Erich Kästners Neue Sachlichkeit in "Emil und die Detektive" und "Emil und die drei Zwillinge"

Eine literaturwissenschaftliche Analyse


Bachelorarbeit, 2021

36 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Neue Sachlichkeit
2.1 Merkmale
2.2 Literatur
2.3 Großstadt Berlin

3. Autor Erich Kästner

4. Analyse
4.1 Aufbau
4.2 Erzählzeit und erzählte Zeit
4.3 Erzähltechnik
4.4 Figurenrede
4.5 Sprache
4.6 Schreibstil

5. Hauptteil
5.1 Emil und die Detektive
5.1.1 Berlin in Emil und die Detektive
5.1.1.1 Vergleich Berlin und Neustadt
5.2 Emil und die drei Zwillinge
5.3 Merkmale der Neuen Sachlichkeit
5.4 Charaktere
5.4.1 Emil Tischbein
5.4.2 Pony Hütchen
5.4.3 Gustav mit der Hupe
5.4.4 Professor
5.4.5 Kleine Dienstag
5.4.6 Wachtmeister Jeschke
5.4.7 Großmutter
5.4.8 Klothilde Seelenbinder
5.5 Autobiographische Bezüge
5.5.1 Einfache Verhältnisse
5.5.2 Mutter- Sohn-Beziehung
5.5.3 „Herr Kästner“ im Roman
5.6 Merkmale des Kriminalromans und Detektivromans im Werk
5.6.1 Kriminalroman
5.6.2 Detektivroman

6. Interpretation
6.1 Freundschaft
6.2 Kinderwelt und Erwachsenenwelt
6.3 Helden und Schurke
6.4 Zur Ästhetik und Moral des Romans
6.5 Weitere Besonderheiten
6.5.1 Nebenhandlung in „Emil und die drei Zwillinge“

7. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

Internetquellen

1. Einleitung

1929 erscheint Kästners erster Kinderroman "Emil und die Detektive. Ein Roman für Kinder" erstmals im Berliner Verlag Williams&Co.1 Erst 1934 folgt die Fortsetzung. Sie erscheint im Atrium Verlag unter dem Titel "Emil und die drei Zwillinge. Die zweite Geschichte von Emil und die Detektive".2 Diese sollen nun zum Gegenstand der vorliegenden Untersuchung werden, in der es vor allem um typische Erzählweisen und Handlungsorte neusachlicher Literatur gehen wird.

Zu Beginn soll ein Überblick über die Strömung der Neuen Sachlichkeit in Deutschland gegeben werden. Dazu wird auf die Merkmale, die Literatur und die Großstadt Berlin eingegangen. Folgend wird sich dem Autor der beiden Werke, Erich Kästner gewidmet. Anhand dessen können autobiographische Bezüge hergestellt werden. Im Hauptteil werden beide Bücher analysiert. Dafür gehe ich auf die wichtigsten Charaktere ein und erläutere die neusachlichen Elemente in Kästners Kinderbüchern. Die literaturwissenschaftliche Analyse schließt mit einer Schlussbetrachtung ab, in der die wichtigsten Punkte gebündelt dargestellt werden und die Botschaft der Bücher präzise herausgearbeitet wird.

2. Neue Sachlichkeit

2.1 Merkmale

Die „Neue Sachlichkeit“ bezeichnet die Literaturepoche zur Zeit der Weimarer Republik von 1918-1933. Kennzeichnet für diese Strömung ist eine nüchterne und realitätsbezogene Sprache.3 Diese ist leicht verständlich, damit der Leser am Verstehen der dargestellten Wirklichkeit nicht behindert wird.4 In der Literatur werden die Probleme der Zeit behandelt: „die der zivilisierten Lebenswelt und dem alltäglichen Lebensbereich entnommen seien“.5 Dazu gehören die Folgen des ersten Weltkrieges, die gesellschaftlichen und technischen Veränderungen und die sozialen Probleme, wie Hunger, Armut und Arbeitslosigkeit. Außerdem ist die Weimarer Republik, durch die Goldenen Zwanziger Jahre und der anschließenden Weltwirtschaftskrise geprägt. Die Neue Sachlichkeit war eine Reaktion auf den Expressionismus, einer sehr ausdrucksstarken Epoche, die durch Individualität, Subjektivität und dem Brechen von Tabus gekennzeichnet wurde.6 Im Gegensatz dazu, stand nun die objektive und möglichst genaue Darstellung im Vordergrund. Man suchte nun „die Nüchternheit des Blicks, nach dem kosmischen Träumen die banalen Themen, nach dem Überschwang des Gefühls die Freiheit von aller Sentimentalität“.7 Gefühle und Emotionen wurden kaum behandelt, da sich nun an Faktizität und Sachlichkeit orientiert wurde.8

