Umgang mit Heterogenität in Kindergarten und Grundschule. Die Bildungssituation von Kindern mit Migrationshintergrund


Hausarbeit, 2020

18 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhalt

1 Einführung

2 Die Bildungssituation von Migrantenkindern in Deutschland

3 Interpersonelle Erfahrungen in Primar- und Elementarbereich in einem heterogenen Kontext

4 Begriffe der Ethnizität, Nationalität und Kultur

5 Soziale Identität und die Transkulturalität

6 Möglichkeiten der Prävention von Fremdenfeindlichkeit im Elementar- und Primarbereich

7 Fazit

Quellen

1 Einführung

In einer solchen interkulturellen Gesellschaft wie heutzutage in Deutschland, spielt der pädagogisch sinnvolle Umgang mit kultureller Pluralität eine besondere Rolle, da der Anteil der unter 10-järigen Kinder mit Migrationshintergrund in manchen Bundesländern (Baden-Württemberg, Nordrhein-Westfallen, Hamburg, Bremen, Berlin) schon im Jahr 2010 40% oder mehr erreicht hat.1 Im Jahr 2016 hatte deutlich mehr als jedes dritte Kind unter 5 Jahren in Deutschland eine Migrationshintergrund.2 Die dadurch entstandene Heterogenität der Gesellschaft bringt nicht nur neue Entwicklungen mit sich, sondern auch die Notwendigkeit, die gesellschaftlichen Strukturen zu verändern. Dies betrifft vor allem die sozialen Bereiche und das Bildungswesen. Die Zusammensetzung der Gesellschaft verändert sich dabei schneller, als die seit Jahrzehnten etablierten Bildungsstrukturen, die gesellschaftlichen Normen, Werte und Einstellungen, die auf eine homogene Gesellschaft ausgerichtet waren. Die gesellschaftlichen Probleme, die dadurch entstehen, werden neben anderen durch die Analyse der Chancengleichheit in dem Bildungssystem sichtbar.

Die letzten Forschungen weisen darauf hin, dass der Bildungserfolg der Kinder von ihrer Herkunftsfamilie abhängig ist: die Kinder aus Familien mit einem höheren Bildungsabschluss und einem höheren Einkommen werden viel öfter in ein Gymnasium eingeschult, schaffen häufiger einen erfolgreichen Abiturabschluss und setzen es mit einem Studium fort. Die empirischen Beispiele zeigen auch, dass dies nicht immer allein mit besseren Leistungen verbunden ist, sondern auch mit den nicht immer sozial neutralen Beurteilungsmaßstäben der Lehrkräfte, die durch die Orientierung auf die Alltagstheorien in die Praxis eingesetzt werden. So werden häufig zum Beispiel mangelnde Deutschkenntnisse und die damit verbundenen Verständnisprobleme als große unveränderbare Schwierigkeiten angesehen und bei Leistungsdefiziten der Schüler oft sogar als begrenzte Denkfähigkeit eingestuft.3

Auch die neueren Forschungen zeigen, dass die Kinder aus den Familien, die sozial besser gestellt sind, sich oft schneller und positiver entwickeln, als die Kinder aus Familien mit schlechteren Voraussetzungen.4

Die Kompetenzen, die das Kind zum Schuleintritt erwerben muss, werden größtenteils im Kindergartenalter entwickelt, deswegen ist es für den Bereich der frühkindlichen Bildung wichtig, die Kinder in ihrer Entwicklung so früh wie möglich zu unterstützen. Und genauso wie an der Schule ist die Kita-Gesellschaft sehr heterogen, und der Umgang mit Pluralität spielt im pädagogischen Alltag eine wichtige Rolle. Wissenschaftliche Forschungsergebnisse zeigen, dass viele pädagogische Fachkräfte in Kindertageseinrichtungen sich in der Arbeit mit Familien mit andersartiger soziokultureller Erfahrung verunsichert fühlen.5 Insbesondere deswegen wäre es wichtig, eine theoretische Grundlage in Bezug auf den Umgang mit Heterogenität für die Praxis der frühkindlichen Bildung zu analysieren und im pädagogischen Alltag dies zu berücksichtigen. „Das professionelle Handeln in sozialen Feldern ist immer ein Handeln, das Positionierungen im Umgang mit Differenz erforderlich macht […]“6, andernfalls entsteht ein Risiko, dass die pädagogischen Fachkräfte auf die althergebrachten Alltagstheorien zurückgreifen.

