Der Bund der Städte um den Bodensee am Beispiel St. Gallen und Zürich


Hausarbeit, 2001

25 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2.Entstehung des Bundes um den Bodenseeraum

3.Warum ein Bund?

4.Beispiel Zürich als Bündnispartner
4.1 Zürich - Integration und Ausgrenzung

5.Der Weg St. Gallens zur Bündnispolitik
5.1 Die Zeit der St. Galler Bündnisse

6.Zürich und St. Gallen - Ein Vergleich

7.Schlusswort

Anhang Karte des Bodenseeraumes

Begriffsbestimmungen

Zeitliche Übersicht

Bibliographie

Titelbild: habsburgisches Stadtprivileg für Lenzburg 1306 (aus: www.habsburg.arte24.ch)

1. Einleitung

Gegenstand meiner Seminararbeit ist das Bündnis des Bodenseeraumes im 14. Jahr-hundert. Ich habe mich für dieses Thema entschieden, da ich trotz Schweizer Geschichte im Gymnasium nur sehr wenig darüber weiß. Ich denke, dass sich die Verhältnisse der Zeit und das Denken der damaligen Menschen sehr schön an den politischen Aktionen erkennen lassen.

Der Bund um den Bodenseeraum entstand am 24. Mai 1312 zwischen den Städten Zürich, St. Gallen, Schaffhausen und dem damals noch schweizerischen Konstanz. Er bedeutete für die Städte eine Verbesserung der Sicherheit und einen gewissen Grad an Stabilität und Selbstständigkeit. Nach dem Tod von König Rudolf I. von Habsburg im Jahre 1291 waren die Verhältnisse in der damaligen Schweiz unsicher und unstabil. Durch diese Situation war nicht nur die politische und rechtliche, sondern auch die wirtschaftliche Situation einer Stadt in Gefahr. Aufgrund solcher Unsicherheiten bildeten sich Bünde, wie der Bund des Bodenseeraumes. Unter dem Bodenseeraum ist neben dem Gebiet in der Schweiz, welcher sich bis nach Zürich hinein erstreckte, auch Österreich und Deutschland gemeint.1 Um das Gebiet jedoch für meine Arbeit einzugrenzen, habe ich mich hauptsächlich mit dem im Spätmittelalter schweizerischen Gebiet beschäftigt. Doch welche Möglichkeiten ergaben sich durch den Beitritt zu einem Bund? Welche Innen - und Außenpolitischen Wirkungen hatte die Zugehörigkeit auf die Städte? Diesen Frage möchte ich in meiner Arbeit nachgehen.

Das Haus Habsburg spielte bei der Bildung der Bündnisse keine unwichtige Rolle. Sie hatten im Gebiet der spätmittelalterlichen Schweiz einen großen Einfluss. Das ,Haus Habsburg' ist ein sehr weiter Begriff. Unter der Herrschaft von Rudolf I. Spalteten sich vom Hauptstamm der Habsburger zwei Seitenlinien ab. Die erste war die von Neu - Kyburg, welche die Länder der ausgestorbenen Grafen von Kyburg erbte (vor allem im Oberaargau mit Thun und Burgdorf). Die zweite Linie war die von Habsburg - Laufenburg, die Besitzungen im Fricktal, im südlichen Schwarzwald und in Unterwalden erhielt, und von der wir vor allem im Zusammenhang mit Rapperswil und Zürich noch hören werden. Diese beiden Linien versuchten, sich gegen den Habsburg - österreichischen Hauptstamm durchzusetzen, was sich dann auch in feindschaftlichen Auseinandersetzungen äußerte. Die Abkömmlinge des starken Hauses Habsburg hatten aber keine Chance und sie verschwinden ab 1400 allmählich.2 Wenn ich also von Habsburgern spreche, so meine ich den Hauptstamm.

Um meine Fragen zu beantworten habe ich nachstehenden Aufbau gewählt. Zunächst werde ich mich der Entstehung des Bundes am Bodenseeraum widmen, das heißt ich werde aufzeigen, unter welchen Umständen und Voraussetzungen der Bund 1312 im Allgemeinen Umfeld entstand. Danach will ich die verschiedenen Vor - und Nachteile und damit verbundene Pflichten erarbeiten, die ein Bündnis mit sich brachte. Anschließend werde ich auf die Städte Zürich und St. Gallen als Beispiele näher eingehen. Diese waren zwar beide Mitglieder im Bodenseebund von 1312, wiesen jedoch grundlegende Unterschiede in Entwicklung und Regierung auf. Schließlich möchte ich die Städte einem Vergleich unterziehen.

Meine Arbeit beruht hauptsächlich auf den Ausführungen von Jörg Füchtner und seiner Schrift von den ,,Bündnissen der Bodenseestädte bis zum Jahre 1390"3 . Aber auch das Buch ,,Geschichte der Schweiz und der Schweizer" war sehr nützlich. Die Werke von Thürer, Niederstätter (Zürichkrieg) und Meyer erwiesen sich stellenweise als gute Ergänzung zur vorhandenen Lektüre.

Ansonsten empfand ich die Literatursuche als äußerst mühsam. Zwar wird das Bodenseebündnis in vielen Büchern erwähnt, jedoch nur ganz kurz und als eher unwichtig eingestuft. Will man also genaueres über den Bund am Bodensee wissen, ist man mehr oder minder auf Füchtner angewiesen. Sucht man hingegen bei Füchtner mehr Informationen zu bestimmten Städten, muss man alles mühsam aus dem Buch herauspicken. Zudem war es oft der Fall, dass ich in verschiedenen Büchern verschiedene Informationen zum selben Thema fand, was mich vor das Problem stellte, welche ,Geschichte' ich denn nun glauben sollte. Ich entschied mich dann für den seriöseren Autor, jedoch zeigte mir dieses Problem, dass anscheinend noch nicht alles ganz klar ist und zum Teil nur Vermutungen über den Verlauf der Dinge ausgesprochen werden können.

Mit großem Interesse habe ich mich an die Arbeit gemacht. In diesem Sinne hoffe ich, dem Leser geht es ebenso.

2. Entstehung des Bundes um den Bodenseeraum

Die heutige Deutschschweiz hatte in der Geschichte seit jeher eine spezielle Situation.

Nachdem die Zähringer im Jahr 1218 und die Staufer 1268 nach der Ermordung Konradins ausstarben, wurden die Alpengebiete in der Schweiz, die vorher unter deren Schutz standen, in politisch selbstständige Kleingebiete zersplittert4. Die Städte wurden dennoch von Stadtherren5 regiert, wobei diese entweder Gesandte vom König oder Geistliche waren. Die damals wichtigen Schweizer Städte, wie zum Beispiel Schaffhausen, Zürich, Konstanz und St. Gallen hatten vorerst geistliche Stadtherren.