Die neusachlichen Autorinnen sahen sich als Beobachter und Berichterstatter und grenzen sich damit vom Spätexpressionsmus ab.9 „Es gibt viele zentrale Kategorien, die hauptsächlich der neusachlichen Ästhetik zugeordnet werden können. Zu den Kategorien gehören unter anderem Nüchternheit, Realitätsbezug/ Aktualität, Reportagestil, Beobachtung, Neutralität/ Objektivität, Dokumentarismus, Tatsachenpoetik, Bericht, Entindividualisierung und Entsentimentalisierung, die eine literaturanalytische Erfassung ermöglichen.“10 „Es ist zunächst die forcierte Ausrichtung auf das Kindertümliche, wobei die von E. Linde formulierten Charakteristika für diese Schreibart („rein-frisch; natürlich, schlicht, gesund; innig-herzenswarm; lebensfreudig; heiter-freundlich)“11, auf Orientierungsmarken für eine Schonraum- Literatur herunterinterpretiert werden.“12 Ab 1925 führt die Hinwendung zum Gegenwärtigen zu einem Anschwellen realistischer Literatur, deren Themen meist dem Großstadtalltag entnommen sind.13

2.2 Literatur

Einen neuen Ansatz bieten die Sachgeschichten von Hedwig Lohß „Das Wunderbuch für unsere Kleinen“ (1926) oder Bürgel in seinem vom sozialdemokratischen Volksbildungsgedanken geprägten „Jugend- und Volksbuch“ Die seltsamen Geschichten des Dr. Ulebuhle (1920).14 Hier ist eine Mischform aus Sachbuch, Märchen, Geschichten und Abenteuern vorzufinden.15 „Die herrschende Krisenhaftigkeit macht sich in der Literatur der Weimarer Republik bemerkbar.“16 Sie enthält sozialkritische Merkmale und macht auf die „Rat- und Orientierungslosigkeit anhand der Charaktere“ aufmerksam.17

Wichtige Autoren und Werke der Zeit sind Bertold Brecht mit „Die heilige Johanna der Schlachthöfe“, „Dreigroschenoper“ und „Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny“, Hermann Hesse mit „Der Steppenwolf“, Thomas Mann „Der Zauberberg“, und Erich Kästner mit „Fabian. Die Geschichte eines Moralisten“.18 Die Gebrauchsliteratur, in der das reale Leben Gegenstand war, stand im Mittelpunkt der Literatur. Somit erfreuten sich Berichte, Dokumentationen und Reportagen großer Beliebtheit. Der beobachtende Berichterstatter löst den traditionellen allwissenden Erzähler, durch eine beobachtende, gestische Schreibweise ab.19 Aber auch Zeitromane, wie der Großstadtroman „Berlin Alexanderplatz“20 (1929) von Alfred Döblin, Erich Maria Remarque mit „Im Westen nichts Neues“21 (1928) oder Hans Falladas „Kleiner Mann- was nun?“22 (1932) sind prägend für die Neue Sachlichkeit.

