Wirtschaftsethik am Beispiel der schweizerischen Finanzinstitute im Umgang mit den Holocaust Geldern


Diplomarbeit, 2001

76 Seiten


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Inhalt

1 EINFÜHRUNG
1.1 Abgrenzung des Themengebietes
1.2 Zielsetzungen der Arbeit

2 GRUNDLAGEN UND HERLEITUNG
2.1 Definition von Ethik
2.1.1 Ethik
2.1.2 Moral und Ethos
2.1.3 Entwicklung des Moralbewusstseins beim Individuum
2.1.4 Entwicklung der Moralkonzepte
2.2 Definition der ökonomischen Modelle, verbunden mit den politisch- philosophischen Normen
2.2.1 Die unsichtbare Hand – Adam Smith, die Klassiker und der Libertarismus
2.2.2 Der Utilitarismus
2.2.3 Der egalitäre Liberalismus
2.2.4 Die Nachkriegszeit – Soziale Marktwirtschaft mit Ludwig Erhard
2.2.5 Rückführung des ausufernden Sozialstaates in eine schlanke soziale Marktwirtschaft – Rückbesinnung auf die grundlegenden Werte
2.3 Definition der Wirtschaftsethik
2.3.1 Wirtschaftsethik historisch gesehen
2.3.2 Wirtschaftsethische Grundzüge im Mittelalter
2.3.3 Der Merkantilismus
2.3.4 Die Industrialisierung
2.3.5 Der Individualismus am Beispiel von Henry Ford
2.3.6 Modelle der Wirtschaftsethik

3 DIE SCHWEIZERISCHEN FINANZINSTITUTE IM UMGANG MIT DEN HOLOCAUST-GELDERN 32
3.1 Geistiges und politisches Umfeld von 1939-1945
3.1.1 Der Kriegsverlauf – kurzgefasste Ablaufskizze
3.1.2 Das geistige Umfeld – Der Antisemitismus
3.1.3 Gängige Moral – der Alltag mit Ängsten und Zweifeln
3.1.4 Ideologien normativer Art, basierend auf Staatsformen
3.1.5 Politische und gesellschaftliche Fragen – Grundlage der Normen und Normenbeurteilung
3.1.6 Moralisches, wirtschaftliches und politisches Umfeld Schweiz - Deutschland von 1933 - 1945
3.2 Nachrichtenlose Vermögen – Die politischen Bestrebungen der Nachkriegszeit
3.2.1 Bundesgesetz über die Meldepflicht von erblosen Vermögen – die 1962er Umfrage
3.2.2 Das Bankengeheimnis – Ein janusköpfiges Instrument
3.2.3 Durchsetzung des Beschlusses und Resultate der Aktion
3.2.4 Verdrängung und erneute Aktualität der Thematik – der „moralische Prozess“
3.3 Die Vergangenheit im Lichte der Gegenwart - Bergierbericht „Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg“
3.3.1 Die Schweizerische Nationalbank als Akteur während des zweiten Weltkrieges
3.3.2 Die „Unabhängige Expertenkommission Schweiz – Zweiter Weltkrieg“
3.3.3 Bergierbericht „Die Schweiz und die Goldtransaktionen im Zweiten Weltkrieg“
3.3.4 Stand der Debatte heute
3.4 Finanzplatz Schweiz im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik
3.4.1 Die argumentative Reaktion der Finanzinstitute
3.4.2 Reaktion auf die Sammelklagen – Ökonomischer Druck beschleunigt die Reaktionszeit _
3.4.3 Geldinstitute als Verfechter moralischer Werte?
3.4.4 Die Konsequenzen der Kritik – erarbeiten die Banken soziale Kompetenz?
3.4.5 Neue Richtlinien der Schweizerischen Bankiervereinigung im Umgang mit nachrichtenlosen Vermögenswerten.