Die geistliche Stadtherrschaft wurde jedoch schon Mitte des 13. Jahrhunderts entkräftet, als man in Zürich den Rat ohne das Mitwirken der Fraumünsteräbtissin wählte. Der Äbtissin blieb lediglich die formelle Stadtherrschaft. In St. Gallen zeichnete sich diese Entwicklung erst Anfang bis Mitte des 14. Jahrhunderts ab, wobei zu Beginn des 14. Jahrhunderts die Bürgerschaften einen Rat wählten. Der Abt musste aber erst Mitte des 14. Jahrhunderts seine ,,Ernennungs- bzw. Genehmigungsrechte"6 den Rat betreffend langsam abgeben. Darauf werde ich im 4. und 5. Kapitel jedoch noch näher eingehen.

Da mit dem Tod eines Königs auch die Kompetenzen seiner Beamten verschwanden, entstand dadurch eine regierungslose Zeit, das sogenannte Interregnum. Diese Situation war für die Städte unangenehm, da der König als ,,Friedenswahrer und Rechtsvertreter"7 fehlte und so auch seine Vertreter die Stadtherren, als Wahrer des Rechts. Da man diese Situation möglichst meiden wollte, hatte man verschiedene Möglichkeiten, um ihr auszuweichen. Die Menschen im Mittelalter waren geprägt von Ängsten. Die einen waren sichtbar, die anderen nicht. Gegen die unsichtbaren Ängste vertrauten die mittelalterlichen Leute auf Gott, für den Schutz vor den anderen Menschen mussten sie selbst Lösungen finden. Zwei davon waren die Einungen oder die Schirmherrschaft.

Die Einung hatte in der deutschen Rechtssprache des Mittelalters zwei miteinander stark zusammenhängende Bedeutungen. Einerseits verstand man darunter eine Übereinkunft bzw. ein Bündnis. Selbst wenn von einem Eid nicht ausdrücklich die Rede ist, wurde die Einung doch zumeist als beschworene gedacht. Andererseits galt dieser Ausdruck einer durch beschworene Einung begründete Gemeinschaft. Zum Teil hatten diese Einungen auch eigene Truppen, Behörden und Kassen. Wenn sich die Städte sich damit jedoch nicht in ausreichendem Masse geschützt fühlten, suchte man sich einen Ersatz, der den nötigen Schutz sichern konnte. Dieser Ersatz war oft die Schirmherrschaft, welche im Bodenseeraum bis in die 20er Jahre des 14. Jahrhunderts zu finden ist.

Die Schirmherrschaft galt nur solange, bis man einen eindeutigen Nachfolger für den König gefunden hatte, der die Aufgaben im Land übernehmen konnte. Die Stadt, welche unter einer Schirmherrschaft stand, hatte dem Herrn gehorsam zu sein und Dienst zu leisten. Damit verbunden war der Kriegsdienst für ihn, man hatte ein Schirmgeld (Steuer) zu zahlen und er war der Rechtssprecher8. Er genoss alle königlichen Rechte gegenüber der Stadt und versprach ihr dafür die Erhaltung der Privilegien, welche die Stadt zur Zeit der Herrschaft eines Königs von ihm erhalten hatte. Das Ziel der Schirmherrschaft war die Gewährleistung des Schutzbedürfnisses. So tritt St. Gallen nach dem Tod von Abt Berthold in die Schirmherrschaft von Rudolf von Habsburg, da die Wahl für den Nachfolger von Abt Berthold nicht klar entschieden werden konnte.

Auch Zürich trat wahrscheinlich in die Schirmherrschaft von Rudolf, jedoch gibt es darüber keine klaren Quellen. Zürich wurde durch den Eintritt die Unveräußerlichkeit zugesichert. Durch diese Wahl, Rudolf als Schirmherrn walten zu lassen, verloren die Städte einen großen Teil ihrer bisher gewonnenen Selbstständigkeit. Die Gefahr bei einer Schirmherrschaft war sogar sehr groß, dass die zu beschützende Stadt in eine Abhängigkeit zum Schirmherrn geriet und sie von der Reichsstadt zur Landstadt absank.9

Der Tod Rudolfs bewirkte, dass die Städte sich wieder neu orientieren mussten. So holte St. Gallen kurz nach dem Tod des Herrschers 1291 den vom König vertriebenen Abt Wilhelm von Montfort in die Stadt zurück. Zürich hatte es etwas schwerer, sich zu entscheiden. Erst im darauffolgenden Herbst nahmen sie erste Kontakte zu den Grafen von Savoyen auf. Man fürchtete sich in Zürich vor der erneuten österreichischen Schirmherrschaft und schloss sich deshalb der antihabsburgischen Koalition an, die sich im Gebiet des Hochrheins gebildet hatte. So verbündeten sich neben den Äbten von Zürich, St. Gallen und Bern auch die Grafen von Savoyen und die Waldstädte (Uri, Schwyz und Luzern) mit dem Mittelpunkt der Antihabsburger, dem Bischof von Konstanz (Rudolf von Habsburg - Laufenburg).10 Dieser Bund konnte jedoch nichts von Bedeutung gegen die habsburgische Übermacht ausrichten und als Herzog Albrecht sich persönlich um die aufständische Haltung in der Schweiz kümmerte, ging das Bündnis schnell in die Brüche.

Zürich erkannte, dass sie in ihrer momentanen Lage machtlos gegen die starken Habsburger waren und schloss deshalb Frieden mit dem Feind. Nach dem Tod Albrechts I. 1308 kam Heinrich VII. von Luxemburg an die Königskrone. In den Städten atmete man auf, da Heinrich erst einmal eine eher österreichfeindliche Gesinnung hatte. Heinrich errichtete eine Landvogtei mit den Städten Schaffhausen, Konstanz, St. Gallen und Zürich, welche jedoch keineswegs einen antiösterreichischen Hintergrund hatte. Dann geriet Zürich in den Konflikt mit Schwyz, da die Innerschweizer das Kloster Einsiedeln, welches unter österreichischer Vogtei stand, immer wieder überfielen. Als nun die Nachbarn von Zürich diesen Konflikt mit Besorgnis mitverfolgten und dieser sich mehr und mehr verschärfte, sicherten sie Zürich, falls es nötig sein würde Waffenhilfe zu. Der Konflikt konnte schließlich friedlich beigelegt werden. Er war aber einer der Auslöser für die Entstehung des ersten Bundes am Bodensee am 24. Mai 1312. Heinrich VII. erkannte, dass in dem Gebiet eine Rechtsunsicherheit vorherrschte. Um ihr etwas entgegenzuwirken ist es deshalb auch möglich, dass Heinrich den Bund der Bodenseestädte befohlen hat.11

3. Warum ein Bund?

Bünde waren organisatorische Zusammenschlüsse von mehreren Städten, die das Ziel hatten, gemeinsame politische Interessen zu wahren12. Man wollte verhindern, dass Fehden und Blutrache, das heißt eigenständige und oft unkontrollierte Rechtsverfolgungen, über mäßige Formen annahmen13. Ein Bündnis sollte so hauptsächlich die Verhältnisse und wirtschaftlichen Interessen im Moment sichern und war keineswegs als dauerhaftes politisches Gebilde gedacht. Es gab in der Schweiz und in der näheren Umgebung im 13. und 14. Jahrhundert drei große, enge Bündnissysteme.