2.3 Großstadt Berlin

Im Verlauf des 19. Jahrhunderts verwenden erstmals Schriftsteller wie Charles Dickens, Eugene Sue oder Emile Zola die Großstädte Paris und London als literarischen Ort.23 1838 erscheint das Buch „Oliver Twist“ von Dickens, in dem zum ersten Mal ein Kind aktiv in der Großstadt auftritt. „Die allmähliche Herausbildung der Metropolen verläuft einer literarischen Entwicklung parallel, die sich in der Auseinandersetzung mit einem neuen Gegenstand zunehmend energischer und selbstbewusster artikuliert.24 Berlin wird 1870 mit der Gründung des Kaiserreichs zur Hauptstadt bestimmt, wird jedoch zunächst wenig von der Kinderliteratur beachtet. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts entwickelt sich Berlin zu einer der modernsten Metropolen in Europa. Die Großstadt nimmt eine immer wichtigere Rolle ein und steht für Innovation und Fortschritt. Die Unterhaltungsindustrie wuchs, durch die in Berlin ansässigen Verlags- und Pressewege und die Entwicklung neuer Medien, wie Film und Radio.25 Das Vorurteil von Anonymität und Einsamkeit gegenüber der Großstadt, dass zunächst bei Teilen der Bevölkerung bestand, verschwamm mit der Zeit. Im Gegenteil, die Schauplätze entwickelten sich zu magischen Orten.26 Sie wird zum Schauplatz zahlreicher Kinderbücher. „Es entstehen aktuelle Gegenwartsromane, die ein realistisches, tatsachengesättigtes Bild der Großstadt, ihrer sozialen Bedingungen, aber auch ihrer Möglichkeiten und des von ihr vermittelten modernen, dynamischen Lebensgefühls zu zeichnen versuchen.“27 „Zu keiner Zeit bemühten sich Lyriker mit derartiger intellektueller Intensität und persönlicher Betroffenheit, das Wesen der großen Stadt zu erfassen und Sprache werden zu lassen.“28 Wolf Durian bricht 1926 mit „Kai aus der Kiste“ die literarischen Tendenzen. Sein Werk ist von der neuen Sachlichkeit gekennzeichnet, daher „dem rasanten Erzähltempo, das mit der Dynamik des Großstadtlebens korrespondiert, und dem aktuellem, die Menschen ungeheuer faszinierenden Thema Werbung.“29 Kai stellt mit Hilfe seines Geheimbundes „Schwarze Hand“ ganz Berlin auf den Kopf und wird durch pfiffige Ideen zum Reklamekönig. „Kai aus der Kiste“ ist „eines der wirklich modernen Kinderbücher der 20er Jahre, das noch vor Kästners „Emil und die Detektive“ die Großstadt zum Schauplatz hat und die neuen Alltagsphänomene Massen, Verkehr, Werbung, Telefon […] darstellt, ohne sie zu diffamieren.“30 1933 erkannte Prestel das eigentlich Neue der Durianschen Schreibart: es seien „sozusagen geschriebene Abenteuerfilme.“31 Die filmische Erzählweise ist ein avanciertes Gestaltungsmittel des Textes.32 3 Jahre später erscheint die Großstadt- und Kriminalgeschichte um „Emil und die Detektive“ (1929) und wird zum erfolgreichsten deutschen Kinderbuch des 20. Jahrhunderts. Es folgen Werke wie „Das rote U“ (1932) von Wilhelm Matthießen, „Zwieselchen“ (1931) von Werner Bergengruens und „Pünktchen und Anton“ (1931), ebenfalls ein in Berlin spielender Kinderroman von Kästner.33

3. Autor Erich Kästner

Emil Erich Kästner ist 1899 in Dresden geboren und im Jahre 1974 in Berlin gestorben. Er war ein deutscher Schriftsteller, Journalist und Drehbuchautor. Während der Weimarer Republik veröffentlicht Kästner gesellschaftskritische Gedichte und Essays. 1933 werden seine Werke von der nationalsozialistischen Diktatur verboten und verbrannt. Erst mit der Niederlage des NS- Regimes, 1945 konnte Kästner wieder frei seine Bücher veröffentlichen. Erich Kästner wurde vor allem mit seinen Kinderbüchern „Emil und die Detektive“ (1929), „Pünktchen und Anton“34 (1931), „Das fliegende Klassenzimmer“35 (1933) und „Das doppelte Lottchen“36 (1949) bekannt. Seine Kinderbücher liegen in zahlreichen Übersetzungen vor. Allein der Roman „Emil und die Detektive“ wurde in 59 Sprachen übersetzt. Zudem schrieb er oft satirisch formulierte gesellschafts- und zeitkritische Gedichte, Epigramme und Aphorismen.37

Erich Kästner wuchs in der äußeren Neustadt von Dresden, in kleinbürgerlichen Verhältnissen auf. Seine Mutter, Ida Kästner geb. Augustin war Dienstmädchen und Heimarbeiterin, später wurde sie Friseurin. Erich und seine Mutter hatten eine sehr enge Beziehung. Nachdem Erich sein Abitur mit Auszeichnung erhielt, begann er 1919 an der Universität Leipzig das Studium der Geschichte, Philosophie, Germanistik und Theaterwissenschaft. Nebenbei arbeitete er als Journalist und Theaterkritiker. 1927 ging es für Kästner nach Berlin. Zwei Jahre später erscheint sein erstes Kinderbuch „Emil und die Detektive“. Das Buch wurde alleine in Deutschland über zwei Millionen Mal verkauft. Untypischerweise spielte das Kinderbuch in der Gegenwart der Großstadt Berlins. Durch seine unkonventionellen Kinderbücher wird Kästner weltberühmt. 1931 veröffentlich Kästner seinen Roman „Fabian- Geschichte eines Moralisten“.

