Dieser Essay erläutert die Methode des Theoretical Samplings und ist damit gleichermaßen eine Einführung in die Methoden der empirischen Sozialforschung. Was versteht man überhaupt unter einer theoretischen Stichprobenziehung? Bei dieser von Glaser und Strauss entwickelten Vorgehensweise für qualitative Studien geht es darum, vom Anfang an den Prozess bewusst so zu steuern, bis sich ein "maximaler theoretischer Erkenntniswert" daraus entwickelt. Je nachdem wie die Studie verläuft, lässt sich entscheiden, ob man eventuell mehrere Fälle untersuchen soll, also mehr Personen, Gruppen oder Institutionen bspw. Die Studie lässt sich (im Idealfall) für beendet erklären, sobald genug Informationen für eine Theoriebildung vorhanden sind (theoretische Sättigung).
Inhaltsverzeichnis
1. Was versteht man überhaupt unter einer theoretischen Stichprobenziehung?
2. Bei der bewussten bzw. absichtsvollen Stichprobenziehung wird die Stichprobe gezielt nach bestimmten Kriterien aus der Grundgesamtheit ausgewählt
3. Wenn man diese Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz beachtet, müsste man als nächstes noch mehr Fälle in Erwägung ziehen
4. Diese Methode unterscheidet sich von allen anderen
Zielsetzung und Themen
Das Ziel dieses Essays ist die Untersuchung der theoretischen Stichprobenziehung (Theoretical Sampling) als induktive Strategie der qualitativen Forschung, wobei insbesondere ihre Eignung zur analytischen Verallgemeinerung sowie ihre Anwendungsvorteile und Herausforderungen analysiert werden.
- Grundlagen der Grounded-Theory-Methodologie
- Prozess der theoretischen Sättigung
- Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz
- Abgrenzung zwischen probabilistischer und analytischer Verallgemeinerung
- Methodische Vorteile und praktische Herausforderungen
Auszug aus dem Buch
Die Anwendung der Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz
Glaser und Strauss untersuchten am Anfang der 1960er Jahre die Auswirkungen sterbender Krankenhauspatienten auf das dort arbeitende Personal. Hier wurde auch die Stichprobenziehung angewendet. Da es sich in diesem Fall um das Prinzip der maximalen Ähnlichkeit handelt, vermuteten Glaser und Strauss, dass die Verhaltensweise des Personals anders wäre, wenn die Patienten die sie behandelten bereits wussten, dass sie bald sterben werden. Wenn man andersrum eine Gruppe von Patienten betrachtet, die ähnliche Merkmale aufweisen, wie zum Beispiel das nicht wissen ihres Zustands, könnte man feststellen, dass die Interaktionszeit zwischen Personal und Patient eher verkürzt war und man beschränkte sich nur auf das Nötigste. (vgl. ebd. 195f.)
Anders würde das Personal reagieren, wenn sie wüssten, dass die Patienten sich darüber im Klaren sind, dass sie bald sterben würden. Bei Glaser und Strauss war es sogar eher so, dass sie sich auf Interaktionen mit Kranken konzentriert haben, die sich dessen eben bewusst waren, dass sie bald „gehen“ werden. Diese Fallauswahl richtet sich nach dem Prinzip der maximalen Differenz. In solchen Fällen rechnet man mit Daten, die sich sowohl von den Daten der anderen Gruppe (Patienten wissen es nicht) unterscheiden, wie auch untereinander. (vgl. ebd.: 196)
Hier öffnet sich eine weitere „Unterebene“, die die Wahrnehmung und Interaktion des Personals mit den Patienten beeinflussen kann. Es geht mehr darum, wie sterbende Patienten sich selbst sehen. Je nachdem, ob ein Patient sein „Schicksal“ akzeptiert, oder sich doch dagegen wehrt, kann das verschiedene Auswirkungen auf die Umgangsart des Personals haben.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Was versteht man überhaupt unter einer theoretischen Stichprobenziehung?: Einführung in das Konzept der Grounded Theory und die grundlegende Definition der theoretischen Sättigung als Beendigungskriterium für qualitative Studien.