Das erste Bündnissystem war am Oberrhein, mit den Städten Freiburg im Breisgau, Basel und Strassburg. Das zweite System war im Aareraum zu finden, mit den Städten Bern, Fribourg, Payerne, Laupen, Biel, Solothurn, Murten. Das 3. Bündnissystem war schließlich der Bodenseeraum mit den Städten Zürich, St. Gallen, Konstanz und ev. noch Schaffhausen bis hinauf ins deutsche Ulm. Die Städte waren aber auch oft in mehreren Bünden gleichzeitig integriert. Sie waren in den Bündnissen zwar die tragenden Pfeiler, aber natürlich waren auch Vögte und Grafen mit ihren Landen und mehrere kleinere Städtchen an den Bünden beteiligt. Bündnisse waren meist befristet auf 3, 5 oder 10 Jahre, jedoch konnten sie beliebig verlängert werden.14

Vor den neueren Bündnissen hatten immer die alten Bündnisse, die nicht in Frage gestellt wurden, die erste Priorität. War die Stadt zum Beispiel eine Reichsstadt, so hatten die Rechte des Kaisers Vorrang vor allen anderen neu geschlossenen Bündnissen. Die Reichsstadt gehörte zu den Gütern des Kaisers, beziehungsweise des Königs und er unterstützte sie auch dementsprechend. So gab er ihnen oft Stadtrechtsprivilegien, wie es auf dem Titelblatt zu erkennen ist. In den Reichsstädten war der König oder Kaiser der Stadtherr. Sie war ihm direkt unterstellt. Auch die Freien Städte, worunter man diejenigen Bischofsstädte verstand, welche sich aus der Stadtherrschaft des Bischofs befreien konnten, wurden als Reichsstädte angesehen.15 Untereinander wurden so politische Kontakte hauptsächlich in vertraglicher Form gepflegt, wobei das Haus Habsburg oft zwischen den Parteien vermittelte.

Die Tatsache, dass im 13. und 14. Jahrhundert sehr viele Bündnisse geschlossen wurden zeigt, dass in dieser Zeit eine starke Macht in dem Gebiet fehlte, welche für die Sicherheit und den Frieden in der Gegend sorgen konnte. Das Gewerbe und der Handel brauchten aber einen gewissen Grad an Frieden, damit sie blühen konnten und die Stadt so zu Reichtum gelangte. Diese Zustände bildeten die idealen Voraussetzungen für die Städte, sich in Bündnissen einen gewissen Grad an Stabilität zu verschaffen.

Die so entstandenen Bünde brachten folgende Vorteile beziehungsweise Pflichten für die Bündnispartner mit sich:

- Wahrung des Landfriedens
- Abwehr äußerer Feinde
- Zusicherung von Waffenhilfe
- Gütliche Schlichtung von inneren Konflikten
- Sicherung der Handelswege
- Gegenseitige Unterstützung bei der Verfolgung von Übeltätern
- Später (14. Jh.) auch Währungskonventionen.16

All diese Faktoren, die ein Bund mit sich brachte, bewirkte die zahlreichen Bündnissysteme, die in der Schweiz zu der Zeit entstanden. Der Ewige Bund 1351 mit Zürich und 1353 mit Bern verband schließlich die Innerschweiz mit dem Wirtschafts- und Kulturraum der anderen Bündnisregionen.

Die Städtebünde entstanden durch einen Eid, den Vertreter der Städte abzugeben hatten. Sie führten eigene Bundestage, Ausschüsse, Vororte und Schiedsgerichte17 und wurden so zur Institution. Durch die Bünde konnten Schwächere integriert werden, das heißt, kleinere Städte konnten so durch Größere in ein Bündnis eingegliedert werden und daraus Vorteile ziehen.18

Die Reichsgewalt war gegenüber den Städtebünden mehr oder weniger skeptisch, je nachdem wie stark die Bünde die Macht der Fürsten und Adligen einschränkten oder nicht. So wurden die Bündnisse im Süddeutschen Raum durch die goldene Bulle 1356 sogar zeitweise verboten. Das einzige längerfristige Bündnis von politischer Bedeutung war das der Eidgenossen.19

4. Beispiel Zürich als Bündnispartner

Schon 853 wurde Zürich mit dem Fraumünsterkloster, welches dem heiligen Felix und der Regula geweiht ist, zu einem wichtigen Teil des Reiches von Ludwig dem Deutschen. 1150 galt Zürich als ,vornehmste Stadt Schwabens' und die Lenzburger und Zähringer richteten in der Stadt, welche gerade eine Kulturblüte erfuhr. 1218, nach dem Aussterben der Zähringer kam es zur Reichsunmittelbarkeit 20 für Zürich und die Stadt wurde zur freien Reichsstadt. In dieser Zeit war die Äbtissin des Fraumünsters noch die Stadtherrin, jedoch erhoben sich die ersten Stimmen gegen ihre Herrschaft. So wussten die Bürger sich, wie bereits im 2. Kapitel kurz erwähnt, erfolgreich gegen die Äbtissin zu wehren und konnten ihr ihren Einfluss entreißen. Wirtschaftlich und kulturell blühte die Stadt im Seidengewerbe und im Handel auf und erlangte immer mehr Bedeutung.21 Zürich trat gemeinsam mit Konstanz im Jahr 1255 dem rheinischen Städtebund bei.

Nach dem Tod des letzten Staufer Konradin herrschte unter den führenden Häusern starke Konkurrenz. Durch die rasche Ausdehnung des Hauses Habsburg, welches Gebiete im Burgund und den Thurgau (durch die Kyburger) für sich erwerben konnte, fasste man zu ihm am ehesten Vertrauen, da es auch nicht danach aussah, dass sie in den folgenden Jahren aussterben würden. Denn trotz den Bünden, denen man sich im Laufe der Zeit angeschlossen hatte, wie der rheinische Bund, die antihabsburgische Koalition von 1291 oder dem Bodenseebund von 1312 waren die Verkehrswege ohne die österreichische Unterstützung nicht offen und geschützt genug. So übernahm Österreich im Jahre 1313 die Schirmherrschaft der Reichsstädte in der Schweiz. 1315 wurde das Städtebündnis des Bodenseeraumes erneuert und konnte so verhindern, dass man sich bei einer Doppelwahl für einen der beiden Anwärter auf die Königskrone, Ludwig dem Bayer oder Friedrich dem Schönen entscheiden musste.22 Man verharrte sozusagen in neutralem Gebiet.

