Die Inszenierung des Phänomens "Ehrenmord" anhand der deutsch-türkischen Filme "Die Fremde" und "Nur eine Frau"

Ehrenmord im Film


Hausarbeit, 2020

15 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Gewalt im Namen der Ehre
2.1 Das Motiv der Ehre im türkischen Kulturkreis
2.2 Begriffsdefinition Ehrenmord

3. Der Fall von Hatun Sürücü
3.1 Zusammenfassung Die Fremde
3.2 Zusammenfassung Nur eine Frau
3.3 Narrative Änderungen

4. Analyse Die Fremde

5. Analyse Nur eine Frau

6. Vergleich

7. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Erschossen in Berlin - Mord im Namen der Familienehre “ (Berliner Zeitung) In großen Balkenüberschrift zieren solch schreckliche Zeilen heutzutage vermehrt die Nachrichten. Doch wie kann so etwas in Deutschland passieren?

In unserer Gesellschaft ist ein freies, selbstbestimmtes Leben etwas Selbstverständliches, doch viele junge, muslimische Frauen träumen nur davon. Hatun Sücrü war eine von ihnen. Eine integrierte, selbstbewusste Frau die nach Freiheit und gleichzeitiger Akzeptanz ihrer streng religiösen Familie strebte. All das wurde ihr zum Verhängnis.

Natürlich darf man im Hinblick auf dieses Thema nicht alle Familien mit Migrationshintergrund pauschalisieren. Nicht jede Frau die ein Kopftuch trägt wird unterdrückt und auch nicht jeder Ehrenmord ist ein Phänomen islamischer Kultur.

Bis heute ist der Fall von Hatun Sürücü einer der bekanntesten. Im Zusammenhang mit der Frage nach gescheiterter Integration, ist dieser Fall so bedeutsam, dass sogar in der deutschen Kinematographie auf den Fall mehrfach eingegangen wird. Doch wie wird das Thema Ehrenmord behandelt und dargestellt? Welche Botschaft sollen die Filme vermitteln? Wirken sie nur wie eine nachgeahmte, schlechte Inszenierung oder können diese Filme etwas bewegen?

Die Vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Inszenierung des Ehrenmords in den beiden Filmen Die Fremde und Nur eine Frau. Aufbauend auf Fachliteratur und Beobachtungen wird im Zuge der Arbeit das Motiv der Ehre und die Definition des Ehrenmords ausgearbeitet. Mithilfe einer Analyse des Films Die Fremde und einer Analyse des Films Nur eine Frau wird die Darstellung des Ehrenmords herausgearbeitet. Es wird sich dabei auf den Aufbau und die filmischen Mittel bezogen. Anschließend werden die beiden Filme verglichen. Der Schwerpunkt liegt auf der Beantwortung der Fragestellung. Wie wird der Ehrenmord Inszeniert und welche Wirkung hat die Darstellung, welche Botschaft wird vermittelt?

2. Gewalt im Namen der Ehre

"Gewalt im Namen der Ehre ist eine Form von Gewalt gegen Frauen und Mäd chen, die im Rahmen von patriarchalen Familienstrukturen, Gemeinschaften und Gesellschaften stattfindet. Die Ausübung von Gewalt wird in der Regel mit dem Erhalt/ der Wiederherstellung von Ehre gerechtfertigt. Ehre als Wertesystem,

Norm oder Tradition ist dabei immer sozial konstruiert." (Hausschild, 38)

2.1 Das Motiv der Ehre im türkischen Kulturkreis

In der traditionellen türkischen Gesellschaft nimmt die Ehre eine enorm wichtige Rolle ein. Die Ehre wird als kollektives Gut der Familie bezeichnet. „Die Ehre ist so bedeutsam, dass ihre Träger die Maximen ihres Handelns eher an ihr als am staatlichen Recht auszurichten scheinen.“ (Voral, 27). In der Türkei gibt es verschiedene Begriffe der Ehre, beispielsweise „Seref“ (die Anerkennung) und „Namus“ (die Geschlechtsehre der Frau). Für das Konzept ist eine patriarchalische Struktur die Grundlage. Sollte eine Person gegen die traditionellen Normen verstoßen, verletzt er nicht nur seine Ehre, sondern die, seiner gesamten Familie, deshalb üben die einzelnen Mitglieder strenge Kontrolle über die Einhaltung der Tugendhaftigkeit aus.

