf dem Boden.

IV. Konstruieren oder Integrieren - aus expliziten und impliziten Propositionen wird eine rahmenbildende Proposition gebildet, die das Thema enthält Ich ging zum Bahnhof. Ich kaufte eine Fahrkarte. Ich lief zum Bahnsteig. Ich stieg in den Zug ein. Der Zug fuhr ab. fi Ich nahm den Zug.

Nach Van Dijk definiert eine Makrostruktur eine Textmenge, die alle Texte enthält, die dieselbe globale Bedeutung haben.

Nach Vater können aber diese Kürzungsvorgänge nicht erklären, warum bei der Rekonstruktion von Texten oft Informationen beigesteuert werden, die gar nicht im Text enthalten waren - nicht einmal implizit. Vater schlägt also vor, diese Verfahrung lieber auszulassen.

Textthema - kann nach Van Dijk durch Makrostrukturen präzisiert werden fi Thema als Makroproposition → der Text impliziert das Thema (nicht umgekehrt!); das Thema muß nicht explizit im Text genannt werden (wenn‘s geschieht → Themawort, Themasatz (z.B. TextTitel); manc hmal sogar notwendig für die Rezeption des Textes).

Thema -Rhema - Analyse → Thema enthält alte, bekannte Information, im Rhema erfährt man etwas neues; diese Gliederung muß nicht jeder Satz enthalten, es gibt Sätze, die als ganze thematisch oder rhematisch sind; auch Texte können in Thema-Rhema-Strukturen zerlegt werden. Anhand solcher Analyse lassen sich verschiedene Typen von thematischen Progressionen (Komplex von thematischen Relationen im Text).

1. einfache lineare Progression - das Rhema der ersten Aussage wird zum Thema der zweiten, usw.
2. Typus mit durchlaufendem Thema - einem Thema werden fortlaufend neue Rhemen zugeordnet
3. Progression mit abgeleiteten Themen - Teilthemen werden von einem Hyperthema abgeleitet
4. Entwicklung eines gespalteten Rhemas - (explizites oder implizites) Doppelthema, woraus selbständige Teilprogressionen entwickelt werden
5. Thematischer Sprung - ein Glied der thematischen Kette wird ausgelassen → diese fünf Typen werden in den Texten kombiniert

Klein und Von Stutterheim versuchen Textthema und Textstruktur dadurch zu bestimmen, welche Frage(n) der Text beantwortet → die Quaestio des Textes - durch die Fragestellung kann auch die Thema-Rhema-Struktur entschleiert werden.

Referenz in Texten

Referenzlinguistik befaßt sich mit den Bezügen sprachlicher Ausdrücke (Sätze, Phrasen) auf Außersprachliches. Die Hauptaufgabe der Sprache ist unbestritten die sprachliche Kommunikation. In einem normalen Text wird referiert; die Referenzbeziehungen sind oft erst durch den textuellen Zusammenhang erschließbar. Die Sprachzeichen referieren nicht nur auf die reale Welt, sondern auf eine aus unserem Bewußtsein projizierten Welt (z. B. der Weihnachtsmann, Frau Holle).

Ein Ausdruck, der die Möglichkeit hat zu referieren ist „referentiell“. Nichtreferentiell sind nur die sprachlichen ausdrücke, die rein sprachstrukturelle Funktion haben (z.B. Konjunktionen).

Die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke hat zwei Aspekte - Referenz (Bezug auf Außersprachliches, auf „Referenten“) und Sinn (Bezug auf Innersprachliches, semantische Abgrenzung des Zeichens).

Searle analysiert die Referenz anhand von Sprechakten. Diese enthalten mehrere Teilakten: Äußerungsakt (Lokution) - phonologisches und morphologisches Material und die syntaktische Struktur des betreffenden Sprechakts Propositionsakt - betrifft den Sachverhalt (Fritz liest die Zeitung.?!) Illokutionsakt - Funktion der Äußerung (Bitte, Befehl, Aussage, Frage,...)

(Komm her! Geh! Leg dich hin!)

Perlokutionsakt - betrifft globale Intentionen des Sprechers (er kann den Adressaten informieren, irritieren,...)