1336 aber bewirkte ein Ereignis einen abrupten Wandel in der Außenpolitik von Zürich, nämlich die Brunsche Zunftrevolution. In diesen Jahren lehnte man sich gegen die Großkaufleute auf, die im Rat saßen und die Handwerkerzünfte und das Patriziat kamen an die Macht. Rudolf Brun wurde erster Bürgermeister der Stadt Zürich.23 Man schränkte den Fernhandel etwas ein und orientierte sich mehr an der näheren Umgebung. Die Limmatstadt erschuf eine neue Zunftverfassung, die man von allfälligen Bündnispartnern und von Herrschaften garantiert haben wollte und die ehemaligen Ratsmitglieder verjagte man aus der Stadt.

Diese Ratsmitglieder sammelten sich in Rapperswil um den Stadtherrn Graf Johann von Habsburg - Laufenburg. Die nun Verbündeten beschlossen, die neue Regierung von Zürich (Brun) zu stürzen und so kam Graf Johann bei der Schlacht in Grynau 1337 ums Leben. Dies bewirkte, dass der Herzog Albrecht II. ins Geschehen eingriff und vorläufig für Frieden sorgte. Es folgte für Zürich eine Reihe von Bündnissen, unter anderem 1340 mit Konstanz und St. Gallen, 1343 mit Rapperswil, wobei diese trotzdem die ärgsten Feinde blieben, 1345 mit Basel, dem dortigen Bischof und Schaffhausen, und 1349 schließlich trat Zürich dem Schwäbischen Bund bei.24

Schloss Rapperswil, der Sitz der Grafen von Habsburg - Laufenburg25 Doch wie gesagt blieb Rapperswil der Feind, welche den Sturz des Bürgermeisters Rudolf Brun wollte, und es kam zur ,Mordnacht' im Jahr 1350, bei der die Rapperswiler die Züricher überfallen wollten. Solche Angriffe konnte man in Zürich natürlich erahnen und konnte so gleich mit dem Gegenangriff starten, bei dem Rapperswil in ihre Hände fiel. Dadurch aber löste sich die Stadt mehr und mehr von den bisher eingegangenen Bündnissen, denn das kleine Städtchen stand unter österreichischem Schutz. Es wurde im Jahr 1354 dann von den Herren von Habsburg - Laufenburg an Herzog Albrecht verkauft und war deshalb schon früher von Interesse für Habsburg - Österreich. Keiner wollte sich aber mit dem mächtigen Habsburg einlassen, deshalb sah Zürich sich dazu gezwungen, mit den Habsburgern zu verhandeln. Doch Rapperswil und Zürich konnten beide einen Frieden nicht so recht akzeptieren. Diesmal wollte Österreich nicht mehr einfach zusehen und bereiteten deshalb einen militärischen Eingriff vor.26 Zürich stand politisch gesehen ziemlich einsam da, denn die Bodenseestädte hatten sich von ihr abgewandt und so blieb Brun nichts anderes übrig, als die Stadt zu den Eidgenossen zu führen, da sich in den wieder aufgenommenen Verhandlungen mit dem Hause Habsburg - Laufenburg (dem Jüngeren) in Rapperswil keinen Erfolg in der Durchsetzung der eigenen Interessen abzeichnete. So wurde Zürich im Jahr 1351 in den Bund der Waldstädte integriert und der Ewige Bund zwischen den beiden entstand.27

Auf diese Aktion folgte eine lange Reihe von Wechseln. Innere Konflikte zwischen der proösterreichischen Gruppe und den Anhängern der Eidgenossen ließen die Stadt Zürich immer wieder zwischen dem Habsburgischen Haus und dem Eidgenössischen Bündnis hin und her pendeln. Erst 1439 - 1446 brachte der Rückschlag gegen die Innerschweiz im Kampf um das Toggenburgererbe im Alten Zürichkrieg eine Klärung der Verhältnisse. Zürich löste sich von den Habsburgern und orientierte sich nun endgültig an der Innerschweiz.28

4.1 Zürich - Integration oder Ausgrenzung ?

Zürichs Bündnisgeschichte ist, wie wir gesehen haben, sehr ereignisreich. Immer wieder orientierte man sich auf andere Herrschaften und Bündnisse, die einem die gesuchte Sicherheit bieten sollten.

Die Ausgangssituation, nämlich die Tatsache, dass viele der führenden Herrscherhäuser in der Zeit ausstarben - die Zähringer (1218), die Kyburger (1268), die Staufer (1268), die Rapperswiler (1283 bzw. 1309, nach dem Tod von Elisabeth von Rapperswil)29 etc. - bildete eine politisch sehr unsichere Situation. Dazu kamen die Thronvakanzen und Streitereien um die Nachfolge eines Königs. Die verzweifelte Suche nach Sicherheit und Stabilität führte für viele Schweizer Städte unweigerlich zu Habsburg -Österreich, welches praktisch alles von den aussterbenden Geschlechtern geerbt hatte. Diese hatten im Mitteleuropäischen Raum, vor allem der Schweiz und Österreich beachtlichen Einfluss erlangt und konnten so durch ihre Macht ihr Reich so gut wie möglich schützen. So ist es verständlich, wenn Zürich sich immer wieder bis in die Mitte des 15. Jahrhunderts hinein an die Österreicher wandten, um die Handelswege und die Rechte der Stadt zu gewährleisten.

Zürich wollte möglichst eine Isolation verhindern. Dennoch passierte es einige Male, dass die Limmatstadt sich in diese unangenehme Situation brachte. So auch kurz vor dem ersten Bündnis mit dem Eidgenossen 1351. Die Bodenseestädte hatten sich von Zürich als Bündnispartner getrennt, und die Österreicher wollten sich den Überfall auf Rapperswil, welches ja nach dem Aussterben der Rapperswiler unter habsburgisch - laufenburgischem Stadtherrn stand, nicht gefallen lassen. Zürich musste, wenn es nicht ganz isoliert und allein dastehen wollte das Bündnis mit den Waldstädten und Luzern eingehen. Denn allein hätte die Stadt Zürich sowieso keine Chance gegen die angreifenden Österreicher gehabt.

Sieht man die Situation, in der Zürich sich befand, ist es sehr gut nachvollziehbar, wie die Stadt reagiert hat. Auch in der Zeit nach dem Ewigen Bund wechselten die Zürcher ihre Bündnispartner alle paar Jahre, das heißt einmal waren sie mit den Österreichern, dann wieder mit den Eidgenossen verbündet. Der Wechsel war aber oft auch nach einer militärischen Auseinandersetzung, wo sie dann zum Umlenken der Gesinnung sozusagen gezwungen wurden.

Zürichs Streitereien mit allen möglichen Ortschaften sind eigentlich alle darauf zurückzuführen, dass Zürich seine Expansionspolitik ziemlich stur darauf ausgerichtet hatte, das eigene Territorium zu erweitern, die Handelswege zu erleichtern und zu sichern und so für das Wohl in der Stadt zu sorgen, so wie es auch viele andere Städte beziehungsweise die Talschaften in der Zeit versuchten. Dadurch waren natürlich solche Konflikte wie wir es bereits gesehen haben schon vorprogrammiert. Diese Tatsache steht aber im Kontrast zu dem Wunsch nach Sicherheit und Stabilität. Man versuchte so also ein gesundes Gleichgewicht zwischen einem gewissen Grad an Sicherheit und einer Möglichkeit zu finden, das eigene Gebiet ohne größere Streitigkeiten zu vergrößern. Ein solches Mittelmass war aber sehr schwer zu finden, wie es das Beispiel Zürich sehr deutlich zeigt.

