"Soziale Netzwerke sind Körperextensionen." Inwiefern können Marshall McLuhans Thesen und Metaphern auf Facebook angewandt werden?


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Facebook als Körperausweitung

3. Facebook als globales Dorf

4. Fazit

Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Er war und ist bis heute eine der prägendsten Figuren der Medientheorie: Herbert Marshall McLuhan. Bereits 1951 begann er,1 als erster Wissenschaftler überhaupt, sich mit den Medien auseinanderzusetzen. Erst durch ihn wurde die Medienwissenschaft zu einer institutionalisierten geisteswissenschaftlichen Disziplin.2 Neben seinem eher unkonventionellen Schreibstil, war die Herangehensweise, sich mit dem Medium selbst und nicht mit dessen Inhalt zu befassen, neu: „Sein Anliegen ist es, Menschheitsgeschichte als Mediengeschichte zu schreiben. Er führt die Entwicklung sowohl des Einzelmenschen, als auch der menschlichen Gesellschaftsformen auf den Umgang mit Medien zurück.“3

Marshall McLuhan unterschied nicht zuletzt deshalb zwischen den verschiedenen Epochen des oralen Zeitalters mit der Sprache, der Manuskriptkultur mit der Schrift, der Gutenberg-Galaxis mit dem Buchdruck und dem Zeitalter der Elektrizität mit dem Fernsehen als Leitmedium. Durch die jeweilig dominierenden Medien kristallisieren sich unterschiedliche Formen der sozialen Einheit heraus. Für das Thema dieser Arbeit von besonderer Relevanz ist das Zeitalter der Elektrizität mit dem globalen Dorf bzw. der Weltgesellschaft als soziale Einheit.4

Zu Lebzeiten McLuhans war der Fernseher als Leitmedium recht neu, weshalb häufig vom Übergang der Gutenberg-Galaxis hin zum Zeitalter der Elektrizität gesprochen wird. Er beschäftigte sich infolgedessen hauptsächlich mit dem Fernsehen, da sich dieses schnell zum dominantesten aller Massenmedien entwickelte.5 Aber wie sinnvoll und aufschlussreich ist es, sich mit ihm, seinen Thesen und Metaphern auseinanderzusetzen, wenn es um aktuellere Medienphänomene wie das Internet, das World Wide Web oder um einzelne Plattformen wie soziale Netzwerke geht? Sind McLuhans Thesen auch auf Medien anwendbar, die zu seinen Lebzeiten noch nicht existierten?

Aufgrund seines hohen medientheoretischen Einflusses und unterschiedlicher Thesen bezüglich der künftigen Veränderung der Medienlandschaft wird McLuhan wird nicht selten als „Orakel des elektronischen Zeitalters“6, teilweise auch des Internets, bezeichnet. Das Internet in seiner heutigen Gestalt hat der Medienwissenschaftler nicht mehr erfahren dürfen, da dieses damals erst in der Frühphase der Angebotsentwicklung steckte. Die ersten Grundsteine waren gelegt: Texte und Bilder waren als Kacheln angeordnet und Hyperlinks schon entwickelt. Dennoch hat das nicht mehr allzu viel mit dem zu tun, was heute als Internet bezeichnet wird.7

Eine konstante Schwierigkeit, die sich beim Themenfeld „Internet“ herauskristallisiert ist die rasche Weiterentwicklung, welche Forschung sehr schnell veralten lässt.8 Dennoch ist es von enormer Bedeutung sich mit diesem Medium genauer auseinanderzusetzen. Aber weshalb genau? Das Internet ist ein Netz, das mittlerweile die gesamte Welt umspannt9 und weder orts- noch zeitabhängiges Abrufen unendlich vieler Daten ermöglicht.10 Durch das Internet hat sich nicht nur das Verbreiten von Daten sondern auch die Vernetzung der Menschheit stark verändert. Außerdem bietet es eine sehr große Funktionsvielfalt11 und vereint unterschiedliche Medien wie z. B. das Fernsehen durch Plattformen wie Netflix oder Bücher in Form von e-Books, die weltweit über das Internet heruntergeladen werden können. Darüber hinaus fungiert es „v.a. als Archiv umfassender Wissensbestände, als Videoplattform, Kommunikations- und Diskussionsraum“12.