2. Bei der bewussten bzw. absichtsvollen Stichprobenziehung wird die Stichprobe gezielt nach bestimmten Kriterien aus der Grundgesamtheit ausgewählt: Erläuterung der Bottom-up-Strategie und Vorstellung der Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz anhand des klassischen Beispiels von Glaser und Strauss.
3. Wenn man diese Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz beachtet, müsste man als nächstes noch mehr Fälle in Erwägung ziehen: Diskussion der analytischen Verallgemeinerung im Gegensatz zur probabilistischen Statistik und Klärung des Stellenwerts der Stichprobenkomposition.
4. Diese Methode unterscheidet sich von allen anderen: Kritische Reflexion der Vorteile bei der Theoriegenerierung sowie der hohen Anforderungen an Ressourcen, Zeit und die Gruppendynamik der Forschenden.
Schlüsselwörter
Theoretical Sampling, Grounded Theory, qualitative Forschung, theoretische Sättigung, analytische Verallgemeinerung, Bottom-up-Strategie, Prinzip der maximalen Ähnlichkeit, Prinzip der maximalen Differenz, Datensammlung, Theoriebildung, Stichprobenziehung, Forschungsprozess, Fallauswahl, Kategorienbildung, Forschungsstruktur.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in diesem Essay primär?
Der Essay befasst sich mit der theoretischen Stichprobenziehung als Teil der Grounded-Theory-Methodologie und untersucht deren spezifische Vorgehensweise und wissenschaftliche Relevanz.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Felder umfassen die induktive Theoriegenerierung, die bewusste Fallauswahl nach den Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz sowie die Abgrenzung qualitativer von quantitativen Stichprobenverfahren.
Welches Ziel verfolgt der Autor mit der Untersuchung?
Das primäre Ziel ist es, aufzuzeigen, wie durch Theoretical Sampling ein maximaler theoretischer Erkenntniswert erreicht werden kann und ob die daraus resultierenden Ergebnisse wissenschaftlich verallgemeinerbar sind.
Welche wissenschaftliche Methode wird thematisiert?
Thematisiert wird das Theoretical Sampling, eine nicht-probabilistische Strategie, die insbesondere in der qualitativen Forschung zur systematischen Theoriebildung eingesetzt wird.
Was wird im Hauptteil des Textes behandelt?
Der Hauptteil behandelt die methodischen Prinzipien der Fallauswahl, den Prozess der Datensammlung und -analyse sowie die Herausforderungen bei der praktischen Anwendung, wie den hohen Ressourcenaufwand.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren das Dokument?
Wichtige Begriffe sind Theoretical Sampling, Grounded Theory, theoretische Sättigung, analytische Verallgemeinerung und die Prinzipien der maximalen Ähnlichkeit und Differenz.
Wie unterscheidet sich die analytische von der statistischen Verallgemeinerung?
Während die statistische Verallgemeinerung auf probabilistischen Zufallsstichproben beruht, zielt die analytische Verallgemeinerung darauf ab, Erkenntnisse zur Theorieentwicklung auf einen Gegenstandsbereich zu übertragen.
Warum spielt die Gruppendynamik beim Theoretical Sampling eine Rolle?
Da das Verfahren hochkomplex und subjektiv geprägt ist, müssen Forschende innerhalb der Gruppe verhandeln können, um gemeinsam den Punkt der theoretischen Sättigung zu bestimmen und Ziele zu definieren.
Was bedeutet das Prinzip der maximalen Differenz nach Glaser und Strauss?
Es beschreibt die gezielte Auswahl von Fällen, die sich stark voneinander unterscheiden, um die Bandbreite und die Grenzen einer Theoriebildung systematisch zu erweitern und abzusichern.
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- Bogdan-Constantin Cristescu (Author), 2020, Die Methode des Theoretical Sampling. Eine kurze Einführung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021570