4 ZUSAMMENFASSUN G – KERN DER AUSEINANDERSETZUNG
4.1 Unterschiedlicher Normenkatalog als Hauptanknüpfungspunkt
4.1.1 Normenanalyse als Grundlage der Geschichtsaufarbeitung
4.1.2 (Ver)urteilung aufgrund heutiger Normen
4.2 Fördert der gegenwärtige Diskurs die gesellschaftliche Verantwortung?
4.2.1 Die gesellschaftliche Kurzsichtigkeit, das Sachzwangargument und die zwischen- menschliche Sensibilität
4.3 Wie weiter? - Neun Forderungen an den Finanzplatz Schweiz

ANHANG

Quellen- und Literaturverzeichnis

Gedruckte Quellen - Bücher

Elektronische Quellen – Internet, Lexika

Aufsätze und Berichte

Abbildungsverzeichnis

Abkürzungen

Non omne quod licet honestum

Lat. Sprichwort:

„Nicht alles was rechtlich erlaubt ist, ist moralisch einwandfrei oder ehrenhaft“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einführung

1.1 Abgrenzung des Themengebietes

Wirtschaftsethik bezeichnet ein breit gefächertes Themengebiet der Ökonomie rund um den Begriff des

„sozial verträglichen Wirtschaftens“. Die vorliegende Arbeit analysiert einen konkreten Fall der Ge- schichte, um die Wichtigkeit dieses Gebietes praktisch zu untermauern.

In einem ersten Teil werden Grundbegriffe wie Ethik, Moral und Ökonomie zur Herleitung der Wirtschaftsethik beschrieben.

Im Fallbeispiel analysiert sie als ersten Punkt das Umfeld von 1939 bis 1945. Die Arbeit sensibilisiert auf das soziale, geistige, politische und ökonomische Umfeld während des Zweiten Weltkrieges und liefert somit eine Ist-Analyse der damaligen Zeit. Sie fungiert als Grundlage zur späteren Analyse und Ein- schätzung des Verhaltens der Banken. Die Wirtschaftsethik bezieht sich hierbei direkt auf das Handeln der Finanzinstitute während dieser Zeit. Der Krieg als Ausnahmesituation stellte viele Unternehmen unter zusätzlichen politischen oder ökonomischen Druck. Das Rechts- und Moralverständnis der Menschen hatte sich während dieser Zeit verändert, teilweise gar die Gesellschaft gespalten.

Das Ende des Krieges und die damit beginnende Nachkriegszeit stellte für die betroffene Bevölkerung einen Neubeginn dar. Das Moralverständnis weiter Bevölkerungskreise begann sich zu wandeln, die politische und ökonomische Angst verschwand. Erste politische Aktionen bezüglich den nachrichtenlosen Vermögenswerten wurden lanciert. Druck von Aussen, sprich Politik, Medien und Organisationen war nötig, um ein erstes Licht in die Machenschaften der Kriegszeit zu bringen.

Der dritte Teil beschäftigt sich mit der gegenwärtigen Situation in der Diskussion um die nachrichtenlosen Vermögenswerte. Die politische Diskussion und der ökonomische Druck, der in Form von Sammelklagen spürbar wurde, forderten die Banken und Finanzinstitute zum Handeln auf. Die Arbeit analysiert hierbei unter anderem den Bergierbericht und die darin angewandten Rechts-, Ethik- und Moralnormen.

In einem letzten Teil formuliert die Arbeit die entscheidenden Erkenntnisse in bezug auf die Wirtschafts- ethik und schliesst mit neun Forderungen.

1.2 Zielsetzungen der Arbeit

Die Ziele der Arbeit werden wie in der Abgrenzung beschrieben in mehreren Schritten erreicht. Ein erster kürzerer Teil beschäftigt sich mit der Grundlagentheorie, die restlichen Ziele orientieren sich am konkreten Fallbeispiel.

Als erstes leitet die Arbeit den Begriff der Wirtschaftsethik her. Sie konstituiert sich aus Begriffen der Philosophie und der Ökonomie.

In einer zweiten Etappe analysiert sie das politische, ökonomische und soziale Umfeld. Welche Gesell- schaftsnormen gelangen zur Anwendung? Welche Staatsformen treffen aufeinander und wie zeigt sich das Moralverständnis der Bevölkerung während der Kriegszeit?

Ein dritter Teil beschäftigt sich mit den Aktionen der Nachkriegszeit, welche grösstenteils politischer Natur sind. Wie änderte sich das Moralverständnis bezüglich den Machenschaften der Finanzinstitute während des Krieges? Welches waren die politischen Aktionen? Auch die zwischenzeitliche Verdrängung stellt einen Meilenstein in der Verarbeitung und Entwicklung des neuen Moral- und Rollenverständnisses der Banken dar.

Ein vierter Part beschäftigt sich hauptsächlich mit dem Bergierbericht. Mit welchen Norm- und Moralvorstellungen arbeitet der Bergierbericht? Berücksichtigt er den Krieg als Ausnahmesituation? Berücksichtigt er die damals herrschenden Normen?

