Aspekte zur Jodblockade der Schilddrüse. Schutz vor Inkorporation von radioaktivem Jod bei Strahlenunglücken


Hausarbeit, 2015

35 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsberezichnis

1 Abkürzungsverzeichnis

2 Vorwort und Danksagung

3 Kurzreferat

4 Abstract

5 Einleitung
5.1 Problemstellung
5.2 Zielsetzung

6 Radiologische und nukleare Gefährdungen und Bedrohungen
6.1 Kontamination
6.1.1 Externe Kontamination
6.1.2 Interne Kontamination – Inkorporation

7 Biologische und medizinische Grundlagen
7.1 Wirkung ionisierender Strahlung
7.1.1 Akute Strahlenschäden
7.1.2 Latente Strahlenschäden

8 Jodblockade der Schilddrüse
8.1 Grundlagen und Begriffe
8.2 Physiologie der Schilddrüse
8.3 Prinzip der Jodblockade
8.4 Mögliche Nebenwirkungen der Jodblockade
8.5 Schilddrüsenmalignome nach Inkorporation von radioaktivem Jod
8.6 Risikoäquivalenz durch Jod und Strahlen
8.7 AktuelleEmpfehlungen zur Jodblockade
8.8 Alternativen zur Jodblockade

9 Umsetzung der Maßnahmen zur Jodblockade
9.1 Katastrophenschutz im nuklearen Unglücksfall
9.2 Vorhaltung von Jodtabletten
9.3 Verteilung von Jodtabletten

10 Ergebnisse

11 Diskussion, Fazit und Ausblick

12 Literaturverzeichnis

13 Abbildungsverzeichnis

14 Tabellenverzeichnis

15 Anhang
15.1 Erklärung zur wissenschaftlichen Arbeit
15.2 Themenrelevante Institutionen und Quellen

1 Abkürzungsverzeichnis

- BBK: Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe
- BfS: Bundesamt für Strahlenschutz
- BMUB: Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz, Bau und Reaktorsicherheit
- DU: Depleted uranium
- FwDV: Feuerwehrdienstvorschrift
- Gy [Einheit]: Gray (absorbierte Energiedosis pro Massen-Element)
- ICRP: International Commission on Radiological Protection
- IPPNW: International Physicians for the Prevention of Nuclear War
- KI: Kaliumiodid (auch „Kaliumjodid“)
- SSK: Strahlenschutzkommission
- StrlSchV: Strahlenschutzverordnung
- Sv [Einheit]: Sievert (effektive Organdosis)
- WHO: World Health Organisation

2 Vorwort und Danksagung

Die vorliegende Hausarbeit entstand im Rahmen des Moduls „Epidemiologische Gefahrenlagen“ des Studiengangs Rettungsingenieurwesen im vierten Semester an der Fachhochschule Köln.

Die Motivation, sich in einer schriftlichen Ausarbeitung mit radiologischen und nuklearen Gefährdungen und Bedrohungen, mit Jodtabletten und der Jodblockade der Schilddrüse sowie mit dem speziellen diese Bereiche betreffenden Katastrophenschutz zu befassen, entstand aus dem persönlichen Interesse heraus, politische und aktuelle Themen wie Atomkraft und atomare Unglücksfälle mit den rettungsingenieurwissenschaftlichen Teilgebieten (Notfall-)Medizin, Strahlenschutz und nukleare Gefahrenabwehr sowie -vorbeugung zu verbinden.

Ein besonderer Dank für die fachliche Unterstützung mit besonderen Hinweisen zur Thematik sowie bei der Recherche, dem Aufbau dieser Arbeit, der sinnvollen Eingrenzung der Themen und der Kontaktvermittlung zu Fachleuten und gilt dem Dozenten des Faches Epidemiologische Gefahrenlagen, Herrn Prof. Dr. Dr. Alexander Michael Lechleuthner, Herrn Prof. Dr. Alexander Fekete, ebenfalls von der Fachhochschule Köln sowie Mitglied der SSK, Frau Margit Lehmann vom BBK, Abteilung „Risikomanagement“, Frau Heike Graf und Frau Maria-Elisabeth Bedorf vom BBK, Fachinformationsstelle des BBK, Abteilung „Zentrale Dienste“ sowie Lale Demirkan von der Ärzte-Organisation IPPNW. Ebenso zu danken ist den Lektoren, Herrn Jürgen Haß, für das Korrekturlesen des deutschen Textes, und Herrn Simon Haß für die Korrektur des englischen Abstracts.

