Kelten - Römer - Germanen. Siedlung und Verkehr in der Westhessischen Senke während der "Übergangszeit" (1. Jhd. v. Chr. bis 1. Jhd. n. Chr.)


Fachbuch, 2021

178 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorrede

Der Naturraum: Geologie, Topographie, Klima, Hydrologie und Böden
Geologie und Topographie
Klima
Hydrologie
Böden

Siedlungen und Verkehr
Caesar im Lahntal : 55 v. Chr. und 53 v. Chr.
Ubier, Sueben, Chatten – Germanen?
Das Amöneburger Becken
Altwege
Die Ohmfurt bei Anzefahr
Die Keltenbrücke von Kirchhain-Niederwald
Niederhessen
Das Oppidum Manching und die Amöneburg
Keltische Sklavenjäger ?
Die Siedlungskammer Fritzlar-Geismar
Siedlung und Verkehr in vorgeschichtlichen Talauen
Die Siedlung am Roten Wasser bei Bürgeln
Das vor- und frühgeschichtliche Landschaftsbild in Mittelhessen
Römer unterwegs auf den Altwegen?
Weitere Altwege
Mardorf 23 und Niederweimar
Der Dünsberg

Literaturliste

Abbildungen

Vorrede

Zahlreiche Migrationsbewegungen im mitteleuropäischen Raum, beginnend mit den Zügen der Kimbern, Teutonen und Ambronen im 2. Jahrhundert v. Chr., den Vorstößen der Przeworsk-Gruppen und den Migrationen der von Caesar „Sueben“ genannten Völkerschaften (etwa seit 75 v. Chr.), drängten die westlich lebenden Gruppen „zwischen Kelten und Germanen“ gegen den Rhein und damit in die römisch beanspruchte Region Gallien.1 Genannt sei hier im Besonderen das Beispiel der Ubier, die Mitte der fünfziger Jahre vor Christus Caesar baten, ihnen gegen die Überfälle der „Sueben“ zu helfen.2

Letztendlich führte der permanente Druck der „Germanen“ dazu, dass Caesar sich gezwungen sah, mit seiner Streitmacht den Rhein zu überqueren (55 v. Chr. und 53 v. Chr.) und rechtsrheinisch Strafexpeditionen durchzuführen.

All diese Bewegungen, Wanderungen und Migrationsaktivitäten sind undenkbar ohne ein entsprechendes Netz von Wegen und Verkehrslinien zu Wasser und zu Lande. In einem dichten und versumpften germanischen Wald sind die beispielhaft aufgeführten Vorstöße und Wanderbewegungen, die besonders auch während der „Übergangszeit“ stattfinden und letztendlich die „Germanisierung“ der indigenen Bevölkerung begründen, nicht zu unternehmen.

Im Bereich der Westhessischen Senke, die nach Norden in die Niederhessische Senke übergeht, können wir von einem bereits lange vor den Römern bestehenden Wegenetz ausgehen. Insbesondere der materielle Austausch - hier seien beispielhaft der Salzhandel und die Produkte der Eisenverhüttung genannt - und damit der Handel zwischen Süden und Norden macht eine Wegeverbindung vom Rhein-Main-Gebiet über die Wetterau, das Lahntal, den Ebsdorfer Grund und das Amöneburger Becken bereits während der Urnenfelder- und Hallstattzeit mehr als wahrscheinlich. Ebenso ist der Austausch nach Osten ins Thüringische von Bedeutung. Sehen wir uns die Verteilung der frühen Ringwälle und Höhensiedlungen in Hessen an, so erkennen wir, dass sie überregionale Verkehrs- und Austauschwege markieren und uns damit eine Vorstellung von der vorgeschichtlichen Mobilität vermitteln. Durch zahlreiche Befunde und Funde bewiesen, zeigt sich, dass auch die Römer im Zuge ihrer militärischen Operationen auf hessischem Boden diese Altwege benutzten. Im frühen Mittelalter dann wurden zahlreiche dieser vorgeschichtlichen Wegeverbindungen weiter ausgebaut und bildeten die Grundlage für einen ausgedehnten Handel und schnelles, zielgenaues Verschieben militärischer Kräfte im Zusammenhang mit der Herausbildung des merowingischen bzw. fränkischen Staatswesens.

In dieser Arbeit soll diesen Altwegen gefolgt und versucht werden, ein regionales und zum Teil auch überregionales Netz dieser frühen Trassen nachzuzeichnen. Eine Rekonstruktion dieser Wege ist nicht denkbar, ohne den Blick auf die Topographie und das Siedlungsgefüge jener Zeiten, denn Wege verbanden auch immer Zentren menschlichen Wirtschaftens und Lebens miteinander. Die Lage der Siedlungen im Gelände, der Bezug zu benachbarten Siedlungen, die Lage zum Wasser, die Qualität der Böden und der Zugang zu Rohstoffen wie zum Beispiel Salz und Erzen: all das war und ist für den siedelnden und wirtschaftenden Menschen von außerordentlicher Bedeutung.

Der Naturraum: Geologie, Topographie, Klima, Hydrologie und Böden

Geologie und Topographie

„In jüngerer Zeit hat sich wieder mehr die Auffassung verbreitet, daß die Lebensverhältnisse der Menschen auch von den naturräumlichen Rahmenbedingungen beeinflußt werden.“3

Hessen und in dessen Mitte das Marburger Land wurde bereits in vor- und frühgeschichtlicher Zeit von bedeutenden Überlandwegen durchzogen, die eng an die Siedlungskonzentrationen der dort lebenden Stämme angebunden waren. Die Karten zur Verbreitung ur- und frühgeschichtlicher Funde in Hessen zeigen, dass die Lebensbedingungen stark von den naturräumlichen Gegebenheiten geprägt waren. Die archäologischen Befunde und Funde konzentrieren sich in den Beckenlagen der hessischen Landschaft und solange Menschen in Hessen leben, herrscht in diesem Gebiet ein Klima vor, das die tieferen, wärmeren und niederschlagsärmeren Regionen zum Siedeln und Wirtschaften offensichtlich angenehmer erscheinen lässt.

Die Ursachen der typischen Gliederung Hessens in Becken- und Hochlagen ist in der geologischen und geomorphologischen Geschichte des Landes, also in der Entwicklung des Gesteinsuntergrundes und des Reliefs zu suchen. Die geologische Karte4 zeigt uns, dass im Rheinischen Schiefergebirge Gesteine aus dem Erdaltertum (Paläozoikum) vorherrschen. Ähnliches gilt für den Odenwald. Ansonsten dominiert im übrigen Hessen der Buntsandstein, der aus dem Erdmittelalter (Mesozoikum) stammt. Von Bedeutung sind weiterhin die Gebiete, die auf vulkanische Aktivitäten hinweisen, die in der Erdneuzeit (Känozoikum) gebildet wurden. Hier ist besonders der Vogelsberg zu nennen, doch auch andere Bereiche des hessischen Berglandes haben diese vulkanische Phase erlebt und in ihren Gesteinsmustern erhalten. Den Untergrund der Beckenlagen bilden junge Sedimentgesteine. Im Gegensatz zu den anderen sind diese Gesteine noch nicht genügend verfestigt, sie stellen also Lockergesteine dar. Nahezu alle Becken und Börden in Hessen sind mit einer Lössschicht überzogen, die die Fruchtbarkeit der Böden dort bedingt und bereits frühe bandkeramische Bauern zum Siedeln und Wirtschaften einlud.

Die geologische Karte von Mittelhessen5 stellt die Verbreitung sowie die wichtigsten tektonischen Elemente der paläozoischen Formationen am Südostrand des Rheinischen Schiefergebirges, des Spessart-Kristallins, der mesozoischen Schichtfolge des Hessischen Berglandes sowie das Nordende des im Tertiär eingesunkenen Oberrheingrabens dar. Der Oberrheingraben setzt sich als Westhessische Senke über die Wetterau nach NNO fort. Mit dieser Grabenbildung war die Entstehung eines der größten mitteleuropäischen Vulkane – dem Vogelsberg – verknüpft, dessen Basaltdecken über mehr als 2500 qkm den zentralen Teil der mittelhessischen Region bedecken. Weitere Zentren dieses jungen Vulkanismus sind in der nördlichen Fortsetzung des Vogelsberges, dem Knüll-Gebirge, sowie längs der N-S-gerichteten Spalten in der Rhön und im Meißner-Gebiet gelegen. Auch der Westerwald blieb von vulkanischen Aktivitäten nicht unberührt. Das Hessische Bergland schließt im N an das Niedersächsische Bergland an und reicht im S bis an den Main. Durch das Zusammentreffen der rheinischen Richtung im W und der im O herrschenden herzynischen erfolgt eine besonders starke Komplikation und Zersplitterung des morphologischen Bildes, als dessen tektonische Grundlagen tertiäre Senkungsbrüche im W, vergesellschaftet mit vulkanischen Erscheinungen, Langschollen des Grundgebirges im O, allenthalben aber auch wieder Brüche, Aufwölbungen und Einmuldungen des mesozoischen Oberbaus aus den verschiedenen Phasen der saxonischen Orogenese in buntem Wechsel zusammentreten. Als ein Teilstück der Mittelmeer-Mjösen-Zone bildet das Gebiet der Hessischen Senke eine Einbiegung der alttertiären Landschaft, durch die das mitteloligozäne Meer vordrang. Marines und kontinentales Tertiär haben die Reliefunterschiede wieder stark ausgeglichen. Die spätmiozänen und, nach einer allgemein nachweisbaren Einebnungsphase, die pliozän-pleistozänen Bewegungen bestanden im Wesentlichen in rheinisch-streichenden Großwellungen und Brüchen mit deren erster Phase der überwiegend obermiozäne und basaltische Vulkanismus zusammenhängt. Die hervortretenden Formen sind daher entweder Buntsandsteinhochflächen mit schwacher Stufenbildung oder in verschiedenen Höhen herausgewitterte Basaltberggruppen zwischen geräumigen Tertiärbeckenlandschaften. Kern dieser Senkenzone ist die vom Kasseler Becken im Norden bis zur Oberhessischen Schwelle im Süden reichende Westhessische Senke. Sie besteht aus einer Vielzahl von kleinen, lössbedeckten Ausräumungs- und Einbruchsbecken. Diese werden durch flache Schwellen getrennt. Häufig durchbrechen kleine Basaltschlote die Oberfläche. Sie geben mit ihren Kuppen und Kegeln der Landschaft eine besondere Note. Über den niedrigen Neustädter Sattel, eine wichtige Wasserscheide zwischen Rhein und Weser, gewinnt im Süden das Amöneburger Becken Anschluss an die nördliche Senkenzone. Der vorwiegend basaltische Vordere Vogelsberg schließlich sperrt morphologisch den breitflächigen Durchgang der Senken nach Süden ab. Über das Gießener Lahntal bleibt jedoch der Durchgangscharakter der zentralen Senkenzone über das Rhein-Main-Tiefland zum nördlichen Oberrheintalgraben erhalten. Die Bergländer Nordwesthessens sind nach ihrer geologisch-morphologischen Charakteristik entweder dem Osthessischen Bergland zuzuordnen, wie das Waldecker Tafelland, seine Randsenken, der Burgwald und die Oberhessische Schwelle, oder aber dem Rheinischen Schiefergebirge, wie der Kellerwald. Das recht vielfältig gestaltete Habichtswälder Bergland lässt sich am ehesten mit Teilen der Kuppenrhön vergleichen.

Die Niederhessische Senke öffnet sich südlich des großen Buntsandsteingewölbes und enthält das jung eingemuldete und im Tertiär ausgeräumte Kasseler Becken an der unteren Fulda, während im W die Basaltmasse des Habichtswaldes (598 m) und anderer Schlotberge über den Muschelkalk und seine Tertiärdecke sich erheben. Zwischen den Flüssen Schwalm und Fulda ist das Knüll-Gebirge (632 m) nachträglich aufgewölbt. An der oberen Fulda bildet der Buntsandstein mit Resten von Muschelkalk eine flache präbasaltische Aufwölbung. Es folgt die große, kompliziert gebaute Masse der Rhön, die sich über einem 500 – 600 m hohen, von präbasaltischen Verwerfungen stark zerstückelten Sockel von Trias und Oligozän erhebt. Der Hauptkörper im O ist die etwa N-S-gestreckte Lange Rhön, um die herum sich die mehr oder weniger abgetrennten Pfropfenberge der Kuppen-Rhön (Wasserkuppe 950 m) anordnen. Infolge der tieferen Erosionsbasis der Fulda im W ist hier die Auflösung am weitesten fortgeschritten, während im O der Abfall mauerartig mit nur wenigen vorgelagerten Vorposten zurückgeschoben wird. Beiderseits der Ulster schließt im N noch die Vorderrhön an. Die Eruptionen, beginnend mit Trachyttuffen und Phonolithen (Milseburg) und fortgesetzt mit Basalten, dauerten in zahlreichen Phasen, zwischen die sich oligo- und miozäne Braunkohlenablagerungen einschalten, bis gegen Ende des Miozäns. Im älteren Pliozän entstanden ausgedehnte Verebnungen, 50 – 100 m tiefer liegt die Gebirgsfußfläche. Die postumen Bewegungen bestanden in einem Wiederaufleben der NNO-streichenden Aufwölbung, wodurch erst die radiale Entwässerung zustande kam, und einer auch im Oberflächenbild deutlich sichtbaren Schrägstellung gegen W, gleichzeitig mit einer immer mehr sich abschwächenden Einbiegung des als geologische Mulde angelegten und im Röt ausgeräumten Fuldaer Beckens. Eine ähnliche Entwicklung nahm das Amöneburger Becken östlich von Marburg. Das Seitenstück zur Rhön und mit diesem Gebirge durch den basaltischen Hessischen Landrücken mit der Wasserscheide Fulda-Kinzig verwachsen ist der Vogelsberg, der gleichfalls einem hohen, im westlichen Teil noch weithin wohlerhaltenen Sockel von Perm, Buntsandstein und etwas Tertiär aufsitzt. Sein höchster Teil ist der Oberwald (Taufstein 774 m), infolge jüngster vulkanischer Aufschüttung und einer NW-streichenden Aufwölbung, wo der Buntsandstein unter einer relativ dünnen Basaltdecke 650 m erreicht und die radiale Anordnung des Gewässernetzes bedingt. Erst im Oberpliozän fällt die Ablagerung der Trappdecke der Wetterau und der Mainebene. Während die stark gestörte alttertiäre Einebnungsfläche unter den Laven begraben sein dürfte, hat sich noch vor dem Erlöschen der vulkanischen Tätigkeit über alle Teile des Vogelsberges im Unterpliozän eine sehr vollkommene, von Resten einer lateritischen Verwitterungsdecke überkleidete Abtragungsfläche ausgebildet. Nach lokal stark differenzierten Bewegungen in rheinischer und herzynischer Richtung im Mittelpliozän entstand die vorwiegend auf die Nähe der Täler beschränkte und den rheinischen „Höhenterrassen“ entsprechende „Trogfläche“. Die seither noch eingetretenen Bewegungen waren im Vogelsberg nur schwache Nachfolger der pliozänen, während in der Nachbarschaft, besonders im Bereich der Wetterau, im Pleistozän noch ganz ansehnliche Senkungen und sogar Verstellungen stattgefunden haben.6

Zur Westhessischen Senke gehören im Einzelnen folgende Regionen: die Wetterau, die Lahntalung mit dem Limburger Becken, dem Wetzlarer Becken, dem Gießener Becken, das Amöneburger Becken, das Tal der Schwalm, das obere Edertal, das Fritzlarer Becken und schließlich das Kasseler Becken. Die meist tektonisch angelegten Becken sind im geomorphologischen Sinne oftmals keine Becken, sondern teils weiträumige Niederungen, die von Flüssen durchflossen werden. Vielfach finden sich hier Lössdecken, die zusammen mit der Klimagunst die Grundlage für eine ertragreiche Landwirtschaft bilden.