Der fünfte und letzte Teil zeigt den Finanzplatz Schweiz im Kreuzfeuer der öffentlichen Kritik. Mit welchen Massstäben werden die Finanzinstitute gemessen? Wie wird seitens der Banken reagiert? Welche Schlüsse ziehen die Finanzinstitute und welche Massnahmen werden daraus abgeleitet?

Gestützt auf die analysierten Fakten formuliert die Arbeit neun Forderungen an den Finanzplatz Schweiz.

2 Grundlagen und Herleitung

2.1 Definition von Ethik

Für die Herleitung des Begriffes Wirtschafsethik muss vorerst der Begriff Ethik beschrieben und definiert werden. Das philosophische Gebiet der Ethik hat eine geschichtsträchtige Vergangenheit. Es wäre deshalb vermessen, einen Vollständigkeitsanspruch zu erheben.

2.1.1 Ethik

Ethik leitet sich vom griechischen Wort ethos ab. Es fundiert auf dem Gedankengut von Aristoteles[1], der selber auf ältere Ansätze früherer philosophischen Strömungen wie den Sophisten, aber auch auf ge- wichtige Exponenten wie Sokrates oder Platon zurückgreift. Die griechische Herkunft des Wortes ethos bezeichnet den gewohnten Ort, die Sitte und den Brauch. Ethisches Handeln beschreibt demnach das Verhalten, welches durch Erziehung gewonnen wurde und sich nach Sitte und Gebrauch ausrichtet. Enger und im eigentlich Sinne definiert handelt ethisch derjenige, der aus Einsicht und durch Reflexion das jeweils Erforderliche tut. Dieses ethos verfestigt sich schliesslich zum aethos (griechisch), zur Grundhaltung der Tugend, d.h. zum Charakter. [2]

Im zeitgenössischen Sprachgebrauch meint Ethos eine hohe Form sittlicher Haltung und sittlichen Handelns. „Das Ethos ist identisch mit dem Charakter und der grundsätzlichen sittlichen Verhaltens- disposition einzelner Menschen oder ganzer Gruppen.“[3]

2.1.2 Moral und Ethos

„Der lateinischen Wurzel (mos, pl. Mores: die [guten] Sitten) entsprechend bezeichnet der Begriff der Moral die Gesamtheit der gewohnten, faktisch geltenden moralischen Wertvorstellungen und Urteils- weisen, Grundsätze und Normen, die in einer kulturellen Lebenspraxis das sittlich richtige Handeln in allgemeiner, für jedermann verbindlicher Weise bestimmt“[4]. Moral verkörpert unter dieser Begriffs- definition das gesellschaftlich akzeptierte Verhalten. Weitergehend definiert entspricht es einem allgemein- verbindlichen Handlungsmuster, dem normative Geltung zukommt und damit Wert- und Sinn- vorstellungen einer Handlungsgemeinschaft enthält.[5] Diese Regeln schützen vor verhaltensmässiger Willkür, welche den zwischenmenschlichen Bereich regelt, der von den Gesetzesgrundlagen nicht abgedeckt wird. Starke Abweichungen von den Moralvorstellungen sind selbstverständlich im Gesetz verankert. Moralische Grundregeln konstituieren sich demnach aus unzähligen Faktoren wie der Zeit, dem sozialen, ökonomischen oder politischen Umfeld. Sie verändern sich deshalb laufend. Im Gegensatz zu rechtlichen Fragen lassen sich moralische Streitigkeiten eher selten mit einer höheren Instanz lösen. Werden moralische Fragen mit Gewalt gelöst, beispielsweise nach dem darwinistischen Recht des Stärkeren, so kommt es zum „Krieg eines jeden gegen jeden.“[6] Man spricht hierbei vom „Machtprinzip“ [7]. Für zwischenmenschlich akzeptable Lösungen sollten moralische Fragen durch alle beteiligten Personen diskutiert und gemeinsam eine Lösung gefunden werden. Die Argumentationsposition löst die Machtposition ab, das „Moralprinzip“ kommt zum tragen.7Mit der Achtung des „Moralprinzips“ fordert das Subjekt, sich selbst mit den Schutzbedürftigen zu solidarisieren.[8]

Die Bezeichnung Ethos verkörpert das individuelle Selbstverständnis rsp. „die Gesinnung oder Grund- haltung von Personen. Haltungen, die das moralisch gute Handeln zur persönlichkeitsprägenden Neigung verinnerlichen, heissen Tugenden.“[9]