In der vorliegenden Arbeit wird genauer auf das professionelle Handeln im Umgang mit Heterogenität im frühkindlichen Bereich eingegangen. Zuerst wird ein kurzer Einblick in die Bildungssituation und in die Problematik der Bildungsbenachteiligung von Migrantenkinder in Deutschland gemacht. Danach wird über interpersonelle Erfahrungen im Primar- und Elemetarbereich im heterogenen Kontext reflektiert. Des Weiteren werden die Begriffe der Ethnizität, der Nationalität, der Kultur, der sozialen Identität und der Transkulturalität erläutert. Zum Schluss wird auf die Möglichkeiten der Prävention von Fremdenfeindlichkeit im Primar- und Elemetarbereich eingegangen.

2 Die Bildungssituation von Migrantenkindern in Deutschland

Die vorschulischen Einrichtungen und die Schulen wären die Institutionen, die einen Chancenausgleich für Kinder mit unterschiedlichen soziokulturellen Voraussetzungen ermöglichen könnten. Dies verläuft aber nicht immer reibungslos und rein durch die Bildungsstatistik betrachtet, lässt sich der Chancenausgleich nicht beweisen. Auffällig ist, dass bei einem Anteil von Migrantenkinder in Deutschland von insgesamt 28%, die Kinder mit Migrationshintergrund an den Hauptschulen mit 43% überrepräsentiert sind dagegen an Gymnasien mit 22% unterrepräsentiert sind.7

Auch sorgt die Übergangssituation von den Schulkindern, die eine Kindertageseinrichtung schon verlassen haben, für die Einschulung in die Grundschule aber noch nicht ausreichend Deutsch beherrschen, für Bedenken. „Betrachtet man die Entscheidungspraktiken unter dem Gesichtspunkt der direkten oder indirekten Diskriminierung ist zunächst die Zuordnung von Migrantenkindern in separate Förderklassen (bzw. Vorbereitungs- oder Auffangklassen) als eine Form „wohlmeinender“ direkter Diskriminierung auszumachen, die auf die individuelle Förderung abzielt. Besonders in Grundschulen ohne Förderklassen werden Migrantenkinder ersatzweise jedoch auch ausdrücklich zum Deutschlernen in den Schulkindergarten zurückgestellt. Diese Zurückstellung ist ebenfalls eine Form direkter Diskriminierung, da der Schulkindergarten rechtlich nicht zum Spracherwerb vorgesehen ist.“8

Die einheitliche Qualitätssicherung, die den Zweitspracherwerb und Chancengleichheit für die Kinder mit Migrationshintergrund ermöglicht, fehlt nicht nur in den Schulen. Die Analyse der Bildungspläne für die Kindertageseinrichtungen zeigt, dass es auch dort noch einige Lücken im Umgang mit der Heterogenität gibt. So wird die Perspektive der Anerkennung und Wertschätzung von den Kindern, die Anknüpfung an Familiensprachen und die Stärkung der Identität in fast allen Bildungsplänen erwähnt, während die Benachteiligungsrisiken auf der Ebene der pädagogischen Arbeit weniger präsent sind.9

3 Interpersonelle Erfahrungen in Primar- und Elementarbereich in einem heterogenen Kontext

Die Erfahrungen, die Kinder in Kindergruppen machen, zählen nach manchen Erziehungswissenschaftlern zu den wichtigsten Bildungserfahrungen im Elementarbereich. Dies wird zum Beispiel unter anderem auch im sächsischen Bildungsplan unterstrichen.

„Ein zentrales Feld für Bildungserfahrungen sind die Beziehungen der Kinder untereinander. Kindertageseinrichtungen sind für die meisten Kinder der erste Ort der Gruppenerfahrungen mit Gleichaltrigen. Das Sich-Arrangieren mit gleichberechtigten Anderen, das Aushandeln von Gruppenregeln, Gruppenstatus und der Umgang mit den in Konflikten enthalten zentralen sozialen Lern- und Bildungsangelegenheiten, für die der erforderliche Freiraum bereitgestellt werden muss.“10

Dem Bildungsplan entsprechend wird die Kindergruppe als Lern- und Erfahrungsraum und damit als wichtige soziale Lernplattform angesehen.11 Beziehungen in einer Gruppe zu knüpfen ist für die Kinder nicht einfach. Dafür müssen sie eine entwickelte Kommunikations- und Emotionsregulationsfähigkeit besitzen, die entstandenen Konflikte selbstständig lösen und zur Kooperation mit anderen fähig sein. Kinder im Kindergarten kommen aus unterschiedlichen Familien, haben unterschiedlicher sozio-kultureller Familienhintergrund, geschlechts- und Altersunterschiede und unterschiedliches individuelles Lernpotenzial, Interessen und Lernmotivationen.