Klima

In der Klimatologie werden anhand der Analyse langer Beobachtungsreihen für die Klimaelemente Lufttemperatur, Niederschlag, Sonnenscheindauer und Wind die mittleren Werte für eine Region beschrieben und die durchschnittlichen Abläufe der Wetterlagen innerhalb eines Jahres dargestellt.

Mitteleuropa liegt nach Troll-Paffen7 in der Zone der kühlgemäßigten Übergangsklimate subozeanischen Typs mit kühlem Winter und langem Sommer (kältester Monat +2° bis -3°C, jährliche Schwankung der Monatsmittel 16° bis 25°C). Diese Klimazonierung wird durch die Entfernung zum Meer sowie die Hauptwindrichtung, dominant aber durch die Reliefgliederung differenziert. In Hessen wirken sich vor allem die Unterschiede der absoluten Höhen des Reliefs sowie die Luv-Lee-Lagen der Gebirge differenzierend auf die klimatische Ausstattung des Landes aus.

Klimatisch ist der mittelhessische Raum durch eine Jahresmitteltemperatur zwischen +7° und +9°C gekennzeichnet. Der mittlere Jahresniederschlag liegt, abgesehen von den Rahmenhöhen, über 500 mm und unter 700 mm.8 Die klimatischen Verhältnisse sind Schwankungen unterworfen, die unter den jeweiligen Relief- und Bodenbedingungen zu sichtbaren Veränderungen der Pflanzenstandorte führen können. Kennzeichnend für die Klimaausstattung des mittelhessischen Raumes sind kontinentale Züge, die sich in der Höhe des sommerlichen Maximums (+17,8°C), dem winterlichen Minimum (+0,8°C) und der Jahresamplitude der Temperatur zeigen.

Für die Menge der Niederschläge wirkt sich die Lage des mittelhessischen Raumes im Lee des Rheinischen Schiefergebirges aus. Die feuchten, von Westen herankommenden Luftmassen, regnen sich über der Westseite des Schiefergebirges ab. Föhneffekte führen zur Erwärmung der Luft und damit zur Abnahme der Niederschlagsneigung. Gleichzeitig kommt es zur Wolkenauflösung und damit vermehrter Sonneneinstrahlung. Die Mittelwerte der Lufttemperatur sind stark reliefabhängig. Neben Hangneigung und Hangrichtung ist die Höhenlage von Bedeutung, da die Lufttemperatur im Mittel um ca. 1°C pro 100 m Höhenzunahme abnimmt.9 Darüber hinaus sind die Höhenlagen durch höhere Niederschläge und höhere Windgeschwindigkeiten gekennzeichnet. In den geschützten Niederungen sammelt sich die relativ schwere Kaltluft und es kommt bei Strahlungswetterlagen zu Nebelbildung, über die die sonnenbeschienenen Hänge hinausragen.

Hydrologie

Hessen gehört zu den Stromgebieten des Rheins und der Weser. Ihre Hauptwasserscheide verläuft von der Paderborner Hochfläche über das Rothaargebirge, den Kellerwald und den Vogelsberg zur Rhön. Zum Rhein gehören als Zuflüsse erster Ordnung Lahn und Main, zur Weser Fulda und Werra.

Die hydrogeologischen Verhältnisse werden durch die sehr unterschiedlichen Gesteinscharakteristika bestimmt. Das Rheinische Schiefergebirge und der kristalline Spessart und Odenwald besitzen wenig bis gering ergiebige, der Vogelsberg sowie die Gebiete des Buntsandsteins und des Rhein- und Maintals dagegen ergiebige, zum Teil bedeutende Grundwasservorkommen.10

Böden

Unter dem Terminus „Boden“ wird allgemein die aus dem Untergrundgestein durch physikalische und chemische Verwitterung veränderte oberste Erdkruste (Pedosphäre) verstanden.11 Sie dient höherer Vegetation als Wurzelraum und zur Wasser- und Nährstoffversorgung. An einer Bodenbildung sind in der Regel physikalische und chemische Verwitterungsprozesse beteiligt. Je nach Klimazone überwiegt dabei der eine oder andere Prozess.

Für die Bodenbildung in Mitteleuropa war vor allem der Ablauf des Klimas in den letzten 70000 Jahren von entscheidender Bedeutung. Die physikalische Gesteinsverwitterung fand in Mitteleuropa vornehmlich während der letzten Kaltzeit, der Würm-Eiszeit statt. Durch wechselndes Gefrieren und Auftauen wurde die oberste Schicht des Dauerfrostbodens intensiv aufgearbeitet. Es bildete sich eine Frostschuttdecke aus scherbigem Gesteinsschutt. Die chemischen Veränderungen waren wegen der niedrigen Bodentemperatur nur gering. In den Bergländern wurde häufig Löss in die Schuttdecke eingemischt. Der Löss erreichte große Mächtigkeiten in den Beckenzonen. Am Ende der letzten Eiszeit vor etwa 12000 bis 10000 Jahren waren die Ausgangsbedingungen für die einsetzende Bodenbildung äußerst günstig. Nach der Erwärmung und der Wiederbesiedlung der Erdoberfläche durch Pflanzen konnte die jetzt intensivere chemische Verwitterung im bereits aufbereiteten Gesteinsschutt einsetzen.

Die Böden können ihrer Bodenart und ihrem Bodentyp nach untergliedert werden. Während die Bodenart weitgehend vom Ausgangsgestein abhängt, ist der Bodentyp stärker durch die klimatischen und hydrologischen Verhältnisse des jeweiligen Standortes geprägt.

Die Talauen in Mittelhessen werden von teils anmoorigen feinsandigen Lehmen, seltener von Sand und Kies eingenommen. An den Hängen bestimmen die Schichten des Anstehenden die bodenartliche Zusammensetzung. Vorherrschend sind Mittel- und Feinsande sowie Schluff. Mittel- und grobkörnige Folgen des Buntsandsteins liefern meist durchlässige Böden, während aus feinkörnig-tonigen Serien teils sehr schwere Böden resultieren. Bodentypologisch herrschen außerhalb der Auen Braunerden unterschiedlicher Basensättigkeit und Gründigkeit, insbesondere in den Schuttdecken vor. Auf Löss haben sich Parabraunerden entwickelt. Weiterhin sind podsolierte und hydromorphe Böden festzustellen.

Zusammenfassend lässt sich sagen:

Der mittelhessische Raum bildet gegenüber seiner Mittelgebirgsumrahmung eine ausgesprochene Gunstlage. Dazu trägt das Klima in seiner reliefbedingten Modifikation ebenso bei wie die im Pleistozän entstandenen Substrate des oberflächennahen Untergrundes, auf denen sich im Holozän die rezenten Böden entwickelt haben. Die begünstigten schwach geneigten Flächen des Reliefs werden landwirtschaftlich genutzt. Steilere, ungünstig exponierte Reliefteile sind mit Wald bestanden.

Der Gegensatz zwischen weiten Auen und Beckenlandschaften als offene Kulturlandschaft und bewaldeten Steilhängen und Höhenlagen macht bis heute den besonderen Reiz der hessischen Landschaft aus.

Siedlungen und Verkehr

Bereits Pörtner12 beschreibt eine wichtige „Bernsteinstraße“, die seit etwa 600 v. Chr. von der Elbmündung über das Leinetal, Niederhessen und die Westhessische Senke, rheinaufwärts zur „Burgundischen Pforte“ und schließlich von dort rhoneabwärts nach Massilia, dem heutigen Marseille, führt. Die mehr oder weniger groben Trassenführungen der Altwege13, man kann sie auch als „Korridore“ bezeichnen, sind seit den intensiven Untersuchungen, die besonders zu Beginn des 20. Jhd. einsetzten, im Wesentlichen bekannt14. Die zeitliche Entstehung solcher Fernwege endet jedoch oft in Vermutungen. Schuld daran sind fehlende konkrete historische Quellen und eindeutige archäologische Befunde und Funde. Dass die Römer innerhalb ihres Weltreiches Straßen anlegten und vielerorts mit einem massiven Unterbau ausstatteten, ist hinlänglich bekannt. Man hat im römischen Hessen die Trassen der römischen Heerstraßen untersucht und in Beziehung zu unserem modernen Straßennetz gesetzt. Jenseits des Wetterau-Limes jedoch sind kaum befestigte Römerstraßen bekannt, obwohl man aus den Berichten von Caesar15 oder Tacitus16 Kriegszüge der Römer in den Marburger Raum, überhaupt nach Mittel- und Nordhessen sowie nach Thüringen hinein, kennt. Letztendlich liegt auch die östlichste römische Stadtgründung Waldgirmes in Hessen.

Caesar im Lahntal : 55 v. Chr. und 53 v. Chr.

Limburg-Eschhofen

Das Limburger Becken bildet neben dem Mittelrheinischen Becken einen der beiden großen intramontanen Senkungsräume innerhalb des Rheinischen Schiefergebirges17. Es bildet den mittleren Teil der natürlichen Einheit des Gießen-Koblenzer-Lahntals zwischen dem Weilburger Lahntalgebiet und dem unteren Lahntal beiderseits des Flusses um die Stadt Limburg. Die etwa 20x14 km weite, waldarme Landschaftskammer des Limburger Beckens ist als tektonisches Einbruchsfeld angelegt und verbindet die stärker eingeschnittenen Talstrecken im Weilburger Lahntalgebiet mit denen des unteren Lahntals. Sie gliedert sich in das Nord- und Süd-Limburger Becken sowie in das nahezu ebene Innere Limburger Becken mit der Villmarer Bucht und der Linterer Platte, in dessen Sohle sich der gewundene Lahnverlauf etwa 50 m tief eingeschnitten hat. Die an den Rändern des Beckens vorspringenden oder aus diesem aufragenden Hügel bilden weithin sichtbare Landmarken, welche das Landschaftsbild prägen, so das Heidenhäuschen (398 m) nördlich von Steinbach, der Mensfelder Kopf (314 m) und der sich jenseits des östlichen Beckenrandes im Langhecker Lahntaunus befindliche Bergrücken Galgenberg (277 m) bei Villmar. Der Untergrund besteht vorwiegend aus Gesteinen der geologischen Lahnmulde, welche an den Rändern und an steileren Talhängen zu Tage treten18. In der Diezer Pforte verlässt die Lahn das Limburger Becken und geht, von ansteigenden Terrassenfluren begleitet, bei Fachingen in das untere Lahntal über. Die dortigen Mineralquellen entspringen an einer tektonischen Bruchlinie, welche den weithin sichtbaren Westrand des Beckens zum westlichen Hintertaunus bildet und die sich über die Thermalquellen von Bad Schwalbach und Schlangenbad bis zum Rheingau verfolgen lässt. Große Teile des Limburger Beckens tragen mächtige Lössdecken, so auf der Ahlbacher Bördenplatte, welche vom Elz-Hadamarer Beckenrand mit dem Elbbachgrund und der Schupach-Hofener-Randplatte mit dem Tal des unteren Kerkerbachs als Begrenzung flankiert wird. Die Schwarzerde-ähnlichen Böden machen neben der Klimagunst das Becken zu einem wichtigen Altsiedelraum. Im südlichen Beckenteil mit dem Kirberger Hügelland erinnern die volkstümlichen Namen „Goldene Grafschaft“ an der Aar und „Goldener Grund“ entlang des Emsbachs an den idealen Siedlungs- und Wirtschaftsraum. Nicht zu unterschätzen ist auch die verkehrsgeographische Bedeutung des Beckens mit einem wichtigen Lahnübergang bei Limburg, wovon bereits Fernwege in der Spätlatène- und Römischen Kaiserzeit zeugen, in deren Tradition heute die A3 und die Hochgeschwindigkeitsstrecke Köln-Rhein-Main auf einer ganz ähnlichen Trassierung stehen.

Im Jahre 2012 wurden östlich der Autobahn A3 bei Limburg-Eschhofen die Reste einer spätlatènezeitlichen Siedlung und zweier römischer Marschlager entdeckt. Da sich die Größe der Grabungsfläche eng an der Bautrasse für den Autobahnneubau orientierte, konnte im Zuge der Maßnahme weder die Ausdehnung der einheimischen Siedlung noch diejenige des überlagernden Marschlagers exakt bestimmt werden.19 Weitere spätlatènezeitliche Siedlungsreste wurden auch westlich der Autobahn, auf dem siedlungsgünstig gelegenen Sporn des Greifenberges, aufgefunden. Dabei handelte es sich um Lehmentnahmegruben, Grubenhäuser, Erdkeller und Speicherbauten (Vierpfostenbauten). Sogar die Pfostenstandspuren eines großen Gebäudes kamen ans Licht. Es konnten umfangreiche Keramikinventare beobachtet werden, die angesichts ihrer teilweise fremdartig anmutenden Machart zunächst nicht treffend zugeordnet werden konnten. Die Keramik stellte sich dann allerdings als ein größerer Komplex einheimischer Ware der Spätlatènezeit aus dem Untertaunus und dem Westerwald heraus. Vor diesem Hintergrund richtete sich der Blick auf die entsprechenden Befunde und vor allem auf die eisenzeitliche Keramik vom Greifenberg. Trotz der etwa 300 m betragenden Entfernung zwischen den beiden Fundstellen ließen sich dieselben Warenarten feststellen.20 Es stellte sich heraus, dass die Ausdehnung des während der Spätlatènezeit besiedelten Areals im Umfeld der heutigen A3 deutlich über den 2012 erfassten Befundkomplex von Eschhofen hinausging. Angesichts der aktuellen Befundlage erstreckt sich die betreffende besiedelte Fläche über eine Strecke von mehr als 400 m in Ost-West-Richtung und von bis zu 300 m von Norden nach Süden. Diese Ausdehnung überrascht angesichts des verhältnismäßig kurzen Zeitraumes, der sich nach den bisherigen Erkenntnissen anscheinend nur auf die Spätlatènezeit beschränkte. Die eisenzeitlichen Befunde vom Greifenberg weisen die gleichen Brand- und Planierungsverfüllungen wie diejenigen von der östlichen Autobahntrasse auf. Angesichts des einander ähnelnden keramischen Materials lässt sich für die zwei eisenzeitlichen Fundstellen beiderseits der Autobahntrasse die gleiche Zeitstellung annehmen. Trifft die von den Ausgräbern vermutete Zusammengehörigkeit zu, ist oberhalb des Limburger Lahntals mit einer mindestens 12 ha großen spätkeltischen Siedlung zu rechnen, eine Siedlungsausdehnung, die hinsichtlich der infrage kommenden Periode im weiteren Umland ihresgleichen sucht. Mit Blick auf die Frage nach der Besiedlung der Region vor und während der ausgehenden Eisenzeit, die lange als spärlich bzw. nicht vorhanden eingestuft wurde, zeichnet sich derzeit aufgrund der aktuellen Geländeforschungen auf den angrenzenden Anhöhen des Hintertaunus ein neues Befundbild ab. So lassen sich dort in unerwartet hohem Umfang eisenzeitliche Verhüttungsplätze und Schmieden nachweisen, die ein neues Licht auf Siedlungsprozesse und Wirtschaftsgefüge im Hintertaunus und im südlichen Westerwald während der späten Eisenzeit werfen.