Aristoteles prägte den Begriff der sogenannten „sittlichen Tüchtigkeit“[10]. Unter diesen Begriff fällt einerseits die Definition des guten Menschen (Tugendethik) andererseits der Entwurf des guten, gelingenden Lebens. Diese Einstellung definiert weitgehend, welche Güter für ein bestimmtes Subjekt als erstrebenswert gelten (Güterethik, Ethik des guten Lebens). Das einzige, höchste Gut, das nicht Mittel, sondern das Ziel selbst verkörpert, ist der Zustand der Glückseligkeit.[11]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figure 2-1: Die Kategorien „Moral und „Ethos“, Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt]

2.1.2.1 Partikulare versus universelle Moralsysteme

Innerhalb der angewandten Moralsysteme unterscheiden der Historiker Raphael Gross und der Philosoph Werner Konitzer zwischen partikularen und universellen Moralsystemen. Bei partikularen Moralsystemen werden die Normen nur auf eine bestimmte Bevölkerungsgruppe angewandt, während bei der universellen Form das Moralsystem für alle Menschen gültig ist. Partikulare Rechts- rsp. Moralsysteme gehen mit einer - meist willkürlichen oder gar absichtlichen - Benachteiligung eines spezifischen Bevölkerungsteiles einher. Viele demokratisch organisierte Staaten besitzen ein mehr oder weniger ausgereiftes universelles Moralsystem, während in unstabilen Ländern (bspw. Diktaturen oder Guerilla- rsp. Militärregierung) oft ein partikulares Moralsystem herrscht. Exemplarisch für ein partikulares Moralsystem steht Deutschland unter der Diktatur der Nationalsozialisten.[12]

2.1.3 Entwicklung des Moralbewusstseins beim Individuum

Die Entwicklung der moralischen Einstellung ist ein stufenweiser Prozess. Der Schweizer Psychologe Jean Piaget[13], später Lawrence Kohlberg[14], analysierten bzw. vertieften die Kenntnisse über die stufenweise Entwicklung des Moralbewusstseins rsp. der Sozialisation.

Insbesondere Kohlberg zeigte die Entwicklungsstufen des Menschen vom Niveau des Kleinkindes bis zum Niveau des mündigen Erwachsenen. Mit seinem Modell teilte er die Entwicklung in sechs Stufen auf, welche in folgender Tafel beschrieben sind:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figure 2-2: Entwicklungsstufen des Moralbewusstseins nach L. Kohlberg

Es gilt hierbei zu beachten, dass die höchste Stufe des moralischen Bewusstseins rsp. Handelns (Postkonventionelle Ebene) längst nicht von jedermann gelebt wird. Geprägt durch genetische und soziologische Faktoren erwirbt sich jeder Mensch eine spezifisch gelebte Moralstufe innerhalb der beschriebenen Kategorien. Insbesondere der soziologische rsp. kulturelle Aspekt ist hierbei entscheidend, denn jede Kultur lebt eine gewisse Schnittmenge eigener Moralvorstellungen, welche teilweise gesetzlich verankert, teilweise gelebt werden müssen, damit das Individuum von der jeweiligen Gesellschaft akzeptiert wird. Ein gewisses Moralverständnis ist deshalb lebensnotwendig und wird im Laufe der Kinder- und Jugendjahre anerzogen.

2.1.4 Entwicklung der Moralkonzepte

Die gängigen Moralkonzeptionen entwickelten sich stufenweise. Sie begannen mit der Goldenen Regel und dem Christlichen Gebot der Nächstenliebe und mündeten schliesslich in der modernen Diskursethik.

Die Goldene Regeln ist eine der am weitest verbreiteten moralischen Grundsätze. Sie fusst auf dem so- genannten Reziprozitätsgedanken. „Behandle andere so, wie Du selbst von ihnen behandelt werden willst.“[15] Eine Weiterformulierung dieses Gedankens findet sich im jüdisch-christlichen Gebot der Nächstenliebe „Du sollst deinen Nächsten lieben wie Dich selbst.“[16]

2.1.4.1 Der unparteiische Zuschauer

Adam Smith war einer der ersten Wirtschafts- rsp. Moralphilosophen, der seine Theorien moralisch begründete. Smith zog einen unparteiischen Zuschauer als Richter ins Spiel. Er erkannte das uni- versalistische Moralprinzip vor Kant.[17]

