Schlegel-Schelling, Caroline


Facharbeit (Schule), 2001

16 Seiten


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Einleitung

Die erste Generation romantischer Frauen wurde in Deutschland zwischen 1763 und 1770 geboren. Was bedeutete es in dieser Zeit als Mädchen geboren zu werden?

Es bedeutete, daß man als Heranwachsende während des letzten Viertels des 18. Jahrhunderts erzogen wurde, daß man aufgrund der herrschenden Regeln ein erstes Mal zwischen 15 und 17 nach Wahl der Eltern verheiratet gewesen ist. Es bedeutete aber auch ein Mensch minderen Werts zu sein, sollte einem die Annehmlichkeit erfahren überhaupt als Mensch angesehen zu werden und nicht als „Brut des Teufels“, nicht einmal die Bildung des Mannes stand einem Mädchen offen.

Mädchen zu sein bedeutete, sich demütig unterzuordnen, die Unterdrückung des eigenen Willens zu gestatten, kein vollwertiges Mitglied der Gesellschaft zu sein sondern Objekt des Mannes, keine gleichberechtigten, gesetzlichen Ansprüche zu haben.

Auch Caroline Schlegel-Schelling gehörte zu dieser Generation Frauen, doch im Gegensatz zu ihren Leidensgenossinnen all die Jahrhunderte vor ihr, erlebte sie die vorrevolutionären Ereignisse und die revolutionären Höhepunkte Deutschlands als bewußte Zeitzeugin und war mit Hilfe dieser Grundlagen fähig sich als Frau und Mensch unabhängig und selbständig zu entwickeln, aus der ihr vorgeschriebenen Rolle auszubrechen und somit den Grundstein für das Leben der Frau im 21. Jahrhundert zu legen.

In meiner Facharbeit werde ich mich mit eben dieser Frau, Caroline Schlegel-Schelling, und ihrem für sowohl ihre als auch unsere Zeit außergewöhnlichem Lebens- und Entwicklungsweg beschäftigen. Ich werde dabei versuchen den Lesern dieser Arbeit sowohl ein Gefühl für die Schwierigkeiten und Widrigkeiten des Lebens einer Frau zu der Zeit zu vermitteln als auch ihnen zu zeigen wie schwer es für Caroline Schlegel-Schelling war ihr Ziel, die Selbstverwirklichung, zu erreichen.

1.Teil: Die Rolle der Frau in der Gesellschaft

In diesem ersten Teil meiner Arbeit werde ich die traditionelle Rolle der Frau in der Gesellschaft beschreiben, aber auch Ansätze zu Veränderungen in dieser Zeit, als auch Unterschiede zu der heutigen Rolle der Frau in unserer modernen Gesellschaft.

Da über diesen Abschnitt sehr viel Literatur vorhanden ist, mußte ich mich einschränken und habe aufgrunddessen vielleicht nicht alle Aspekte, die dem Leser wichtig erscheinen könnten, miteingebracht, dafür aber andere Dinge angesprochen.

a) Die traditionelle Frau

Im Zeitrahmen 1750 - 1790 war das allgemeine Bild der Frau immer das Selbe:

„Unterwürfig, unschuldig, weder zu gebildet noch zu schön, als Mutter, Schwester, Geliebte und Jungfrau dient sie zur Erholung des Poeten (ihres Mannes) und der häuslichen Sorglosigkeit.“1

So beschrieb J.K. Lavater die Rolle des schönen Geschlechts. Das Bild der idealen Frau war geschaffen, eigene Gedanken und das Ausdrücken dieser Gedanken war nicht erlaubt, die Frau als ein Ausmaß an Reinheit und Unschuldigkeit.

Die Bildung einer Frau war auf das Nötigste beschränkt, was hieß, daß alles, was sie wußte, ausschließlich auf das Wohlergehen des Mannes ausgerichtet war. Denn er mußte bekocht werden, das Haus mußte geführt werden, die Kinder erzogen und versorgt und letztendlich wollte der Mann ja auch nach einem anstrengenden Arbeitstag ein wenig Unterhaltung, die er aus den „seichten“ Ausführungen seiner Frau über aktuelle Gesprächsthemen bekam. So bemerkte Jean-Jacques Rousseau in seiner Novelle „Emile“ über die Bildung der Frau: „Die Erziehung der Frauen soll sich immer auf die der Männer beziehen.“ So wurde eine Frau immer in ihre damals „natürlichen“ Schranken gewiesen, denn die natürliche Funktion der Frau war ja Ehefrau und Mutter. Eigenständigkeit war etwas, was für die meisten Frauen vollkommen fremd war, und damit dies so blieb, waren diverse Mittel der Überwachung vorhanden. Von Geburt an befindet sich ein Mädchen in der familiären Obhut, sollte dabei der Vater als Familienoberhaupt sterben, nimmt der Bruder die Vaterstelle ein, da die Mutter als Frau in den Augen der Gesellschaft keine eigene juristische Existenz besitzt und sämtliche die Frauen betreffenden Dinge über die männlichen Mitglieder der Familie geregelt werden.

Sobald das Mädchen dann heiratet, geht sie in den Besitz der Familie des Mannes über, der Wert eines Menschen auf den einer Ware reduziert. Die Ehe ist dann die vorläufige Endstation für das Leben eines Mädchen. Für den Großteil der damaligen weiblichen Bevölkerung war die Ehe aber keine Möglichkeit der Wahl, sondern die des Zwangs, des Schicksals. Manchmal hatten sie Glück mit ihrem Angetrauten, was eine harmonische Ehe bedeutete, in der der Ehemann weder trunksüchtig noch gewaltbereit war, oder aber ihnen widerfuhr die gegensätzliche Variante, die in der Realität sehr viel häufiger auftrat. Emanuel Kant definierte die Ehe folgendermaßen:“ Die Ehe ist die Verbindung zweier Personen verschiedenen Geschlechts zum lebenswierigen wechselseitigen Besitz ihrer Geschlechtseigenschaften.“2

Caroline Schlegel-Schelling bemerkte über ihre erste Eheschließung (1784):“ Mein Bruder wird mich dem Manne geben, für den er mich seit meiner Kindheit bestimmt hatte, seinem besten Freund, der mich seit jener Zeit liebte. Mit dieser Heirat erfülle ich die Wünsche meiner Familie, meiner Freunde und der seinen, und mein Herz stimmte seit langem mit den ihren überein. Von diesen übermächtigen Motiven geleitet, traf ich meine Wahl.“ (3. April, 1784)

Man möge behaupten Caroline Schlegel-Schelling benutzte diesen letzten Begriff aus Spott oder Ironie über diese Umstände, die ihr letzten Endes doch keine Wahl ließen, doch man kann ihre Worte auch als Worte der Intelligenz auffassen, sie sieht sehr wohl die Einschränkung ihrer selbst durch die Familie, ist aber noch nicht so weit sich dagegen aufzulehnen. Die „übermächtigen Motive“ von denen sie spricht, geben ihr letztendlich die Sicherheiten, die sie braucht, um sich selbst zu entfalten. Es ist so oder so eine langfristige Übereinkunft der Familien, das heißt ihre nähere Umgebung ist zufriedengestellt, sie hat eine gesicherte Zuneigung, trotz der Tatsache, daß diese eher väterlich als sinnlich ist. Und so ist Caroline Schlegel-Schelling in dieser ersten Zeit ihres Lebens ein Paradebeispiel für den typischen Lebenslauf einer Frau in der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts.

b) Die ersten Ansätze zu Veränderungen

Auf den ersten Blick sollte man meinen, daß, da der hauptsächliche Platz der Frau in der Privatsphäre war, die Struktur des öffentlichen Lebens keinerlei Chance zu Veränderungen einräumte, um so mehr als daß Frauen weder staatsbürgerliche noch administrative Rechte besaßen und es keine Repräsentanten gab, die sie in der Öffentlichkeit hätten vertreten können.