4. Analyse

4.1 Aufbau

„Emil und die Detektive“ ist in 18 Kapitel unterteilt, die sich durchschnittlich über etwa 5-10 Seiten erstrecken. Jedes Kapitel hat eine Überschrift, die auf den folgenden Inhalt hindeutet. Vor der eigentlichen Geschichte gibt es einen Prolog mit der Überschrift „Die Geschichte fängt noch gar nicht an“. Hier werden, neben der Entstehungsgeschichte, die wichtigsten Charaktere und Handlungsorte in Form von Zeichnungen von Walter Trier dargestellt. Es handelt sich nicht um ein klassisches Vorwort, sondern eher um eine Einleitung des Erzählers zur nachfolgenden Geschichte.38 Am Ende folgt ein Epilog, in dem Emils Familie und Freunde über die Lehre aus der Geschichte diskutieren. Für Kurt Beutler dienen die Vorworte dem „Bemühen des Erzählers, sich über den Gang des geschilderten Geschehens hinaus an seine Leser zu wenden, einen persönlichen Kontakt zu ihnen aufzunehmen.“39 Allerdings dienen diese nicht nur der Leserbeeinflussung, „sondern auch, wenn nicht gar vorrangig, als ein Medium der Selbstdarstellung, ja Selbstinszenierung des Autors.“40

„Emil und die drei Zwillinge“ besteht aus 15 Kapiteln, die durchschnittlich über 10 Seiten gehen. Es ist ähnlich aufgebaut wie „Emil und die Detektive“. Hier gibt es nun zwei Vorworte. Eins für Leute, die das erste Band nicht gelesen haben und ein „Vorwort für Fachleute“, indem wieder 10 Bilder mit unterlegtem Text als eine Art Personen- und Ortsregister, welche in die nachfolgende Geschichte einleitet, dient.

4.2 Erzählzeit und erzählte Zeit

Als erzählte Zeit wird die Zeitspanne bezeichnet, die ein Werk beinhaltet. Demnach ist sie eine fiktive Zeitspanne oder Dauer des erzählten Geschehens eines Textes. Die Erzählzeit ist hingegen die Zeit, die ein Leser benötigt, um ein Werk tatsächlich zu lesen. Zwischen der Erzählzeit und der erzählten Zeit kann man drei grundlegende Beziehungen unterscheiden. Bei der Zeitraffung ist die Erzählzeit deutlich kürzer als die erzählte Zeit. Das Gegenteil davon ist die Zeitdehnung, die vorliegt, wenn die Erzählzeit länger als die erzählte Zeit ist. Zuletzt gibt es die zeitdeckende Erzählung, bei der die Erzählzeit genauso lang wie die erzählte Zeit ist. Dies entspricht zum Beispiel einem Dialog.

„Emil und die Detektive“ beschreibt eine Handlung von ungefähr drei Tagen (erzählte Zeit). An Tag 1 fährt Emil mit dem Zug von Neustadt nach Berlin und wird bestohlen. Am selben Tag findet die Verbrecherjagd statt. Dann wir die Übernachtung im „Hotel Kreid“ beschrieben und der Dieb wird schließlich in der Bank gefasst. Ein Tag später erscheint der Artikel über Emil in der Zeitung, den die Mutter auf dem Weg nach Berlin liest. Am selben Tag feiert Emil mit seiner Familie und den Detektiven den Erfolg. Lesen kann man das Buch in etwa zwei Stunden.41 Die Geschichte wird überwiegend zeitraffend erzählt. Die Zeitsprünge sind meist zwischen den einzelnen Kapiteln. Die Kapitel selbst werden überwiegend zeitdeckend erzählt. Oft kann der Lesende, den beschriebenen Handlungen in Echtzeit folgen. Insgesamt weisen die Erzählungen, also die dargestellte Verbrecherjagd ein hohes Tempo auf. Zeitdehnendes Erzählen ist daher kaum in „Emil und die Detektive“ zu finden. Ein Beispiel, bei dem die lesende Person, länger auf die Auflösung warten muss, ist, als Emil im Zug aufwacht und nicht weiß, ob das Geld noch da ist: „Ganz langsam stand er auf und klopfte sich mechanisch den Anzug sauber. Jetzt war die nächste Frage: Ist das Geld noch da? Und vor dieser Frage hatte er eine unbeschreibliche Angst. Lange Zeit stand er an die Tür gelehnt und wagte nicht, sich zu rühren. (…) das Geld war gewiss noch an Ort und Stelle. Erstens steckte es in der Tasche. Zweitens steckte es im Briefumschlag. Und drittens war es mit einer Nadel am Futter befestigt. Also, er griff sich langsam in die rechte innere Tasche. Die Tasche war leer! Das Geld war fort!“ (Kästner 1929, S. 49).

