Die verordnete Distanz. Berührung und Nähe in Zeiten von Social Distancing und Home-Office durch die COVID-19-Pandemie

Eine phänomenologische Betrachtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2020

21 Seiten, Note: 1.0


Leseprobe

Abstract

Kapitel 1. Begriffsklärung
Begriffsklärung »Berührung« und »Nähe«

Kapitel 2. »Berührung«
»Nähe«, Körperkommunikation und innere Wahrnehmung
»Berührung« als körperliche »Nähe«
Die Haut als Medium
»Berührung« als Medium für Körperkommunikaton
Das Dilemma der menschlichen Natur
»Berührung« im Alltag
Professionelle »Berührung«, bezahlte »Nähe«

Kapitel 3. Räumliche Nähe
Soziale Distanz, Denunziantum und Kontrollverlust
Home Office und Social Distancing
Verlust der eigenen Weltbeziehung
Denunziantentum und Sittenkontrolle
Zunahme häuslicher Gewalt

Fazit

Quellenverzeichnis

Abstract

„Die Entfernungen nehmen ab, die Menschen kommen sich näher.“1

— Hugo von Hofmannsthal, o.A.

Was bedeutet »Nähe« und wo verläuft die Schnittstelle zwischen körperlicher und emotionaler? Welchen Bezug hat der heutige, spätmoderne Mensch zu ihr und wie wirkt sich der Entzug von ihr in Zeiten von Social Distancing, Home Office und der COVID-19-Pandemie2 auf unser europäisches Sozialverhalten aus? Können wir Abhilfe schaffen durch »bezahlte Nähe« oder die Anschaffung von einem Haustier? Brauchen wir »Berührungen« im Zeitalter der Digitalisierung überhaupt noch oder ist unser Leben in der Welt der glatten Oberflächen ohnehin komplett »entkörperlicht«?

In der folgenden Hausarbeit werde ich philosophische Ansätze von Aristoteles und Jacques Derrida zeitgenössischer Berichtertstattung über die weltweit greifende COVID-19-Pandemie gegenüberstellen. Dabei werde ich über kulturelle und gesellschaftliche Folgen und Zustän­de reflektieren, in welchen die Phänomenologie der »Berührung« im Zentrum steht. Hierfür nehme ich Bezug zu sozial-wissenschaftlichen Werken wie Die berührungslose Gesellschaft. von Elisabeth von Thadden3, Resonanz. Eine Soziologie der Weltbeziehungen. von Hartmut Rosa4 5 und ergänze sie mit der medizinischen Expertise von Haptik-Forscher Dr. Martin Grunwald5 und Neurowissenschaftlerin Dr. Rebecca Böhme6.

Kapitel 1. Begriffsklärung

Begriffsklärung »Berührung« und »Nähe«

„Berührungen verhelfen zu einer Lebhaftigkeit, Emotionalität, die Sprache allein nicht vermitteln kann. Selbst kleinste Berührungen können starke Gefühle auslösen.“6

— Rebecca Böhme, 2019.

»Nähe«, was ist das, was besagt dieser Begriff? Einerseits wird unter ihr »eine geringe räumli­che oder zeitliche Entfernung, ausgehend von einem bestimmten (Zeit)punkt, verstanden«7 ; gleichzeitig bestimmt sie aber auch eine enge Verbundenheit, »Nähe« als reflexives Gefühl - sei sie körperlich oder zwischenmenschlich, sei sie persönlich oder sozial. Wir spüren „soziale Kälte“, das „warme Gefühle“ wenn uns jemand berührt, oder den Druck von Außen, wenn wir uns in Stresssituationen befinden. All diese Ausdrücke treffen metaphorisch in den Kern des­sen, was uns (dem Mensch) physisch widerfährt. Allein der deutsche Wortschatz zeigt die hohe Relevanz der »Berührung« und des Tastsinns: Etwas liegt „in Reichweite“, ist „zum Greifen nah“ oder gegenteilig „unerreichbar“, „unantastbar“. Man hält sich etwas „vom Leibe“, wird „handgreiflich“ oder „übergriffig“, wenn die »Nähe« ungewollt ist.8 “Wenn uns etwas „unter die Haut geht“, zeigt das, dass auch Gefühle etwas mit der Berührung bzw. Verletzung unserer Körperoberfläche zu tun haben, zumindest symbolisch.”9 Dies lässt erkennen, was schon an­fänglich zu erahnen war: Der Begriff der »Nähe« ist vielschichtig, komplex und nur schwer in eine einzelne Definition runterzubrechen. Der Begriff der »Berührung« ist dieser Komplexität sehr ähnlich.