Doch eine Möglichkeit um dem Alltag zu entkommen, besaß fast jede Frau: das Reisen. Sei es nur zu Freunden, die in der nächsten Stadt oder dem nächsten Dorf wohnten, zu weiter entfernt lebenden Verwandten oder ga r als Begleitung auf Geschäftsreisen ihres Mannes. Diese zunehmende Mobilität der Frauen führte somit zu einem Ausbruch aus den gewohnten Lebensräumen und damit auch zu einer Erweiterung ihres, bis dahin, doch recht beschränkten Horizontes.

Auch Caroline Schlegel-Schelling schrieb in diesem Sinne über das Reisen:“ Ich kenne nicht Angenehmeres als Reisen, obwohl ich sehr wenig gereist bin und das auch eher in den schönen Träumen im Kopf... Meine Vorstellungen fliegen manchmal durch die Welt, und wenn ich dann zurückkomme, sage ich mir traurig wie der Vogel von Yorick: Ich kann nicht hinaus.“ (Caroline Schlegel-Schelling an Julie von Studwitz, 8. August 1780) Der Schritt von der realen zur imaginären Reise ist schnell getan. Es gibt keine geographische oder soziale Grenzen, und so war die imaginäre Reise für die Frauen der Zeit ein angenehmes Mittel um dem Alltag zu entfliehen.

Weitere Anregungen kamen aus der großen Auswahl an Reiseliteratur, dazu gehörten „Pamela“ (1740) und „Clarissa“ (1748) von Richardson. Lesen wurde so langsam aber sicher zu einer der Lieblingsbeschäftigungen. Durch die Lektüre wurde den Frauen ihr Schicksal als das unterdrückte Geschlecht vor Augen geführt und vor allem ein Buch trug dazu ganz entscheidend bei.

Die bekannte Reiseliteraturautorin Sophie La Roche veröffentlichte das Buch „Die Geschichte des Fräuleins von Sternheim“, dessen Inhalt in zweierlei Hinsichten einen bedeutenden Einschlag für die Frauen bedeutete. Einerseits sahen sie als Leserinnen in dem Buch ihr Schicksal durch die Umstände der Fiktion erhöht, das Bewußtsein dieser Ungerechtigkeit wurde ihnen erneut und viel dramatischer als es das tatsächliche Leben vermocht hätte, vor Augen geführt. Andererseits entdeckten die Frauen anhand dieses Buches die unendlichen Möglichkeiten einer neuen Ausdrucksform, das Schreiben in Form von Briefen.

In diesen Briefen wurde sich auch über die neuesten Erziehungstheorien von Autoren wie Rousseau, Pestalozzi, Salzmann und Basedow ausgetauscht. Hieraus ergaben sich die Fragen der Koedukation, des Gleichgewichtes zwischen handwerklichen Lehren und der kulturellen Bildung und der Frage nach neuen Wissensinhalten für Mädchen.

Die Erziehung war ein pädagogischer Akt, der den Frauen vorbehalten war, doch als Reflexion auf die „erweiterten“ Erziehungsmethoden ergaben sich Konfrontation und Kontakt mit der Männerwelt, die Frauen begannen aus ihrem Leben in der Privatsphäre auszubrechen. Doch die ersten Spuren weiblicher Emanzipation sind hauptsächlich in Norddeutschland zu finden.3 Die Offenheit der Hansestädte Hamburg und Bremen nach England beeinflußte sowohl die Geisteshaltungen als auch die Möglichkeiten der Frauen öffentliche Funktionen einzunehmen. Eine weitere Erklärung liegt in der Sozialstruktur dieser Kaufmannsstädte. Die Mittelklasse, zu der hauptsächlich Kaufleute und Bankiers gehörten, ist zunächst ökonomisch beherrschend, später kulturell und schließlich auch politisch. Diese Veränderung ist ausschlaggebend für die Position der Frau in diesen Städten. Im Gegensatz zu der traditionellen Hausfrau, die man auch als „Heimchen am Herd“ bezeichnen könnte, ist die Hanseatin eine Frau aus dem Geldbürgertum, das allgemein als wohlhabend und autonom beschrieben werden kann. Sie mußte dieselbe kulturelle Höhe mit ihren Gästen und war deshalb sehr viel gebildeter, da sie über aktuelle Themen gut und umfassend informiert sein mußte.

Eine dritte Erklärung für die zunehmende Emanzipation, vor allem in Norddeutschland, ist die Veränderung des christlichen Glaubens der Mittelschicht. Eine allgemeine Unzufriedenheit mit der Bibeltreue führte zu Versammlungen mit dem Ziel des treueren Bibellesens. Bei diesen immer regelmäßiger auftretenden Versammlungen waren alle sozialen Schichten vertreten, wozu auch Frauen gehörten, da die allgemeine Auffassung darin bestand, daß alle Menschen vor Gottes Auge gleich seien.

Diese Versammlungen boten den Frauen die Möglichkeit sich zu veröffentlichen und sich so darzustellen. Viele taten dies in Schriften, in denen sie ihre Erfahrungen mit dieser neuen Art von Bibelkreis darstellten. Der erste Schritt in Richtung biographisches Schreiben war getan, und es sollte noch viel mehr folgen, was letztendlich zu dem endgültigen Eintritt der Frau in das öffentliche Leben führen sollte.

c) Unterschiede zu unserer heutigen, westlichen Gesellschaft

Die Unterschiede zwischen der Gesellschaft des 18. Jahrhunderts und unserer Gesellschaft des 21. Jahrhunderts sind vor allem für meine Altersgruppe (17-19) ganz wesentliche. Der für mich augenscheinlichste Unterschied ist das Maß an Freiheit, das auch den freien Willen beinhaltet, das Mädchen meines Alters besitzen. Uns ist es überlassen, wann wir heiraten wollen und wen wir heiraten wollen. Uns ist es überlassen, welche Bildung wir genießen wollen und wie weit wir uns bilden wollen.

Wir müssen uns nicht als Wesen eines minderwertigen Geschlechts betrachten, sondern haben, zumindest in der Schule, den Rang eines gleichwertigen Mitglieds der Gesellschaft, die Benachteiligung auf Grund des Geschlechts ist nicht mehr existent. Nicht nur die Privatsphäre ist uns vorbehalten, sondern auch die Öffentlichkeit. Wir haben die gleichen Rechte, die gleichen juristischen Möglichkeiten und gleichermaßen Repräsentanten, die unsere Interessen vertreten.

2. Teil: Das Leben der Caroline Schlegel-Schelling

In diesem Teil meiner Arbeit möchte ich auf den Lebenslauf von Caroline Schlegel-Schelling eingehen, dabei aber meinen Schwerpunkt auf die Zeit ihrer Rebellion und erneuten Anpassung legen, die Ursachen hierfür, ihre Entwicklung und letztendlich ihre Sinnsuche mit dem Ziel der Selbstverwirklichung untersuchen.

Zur Bearbeitung dieses Teil stand mir leider nur eine schmale Basis an Literatur zur Verfügung, dies bedeutet die Biographie „Caroline“ von Eckart Kleßmann, die Briefsammlung Caroline Schlegel-Schellings „Lieber Freund, ich komme weit her schon an diesem frühen Morgen“ als auch die Biographie ihres zweiten Ehemannes „August Wilhelm Schlegel“ von Bernard von Brentano.

Den größten Teil der in diesem Teil beschriebenen Fakten werde ich deshalb aus den Biographien übernommen haben, während ich versuchen werde aus Caroline SchlegelSchellings Briefen einzelne Stationen ihres Lebens näher zu interpretieren.

Kindheit und Jugend

Am 02. September 1763 gebar Louise Philippine Antoinette Michaelis ihre Tochter Dorothea Caroline Albertine, deren Rufname ihr Leben lang Caroline sein sollte. Carolines Vater, Johann David Michaelis, war ein renommierter Professor an der Göttinger Universität, wo er orientalische Sprachen und Theologie lehrte.