Es ist also bei dem Beispiel Zürich sehr schwer von Integration oder Ausgrenzung zu sprechen. Natürlich muss man die Situation für Zürich immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Zeit und deren Verhältnissen betrachten. Im Allgemeinen lässt sich jedoch sagen, dass Zürich nirgends wirklich integriert, aber auch nicht ausgegrenzt wurde.

Zürich war wichtiger Handelsplatz und daher sicher mit anderen Städten in Verbindung - vor allem mit den Bodenseestädten, auf welche Zürich wirtschaftlich wie politisch ausgerichtet war. Man kann jedoch nicht feststellen, ob Zürich eher habsburgisch oder eher eidgenössisch orientiert war. Zürich war politisch gesehen ein zweifelhafter Bündnispartner. Immer wieder wechselte die Stadt in den Jahren seit 1351 von den Habsburgern zu den Eidgenossen, je nachdem, was gerade besser war für die Stadt oder wer gerade an der Macht war. Dies dürfte auch in den anderen Städten eine skeptische Haltung gegenüber Zürich hervorgerufen haben. Dies führte bestimmt, so denke ich, in einem gewissen Grad zu politischen Eingrenzungen, was sich denn in der Isolation äußerte. Der günstigen Lage am See und in der Region aber und die Wichtigkeit der Stadt ist es wohl zu verdanken, dass Zürich trotzdem in so viele Bünde integriert wurde.

5. Der Weg St. Gallens zur Bündnispolitik

Die St. Gallischen Bündnisse waren stets dadurch geprägt, dass die Stadt, anders als in Zürich, durch das Kloster in St. Gallen entstand. Die Verbindung zwischen den Bürgern in der Stadt und dem Abt des Klosters war daher sehr viel stärker und der Ablösungsprozess dauerte länger.

Im Heiligen römischen Reich gehörte St. Gallen zum Herzogtum Schwaben. Das Stift St. Gallen war der Begründer der Stadt und der Abt des Stifts wurde deshalb als ,,Grundherr des städtischen Bodens und als Leibherr seiner unfreien Bewohner"30 angesehen. Der Abt musste sich stets um einen Schirmvogt bemühen, da er ein Geistlicher war und er selber die Stadt nicht in dem Mass schützen konnte, wie es sich für einen Grund- und Leibherrn gehörte. Seit der Übergabe der Reichsvogtei von Graf Rudolf von Pfullendorf an Kaiser Friedrich I. (Barbarossa) im Jahr 1180 durfte sich die Stadt ,grundherrliche Stadt mit Reichsvogtei' nennen, und war somit der Freiheit ein Stück näher gerückt.31

Seit Anfang des 13. Jahrhunderts beschenkten die reichen Bürger32 die Stadt mit verschiedenen Einrichtungen, so zum Beispiel mit dem Heilig - Geist Spital. Durch solche Spenden erhofften sie sich ein gewisses Mitspracherecht an der Abtwahl. Der Abt holte sich auch Rat bei den Bürgern, wenn es um Schuldentilgung ging, und erhöhte nicht einfach von sich aus die Steuern. Er verhinderte damit, dass die Bürger sich bevormundet fühlten und sich über die Politik des Abtes ärgerten.

Dann aber wurde Berchtold von Falkenstein 1244 Abt im Kloster St. Gallen. Er erzwang seine Machtpolitik rücksichtslos. Er erhöhte die Steuern ohne die Bürger zu fragen und setzte auch sonst in jeder Beziehung seinen Willen durch. Durch diese in keiner Weise für die Bewohner akzeptablen Umstände entstanden geheime Wehrbünde. Der Wunsch danach, mitreden zu dürfen, wenn es um rechtliche Entscheidungen in der Stadt ging kam immer öfter hervor. Schließlich aber kam der Tod des Abtes 1272 den Bürgern zuvor. Ihm folgte Abt Ulrich von Güttingen (1272 - 1277). Er hatte ein schweres Los, denn nach Abt Berchtold waren die Bürger gegenüber den Äbten missmutig. Die einzige Möglichkeit die ihm blieb war, ihnen gewisse Zugeständnisse zu machen und so das verlorene Vertrauen wieder aufzubauen. So erscheint im Jahr 1277 das erste mal ein Ammann in den Quellen. Er wurde vom Abt als oberster Amtmann eingesetzt und übte in der Stadt die niedere Gerichtsbarkeit aus. Die niedere Gerichtsbarkeit beinhaltete das Rechtsprechen über Erbe, Eigen, liegende Güter und Forderungen. Er verwaltete die Marktpolizei und erhob Marktgebühren. Nach seinem Tod folgte Wilhelm von Montfort (1281 - 1301), der aber mit einem großen Teil der Abtei und mit Rudolf verfeindet war. So musste er nach Zizers fliehen. Da eine Gruppe von Bürgern aber immer noch zu Wilhelm hielt, waren sie es, die bei der Nachricht vom Tod des Königs Rudolf I. sofort reagieren konnten. Sie warfen den Gegenabt Konrad von Gundelfingen und den Vogt aus der Stadt hinaus. So konnte Wilhelm in die Stadt zurückkehren, und dankte es den Bürgern am 31. Juli 1291 mit der Handveste.

Die Handveste war ein Bürgerrecht und regelte das Erb - und Sachenrecht. Mit der Handveste war es den Bürgern möglich, ihre Güter innerhalb der Stadtmauern zu verkaufen, zu vererben und zu verpfänden an wen und wann sie wollten. Der Abt blieb zwar der Lehnsherr und demnach lief alles über ihn, jedoch konnte er keine Einwände gegen einen Wechsel vorbringen, der ihm nicht passte. Die Bürger mussten dem Abt bei einer Vererbung nichts abgeben, wogegen die Hintersassen33 einen Teil ihres Erbes an den Abt abtreten mussten. Die Handveste hatte zwar kein Siegel, war aber dennoch rechtsgültig.34

Abt Wilhelm wehrte sich in der Folge in einer großen Abwehrfront im Herbst 1291 mit seinen Montforter Brüdern, dem Bischof und der Stadt Konstanz, Zürich und vor allem Adolf von Nassau gegen den Reichsvogt Ulrich von Ramswag, da Ulrich der Stadt und der Abtei St. Gallen sowie vielen anderen Gebieten der damaligen Schweiz großen Schaden zugefügt hatte. Dieser starb aber kurz nach König Rudolf I., und so führten seine Nachfolger dessen Politik weiter. Mit Ulrichs Verbündeten kämpfte Herzog Albrecht. Adolf von Nassau fiel in der Schlacht von Göllheim gegen Albrecht, der die Verpfändung, welche Adolf von Nassau zuvor an den Abt Wilhelm gemacht hatte, nicht anerkannte.35