Kapitel 2. »Berührung«

»Nähe«, Körperkommunikation und innere Wahrnehmung

»Berührung« als körperliche »Nähe«

»Berührung« oder das Gefühl von »Nähe« - sei es die affektive, emotionale Verbindung zu einem anderen Menschen oder diesem Beispiel vorrangig die physikalische Reizung der Haut durch gegenseitiges Anfassen - ist für den Mensch von unsagbarer Bedeutung. Zur Erklärung: Bei der Wahrnehmung von »Berührungen« sind unterschiedliche rezipierende Sinneszellen im Körper beteiligt, die sowohl physische als auch affektive Reize vermitteln. Dazu zählt die Über­tragung von Signalen wie Schmerz, Temperatur oder Vibration wie auch der Transport von Stoffen in das Zellinnere - dies gilt für Substanzen wie Proteine ebenso wie für Viren. Wärme beispielsweise kann die emotionale Stimmung beeinflussen, denn sie triggert Wohlbefinden und Gemütlichkeit. Dabei kommt es zu einer Ausschüttung von Serotonin, jener Neurotransmitter der mit dem menschlichen Wohlergehen zusammenhängt.10 11 Körperliche »Berührung« führt zu seelischer Veränderung, dies lässt sich u.a. physiologisch und neurophysiologisch nachweisen. Des Weiteren laden wir Menschen die »Berührungen« zusätzlich mit einer Wertung auf, meist gesellschaftlichen Ursprungs, und stimmen jenes mit unserem Näheverhältnis ab. Dabei gilt: Je vertrauter und „näher wir uns eine Person fühlen“, desto positiver verläuft die Wertung.

Die Haut als Medium

Doch, was genau passiert während der menschliche Körper sozusagen berührt wird? Haptik-For­scher Dr. Martin Grunwald untersucht jenes Phänomen seit einigen Jahren an der Medizini­schen Fakultät der Universität Leipzig. Laut Grunwald verursachen »Berührungen« eine Verfor­mung der Körperoberfläche, sprich der Haut. Eine intensive »Berührung« wie eine Umarmung erregt beispielsweise ein paar Millionen tastsensible Sensoren. Körpereigene Rezeptoren nehmen hierbei jene Reize wahr, wandeln sie in elektrische Signale um und leiten sie schließlich über die Nervenfasern an das Gehirn weiter. Diese Signale verursachen wiederum eine Veränderung der zerebralen Aktivität, Neurotransmitter und Hormone werden zeitgleich ausgeschüttet und erreichen über die Blutbahn den gesamten KörperP2 Dieser Prozess modifiziert schlussendlich auch die physischen Funktionen: Die Herzfrequenz verlangsamt, der Blutdruck sinkt, die At­mung wird ruhiger, Angst- und Stress-Emotionen verringern sich, eine positive Immunreaktion erfolgt.12 13 14 Angenehme Körperreize stabilisieren somit auch zwischenmenschliche Beziehungen. “Berührungen sind biochemischer Klebstoff ”i4, Oxytocin ist dabei ein wichtiges Bindemittel. Es stärkt Vertrauen und Bindung zwischen Menschen, beispielsweise zählen die natürlich Ge­burt und das Stillen als Oxytocinausschüttungsquellen. Wie wir bereits gelernt haben, wird dieser körpereigene Stoff aber auch bei »Berührungen« zwischen Erwachsenen ausgelöst. »Be­rührungen« produzieren neben dem Glückshormon Oxytocin, den Belohnungs-Botenstoff Do­pamin und reduzieren zu guter letzt das Stresshormon Cortisol. Weniger berühren, bedeutet daher auch weniger von all diesen Reaktionen. Aber wer genau kann diesen Berührungsmangel in Zeiten von Social Distancing und Home Office beheben, wenn die körperliche Distanz oben­drein staatlich verordnet wurde? Kann beispielsweise aktive »Nähe« zu Haustieren oder gar Hauspflanzen Abhilfe schaffen?