Über die ersten 20 Lebensjahre Carolines ist relativ wenig bekannt, vereinzelte Briefe zeugen hauptsächlich von Carolines Kindheit und Jugend.

Der Ruhm ihres Vaters, des Professors brachte viele Besucher in das Michaelishaus in Göttingen, so beehrte sowohl Lessing die Familie mit seinem Besuch als auch der amerikanische Politiker Benjamin Franklin. Und so wuchs Caroline in einer sehr intellektuell stimulierenden Atmosphäre auf, ein Besucher sagte über das Familienleben aus, es sei sehr „frei und ungeniert“.

Zu Carolines engsten Freundinnen gehörte Luise Stieler, Tochter eines Gothaer Hofrats, Juliana von Studnitz, Tochter des Kanzlers Ernst August von Studnitz und Therese Heyne, Tochter des Philologen Heyne.

Mit Luise und Therese verband Caroline eine lebenslange Freundschaft, während ihre Freundschaft mit Juliana 1784 plötzlich abbrach.

Carolines Kindheit ist geprägt von ihrem schlechten Verhältnis zu ihrer Mutter, ihrer Liebe zu ihrem älteren Halbbruder Fritz, ihren persönlichen Interessen wie Literatur, Sprachen und Theater und ihrer ersten naiven Liebe zu dem Heidelberger Juristen Wilhelm Link. Doch selbst aus den wenigen Briefen dieser Zeit war zu erkennen, eine Göttinger Professorentochter besaß eine sehr gute Bildung. Sie sprach Englisch und Französisch fließend und lernte Italienisch. Carolines größte Passion aber war das Lesen und obwohl die Klassiker wie Shakespeare, Milton oder Youngs ihr vertraut waren, galt ihr Interesse hauptsächlich der zeitgenössischen Literatur. Von der Liebe jedoch hielt sie in Romanen nicht viel, es war ihr zu „fade“, und ein Roman ohne Liebe viel interessanter. Schon in ihren jungen Jahren hatte Caroline ein außergewöhnliches Selbstvertrauen, was auch mit ihrem ungestümen Temperament zusammenhing. Und so sagte der Schriftsteller Boie nach einem kurzen Besuch im Michaelishaus:“ Mamsell Michaelis ist - ein wenig wild.“ Ein sehr vielsagender Gedankenstrich.

Carolines Gedanken sind in dieser Zeit viel bei ihrem Angebeteten Wilhelm Link. Und so schreibt sie über ein Zusammentreffen bei eine m Ball, wo „er zittert und kaum reden konnte“ und sie selbst sei „nicht viel besser dran gewesen.“ Doch Caroline ist intelligent genug um zu spüren, wie sich die selbst angeeignete Literatur in ihr Leben einmischt. In Wahrheit empfindet sie für Link nur Gefühle aus zweiter Hand, ihre Liebe gilt nicht der eigentlichen Persönlichkeit Links, sondern ihrem Wunschbild einer romantischen Liebe, Links Physiognomie. Letztendlich braucht Caroline vier Jahre um sich von dieser ersten Leidenschaft loszureißen, die sie nie ganz empfunden hat und die größtenteils in ihrer Einbildung stattgefunden hatte.

Es zeigt sich, daß viel von Carolines Kindheit und Jugend von der ihr gelesenen Literatur beeinflußt waren, bei einer Affäre ihrer jüngeren Schwester Charlotte mit einem älteren Mann namens Hockel ist sie bitter enttäuscht, daß ihre Freundin Therese sich mit ihm und ihrer Schwester gegen sie verbündet, während Caroline entschieden gegen dieses Verhältnis ist. Sie ist blind für die Tatsache, daß ihre Schwester versucht aus dem Roman Leben zu machen, während sie in ihrer Beziehung zu Link das Leben zum Roman stilisiert hatte. Doch noch ist es ihr fern sich länger mit sich selbst zu beschäftigen und so bilden die Besucher wieder eine fällige Ablenkung.

Schon in ihrer Jugend war Caroline in der Lage sich sehr starke Meinungen zu bilden und diese auch zu vertreten, auch wenn diese Meinungen zu dieser Zeit noch sehr von der Gesellschaft, in der sie lebte, abhängig waren und deren Meinung widerspiegelten. So schreibt Caroline über die Reise eines befreundeten Professoren mit seiner Tochter im April1782: „Diese Reise, die Vater und Tochter den dringendsten Gefahren aussetzt; nach einem Lande wie Italien ist ein junges Mädchen, sollte sie auch noch ein Kind sein, ohne weibliche Aufsicht!“ Caroline nennt dies eine „sonderbare Erziehung“. Carolines scheinbares Vorurteil dieser Reise als Furcht davor „unweiblich“ zu sein? Zu dieser Zeit ist noch nicht viel von dem Emanzipationsgeist zu spüren, der ihr Leben später so prägen sollte. Noch ist sie erfüllt von den Ansichten der Tugend und Vernunft, so preist sie den Trost des guten Gewissens und warnt vor der Philosophie des Lebensgenusses.

In ihren frühen Briefen zeigt sich Caroline als durchschnittliches, wohlerzogenes Mädchen, tendierend zur Altklugheit und dramatisierten Übertreibung. So schreibt sie als Achtzehnjährige: “... und wäre die Stimme der Leidenschaft auch noch so stark, so würde ich mich dennoch besiegen, denn die Redlichkeit meiner Gesinnungen und ein gutes Herz sind mir mehr wert als zeitliches Glück.“

Doch ihre Bildung und der Umgang mit berühmten Persönlichkeiten sind vielleicht letztendlich die ausschlaggebenden Punkte, die sie die Schlucht zwischen Idealismus und Realität erkennen lassen.

Am 1. November 1781 schreibt Caroline ihrer Freundin den Satz: „Ich würde, wenn ich ganz mein eigner Herr wäre und außerdem in einer anständigen und angenehmen Lage leben könnte, weit lieber gar nicht heiraten und auf andre Art der Welt zu nutzen suchen.“ Doch leider ist sie nicht ihr eigener Herr, und ihre Kindheit und Jugend geht zu Ende als ihr Vater sie am 15. Juni 1784 mit dem zehn Jahre älteren Arzt Johann Franz Wilhelm Böhmer verheiratet.

Caroline und ihre erste Ehe Zusammen mit ihrem Mann, zieht Caroline in seine Heimat Claustha l. Dieser Umzug ist hart für Caroline, die noch das Göttinger Universitätsleben gewohnt ist mit seiner Hülle und Fülle an geistiger Anregung und Unterhaltung. Clausthal ist das genaue Gegenteil, ein kleinbürgerliches Nest mit einem eher minder als mehr gebildeten Völkchen. Ihre Briefe an ihre jüngere Schwester Lotte fallen dementsprechend spöttisch aus. Über einen Besuch schreibt sie: „[...] Heut hab ich wieder visitiert, bei Vetter Schachtrupp unter andern; dessen Frau - ein gutes Vieh - wie eine leibhaftige Tellermütze aussieht. Er ist fürchterlich unwissend. Hatte mal vom amerikanischen Krieg gehört, wußte nicht, ob ihn Hänschen oder Gretchen führt.“

Ihre Ehe mit Böhmer ist eine Durchschnittsehe, was von einer arrangierten Ehe nicht anders zu erwarten war, trotzdem kommt sich Caroline sehr verlassen und unglücklich vor. Ihre einzige Verbindung zu der Familie ist der Briefwechsel mit Lotte, sie fängt an zu lesen, nun sowohl zeitgenössische Literatur als auch Bücher, die die „Welt“ vermitteln. Eine erste Änderung tritt mit der Geburt ihrer ersten Tochter Philippine Auguste ein, die am 28. April 1785 geboren wird. Der Geburt folgen starke Depressionen, die aber nichts mit den normalen Depressionen nach einer Geburt zu tun haben. Bei Caroline regt sich nun die Erkenntnis, daß sie das Kind noch stärker an das Haus fesseln wird und ihre Mobilität noch stärker reduziert ist. Für ihren Mann empfindet sie Achtung und Zuneigung, aber keine Liebe und ein intellektuell stimulierender Partner kann Böhmer ihr nicht sein. Sie fühlt sich eingesperrt und als „Scheidewand zwischen mir und der Welt“ kann nicht nur der Harzer Schnee gesehen werden. Carolines „Welt“ beginnt außerhalb Clausthals, doch um diese für sie schmerzhafte Erkenntnis zu überspielen, benutzt Caroline ihren unverbrüchlichen Humor, ihr Humor ist eine Naturbegabung, der ihr noch in vielen Lebenssituationen helfen wird. Die Fähigkeit sich distanziert sehen zu können, selbstironisch und so ihr seelisches Gleichgewicht wiederzuerhalten.