2003 gelang es südlich von Waldgirmes eine alte Straße auszugraben.21 Das Wegestück war offensichtlich ein Teil des späteren „Schunkauer Weges“, dessen Verlauf noch im Flurbuch von Waldgirmes aus dem Jahre 1833 eingetragen ist.22 Von Wetzlar kommend kreuzte der „Schunkauer Weg“ die Lahn bei Wetzlar-Naunheim, um entlang der Bergrücken rechts der Lahn nach Norden zu verlaufen, wo er sich in der Gemarkung Waldgirmes mit der „Alten Marburger Straße“ verband. Dieser Weg war noch bis in die 1970iger Jahre als Hohlweg erhalten. Dieses archäologisch verifizierte Wegestück war offensichtlich Teil einer alten Fernwegeverbindung, die vom Rhein her in das Innere Germaniens zielte und dabei dem Lahntal aufwärts folgte, um dann von der Siedlungskammer am Dünsberg Anschluss an die Überlandwege nach Osten und Norden zu finden. Hinweise auf die zeitliche Tiefe dieser Verkehrslinie können die beiden oben genannten römischen Marschlager sein, die bei Limburg-Eschhofen ausgegraben worden sind.23 Es handelt sich um zwei direkt benachbarte unterschiedlich große römische Fortifikationen. Das ältere Lager I umfasste eine Fläche von rund 10 ha und bot somit Platz für 2500 bis 3000 Soldaten. Dass der Ort für die Errichtung des Lagers I mit Bedacht gewählt worden war, zeigt die Tatsache, dass einige Jahre später in unmittelbarer Nähe oberhalb der Lahn das Lager II angelegt wurde. Es hatte eine Fläche von rund 7 ha und war damit schätzungsweise für etwa 1500 bis 2000 Soldaten konzipiert. Bemerkenswerterweise wurde Lager II nach der Aufgabe der oben beschriebenen Siedlung auf deren Areal angelegt. Die ortsansässigen Ubier hatten sich in ihre bewehrten (Höhen-)-Siedlungen zurückgezogen wie Caesar es ihnen nahe gelegt hatte.24 Nach Ansicht von Schallmeyer25 waren die Militärlager und die hier stationierten Großverbände eine eindrückliche Demonstration römischer Macht. Die Umwehrung beider Lager bestand aus Erdwällen und Spitzgräben. Sie waren noch 1,8 m tief erhalten. Zur Datierung der Bauwerke konnten Teile römischer Amphoren für Wein herangezogen werden. Sie entsprechen dem Typus „Dressel 1“, was einer Nutzung von der caesarischen bis in die augusteische Zeit nahe legt.26 Den entscheidenden Anhaltspunkt für eine exaktere Datierung aber bildete ein besonderer Typus von Schuhnägeln, der aufgrund relativ kurzzeitiger Verwendung eindeutig in die Epoche Caesars deutet. Es handelt sich um eine Form, die durch ihren flachen und breiten Nagelkopf auffällt, der im Gesenk geschmiedet wurde. Auf seiner Unterseite ist er mit einem kreuzförmigen Grat verstärkt und er weist vier kleine Noppen in den Zwischenquadranten auf. Besonders bemerkenswert sind die Größendurchmesser der Nagelköpfe. Sie betragen mindestens 1,8 cm, 2,2 cm und 2,3 cm. Damit besitzen die Stücke von Eschhofen und vom Dünsberg27 die gleichen Merkmale wie sie bei der republikanischen Armee besonders während der Zeit Caesars Verwendung fanden.28 Unmittelbare Vergleichsfunde liegen aus den Belagerungsanlagen vor, die Caesar in den Jahren 52 und 51 v. Chr. um Alesia (Alis-Sainte-Reine, Côte d’Or) und Uxellodunum (Puy d’Issolut) errichten ließ. Neben den Mustern auf den Unterseiten der Nagelköpfe ist der Durchmesser der Nägel ein weiteres, chronologisch signifikantes Kriterium. Er verringerte sich allmählich von Werten zwischen 30 mm und 10 mm in caesarischer Zeit auf Werte zwischen 15 mm und unter 10 mm in spätaugusteischer Zeit. In den ab 15/12 v. Chr. gegründeten Lagern östlich des Rheins sind Nägel mit einem größeren Durchmesser als 15 mm nicht mehr nachgewiesen.29

Die Funde stammen aus der Zeitstufe Latène D2a, das bedeutet absolut-chronologisch gesehen die Zeit etwa zwischen 80 v. Chr. und der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. Die genauere Analyse der Keramik erlaubt sogar eine feinere Datierung in die Phase des „Übergangs“ von Lt. D2a zu Lt. D2b. Das Siedlungsende von Eschhofen-Greifenberg ist ziemlich genau um die Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. ( um 50 v. Chr.) festzulegen und durch die sehr enge stratigraphische Verknüpfung der Lagerstrukturen mit den Befunden der spätkeltischen Siedlung ergibt sich damit auch für die römische Präsenz auf dem Greifenberg eine zeitliche Festlegung, die gut in die caesar-zeitlichen Feldzüge rechts des Rheines passt.30

In seiner Schrift „Commentarii de Bello Gallico“31 beschreibt Caesar u.a. seinen ersten Rheinübergang im Jahre 55 v. Chr. Die Ubier, Sugambrer, Tenkterer und im Besonderen die Sueben sollten die Stärke und den Mut der Römer kennen lernen, auch baten die Ubier, die als einzige der „germanischen Stämme“ Gesandte zu Caesar geschickt hatten, um Hilfe gegen die einfallenden Sueben, die die Ubier hart bedrängten.32

Nach einem Aufenthalt von insgesamt 18 Tagen33 auf der rechten Rheinseite zog sich Caesar wieder nach Gallien zurück.

Der Brückenschlag erfolgte wohl vom 12. bis 21. Juni 55 v. Chr. Das dem Bau vorausgegangene Angebot der um Unterstützung bittenden Ubier, Caesar und seine Truppen mit ihren Schiffen über den Rhein überzusetzen, hatte Caesar abgelehnt, denn er meinte, ein solcher Übergang mit Schiffen böte weder genügend Sicherheit noch sei er mit seiner und der Würde des römischen Volkes vereinbar:

„Sed navibus transire neque satis tutum esse arbitrabatur neque suae neque populi Romani dignitatis esse statuebat.“34

Der Ort des Brückenschlages ist bisher Spekulation,35 wiewohl das Moselmündungsgebiet, im weiteren Sinne das Koblenz-Neuwieder-Becken zwischen Lahnstein (Rhein-Lahn-Kreis) und Andernach (Lkrs. Mayen-Koblenz), dabei eine gewisse Wahrscheinlichkeit für sich hat, die aufgrund späterer Gegebenheiten, wie etwa dem erst vor kurzem entdeckten augusteischen Kastell in Koblenz, dem spät-tiberisch-claudischen Vicus von Andernach, der auf das Jahr 47 n. Chr. datierten Rheinbrücke zwischen Koblenz und Ehrenbreitstein sowie der Anbindung des Obergermanischen Limes an die Rheinlinie unterstrichen wird.36 Dabei wird des Öfteren eine Übergangsstelle bei Urmitz betont oder auch unterschieden, nämlich in die der Stelle „pons prior“ bei Weißenturm (Lkrs. Mayen-Koblenz) und die des „pons alter“ bei Urmitz (Lkrs. Mayen-Koblenz). 53 v. Chr. überschreitet Caesar erneut den Rhein, um Strafaktionen gegen die Germanen durchzuführen. Von der Stelle des Brückenschlages marschierte Caesar wohl über Montbaur, Limburg-Eschhofen37, Weilburg und Wetzlar („Schunkauer Weg“?) in den Raum um den Dünsberg, von wo er möglicherweise in das Amöneburger Becken gelangte und eventuell in das Tal der Schwalm vorstieß, den Sueben seine Macht demonstrierend. Bei einer Aufenthaltszeit von wiederum 18 Tagen könnte das römische Heer nach etwa 9 Tagen (rund 20 - 25 km Tagesmarschleistung) im mittel- bzw. niederhessischen Raum angekommen sein, wo sich suebische Verbände aufgehalten haben könnten, die sich vor den heranrückenden römischen Truppen in Richtung auf den BACENIS SILVA zurückzogen,38 um Caesar mit seinen Legionen zu erwarten.

Die Zielrichtung von Caesars Vordringen rechts des Rheins ist 53 v. Chr. mehr als deutlich: es ist das Siedlungsgebiet der Sueben, jener unruhigen, nomadisierenden „Germanen“, die in seiner Vorstellung Völkerschaften bedrängen und in Abhängigkeiten bringen, so dass diese sich genötigt sehen, den Rhein zu überqueren, um in Gallien Unruhe zu stiften und Erhebungen (Aufstand der Treverer) durch die Stellung von Hilfstruppen zu unterstützen.39 Damit die Sueben nicht auf die Ressourcen der Ubier zurückgreifen können, weist er die einheimischen Häuptlinge an, alles in Sicherheit zu bringen. Dies würde zum archäologischen Befund der spätlatènezeitlichen Siedlung der Ubier bei Limburg-Eschhofen recht gut passen. Vielleicht hat Caesar nämlich erst, nachdem sein Befehl ausgeführt war, das Hab und Gut, das Vieh und alle Sachwerte in befestigte Oppida zu bringen, verbunden mit der Aufgabe und Zerstörung von Siedlungen wie eben dem ubischen Dorf auf dem Greifenberg-Plateau, ein Lager hier „idoneum locum“ angelegt und „rem frumentariam providet“.40 Evident ist, dass das römische Militär auf der Hochfläche von Limburg-Eschhofen ihr neues Lager II über der durch Brand niedergelegten einheimischen Siedlung erbaute.

Für die entdeckten Römerlager I und II bei Limburg-Eschhofen lässt sich die sonst regelhaft zu beobachtende Lage an bedeutenden Verkehrsknotenpunkten41 bisher erst ansatzweise erschließen. Doch allein die Existenz einer großen spätlatènezeitlichen Siedlung auf dem Greifenberg zeigt jedoch zumindest indirekt, ihre Anbindung an das späteisenzeitliche Wegenetz. Hinweise auf eine im Bereich der heutigen Autobahnbrücke gelegene Furt über die Lahn sind möglicherweise ein Indiz für die Kontrolle und Überwachung einer etwa in Nord-Süd-Richtung den Fluss querende Wegeachse. In Ost-West-Richtung ist die Bedeutung des Flusses selbst als Verkehrs- und Handelsweg keinesfalls zu unterschätzen.42 Die Existenz einer auf dem Südufer der Lahn verlaufenden Ost-West-Verbindung bereits in der Eisenzeit ist recht wahrscheinlich, so dass trotz des Fehlens weiterer Hintergrundinformationen von einer Anlage der beiden römischen Stützpunkte von Limburg-Eschhofen an einem bereits bei Ankunft der Truppen bestehenden Verkehrsknotenpunkt ausgegangen werden kann, ohne dass dies zum gegenwärtigen Zeitpunkt eindeutig archäologisch nachzuweisen ist.

Auch das Dünsberggebiet war über die Lahn an das überregionale Verkehrssystem angebunden und beherrschte die sich von hier aus nach Norden und Osten hin öffnende Landschaft.43 Einige frühe römische Fundstücke liegen vom Dünsberg-Oppidum vor, etwa ein mit den Formen von Alesia vergleichbaren Schuhnagel, mehrere Schleuderbleie und Pfeilspitzen44, so dass darin vielleicht zumindest ein materieller Niederschlag auf die von Caesar überlieferten Zusammenhänge gegeben sein könnte. Vor diesem Hintergrund ist es nicht ausgeschlossen, dass eine Stoßrichtung der Heeresabteilungen Caesars in diese Regionen geführt hat, die dann spätere Unternehmungen des römischen Militärs nach sich zogen. Die ubischen Späher berichteten Caesar sicher auch von den Solequellen bei Bad Nauheim und von der Eisenwirtschaft im Lahn-Dill-Sieg-Gebiet.45 Der mögliche Vormarsch der caesarischen Truppen kann vom Dünsberg aus auf einer Trasse erfolgt sein, die später dann auch Drusus (10/9 v. Chr.), Germanicus (15 n. Chr.), Pomponius Secundus (49/50 n. Chr.) und sogar Maximinus Thrax (235 n. Chr.) benutzten, denn die topographischen Voraussetzungen für gangbare Überlandwege haben sich in diesen Jahrhunderten nicht verändert und sicherlich haben die geographischen und damit auch topographischen Informationen der Germanienexpeditionen Caesars Eingang in die römischen Aktenarchive gefunden und dienten später auch anderen Feldherrn für die Planung ihrer militärischen Aktionen.

Seine Unternehmungen auf germanischem Gebiet bezeichnete Caesar als Erfolg:

„[…] omnibus his rebus confectis, quarum rerum causa traducere exercitum constituenrat, ut Germanis metum iniceret, ut Sugambros ulcisceretur, ut Ubios obsidione liberaret, diebus omnio decem et octo trans Rhenanum consumptis, satis et ad laudem et ad utilitatem profectum arbitratus se in Galliam recepit pontemque rescidit.“46

Ubier, Sueben, Chatten – Germanen?

„Was sollen wir von einem historischen Begriff halten, der eine Großgruppe entweder voraussetzt oder aber konstituiert, die es wohl nie gegeben hat, die sich selbst jedenfalls nie als solche empfand und dementsprechend sich auch niemals so bezeichnete? Wie sollen wir mit einem Begriff umgehen, den vor mehr als zweitausend Jahren Caesar als Konstrukt wenn schon nicht erfunden, so dann doch zumindest populär und für seine politischen Ziele dienstbar gemacht hat? Einen Begriff, der dann seit dem Beginn der Neuzeit zwei Dutzend Generationen von vornehmlich deutschen, von ihrer eigenen Gegenwart frustrierten Intellektuellen, Professoren und anderen Schulmeistern eine Goldgrundvergangenheit anbot, auf die sich das Kämpferische, Heldische, Starke, Große, Gute, Edle, Schöne und Reine so wunderbar projizieren ließ, das man in der eigenen Welt so schmerzlich vermisste?