Bei „Emil und die drei Zwillinge“ beträgt die erzählte Zeit ca. ein bis zwei Wochen. Es werden zwei Tage in Neustadt beschrieben und dann „folgte eine Kette glücklicher Tage“ (Kästner 1934, S. 207). Im Anschluss fährt Emil nach Berlin und dann fahren alle gemeinsam nach Travemünde. Dort wird etwa eine Woche beschrieben. Die Erzählzeit beträgt, wie bei „Emil und die Detektive“ etwa zwei Stunden. Im Folgeband ziehen sich viele Handlungen. Man muss lange warten, bis Spannung aufgebaut wird. Das Abenteuer beginnt erst mit dem Verschwinden der Erwachsenen (8.Kapitel). Die Handlungsführung ist nicht so einsträngig wie in Emil und die Detektive.42 Es finden viele Situationen parallel statt. Zum Beispiel kümmern sich Emil und der kleine Dienstag um die Überführung des alten Byrons, während Gustav, der Professor und Jackie Byron, der eigentlich mit dem alten Bryon verreisen sollte, auf der kleinen Insel mit der Palme feststecken. Gleichzeitig wird auch noch auf die Gruppe in Schweden eingegangen. Die erzählte Zeit ist in „Emil und die drei Zwillinge“ erheblich länger und es kommt zu mehreren Zeitsprüngen. Generell wird aber, wie in „Emil und die Detektive“ zeitdeckend geschrieben.

4.3 Erzähltechnik

Zu Beginn der Geschichte „Emil und die Detektive“ erzählt der Ich- Erzähler in dem Prolog „Die Geschichte fängt noch gar nicht richtig an“, wie es zu dem Roman kam (Kästner 1929, S. 9). Hier spricht Erich Kästner den Leser mehrmals direkt an: „Ich hoffe, ihr versteht das.“ oder „Vielleicht seid ihr geschickt genug und könnt euch aus den verschiedenen Elementen die Geschichte zusammenstellen, ehe ich sie erzähle?“ (S. 15). Der Autor tritt in der Geschichte selbst mehrmals als fiktive Person in Erscheinung. Später wird „Emil und die Detektive“ von einem auktorialen Erzähler beschrieben. Er ist allwissend und spricht den Leser manchmal gezielt an: „Seid ihr schon einmal nachts an einem Zeitungsgebäude vorbeigekommen“ (S. 24) oder „Könnt ihr es begreifen und werdet ihr nicht lachen, wenn ich euch jetzt erzähle, dass Emil ein Musterknabe war?“ (S. 30). Der Erzähler darf nicht mit dem Autor Erich Kästner verwechselt werden. Der Erzähler berichtet in der dritten Person und kann sich als Kommentator, Vorausdeuter und Berichterstatter in die Geschichte einbringen. Der allwissende Erzähler kennt die Gedanken und Gefühle aller Personen und verfügt über die Innen- als auch über die Außensicht. Nachdem der Autor im ersten Kapitel die Leseanreden und Tempuswechsel nutzt, um seinen Standpunkt zu vertreten, werden folgend die pädagogischen und didaktischen Anliegen in die Figurenrede eingebettet.43

In „Emil und die drei Zwillinge“ wird die Erzähltechnik fortgeführt. Hier gibt es zwei Vorworte, in denen der Ich- Erzähler beschreibt, was im ersten Buch geschehen ist und wie er in Berlin plötzlich in die Dreharbeiten des Films hineinlief. Im Anschluss traf er auf Herr Haberland und dem Professor und dies ist der Einstieg in die zweite Geschichte von Emil und seinen Detektivfreunden. Die folgende Geschichte wird wieder von einem auktorialen Erzähler beschrieben.

4.4 Figurenrede

Die Figurenrede meinte die Redewiedergabe, also die Art und Weise, wie sich die Figuren in diesem äußern. Diese lassen sich in fünf Formen unterscheiden: der direkten, indirekten und erlebten Rede, sowie dem inneren Monolog und dem Bewusstseinsstrom. Die Formen lassen sich weiter in gesprochene (direkte, indirekte, erlebte Rede) und stumme Rede unterteilen. Der innere Monolog und der Bewusstseinsstrom sind stumm, hier geht es um die Gedanken der Figuren, die nicht laut ausgesprochen werden.