Und so schreibt sie zu Neujahr 1786 an Lotte: „Gestern hab ich traktiert, und da war mir der Braten wichtiger wie Himmel und Erde.“ Langsam findet Caroline sich in ihr Schicksal und im Mai 1786 schreibt sie: „Durch Interesse an Dingen außer mir, durch Betrachtung, durch Mutterscha ft, durch alles, was ich tu, genieß ich mein Dasein.“ Man könnte meinen dies sei eine vollkommen natürliche Schutzbehauptung, aber das wäre nicht Carolines Art, sie ist ehrlich mit sich selbst und anderen und kann im Notfall seelischen Schutz aus sich selb st heraus ziehen, ein weitere wichtige Charakteristik für ihren späteren Lebensverlauf, wie sich schon bald herausstellen sollte.

Am 23. April 1787 wird Carolines zweite Tochter geboren, Therese. 10 Monate später ist sie Witwe, Böhmer stirbt überraschend am 4. Februar 1788 an einer nicht näher bekannten Krankheit. Bis zum Herbst bleibt Caroline noch in Clausthal, dann zieht sie zurück in ihr elterliches Heim in Göttingen, dort wird ihr drittes Kind Böhmers geboren, ein Sohn namens Wilhelm, der aber schon kurz nach der Geburt stirbt.

Zwischen Ostern und Pfingsten 1789 zieht Caroline nach Marburg zu ihrem Bruder Fritz.

Schlegel macht ihr mittlerweile den Hof, doch da ist Caroline sich sicher: „Schlegel und ich! Ich lache, indem ich schreibe! Nein, das ist sicher - aus uns wird nichts.“ Aus dieser entspannten Stimmung reißt sie der plötzliche Tod ihrer Tochter Therese, genannt Röschen, im Dezember 1789 heraus. Die junge Mutter ist am Boden zerstört, ihre Trauer und Verzweiflung wird in einem Brief an ihren jüngeren Bruder Philipp deutlich: „Ich war tätig, bis ich nichts mehr zu tun fand - dann setzte ich mich neben Lotte aufs Kanapee - meine Rose wurde still - [...] - alles wurde still - und ich wünschte sehnlich, daß doch diese Stille nie möchte ununterbrochen werden. Ich bebte vor dem Augenblick, wo ich, bewegungslos mit festgehefteter Seele - mich wieder bewegen müßte.“

Mittlerweile geht es in ihr in Marburg ähnlich wie in Clausthal, Carolines dortiges Leben füllt sie nicht mehr aus und im Herbst 1791 ist sie wieder in Göttingen um auf ihre jüngeren Schwestern aufzupassen, da der Vater im September desselben Jahres verstorben war. Doch sie bleibt nicht lange, die Umstände mißfallen ihr und im April 1792 trifft sie mit Auguste in Mainz ein.

Caroline in Mainz, eine Rebellion nimmt Maße an Mainz, der erste Schritt Carolines in ein Leben, das schon hier verspricht ein außergewöhnliches zu werden. Der normale Weg wäre hier gewesen als Witwe wieder in den Schoß der Familie aufgenommen zu werden und nach einer angemessenen Frist mit einem Witwer, der selbst Kinder hat, verheiratet zu werden. Doch diesem Schicksal entzieht sich Caroline durch ihren „unerhört“ eigenständigen Schritt nach Mainz zu ziehen, für sie ist es außerdem ein wichtiger Schritt für ihre eigene Rebellion das Schicksal der Frau nicht als gegeben zu nehmen und dafür in Kauf zu nehmen, verspottet und verkannt zu werden vom Großteil der Gesellschaft. Endlich kann sie in dem Bewußtsein leben auf sich selbst gestellt zu sein, ein Traum, über den sie sich schon früh in ihrem Leben geäußert hat und der nun endlich zu Wirklichkeit gemacht werden kann.

„Ich bin allein - ohn schützende forthelfende Verbindungen - meine Freunde fordern Rath von mir - es fällt ihnen nicht ein, mir welchen zu geben - dem sich selbst überlassenen Weibe. Sie haben in so fern recht, daß ich mich von jeher gewöhnt habe, nicht auf Hülfsmittel zu bauen, die ich nicht in mir selbst fand.“4

Caroline verlebt ihre neun Monate mit einer seltenen Intensität, während dieser Zeit entdeckt sie den Glanz und das Elend großer historischer Ereignisse. Sie selber lebt mit Augustine in einem kleinen Zimmer bei einer Handwerkersfamilie und versucht sich mit Handarbeiten über Wasser zu halten. Abends ist sie oft bei Abendgesellschaften der Forsters. Caroline entdeckt und lernt dazu indem sie weder auf Klatsch noch auf beunruhigende Vorwürfe gegenüber Politikern hört. Sie beobachtet mit großem differenzierten Unterscheidungsvermögen das revolutionäre Fest, indem Mainz sich als „Schlüssel Deutschland“ befindet und entdeckt dabei auch ihre eigene rebellische Seite. „Wir können noch sehr lebhafte Scenen herbekommen, wenn der Krieg ausbrechen sollte - ich ginge ums Leben nicht von hier - denk nur, wenn ich meinen Enkeln erzähle, wie ich eine Belagerung erlebt habe, wie man einen alten geistlichen Herrn die Nase abgeschnitten und die Demokraten sie auf öffentlichem Markt gebraten haben - wir sind doch in einem höchst interessanten politischen Zeitpunkt, und das giebt mir außer den klugen Sachen, die ich Abends beym Theetisch höre, gewaltig viel zu denken, wenn ich allein, in meinem recht hübschen Zimmerchen im dem engen Gäßchen sitze, und Halstücher ausnähe, wie ich eben thue.“5

In dieser Zeit findet Caroline Gelegenheit ihre geistige Unabhängigkeit und ihre Treue zu den von ihr getroffenen politischen und menschlichen Optionen unter Beweis zu stellen. Ihr gefällt diese exzessive Zeit, in der in der einen Minute alles sicher ist, in der nächsten wieder nichts. Mittlerweile fliehen viele Bürger aus Mainz, vor allem der Adel und der Bürgermeister machen sich davon, weil sie die nächsten Schritte der Revolution befürchten. Caroline dagegen bleibt noch einige Zeit. „Man gewöhnt sich an alles, auch an die tägliche Aussicht einer Belagerung“ schreibt Caroline an Meyer. Als Zeitzeugin wird sie nicht wie viele ihrer Artgenossinnen von den Ereignissen erdrückt, sondern im Gegenteil, sie profitiert davon. Es verhilft ihr dazu sich selbst besser behaupten zu können und zu entfalten. Ihr ohnehin schon ausgeprägter Gerechtigkeitssinn kommt mehr und mehr zur Geltung. Ihr liegt es nicht politische Theorien zu diskutieren, „So möchten denn die Reichen abtreten und die Armen die Welt regieren“, schrieb sie nur drei Jahre zuvor an Meyer. Das, was Caroline an der Revolution reizte, waren die sozialen Aspekte. Caroline war empfänglich für alles, was die Revolution an sozialer Gerechtigkeit mit sich brachte.