Die Stadt St. Gallen atmet erleichtert auf, als sie die Nachricht von Herzog Albrecht erfuhren, dass er die Verpfändung nicht anerkenne. Der Abt wollte St. Gallen von der Reichsstadt, zu der sie unter Rudolf geworden war, zu einem Fürstenstaat machen. So schickten die St. Galler Bürger eine eigene Gesandtschaft, um die Äbtische Politik aufhalten zu können. Diese Gesandtschaft war der Grundstein für den städtischen Rat in St. Gallen. Es entstanden Bürgerversammlungen und die Stadt erwarb neue Freiheiten. Der städtische Rat gab den St. Galler Bürgern ein neues Selbstvertrauen, welches sich schließlich 1312 im Bündnis mit Zürich, Schaffhausen und Konstanz zeigte. Der Bund mit den Bodenseestädten war für St. Gallen der Anstoß für die folgende Zeit der Städtebündnisse.36 Man wollte sich damit gemeinsam der Machtpolitik, welche die Herrscherhäuser in der Zeit betrieben erwehren.

5.1 Die Zeit der St. Galler Bündnisse

Das Bündnis von 1312 wurde vorerst auf 4 Jahre geschlossen und sollte vor allem den Landfrieden sichern. Innere Unruhen wollte man durch die Verbündeten schlichten, Unruhen von Außen wollte man gemeinsam entgegentreten und es durfte sich keine Stadt einem Herrn unterwerfen, ohne dass die anderen nicht ihr Einverständnis dazu gegeben hatten. Im Jahr 1315 wurde der Bodenseebund dann verlängert und die Städte Lindau und Überlingen37 traten dem Bund bei. 1327 schloss sich St. Gallen gemeinsam mit Basel, Bern, Zürich und vielen anderen, deutschen Städte dem Südwestdeutschen Städtebund an.

Es folgten weitere Bündnisse, bei denen aber darauf geachtet wurde, dass die guten Beziehungen mit dem Schweizer Mittelland, das heißt den Eidgenossen, mit denen es erste Kontakte gab, Zürich und Bern, aber auch dem schwäbisch - bayrischen Raum aufrecht erhalten werden konnten. 1331 trat die Stadt St. Gallen dem schwäbischen Städtebund, dem 22 andere Städte angehörten, als Teil der Konstanzer Gesellschaft bei. All diese Verbindungen zu den anderen Städten, die Bewilligung des Ohmgeldes 38 im Jahr 1334 durch Ludwig und die Abgabe vom Abt von 2 /3 der Gebühren für das Bleichen der Leinwände auf der Allmende an die Bürger stärkte die St. Galler Gemeinschaft.39 Der Abt genehmigte den Bürgern einen Rat, der ihm aber mit der Zeit aus den Händen glitt und schließlich hauptsächlich gegen das Stift selbst gerichtet war.

Auch St. Gallen kam spätestens 1354 zu einer Zunftverfassung. Jedoch ist nicht genau zu ermitteln, in welchem Jahr genau sie entstand. 1354 ersetzte der Bürgermeister den äbtischen Ammann, der seit 1363 kurzerhand aus dem Rat geworfen wurde, wenn man vom Abt sprach, oder die Mehrheit es so wollte. Der Übergang ging aber friedlich vor sich, und endete nicht in einer Revolution wie in Zürich.40

St. Gallen stand aber unter großem österreichischem Druck, denn immer noch wollten die Habsburger ihr West - und Ostreich vereint sehen. Nachdem Herzog Leopold IV. mit einem Teil des Bodensee Städtebundes und Donat von Toggenburg Bündnisse geschlossen hatte, warb er um die Gunst der St. Galler Abtei. Die Zeit, in der er damit begann, war für ihn sehr günstig, denn nach dem Schwäbischen Städtebund suchte die Abtei Schutz vor den aufsässigen Untertanen. 1392 kam es dann zum Bund zwischen dem Abt und dem Herzog auf Lebenszeit. Der Abt verpflichtete sich damit, den Österreichern sein Land mitsamt den Städten und Burgen zu öffnen, und wenn nötig Truppen zu stellen.41 Darauf setzten sich aber die Appenzeller gegen die Herrschaft des Abtes in ihrem Land in den Appenzellerkriegen vorerst erfolgreich zur Wehr. Die Stadt St. Gallen hatte sich durch den Volksbund 1401 den Appenzellern gegen die Österreichische Gefahr angeschlossen. 1405 entstand nach einer langen Reihe von kämpferischen Erfolgen der Appenzeller der Bund ob dem See, welcher räumlich gesehen an das Eidgenössische Bündnis anschloss. Dieser Bund ging jedoch schnell in die Brüche, als die Appenzeller das erste mal im Kampf gegen die Gegenkräfte des Adels verloren und somit an Glaubwürdigkeit einbüssten. Nachdem die Appenzeller im Jahr 1411 unter gewissen Bedingungen in das Eidgenössische Bündnis aufgenommen wurden, trat St. Gallen am 7. Dezember 1412 ebenfalls bei, wobei die Eidgenossen eine ähnliche Stellung wie die Schirmherren einnahmen.

6. Zürich und St. Gallen im Vergleich

Versucht man nun die beiden Reichsstädte Zürich und St. Gallen zu vergleichen, so sind viele Unterschiede erkennbar, und die Gemeinsamkeiten treten eher in den Hintergrund. Trotzdem möchte ich mich kurz damit befassen.

Was natürlich gemeinsam ist, und ich schon mehrfach erwähnt habe, das ist die ständige Suche nach Sicherheit und Stabilität. Es war für alle Städte des Spätmittelalters eine grundlegende Erfahrung, die alles Tun und Lassen der städtischen Außenpolitik beeinflusste. Ohne diese Sicherheit war der Handel nicht mehr gewährleistet, denn waren die Handelswege nicht mehr sicher, konnten die Händler mit ihrer Ware nicht unbeschadet in die Stadt und an den Markt gelangen. War der Weg also für den Händler mit großem Verlust verbunden, so unterließ er es lieber und wandte sich einer sichereren Stadt zu, welche ihm den nötigen Profit bringen konnte. War der Markt so nicht mehr führbar, musste die Stadt an Einnahmen zurückstehen und Armut machte sich breit. So musste man in einer Stadt stets darauf achten, dass genug Händler und Handwerker in die Stadt gelangen konnten. So musste vor allem St. Gallen dafür sorgen, dass die Stadt für Zuzüger attraktiv blieb, denn der steile Aufstieg vom Bodensee in die Stadt hinauf musste sich lohnen, sonst blieben die Händler und Handwerker der Stadt fern.