„In den vergangenen 200 Jahren haben wir uns irrsinnige Mühe gegeben zu ver­gessen, dass wir Säugetiere sind [...] Aber es hilft ja nichts, wir sind Säugetiere.

Und wenn wir in jeder Hand zwei Handys hielten: Menschen brauchen Haut­kontakt, sonst wissen sie nicht sicher, dass sie existieren. Sonst werden sie von Angst und Stress beherrscht.”^

Ich berühre also bin ich ? Die Versicherung der eigenen Existenz anhand vom Tastsinn - im Ge­gensatz zu Rene Descartes' Ich denke ? In allen Phasen der menschlichen Entwicklung brauchen wir Berührungsphasen, dennoch erfährt der Berührungssinn von allen menschlichen Sinnen deutlich am wenigsten Beachtung, so Grunwald. „Fühlen und tasten ist viel wichtiger für un­ser Überleben als sehen, hören, riechen und schmecken“.!6 Wir wissen, dass der spätmoderne Mensch in der technologiebasierten, digitalen Welt zwar vorwiegend auditive und visuelle In­Formationen wahrnimmt, dennoch ist er evolutionärbedingt weiterhin in der Lage die kleinsten Reize wie Strukturen, Beschaffenheiten etc. mit seinen Fingerkuppen zu erfassen, zu erkennen und mit Bedeutung zu versehen. Ob das Berühren des Smartphones körperlicher Nähe zwischen Menschen aber kompensieren kann, bleibt ohne derartige Studien zu bezweifeln. Dass eine be­rührende Kompensation mit anderen Säugetieren in Zeiten von Kontaktsperre bei COVID-19 prozentuell möglich sei, erwähnt Grunwald, dementiert aber gleichzeitig, dass der menschliche Körperkontakt dadurch ersetzt werden kannP7

„Der Mensch als Säugetier kann ohne ein individuelles Maß an Berührung nicht überleben. Er braucht den Berührungsreiz und sucht sozialen Körperkontakt als Teil seiner Biologie und seines Verhaltens. Der entscheidende Punkt ist: Jeden angenehmen Kontakt zu unserer Körpergrenze, also Berührung und Nähe, ver­werten wir in frühester Kindheit als Wachstumsimpulse, um uns körperlich und seelisch zu entwickeln.“15

»Berührung« als Medium für Körperkommunikaton

Die allererste Interaktion des Säuglings mit einem anderen Menschen ist die »Berührung« der Mutter. Und dies schon während der Säugling noch im Bauch ist. Nach der Geburt werden Neugeborene gestreichelt, nah am Körper gehalten, liebkost. Obwohl wir heutzutage in einer technologiebasierten, digitalen Welt leben, in welche wir unerfahrene Kinder gebären, verhalten sich Neugeborene des 21.Jahrhunderts nicht moderner als vor 2000 Jahren. Schließlich sind es dieselben evolutionären Vorgaben: Babys brauchen Kontinuität und Verlässlichkeit. Sie sind auf Grundbedürfnisse angewiesen, vor allem die »Nähe« zur eigenen Mutter ist sehr wichtig für die frühkindliche Entwicklung. Körperkommunikation ist also elementar für Wachstumspro­zesse, vor allem innerhalb der Frühentwicklung des Menschen, und für seine soziale Weiterent­wicklung sowie seine spätere Gesundheit entscheidend. Durch die Ausschüttung des Hormons Oxytocin wird schließlich die emotionale Bindung gestärkt. Wer sein Baby beispielsweise zur Schlaferziehung oder Abhärtung ohne Körperkontakt schreien lässt, handelt (vermutlich unbe­wusst aber trotzdem) nach einem Erziehungsratgeber aus dem Dritten Reichd16 »Berührungen« sind für Kinder schlichtweg lebensnotwendig. Auch traurige Negativbeispiele wie die Forschungen von König Friedrich II. von Hohenstaufen, die rumänischen Waisenkinder des Ceausescu-Regimes und das durch Studien entstandene Kaspar-Hauser-Syndrome belegen dies deutlich. Auch Rebecca Böhme verweist in ihrem Buch Human Touch, warum körperliche »Nähe« für den Nachwuchs so bedeutsam ist: „Kleinkinder brauchen liebevolle körperliche Zuwendung, diese sorgen in weiterer Folge für die gesunde Entwicklung ihrer Motorik, ihrem Sozialverhalten und ihrer kognitiven Leis­tungsfähigkeit.”17. Doch, »Berührungen« spielen nicht nur eine wichtige Rolle für eine stabile Eltern-Kind-Beziehungen, sondern sind für die Entwicklung von Frühchen, das Gedächtnis von Alzheimer-Kranken und zur Stärkung des Immunsystems prägend. Tatsächlich ist Körper­kontakt aber nicht nur für die psychische wie die motorische Entwicklung innerhalb der ersten Lebensphasen existenziell, auch für uns Erwachsene kann fehlende »Berührung« langfristig zu Ge- sundheits- und Beziehungsproblemen führen.