Doch die politische Lage in Mainz spitzt sich zu: am 13. Dezember wird in Mainz der Kriegszustand ausgerufen, was eine zunehmende Isolierung nach außen bedeutet Allein im Februar 1793 verlassen Tausende Mainzer Bürger ihre Stadt und die Ereignisse überstürzen sich, Mainz wird von den Truppen der Koalition zurückerobert, die Repression entspricht dem Maß der durch die Jakobiner geschürten Ängste.

Caroline nimmt das Angebot der Gotters in Gotha an und beschließt auf Grund der Mainzer Lage zu fliehen und bei ihnen Unterschlupf zu finden. Doch es fällt ihr schwer sich von Mainz zu trennen, obwohl sie weiß: „Mein Name ist proscribiert - das weiß ich - gut, daß ich nicht selbst den Fluch über ihn gebracht, denn ein Fluch ist nicht so ehrenvoll wie der andre.“ Am 30. März ist es dann soweit: Caroline verläßt zusammen mit Sophia Magdalena Wedekind, ihrer Schwiegertochter Maria, Meta Forkel und vier Kindern die Stadt in Richtung Frankfurt.

Was Caroline zu dieser Zeit nicht weiß: in nur wenigen Stunden wird die aufregendste Zeit ihres Lebens beginnen. Was Caroline zu dieser Zeit noch nicht weiß: sie ist schwanger. Der Vater des Kindes? Der ne unzehnjährige französische Leutnant Jean Baptiste Dubois-Crancé. Wie es genau zu diesem Verhältnis gekommen ist, ist nicht bekannt, Caroline äußert sich nicht darüber oder nur kaum und so können nur Vermutungen angestellt werden: Bei einer Ballnacht während des Karnevals wird sie von dem jungen Offizier umworben. Mainz ist zu dieser Zeit in einer ohnehin hektischen Stimmung, die Untergangspsychosen oft vorausgeht, dazu der Rausch des Festes und die lange Einsamkeit der Witwe, all diese Faktoren tragen wahrscheinlich letztendlich dazu bei, daß sie sich ihm hingibt.

Zur Zeit von Carolines Flucht ist ihr ihre Schwangerschaft aber noch nicht bewußt, und noch fährt sie ohne von den ihr bevorstehenden Stunden auch nur etwas zu ahnen in die Nacht hinein.

Eine schwere Zeit

Carolines Flucht endet nur wenige Stunden später kurz hinter Oppenheim. Die Frauen werden von preußischen Vorposten angehalten und da sie aus Mainz kommen, zunächst inhaftiert. Sie werden in Frankfurt verhört und zwei Tage später verhaftet und auf die Festung Königstein gebracht. Hier beginnt eine der schwersten Zeiten in Carolines Leben. Von der Festung aus kämpft sie um ihre Befreiung. Caroline, ihre Tochter Auguste, die mittlerweile sieben Jahre alt ist und fünf andere Frauen sind in einem Ra um zusammen eingesperrt, gelegentlich wird es ihnen gestattet sich in einem verwüsteten Stück Garten aufzuhalten.

Ein weiterer Schlag trifft sie als sie entdeckt, daß sie schwanger ist und durchlebt jetzt - in Angst vor der Entdeckung - die qualvollsten Wochen. Bei Entdeckung wäre ihr die Witwenpension gestrichen und Auguste genommen worden, aufgrund unwürdigen Verhaltens der Mutter. Diesen Verlust fürchtet Caroline am meisten.

Caroline leidet, sie sieht den Zeitpunkt der Entdeckung immer näher kommen, Selbstmordgedanken quälen sie, sie fleht verzweifelt um Hilfe. Falls es zum Äußersten kommen sollte, hat Wilhelm Schlegel ihr Gift zukommen lassen, nachdem sie ihn von der Notwendigkeit überzeugt hatte, „denn meinem armen Kinde war es ja besser, ganz Waise zu sein, als eine entehrte Mutter zu haben“. Allein dieser Satz enthüllt Carolines Leiden in ihrer gesamten Bandbreite, daß sie zu diesem letzten Schritt fähig gewesen wäre, doch die Rettung kommt, allerdings aus vollkommen unerwarteter Richtung - durch ihren Bruder Philipp. Dieser hat sich an den preußischen König höchstpersönlich gewandt und Carolines Freilassung erwirkt. Am 5. Juli ist sie frei. Doch die Leiden sind noch lange nicht zu Ende, an Gotters schreibt sie: „Ein Stück meines Lebens gäb ich jetzt darum, wenn ich nicht auf immer, wenigstens in Deutschland, aus der weiblichen Sphäre der Unbekanntheit gerissen wäre.“ Was Caroline bis dahin nicht gewußt hatte, ist, daß ihr Ruf als Frau durch üble Nachrede während ihrer Gefangenschaft vollkommen ruiniert wurde. Die Tatsache, daß sie nach ihrer Gefangenschaft überhaupt wieder Fuß fassen konnte, hat sie einem ungewöhnlichen Brüderpaar zu verdanken: August Wilhelm und Friedrich Schlegel. Nach Carolines Freilassung begleitet August Wilhelm Schlegel sie und Auguste nach Leipzig, wo die beiden Hilfe und Unterkunft bekommen. Caroline ist sehr dankbar für Schlegels Freundschaft: „Wie ich, von jedermann verlassen, mir allein nicht einmal die Möglichkeit zu sterben hätte verschaffen können, vertraute ich mich einem Mann, den ich von mir gestoßen, aufgeopfert, gekränkt, dem ich keinen Lohn mehr bieten konnte, wie es wohl in der Natur meines Vertrauens lag - und er betrog mich nicht. Das sanftere Gefühl, das seine grenzenlose edle Güte in mir wieder aufweckte, ließ mich für die Hoffnung aufleben, die Prüfungen, die ich nun nicht mehr gewaltsam endigen kann - dazu ist’s zu spät - würden erträglich vorübergehn.“ Schon hier zeichnet sich ab, wem Caroline Vertrauen schenken kann, was sie auch tut. Schlegel hilft Caroline ihr Kind unter anderem Namen zu bekommen und danach zu einer geeigneten Pflegefamilie zu geben. Doch mittlerweile drängt sich die Frage immer stärker auf: Was nun? Wie kann sie sich endgültig aus ihrer Situation retten? An Meyer schreibt sie: "[...] - meine Existenz in Deutschland ist hin, ich bin einem gehässigen Publikum schmählich überantwortet, aber Liebe und Güte können in meinem Herzen nicht sterben, also auch nicht Freude. [...] Ich will vergessen und vergessen werden.“ Friedrich drängt seinen Bruder zu einer Heirat mit Caroline, doch die will davon im Moment noch nichts wissen, zuerst siedelt sie mit ihrer Mutter und Auguste im August 1795 nach Braunschweig um. Braunschweig erlöst Caroline aus ihrer Isolierung. Trotz ihrer Vergangenheit gelingt es ihr schnell den Anschluß an die intellektuellen Zirkel schnell zu finden und Braunschweig wird schnell zur neuen Heimat, auch August Wilhelm Schlegel zieht im Spätsommer hierher. Caroline beginnt daraufhin viele Ausflüge mit ihm zu machen, die beiden fahren zusammen auf das Schloß Salzdahlum, wo sie eine berühmte Gemäldegalerie besichtigen. Die beiden werden plötzlich oft zusammen gesehen.

Doch noch immer bestreitet Caroline die Beziehung, auf Anfragen einer Freundin, wie es mit einer Heirat stehe, antwortet sie: „Du bist ein Kind, was Schlegel und meine Namensveränderung betrifft. Kann man denn gar keinen Freund haben, ohne sich auf Leben und Tod mit ihm zu vereinigen?“6 Anscheinend nicht, Caroline und August Wilhelm Schlegel werden am 1. Juli 1796 in St. Katharinen zu Braunschweig getraut.