2.2 Begriffsdefinition Ehrenmord

Der Begriff Ehrenmord bezeichnet ein Verbrechen, welches im Namen der Ehre begangen wurde. Die Gewalt wird angewendet, um die „Familienehre“, das öffentliche Ansehen der Familie, aufrechtzuerhalten oder wiederherzustellen. In den meisten Fällen sind Frauen oder Mädchen betroffen. Oft wird aber vergessen, dass der Begriff nicht ausschließt, dass auch männliche Liebhaber oder Homosexuelle in die Opferrolle fallen können. Besonders betroffen sind Angehörige des Islams, da in der patriarchalen Bevölkerung die Ehre als eines der wichtigsten Lebensmotive gilt. Dieses verbreitete Ehrkonzept bildet die Grundlage, für die Motivation der Täter. Die Tradition wird fortgesetzt, um die Emanzipation der Frau einzudämmen. Sobald sie aus dem traditionellen Rollenbild fällt, berät sich die Familie über weiteres Vorgehen. Im Extremfall kommt es zu einem Ehrenmord. Der Begriff wird von Fachleuten kontrovers diskutiert, und in Fachliteratur meist in Anführungszeichen gesetzt, da er meinen lässt es würde „sich hierbei um eine aus anerkennenswerten Motiven begangene Tötungshandlung handeln. […] Dagegen beschreibt er die vorsätzliche Tötung eines Menschen, wobei aus der Sicht des Täters die Ehre des Getöteten, des Täters oder einer dritten Person oder Personengruppe wieder hergestellt werden soll.“( 48). Es gibt immer wieder Alternativbegriffe, jedoch hat sich der Begriff „Ehrenmord“ international durchgesetzt.

3. Der Fall von Hatun Sürücü

Am 07. Februar 2005 wurde Hatun Aynur Sürücü Opfer eines Ehrenmords. Erschossen von ihrem eigenen Bruder, nur weil sie ein selbstbestimmtes, freies Leben führen wollte. Hatun Sürücü wuchs in Berlin-Kreuzberg mit drei Schwestern und fünf Brüdern auf. Mit ihren jungen 16 Jahren wurde sie mit ihrem strenggläubigen Cousin in der Türkei Zwangsverheiratet und wurde Schwanger von ihm. Sie kehrte alleine nach Berlin zurück, wohnte nur kurz bei ihren Eltern und zog in eine Wohnheim für minderjährige Mütter. Hatun Aynur war zielstrebig und holte ihren Hauptschulabschlusses nach und beendete ihre Lehre als Elektroinstallateurin. All das wurde ihr zum Verhängnis. Sie wollte akzeptiert werden, trotz ihres „westlichen Lebensstils“ , und hielt weiterhin Kontakt zu ihrer patriarchalischen Familie. In einem Alter von 23 Jahren wird sie in Tempelhof von ihrem jüngsten Bruder erschossen.

3.1 Zusammenfassung Die Fremde

Das Filmdrama Die Fremde, erscheint 2010 erstmals auf der Leinwand. Er wurde unter der Regie von Feo Aladağ gedreht, welche auch das Drehbuch verfasste. Die Protagonistin in dem Ehrenmord-Drama wird von Sibel Kekilli gespielt. Der Film hat eine Laufzeit von 119 Minuten und erscheint in den Originalsprachen Deutsch und Türkisch.

Auf der Berlinale 2010 erlangte er eine Internationale Auszeichnung.

Der Film thematisiert das Schicksal einer deutsch-türkischen, jungen Frau, welche um ein selbstbestimmtes Leben in einer patriarchalen Familienstruktur kämpft. Der Film wurde Inspiriert von bekannten Ehrenmord-Fällen, er erinnert stark an den Fall von Hatun Sürücü.

3.2 Zusammenfassung Nur eine Frau

Nur eine Frau ist ein Spielfilm von Sherry Hormann, welcher im Mai 2019 in den deutschen Kinos lief. Das Drehbuch zum Film verfasste Florian Oeller. Regisseurin Sherry Hormann erhält den Bayerischen Filmpreis für die beste Regie. Die Titelrolle übernimmt hier Almila Bagriacik, welche im zuvor genannten Film Die Fremde eine Nebenrolle (als Rana, die Schwester der Protagonistin) spielte. Mit einer Laufzeit von 97 Minuten, in den Originalsprachen Deutsch und Türkisch, zeigt der Spielfilm eine chronologisch aufgebaute Leidensgeschichte. Der Film basiert auf dem ehrenbezogenen Tötungsdelikt von Hatun Aynur Sürücü. „Mit dem Film wolle man nun Aynur eine Stimme geben. "Denn sie führte einen Kampf, der heute noch so gegenwärtig ist und den viele Frauen führen.“ (Nurtsch).