Und: Wie stellen wir uns zu einem Begriff, der als gebieterisches rassistisches Attribut mit dem Konzept des Herrenmenschen verbunden, die massenhafte, industriell organisierte Ermordung nichtgermanischer sogenannter ‚Untermenschen‘ geistig vorbereiten und begleiten konnte?“47

Die Ubier

„Ne Ubii quidem, quamquam Romana colonia esse meruerint ac libentius Agrippinenses conditoris sui nomine vocentur, origine erubescunt, transgressi olim et experimento fidei super ipsam Rheni ripam collocati, ut arcerent, non ut custodirentur.“48

Der Stamm der Ubier, lateinisch Ubii, siedelte im 1. Jahrhundert v. Chr. auf der östlichen Seite des Mittelrheins, im Gebiet zwischen mittlerer und unterer Lahn, Wetterau und Taunus. Die Ubier werden zuerst von Caesar in seinen „Commentarii de Bello Gallico“ im Zusammenhang mit dem Vordringen der Sueben nach Westen erwähnt. Der „germanische“ Stamm war in Bezug auf Sachkultur und sprachlichen Eigenheiten der keltischen Welt verhaftet und Caesar zählt sie zwar zu den Germanen49, doch hätten sie sich zivilisiert, indem sie die Lebensart der Gallier angenommen hätten.50

„[…] Ubii, quorum fuit civitas ampla atque florens, ut est captus Germanorum. Et paulo sunt quam einsdem generis ceteri humaniores, propterea quod Rhenum attingunt multumque ad eos mercatores ventitant et ipsi propter propinquitatem Gallicis sunt moribus adsuefacti.“

Die Ubier mussten sich in der Mitte des 1. Jahrhunderts v. Chr. gegen die aus dem Nordosten und Osten vordringenden Sueben behaupten, zu deren Stammesverband auch die später in Hessen siedelnden Chatten gehörten. Im Laufe von etwa zwei Jahrhunderten entwickelten sich aus Resten der einheimischen Kelten, suebischen Völkerschaften, Przeworsk-Elementen, Elbgermanen und aus dem Nordwesten einsickernden Rhein-Weser-Germanen der eigentliche Stammesverband der Chatten, dem auch die Bataver und die um Wiesbaden lebenden Mattiaker51 angehörten.52

Die Ubier baten Caesar im Jahre 55 v. Chr. um Hilfe gegen die suebischen Invasoren, Caesar baute die erste Rheinbrücke und erklärte die Ubier zu Freunden des römischen Volkes.53 Von den Sueben/Chatten jedoch weiterhin arg bedrängt, unterwarfen sich die Ubier nach dem Aufstand der Treverer 53 v. Chr. den Römern anlässlich des zweiten Rheinüberganges von Caesar und galten nun als „deditictii“.54

Im Rahmen der Neuordnung Galliens unter der Statthalterschaft des Marcus Vipsanius Agrippa 19/18 v. Chr. wurden die Ubier in das ehemalige Stammesgebiet der Eburonen am Niederrhein umgesiedelt. Das neue Siedlungsgebiet der Ubier reichte nun im Süden bis zum Vinxtbach, der Grenze der späteren Niedergermanischen Provinz, im Westen bis zur Rur und im Norden bis in die Gegend des heutigen Krefeld. Zu den ersten Neusiedlungen gehörten, den archäologischen Funden nach zu schließen, Novaesium (Neuss) und Bonna (Bonn), wobei zunächst Bonn der Hauptort gewesen zu sein scheint. Weiter ubische Siedlungsspuren sind aus Dormagen und Remagen bekannt.

Die Auswertung des umfangreichen späteisenzeitlichen Fundmaterials aus dem ursprünglichen Siedlungsgebiet der Ubier, u.a. vom Greifenberg bei Limburg, aus Eschhofen und vom Dünsberg hat gezeigt, dass die einheimischen Siedlungen aufgrund eines Vergleiches ihres Formengutes mit dem der Fundspektren von zahlreichen weiteren Plätzen der näheren und weiteren Umgebung Teil eines ausgeprägten Kulturraumes sind, der sich auch über das Lahn-Dill-Gebiet, das südliche Westfalen und die nördliche Wetterau mit dem Amöneburger Becken erstreckt. Seine Besonderheiten bilden sich bereits in der Mittellatènezeit heraus und sie finden ihre deutlichste Ausprägung in der Zeit des Spätlatène.55

Hintergrund und Voraussetzung dieser Entwicklung waren neben den fruchtbaren Böden der kleinen Siedlungskammern und Hochflächen, die weitere befestigte und unbefestigte Siedlungsplätze aufweisen, sowie den Verkehrswegen, die Eisenerzvorkommen des Gebietes, deren Ausbeutung zu einem gewissen Wohlstand führte.56 Es fällt auf, dass die Bildung der Lahn-Dill-Gruppe mit einem starken Anstieg der Eisenverhüttung in der Region zusammenfiel. Die dadurch angestoßenen wirtschaftlichen Veränderungen, darunter neben dem Ausbau von Metallgewinnung und –handel auch technische Innovationen in der Landwirtschaft, besonders der Einsatz eiserner Pflugscharen, legten den Grundstein für eine Blütephase der Region während der Mittel- und Spätlatènezeit.57

Das Oppidum auf dem Dünsberg stellt dabei den Mittelpunkt der Gesamtregion dar. Sein Fundmaterial, als „Dünsberg-Fazies“58 bezeichnet, deutet, zunächst im archäologischen Sinne, eine gewisse Eigenständigkeit dieses Landschaftsraumes (Gießener-Wetzlarer-Lahntalung) an.59 Zudem tritt der Dünsberg (und auch das zeitgleiche Oppidum Amöneburg) am Ende der Spätlatènezeit augenscheinlich auch als Münzprägestätte mit Bedeutung für ein größeres Umfeld in Erscheinung.60 Besonders die numismatische Komponente des Dünsberg-Oppidums wird mit der historischen Überlieferung verbunden, wodurch eine Namenszuweisung an eine Bevölkerung im Sinne einer ethnischen Deutung möglich erscheint. Quinare mit der Darstellung eines „tanzenden Männleins“61 kommen in ihren Ausprägungen am Dünsberg vor, ihre weiter entwickelten Varianten finden sich jedoch auf linksrheinischem Gebiet vor allem im Kölner Raum.62 Hinter dem Vorkommen und der Verbreitung dieser Münzen u.a. im Bereich des späteren „oppidum ubiorum“ dürfte sich daher in Wahrheit jene Siedlungsverlagerung verbergen, die mit der historisch überlieferten Umsiedlung des Stammes der Ubier vom germanischen auf das gallische Flussufer unter Marcus Agrippa 39/38 v. Chr. oder- wahrscheinlicher- 19/18 v. Chr. zu verbinden ist.63

Demnach handelt es sich bei dem oben umschriebenen Landschaftsraum zwischen Rhein, Lahn, Ohm und Sieg um das einstige ubische Siedlungsgebiet.64

Die Sueben und Chatten

„Ultra hos Chatti initium sedis ab Hercynio saltu incohant, non ita effusis ac palustribus locis, ut ceterae civitates, in quas Germania patescit: durant siquidem colles, paulatim rarescunt, et Chattos suos saltus Hercynius prosequitur simul atque deponit.“65

„Nunc de Suebis dicendum est, quorum non una, ut Chattorum Tencterorumve, gens; maiorem enim Germaniae partem obtinent, propriis adhuc nationibus nominibusque discreti, quamquam in commune Suebi vocentur.“66

Um die Mitte des 1. Jhd. v. Chr. versuchten die nord- und mittelhessischen Chatten, die angestammte keltische Bevölkerung Mittelhessens zu vertreiben. Sie wollten diese Region zu ihrem eigenen Siedlungsgebiet machen.

Besonders die Funde auf dem Glauberg am Rande der Wetterau aus der Frühlatènezeit, die spätlatènezeitlichen Funde vom Dünsberg – Oppidum und die Funde auf dem Christenberg im Burgwald machen deutlich, dass die Wetterau und die angrenzenden Gebiete zum keltischen Kulturraum gehörten.67 Diese Einflüsse strahlten bis in den nordhessischen und südniedersächsischen Raum aus, sind dort jedoch wesentlich schwächer zu fassen. Neueste archäologische Untersuchungen im südniedersächsischen Einbeck im Leinetal machen keltischen Einfluss bis in diese Region wahrscheinlich. So berichtet der Stadtarchäologe Markus Wehmer aktuell über die Entdeckung eines Haustyps, der eher in Baden-Württemberg oder Bayern, also im keltischen Kulturbereich, geläufig sei. Ein Pfostenhaus von zehn mal fünf Metern Größe kam bei Einbeck ans Tageslicht, das auf zwölf Pfosten begründet ist.68

„Zivilisatorisch ist das Gebiet bis Mittelhessen eingedenk regionaler Eigenheiten bis zur Mitte des letzten vorchristlichen Jahrhunderts fester Bestandteil der keltischen Welt.“69

In Caesars Bericht über seine Feldzüge in Gallien werden in einem Exkurs die Zustände in Germanien während dieser Zeit beschrieben.70 In diesen Schriften ist im heute hessischen Raum noch nicht von den Chatten die Rede, sondern der römische Feldherr trifft auf Ubier und „hinter“ ihnen auf Sueben.71 Es erscheint denkbar, dass es sich bei den Chatten um einen Traditionskern des suebischen Stammesverbandes handelt, der aus nordöstlich-östlicher Richtung auf die Völkerschaften in Rheinnähe Druck ausübte.72 Die erste Erwähnung der Chatten bezieht sich auf das Jahr 11 v. Chr., als Rom ihnen am Mittelrhein Land zuweist, das vorher von ubischen Völkerschaften besiedelt gewesen war.73 Die Römer errichteten ein Lager und sicherten sich dadurch die Kontrolle über diesen Stamm. Als offene Gegner des Römischen Imperiums tauchen die Chatten dann im Jahre 9 v. Chr. auf. In diesem Jahr traf Drusus im Verlaufe eines von Mogontiacum ausgehenden Feldzuges in der Gegend der Wetterau auf Chatten, in den nördlich davon gelegenen Gebieten auf Sueben, um dann an der Weser auf die Gruppe der Cherusker zu stoßen.74 Anders stellt sich die Situation etwa 25 Jahre später für den Feldherrn Germanicus dar, der sich im Jahre 15 n. Chr. an der nordhessischen Eder eine erbitterte Schlacht mit den Chatten um deren Hauptsitz Mattium lieferte.75 Archäologisch deuten Fundgegenstände an Schwalm und Eder, die um 50 v. Chr. dort unvermittelt auftreten, auf den Zuzug einer neuen Bevölkerungsgruppe hin, deren ursprüngliche Siedlungsgebiete etwa zwischen Elbe und Oder lagen und die während ihrer nach Süden und Westen gerichteten Ausbreitung die eingesessene Bevölkerung unter ihre zeitweilige Oberhoheit gebracht hatten. So mussten zum Beispiel auch die Ubier den „Sueben“ Tribut zahlen. Auch in Nordhessen hinterließen diese elbgermanischen Neusiedler ihre archäologischen Spuren: die Funde bezeugen für das Jahr 9 v. Chr. in Nord- und Mittelhessen die auch literarisch überlieferten Sueben.76

Es deutet sich an, dass ein Teil der suebischen Bevölkerung um die Zeitenwende mit dem König Maroboduus nach Böhmen abwanderte und dass in die frei gewordenen Räume Menschen eventuell aus dem Nordwesten einwanderten und eine neue kulturelle Entwicklung anstießen, die sich dann in dem zeigte, was gemeinhin als die rhein-weser-germanische Kulturprovinz angesprochen wird. Dabei ist von einer zahlenmäßig geringen Einwanderung von vielleicht einigen hundert Waffen tragenden Männer auszugehen, die mit ihren Familien den oben genannten „chattischen Traditionskern“ bildeten.77 Der größte Teil der einheimischen bäuerlichen Bevölkerung behielt seine angestammten Wohnsitze bei.78

Nach Meyer lässt sich der Entwicklungsprozess in Mittelhessen zwischen Mittellatènezeit und früher Kaiserzeit in etwa so zusammenfassen:

Lt. C/D1: es treten erste Fremdformen im Fundgut auf, die aus dem Osten bzw. aus dem Nordosten (Przeworsk-Kultur) stammen;

Lt. D2: bis auf die Oppida Dünsberg und Amöneburg brechen die keltischen Höhensiedlungen, bedingt durch die Einwanderung und Ansiedlung der „Sueben“, weg. Germanische Kulturelemente, Fibel, Hausformen, Keramik, die Subsistenzwirtschaft setzen sich durch. Besonders deutlich werden diese Tendenzen in den Siedlungen Hatzfeld/Eder, Fritzlar/Geismar, Niederweimar und Mardorf 23.

Um Christi Geburt: die germanische Bevölkerung adaptiert römische materielle Kultur, die letzten Oppida werden aufgegeben.79

Das Amöneburger Becken

Nach Eisenach80 ist die Spätlatènezeit im Bereich des Amöneburger Beckens und seiner Randgebiete eng mit den Ergebnissen der archäologischen Grabungen auf der Amöneburg verbunden. Bereits 1925 fanden erste Grabungen am Südrand des Bergsattels in einer Senke zwischen der Burg und der Kuppe der Wenigenburg statt.81 Dabei wurden Gruben, Pfosten, Feuerstellen und auch Steinpflaster beobachtet. Neben Spuren der Michelsberger Kultur sind Funde, besonders Gefäße auffällig, die als Hinweise auf eine kontinuierliche Besiedlung ab der Frühlatènezeit auf dem Burgberg gewertet werden. Auch Nauheimer Fibeln sind unter dem Fundgut.82 Auf dem gesamten Stadtberg fanden sich in der Folge spätlatènezeitliche Fundstellen. In der natürlichen Senke zwischen den beiden Basaltkuppen der Amöneburg, heute durch einen Sportplatz überbaut, lag das spätkeltische Oppidum. Die Kernsiedlung lag sicherlich auf dem nur schwach geneigten und daher bebauungsfreundlichen, fast kreisrunden Plateau von 12 ha Größe oben auf dem Berg.83 Von dort aus bietet sich dem Betrachter ein Panoramablick in alle Himmelsrichtungen auf die umgebende fruchtbare Beckenlandschaft und auf die Höhen der angrenzenden Landschaften, wie den Frauenberg und den Dünsberg im Südwesten oder den Wüstegarten im Nordosten. Während der Grabung 1948 erfasste Otto Uenze in Schnitt 3 in diesem Bereich einen Spitzgraben, der etwa 2 m tief und 3 – 4 m breit war. 1954 tauchte der Spitzgraben in weiteren drei Schnitten auf. Spitzgräben werden gemeinhin mit römischen Marsch- und Standlagern in Verbindung gebracht. Der römische Kriegstheoretiker Publius Flavius Vegetius Renatus des ausgehenden 4. Jahrhunderts n. Chr.84 unterscheidet Spitzgräben („fossa fastigata“) bei längerfristigen Lagern und bei Marschlagern. Für Marschlager gibt er für die Breite der Gräben 1,5 m an und für die Tiefe 0,9 m. Für längerfristig angelegte Lager empfiehlt er eine Grabenbreite von 2,7 – 3,9 m und eine Tiefe von 2,1 m. Allerdings variieren in der beobachtbaren Praxis die Maße stark.85

Eisenach86 beschreibt einen Eisenfund, den sie als Rest eines Hufschuhs interpretiert. Völlig offen bleibt aber, ob der beobachtete Spitzgraben und der eventuelle Hipposandalenrest römische Aktivitäten auf der Amöneburg erkennbar machen.