In „Emil und die Detektive“ besteht die Kommunikation fast immer aus direkter Rede. Man nimmt in Echtzeit an der Geschichte teil. Dies macht die Geschichte lebendig und es wird Spannung erzeugt. In der Art und Wiese, wie die Figuren miteinander reden, zeigt sich viel von ihrem Charakter.44 „Durch die Nachgestaltung der mündlichen Sprechweise im schriftlich fixierten Text (mündliche Ausdrucksweise), die in diesem Text für die damalige Zeit aussergewöhnlich ist, [wird] eine besondere Identifikation des kindlichen Lesers mit den Figuren ermöglicht.“45 Ab und an gibt es Abschnitte, in denen die indirekte oder erlebte Rede gebraucht wird. Die indirekte Rede wird dann eingesetzt, wenn sich die Handlung zuspitzt. Zum Beispiel als Emil sich darauf vorbereitet, Herrn Grundeis in die Bank zu folgen: „[Emil] ordnete an, dass die Übrigen, der große Trupp, sich zerstreuten.“ (Kästner 1929, S.102). Sonst wird indirekte Rede verwendet, um Informationen zusammenzufassen, zum Beispiel, als sich Emil bei den anderen Detektiven bedanken will: „Und er hoffe sehr, sie noch einmal zu sehen, ehe er nach Neustadt zurückführe. Und er danke ihnen schon jetzt von ganzem Herzen für ihre Hilfe. Und das Geld bekämen sie auch wieder.“ (S. 114). Erlebte Rede findet man in „Emil und die Detektive“, als Emil im Zug das Geld gestohlen wurde: „Prachtvoll war das! Die Mutter hatte umsonst gespart. Die Großmutter bekam keinen Pfennig. In Berlin konnte er nicht bleiben. Nach Hause durfte er nicht fahren. Und alles das wegen eines Kerls, der den Kindern Schokolade schenkte und tat, als ob er schliefe. Und zu guter Letzt raubte er sie aus. Pfui Spinne, war das eine feine Welt!“ (S. 50). Ebenso als Emil alleine in Berlin dem Dieb nacheilt: „…Die Stadt war so groß. Und Emil war so klein. Und kein Mensch wollte wissen, warum er kein Geld hatte, und warum er nicht wusste, wo er aussteigen sollte. Vier Millionen Menschen lebten in Berlin, und keiner interessierte sich für Emil Tischbein (…). Was würde werden? Emil schluckte schwer. Und er fühlte sich sehr, sehr allein.“ (S. 59f.).

In „Emil und die drei Zwillinge“ ist die Handlungsstruktur durch viele Parallel- und Nebenstränge gekennzeichnet, mit der die ordnende Hand einer Erzählinstanz erkennbar wird.46 Es gibt viele Stellen, an denen direkt und unvermittelt gesprochen wird und so die Intensität des Geschehens verdichtet wird. Das Buch ist neben vielen Episoden und Ereignissen ein Erzählstrang, der großenteils durch Innerlichkeit geprägt ist und einen Selbstfindungs- und Reifeprozess von Emil aufzeigt.47 Die Anteile an Innerlichkeit sind hauptsächlich auf den Kummer von Emil beschränkt und bleiben meistens in der Außenperspektive.48 Verglichen mit „Emil und die Detektive“ ist die Innerlichkeit in „Emil und die drei Zwillinge“ viel konventioneller gestaltet, teilweise sogar plump mit den vielen explizit eingeleiteten direkten Gedankenberichten49: „Eigentlich habe ich mir’s ja anders vorgestellt’, dachte er bei sich, während seine Augen einem Lastwagen nachblickten. Selber wollte ich Geld verdienen. Viel Geld. Damit sie nicht mehr zu arbeiten braucht.“ (Kästner 1934, S. 159), „Jetzt muss ich mich entscheiden. Und ich darf dabei nicht an mich denken. Das wäre gemein. Sie hat immer nur an mich gedacht…“ (S. 160) oder „Sie hat nichts gemerkt. Sie denkt, ich bin gar nicht traurig. Nun kann sie Herrn Jeschke heiraten und so glücklich werden, wie ich’s ihr wünsche. Er ist ja auch ein netter Mensch.“ (S. 161).

4.5 Sprache

Die Sprache in „Emil und die Detektive“ ist leicht verständlich. Durch die Alltagssprache und die Verwendung des Berliner Jargons wirkt die Geschichte authentisch. Es tauchen ein paar veraltete Begriffe auf, die heute nicht mehr geläufig sind: Pferdebahn für S-Bahn, Holzklasse im Zug, depeschieren für senden oder Schupomann für Schutzpolizei.

