Die Heilige Schrift nimmt in Calvins Theologie eine zentrale Stellung ein und er versteht im Grunde seine gesamte theologische und kirchliche Arbeit als Schriftauslegung. In einem Vorwort zur Genfer Bibel preist er die Heilige Schrift als „Schlüssel, der uns das Reich Gottes öffnet“, als „Spiegel, in welchem wir Gottes Angesicht betrachten“ und als „Zeugnis seines guten Willens“. Allerdings hat Calvin keine eigene Schriftlehre entworfen und auch die Schriftauslegung ist nie explizit Thema eines Traktats gewesen.
In diesem Essay soll nun zunächst ein Blick auf Calvins Verständnis der Heiligen Schrift und die Herkunft ihrer Autorität geworfen werden. Im Anschluss wird ein kurzer Überblick über die Leitlinien von Calvins Schriftauslegung geboten und schließlich folgt noch ein Abschnitt zum Verhältnis der beiden Testamente bei Calvin.
Inhaltsverzeichnis
1. Calvins Auslegung der Heiligen Schrift
Zielsetzung & Themen
Dieser Essay verfolgt das Ziel, das Verständnis von Johannes Calvin bezüglich der Heiligen Schrift, deren Autorität sowie die Leitlinien seiner hermeneutischen Arbeit zu analysieren und das Verhältnis zwischen Altem und Neuem Testament in seiner Theologie darzulegen.
- Calvins Schriftverständnis und die Autorität der Bibel
- Das Wirken des Heiligen Geistes als Beglaubigungsinstanz
- Methodische Grundsätze der Exegese und Philologie
- Ablehnung der Allegorese zugunsten des Literalsinns
- Bundestheologie und die christologische Einheit der Testamente
Auszug aus dem Buch
Aussagen über Calvins Schriftauslegung
Aussagen über Calvins Schriftauslegung lassen sich vor allem aus seinem Umgang mit biblischen Texten herleiten. In der Schrift geht es um Gottes Selbstzeugnis durch die menschlichen Zeugen hindurch und dieses Selbstzeugnis ist für Calvin aktuell und ereignet sich je gegenwärtig durch das innere Wirken des Heiligen Geistes. Calvin erkennt, dass die Bibel von menschlichen Schriftstellern mit jeweils eigenem Stil geschrieben wurde und folglich auch mit menschlichen Methoden ausgelegt werden darf. So führt er seine Exegese von Bibeltexten auf dieselbe Weise wie in seinem wissenschaftlichen Kommentar zu Senecas De Clementia (1532) nach allen Regeln der Philologie und Rhetorik durch. Klares Ziel seiner Schriftauslegung ist für Calvin die Aufdeckung der ursprünglichen Absicht des biblischen Verfassers (mens scriptoris).
Er will sich auf die wörtliche, einfache (sensus simplex) Bedeutung des Textes beschränken, die diesen sein eigenes Wort reden lässt, und lehnt jede Form der Allegorese mit ihrer Suche nach einer tieferen geistlichen Bedeutung des Textes hinter den Worten als Überinterpretation ab. Der Sinn eines Bibeltextes besteht für Calvin ausschließlich in dessen Literalsinn (sensus litteralis). Eine Kenntnis der biblischen Originalsprachen, Hebräisch und Griechisch, ist daher Voraussetzung jeder Exegese. Calvin zufolge findet sich der Schlüssel zur Erfassung der Autorintention in der konsequenten grammatischen Analyse der Originalsprache des Textes innerhalb seines Schriftkontextes, wobei sowohl die Gattung des Textes als auch dessen historisch-kulturelle Situation berücksichtigt werden sollen. Der wörtliche Schriftsinn ist für Calvin dabei eng mit dem historischen (sensus historicus) verbunden. Calvin interessiert sich für den „Sitz im Leben“, die Umstände des Textes, Zeit und Ort, Verfasser und Hörer.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Calvins Auslegung der Heiligen Schrift: Diese Einleitung und darauffolgende Analyse erörtert Calvins Verständnis der Bibel als Wort Gottes, seine hermeneutischen Prinzipien der Exegese sowie die theologische Einheit des Alten und Neuen Testaments innerhalb seines Systems.
Schlüsselwörter
Johannes Calvin, Schriftauslegung, Heilige Schrift, Wort Gottes, Hermeneutik, Exegese, Autorität, Heiliger Geist, Literalsinn, Bundestheologie, Christologie, Bibelverständnis, Reformatorische Theologie, Sinn des Textes, Nutzen der Lehre.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das theologische Verständnis von Johannes Calvin zur Heiligen Schrift und analysiert, wie er diese methodisch auslegt.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die zentralen Themen umfassen die Autorität der Schrift, die Rolle des Heiligen Geistes, die philologischen Methoden Calvins und die Einheit der beiden Testamente.
Was ist das primäre Ziel dieser Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Leitlinien von Calvins Umgang mit biblischen Texten aufzuzeigen, obwohl er kein explizites Traktat zu einer Schriftlehre hinterlassen hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematisch-theologische und hermeneutische Analyse, die Calvins Schriften und seinen Umgang mit exegetischen Traditionen auswertet.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil beleuchtet Calvins Abkehr von der kirchlichen Tradition als Beglaubigungsinstanz hin zum internen Zeugnis des Heiligen Geistes sowie seine philologisch ausgerichtete Exegese.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Begriffe sind Calvin, Schriftauslegung, Wort Gottes, Hermeneutik, Literalsinn und Bundestheologie.
Warum lehnt Calvin die Allegorese ab?
Er sieht darin eine unzulässige Überinterpretation, da der Sinn des Textes für ihn ausschließlich im wörtlichen Literalsinn liegt, den der Verfasser beabsichtigt hat.
Welche Bedeutung hat der „Nutzen“ (usus) eines Textes für Calvin?
Neben der reinen Sinnerfassung fragt Calvin immer danach, wie ein Text der Gemeinde dient, um sie in den Gnadenbund zu führen und zu leiten.
Wie definiert Calvin die Rolle des Alten Testaments?
Auf Basis der Bundestheologie betrachtet Calvin das Alte Testament als gleichwertig zum Neuen, da beide auf Christus als Ziel und Fundament ausgerichtet sind.
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- Janina Serfas (Author), 2016, Calvins Auslegung der Heiligen Schrift, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021852