Fünf bis zehn Prozent der Kinder haben ein Problem mit Beziehungen in der Gruppe, werden ausgeschlossen oder erleben Mobbing. Die erlebten Schwierigkeiten können die Entwicklung der Kinder negativ beeinflussen, und führen später zu sozialen und emotionalen Problemen. Um dies zu vermeiden, muss man besonderen Wert auf die Entwicklung eines positiven Selbstbildes und auf Beziehungen mit den Gleichaltrigen legen. Wie dies gefördert werden kann ist eine komplexe Frage, die mehrere Aspekte miteinschließt. Ein Aspekt davon sind die Beziehungen der Individuen in einer modernen heterogenen Gesellschaft und der Umgang damit in den Kindertageseinrichtungen und Schulen, die für die Kinder die wichtigen Lern- und Erfahrungsräume darstellen. Da heutzutage die Menschen aus sehr unterschiedlichen familiären Hintergründen, Herkunftskulturen, mit unterschiedlichen Alltagsroutinen, Werten usw. in einem Raum zusammenleben, muss die moderne Pädagogik einen sinnvollen Umgang mit dieser Heterogenität zugunsten aller Beteiligten vertreten.

In der Analyse von unterschiedlichen Bildungsplänen für Kindertageseinrichtungen wird in den Bildungsbereichen Identität und Gesellschaft zusammenfassend die Vermittlung von Wertschätzung und Achtung für die eigene Herkunftskultur der Kinder sowie die Entwicklung der Offenheit und Anerkennung für kulturelle Verschiedenheit als einer der Erziehungsziele gesetzt.12 Dadurch entsteht eine hohe Verantwortung für die Praxis der frühkindlichen Pädagogik, da die Kinder im Kindergarten eine Chance haben, ein gemeinsames `Wir-Gefühl` in einer heterogenen Gesellschaft zu entwickeln und dabei die Herkunftskulturen von den anderen und von sich selbst zu verstehen, akzeptieren und wertzuschätzen, ohne die Ethnien und Kulturen, die anders als die eigenen sind, dabei zu erniedrigen. Forschungen im Kindergarten zeigen, dass für kleine Kinder solche Merkmale, wie zum Beispiel Hautfarbe, für ihre Sympathien keine Rolle spielen.13 Ob dies sich später verändert, hängt in erster Linie davon ab, welche Einstellungen die Erwachsenen verbal oder auch unbewusst nonverbal kommunizieren. Deswegen ist es für die Lehrer und Erzieher besonders wichtig, die eigenen Einstellungen zu den Kindern aus anderen Kulturen zu analysieren und reflektieren.14

4 Begriffe der Ethnizität, Nationalität und Kultur

Die Begriffe von „Kultur“ und `Ethnizität` sind im wissenschaftlichen Raum umstritten. Neben der Kritik wegen der Unmöglichkeit, den Begriff Kultur in einer sich ständig wandelnden Gesellschaft zu definieren, entsteht die Notwendigkeit, die wichtige Ressource der Kultur für die soziale Identitätsentwicklung in der Pädagogik zu berücksichtigen. Ein weiterer Kritikpunkt der Kulturdefinition an der deutschen pädagogischen Fachliteratur ist, dass es oft um die Kultur der Einwanderer geht, als ob die deutsche Gesellschaft nicht eine Kultur neben vielen anderen darstellt, sondern eine Art der kulturellen Normalität. Die als `abweichend` erscheinenden fremden Kulturen werden als Folge dieser Annahme oft als problematisch angesehen und werden dadurch in eine nicht vorteilhafte Ausganslage verschoben.15

Ein anderes Problem ist die Definition der Personen mit Migrationshintergrund. Aus der Definition des statistischen Bundesamtes des Jahres 2016 folgt, dass: „eine Person hat einen Migrationshintergrund, wenn sie selbst oder mindestens ein Elternteil nicht mit deutscher Staatsangehörigkeit geboren wurde. Im Einzelnen umfasst diese Definition zugewanderte und nicht zugewanderte Ausländer, zugewanderte und nicht zugewanderte Eingebürgerte, (Spät-) Aussiedler sowie die als Deutsche geborenen Nachkommen dieser Gruppen.“16. 000000000000

Der Kritikpunkt daran ist, dass in Deutschland mit deutscher Staatsangehörigkeit geborene Kinder laut dieser Definition zu den Kindern mit Migrationshintergrund gehören, obwohl sie selbst keinen Migrationserfahrung haben. Die Notwendigkeit solcher Betrachtung wird dadurch begründet, dass die Sozialisation dieser Kinder in ihrer frühen Kindheit von den kulturellen Erfahrungen ihrer Eltern abhängig ist.17