Die Handveste von 1291 bewirkte in der Stadt einen Aufschwung, denn Zuzüger wurden eingebürgert (sehr gern sogar, wenn sie Handwerker oder Kaufleute waren) und diese konnten durch die Handveste einen Nutzen für sich ziehen. Die Leinwandweberei zum Beispiel erfuhr einen starken Aufschwung, was auch einen Aufschwung an Reichtum für St. Gallen mit sich brachte.42

Die Handveste zeigte aber auch, wie sehr in St. Gallen der Abt im städtischen Leben integriert und verankert war. Denn obwohl man nun in der Stadt Güter kaufen und verkaufen konnte, wie man wollte, trotzdem wurden die Güter zuerst an den Abt gegeben, welcher sie dann dem neuen Besitzer überreichen musste. Er hatte zwar kein Mitspracherecht, was die Übernahme anging, dennoch wurde er nicht ausgeschlossen. Er war als Lehnsherr ein unumstrittener Bestandteil. Bei Zürich hingegen war die Äbtissin schon bald weg vom Fenster und ihre Aufgaben als Stadtherrin nur noch formell.

Dieser Prozess, einen Rat zu entwickeln und ihn sogar selber zu wählen, dauerte in St. Gallen seine Zeit. Erst 1277 erhielten die Ostschweizer erstmals einen Ammann, der aber vom Abt gewählt wurde und mit ihm kam die niedere Gerichtsbarkeit. Mit der Handveste bekamen die Bürger ein weiteres Zugeständnis. Um diese Zeit herum, d.h. um die Jahrhundertwende des 13. zum 14. Jahrhunderts ist auch der Beginn des städtischen Rates anzusetzen. Mit ihm folgten erste Bürgerversammlungen und der offizielle städtische Rat (wohl um 1330 herum). Die Zunftverfassung und der Bürgermeister folgten im Jahr 1354 und die Genehmigungs- und Ernennungsrechte musste der Abt auch erst in dieser Zeit (Mitte 14. Jahrhundert) abgeben.

Zürich ließ sich da nicht so viel Zeit. Schon früh bildete Zürich eine gewisse Unabhängigkeit von ihrer Stadtherrin und wählte den Rat schon Mitte des 13. Jahrhunderts ohne Zusammenwirken mit der Fraumünsteräbtissin. 1255 entstanden erst Bünde (so der rheinische Städtebund). 1336 gab es einen drastischen Umsturz in der Zunftrevolution. Die Zunftverfassung entstand und Brun wurde Bürgermeister. Die Innen - sowie Außenpolitik Zürichs war viel offensiver, direkter und schneller als diejenige von St. Gallen. Dauernd war Zürich in Kämpfe und Konflikte verwickelt, trotz den vielen Bündnissen. Sie schlossen zudem öfter Bündnisse. Dies lässt sich an der Zeit zwischen dem Ewigen Bund 1351 und dem endgültigen Entscheid für die Eidgenossen um Jahr 1444 sehr gut erkennen, betrachtet man die Verwicklungen und Wechsel. Zürich wollte seinen Interessen ohne Rücksicht auf eventuell entstehende Konflikte durchsetzen. Diese Durchsetzungspolitik führte Zürich auch vermehrt zu den erwähnten Auseinandersetzungen. So entstand die Zunftrevolution und die folgenden, immer wieder aufflammenden Konflikte mit Rapperswil. Durch diese offensive Taktik bewirkte Zürich auch die Isolierung, zu der es mehrmals kam, unter anderem vor 1351.

St. Gallen hingegen vertrat eine eher ruhigereAußenpolitik und auch die Inneren Angelegenheiten wurden friedlicher gelöst. Die Stadt St. Gallen trennte sich nach und nach vom Abt. Obwohl aber die Äbte im Grossen und Ganzen eine eher Österreich freundliche Politik betrieben, und die Stadt eine für ihre Zeit entsprechend eher neuzeitlichere Einstellung hatte, war die Stadt sich wohl im klaren darüber, dass Österreich als Großmacht in der Schweiz nicht wegzudenken war. Man widersetzte sich deshalb nicht und versuchte, nicht mit Österreich auf Kriegsfuss zu gelangen. Erst bevor die Appenzellerkriege begannen, stellte man sich auf die gegnerische Seite, welche die schlechtere war, wie sich herausstellte. Vielleicht bewirkte auch vor dem Jahr 1400 ein immer noch in geringem Masse vorhandener Einfluss des Abtes, dass die Stadt sich dem Hause Habsburg bis in diese Zeit hinein mehr oder weniger fügte.

Die Innenpolitik Zürichs, das heißt der entstandene Rat, die neue Lage nach der Brunschen Zunftrevolution und die vorhandenen Einrichtungen dürften auf Besucher von anderen Städten, welche anfangs eher konservativ eingestellt waren, so auch St. Gallen, einen Eindruck gemacht haben. Man erkannte, was solche Erneuerungen alles bewirken konnten. So auch Söldner aus der Innerschweiz (Urner und Schwyzer), welche von Abt Berchtold angeheuert wurden, und von den Bauernaufständen in den Talschaften erzählten. Solche Einflüsse haben wohl das Gedankengut der Stadt St. Gallen beeinflusst und geprägt.

Abschließend lässt sich sagen, dass Zürich und St. Gallen zwar zwei sehr unterschiedliche Städte waren, dennoch führte für beide schlussendlich der Weg zu der Eidgenossenschaft, welche ihnen am besten den Schutz bieten konnte, den man im 13., 14. und 15. Jahrhundert so verzweifelt gesucht hatte.

7. Schlusswort

Die Schweiz im Mittelalter war geprägt von Ängsten. Die Menschen versuchten, sich so gut wie möglich vor Unsicherheiten zu schützen. So hatten sie die Wahl zwischen der Schirmherrschaft und den Bündnissen. Die Bünde konnten den Schutz bis zu einem gewissen Grad gewährleisten, und die Schirmherrschaft schränkte stets die Freiheiten einer Stadt ein. So entschloss man sich im 14. und 15. Jahrhundert lieber für ein Bündnis, welche dann auch eine wahre Blütezeit erfuhr. Damit im Zusammenhang steht auch die Tatsache, dass sich im 13. und 14. Jahrhundert eine geistigeUmorientierung entwickelte. Die Städte entwickelten vermehrt Selbstvertrauen, errichteten eine städtische Regierung und lösten sich mehr oder weniger schnell von ihrem geistlichen Stadtherrn. So ging es in Zürich schneller und in St. Gallen etwas langsamer. Durch die Zugehörigkeit zu vielen verschiedenen Bündnissen sammelten die Schweizer Städte des Spätmittelalters auch Erfahrungen und man wusste, worauf man achten musste und wollte. Andererseits wollten die Städte auch um jeden Preis eine politische Isolation verhindern. So kamen Zürich und St. Gallen im 14. und 15. Jahrhundert mehr oder weniger notgedrungen zum Bund der Eidgenossen. Beide Städte waren zu der Zeit, als sie dem eidgenössischen Bündnis beitraten in einer politischen Notsituation, aus der ihnen der Bund zur Innerschweiz hinaus helfen konnte.