Um die leitende Forschungsfrage dieser Arbeit „Inwiefern können McLuhans Thesen und Metaphern auf das soziale Netzwerk Facebook angewandt werden?“ gezielter untersuchen zu können, ist es aufgrund des vorgegebenen Rahmens unabdingbar das Thema weiter einzugrenzen. Deshalb befasst sich diese Ausarbeitung ausschließlich mit Marshall McLuhans Metapher des globalen Dorfs und der These Medien seien Körperextensionen. Diese werden zunächst genauer erläutert, bevor sie im direkten Bezug auf das soziale Netzwerk untersucht werden. Hierbei ist anzumerken, dass keine These oder Metapher, die McLuhan aufstellte, gänzlich isoliert betrachtet werden kann, da sie eng miteinander verbunden sind und teilweise aufeinander aufbauen. Da der Umfang dieser Ausarbeitung allerdings beschränkt ist, kann im Folgenden nicht allumfassend auf jedes Detail eingegangen werden. Deshalb wurde sich auf für die Fragestellung relevante Aspekte beschränkt.

Auch das Internet ginge mit seiner Komplexität und Funktionsvielfalt über die Grenzen einer solchen Hausarbeit hinaus, weshalb sich die Fragestellung hauptsächlich auf das soziale Netzwerk Facebook bezieht. Dennoch wird der Übersicht und Vollständigkeit halber an einigen Punkten zusätzlich auf das Internet als Gesamtes eingegangen. Neben medienwissenschaftlichen Quellen wird die Plattform aus der Nutzersicht hinzugezogen.

2. Facebook als Körperausweitung

Bücher, Fernsehen und das Radio sind die klassischen Dinge, die als „Medien“ verstanden werden. McLuhan jedoch fasste den Medienbegriff deutlich weiter. Laut dem kanadischen Medientheoretiker seien auch Dinge wie das Rad oder der Hammer ein Medium. Diese Begriffsdefinition geht mit seiner These, dass Medien Körperausweitungen seien, die er 1964 erstmals veröffentlichte, einher. McLuhan ging davon aus, dass Medien technisch und menschengemacht sind um den menschlichen Körper auszuweiten.13 Sie „dehnen den menschlichen Handlungs-, Wahrnehmungs- und Erkenntnisspielraum aus“14 und kompensieren Mängel des menschlichen Körpers.15 Daraus lässt sich ableiten, dass die Technik kein Gegenüber des Menschen, sondern wichtiger Teil dessen ist.16

Sven Grammp, der sich in seiner Ausarbeitung Marshall McLuhan: Eine Einführung sehr intensiv mit der Person McLuhan, seinen Thesen, Theorien und Metaphern auseinandergesetzt und diese ins kritische Licht gerückt hat, merkt allerdings an, dass die Idee der medialen Körperextension damals nicht komplett neu von McLuhan erfasst wurde. Bereits im Jahr 1870 legte ein amerikanischer Philosoph dieselbe These dar.17 Außerdem prägte Ernst Kapp, Mitbegründer der modernen Medientheorie, bereits vor McLuhan dieselbe Auffassung als Prinzip der Organprojection.18

Die These beruht auf den drei Prinzipien des Organersatzes, der Organverstärkung, und der Organentlastung,19 denn McLuhan sah die Technik bzw. die Medien nicht nur als Extension des Menschen, sondern gleichermaßen als sinnbildliche Amputation. Der Hammer z. B. fungiere gleichzeitig als Ersatz, Verstärkung und Entlastung der Hand.20

Diese Annahme erscheint zunächst sehr widersprüchlich, weshalb es einer Erklärung dieser Theorie bedarf: Grammp hat diesbezüglich ein verdeutlichendes Beispiel-Szenario dargelegt. Dieses beschreibt, wie ein Postbote auszutragende Pakete zu Fuß von einem zum anderen Ort bringt. Aufgrund der immer weiter ansteigenden Anzahl an Paketen ist es ihm schlussendlich nicht mehr möglich, diese rechtzeitig ohne Hilfsmittel zu verteilen. Deshalb „weiten sich die Füße des Postboten, aus McLuhans Perspektive, letztendlich zu einem DHL-Lastwagen aus“21. Das führe dazu, dass die Pakete zwar schneller ausgeliefert würden, jedoch seien die Beine des Boten sinnbildlich amputiert, da der Lastwagen als Extension der Beine fungiert, die für den Aufgabenbereich nicht länger benötigt würden.22 Ein weiteres Beispiel, um McLuhans These Medien seien Körperausweitungen, zu untermalen sind die Lupe und das Teleskop als Extensionen des Auges bzw. Sehsinns.