In der Verfüllung des Grabens auf der Amöneburg fanden sich zahlreiche latènezeitliche Scherben und Kleinfunde. Die späteren archäologischen Grabungen am Südhang des Berges erbrachten unter anderem auch Hauspodien, die eine dichte Bebauung des Areals andeuten.87 Insgesamt weisen die Befunde und Funde der Amöneburg auf eine oppida-ähnliche Anlage am Nordrand der keltischen Welt hin. Auf eine zentralörtliche Funktion deutet die dominierende Lage in einer Beckenlandschaft und Siedlungskammer hin. Zudem lag die Siedlung verkehrsgünstig an einem Hauptverkehrsweg in Nord-Süd-Richtung. Eine Befestigungsanlage scheint nach bisherigen Erkenntnissen gefehlt zu haben. Eine solche wäre auch aufgrund der besonderen Geländesituation mit der herausragenden Basaltkuppe, die nach allen Seiten hin steil abfällt, auch nicht unbedingt nötig gewesen. Die Kleinfunde der Amöneburg belegen eine Nutzung auch über das Ende der Stufe Lt. D1 hinaus. Dies gilt auch für die in Sichtweite gelegene Höhensiedlung des Dünsberges. Beide Anlagen waren zur Zeit der Vorstöße Caesars über den Rhein (55 v. und 53 v. Chr.) vermutlich noch bewohnt. Als jedoch Drusus 9/12 v. Chr. mit seinen Truppen an die Weser zog, muss er den Dünsberg, dem weitgehenden Fehlen von Funden nach zu urteilen, nahezu verlassen vorgefunden haben.88 Möglicherweise gelang es dem römischen Feldherren so relativ leicht eine Eroberung der Siedlung.89 Anders verhält es sich bei der Amöneburg. Kleinfunde und Keramiken und römische Münzfunde90 bezeugen, dass die Amöneburg wohl immer noch eine zentrale Bedeutung besaß. Am Nordwesthang des Berges sind im 19. Jahrhundert wiederholt Goldmünzen gefunden worden.

„Auf eine alte Straße scheint der Umstand hinzuweisen, daß am Nordwesthang der Amöneburg oberhalb des Hofes Radenhausen wiederholt römische Goldmünzen gefunden worden sind. Einen Aureus des Nero, der sich im Besitz des Amtsgerichtssekretärs Schelter in Amöneburg befand, habe ich vor 20 Jahren selbst gesehen.“91

Darüber hinaus sind im Langdorffschen Kreisinventar mehrere römische Silbermünzen sowie mehrere Aurei des Nero erwähnt.92 In die Jüngere Römische Kaiserzeit datieren einige Keramiken, bronzene Haarnadeln sowie ein aus fünf Münzen bestehender römischer Schatzfund, der in der „Untergasse“ bei Kanalarbeiten entdeckt wurde.93 Damit ist die Amöneburg eine der wenigen Höhensiedlungen Nord- und Mittelhessens, die nicht im Laufe des ersten vorchristlichen Jahrhunderts verlassen wurde, sondern während der Feldzüge der Römer und vermutlich noch zwei Generationen später besiedelt war. Im Hinblick auf die Enddatierung der Amöneburg hat die Keramik gegenüber den Kleinfunden weitreichende Erkenntnisse ermöglicht.94 Die jüngsten Gefäße datieren in die Zeit um 50 n. Chr.95 Die Siedlung auf der Amöneburg endete also nicht -wie bisher weitgehend angenommen- vor dem Beginn der Stufe Lt. D2. Zeitgleich zu den Anfängen der Besiedlung auf dem Basaltstotzen entstand zu ihren Füßen, nur wenig südlich gelegen, die Siedlung Mardorf 23. Nach den bisher vorliegenden Untersuchungen96 erreichten nicht nur Mardorf und die Amöneburg die Stufe Lt. D2, sondern auch der Dünsberg .Die Ergebnisse der bisherigen archäologischen Auswertungen der mittelhessischen Befunde und Funde belegen für die Wetterau, das Amöneburger Becken und das Lahn-Dill-Gebiet anhaltende überregionale Kultur- und Handelskontakte nach Thüringen, Nordhessen und Südniedersachsen. Augenscheinlich gab es eine anhaltende Nachfrage nach Salz und Eisenprodukten, die in der Wetterau bei Bad Nauheim97 und im Lahn-Dill-Gebiet sowie im Siegerland produziert und für einen überregionalen Markt bereitgestellt wurden. So wurden weitreichende Handels- und Kommunikationswege ausgebaut bzw. neu geschaffen.98 Die auf der Amöneburg am Hang gefundenen Gefäße (zum Beispiel Dolien) machen deutlich, dass das Oppidum enge Handelskontakte mit den Salzproduzenten in Bad Nauheim unterhielt. Darauf begründet kann man annehmen, dass die Amöneburg Marktort im Amöneburger Becken war, wo Produkte aus dem Umland gesammelt und über die Fernhandelsnetze weiter verhandelt wurden bzw., dass Güter aus anderen Regionen aus dem Fernhandel in die umliegenden Siedlungen gelangten.99

Die Absicherung dieser Siedlungskammer „Amöneburger Becken“ muss für die römischen Truppen auch von zentraler Bedeutung gewesen sein, lag hier doch ein wichtiger Flussübergang des Fernweges in Richtung Norden. So wird auch die Stelle bei Tacitus100 verständlich, der im Zusammenhang mit dem Germanicus-Feldzug im Jahre 15 schreibt:

„Igitur Germanicus quattuor legiones, quinque auxiliarum milia et tumultuarias catervas Germanorum cis Rhenum colentium Caccinae tradit; totidem legiones, duplicum sociorum numerum ipse ducit, positoque castello super vestigia paterni praesidii in monte Tauno expeditum exercitum in Chattos rapit, L. Apronio ad munitiones viarum et fluminum relicto.“

Demnach hat L. Apronius möglicherweise die Ohmquerung ausgebaut und gesichert, um den überraschenden Vorstoß der Römer gegen die Chatten im Norden zu ermöglichen. Andererseits verdeutlicht die Textstelle auch, dass im mittelhessischen Bereich um den „monte Tauno“ offensichtlich die Chatten nicht das Gros der Bevölkerung ausmachten, sondern die dort lebenden Menschen noch der keltischen Kultur verhaftet waren. Demnach dürfte neben der Beckenlandschaft auch die Amöneburg selbst unter keltischer Kontrolle gestanden haben.

Als Reaktion auf den Versuch, die einheimische Bevölkerung zu vertreiben, führte der Legat des obergermanischen Heeres, Publius Pomponius Secundus, 49 oder 50 n.Chr. einen Feldzug durch, dessen Aufmarschgebiet um den „monte Tauno“ gelegen haben wird. Dabei hat es sich um den Dünsberg bei Biebertal-Fellingshausen gehandelt.101 Jedenfalls teilte sich an dieser Stelle das römische Heer, wie wir von Tacitus wissen.102 Ein Verband könnte daraufhin in die nun chattischen Siedlungsgebiete im Amöneburger Becken und Nordhessen gezogen sein, der zweite zum Schlag gegen die Eindringlinge in die Wetterau vorgedrungen sein. Auf diesem Feldzug gelang es dem römischen Heer sogar noch Römer zu befreien, welche die Germanen während der Varusschlacht (9 n. Chr.) gefangen genommen hatten.

Altwege

„Wegenetze sind die Grundlage jeglicher Kommunikation historischer Zeiten. Wege sind das Medium, über das Austausch stattfindet. Nicht nur Austausch von Waren und Personen, sondern auch von Informationen und Ideen. Bis in das digitale Zeitalter hinein, das körperliche und dingliche Mobilität zunehmend unwichtiger werden lässt, stellen sie das zentrale Infrastrukturelement dar. Somit ist es für das Verstehen einer historischen Epoche von zentraler Bedeutung eine Vorstellung des entsprechenden Wegenetzes zu haben. […] Der Begriff Weg […] bezeichnet im Allgemeinen einen durch den Menschen geschaffenen, einem nicht näher spezifizierten Verkehr von Waren oder Personen vorbehaltenen Bereich in der Landschaft.“103

In karolingischer Zeit, d.h. etwa ab dem 7.-8. Jhd., ist das europäische Straßennetz durchorganisiert. Politik und Handel machen Fernwege immer notwendiger. Es entstanden mit dem zunehmenden Verkehr feste Etappenstationen nach römischem Vorbild an Furten, Brücken und Steigungen.104

Für die römischen Aktivitäten in Mittel- und Nordhessen und darüber hinaus kommt als Anmarschweg zum einen die Weinstraße105 westlich der Lahn in Richtung Norden in Betracht.

Ihr Name ist von „we-in“ = Wagen abgeleitet. In den unterschiedlichen hessischen Mundarten findet man die Begriffe „wän“ oder „wäng“ für Wagen noch heute wieder. In diesem Sinne ist „Weinstraße“ gar kein richtiger Name, sondern eine Nutzungsbezeichnung.

Die Weinstraße verband die ehemalige Römerstadt Mainz mit dem nördlich von Korbach gelegenen Obermarsberg, weiterhin mit Paderborn und schließlich mit dem Raum Bremen an der Nordseeküste. In unserem hessischen Raum führte die „Wagenstraße“ von Mainz aus über Frankfurt, Friedberg, Butzbach, Gießen, Staufenberg, Salzböden, Fronhausen, Niederwalgern, Niederweimar, Wehrshausen westlich von Marburg, westlich, kreuzte die Lahn bei Sterzhausen bzw. Sarnau und zog über Wetter im Wetschafttal über Haina,106 Frankenberg, Korbach, Obermarsberg weiter nach Norden.

Aus dem soeben beschriebenen Verlauf ergibt sich zwischen Gießen und Marburg eine Streckenführung am westlichen Lahnufer entlang. Karolingische Etappenstationen säumen hier ihren Verlauf wie zum Beispiel das „Alte Schloss“ im Salzbödetal. Inwieweit eine Vorläufertrasse der sicher in karolingischer Zeit ausgebauten Weinstraße den römischen Truppen für ihre Zwecke diente, ist nicht zu verifizieren, aber auch nicht auszuschließen, stößt sie doch in die ehemaligen Stammesgebiete der Chatten und Cherusker vor.

Jedoch ist eine ins Auge fallende Verkehrswegeführung entlang des Ostabfalls der Lahnberge, nämlich der „Balderscheider Weg“ für die römischen Truppenbewegungen eher anzunehmen107 und die dritte Möglichkeit stellt die Streckenführung in Richtung der später so genannten „Langen Hessen“ dar. Von Staufenberg her bis in die Nähe von Hachborn, genauer bis zur Straßmühle im Tal der Zwester Ohm, war der „Balderscheider Weg“ identisch mit der alten Handelsstraße „Lange Hessen“. Aufgrund seiner Trassenführung als Höhenweg am Kamm der Lahnberge oberhalb der Orte Moischt und Schröck entlang, dürfte er bereits weit in vorkarolingischer Zeit entstanden sein.

Demandt108 hat den „Balderscheider Weg“ auch als „Lahnhöhenweg“, aber auch als „Fritzlarer Straße“ bezeichnet. Dies dürfte “die urprüngliche Hauptader“ des Verkehrs gewesen sein.109 Sein Verlauf wird wie folgt skizziert:

Aus der Wetterau kommend, verlief der „Lahnhöhenweg“ auf den östlichen Lahnbergen entlang, zog am westlichen Rand des Amöneburger Beckens weiter in Richtung auf die Ohmfurt bei Anzefahr.110 Der Weg führte weiter über Schönstadt, dann über Jesberg auf den Fritzlarer Raum zu. Von Schönstadt verläuft eine Seitentrasse über den Burgwald in den Raum Frankenberg und Edertal. Im Burgwald kreuzte eine Ost-West-Verbindung, „die das untere Rheingebiet über das Rothaargebirge und den Nordteil des Amöneburger Beckens mit Niederhessen und Thüringen verbindet.“111

Die Ohmfurt bei Anzefahr

Von Interesse ist die Deutung des Ortsnamens von Anzefahr, der eine große zeitliche Tiefe des Namens vermuten lässt.112

Anzefahr wird 1226 zum ersten Mal urkundlich in der Namensform „Ancevar“ erwähnt. Max Gottschald113 gibt „Ans“- für „Asen“ und belegt „Anz“/“Anzer“ in Ortsnamen als Kurzform von „Asen“. „Asen“ leitet er von got.“anses“ ab, in der Bedeutung von „Gott“ oder „Gottheit“. „-var“/“fahr“ deutet Gottschald als „Furt“/“Überfahrt“. Für Simek kommt der Begriff aus dem urgerm. „ans“ für „Gott“ oder „Mächte“ und ist wurzelverwandt mit dem germ. „ans“ für „Balken“ oder „Pfosten“, sodass der Name möglicherweise direkt auf die Verehrung von hölzernen Idolen zurückzuführen ist. Für hölzerne Götteridole hat die Archäologie eine ganze Reihe von Beispielen geliefert, nicht zuletzt im thüringischen Oberdorla, wo überregional annähernd tausend Jahre ein Heiligtum bestand, in dem neben anderen Praktiken auch hölzerne Gottheiten verehrt wurden.

Der Ortsname „Anzefahr“ könnte also in der Bedeutung „Furt der Götter“ gemeint sein.

Dies führt zu einer interessanten Stelle in der „Historia Romana“ von Velleius Paterculus, ein römischer Geschichtsschreiber, der im Heer des römischen Feldherrn und späteren Kaisers Tiberius im Jahre 5 n. Chr. bis in die Siedlungsgebiete der Langobarden an der Unterelbe vordringt und dort, die Germanen hatten sich vor den Römern auf die östliche Seite der Elbe zurückgezogen, eine eigentümliche Beobachtung beschreibt.

[...]