Die Kinder reden jugendsprachlich miteinander. Sie verkürzen Wörter, verwenden Umgangssprache, Füllwörter und fremdsprachliche Begriffe. Die Jugendsprache der Kinder ist zudem von einem einfachen Satzbau mit Satzabbrüchen, Ellipsen50 und Wiederholungen geprägt. Verdeutlicht wird dies an einem Beispiel von Gustav: „Mensch, das reinste Theater. Zum Quietschen. Also hört zu! Ich schleiche ins Hotel, sehe den Boy rumstehn und mache Winkewinke. Er kommt zu mir, na, und ich bete ihm die ganze Geschichte vor. Von A bis Z, so ungefähr. Von Emil. Und von uns. Und von dem Dieb. Und dass er in dem Hotel wohnte. Und dass wir eklig aufpassen müssten, damit wir ihm morgen das Geld wieder abjagen.“ (Kästner 1929, S. 91). Gustavs Sprache besteht hier aus Ellipsen, Wortverkürzungen und ungewöhnlichen Ausdrücken. Emil fällt durch seine höfliche und gewählte Ausdrucksweise auf: „Solche höflichen Kinder sind heutzutage selten.“ (S. 37), dass er auch anders kann, zeigt folgendes Beispiel von Emil: „Nimm das zurück! Sonst kleb ich dir eine, dass du scheintot hinfällst.“ (S. 63). Seine Sprachebene ist variabel, je nachdem mit wem er spricht.51 Der Professor drückt sich sehr gebildet aus. Er benutzt Fremdwörter, wie „Akzelerator“ (S. 67) für Beschleuniger und hört sich an wie ein Erwachsener: „Da hätten wir also die Detektive, den Bereitschaftsdienst, die Telefonzentrale und den Verbindungsmann.“ (S. 70). Gustavs Sprachstil fällt auf. Er spricht sehr jugendsprachlich und mit Berliner Dialekt. Für „nicht“ sagt er „nischt“ (S. 64) und anstatt „Eltern“ sagt er die „Ollen“ (S. 94). Er übertreibt auch gerne: „Ich bin hier nämlich bekannt wie ne Missgeburt“ (S. 63) oder „Ich freue mich noch halb dämlich“ (S. 65). Nicht alle Berliner Jungen sprechen wie Gustav. Emil kann sich ebenso dieser Sprache bedienen, wenn er herausgefordert wird. Daran wird deutlich, dass die Sprache nicht regional situiert ist. „Es ist eine stilisierte Sprache der, wie es heute so schön auf Neudeutsch heißt „streetwise Kids“ der späten 1920er Jahre, eine nicht streng regional gebundene, moderne, freche Großstadt- Alltags Sprache.“52 In „Emil und die drei Zwillinge“ ist „die Sprache [ist] stark der mündlichen Sprechsituation nachempfunden und weist einen durchgehenden ironischen Erzählton auf, was im Zeitpunkt der Herausgabe aufsehenerregend gewesen sein muss und bis heute seine Aktualität nicht verloren hat.“53 Im Vergleich zu „Emil und die Detektive“ hat sich die Sprache insgesamt nicht verändert.

4.6 Schreibstil

In „Emil und die Detektive“ ist ein Wechsel von parataktischen und hypotaktischen Satzbau zu finden. Unter einem parataktischen Satzbau versteht man die Aneinanderreihung von Hauptsätzen. So werden Beschreibungen und Handlungen beschrieben und das Tempo kann erhöht werden, da es eher zu keinen Ausschmückungen kommt. Die Geschichte wird dynamisch: „Der konnte es sein! War er’s? Nein. Dort war der nächste. Nein. Der Mann war zu klein. Emil schlängelte sich wie ein Indianer durch die Menschenmassen. Dort, dort! Das war der Kerl. Gott sei Dank! Das war der Grundeis.“ (Kästner 1929, S. 55). Ein hypotaktischer Satzbau besteht aus Haupt- und Gliedsätzen, mit denen Zusammenhänge besser dargestellt werden können. Zum Beispiel Emils Gefühle werden so dargestellt: „Er liebt das Lob, das er in der Schule und überall erhielt, nicht deshalb, weil es ihm, sondern weil es seiner Mutter Freude machte. Er war stolz darauf, dass er ihr, auf seine Weise, ein bisschen vergelten konnte, was sie für ihn, ihr ganzes Leben lang, ohne müde zu werden, tat…“ (S. 31).

[...]