McLuhan ging sogar noch einen Schritt weiter, in dem er davon ausging, dass durch besonders starke Reizungen eines einzelnen Sinnes ein anderer gänzlich betäubt würde:

Der Patient setzt Kopfhörer auf und stellt ein Geräusch von so großer Lautstärke ein, daß er vom Bohren keinen Schmerz mehr spürt. Die Auswahl eines einzigen Sinnes zur starken Stimulierung oder eines einzigen erweiterten, isolierten oder ,amputierten‘ Sinnes in der Technik ist zum Teil der Grund für die betäubende Wirkung, die die Technik als solche auf jene ausübt, die sie geschaffen haben und sie verwenden. Denn das Zentralnervensystem antwortet geschlossen mit allgemeiner Betäubung auf eine Herausforderung spezialisierter Erregung.23

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass McLuhan die jeweilige Körperausweitung „als einen Akt der narzisstischen Betäubung [betrachtete], der zugleich eine Absperrung gegen andere Sinne, einen ,closure‘ bewirkt“24. Die menschliche Wahrnehmung wird wesentlich beeinflusst. Daraus resultiert nicht nur verändertes Handeln der einzelnen Personen, sondern auch auf kultureller bzw. gesellschaftlicher Stufe. So betreffen McLuhans Medientheorien viel mehr als ,nur‘ die medientheoretische Dimension:25 „Kultur und Gesellschaft sind somit zu verstehen als Folgeerscheinungen von Medienentwicklungen und deren Nutzung.“26

Ist nun das Ziel das Anwenden seiner Thesen auf Medien oder Teile derer, ist sich immer wieder vor Augen zu führen, welche Perspektive McLuhan auf die Medien hatte. Besonders bei der These, Medien seien Körperausweitungen, sticht heraus, dass diese stets anthropologisch ist, weshalb die Untersuchungsfrage in diesem Zusammenhang stets lauten sollte inwiefern das jeweilige Medium den menschlichen Körper erweitert und gleichzeitig „amputiert“.

Die elektrische Telegrafie wurde aufgrund seiner Struktur als Vernetzungsmedium zur damaligen Zeit unter Beachtung von McLuhan als Ausweitung des Zentralnervensystems verstanden.27 Das Internet ist ebenfalls ein globales Medium der Vernetzung, weshalb ein ähnlicher Untersuchungsansatz bereits auf den ersten Blick nahe liegt.

Das Internet auf McLuhans Modell medialer Erweiterung menschlicher Körperteile zu beziehen hat bereits der berühmte Medienphilosoph Villém Flusser getan, der behauptet, dass das Internet als „elektronisches Gedächtnis“ menschliche Hirnfunktionen nachahme.28 Mit dieser Auffassung steht er in der Medienwelt längst nicht alleine da. Auch Netztheoretikerin Donna Haraway spricht von einer „medientechnischen Organausweitung“29. Sie führt an, dass das Internet die Dichotomie von Mensch und Maschine durchbreche, wodurch Medientechnik und der Nutzerkörper verschmelzen würden.30 Viele verschiedene Ansätze aus unterschiedlichsten Bereichen wie der Biologie hätten laut Sabine Fabo, Professorin der Fachhochschule Aachen, mittlerweile das „vordergründige [...] Ziel, das Internet als Realisation eines globalen Hirns zu etablieren“31. Immer wieder ist von einer weltumspannenden Intelligenz die Rede, ermöglicht durch eine sehr eng vernetzte Menschheit.32 Roy Ascott, der sich im Zuge seiner künstlerischen Tätigkeit mit ähnlichen Themen wie der Medienwissenschaftler beschäftigte, nutzt für das Internet ebenfalls die Metapher des Globalen Gehirns, erweitert diesen Gedanken allerdings um die Aspekte der globalen Raumerweiterung, Beschleunigung, und Aktualisierung von Informationen. Das Internet stelle heutzutage ein intelligentes Netz dar, das mittlerweile den gesamten Erdball umspanne.33

Laut McLuhan bewirke ein Medium sowohl eine Extension als auch eine Amputation. In Bezug auf elektrische Medien widerspricht Leeker, die sich u. a. im Rahmen des Sammelbandes McLuhan neu Lesen intensiv mit dem kanadischen Medientheoretiker beschäftigte, McLuhan. Ihrer Meinung nach führt die Erweiterung des gesamten Nervensystems nicht zu einer totalen Amputation sondern zu einer „Bewusstseinserweiterung“34, die die „psychische Grundlage des global village ist“35.