Die Fragen, welche ich mir in bezug auf das Thema gestellt hatte wurden mir weitgehend im Verlauf der Arbeit beantwortet. Ich musste mich jedoch stark einschränken, da die Geschichte der Schweizer Städte und ihrer Bündnisse weitaus komplexer und weitläufiger sind, als mir der Umfang meiner Arbeit erlaubt. Weiterführend könnte man sich auf eine Stadt begrenzen und diese genauer betrachten. Dabei bliebe die Frage, welche Auslöser tatsächlich die Orientierung in die Innerschweiz zu den Eidgenossen bewirkte und wie sich die Situation mit dem Eintritt in das Urschweizer Bündnis veränderte, beziehungsweise, ob sie sich überhaupt veränderte für die beigetretenen Städte.

Die Schweizer Geschichte des Mittelalters wird oft vernachlässigt, obwohl es ja eigentlich am naheliegendsten ist, sich damit zu beschäftigen. Vielleicht hat der Mythos der Entstehung der Eidgenossenschaft mit Wilhelm Tell und die Verromantisierung im 19. Jahrhundert vielen Menschen im 20. Jahrhundert den Appetit an der Schweizer Geschichte genommen, was ich sehr schade finde. Es war für mich jedenfalls sehr spannend, dieses Thema zu bearbeiten. Die Geschichte des Schweizerischen Raumes im Mittelalter scheint mir nun endlich kein Fremdwort mehr zu sein.

Anhang

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Karte: www.ub.uni-konstanz.de/boddb1.html

Begriffsbestimmungen

Schiedsgericht: Ein durch einen Vertrag vereinbartes Gericht, das Streitigkeiten anstelle der, auf öffentliche Jurisdiktionsgewalt beruhenden Gerichte entscheiden soll.

Reichsunmittelbarkeit: Personen und Güter können nach spätmittelalterlichen Anschauungen dem König und dem Reich unmittelbar und ohne Anerkennung eines Territorialherren unterworfen sein. Seit dem 12. Jahrhundert bekannt, aber erst seit dem 13. Jahrhundert gibt es dazu eine allgemeine Rechtsvorstellung.

Hintersassen: Im Mittelalter diejenigen, die von einem Grundherrn abhängig waren, d.h. halbfreie oder freie Bauern oder auch Ansiedler ohne oder mit nur geringem Recht an der Allmende.

Definitionen aus:

Lexikon des Mittelalters, München und Zürich 1986.

Bibliographie

- dtv - Atlas der Weltgeschichte, Band 1 (Von den Anfängen bis zur Französischen Revolution, Hrg. Hermann Kinder und Werner Hilgemann, München 1998.
- Füchtner, Jörg: Die Bündnisse der Bodenseestädte bis zum Jahre 1390. Ein Beitrag zur Geschichte des Einungswesens, der Landfriedenswahrung und der Rechtsstellung der Reichsstädte, Göttingen 1970.
- Die Eidgenossen und ihre Nachbarn im Deutschen Reich des Mittelalters, Hrg. Peter Rück, Marburg / Lahn 1991.
- Geschichte der Schweiz und der Schweizer, Red. Mesmer, Beatrix, Basel 1986.
- Meyer, Werner: Die Schweiz in der Geschichte, Band 1(700 - 1700), Zürich 1995.
- Niederstädter, Alois: Das Jahrhundert der Mitte. An der Wende vom Mittelalter zur Neuzeit 1400 - 1522. Wien 1996.
- Niederstädter, Alois: Der Alte Zürichkrieg. Studien zum österreichisch-eidgenössischen Konflikt sowie zu Politik König Friedrichs III. in den Jahren 1440 bis 1446. Wien, Köln, Weimar 1995.
- Thürer, Georg: St. Galler Geschichte. Kultur, Staatsleben und Wirtschaft in Kanton und Stadt St. Gallen, Band 1(Von der Urzeit bis Barock), St. Gallen 1973.

- Internet Informationen von den Seiten:

www.snl.ch/dhs/externe/protect/deutsch.html ,

www.zueri.ch/kantonsrat/kant/histor.html , www.burgen.ch ,

www.habsburg.arte24.ch ,

www.thueringen.de/LZT/roemerei.htm .

[...]


1 Siehe Karte im Anhang.

2 www.habsburg.arte24.ch

3 Genaue Angaben siehe Bibliographie

4 Dtv -Atlas, S. 193.

5 Stadtherr: Richter und Verwalter der Stadt als Ersatz für den fehlenden König.

6 Füchtner, Bündnisse, S. 15 f.

7 Füchtner, Bündnisse, S. 19.

8 Füchtner, Bündnisse, S. 21 ff.

9 Mesmer, Schweiz, S. 163.

10 Niederstädter, Zürichkrieg, S. 41.

11 Füchtner, Bündnisse, S. 42 - 44.

12 www.snl.ch/dhs/externe/protext/deutsch.html (Städtebünde)

13 Mesmer, Schweiz, S. 163.

14 Meyer, Schweiz, S. 67.

15 www.thueringen.de/LZT/roemerei.htm

16 Meyer, Schweiz, S. 65.

17 Definition siehe Anhang.

18 www.snl.ch/dhs/externe/protext/deutsch.html (Städtebünde)

19 www.snl.ch/dhs/externe/protext/deutsch.html ¨

20 Definition Reichsunmittelbarkeit siehe Anhang.

21 www.zueri.ch/kantonsrat/kant/histor.html

22 Mesmer, Schweiz, S. 166 f.

23 www.zueri.ch/kantonsrat/kant/histor.html

24 Niederstädter, Zürichkrieg, S. 45.

25 Bild von: www.burgen.ch

26 Niederstädter, Zürichkrieg, S. 45 - 47.

27 Mesmer, Schweiz, S. 166 f.

28 www.zueri.ch/kantonsrat/kant/histor.html

29 www.burgen.ch

30 Thürer, St. Gallen, S. 215.

31 Thürer, St. Gallen, S. 215 f.

32 Es gab zwei Arten von Bürgern. Die sogenannten altfreien Semperleute, welche man zu den Gerichtstagen senden konnte, und diejenigen, welche später eingebürgert und oft zugezogen waren (Handwerker, Kaufleute).

33 Definition Hintersassen siehe Anhang.

34 Thürer, St. Gallen, S. 221.

35 Thürer, St. Gallen, S. 223.

36 Thürer, St. Gallen, S. 224.

37 Siehe auch Karte im Anhang

38 Ohmgeld: Abgabe auf den Wein

39 Thürer, St. Gallen, S. 225.

40 Thürer, St. Gallen S. 226 f.

41 Thürer, St. Gallen, S. 248 f.

42 Thürer, St. Gallen, S. 221.

25 von 25 Seiten

Details

Titel
Der Bund der Städte um den Bodensee am Beispiel St. Gallen und Zürich
Autor
Jahr
2001
Seiten
25
Katalognummer
V102115
Dateigröße
635 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Bund, Städte, Bodensee, Beispiel, Gallen, Zürich
Arbeit zitieren
Natalie Aguiar (Autor), 2001, Der Bund der Städte um den Bodensee am Beispiel St. Gallen und Zürich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102115

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