1 Die Migration der Sueben oder Elbgermanen macht sich in Hessen besonders während der sogenannten „Übergangszeit“ bemerkbar, als aus dem Norden und Nordosten, aber auch aus dem Nordwesten, neue Kultureinflüsse die hessischen Gebiete erreichen.

2 Caes. Bell. Gall. IV, 16

3 Semmel, 1990, 15

4 Diercke Weltatlas, 1996, 4. Auflage, Geologie Deutschlands, Karte 1, 12

5 Gemeint ist das Gebiet zwischen der Rhein-Main-Linie, der Rhön und dem Edertal im Norden

6 Die Ausführungen über die Geologie folgen im Wesentlichen Machatschek, 1955, 102 - 109

7 Troll-Paffen, 1964, 5-28

8 Klimabereich C5, Diercke Weltatlas , 2002, 46

9 wiki-bildungsserver.de (30.12.2020)

10 Müller, 1984, 10ff.

11 wikipedia.com; Boden (Bodenkunde), Definition (25.01.2021)

12 Pörtner, 1973

13 Große Teile der Altwege waren unbefestigte Naturwege, deren Verlauf sich nach der Geologie und der Topographie der Landschaften richtete, die zwischen Quell- und Zielgebieten des Verkehrs zu durchqueren waren. Die Talböden in vor- und frühgeschichtlicher Zeit waren häufig sumpfig und manchmal verkehrsfeindlich. Deshalb verliefen Altstraßen vorzugsweise auf Höhenrücken (Wasserscheiden) oder hangparallel in sanfter Hanglage in Höhe der Quellhorizonte. Die Höhenwege hatten auch den Vorteil, dass sie insgesamt trockener waren als Wege im Tal. Wie sich aus systematischen Vergleichen heutiger Wegenetze und Straßennamen ablesen lässt, bestanden Altwege durchaus nicht nur aus ein paar Wagenspuren. Je nach Bodenbeschaffenheit und Siedlungsdichte konnte es mehrere parallele Wege geben, die zu verschiedenen Zeiten oder zu verschiedenen Zwecken genutzt wurden. So teilte sich beispielsweise in der sandigen Senne der Hellweg außer dem heute noch Senner Hellweg genannten Weg für Handel und wohl auch Reisewagen in den Huckepackweg für Fußreisende und den Reiterweg für schnellere Fortbewegung. Diese einzelnen Wege konnten mehrere hundert Meter auseinanderliegen.

14 Vgl. Maurer, 1998

15 Rheinüberschreitungen im Raum des Neuwieder Beckens 55 und 53 v. Chr.; vgl. Schallmeyer u.a. , 2012, 95-101

16 Tac. Ann. Buch I, 56

17 https://de.wikipedia.org/wiki/Limburger -Becken Zugriff: 6.12.2020)

18 Aufgrund der geologischen Geschichte und des Vorkommens zahlreicher Störungszonen hat das Lahn-Dill-Gebiet eine ungewöhnliche Vielfalt an Erzen und mineralischen Rohstoffen zu bieten. Nicht nur Eisenerz wurde gefunden und gefördert, sondern auch Kupfer-, Silber-, Blei-, Zink-, Mangan-, Nickelerz und Quecksilber sowie die mineralischen Rohstoffe Schwerspat, Kalk, Diabas und Dachschiefer. Das Lahn-Dill-Gebiet gehört geologisch gesehen zum so genannten „Hessischen Synklinorium“, das einen geologisch komplizierten Aufbau aufweist. Das „Hessische Synklinorium“ liegt im Osten und Südosten des Rheinischen Schiefergebirges und wird geologisch untergliedert in die Dillmulde, die Lahnmulde und die markante Struktur der Hörre-Zone, welche die Dillmulde und die Lahnmulde trennt. Im Osten hat die Gießener Decke Anteil am Lahn-Dill-Gebiet. Entstanden ist das Synklinorium durch Faltung und Überschiebung im Paläozoikum mit den dabei verursachten vielfältigen Untergliederungen durch Hebungen, Bruchlinien und Verwerfungen. Vulkanismus im Tertiär prägte mit der Entstehung des Westerwaldes das heutige Landschaftsbild.

19 Schade-Lindig,; Meyer, 2016, 57

20 Vgl. detaillierte Angaben bei Schade-Lindig; Meyer, 2016, 59-61 und Schade-Lindig, 2020, 50-239

21 hessenArchäologie, 2003, 151-153

22 Archiv des Heimatmuseums Waldgirmes

23 Schallmeyer, 2012, 95-101; Schade-Lindig u.a., 2020

24 Caes. Bell. Gall., VI, 10: his cognitis rebus rem frumentariam providet, castris idoneum locum deligit; Ubiis imperat, ut pecora deducant suaque omnia ex agris in oppida conferant, sperans barbaros atque imperitos homines inopia cibariorum adductos ad iniquam pugnandi condicionem posse deduci.

25 a.a.O.

26 Es besteht durchaus die Möglichkeit, dass die römischen Stützpunkte im unteren Lahntal zwischen den Rheinübergängen Caesars und dem Beginn der Drususfeldzüge angelegt worden sein könnten. Agrippa überschritt 37 v. Chr., M. Vinicius drang 25 v. Chr. nach Osten vor und im Jahre 20/19 v. Chr. war erneut Agrippa von Gallien aus aktiv. Vgl. Becker, 1992, 87-99. Ein Stützpunkt im Limburger Becken könnte sehr gut sowohl mit der Umsiedlung der Ubier als auch mit der Überwachung von neu angesiedelten „Chatten“ in Verbindung stehen. Vgl. Becker, 2015, 230

27 Schallmeyer, 2020,252, Abb. 207

28 Schallmeyer, 2020, 51

29 Poux, 2008 und Grote, 2012, 253-261

30 Vgl. Schallmeyer, 2020, Kap. 6, 106-190

31 Caes. Bell. Gall., IIII, 16-19

32 „Ubii autem, qui uni ex Transrhenanis ad Caesarem legatos miserant, amicitiam fecerant, obsides dederant, magnopere orabant, ut sibi auxilium ferret, quod graviter ab Suebis premerentur , vel, si id facere occupantionibus rei publicae prohiberetur, exercitum modo Rhenum transportaret: id sibi ad auxilium spemque reliqui temporis satis futurum. Tantum esse nomen atque opinionem eius exercitus Ariovisto pulso et hoc novissimo proelio facto etiam ad ultimes Germanorum nationes, uti opinione et amicita populi Romani tutti esse possint. Navium magnam copiam ad transportandum exercitum pollicebantur.“ (a.a.O.)

33 Becker, 2021, 126 geht davon aus, dass das römische Militär mit Vorräten für 15 Tage ausgestattet war. Dazu kommt, dass jeder Legionär eine Notration für 3 Tage mit sich führte. Eventuell muss man noch einen gewissen Anteil des Fouragierens mitberücksichtigen. Allerdings rechnet Becker mit einer täglichen Marschleistung von maximal 20 Kilometern.

34 Caes. Bell. Gall., IIII, 17

35 Schallmeyer, 2020, 269

36 Vgl. Wegner, 2013, 116 ff.

37 Dort schlägt er unmittelbar in der Nähe des Marschlagers I aus der Kampagne von 55 v. Chr. das Marschlager II auf und geht gegen die Sueben vor ( 53 v. Chr.) : „Caesar, postquam ex Menapiis in Treveros venit, duabus de causis Rhenum transire constituit; quarum una erat, quod auxilia contra se Treveris miserant, altera, ne ad eos Ambiorix receptum haberet. His constitutis rebus paulo supra eum locum, quo ante exercitum traduxerat, facere pontem instituit. Nota atque instituta ratione magno militum studio paucis diebus opus efficitur. Firmo in Treveris ad pontem praesidio relicto, ne quis ab his subito motus oriretur, reliquas copias equitatumque traducit. Ubii, qui ante obsides dederant atque in deditionem venerant, sui purgandi causa ad eum legatos mittunt, qui doceant neque ex sua civitate auxilia in Treveros missa neque ab se fidem laesam; petunt atque orant, ut sibi parcat, ne communi odio Germanorum innocentespro nocentibus poenas pendant; si amplius obsidum velit dari, pollicentur. Cognita Caesar causa reperit ab Suebis auxilia missa esse, Ubiorum satisfactionem accipit, aditus viasque in Suebos perquirit.“ Caes. Bell. Gall. VI, 9,1

38 Caes. Bell. Gall., VI, 10

39 Vgl. Schallmeyer, 2020, 280, Fußnote 876; „Interim paucis post diebus fit ab Ubiis certior Suebos omnesunum in locum copias cogere atque iis nationibus, quae sub eorum sint imperio , denuntiare, uti auxilia peditatus equitatusque mittant. His cognitis rebus rem frumentariam providet, castris idoneum locum deligit; Ubiis imperat, ut pecora deducant suaque omnia ex agris in oppida conferant, sperans barbaros atque imperitos homines inopia cibariorum adductos ad iniquam pugnandi condicionem posse deduci; mandat, ut crebos exploratores in Suebos mittant quaeque apud eos gerantur cognoscant. Illi imperata faciunt et paucis diebus intermissis referunt: Suebos omnes, posteaquam certiores nuntii de exercito Romanorum venerint, cum omnibus suis sociorumque copiis, quas coeginent, penitus ad extremos fines se recepisse; Silvam ibi esse infinita magnitudine, quae appelatur BACENIS; hauc longe introrsus pertinere et pro nativo muro obiectam Cheruscos ab Suebis Suebosque a Cheruscis iniuriis in cursionibusque.“ Caes. Bell. Gall., VI, 10, 1-5

40 Schallmeyer, 2020, 281

41 Johnson, 1987, 49

42 Schade-Lindig, 2020, 228

43 Schulze-Forster, 2015, 12 f.

44 Vgl. auch Jacobi, 1977, Tafel 6

45 Schallmeyer, 2020, 273, schreibt dazu: „ Zumindest dürfte er [Caesar] durch seine Kundschafter Kenntnis über die dortigen Verhältnisse erhalten haben. In diesem Fall wäre das Verschweigen seiner durch Autopsie gewonnenen Erkenntnisse über eine ausgeprägte Kulturlandschaft, in deren Zentrum der sich offenkundig noch funktionierende spätlatènezeitliche Salinenbetrieb von Bad Nauheim befand, eingebettet in eine landwirtschaftlich intensiv genutzte Lösslandschaft und überregional vernetzt durch ein feinmaschiges Fernwegesystem, im Zusammenhang seiner im Nachhinein dargestellten Absichten zu sehen, den Rhein als Völker- und auch Kulturgrenze zu definieren, was sich aus dem Beginn des ersten Buches der Kommentarien herauslesen lässt. Das im Grunde zu erwartende Eingeständnis des durch mehrere Umstände und durch wohl auch selbst erkannte strategische Unzulänglichkeiten hervorgerufenen Verzichts auf Eroberung dieser Gebiete und der militärischen Notwendigkeit des Rückzugs aus Germanien bleibt in eleganter Weise unausgesprochen, denn es konnte naturgemäß dem Bild eines erfolgreichen Feldherrn nicht entsprechen. Vielmehr stellt dieser das Ergebnis seines Germanenunternehmens als Erfolg dar und berichtet zum Abschluss lapidar: ‚[…] omnibus his rebus confectis, quarum rerum causa traducere exercitum constituerat, ut Germanis metum iniceret, ut Sugambros ulcisceretur, ut Ubios obsidione liberaret, diebus omnino decem et octo trans Rhenum consumptis, satis et ad laudem et ad untilitatem profectum arbitratus se in Galliam recepit pontemque rescidit.‘

46 Caes. Bell. Gall. IV, 19, 4

47 Jarnut, 2004, 111

48 Tac. Germ. XXVII

49 Raetzel-Fabian, 2001, 197-198: „ Griechische Schriftsteller wie Herodot (5. Jh. v. Chr.) oder Pytheas von Massilia, der in 2. Hälfte des 4. Jh. v. Chr. eine Reise nach Norden unternahm, kennen noch keine „Germanen“ in diesen Regionen. Die Bewohner nördlich und östlich der Kelten werden von ihnen zu den Skythen gezählt, eine Sammelbezeichnung für Bevölkerungsgruppen vom Rhein bis zum Schwarzen Meer. Die wohl älteste Erwähnung stammt aus dem Jahre 222 v. Chr., als die Römer bei Clastidium in Norditalien eine Schlacht gegen Gallier und Germanen (?) gewinnen. Inhaltliche Aussagen zu den Germanen finden sich erst bei Poseidonius von Apamea in dessen um 80 v. Chr. vollendeten Historien. Danach gleichen sie in ihren Essgewohnheiten in etwa den benachbarten Kelten, hätten aber einen wilderen Charakter. Doch erst mehrere Jahrzehnte später, in Caesars Schilderung des „Gallischen Krieges“ werden die Germanen als große, durch den Rhein von den Kelten getrennte ethnische Gruppe dargestellt. Unklar bleibt, ob Caesar hier aus politischem Kalkül einen übertriebenen Gegensatz zwischen Galliern und Germanen konstruiert, oder ob seine Schilderung tatsächlich ein mittlerweile übergreifendes Selbstverständnis rechtsrheinischer Stämme reflektiert, wie es sich teilweise in den Auseinandersetzungen zwischen Rom und den unter der Führung des Arminius verbündeten germanischen Stämmen in augusteischer Zeit findet. Aus archäologischer Sicht bildet sich der Traditionskern der Sachkultur, die später als germanisch bezeichnet wird, im Bereich der latènezeitlichen Jastorfkultur heraus. Doch diese Feststellung beruht auf Kontinuitäten in der materiellen Kultur und kann deshalb nicht ohne weiteres auf politische Verhältnisse oder ethnische Identitäten übertragen werden. Die Herkunft und Bedeutung des Begriffes „Germanen“ ist unklar. Dem griechischen Historiker Strabo (ca. 64 v. Chr.-20 n. Chr.) zufolge handelt es sich um eine von den Römern geprägte Bezeichnung, die soviel wie „die echten Gallier“ bedeutet und sich auf die Bevölkerung östlich des Rheins bezieht. Wieder finden wir einen Hinweis auf die gegenüber den Galliern gesteigerte Wildheit, auf besondere Körpergröße und blonde Haarfarbe. Die Sprachwissenschaft gibt sich mit dieser Erklärung indes nicht zufrieden. Von den zahlreichen Theorien sei hier nur eine angeführt: Danach handelt es sich bei dem Begriff „Germanen“ zunächst um die Selbstbezeichnung eines kleinen Verbandes („die das Erwünschte haben/bringen“) im belgisch-niederrheinischen Raum beiderseits des Rheins in vorcaesarischer Zeit. Erst mit der Schilderung Caesars erfährt diese Bezeichnung eine Ausweitung als übergeordneter ethnographischer Begriff. Nun erscheinen die Germanen aus römischer Sicht als einheitlicher Verband von Stämmen und werden ab augusteischer Zeit zum großen „Angst“-Gegner Roms.“