Die zweite Ehe Carolines zweite Ehe war wieder keine Ehe aus Liebe, sie hatte sich zu diesem Schritt entschieden, um „sich und ihrem Kinde in ihrer zerrütteten Lage einen Beschützer zu sichern“. Ihre Gefühle für Wilhelm Schlegel waren ausschließlich Freundschaft, Dankbarkeit und Fürsorge.

Die Schlegels und Auguste ziehen 1796 nach Jena, eine Universitätsstadt, deren Ruf nicht der allerbeste ist, aber schon auf dem Wege der Besserung ist. Die Briefe von Caroline aus diesem Jahr verraten Glück und Zufriedenheit, dazu tragen die geistigen Anregungen und Spaziergänge viel bei. Es ist als sei vorübergehend all die Last der letzten Jahre von ihren Schultern genommen, endlich kann sie anfangen das Erlebte zu verarbeiten, zu verwerten und schließlich einiges davon zu vergessen.

Caroline fängt an ihrem Mann mit seinen Shakespeare-Übersetzungen zu helfen, auch wenn umstritten bleibt, inwiefern dies zu der Qualität beigetragen hat oder nicht. Ihr Leben ist abwechslungsreich, doch auc h hier bleibt nicht alles Heiterkeit und Sonnenschein, auch hier in Jena hat sie Feinde, die sie übel verleumden, so wird sie im Hause Schiller nur noch „Dame Luzifer“ oder „Das Übel“ genannt.

Doch Caroline läßt sich nicht von derlei Bemerkungen bzw. Beschimpfungen beeinflussen, nachdem die Schlegels ihre romantische Zeitung „Athenäum“ publiziert haben, ist sie sogar der ausschlaggebenden Faktor dafür, daß die Schlegels sich von Schiller abwenden und anfangen auf Goethe zu setzen. Es herrscht ein buntes literarisches Kommen und Gehen im Hause der Schlegels, die Ehe zwischen Caroline und Wilhelm verläuft ohne Komplikationen und Auguste wächst und gedeiht, alles ist in bester Ordnung, bis ein Ereignis eintritt, dem zu der Zeit noch niemand Bedeutung beimessen sollte: Der Philosoph Friedrich Wilhelm Joseph Schelling trifft im Oktober 1798 in Jena ein.

Ganz Jena ist sofort interessiert an diesem jungen Mann, insbesondere aber ist Caroline vollkommen von ihm fasziniert.7 Sie findet auch prompt Gelegenheit sich nä her mit ihm vertraut zu machen: Nach Einweihung des Weimarer Theaters, beschließt Wilhelm Schlegel noch nicht sofort nach Jena zurückzufahren, und so begleitet Schelling Caroline mit zurück nach Jena. Es ist nicht bekannt, was während dieser nächtlichen Fahrt besprochen wurde, doch Caroline faßt ein tiefes Zutrauen daraufhin zu ihm, und von nun an ist er ein gern und häufig gesehener Gast im Hause Schelling.

Caroline setzt sich inzwischen tiefer mit dem Wesen der Romantik auseinander, doch was sie herausfindet, verlangt von ihr ein leichtes Kopfschütteln, so schreibt sie an Novalis, mit dem sie ein lockeres Briefverhältnis führt: „Sie glauben nicht, wie wenig ich von eurem Wesen begreife, wie wenig ich eigentlich verstehe, was sie treiben. Ich weiß im Grunde doch nichts etwas als von der sittlichen Menschheit und von der poetischen Kunst. [...] Was ihr alle zusammen da schaffet, ist mir auch ein rechter Zauberkessel.“ Hieraus läßt sich leicht ersehen, daß Caroline eher eine irdisch gegründete Natur ist, ihre Nähe zu der Wirklichkeit läßt sie manche Theorien und Versuche der Romantiker die Welt besser zu begreifen mit vollkommenen Unverständnis gegenübertreten.

Der Jenaer Zirkel wird indes immer größer, doch auch die Zwistigkeiten tun dies in gleichem Maße, zw ischen Schiller und den Schlegels besteht eine eisige Atmosphäre, der Roman „Lucinde“ von Friedrich Schlegel wird fast skandalös aufgenommen, da so offensichtlich sowohl seine Lebensgefährtin Dorothea Veit als auch Caroline porträtiert werden. Man bekommt den Eindruck eines „Bandenkriegs“, die Schlegels mit Goethe, Novalis, Schelling und Tieck auf ihrer Seite gegen den Rest der Welt.

Doch trotz aller Streitereien wird das Weihnachtsfest 1799 harmonisch begangen. Caroline bekommt von Schelling ein paar goldene Armreifen geschenkt mit einem kleinen Gedicht dazu:

Nach goldnen Äpfeln in silbernen Schalen Wie man uns tut die Weisheit malen, kann wahrlich mir das Herz nicht hangen, wonach ich weit mehr könnt verlangen sind silberne Arme mit goldenen Spangen.

Was Wilhelm Schlegel zu diesem Wunsch meint, ist nicht bekannt, aber daß Schelling für Caroline wichtiger ist als Freunde wie Novalis und Tieck ist für den kleinen illustren Kreis schon längst unübersehbar geworden.

Diese Liebe zu Schelling ist höchstwahrscheinlich auch der Auslöser für eine schwere Erkrankung Carolines, zusammen mit der Erkenntnis, daß diese Liebe das Aus ihrer Ehe bedeuten wird. Die Diagnose lautet auf „Nervenfieber“, was zu der damaligen Zeit sowohl Ruhr als auch Typhus bedeuten kann. Anfang 1800 ist ihr Leben in Gefahr. Schelling überredet Schlegel Caroline nach der neuen Brownschen Methode behandeln zu lassen und dieser läßt ihn gewähren, die Behandlung hat Erfolg und Caroline gesundet. Anfang Mai hat sich Carloline soweit erholt, daß eine Badekur zur Regeneration ihrer Kräfte gedacht werden kann. Die Wahl fällt auf Bad Bocklet in Unterfranken, Wilhelm bringt Caroline und Auguste bis Rudolstadt, dann begleitet Schelling die beiden nach Süddeutschland. Was keiner bis dahin weiß: es wird eine Reise ohne Wiederkehr im wahrsten Sinne des Wortes, in nur wenigen Wochen, wird das Leben, wie es jetzt für die Familie ist, komplett geändert haben.

Augusten verläßt diese Welt

Anfang Juli des Jahres trifft Schelling wieder mit Caroline und Auguste in Bad Bocklet zusammen, er hatte vorher noch seine Eltern besucht.

Doch während Carolines Gesundheitsbefinden sich bessert, erkrankt Auguste plötzlich. Ihr Zustand verschlimmert sich von Tag zu Tag, Diagnose: Ruhr. Schelling wendet erneut die Brownsche Methode an, die Caroline zu so schneller Genesung verholfen hat, doch er versagt: am 12. Juli ist Auguste tot.

Auf Erhalten der Todesnachricht, begibt sich Wilhelm Schlegel sofort nach Bad Bocklet, auch ihn hat der Verlust tief getroffen.