Smith formulierte seinen Ansatz wie folgt: „Wir bemühen uns, unser Verhalten so zu prüfen, wie es unserer Ansicht nach irgendein anderer gerechter und unparteiischer Zuschauer prüfen würde.“[18]

Das Endstadium der Formulierung lautete sodann: „(...) so zu handeln, dass der unparteiische Zuschauer den Maximen seines Verhaltens zustimmen könnte...“[19] und „Das Glück eines Anderen zu zerstören, nur weil es unserem eigenen im Wege steht, (...) das wird kein unparteiischer Zuschauer gutheissen können.“[20] Der Vorteil des unparteiischen Zuschauers liegt in dessen emotionaler und materieller Freiheit, die ihn in die Lage versetzt, seiner Auffassung und seinem Verständnis gemäss gerecht zu urteilen.

Für Smith galt als oberste Instanz die Vernunft. Seine Rationalitätsgedanken finden sich u.a. in folgender Aussage: „Es ist Vernunft, Grundsatz, Gewissen (...) der grosse Richter und Schiedsherr über unser Ver- halten.“[21]

2.1.4.2 Der Kategorische Imperativ

Kant verfeinerte Smith rationales Gedankengut. Als Vertreter der „Aufklärung“ formulierte er seine Ansicht von tugendhaftem Handeln folgendermassen: „Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.“[22] Der weitergehende Schritt besteht in der Selbstverantwortung. Smith setzte mit dem unparteiischen Zuschauer auf einen unabhängigen Dritten, wohingegen Kant das Gewicht auf das liberale, selbstverantwortliche Denken richtete. Natürlich ist Smith der prominentere Vertreter des Liberalismus, doch formulierte Kant dieses Gedankengut präziser. Er erweiterte seinen Grundsatz des Kategorischen Imperativs um die sogenannte Zweckformel und trug damit der zwischenmenschlichen Achtung und Anerkennung Rechnung: „Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals bloss als Mittel brauchest.“[23]

2.1.4.3 Das regelutilitaristische Verallgemeinerungskriterium

Die utilitaristische Ethik (lat. utilis; nützlich) stammt aus dem angelsächsischen Diskurs, der meint, er könne die rein teleologische Ethik ohne deontologische[24] Begründungsbasis vertreten. „Als das höchste Gut und Kriterium betrachtet sie das grösste Glück der grössten Zahl[25], d.h. die Maximierung des Gemeinwohls.“[26] Die utilitaristische Ethik erhebt jene Regel zur Tugend, die den grössten Nutzen für das Allgemeinwohl ergibt. „Die Folgen davon, dass jeder in einer bestimmten Weise handelt, dürfen nicht derart sein, dass sie nicht wünschenswert wären.“[27]

2.1.4.4 Die Diskursethik

Die Diskursethik fusst auf dem Gedankengut des Deutschen Philosophen Karl-Otto Apel und eines Vertreters der zweiten Generation der Frankfurter Schule , Jürgen Habermas. Den Kernpunkt bildet der Diskurs, also die verbale Auseinandersetzung zwischen Individuen. Grundidee ist der Mensch als „Sprachtier“[28], denn ohne Sprache, aber auch verbaler Auseinandersetzung gibt es für ihn kein Denken und keine Vernunft.[29] Die Diskursethik wird von vier normativen Leitideen getragen:

I. “Die gebotene verständigungsorientierte Einstellung aller Beteiligten,
II. deren vorbehaltloses Interesse an legitimem Handeln,
III. ein differenziertes Konzept von Verantwortungsethik sowie last but not least
IV. eine politisch-ethische Leitidee vom ‚Ort’ der Moral in einer modernen Gesellschaft“[30]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Figure 2-3: Diese Abbildung bietet einen Gesamtüberblick zu den angedeuteten Moralansätzen. Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt] S. 58