50 Caes. Bell. Gall. IV, 3, 3

51 Die Mattiaker (lateinisch: Mattiaci) waren wahrscheinlich eine Untergruppe der Chatten, die in der Umgebung von Wiesbaden (Aquae Mattiacorum), im Taunus und in der Wetterau gesiedelt hat. Für eine Verbindung mit den Chatten würde neben der geographischen Nähe und der Ähnlichkeit des Namens mit Mattium, dem Hauptort der Chatten , auch die Nennung direkt nach den Batavern bei Tacitus sprechen, für die der römische Schriftsteller ebenfalls eine Abstammung von den Chatten beschreibt. (Tac. Germ.XXIX): „Est in eodem obsequio et Mattiacorum gens: protulit enim magnitudo populi Romani ultra Rhenum ultraque veteres terminos imperii reverentiam. Ita sede finibusque in sua ripa, mente animoque nobiscum agunt, cetera similes Batavis , nisi quod ipso adhuc terrae suae solo et caelo acrius animantur.“ Die Mattiaker brauchten keinerlei Abgaben zu entrichten, leisteten aber den Römern Hilfe im Kampf, womit sie ein Vorposten der römischen Herrschaft an der Grenze zu Germanien waren. Die Mattiaker haben sich im Verlaufe des 1. Jahrhunderts n. Chr. zunehmend von den Chatten emanzipiert und meist, mit Ausnahme des Bataveraufstandes, eine romfreundliche Politik betrieben. Nicht zuletzt wird die Lage ihres Siedlungsgebietes gegenüber dem Doppellegionslager Mogontiacum sie zu einem solchen Verhalten gezwungen haben. Die Römer betrachteten den Stamm und sein Gebiet als ihren Einflussbereich, was durch die Anlage der Kastelle Wiesbaden, Mainz-Kastel (Castellum Mattiacorum) und Hofheim noch unter den julisch-claudischen Kaisern gut belegt ist. Eine Nutzung der Thermalquellen von Wiesbaden durch die Römer scheint für die augusteische Zeit (nach Becker, 2008b) möglich. Tacitus erwähnt in den Annalen XI, 20 die Anlage von Silberminen im Gebiet der Mattiaker im Jahre 47 n. Chr. durch den Legaten Curtius Rufus. Doch brachte das Unternehmen den Soldaten nur Mühe und geringen Ertrag und es wurde bald wieder aufgegeben. Mit den Chattenkriegen Kaiser Domitians und der Errichtung des Limes wurden der Stamm und sein Territorium endgültig Teil des Imperiums.

52 An der Ethnogenese der „Germanen“ kommen nach Auffassung von Ament (1986) folgende Gruppen in Betracht: die Gruppen des Jastorf-Kreises, weitere eisenzeitliche Kulturgruppen des südlichen Skandinavien und des östlichen Mitteleuropa außerhalb der Jastorf-Kultur, spätlatènezeitliche Gruppen aus dem Rand- und dem Kerngebiet der Oppida-Zivilisation („Restkelten“). Ament umreisst damit auch den geographischen Raum, in dem die germanische Ethnogenese ungefähr stattfand (vgl. auch Sicherl, 2009, 43-57). Als Zeitraum für diesen Prozess ist das Ende des letzten Jahrtausends vor der Zeitenwende anzusetzen. Damit wäre das Germanentum also nicht wesentlich älter als sich aus der antiken Überlieferung ableiten lässt. Diese Annahme wird auch durch die Ergebnisse der Sprachwissenschaftler gestützt. Die ältesten germanischen Sprachdenkmäler reichen nicht über das 1. Jahrhundert v. Chr. hinaus. Dazu kommt, dass die germanische Lautverschiebung, dieser für die Herausbildung der germanischen Sprachen grundlegend wichtige Vorgang im 1. Jahrhundert v. Chr. noch in vollem Gange war. Caesar war also noch Zeitgenosse der germanischen Ethnogenese. Einige wenige germanische Namen legen den Schluss nahe, dass die germanische Lautverschiebung zumindest im Westen des germanischen Sprachgebietes erst im 1. Jahrhundert v. Chr. zum Abschluss kam. Als wichtige Beispiele werden in der Literatur aufgeführt: 1. Die Stammesnamen Kimbern und Teutonen (lat. cimbri teutonique; nicht etwa chimbri theudonique, wie nach der Lautverschiebung zu erwarten. 2. Der bei Caesar überlieferte Flussname Vacalus (= die Waal, einer der beiden großen Mündungsarme des Rheins); Tacitus schreibt etwa 150 Jahre später Vahalis. 3. Der Stammesname tencteri = die Tenkterer, nicht etwa thenchteri. Dieser Name ist allerdings nur dann ein Beispiel für die noch nicht vollzogene erste Lautverschiebung, wenn die für diesen Namen meist angenommene Etymologie thenXeraz (vgl. Zimmer, 2006, 572 f.) zutrifft. Nicht eindeutig ist der Befund bei vier Stammesnamen, die Caesar in Bell. Gall. 2,4,10 im Gebiet der Maas aufzählt: „Condruses, Eburones, Caerosos, Paemanos, qui uno nomine Germani appelantur“. Obwohl Caesar diese Stämme explizit als germanisch bezeichnet, hat die Forschung dennoch meist angenommen, dass nur der Name „Eburones“ germanisch ist (mit vollzogener Lautverschiebung ), während die drei anderen Namen als keltisch angesehen werden. Wären sie germanisch, so würden sie einen Lautstand vor der germanischen Lautverschiebung aufweisen. Dass die germanische Lautverschiebung in der Entwicklung des frühen Germanischen erst relativ spät geschehen sein kann, bestätigt der Umstand, dass innerhalb der drei indogermanischen Verschlusslautreihen, die von dieser Lautveränderung betroffen waren, in den germanischen Einzelsprachen keinerlei Vermischung eingetreten ist (vgl. Euler, 2009, 63). „Ceterum Germaniae vocabulum recens et nuper additum, quoiam , qui primi Rhenum transgressi Gallos expulerint ac nunc Tungri, tunc Germani vocati sint: ita nationis nomen, non gentis evaluise paulatim, ut omnes primum a victore ob metum, mox etiam a se ipsi invento nomine Germani vocarentur.“Tacitus (Germ. 2) hatte offensichtlich recht, wenn er in seinem „Namenssatz“ (Eduard Norden) aufführt, dass der Name „Germania“ und der davon abgeleitete Namen „Germanen“ jung und erst kürzlich aufgekommen sei. Wie schwer es ist, einen Einblick in die germanischen Sprachverhältnisse zu erhalten, zeigt sich beispielsweise auch an den Personennamen. Viele historische Persönlichkeiten, die zweifelsfrei als „Germanen“ gelten, entziehen sich namenkundlich dieser Zuordnung. Ariovist und Malorix sind mit Sicherheit keine germanischen Namen, und selbst für Arminius wird neben einem germanischen ein lateinischer oder gar ein vorgermanischer Ursprung diskutiert (Beck, 1973: RGA I, 1973, 422 s.v. Arminius, §2. Namenkundliches.; Kuhn, 1973: RGA I, 1973, 420-421 s.v. Arminius). Die Namen der kimbrischen Könige Boiorix und Teutobodus weisen sprachlich eine keltische Namensbildung auf, gleiches gilt für Maroboduus, Mallovendus, Adgandestrius und Gannascus (vgl. auch Rübekeil, 2008, 29-30). Die „Germani cisrhenani“, auf die der Germanenname zurückgehen soll, haben nur einen geringen Anteil Eigennamen germanischer Herkunft. Etliche Namen entziehen sich ganz einer sprachlichen Identifikation. Die zu beobachtende vielsprachliche Namenbildung (lateinisch, griechisch, keltisch) wird auf Sprachkontakte und die Romanisierung dieser Gruppen zurückgehen. Vor diesem Hintergrund verschwimmen die Aussagemöglichkeiten der Sprachzeugnisse als historische Quelle. Eine Analyse der Stammesnamen zeigt, dass diese sich mehrheitlich ebenfalls nicht aus dem Germanischen ableiten lassen. Linguistisch wären die namengebenden Germanen demnach keine Germanen gewesen (Birkhan, 1970, 181-234; Hachmann u.a., 1962).

53 Vgl. https://www.novaesium.de/glossar/ ubii.htm und Schallmeyer, Der Siedlungsraum der Ubier. In: 2008b) Tacitus erwähnt in den Annalen XI, 20 die Anlage von Silberminen im Gebiet der Mattiaker im Jahre 47 n. Chr. durch den Legaten Curtius Rufus. Doch brachte das Unternehmen den Soldaten nur Mühe und geringen Ertrag und es wurde bald wieder aufgegeben. Mit den Chattenkriegen Kaiser Domitians und der Errichtung des Limes wurden der Stamm und sein Territorium endgültig Teil des Imperiums.

54 Caes. Bell. Gall. VI, 9, 6-8; Caes. Bell. Gall. IV,16, 5

55 Vgl. zusammenfassend und mit weitere Literatur : Eisenach, 2017, 158 ff.; zu Verbindungen ins Linksrheinische: Osterwind, 1989, 172

56 Verse, 2008, 120 ff.; Eisenach, 2017, 157 ff., besonders auch 158, Anmerkung 9, 10

57 Derzeitiger Forschungsstand: Schade-Lindig, 2014, 77-79

58 Schallmeyer, 2020, 256

59 Dies besonders bei Eigentümlichkeiten der Tracht und der Handwerkstraditionen. Schulze-Forster, 2003, 89 f. spricht im Fall der kulturellen Erscheinung des Dünsberges von einem historischen „Sonderweg“ und verweist auf die „Eigenständigkeit der Stammesgruppen nördlich der Lahn“, die sich bei der „Germanisierung“ Hessens noch eine längere Zeit behauptet hätten, dabei die Schnittstelle zwischen keltischer Latènekultur und germanischer Kaiserzeit im Mittelgebirgsraum markierend. Er bemerkt weiter: „Das Ubiermodell bietet aus Sicht der antiken Ethnographie […] folgende Formel: dem Namen nach Germanen, aber kulturell den Galliern verwandt“, und verweist in diesem Zusammenhang auf die berühmte Studie von Hachmann/Kossack/Kuhn von 1962: „Völker zwischen Germanen und Kelten.“

60 Heinrichs, 2002, 266-344

61 Reinard, 2021, 76-77: „Bemerkenswert ist, dass das Oppidum auf dem Dünsberg bei Gießen, das ca. 8 km von Waldgirmes entfernt liegt, nach Aussage der Archäologie im zweiten Jahrzehnt v. Chr. endete. Anhand von Fundmünzanalysen konnte gezeigt werden, dass Teile des auf dem Dünsberg ansässigen Stammes wohl ins Rheinland gewandert sind. Jens Schulze-Forster (2005) verglich den archäologischen und numismatischen Befund, der eine Völkerverschiebung vom Dünsberg in Richtung Rheinland aufzeigt, mit der Umsiedlung der Ubier. Cassius Dio teilt mit, dass Teile der Chatten, er meint wohl die Ubier, die ursprünglich im hessischen Raum gesiedelt haben sollen, nicht zur Gänze in das linksrheinische Gebiet umgezogen sind (Cass. Dio, 54,36,3). Teile des Stamms verblieben wohl in ihrem einstigen Siedlungsland. Die von Agrippa durchgeführte Umsiedlung der Ubier […] und der archäologisch – numismatische Befund vom Dünsberg sowie die Beobachtungen zu den Fundmünzen sind auch chronologisch – sehr gut vergleichbar. Bemerkenswert ist, dass einige vormalige Dünsberg-Bewohner sehr wahrscheinlich in Waldgirmes lebten. Dies wird insbesondere durch die markanten Quinare vom Typ ‚Tanzendes Männlein‘ angedeutet, die typisch für die Prägungen vom Dünsberg sind, von denen aber auch sechs Exemplare der jüngsten bzw. letzten Serie in Waldgirmes gefunden wurden. Anhand von Fibeln und Keramik lassen sich weitere mögliche Beziehungen zwischen dem Dünsberger oppidum und der zivilen Siedlung von Waldgirmes fassen. Ersichtlich wird somit, dass die römische Politik, sei es nun durch Umsiedlungsmaßnahmen oder durch die Anlage von ‚Städten‘, Einfluss auf die vorrömischen Siedlungsstrukturen und natürlich auch auf die politischen Verhältnisse genommen hat. Eine gewisse Akzeptanz der regionalen Bevölkerung, die sich auf die römischen Angebote einließ, muss – zumindest bis in die Zeit des Varus – vorhanden gewesen sein. Im Gegensatz zum Lippe-Gebiet war eine dauerhafte Präsenz von römischem Militär im Lahntal offensichtlich nicht notwendig.“

62 Heinrichs, 2005, 183

63 Heinrich, 2002

64 Vgl. Eck, 2004, 31: „Caesar spricht nur recht ungefähr von den Wohnsitzen der Ubier; doch wird deutlich, daß ihr Stammesgebiet unmittelbar an den Rhein grenzte, und zwar am Neuwieder Becken. Im Norden dürfte es sich etwa bis zur Sieg, im Süden bis zum Taunusrand, erstreckt haben. Im Osten wurde wohl die Gegend um Amöneburg erreicht; dabei umfaßte es landschaftlich ganz unterschiedliche Bereiche, fruchtbares Ackerland, aber auch Teile der umliegenden Mittelgebirge.“

65 Tac. Germ. XXX

66 Tac. Germ. XXXVIII

67 Am Schnittpunkt wichtiger Fernverbindungen gelegen, die zu allen vorgeschichtlichen und historischen Perioden die Wetterau durchquerten, trug der Berg besonders im 5./4. Jahrhundert v. Chr. einen wichtigen Zentralort im Verkehrsnetz am Südrand der Mittelgebirgszone. Der keltische Fürstensitz auf dem Glauberg war keineswegs nur nach Südwestdeutschland hin orientiert, sondern eng in das kulturelle Gefüge des Mittelgebirgsraumes eingebunden. Die Keramik z. B. zeigt enge Kontakte zum Niederrheingebiet und nach Thüringen. In der frühen und mittleren Kaiserzeit blieb der Glauberg unbesiedelt. Er lag innerhalb des römischen Einflussgebietes und nur etwa 5 km außerhalb des Limes, gegenüber dem Kastell von Altenstadt, das einen wichtigen Verkehrsweg durch das Niddertal kontrollierte.