Caroline aber ist außer sich, sie wird den Tod ihrer Tochter nie mehr verwinden. „...ich lebe nur noch halb und wandle wie ein Schatten auf der Erde“, schreibt sie an Luise Gotter. In Carolines Vorstellung setzt sich der Gedanke des Sühneopfers fest: sie sieht im Tod des geliebtesten Menschen einen Wink des Schicksals, daß ihre Sünde Schelling zu lieben sich in Augustes Tod rächt. Sie zieht sich nach Braunschweig zurück, nach Jena kann und will sie nicht zurück, alles erinnert sie dort an ihr geliebtes Kind, Schelling will sie nur noch als Sohn und Bruder ihres Kindes sehen: das Drama beginnt. So schreibt sie ihm im März 1801: „[...] Als Freund, als Bruder, als Sohn und Geliebten schließe ich Dich an meine Brust, es ist wie das Geheimnis der Gottheit, gleich der Jungfrau, die Mutter ist und Tochter ihres Sohnes und Braut ihres Schöpfers und Erlösers. [...]“ Schelling stürzen ihre Briefe in tiefe Depressionen, nach dem Verlust Augustes, der er sehr nahe stand, verliert er nun auch die Frau, die er liebt. Caroline weigert sich Schelling weiterhin als Geliebten zu sehen, weil sie es als Frevel empfindet, ihm künftig als Frau zu gehören. „Als Deine Mutter begrüße ich Dich, keine Erinnerung soll uns zerrütten. Du bist nun meines Kindes Bruder, ich gebe Dir diesen heiligen Segen. Es ist fortan ein Verbrechen, wenn wir uns etwas anders sein wollten.“ Wieviel Schmerz müssen Caroline diese Sätze zugefügt haben, und wieviel Stärke besitzt sie trotz des Verlusts ihres Kindes und ihres Geliebten ihr Leben weiter zu begehen. Anfang April fährt sie für zwei Wochen nach Hamburg, dann kommt sie nach Braunschweig zurück, um dort den Haushalt aufzulösen, am 23. April 1801 ist sie wieder in Jena, nach fast einem Jahr Abwesenheit. Jena ist Caroline fremd geworden, noch immer sieht sie Augustes wohin sie auch geht: „Wo ich gehe, da sind ihre Spuren, der ich nun so hilflos nachweine.“ Caroline steht zum wiederholten Mal in ihrem Leben vor Trümmern: sie hat ihr Kind verloren, ihre Ehe ist zerstört, ihre große Liebe ist ihr verwehrt, sie kehrt in eine entleerte Wohnung zurück, und wieder ist sie ganz auf sich gestellt. Was kann sie überhaupt noch vom Leben erwarten? Wilhelm Schlegel lebt mittlerweile in Berlin und denkt nicht daran, nach Jena zurückzukehren. Und so fährt Caroline für eine kurze Zeitspanne nach Berlin, wo sich eindeutig zeigt, daß die Ehe nicht länger aufrechtzuerhalten ist. Am 17. Mai 1803 werden Wilhelm Schlegel und Caroline geschieden.

Erneut gesteht sie ihrer Freundin Luise Gotter Selbstmordgedanken: „[...], man würde mir vielleicht verzeihen, wenn ich auch die letzte Hülle von mir würfe, im mich zu befreien, aber hierin bin ich gebunden - ich muß dieses Dasein fortsetzen, solange es dem Himmel gefällt, [...]“.

Doch sie entscheidet sich für das Leben - und für Schelling. Sie erkennt, daß wahre Liebe selbst der Tod nicht überwinden kann und am 26. Juni 1803 werden Caroline Schlegel und Friedrich Schelling getraut.

„Du weißt, ich folge Dir, wohin Du willst, denn Dein Leben und Tun ist mir heilig, und im Heiligtum dienen - in Gottes Heiligtum - heißt herrschen auf Erden.“8

Erfüllung und Tod

Das frischgebackene Ehepaar reist im Spätsommer über Stuttgart, Tübingen, Ulm, Augsburg und München nach Würzburg, dessen neugegründete Universität Schelling berufen hatte. Sie beziehen hier eine große Wohnung und Caroline kann zum wiederholten Male in ihrem Leben neu anfangen, diesmal aber mit ihrer großen Liebe an ihrer Seite.

Caroline beginnt 1805 Rezensionen zu schreiben, daß, was keiner in Jena geschafft hat sie zu bewegen, selber zu schreiben, übt sie nun endlich in Würzburg aus. Sie schreibt für die „Allgemeine Literatur-Zeitung“ und rezensiert vier Bücher so, daß man als Leser wohl kaum Lust bekommen dürfte, diese Bücher zu lesen.

Die bayerische Regierung beruft Schelling nach München. Endlich Großstadt! Nach Auflösung des Haushalts, steht der Abreise nach München nichts mehr im Weg. Caroline geht es ausgesprochen gut: „Mein Mann ist sehr heiter, sehr gesund und so placiert, wie er es nur wünschen könnte. Er hat als Mitglied der Akademie der Wissenschaften seine ganze Zeit für sich und ein Gehalt, das ihn vor Sorge schützt. Eingerichtet habe ich mich nur ganz notdürftig, mich dünkt, ich möchte mich nirgends mehr ansiedeln und es ganz buchstäblich nehmen, daß wir nur Pilger sind.“ Ihr ist klar geworden, daß vielleicht manchmal die Gewöhnung an ein weniger beständiges Leben, sie vor Enttäuschungen schützt. Am 5. Februar stirbt in Kiel die fast siebzigjährige Mutter Carolines. „Es hat mich mehr, wie ich Dir ausdrücken kann, erschüttert, mehr wie Du begreifen würdest, da Du nach dem Leiden der armen Mutter das Aufhören desselben nur tröstlich mußt finden können, und das tue auch ich, aber ich fühle den Fall wie den Riß des letzten nahen und natürlichen Bandes zwischen der mütterlichen Erde und mir, [...]“ Es ist das einzige Mal, daß Caroline näher auf ihre Mutter eingeht. Ihr Verhältnis zu ihr war zeitlebens von Freundlichkeit bestimmt. Doch Carolines Schmerz ist wohl eher der Schmerz um dieses so freudlose, verfehlte leben, das der Mutter beschieden war, denn die zerrissene Bindung zwischen Mutter und Tochter. Aufgrund des erneuten Krieges zwischen Österreich und Frankreich, muß die langgeplante Italienreise Carolines und Friedrichs abgesagt werden, statt dessen besuchen sie Schellings Eltern in Maulbronn.

Caroline, das fällt der ganzen Familie in Maulbronn auf, ist „diesmal so ganz besonders liebevoll und zärtlich gegen alle, still und in sich gekehrt, wenngleich bei dem äußeren Ausdruck der völligsten inneren Heiterkeit.“

Eines Abends, als sie in Maulbronn mit Schelling am Fenster steht und in die Landschaft blickt, sagt sie plötzlich: „Schelling, glaubst du wohl, daß ich hier sterben könnte?“ Schelling mißt dieser Frage keine Bedeutung zu, er glaubt sie durch die Melancholie der Landschaft inspiriert.

Wenige Tage später ist Caroline an Ruhr erkrankt, am 7. September 1809 stirbt Caroline „sanft und ohne Kampf“.

„Sie war ein eigenes Wesen, man mußte sie ganz oder gar nicht lieben.

Diese Gewalt, das Herz im Mittelpunkt zu treffen, behielt sie bis ans Ende.

Wir waren durch die heiligsten Bande vereinigt, im höchsten Schmerz und im tiefsten Unglück einander treu geblieben - Alle Wunden bluten neu, seitdem sie von meiner Seite gerissen ist.

Wäre sie mir nicht gewesen, was sie war, ich müßte als Mensch sie beweinen, trauern, daß dies Meisterstück der Geister nicht mehr ist, dieses seltne Weib von männlicher Seelengröße, von dem schärfsten Geist, mit der Weisheit des weiblichsten, zartesten, liebevollsten Herzens vereinigt. O etwas der Art kommt nie wieder!“9

3. Teil: Resümee und Nachwort

Nun stehe ich vor meiner beendeten Facharbeit. Caroline Schlegel-Schelling, noch einmal fasse ich in Gedanken für mich zusammen, wer diese Frau eigentlich war. Die Vorreiterin der Emanzipation? Eine Revolutionärin? Eine Idealistin? Nein, meiner Meinung nach war Caroline Schlegel-Schelling nichts von dem, was ihr heute so gerne nachgesagt wird. Caroline hat gezeigt, wie man als Frau, in frauenwidrigen Zeiten, seinen Weg gehen kann. Wie das Schicksal einen führt, einem Schmerzen zufügt, einen vor aussichtslose Situationen stellt und letztendlich einen belohnt, wenn man bereit ist dafür zu kämpfen. Caroline war es, und obwohl sie unendlich viel verloren hatte, wurde sie am Ende ihres Lebens mit dem Mann, den sie liebte, belohnt. Aber auch Caroline war nur ein Mensch, auch bei ihr gab es Zeiten, in denen sie nahe dran war, aufzugeben. Doch das Wichtige ist: sie hat es nicht. Sie hatte viele Feinde, doch genauso viele Freunde, die von ihr fasziniert waren, die sie bewunderten, so wie ihre Feinde es gerne getan hätten.

