In dieser Arbeit soll die Frage nach der grundsätzlichen Vergleichbarkeit der Rostocker Langzeitstudie zur Stufentheorie nach Oser/Gmünder thematisiert werden und daran anknüpfend auf die Bedeutung der Rostocker Langzeitstudie für die religionspädagogische Praxis eingegangen werden.
Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen für den Religionsunterricht haben sich in den letzten Jahrzehnten gravierend geändert: Es herrscht ein gesellschaftliches Klima, wo Religion und Glaube weder Relevanz noch Plausibilität zu haben scheinen, wo sich die Glaubensvorstellungen selbst kirchenverbundener Christen immer mehr von der offiziellen Glaubenslehre entfernen und wo die Erwachsenen diese nun fragwürdig gewordenen Vorstellungen, die sie selbst noch als Kinder prägten, nicht mehr an ihre eigenen Kinder weitergeben möchten. Enttraditionalisierung, Individualisierung, Pluralisierung, moderne Informationstechniken und Globalisierung prägen unsere moderne westliche Gesellschaft. Vor allem für Religion und Glaube gilt: „Traditionen werden nicht mehr geerbt, sondern gewählt.“ Kinder bringen heute eine Vielfalt von Wirklichkeitskonstruktionen mit in den Religionsunterricht, was vor allem die in der Religionspädagogik populären strukturgenetischen Konzepte religiöser Bildung mit ihrem universellen Geltungsanspruch in Frage stellt. Stufentheorien zur religiösen Entwicklung, wie die Studie „Der Mensch – Stufen seiner religiösen Entwicklung“ (1984) von Fritz Oser und Paul Gmünder gehörten jahrelang zum religionspädagogischen Standardprogramm für Lehramtsstudenten in Theologie. Anna-Katharina Szagun bezweifelt, dass es sich bei den Stufentheorien tatsächlich um „gesichertes Wissen“ handelt, da diese auf Untersuchungen in christlichen Kontexten basieren. Sie entwickelt einen eigenen Ansatz zur Untersuchung des Gotteskonzeptes von Kindern, die in einem mehrheitlich konfessionslosen Kontext groß werden. Dieser Ansatz wird in Kapitel 2 dieser Arbeit im Kontrast zum strukturgenetischen Stufenkonzept nach Oser/Gmünder vorgestellt. Anschließend wird in Kapitel 3 die Methodik von Szaguns Rostocker Langzeitstudie erläutert und ihre Originalität anhand eines Vergleiches zum methodischen Vorgehen von Oser/Gmünder sowie dem von Anton Bucher und Helmut Hanisch bei ihren empirischen Untersuchungen der zeichnerischen Entwicklung des Gottesbildes von Heranwachsenden hervorgehoben. [...]
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
2 Ansatz: Jenseits der Stufentheorie von Oser/Gmünder
3 Methode: Die Rostocker Langzeitstudie
4 Fazit: Ein legitimer (?) Vergleich und seine Konsequenzen für die Religionspädagogik
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht kritisch die Ansätze zur religiösen Entwicklung von Kindern, indem sie die klassische Stufentheorie nach Oser/Gmünder der aktuellen Rostocker Langzeitstudie von Anna-Katharina Szagun gegenüberstellt, um deren jeweilige Eignung für den heutigen, konfessionslosen Kontext zu bewerten.
- Strukturgenetische Stufentheorien (Oser/Gmünder) im religiösen Kontext
- Methodische Ansätze der Rostocker Langzeitstudie
- Kritische Analyse von Entwicklungsmodellen in multikulturellen, pluralen Gesellschaften
- Bedeutung von Gotteskonzepten bei Kindern in konfessionslosen Umgebungen
- Konsequenzen für die religionspädagogische Praxis
Auszug aus dem Buch
3 Methode: Die Rostocker Langzeitstudie
Anna-Katharina Szagun untersuchte ursprünglich die religiösen Entwicklungsverläufe von ca. 55 Kindern im Alter von 6-17 Jahren aus zwei Rostocker Schulen über einen Zeitraum von 4-7 Jahren. Sie führte die Beobachtungen nach der Erstveröffentlichung der Studie 2006 weiter, so dass in ihrem Buch „Glaubenswege begleiten“ (2013) von einem Untersuchungszeitraum von teilweise bis zu 11 Jahren gesprochen werde, d.h. einige Kinder wurden von der ersten Klasse bis zum Abitur begleitet. Zusätzlich wurden die Entwicklungsverläufe von weiteren 30 Kindern über einen Zeitraum von 1-3 Jahren erfasst und zu Einzelaspekten wurden ergänzende Querschnittsuntersuchungen durchgeführt. Szagun verfolgt dabei stets ein primär deskriptives Interesse, das die Einordnung des Einzelfalls in einen größeren Zusammenhang zunächst bewusst zurückstellt und ein phänomenologisch orientiertes, induktives und gegenüber dem Untersuchungsgegenstand offenes methodisches Vorgehen induziert, das auf Hypothesen verzichtet und trotz vorhandener Theorien zur religiösen Entwicklung davon ausgeht, dass es kein gesichertes Wissen zur Entwicklung von Gottesverständnis und Gottesbeziehung von Kindern im mehrheitlich konfessionslosen Kontext gibt.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Die Einleitung beleuchtet den gesellschaftlichen Wandel und dessen Auswirkungen auf den Religionsunterricht, wodurch klassische Stufentheorien der religiösen Entwicklung zunehmend hinterfragt werden.