68 Einbecker Morgenpost vom 7.11.2018

69 Maier, 1996/97, 15

70 Caes. Bell. Gall. VI, 11-28

71 Sueben tauchen in den römischen Quellen als eigener Stamm, aber auch als Stammesverband auf. Aufgrund der ihnen zugeschriebenen militärischen Tüchtigkeit und Kampfkraft scheinen sie andere Stämme (vgl. Ubier) in Abhängigkeit gebracht zu haben. Durch ihre Erfolge genossen die suebischen Krieger, die sich durch ihre eigene Haartracht , den sogenannten „Suebenknoten“, auszeichneten, hohes Ansehen. Diese besondere Haartracht ist auch von Kriegern anderer Gruppen übernommen worden, das ursprüngliche Stammeszeichen verselbstständigte sich und wurde zu einem allgemeinen Statussymbol des germanischen Kriegers. Die Römer konnten hierbei nicht immer genau differenzieren. Die uns bekannten römischen Berichte lassen kein ausdrückliches Zusammengehen der jeweils untergeordneten Stämme eines Stammesverbandes erkennen, im Gegenteil, denn zahlreiche römische Nachrichten beschreiben kriegerische Auseinandersetzungen auch innerhalb der Stammesverbände. Die römischen Autoren sind nicht in der Lage, aus Unvermögen oder Desinteresse sei dahingestellt, die „Germanen“ adäquat und hinreichend genug zu beschreiben. Vieles in diesem Zusammenhang bleibt offen und kontrovers. Die Germanen werden zwar in ihrer Gesamtheit als Bedrohung wahrgenommen, doch sie waren kein politischer Verband, keine Identitäts- oder Interessengruppe. Die Germanen auf der Grundlage der historischen Schriftquellen als „Volk“ zu bezeichnen, ist nicht gerechtfertigt (Burmeister, 2020, 422). Was in den römischen Texten als „Germania“ bezeichnet wird und was wir heute als „Germanien“ verstehen, ist eine römische Erfindung, die auf Caesar zurückgeht.

72 Meyer, 2012/2013, 59

73 Cass. Dio 54, 26, 3

74 Cass. Dio 55, 1

75 Tac. Ann. 1, 55-56

76 Wiegels, 2020, 1-9

77 Kneipp/Seidel, 2006, 40

78 Meyer, 2012/2013, 57-78, besonders 59: Wir müssen für den mittelhessischen Raum bis zum Main mit einer Einwanderung von Siedlern aus dem Gebiet der Przeworsk-Kultur zwischen Oder und Warthe während der Phase Lt. D1 rechnen. Diese Wanderbewegungen sind im Zusammenhang mit den Zügen des Ariovist zu sehen, die seit den 70iger Jahren v. Chr. in Richtung Rhein zielen.

79 Fazit Ament, 1984: „Die in der Germania magna lebende Bevölkerung geht auf ein Amalgam von ethnischen Gruppen unterschiedlichster Herkunft zurück…“

80 Eisenach, 2002

81 Weitere archäologische Untersuchungen in den Jahren 1947/1948, 1953/1954, 1970 und 1982-1985 schlossen sich an.

82 Zanier, W.,“ Ende der Nauheimer Fibel in früher römischer Kaiserzeit?“ (Archäolog. Korr. 34, 1/2004): „Nauheimer Fibeln gelten als „Leitform der Stufe Latène D1“ und werden deshalb in die Zeit vom Ende des 2. bis in die Mitte des 1. Jhs. V .Chr. datiert. Doch gehört nicht jede Nauheimer Fibel automatisch in diesen Zeitrahmen. Inzwischen kommen Nauheimer Fibeln so häufig in frühkaiserzeitlich-römischen Fundkontexten vor, dass es nicht mehr überzeugt, all diese Exemplare als Altstücke oder verlagerte Funde zu erklären. Vielmehr wird es immer wahrscheinlicher, dass Nauheimer Fibeln nach ihrer Blütezeit während der Stufe Latène D1 sporadisch auch noch während der zweiten Hälfte des 1. Jhs. v. Chr. und bis in die frühe Kaiserzeit hinein von einer keltischen Bevölkerung getragen wurden.“

83 Eisenach,2008/2009, 143-152, räumt die Möglichkeit ein, dass der Südosthang des Berges wegen steigenden Platzbedarfes mit in das Siedlungsgelände des Oppidums miteinbezogen wurde. Das „ehemalige Siedlungsareal der Amöneburg könnte also, wie schon Gensen vermutete, neben dem Plateau, dem Südosthang auch die Wenigenburg und den Bergfuß umfasst haben und hätte eine Fläche von ungefähr 28 ha gehabt.“

84 Vegetius, De Re militari; www.digitalattic.org (11.2.2021)

85 Lager Wilkenburg: 1,2 m breit und 1,3 m tief; Lager Bielefeld-Sennestadt : 1,5 m breit, bis 0,8 m tief ; Hauptlager Hedemünden : 3,5 – 4,0 m breit, bis 1,5 m tief; Lager Haltern: 3,5 m breit, 1,5 m tief; Lager Hachelbich: bis 1,2 m breit, bis 1,0 m tief; Kneblinghausen : 2,4 m breit, 1,2 m tief; Holsterhausen : Lager B : 1,05 m breit, 0,65 m tief, ehemals 2,10 m breit, 1,5 m tief; Lager C : 1,5 m breit, 0,7 m tief; Lager D : 1,4 m breit, 0,9 m tief; Lager F : 2,0 m breit, 1,4 m tief; Oberaden : 4,5 m breit, 3,0 m tief; Lager Dorlar: 2,75 m breit, 2,3 m tief; Anreppen-Delbrück : max. 6,0 m breit, 2,0 m tief; Bonn-Legionslager : 4,0 m breit, 4,0 m tief; Bonn-Beuel : 1,3 – 1,7 m breit, noch 0,35 m tief; Bonn-Lengsdorf : 3,0 m breit, 1,1, m tief; Swisttal-Morenhoven : 2,2 m breit, 1,25 m tief.

86 Eisenach, 2017, 362; S43.4; 69 : „Als Hufschutz diente in römischer Zeit nicht der genagelte Beschlag, sondern Hipposandalen oder Hufschuhe. Sie bestanden aus einer Leder- oder Eisensohle, die mittels hochstehender Seitenlappen und Ösen, durch die Stricke oder Riemen gezogen wurden, am Huf oder an der Fessel befestigt waren. Sie wurden in römischer Zeit ausschließlich für Zug- und Lasttiere verwendet. […] Antike Schriftquellen verdeutlichen, dass es sich zudem um keinen permanenten Hufschutz handelte, sondern er wurde bei Bedarf - sprich in Abhängigkeit der Bodenverhältnisse - den Tieren angelegt.“ Sueton 23,2 : „ Mulionem in itinere quodam suspicatus ad calciandas mulas desiluisse, ut adeunti litigatori spatiam moramque praeberet, interrogavit quanti calciasset, et pactus est lucri partem.“ Vgl. auch den Fund von der Altenburg bei Niedenstein und die Funde vom Harzhorn bei Kalefeld/Südniedersachsen.

87 Eisenach, 2017

88 Eisenach, 2017, 64

89 Schlott, 1999, 64 f.

90 Z.B. Fund eines Münzmeister-Asses, Augustus 28 v. Chr./14 n. Chr.; ( Schubert, 2003, 64 ff.)

91 Forrer, 1910, 442 ff.

92 Nach Kappel, 1972, 87

93 Schubert, 2003, 64 f.

94 Eisenach, 2017, 183 ff.

95 Gensen, 1969; 25: „Einige Scherbenfunde, vor allem rädchenverzierte Scherben dürften zeitlich noch in das 1. Jhd. n. Chr. hineinreichen.“

96 Besonders Meyer, 2008

97 Becker, 2008b, 38 ff. : „Seit den Ausgrabungen Ende der 50-iger Jahre sind in Bad Nauheim neben den Resten der latènezeitlichen Salzsiedetätigkeit im Bereich der sog. Südsaline eine frühmittelalterliche Saline, eine latènezeitliche Siedlung sowie die Gräben mehrerer römischer Lager bekannt. Unter diesen befindet sich etwa 1,6 ha großes Erdkastell aus domitianischer Zeit sowie ein spätaugusteisches polygonales Lager, für das H.G. Simon eine Größe von etwa 6 ha annahm. Da dieses chronologisch etwa mit Haltern gleichzusetzende Lager Teile der latènezeitlichen Siedlung und Saline überdeckte, ging man von einem Ende oder doch einer schwerwiegenden Beeinträchtigung der keltischen Salzproduktion zu diesem Zeitpunkt aus. Weitere Reste der latènezeitlichen Siedetätigkeit fanden sich in dem Areal der sog. Nordsaline. Hier kam es im Zuge der Neubebauung auf dem Gelände des ehemaligen Hilberts Parkhotel zwischen 1990 und 2004 zu umfangreichen Grabungen des Landesamtes für Denkmalpflege Hessen. Diese erbrachten aufgrund der teilweise hervorragend erhaltenen Befunde nicht nur intensive Einblicke in die keltische Salzproduktion, sondern belegten auch die Nutzung der Sole bis in domitianische Zeit. Im Winter 2003/04 wurde im Nordwesten der Grabungsfläche eine hölzerne Quellfassung in Form eines L-förmigen, 72 qm großen und 2,3 m tiefen Beckens erfasst, das von einem gleichfalls L-förmigen Bau auf Schwellbalken überdacht war. Das dendrochronologisch auf 87 n. Chr. datierte Becken überschnitt ältere Quellfassungen. Von diesen konnten die Reste eines vermutlich langrechteckigen Beckens auf 43 v. Chr. und ein kleineres, quadratisches Becken auf 6 v. Chr. datiert werden. Aus diesem quadratischen Becken stammen fünf augusteische Münzen, vier Asse der 1. Altarserie aus Lugdunum und ein Nemausus Dupondius. Das jüngste Dendrodatum aus dem benachbarten laténezeitlichen Siedeareal ist 64 v. Chr. Über die Art der Solenutzung durch die Römer lassen sich bisher keine Angaben machen, denkbar wären sowohl die Salzgewinnung als auch die Nutzung für ein Bad. Die Abfolge der Quellfassungen belegt zumindest, dass die Kenntnis der Lage der Solequellen bis in domitianische Zeit nicht verloren ging, was eine kontinuierliche Nutzung der Quellen von der Latènezeit bis ins 1. Jahrhundert n. Chr. immer wahrscheinlicher werden lässt.“

98 Nach Görich, 1938; 145-150, ist für Oppida oder Höhensiedlungen typisch, dass sie an alten Verkehrswegen bzw. deren Knotenpunkten liegen.

99 Eisenach, 2008/2009, 151 f. : „Den Funden nach zu urteilen, lebten die Bewohner der Amöneburg primär von der Landwirtschaft und und gingen in diesem Rahmen handwerklichen Beschäftigungen nach: Spinnwirtel und Webgewichte belegen die Herstellung von Textilien; Meißel, Hohleisen, Äxte und Beile dienen zur Bearbeitung von Holz. Einige gefaltete Bleche und abgeschrotete Eisenstücke […] deuten auf die Wiederverwertung von Eisen und vielleicht auch auf die Anwesenheit eines Schmieds hin. Flachmeißel mit kurzen Schneiden, Stichel, Durchschläge und eine Punze könnten in den Bereich des Metallhandwerks gehören. Dies sind die wenigen Hinweise auf Tätigkeiten außerhalb der Landwirtschaft. Ackerbau und Viehzucht dürften auch für die Bewohner des Amöneburger Beckens eine zentrale Rolle gespielt haben. Das Umland der Amöneburg ist ungefähr 140 qkm groß, flach gewellt bis eben und zeichnet sich durch ertragreiche Böden aus, die mächtigen Lössablagerungen und einem trockenen Klima zu verdanken sind. Daher war das Amöneburger Becken in der Latènezeit dicht besiedelt und zog auch Siedler aus dem Osten an. ]…] Daher hatte die Amöneburg für die sie umgebenden Siedlungen sicherlich auch (politische, administrative, wirtschaftliche oder religiöse?) Mittelpunktfunktionen gehabt, für die es Hinweise gibt, die noch einer Erhärtung bedürfen: Die zeilenartige Bebauung des Südhangs zeugt von umfangreicheren Baumaßnahmen wie einer systematischen Anlage von Terrassen, die sich vorrangig an der Topographie orientieren, und abgesteckte Parzellen weisen auf lokale Ordnungsstrukturen hin. Objekte aus dem Latènegebiet (wie Glasarmringe oder Nauheimer Fibeln) sowie Buntmetallmünzen – die Amöneburg kommt nicht zuletzt wegen ihrer Nähe zu den Goldmünzendepots von Mardorf und Cölbe als Prägeort in Betracht – sind vage Indizien für Handel mit Gütern , die auf dem Hauptverbindungsweg durch die Hessische Senke hierher gelangten. „

100 Tac. Ann. 1, 55-58

101 Vgl. Moosbauer, 2018, 39; auch Becker, 2010

102 Tac. Ann. 12, 27,2 – 12, 28,2

103 Veling, 2014, „Heute wird die Altwegeforschung zunehmend, vor allem im internationalen Rahmen, unter dem breit gefächerten Oberbegriff der interdisziplinär angelegten Landscape Archäology betrachtet und die Bedeutung von Verkehrswegen als zentrales Infrastruktur- und Kommunikationselement einer historischen Landschaft betont.“ Vgl. auch: Auer, J., Altwege im Landkreis Kelheim. Weltenburger Akademie, Schriftenreihe 2.20, 1998

104 Vgl. Denecke, 1979, 433-483

105 Maurer, 1998

106 Der Ort liegt an einer wichtigen Straßenkreuzung, einerseits einem frühgeschichtlichen Wasserscheidenweg, der aus dem Rhein- und Siegerland kommt und durch Hessen nach Thüringen bis ins östliche Sachsen verläuft und andererseits der Weinstraße, die von Frankfurt kommend nach Norden führt. Hier mündet auch ein aus dem Amöneburger Becken kommender, über die Höhen des Wohratales, die „Donisse“ (Wall- und Grabenanlage) und die „Quernst“ (Höhe bei Frankenau) zur Eder führender Weg. (Arbeitsgruppe Kulturweg, Auskunft: Walter Wedekind wedekind.heli@t-online.de)

107 Moosbauer, 2018, 75 ff.

108 Demandt, 1972

109 Kern, 1966, 27

110 Eisenach, 2002, 110 f.

111 Wegner, 1989, 4

112 Veling, 2014, „Hinweise auf eine zeitliche Einordnung [von Wegen] können auch Ortsnamen geben, daneben lassen sich über historische Quellen Wege datieren, sofern ein spezifisches Wegrelikt im Gelände sicher mit einer historischen Quelle in Verbindung gebracht werden kann…“

113 Gottschald,1971, 169-171

Ende der Leseprobe aus 178 Seiten

Details

Titel
Kelten - Römer - Germanen. Siedlung und Verkehr in der Westhessischen Senke während der "Übergangszeit" (1. Jhd. v. Chr. bis 1. Jhd. n. Chr.)
Autor
Jahr
2021
Seiten
178
Katalognummer
V1021785
ISBN (eBook)
9783346395726
ISBN (Buch)
9783346395733
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kelten, römer, germanen, siedlung, verkehr, westhessischen, senke, übergangszeit
Arbeit zitieren
Konrad Goettig (Autor:in), 2021, Kelten - Römer - Germanen. Siedlung und Verkehr in der Westhessischen Senke während der "Übergangszeit" (1. Jhd. v. Chr. bis 1. Jhd. n. Chr.), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021785

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