2.2 Definition der ökonomischen Modelle, verbunden mit den politisch- philosophischen Normen

Bei den hier vorgestellten volkswirtschaftlichen Thesen rsp. politischen Normen steht in erster Linie die ungleiche Güterverteilung der Menschen im Mittelpunkt. Jedes Modell sucht auf seine Weise einen Weg, ungleiche ökonomische Stellungen, d.h. bspw. ungerecht verteilte Einkommen und Vermögen, aus- zugleichen. Erster Grundsatz ist die Knappheit der wirtschaftlichen Güter, denn bestünde keine Güter- knappheit, so würden ungerecht verteilte Einkommen und Vermögen kein Problem darstellen. Jeder hätte einen entsprechend genügenden Lebensstandard.[31] Im folgenden Kapital werden einige Modelle politischer Philosophie erörtert und – wo möglich – mit ökonomischen Modellen und Theorien verbunden. So steht die Betrachtung folgender drei wichtiger Ansätze im Mittelpunkt: Der Libertarismus, kombiniert mit Adam Smiths Liberalismus, der Utilitarismus sowie der egalitäre Liberalismus.[32] Am Beispiel der sozialen Marktwirtschaft vergleicht die Arbeit die deutsche mit der amerikanischen Wirtschaftsentwicklung.

2.2.1 Die unsichtbare Hand – Adam Smith, die Klassiker und der Libertarismus

Die heute gängigste Wirtschaftsnorm fusst auf den Grundlagen von Adam Smith (1723-1790). Dem selben Vertreter, der sich einen Namen auf dem Gebiet der Ethik erarbeitete. Im Gegensatz zur hier vorgestellten neoliberalen These als normativen Grundstein, sind seine Schriften zur Ethik weniger bekannt. Smith propagierte in seinem Klassiker die freie Marktwirtschaft. Seiner Meinung nach regle eine unsichtbare Hand die Marktgeschehnisse. Der Markt benötigt keine regulativen Instanzen. Durch das freie Spiel von Angebot und Nachfrage gleichen sich Ungleichheiten am effizientesten aus.[33] Smith gehört damit zu den Klassikern. Die Erhebung des freien Marktes als regelnde Instanz in Adam Smith Werk, wird zu oft als unbedingte These gedeutet und formuliert. Das oben formulierte Gedankengut vom unparteiischen Zuschauer ergänzt und verfeinert seine harte Marktthese. Ein Anhänger von Smith war David Ricardo. Ricardo beschäftigte sich in seinem wichtigsten Werk[34] mit der Einkommensverteilung und der Beziehung zwischen den Produktionsfaktoren Arbeit, Boden und Kapital.[35]

Nahe verwandt mit Smiths Gedankengut ist der Entwurf der Libertaristen. Ein bekannter, jedoch sehr umstrittener Vertreter dieser Richtung ist der amerikanische Philosoph Robert Nozick. In seinem 1974 Buch „Anarch, State and Utopia“ vertritt er einen antisozialstaatlichen und radikal-liberalistischen Staats- minimalismus. Das verbindende Element zwischen den zwei Theorien liegt in der These der Prozess- beurteilung des Libertarismus und des unparteiischen Zuschauers von Smith. „Wenn die Einkommens- verteilung unrechtmässig zustande gekommen ist - z.B. weil eine Person eine andere bestohlen hat - dann hat der Staat das Recht und die Pflicht, das Problem zu beheben. Solange der Prozess der Festsetzung der Einkommensverteilung aber rechtmässig ist, ist die resultierende Verteilung gerecht, egal wie ungleich sie auch sein mag.“[36] Beim rechtmässig liegt der springende Punkt, denn rechtmässig meint gesetzlich und berücksichtigt keinerlei soziale, moralische oder ethische Normen.

2.2.2 Der Utilitarismus

Der Utilitarismus wurde bereits im Kapitel der ethischen Begriffsdefinition aufgegriffen. Die zwei Wegbereiter des utilitaristischen Gedankengutes waren Jeremy Bentham (1748-1832) sowie John Stuart Mill (1806-1873). Ziel des Utilitarismus ist, wie bereits formuliert, den volkswirtschaftlichen Wohlstand zu maximieren. Das Mittel zur Erreichung des Maximums an volkswirtschaftlichem Gesamtwohl ist die Einkommensumverteilung. „Das Argument der Utilitaristen für Einkommensumverteilung basiert auf der Annahme des abnehmenden Grenznutzens.“[37] Ein Beispiel soll das Gedankengut der Utilitaristen veran- schaulichen. Ursula verdient 30'000 Franken, Nadine 90'000 Franken. Wenn nun Nadine Ursula einen Franken gibt, so ist der Grenznutzen dieses einen Frankens für Ursula viel höher, als der Verlust bei Nadine. Der volkswirtschaftliche Gesamtnutzen erhöht sich somit.[38] Doch auch die Utilitaristen basieren auf dem Modell des homo oeconomicus. Damit der Anreiz zur Arbeitsaufnahme nicht gänzlich verschwindet ist es unabdingbar, eine gewisse ökonomische Ungleichheit beizubehalten. Ein Mittel zur Umverteilung ist beispielsweise die progressive Einkommenssteuer, wie sie in einigen Ländern angewandt wird. Ein anderes die finanzielle Abgleichung durch Sozialleistungen. Ein weiteres Modell wäre die Einführung negativer Einkommenssteuern. „Dieses Konzept geht davon aus, dass dem Steuertarif unterhalb einer gewissen Einkommenshöhe ein negativer Steuersatz angefügt wird, gemäss dem den Betroffenen eine soziale Grundsicherung in Form einer staatlichen Transferzahlung zufliesst: Jene, die nichts oder wenig verdienen müssen nicht Steuern zahlen, sondern erhalten Steuergelder.“[39]