→ dabei sind Proposition und Illokution untrennbar miteinander verbunden

→ der Propositionsakt wird bei Searle in einen Referenz- und einen Prädikationsakt eingeteilt (Vater hat Einwände hingegen)

Referenztypen:

1) Ereignisreferenz - sprachliche Wiedergabe der Ereignisse

- nach Jackendoff geht es nicht um Referenzen auf Dinge in der realen Welt, sondern in einer projizierten Welt (4 Punkte fi Viereck; man spricht genausogut über abstrakte wie über konkrete Einheiten)

- wenn man getrennte Ebenen für Semantik und Kognition annimmt, wird die Ungleichheit einzelner Sprachen sichtbar (put)

2) Zeitreferenz - die zeitliche Einordnung von Ereignissen

- in vielen Sprachen in jedem Satz Zeitreferenz durch Finitum ausgedrückt

- Zeitkonzept bei verschiedenen Kulturen unterschiedlich; nicht alle Sprachen verfügen über die grammatische Kategorie des Tempus

- lexikalische Mittel zur Zeitreferenz bei allen Sprachen

- Tempora kennzeichnen die zeitliche Einordnung von Ereignissen → drei Bezugspunkte: point of speech, point of event, point of reference (Gestern waren Müllers schon drei Tage verreist. E vor R vor S)

- manchmal werden allerdings Tempora ganz „regelwidrig“ verwendet (Herr Ober, ich bekam ein Bier! Was gab es morgen im Theater?) - pragmatisch beeinflußt

3) Ortsreferenz - Positionierung eines Gegenstandes oder Ereignisses

- direktionale Referenz - Bewegung auf einen Ort zu (+ Bezug auf den lokalen

Ausgangspunkt)

- verschiedene sprachliche Ausdrucksmittel: Adverbiale, lokale Kasus, lokale und direktionale Verben, Prä- und Postpositionen

- jeder Äußerung wird das Hiersein impliziert (auch die Jetztzeit)

- bestimmte Verben verlangen eine Lokalangabe (wohnen, bleiben, befinden)

4) Gegenstandsreferenz - klassischer Fall von Referenz

- 2 Aspekte: Determinierung und Quantifizierung → beide werden durch Nominalphrasen ausgedrückt

- Determinierung = „Definitmachen“ - Lokalisierung eines

Referenten

in einer Referenzmenge, die dem Produzenten und Rezipienten einer

Äußerung gemeinsam verfügbar ist

→ Anaphorik = Definitheit durch Identifizierung mit

Vorerwähntem (Ein Mann kam herein. Er sah müde aus.)

→ Assoziativ-anaphorische Verwendung - Anknüpfung an

Vorerwähntes (z. B. Teil- Ganzes-Beziehung - Es war ein hübsches

Dorf. Die Kirche stand auf einer Anhöhe.)

→ Deiktische Verwendung - Abhängigkeit von unmittelbaren Situation (Das Buch hier muß t du lesen!)

→ Abstrakt-situative Verwendung - Rückgriff auf Weltwissen (Der Präsident hat eine Rede gehalten.)

Referenzbeziehungen in Texten:

Koreferenz - Referenz mehrerer sprachlicher Ausdrücke in einem Text auf den gleichen Referenten außerhalb des Texts

- totale Referenzidentität (z. B. zwischen Hans und er)

- partielle Referenzidentität (z. B. zwischen Hans und sein Kopf)

- überlappende Referenz (Kinder = Mädchen + Jungen)

Produzent - Produkt - Beziehung

Prädikat - Argument - Beziehung

Temporalreferenzrelation - z. B. Gleichzeitigkeit, Vorzeitigkeit,...

- Zeitbezüge von Ereignissen - primär durch Tempora ausgedrückt

- Referenzzeit-Intervalle - z. B. am 20. Mai

Lokalreferenz - muß nicht enthalten sein; oft implizit Die Referenzbeziehungen können jedoch unausgedrückt bleiben.

Bei Beaugrande /Dressler wurden textuelle Referenzbeziehungen in Form von KohärenzNetzwerken dargestellt.

Klein und von Stutterheim unterscheiden anhand der Quaestio zwischen Haupt- und Nebenstruktur von Texten und analysieren „referentielle Bewegung“ in den Texten. Es geht eigentlich um Entfalten der Information von Äußerung zu Äußerung. (Angaben zu zeitlichen Eigenschaften, räumlichen Eigenschaften, an der Handlung beteiligten Personen, Ereignissen und zu modalen Eigenschaften) → Fortführung, Verknüpfung, Wechsel; einzelne Konstituenten eines Satzes können oft mehrere Referenzfunktionen gleichzeitig erfüllen (Ereignis- + Zeitreferenz im Finitum, ...)

Wenn eine Referenz im Text nicht explizit ausgedrückt wird, kann man sie entweder aus dem Kontext ableiten (strukturbasierte oder reguläre Kontextabhängigkeit), oder hilfs seines Weltwissens erschließen (Inferenz?).

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Details

Titel
Heinz Vater - Einführung in die Textlinguistik
Autor
Jahr
2001
Seiten
7
Katalognummer
V102056
Dateigröße
346 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In: Vater, H. (1992): Einführung in die Textlinguistik, München.
Schlagworte
Heinz, Vater, Einführung, Textlinguistik
Arbeit zitieren
Veronika Harmathová (Autor), 2001, Heinz Vater - Einführung in die Textlinguistik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102056

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