2 Ansatz: Jenseits der Stufentheorie von Oser/Gmünder: Dieses Kapitel erläutert das strukturgenetische Stufenmodell von Oser/Gmünder, seine theoretische Herkunft und die daraus resultierende Kritik hinsichtlich seiner universellen Anwendbarkeit.
3 Methode: Die Rostocker Langzeitstudie: Hier wird der methodische Ansatz von Anna-Katharina Szagun detailliert dargestellt, der einen phänomenologischen und induktiven Zugang zur Erforschung religiöser Entwicklungsverläufe bei Kindern wählt.
4 Fazit: Ein legitimer (?) Vergleich und seine Konsequenzen für die Religionspädagogik: Das Fazit führt die Analysen zusammen und diskutiert die Konsequenzen der unterschiedlichen Forschungsansätze für die zukünftige religionspädagogische Praxis.
Schlüsselwörter
Religiöse Entwicklung, Stufentheorie, Oser/Gmünder, Rostocker Langzeitstudie, Anna-Katharina Szagun, Gotteskonzept, Gottesbeziehung, Religionspädagogik, konfessionslos, Pluralismus, Kindertheologie, phänomenologisch, Entwicklungspsychologie, Religion, Bildung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert und vergleicht zwei unterschiedliche wissenschaftliche Ansätze zur Erforschung der religiösen Entwicklung bei Kindern: die klassische strukturgenetische Stufentheorie von Oser/Gmünder und die phänomenologische Rostocker Langzeitstudie von Anna-Katharina Szagun.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die religiöse Bildung im konfessionslosen Kontext, der Wandel von Gotteskonzepten bei Kindern sowie die kritische Reflexion methodischer Ansätze in der religionspädagogischen Forschung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Tragfähigkeit klassischer Stufenmodelle zu hinterfragen und aufzuzeigen, inwiefern ein offener, phänomenologischer Forschungsansatz besser geeignet sein könnte, um die individuelle religiöse Entwicklung in modernen, pluralen Gesellschaften zu erfassen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und forschungsmethodische Vergleichsanalyse, bei der das Vorgehen und die theoretischen Grundlagen der genannten Studien gegenübergestellt und kritisch gewürdigt werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil werden zunächst das Modell von Oser/Gmünder sowie die Rostocker Langzeitstudie theoretisch und methodisch vorgestellt, um anschließend deren Vergleichbarkeit und die Bedeutung für die Praxis zu diskutieren.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich maßgeblich durch Begriffe wie "Religiöse Entwicklung", "Stufentheorie", "Gotteskonzept", "Rostocker Langzeitstudie" und "Religionspädagogik" beschreiben.
Inwiefern unterscheidet sich Szaguns Ansatz von der Stufentheorie?
Während die Stufentheorie von Oser/Gmünder von einer linearen Entwicklungshierarchie ausgeht, legt Szagun ihren Schwerpunkt auf die Erforschung individueller Lebenswelten ohne vorab festgelegte Stufenmodelle.
Warum wird die klassische Stufentheorie in der Arbeit kritisiert?
Kritisiert wird insbesondere der universelle Geltungsanspruch der Stufentheorie, die kognitive Aspekte überbewertet und die Bedeutung soziokultureller Einflussfaktoren in einer zunehmend konfessionslosen Gesellschaft vernachlässigt.
- Quote paper
- Janina Serfas (Author), 2014, Die Rostocker Langzeitstudie von Szagun im Vergleich zur Stufentheorie nach Oser/Gmünder. Konsequenzen für die Religionspädagogik, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021839