„Somit hat die liebevolle, zwischenmenschliche Berührung eine Sonderstellung. Sie ist nicht Teil unseres Tastsinns, der zum erkunden und Erforschen der Um­welt da ist, sondern sie steht in Zusammenhang mit unserer Wahrnehmung von uns selbst, unserem leiblichen Sein und unserem sozialen Selbst.”18 19 20 21 22 23

Zusammenfassend: Körperkontakt wie Streicheleinheiten und Liebkosungen ebenso wie Be­rührungsmangel, sprich dem Ausbleiben körperlicher »Nähe«, sind stark mit der frühkindli­chen Entwicklung sowie dem emotionalen Gleichgewicht des Kindes wie auch des Erwachse­nen verknüpft.

Das Dilemma der menschlichen Natur

Dass zwischenmenschliche »Berührungen« für unser Sozialverhalten und unsere Beziehun­gen zu Anderen mitverantwortlich ist, ist uns seit Längerem bewusst. Der Philosoph Jacques Derrida verweist in seinem Werk On Touching 22 auf die aristotelischen Anfänge der Berüh­rung, denn Aristoteles hatte bereits in der Antike in seiner Schrift Über die Seele2 festge­halten, dass der Tastsinn der einzige der menschliche Sinne sei, ohne den das Tier Mensch sterbe. Dem sei hinzugefügt, dass Menschen ebenso eingehen, wenn sie exzessiv berührt wer­den, beispielsweise in gewalttätiger Form.24 Somit war das Dilemma der menschlichen Natur benannt. Später im 19.Jahrhundert beschrieb der Philosoph und Begründer der Phänomeno­logie Edmund Husserl jenes Selbst-Spüren in der Interaktion mit der Außenwelt beispiels­weise als „leibliche Selbstgegebenheit”25. Laut Husserl können wir folglich beim Spüren von Druck, Wärme, Kälte etc. nicht nur Gegenstände, Oberflächentemperaturen wahrnehmen, sondern spüren „uns selbst als Leib”26 und uns selbst in Bezug zu jenen Dingen. Wir erfassen in welchem Verhältnis wir zu den uns unmittelbaren Lebewesen oder Objekten stehen, vor allem räumlich, sozial und in welcher Beziehung. Das bedeutet auch, dass wir lernen uns zu verorten und wahrzunehmen, wo wir uns im Raum befinden.24 „Ohne intaktes Tastsinnsys­tem wissen Menschen nicht wo hinten und vorn ist, oben und unten, rechts und links etc. sind verloren im Raum.”225. Der britische Neurophysiologe Sir Charles Scott Sherrington be­zeichnet diese Empfindung wiederum als „materielle[s] Selbst’^26 und umschreibt es als eine Grundlage unserer Wahrnehmungen, „die dem Inneren des Körpers entspring[t]”27 28 29. Dass der Mensch über einen inneren Sinn verfügt, der es ihm ermöglicht, wahrzunehmen, wie es ihm geht und über jenen Zustand nachzudenken, wusste auch Immanuel Kant. Diese Wahrneh­mung des Inneren hat sich in der Wissenschaft mittlerweile unter dem Begriff »Interozeption« etabliert.31 Diese Fähigkeit zur bewussten Wahrnehmung des eigenen Körperzustandes ist schlussendlich notwendig für das Überleben des Individuums. Die Entwicklung dieses kom­plexeren Selbst ist aber auch zum funktionierenden Sozialverhalten wichtig. Denn wer oder was wir sind, definieren wir immer stark in Bezug zu anderen Menschen: Die Herausbildung dieses Aspekts des Ich steht vor allem in Zusammenhang mit zwischenmenschlichem Kontakt, mit Interaktion und letzten Endes mit »Berührungen«, auch mit deren Ausbleiben. Somit kann gleichzeitig auch ein körperlicher Aspekt entstehen - ein leibliches Begehren, nach langer Ab­wesenheit Andere zu berühren und/oder selbst berührt zu werden. Durch »Berührungen« lernt der Mensch die Beziehung zu Sich (Ich kann durch meine Berührung etwas bewegen / verändern) und zu seiner Umwelt (Die Berührung von anderen Menschen, Gegenständen berührt / bewegt / verändert mich) zu erfahren und verstehen. Der Mensch erfährt sich selbst als berührbar: Er bewegt sich in Sphären etwas zu erreichen, zu bewegen, zu berühren und berührt zu werden - von anderen Menschen, aber auch von der Natur, von Pflanzen und Bergen, von Musik, von Geschichten, von Herausforderungen, etc. Der Tastsinn ist daher auch für die Herausbildung des aktiven und passiven Ichs mitverantwortlich. Die Voraussetzung dafür ist, zwischen beiden Erfahrungen zu differenzieren, denn zwischen Selbst-und Fremdberührung zu unterscheiden, geht gleichzeitig mit der Wahrnehmung räumlicher Unterscheidung - räumlich zwischen sich selbst und anderen zu unterscheiden - einher. Auf dem aufbauend entwickelt sich allmählich das soziale Verständnis des Selbst.32