[...]


1 Vgl. Martina Leeker, Kerstin Schmidt: Einleitung. McLuhan neu lesen. Zur Aktualität des kanadischen Medientheoretikers, in: Derrick de Kerckhove, Martina Leeker, Kerstin Schmidt (Hg.), McLuhan neu lesen. Kritische Analysen zu Medien und Kultur im 21. Jahrhundert, 1. Auflage, Bielefeld: transcript 2008, 19-50, hier 21.

2 Vgl. Leeker, Schmidt: Einleitung, 22.

3 Matthias Agethen: Gutenberg Galaxis oder ,posthistorische Menschen‘ im ,elektrischen Zeitalter‘? Über die Thesen Herbert Marshall McLuhans, in: Texturen, o.J., https://texturen-online.jimdofree.com/campus/campustexte/ mcluhan/, gesehen am 11.9.2020.

4 Vgl. Sven Grampp: MarshallMcLuhan: Eine Einführung, München, Konstanz: UVK 2011, 104.

5 Vgl. Derrick de Kerckhove: Vorwort. Alors, McLuhan? Toujours mort?, in: de Kerckhove u. a. (Hg.): McLuhan neu lesen, 10.

6 De Kerckhove: Vorwort, 10.

7 Vgl. Joan Kristin Bleicher: Internet, Konstanz: UVK 2010, 21.

8 Vgl. ebd., 7.

9 Vgl. ebd., 11.

10 Vgl. ebd., 15.

11 Vgl. ebd., 7.

12 Ebd., 7.

13 Vgl. Grampp: MarshallMcLuhan: Eine Einführung, 74.

14 Ebd, 74.

15 Vgl. Sonja Yeh: Anything goes?. Postmoderne Medientheorien im Vergleich, Bielefeld: transcript 2013, 215.

16 Vgl. Grammp: Marshall McLuhan: Eine Einführung, 75.

17 Vgl. Grammp: Marshall McLuhan: Eine Einführung, 76.

18 Vgl. ebd., 79.

19 Vgl. Annette Bitsch: Transfer zwischen McLuhan-Galaxis und Anderem Schauplatz?. Ein Versuch zu einer Verbindung der Theorien von Marshall McLuhan und Jacques Lacan, in: de Kerckhove u. a. (Hg.): McLuhan neu lesen, 235.

20 Vgl. ebd., 236.

21 Grammp: Marshall McLuhan: Eine Einführung, 83.

22 Vgl. ebd., 83.

23 Marshall McLuhan: Die magischen Kanäle: Understanding Media, Dresden: Basel Verlag 1995, 77-78.

24 Bitsch: Transfer zwischen McLuhan-Galaxis und Anderem Schauplatz?, 237.

25 Vgl. Matthias Agethen: Gutenberg Galaxis oder ,posthistorische Menschen‘ im ,elektrischen Zeitalter‘? Über die Thesen Herbert Marshall McLuhans, in: Texturen, o.J., https://texturen-online.jimdofree.com/campus/campustexte/ mcluhan/, gesehen am 11.9.2020.

26 Ebd.

27 Vgl. Grammp: MarshallMcLuhan: Eine Einführung, 85.

28 Vgl. Bleicher: Internet, 9.

29 Ebd., 10.

30 Vgl. ebd., 10.

31 Ebd., 45.

32 Vgl. ebd., 10.

33 Vgl. ebd., 45.

34 Leeker u. a.: Einleitung, 349.

35 Ebd., 349.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
"Soziale Netzwerke sind Körperextensionen." Inwiefern können Marshall McLuhans Thesen und Metaphern auf Facebook angewandt werden?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
1,0
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V1021325
ISBN (eBook)
9783346415400
ISBN (Buch)
9783346415417
Sprache
Deutsch
Schlagworte
soziale, netzwerke, körperextensionen, inwiefern, marshall, mcluhans, thesen, metaphern, facebook
Arbeit zitieren
Anonym, 2020, "Soziale Netzwerke sind Körperextensionen." Inwiefern können Marshall McLuhans Thesen und Metaphern auf Facebook angewandt werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021325

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