Die Komplexität des Sozialisationskontextes einer Person mit Migrationshintergrund kann aber nicht auf die Herkunftskultur eingeschränkt betrachtet werden. Paul Mecherin und Louis Henry Seukwa kritisieren das Paradigma der Transkulturalität, sowie einen in der interkulturellen Pädagogik verbreiteten Begriff der Kultur, und schlagen einen anderen Begriff der Natio-ethno-kulturellen Zugehörigkeit vor.18 Nationalität betrifft in diesem Sinne Staatsangehörigkeit, Ethnizität – Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Gruppe, und Kultur – eine Lebensweise, eine Reihe von Interessen, Gewohnheiten, Alltagsritualen, Religiosität. Ein spontanes Beispiel dafür, warum es so wichtig ist, alle drei Kategorien der Zugehörigkeit in einem Begriff zusammenzufassen, wäre ein griechischer Spätaussiedler aus der ehemaligen Sowjetunion, der nach einer mehrjährige Integration in die griechische Gesellschaft nach Deutschland umgezogen ist und hier den weiteren Sozialisationsprozess in der deutschen Gesellschaft durchläuft. Die Erstsprache solcher Migranten ist Russisch, die ethnische Zugehörigkeit griechisch, die kulturellen Erfahrungen werden sich überlappen und aus allen drei Kulturen stammen, und die Staatsangehörigkeit kann griechisch oder deutsch sein. Ein anderes Beispiel wäre ein Kind aus einer Mischehe, das in zwei Kulturen und mit zwei Sprachen gleichzeitig aufwächst und unter Umständen auch in einem dritten Land wohnt. Solche Beispiele demonstrieren, dass die Begriffe `Kultur` (sowie `Trans kultur alität), `Ethnizität` oder `Nationalität`, wenn sie einzeln benutzt werden, offensichtlich zu eng sind, um alle Merkmale einer sozialen Identität in einer modernen heterogenen Gesellschaft zu beschreiben.

[...]


1 Vgl. Sulzer 2013, S. 12

2 https://www.bpb.de/nachschlagen/zahlen-und-fakten/soziale-situation-in-deutschland/150599/migrationshintergrund-iii#:~:text=Von%20den%2012%2C7%20Millionen,und%20unter%2018%20Jahre%20alt [16.10.2020]

3 Weber 2005, S. 69 ff.

4 https://www.bpb.de/gesellschaft/bildung/zukunft-bildung/300333/chancengerechtigkeit-durch-kita [04.10.2020]

5 Vgl. Sulzer 2013, S. 6

6 Sulzer 2013, S. 24

7 Vgl. Scherr/ Niermann 2014, S. 865

8 Gomolla 2013, S. 91

9 Vgl. Sulzer 2013, S.22

10 Sächsisches Staatsministerium für Soziales 2006, 10. Zitat entnommen aus Brandes, 2008, S. 7

11 Vgl. Brandes 2008, S.7

12 Vgl. Sulzer 2013, S. 8.

13 Vgl. Dollase 2015, S. 169

14 Vgl. ebd., S. 173 ff.

15 Vgl. Sulzer 2013, S. 8 ff.

16 https://de.wikipedia.org/wiki/Migrationshintergrund#:~:text=%E2%80%9EEine%20Person%20hat%20einen%20Migrationshintergrund,mit%20deutscher%20Staatsangeh%C3%B6rigkeit%20geboren%20wurde.&text=Im%20Mikrozensus%202015%20betrifft%20dies,Auslandsaufenthalts%20der%20Eltern%20geboren%2C%20z [03.10.2020]

17 Vgl. Sulzer 2013, S. 8 ff.

18 Vgl. Mecheril/Seukwa, 2006, S. 8 ff.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Umgang mit Heterogenität in Kindergarten und Grundschule. Die Bildungssituation von Kindern mit Migrationshintergrund
Hochschule
Pädagogische Hochschule Ludwigsburg  (PH Ludwigsburg)
Veranstaltung
Didaktische Entwicklung und Erforschung
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
18
Katalognummer
V1020947
ISBN (eBook)
9783346413628
ISBN (Buch)
9783346413635
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heterogenität, Umgang mit Heterogenität, Natio-ethno-kulturelle Zugehörigkeit
Arbeit zitieren
Mariya Kaelberer (Autor), 2020, Umgang mit Heterogenität in Kindergarten und Grundschule. Die Bildungssituation von Kindern mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1020947

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