»Berührung« im Alltag

»Berührungen« beeinflussen unser Sozialverhalten, dabei ist unser Umgang mit Nähe und Dis­tanz kulturell bedingt und durch unser Heranwachsen und unsere frühkindlichen Einflüsse vor­geprägt. Dass der Ausdruck von Zuneigung und Zärtlichkeit ein menschliches Grundbedürfnis ist, das besonders innerhalb einer Eltern-Kind sowie einer partnerschaftlichen Beziehung im privaten Raum verbreitet ist, wissen wir soweit. Aber auch zufällig gemeinte »Berührungen« im Alltag können Wärme, Wohlbefinden oder Sicherheit triggern. Wenn Kellner (männlich wie weiblich) die Kundschaft beispielsweise zufällig kurz an der Schulter berühren, erhalten sie signifikant mehr Trinkgeld - im Durchschnitt sogar bis zu 25%. Zu Betonen ist dabei, dass bereits vor der »Berührung« eine Interaktion stattgefunden haben muss, also eine flüchtige Be­ziehung zwischen Berührtem und Berührendem besteht. Denn bei unerwünschter »Nähe« kann die Neigung entstehen sich bedrängt zu fühlen und seine persönliche Komfortzone verteidigen zu müssen.30 31 Ein anderes kulturelles Phänomen ist die Free-Hugs-Bewegung - das Verteilen kos­tenloser Umarmungen, das Spenden von nicht-erotischer, körperlicher »Nähe« an öffentlichen Plätzen an jede/n, der/die mag. Was Anfang des 21.Jahrhundert als kleine Aktion in Australien begann, ist mittlerweile ein gängiges Prinzip in städtischen Fußgängerzonen der westlichen Welt geworden, und wird in doktrinischen Republiken wie China oder Saudie-Arabien verbo­ten und geahndet. Unabhängig von der COVID-19 Pandemie können kulturelle Unterschiede innerhalb von Berührungsritualen oder -vorlieben relativ gut erkannt und analysiert werden: Während z.B. Nordeuropäer eine eher zurückhaltende Berührungskultur leben, tauschen Per­sonen mit südlicher Herkunft mehr »Berührungen« innerhalb kurzer Begegnungen aus. Die mitteleuropäische Kultur liegt in ihrer Körpertoleranz wohl im Graustufenbereich, aber sehen wir uns das genauer an.

[...]


1 https://gutezitate.com/zitat/130505

2 Medial auch als Coronavirus-Pandemie, Corona-Pan­demie, Coronavirus-Krise oder schlichtweg Coro­na-Krise bezeichnet. Vor der weltweiten, Länder- und Kontinente-übergreifenden Ausbreitung auch als Co­ronavirus-Epidemie bekannt.

3 Elisabeth von Thadden, *1961, deutsche Redakteurin bei der Hamburger Wochenzeitung DIE ZEIT, Litera­turwissenschaftlerin, Autorin.