2.2.3 Der egalitäre Liberalismus

Die Theorie des egalitären Liberalismus basiert u.a. auf dem Gedankengut von John Rawls (*1921). In seinem 1971 erschienen Klassiker skizzierte er seine Vorstellungen wirtschaftlicher Ordnung. Rawls Theorie basiert auf Gerechtigkeit bei den Institutionen, Gesetzen und politischen Massnahmen. Doch da es äusserst subjektiv und schwierig zu definieren ist, was gerecht für den einzelnen Menschen heisst, geht er von folgender Annahme aus. „Stellen Sie sich vor, wir kommen alle vor unserer Geburt zusammen und gestalten die Regeln des Zusammenlebens in der Gesellschaft. An diesem Punkt wissen wir noch nicht, welche Position ein jeder von uns im Leben einmal einnehmen wird.“[40] Rawl definierte diese Regel wie folgt: “Since all are similarly situated and no one is able to design principles to favor his particular conditions, the principles of justice are the result of fair agreement or bargain.“ Konkret überlegte er sich, wie sich der Unwissende über die Einkommensverteilung und vor allem das Mindesteinkommen äussern würde. Denn für ihn steht wie beschrieben nicht fest, zu welcher sozialen Schicht er gehören würde. Der Staat orientiert sich folglich an der gesellschaftlich rsp. ökonomisch schlechtestgestellten Schicht. Der egalitäre Liberalismus hat daher das Ziel, den geringstmöglichen Nutzen zu maximieren. Rawl definierte damit das Maximini-Kriterium. Der egalitäre Liberalismus ist einer der wenigen Ansätze, die das Konzept des homo oeconomicus zur Seite schiebt. Wie erörtert wird der Mensch getrieben durch Reize, die nun durch die Orientierung am Maximini-Prinzip verschwinden. Folglich fehlen nun, ökonomisch gesehen, die Anreize.[41]

[...]


[1] Aristoteles, [Nikomachische Ethik, 1983], Eth. Nic. II. 1; 1103a, 14ff.

[2] “Aus gleichen Einzelhandlungen erwächst schiesslich die gefestigte Haltung. Darum müssen wir unseren Handlungen einen bestimmten Wertcharakter erteilen, denn je nachdem sie sich gestalten, ergibt sich die entsprechende feste GrundhaltungWir philosophieren, um tugendvolle Menschen zu werden.“ Aristoteles, [Nikomachische Ethik, 1983], Eth. Nic. II,1-2;1103 a 33-1104a 1.

[3] Hautle [Die Bedeutung der Wirtschaftsethik in der entwicklungspolitischen Debatte, 2000];

[4] Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt] S. 30

[5] Vgl. Pieper, [Ethik, 1985], S. 19

[6] Formel von Hobbs, Th.:Leviathan (1651), hrsg. Von I. Fetscher, Frankfurt 1984, S. 96.

[7] Vgl. Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt]

[8] Vgl. Habermas (1996:19): „Die auf Mitgliedschaft begründete ‚Solidarität’ erinnert an das soziale Band, das alle vereinigt: einer steht für den anderen ein.“

[9] Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt] S. 33

[10] Vgl. Aristoteles (1980:38) [1104b].

[11] Vgl. Aristoteles (1980:15 [1097a-b]

[12] Vgl. Neue Zürcher Zeitung, 3./4. März 2001; Beherzter Einsatz für die Sache des Rechtsstaates; G. D’Amato und Daniel Wildmann - Beitrag zur Zivilcourage. Die Autoren verdeutlichen die Wichtigkeit des zivilen Menschen zur Verhinderung von Partikularen Rechtssystemen rsp. zu deren Wandlung in ein universellen System. „Bürger halten an einer allgemeinen Rechtsstruktur fest, die enthält, was wir von uns und von anderen gewaltfrei erwarten können, trotz der Gegenwart von Gewalt.“

[13] Vgl. Piatget, J.:[Das moralische Urteil beim Kinde, 4. Aufl. Frankfurt 1981].