3.3 Narrative Änderungen

Vorerst muss man die beiden Filme klar voneinander differenzieren. Sie basieren zwar beide auf der selben Geschichte, jedoch ist Die Fremde nur angelehnt an den Fall von Hatun-Aynur Sürücü und soll diesen nicht nacherzählen. Im Gegensatz dazu lässt „Regisseurin Sherry Hormann Aynur in ihrem Film selbst zu Wort kommen und die Geschichte ihres eigenen Lebens erzählen. Der dokumentarische Spielfilm basiert auf Recherchen in ihrem persönlichen Umfeld, Gerichtsakten, bislang unveröffentlichten Gesprächen mit der Familie, den Tätern, Freundinnen und Freunden Aynurs und der bis heute im Zeugenschutzprogramm befindlichen Kronzeugin.“(Fernsehfilm Deutschland)

Nur eine Frau wird von einer „Stimme aus dem Off“ (vgl. Kurz) erzählt. Aynur bekommt eine eigene Stimme aus dem Jenseits, was den Film etwas dokumentarisch wirken lässt. Auch das Ende der beiden Filme unterscheidet sich. Die Mordszene ist in beiden Filmen unterschiedlich. In dem Film Nur eine Frau wird der Ehrenmord so durchgeführt und dargestellt, wie es auch dem realen Fall entsprach. Die Endszene in Die Fremde nimmt eine, für den Zuschauer überraschende Wende. Der Ehrenmord bekommt also in beiden fällen eine unterschiedliche Bedeutung.

4. Analyse Die Fremde

Der Film Beginnt, mit einer Rückblende. Der Bildschirm ist schwarz, kurz darauf zu sehen der kleine Cem, Umay und ihr jüngster Bruder Acar, in einer Halbnahe (medium-shot), wie sie die Straße entlang laufen. Schlagartig wechselt die Kamera in eine Großaufnahme (close up) und zeigt eine Waffe, gerichtet auf Umays entsetztes, hilfloses Gesicht. Der Bildschirm wird wieder schwarz. Acer rennt die Straße entlang, die Kamera wieder im Close-up auf den verschwitzen Acer gerichtet, man hört ihn laut Atmen. Er schaut angst durchströmt, aus der Heckscheibe eines fahrenden Busses. Der Film wird eingeleitet, durch den vermeintlichen Ehrenmord. Der Zuschauer bekommt zu Beginn den gekürzten Schluss des Films zu sehen. „ Die Fremde beginnt zunächst mit einem Eindruck vom Leidensdruck der Frau Umay unter ihrem schlagenden Ehemann [..] bevor das eigentliche Drama mit dem Familienkonflikt in Berlin losgeht.“(Dornhof und Fink, 123). Schon in den gesamten ersten Szenen wird klar, dass Umay nicht Glücklich werden wird.

Umay ist zurück in Berlin, bei ihrer türkisch sprechenden Familie. Der Film verzichtet auf die Verschleierung. Der Islam, die Religion sind zunächst Präsent, stehen jedoch nicht umbedingt im Vordergrund. Umay küsst die Hand ihres Vaters (Kader), hier wird die patriarchale Machtstruktur schnell klar. Die Farben im ganzen Film sind realistisch aber nicht strahlend, eher blass und kühl wirkt der gesamte Film. Nur die Wohnung bildet einen Kontrast, dunkel und gedämpft, was eine bedrückende Stimmung vermittelt. (vgl. Krüger, 13). Die Dialoge in der Wohnung werden in der Nahe (medium close-up) und Halbnahe (medium shot) gefilmt. „Der ungewöhnlich seltene Einsatz von Totalen entspricht der Enge und Isoliertheit der Lebenswelt aller Protagonisten.“(11). Ansonsten beschränkt sich der Film auf langsame, ruhige Einstellungen, wenig Veränderung. In pulsierenden, aufbrausenden Szenen werden Handkameras verwendet. Über die Montage im Film lässt sich auch nur sagen, dass reine Farben, starke Kontraste für Klarheit und Übersicht sorgen, ebenso ein klarer Bildaufbau. Der Film beharrt auf eine komprimierte Erzählweise. Durch die Montage werden ausgewählte Bilder aneinandergereiht, es bleiben Leerstellen, welche den Zuschauer zur Interpretation anregen sollen. Details werden weggelassen um genau dies zu erzeugen. Umay wirkt in dem gesamten ersten Teil des Films sehr unglücklich, bedrückt und eher schüchtern . Sie lacht wenig. Doch plötzlich lernt sie einen jungen, deutschen Mann auf der Arbeit, in der Kantine kennen (Stripe). Auch ihre beste Freundin ist eine deutsche, blondhaarige, selbstbewusste Frau (Atife).