1 Vgl. Zonneveld, Johann (2011): Bibliographie Erich Kästner. In drei Bänden. Aisthesis Verlag. Bielefeld, Band 1, S.66/ S.75 zum gleichnamigen Theaterstück/ S.83 zum Drehbuch

2 Vgl. ebd., S.92

3 Vgl. Sevyrev, Martina: Fabian unter dem Aspekt der Neuen Sachlichkeit. In: „Fabian“- Erich Kästners melancholisch- sarkastische Neue Sachlichkeit, S. 113

4 Becker, Sabine: Neue Sachlichkeit im Roman. In: Neue Sachlichkeit im Roman- Becker, Sabine u. Weiss, Christoph, S. 11

5 Schmied (1969): Neue Sachlichkeit und Magischer Realismus in Deutschland 1918- 1933. Hannover, S.25

6 Vgl. Sevyrev, S. 113

7 Schmied, S.13

8 Vgl. Sevyrev, S.113

9 Vgl. Becker, S.10

10 Sevyrev, S. 114

11 Brunken, Otto (2000): Kinder- und Jugendliteratur von den Anfängen bis 1945". In: Lange, Günter (Hg.): Taschenbuch der Kinder- und Jugendliteratur. Band 1. Baltmannsweiler. Schneider Verlag, S. 69, zit. nach Karrenbrock 1995, S. 23

12 Ebd., S.69

13 Ebd., S. 69

14 Vgl. Brunken, S. 71

15 Vgl. ebd., S. 71

16 Sevyrev, S. 112

17 Ebd., S. 112

18 Vgl. https://www.inhaltsangabe.de/wissen/literaturepochen/neue-sachlichkeit/

19 Vgl. Becker, S. 12

20 Döblin, Alfred (1929): Berlin Alexanderplatz. Die Geschichte von Franz Biberkopf, Olten: Walter

21 Remarque, Erich Maria (1928): Im Westen nichts Neues, Köln: Kiepenheuer & Witsch

22 Falladas, Hans (1932): Kleiner Mann- was nun? Hamburg: Rowohlt

23 Vgl. Schikorsky, Isa (2003): Kinder und Jugendliteratur, Köln: Du Mont Literatur und Kunst Verlag, S.119.

24 Vgl. Corbineau- Hoffmann, Angelika (2003): Kleine Literaturgeschichte der Großstadt, Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, S.8

25 Vgl. Sevyrev, S.114

26 Vgl. Rothe, Wolfgang (1973): Deutsche Großstadtlyrik vom Naturalismus bis zur Gegenwart, Stuttgart: Phillip Reclam, S. 13

27 Brunken, S. 76

28 Rothe, S. 13

29 Schikorsky, S. 121

30 Brunken, S. 77

31 Ebd., S. 77, zit. nach Prestel (1933), S. 149

32 Vgl. ebd., S. 77

33 Vgl. Schikorsky, S. 122

34 Kästner, Erich (1931): Pünktchen und Anton, Berlin: Dressler

35 Kästner, Erich (1933): Das fliegende Klassenzimmer, Berlin: Dressler

36 Kästner, Erich (1949): Das doppelte Lottchen, Hamburg: Dressler

37 https://de.wikipedia.org/wiki/Erich_Kästner/, vgl. Zonneveld (2011), S. 66,83,86,102

38 Vgl. Steck- Meier, S. 45

39 Weinkauf/ Ewers (Hrsg.): Der Autor als Star. Erich Kästners auktoriale und aktionale Selbstinszenierung im Kinderroman, S.11

40 Ebd., S. 11

41 Gemeint ist die Erzählzeit

42 Vgl. Steck- Meier, S. 276

43 Vgl. ebd., S. 80

44 Vgl. Steck- Meier, S. 80

45 Ebd., S. 80

46 Ebd., S. 266

47 Vgl. Steck- Meier, S. 278

48 Vgl. ebd., S. 267

49 Vgl. ebd., S. 267

50 unvollständigen Sätze

51 Vgl. Steck- Meier, S. 98

52 O’Sullivan, S. 99

53 Steck- Meier, S. 267

Ende der Leseprobe aus 36 Seiten

Details

Titel
Erich Kästners Neue Sachlichkeit in "Emil und die Detektive" und "Emil und die drei Zwillinge"
Untertitel
Eine literaturwissenschaftliche Analyse
Hochschule
Universität Koblenz-Landau
Note
1,0
Jahr
2021
Seiten
36
Katalognummer
V1020805
ISBN (eBook)
9783346417336
ISBN (Buch)
9783346417343
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Emil und die Detektive, Emil und die drei Zwillinge, Erich Kästner, Kästner, Neue Sachlichkeit, Weimarer Republik, Literaturwissenschaftliche Analyse, Großstadt Berlin, Mutter- Sohn Beziehung, Erzähltechnik
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Erich Kästners Neue Sachlichkeit in "Emil und die Detektive" und "Emil und die drei Zwillinge", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1020805

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