Caroline Schlegel-Schelling - eine Frau zwischen Anpassung und Rebellion? Nein, auf Caroline hätte das Wort „angepaßt“ nie zugetroffen, genauso wenig wie „rebellisch“, zumindest nicht in ihren eigenen Augen. Ihre Entscheidungen hat sie einfach nach ihren eigenen Maßstäben gefällt, nicht an Gesellscha ft oder Erwartungen gebunden, außer an ihre eigenen. Und je nachdem, wie sehr sich diese Entscheidungen an die Konventionen der damaligen Gesellschaft anpaßten, oder auch nicht, wurden ihr die Adjektive „angepaßt“ und „rebellisch“ aufgedrückt.

Vielen ist nicht bewußt, wer Caroline Schlege l-Schelling eigentlich war, vielen ist nicht bewußt, daß sie es war, die die Frühromantik ganz stark mitgeprägt hat. Ohne ihre Anziehungs- und Ausstrahlungskraft hätte es den Kreis von Jena nie gegeben und die deutsche Romantik hätte vielleicht eine vollkommen andere Entwicklung genommen.

Caroline war keine Idealistin, sie war bodens tändig, hatte ihre Augen und Sinne nicht auf die Zukunft gerichtet, sondern auf die Gegenwart, sie wußte, daß das Hier und Jetzt sehr viel mehr zählte als das Morgen oder Übermorge n. Von der Vergangenheit konnte sie sich allerdings nie ganz freimachen.

Caroline Schlegel-Schelling war jemand besonderes: sie vereinte in sich das Männliche gena uso wie das Weibliche, und machte so ihr „Mensch sein“ aus, nicht die Gegensätzlichkeiten der beiden Geschlechter bildeten ihre charakterliche Harmonie, sondern das Miteinander der beiden Geschlechter, das wechselseitige Freiheit fordert.

Doch was waren meine ersten Gedanken nach dem „Kennenlernen“ dieser romantischen Frau? Wie war meine Reaktion, nachdem ich sie besser kennengelernt hatte?

Ganz ehrlich, nach Lesen ihrer Kindheit und Jugend, hatte ich eine tiefe Abneigung gegen sie und machte mir schon Sorge n, wie in aller Welt ich über eine Frau schreiben konnte, die ich noch nicht einmal mochte. Sie erschien mir kind isch, affektiert, oberflächlich, altklug. Bildete sich Meinungen über Dinge, von denen sie keine Ahnung hatte. Doch ihr Leben bestand noch aus viel mehr Stationen und je weiter ich las, desto mehr interessierte sie mich. Mir wurde klar, was sie da eigentlich als Frau leistete, wie sehr sie wahrscheinlich zu kämpfen hatte. Mir wurde bewußt, wie einfach ich es bisher hatte, zumindest was meine Rolle als Mädchen anging, die Ungleichheit der Geschlechter und die daraus resultierende verschiedene Behandlung der Geschlechter ist mir unbekannt, noch unbekannt.

Teilweise konnte ich Caroline sehr gut verstehen, z.B. daß sie nach dem Tod ihres ersten Mannes nicht wieder zurück nach Hause ging, um das Schicksal einer Witwe zu leben, sonder daß sie aus diesem Trott ausbrach um ihren Weg zu gehen. Der Ausbruch meinerseits bestand in der Entscheidung ein Jahr allein in Amerika zu leben. Zuhause fiel mir die Decke auf den Kopf und die Zukunft barg aus meiner damaligen Sicht keinerlei Veränderung, also mußte ich diese Veränderung schaffen. Es war ganz allein meine Entscheidung, und eine Entscheidung, die ich nie bereut habe.

Aber es fanden sich auch viele Widersprüche in dem Charakter Carolines und meinem. Ich habe Caroline als bodenständige Frau bezeichnet, die die Gegenwart zum Ausgangspunkt ihres Lebens machte. Ich würde bei mir genau das Gegenteil sagen, meistens sind mir meine Träume wichtiger als die Realität, die Vorstellungen einer spannenden und absolut nicht normalen Zukunft, die man immer wieder in seinem Kopf durchspielen kann mit immer neuen Variationen. Ich glaube lieber an Ideale als an die Realität, Caroline machte es genau andersherum.

Ich habe viele Unterschiede zwischen uns gefunden, und genauso viele Gleichheiten: wir sind beide Kinder unserer Zeit. In beiden Fällen einer Zeit des Umbruchs, der Neuerung. In Carolines Zeit bezeichnete man die Folge „als Änderung des Glaubens, der Vorstellungen, der gesamten gültigen Gesellschaft in ihrer derzeitigen Form“, in meiner Zeit spricht man von „Globalisierung“ und „Informationsgesellschaft“.

Was habe ich aus dem Schreiben dieser Facharbeit für mich gewonnen?

Ich habe jemanden kennengelernt, der 220 Jahre vor mir geboren wurde, der 170 Jahre vor mir gestorben ist. Habe ich diesen jemand dann wirklich kennengelernt? Ja, ist meine eindeutige Antwort, ich habe beim Schreiben dieser Facharbeit etwas gewonnen: Eine Freundin.

„Ich könnte begreifen, wie man die Dokumente eigner verworrener Begebenheiten seinen Kindern und auch der nach uns lebenden Welt als eine die Menschheit überhaupt interessierende Erfahrung Hinterlassen kann. “

- Caroline Schlegel-Schelling

Wiebke Hauschildt

Literaturverzeichnis:

1. Caroline Schlegel-Schelling, „Lieber Freund, ich komme weit her schon an diesem frühen Morgen“, Verlag Luchterhand, Darmstadt 1980, Originalausgabe
2. Eckart Kleßmann, „Caroline“, List Verlag, München 1975, Erstauflage
3. Bernhard von Brentano, „August Wilhelm Schlegel“, Insel Verlag, Frankfurt a.M. 1986, Erste Auflage 1986
4. Marie-Claire Hoock-Demarle, „Die Frauen der Goethezeit“, Wilhelm Fink Verlag, München 1990, Erstauflage

[...]


1 Lavater an Goethe, Brief vom 25. Januar 1774, in: „Briefe an Goethe“, HA, Bd. I, S. 23

2 E. Kant, „Werke“ hg. W. Weischedel, Ffm, 1956, Bd. VII; S. 390

3 Marie-Claire Hoock-Demarle, „Die Frauen der Goethezeit“, Wilhelm Fink Verlag, München, 1990

4 Caroline Schlegel-Schelling an Meyer, 11. Juli 1791

5 Caroline Schlegel-Schelling an Meyer, 20. April 1792

6 Caroline Schlegel-Schelling an Louise Gotter, 13. Oktober 1795

7 lat. „fas“ = Schicksal, Verhängnis

8 Caroline Schlegel-Schelling an Friedrich Schelling, 9. Juni, 1800

9 Nekrolog von Friedrich Schelling für Caroline Schlegel-Schelling, 29. November, 1809

16 von 16 Seiten

Details

Titel
Schlegel-Schelling, Caroline
Autor
Jahr
2001
Seiten
16
Katalognummer
V102087
Dateigröße
376 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Schlegel-Schelling, Caroline
Arbeit zitieren
Wiebke Hauschildt (Autor), 2001, Schlegel-Schelling, Caroline, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102087

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