Die nächste wichtige Szene ist die Motorradfahrt, ein kleiner Lichtblick in Umays Leben, sie vermittelt das Gefühl von Freiheit, angekommen zu sein. Umay wirkt zum ersten Mal wirklich glücklich und unbesorgt, dies wird unterstützt durch die Filmmusik in dieser Szene. Ansonsten verzichetet der Film meist auf Score Musik, des öfteren werden Szenen nur durch melancholische Klaviermusik unterstützt.

Die befreite Stimmung hält aber nicht lange an. Der Höhepunkt des Dramas, stellt Ranas Hochzeit dar (Schwester von Umay). Umay und Cem erscheinen unerwünscht auf der Hochzeit, die ganze Familie und die Freunde der Familie sind versammelt. Umay nimmt ihren ganzen Mut zusammen und stürmt auf die Bühne, auch dies wieder mit Handkameras gefilmt. Sie sagt, vor allen Menschen, dass sie sich entschieden habe alleine zu Leben und damit die Ehre der Familie befleckt habe und, dass Cem deshalb keine Familie mehr habe und auch verstoßen werde. (vgl. Die Fremde 1:17:08). Die Gesichter der Masse im Saal schockiert. Ihr ältester Bruder packt Umay und wirft sie aus dem Saal, sie ist am Boden zerstört. Die Lage spitzt sich immer mehr zu. Die Erzählstruktur des Films erinnert an eine Tragödie, unaufhaltsam nimmt das Drama seinen lauf. (vgl. Krüger, 11). Zu vermitteln versucht Umays Chefin (Gül). Sie versucht auf Umay einzureden, dass ihr Familie sich in diesem Fall nie für sie entscheiden würden, sondern immer für die Gesellschaft (Szene 1:21:55) , die Ehre und Anerkennung ist wichtiger. Gül sucht auch mit Umays Eltern das Gespräch, die Szene wieder dunkel und alles in Halbnahe (medium close-up) gefilmt. Hier sind besonders die Blicke zwischen den Personen wichtig. Gül schaut Umays Mutter „herabschauend“ und einschüchternd an. Es macht ihre Position gegenüber den Eltern klar, sie fungiert an dieser stelle als „Mimic wo[men].“ (Popal , 95). Eine „erzogene Muslimin“, die den „Effekt eines Beweismittels“ für den westlichen Diskurs liefern soll. Sie lässt ihre eigenen Leute verstummen. (96). Umay verbringt viel Zeit mit Stripe und versucht trotzdem immer wieder Kontakt zu ihrer Familie zu halten. Kemal, ihr (Ex) Mann versucht Cem zu entfüh ren, Kader geht dazwischen. Er, als Familienoberhaupt fährt alleine in die Türkei, um eine Entscheidung zu fällen. Umay hatte sich von Strip überzeugen lassen, ein neues Leben anzufangen, doch zu spät. Die Entscheidung ist schon gefallen und mit der Familie besprochen. Kader erleidet einen Herzinfarkt, Umay und Cem Besuchen ihn im Krankenhaus, seine Zerrissenheit wird spürbar, er weiß in diesem Moment, er wird Umay zum letzten Mal sehen. Doch es kommt anders.

Die Endszene, das selbe Szenario wie am Anfang, doch mit einer narrativen Änderung.

[...]

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Die Inszenierung des Phänomens "Ehrenmord" anhand der deutsch-türkischen Filme "Die Fremde" und "Nur eine Frau"
Untertitel
Ehrenmord im Film
Hochschule
Philipps-Universität Marburg
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
15
Katalognummer
V1021994
ISBN (eBook)
9783346418029
ISBN (Buch)
9783346418036
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ehrenmord, Nur eine Frau, Film, Deutsch Türkisches Kino, Türkisches Kino, Filmanalyse, Inszinierung, Filmvergleich
Arbeit zitieren
Milena Sagorski (Autor:in), 2020, Die Inszenierung des Phänomens "Ehrenmord" anhand der deutsch-türkischen Filme "Die Fremde" und "Nur eine Frau", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1021994

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