4 Hartmut Rosa, *1965, deutscher Soziologe, Politik­

5 wissenschaftler, Direktor des Max-Weber-Kollegs der

6 Böhme, Rebecca: Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus Medizin und Hirn­forschung. München: Edition C.H.Beck Paperback, 2019.

7 Vgl. DUDEN — Die deutsche Rechtschreibung,

8 https://www.duden.de/rechtschreibung/Naehe,

9 aufgerufen am 11. Juli 2020

10 Vgl. Grunwald, Martin: Homo hapticus. Warum wir 12 Vgl. Ebd. Ders.

11 ohne Tastsinn nicht leben können. München: Verlags­gruppe Droemer Knaur GmbH & Co. KG, 2017.

12 Vgl. Maeck, Stefanie: Psychologe warnt vor Folgen von Social Distancing. SPIEGEL.DE — 27.05.2020, 14.43 Uhr, aufgerufen am 2. Juli 2020. https://www.spiegel. de/psychologie/corona-krise-warum-menschen-be- ruehrungen-brauchen-a-7e46db75-7617-45e3-9293- 488e883b1527

13 Ebd. Ders., aufgerufen am 2. Juli 2020.

14 Grunwald, Martin: Homo Hapticus. Warum wir ohne

15 Ebd. Ders., aufgerufen am 2. Juli 2020. 20 Böhme, Rebecca: Human Touch. Warum körperliche Nähe so wichtig ist. Erkenntnisse aus Medizin und Hirnfor-

16 Thadden, Elisabeth: Die berührungslose Gesellschaft. schung. München: Edition C.H.Beck Paperback, 2019.

17 München: Edition C.H.Beck Paperback, 2018. S.152.

18 Ebd. Ders.

19 Derrida, Jacques: On Touching — Jean Luc Nancy. Stan­ford: 2005. S.17ff.

20 Aristoteles: Über die Seele. In: Philosophische Schriften in sechs Bänden, Band 6, Hamburg: 1995.

21 Vgl. Thadden, Elisabeth: Die berührungslose Gesell­

22 schaft. München: Edition C.H.Beck Paperback, 2018.

23 (E-Book Version, Adobe Digital Editions 4.5. 203 Seiten.)

24 Vgl. Ebd. Ders.

25 Thadden, Elisabeth: Die berührungslose Gesellschaft. München: Edition C.H.Beck Paperback, 2018. (E-Book Version, Adobe Digital Editions 4.5. 203 Seiten.) S. 19. [Original: Aristoteles: Über die Seele. In: Philosophische Schriften in sechs Bänden, Band 6, Hamburg: 1995.]

26 Husserl, Edmund: Die leibliche Selbstgegebenheit. Ide­

27 en zu einer reinen Phänomenologie und phänomenologische

28 Philosophie: Die Phänomenologie und die Fundamente der

29 Wissenschaften. Marly Biemel (Hrsg.) Buch 3. Edition: Biemel, M., Nijhoff, 1952.

30 Vgl. Thadden, Elisabeth: Die berührungslose Ge­sellschaft. München: Edition C.H.Beck Paperback, 2018. (E-Book Version, Adobe Digital Editions 4.5. 203 Seiten.)

31 Anm.: In Vorarlberg, dem westlichsten Teil Öster­reichs vergibt man drei Wangenküsse, genauso in der Schweiz und in den Niederlanden. Frankreich variiert

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die verordnete Distanz. Berührung und Nähe in Zeiten von Social Distancing und Home-Office durch die COVID-19-Pandemie
Untertitel
Eine phänomenologische Betrachtung
Hochschule
Muthesius Kunsthochschule Kiel  (Spataial Strategies / Raumstrategien)
Veranstaltung
Seminar RAUM+KRISE
Note
1.0
Autor
Jahr
2020
Seiten
21
Katalognummer
V1021337
ISBN (eBook)
9783346415127
ISBN (Buch)
9783346415134
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Berührung, Berühren, Haut, Tastsinn, Nähe, Distanz, Covid-19, Corona
Arbeit zitieren
B.A. Teresa Steiner (Autor), 2020, Die verordnete Distanz. Berührung und Nähe in Zeiten von Social Distancing und Home-Office durch die COVID-19-Pandemie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021337

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