[14] Bemerkenswert der 1971 publizierte Text “From Is to Ought“: How to Commit the Naturalistic Fallacy and Get Away with It in the Study of Moral Development“ (1981:101-189)

[15] Die goldene Regel ist Bestandteil vieler religiöser Strömungen. So formulierte Konfuzius die Regel in der negativen Form. (Küng 1993:84). Im neuen Testament findet sich folgende Form: „Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Leute tun sollen, das tut ihr ihnen auch.“ (Mathäus 7,12; sinngemäss auch Lukas 6, 31).

[16] (3. Mose 19, 18)

[17] Vgl. u.a. Tugendhat (1993:282ff.) oder Ulrich, P: [Der kritische Adam Smith – im Spannungsfeld zwischen sittlichem Gefühl und ethischer Vernunft: Meyer-Faje, A./Ulrich, P.(Hrsg.)]

[18] Smith (1985:167).

[19] Smith (1985:123).

[20] Smith (1985:122)

[21] Smith (1985:203).

[22] Kant (1978b:14)

[23] Kant (1978a:61).

[24] Die Deontologie beschreibt „die Lehre von den ethischen Pflichten des Menschen“ / Quelle: Microsoft Encarta 2001

[25] Bentham (Utilitaristisches Prinzip)

[26] Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt] S. 73

[27] Singer [Verallgemeinerung in der Ethik. Zur Logik moralischen Argumentierens, Frankfurt 1975] S. 30

[28] Vgl. Ulrich (1993a:31ff.)

[29] Da es ohne Begriffe kein Denken gibt, sind nicht formulierbare Argumente keine Argumente.Vgl. Apel (1976b:354)

[30] Ulrich, [Integrative Wirtschaftsethik 2. Auflage 1998, Verlag Haupt] S. 82

[31] Vgl. Mankiw [Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Schäffer Poeschel 1999], Einführung bzw. Eisenhut [Aktuelle Volkswirtschaftslehre, Verlag Rüegger 1998]

[32] Vgl. Lopez [Die moralischen Voraussetzungen des Liberalismus, Freiburg/München 1995]

[33] Vgl. Smith [An Inquiry into the Nature and Causes of the Wealth of Nations, 1776]

[34] Vgl. Ricardo [On the Principles of Political Economy and Taxation]

[35] Vgl. Microsoft Encarta 2001, Ricardo, David

[36] Mankiw [Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Schäffer Poeschel 1999] S. 466-467

[37] Mankiw [Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Schäffer Poeschel 1999] S. 463

[38] Vgl. Mankiw [Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Schäffer Poeschel 1999]

[39] Vgl. Eisenhut [Aktuelle Volkswirtschaftslehre, Verlag Rüegger 1998] S. 240-241, rsp. für eine Gesamtübersicht Lampert [Lehrbuch der Sozialpolitik, 4., überarbeitete Auflage, Berlin, 1996]

[40] Mankiw [Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Schäffer Poeschel 1999] S. 465

[41] Vgl. Mankiw [Grundzüge der Volkswirtschaftslehre, Schäffer Poeschel 1999]

75 von 76 Seiten

Details

Titel
Wirtschaftsethik am Beispiel der schweizerischen Finanzinstitute im Umgang mit den Holocaust Geldern
Hochschule
Hochschule für Wirtschaft Zürich
Autor
Jahr
2001
Seiten
76
Katalognummer
V102067
Dateigröße
737 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Wirtschaftsethik, Beispiel, Finanzinstitute, Umgang, Holocaust, Geldern
Arbeit zitieren
Patrick Nosari (Autor), 2001, Wirtschaftsethik am Beispiel der schweizerischen Finanzinstitute im Umgang mit den Holocaust Geldern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102067

Kommentare

  • Gast am 30.1.2002

    Wirtschaftsethik.

    Beide Teile der Arbeit fuer sich sehr gut, der erste besonders informativ, aber es fehlt der Zusammenhang ein wenig.

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Titel: Wirtschaftsethik am Beispiel der schweizerischen Finanzinstitute im Umgang mit den Holocaust Geldern



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