3 Kurzreferat

Die vorliegende Arbeit befasst sich mit der Jodblockade der Schilddrüse, ihrem biologischen Funktionsprinzip, ihrer medizinischen Wirkweise, ihren Indikationen, Kontraindikationen, Möglichkeiten, Grenzen und etwaigen negativen Nebenwirkungen. Die Anwendung von Kaliumjodtabletten und ihre Dosierung, Vorhaltung und Verteilung wird außerdem betrachtet. Es werden sowohl medizinische, organisatorische als auch rechtliche Grundlagen behandelt und die Empfehlungen aus nationalen und internationalen Experten-Gremien und medizinischen Untersuchungen dargestellt. Gleichzeitig werden globale Betrachtungen und Vorgehensweisen bei der Jodblockade im Vergleich zur Bunderepublik Deutschland angeführt und eingeschätzt. Des Weiteren werden die möglichen radiologischen und nuklearen Gefährdungen und Bedrohungen sowie die gesundheitlichen Gefahren und die Wirkweise ionisierender Strahlung als Gründe für die Durchführung einer Jodblockade beschrieben. Vor dem Hintergrund aktueller und historischer Erkenntnisse ausnuklearen Unglücksfällen, medizinischer Forschung, Gesundheitspolitik, Katastrophenschutz und Gefahrenabwehr wird die Jodblockade dann bewertet. Abschließend wird die politisch-organisatorische Gewichtung der Jodblockade durch die verantwortlichen staatlichen deutschen Institutionen betrachtet und der jeweilige Umgang mit ihr eingeschätzt. Zuletzt werden Mängel in der Anwendung von Jodtabletten sowie mögliche Gesundheitsrisiken und organisatorische Schwachstellen des Bevölkerungsschutzes thematisiert und abschließend denkbare Alternativen, Verbesserungspotentiale und -vorschläge aufgezeigt.

4 Abstract

The assignment at hand deals with the iodine prophylaxis of the thyroid gland, its biological function principle and medical mode of action, its indications as well as contraindications, possibilities, limitations and possible negative side effects. The use of potassium iodine tablets and their dosage, provision and distribution is also taken into consideration. There are medical, organizational and legal principles discussed and the recommendations of national and international expert committees and medical enquiries are presented. At the same time global considerations and procedures at the iodine prophylaxis are listed, rated and compared to the Federal Republic of Germany. Furthermore the potential radiological and nuclear endangering and threats, as well as the health risks and the mode of action of ionizing radiation are described as reasons for implementing an iodine prophylaxis. Against the background of current and historical insights from nuclear accidents, medical research, health policy, civil protection and security, the iodine prophylaxis then is evaluated. In conclusion, the political-organizational weighting of iodine prophylaxis by the responsible national German institutions is considered and the respective dealing with it is estimated. At the end, shortcomings related to the application of iodine tablets, possible health risks and organizational weaknesses of civil protection are made subject of the discussion and finally possible alternatives for its improvement and suggestions are presented.

5 Einleitung

Die Bilder der Reaktorkatastrophe und Kernschmelzen in Japan, Fukushima im Jahre 2011, sind vielen Menschen nach wie vor in trauriger Erinnerung geblieben. Ebenso ist das folgenschwere nukleare Unglück von Tschernobyl aus dem Jahre 1986 beinahe jedem ein Begriff. Zahlreiche Tote und Verletzte sowie prekäre und bis heute andauernde kaum abschätzbare Auswirkungen für Menschen, Tiere und Umwelt in den betroffenen Gebieten und weit darüber hinaus sind die unsäglichen Folgen jener beiden einschneidenden Ereignisse der jüngeren Geschichte des Atomzeitalters. Mit ihnen einher gingen und gehen unzählbare sogenannte „meldepflichtige Ereignisse“ in Kernkraftwerken und -anlagen, begleitet von einer immer wieder aufflammenden intensiven politischen Debatte über den Nutzen, die gesundheitlichen Auswirkungen und die Gefahren der Atomkraft, alternative Energiegewinnungsarten und die stets bestehende Möglichkeit katastrophaler Nuklearunglücke in unbeherrschbaren Ausmaßen und mit folgenschweren medizinischen, wirtschaftlichen und infrastrukturellen Auswirkungen.

Diesen Überlegungen zugrunde liegt die Gewissheit, dass nur das oft erwähnte „Restrisiko“ sicher ist – jegliche Sicherheitsaspekte unterliegen dieser Gesetzmäßigkeit der Risikoanalysen und -forschung. Darüber hinaus stehen ungeklärte Fragen wie die nach umweltschonenderen Methoden der Urangewinnung im Raum; ein anderer Aspekt ist die nach wie vor praktizierte Verwendung von Uranwaffen („DU-Munition“). Die Endlagerung hochradioaktiver Stoffe für Tausende Jahre oder die allumfassende Absicherung und Nachrüstung der (noch laufenden) Kernkraftwerke gegen jegliche menschliche und natürliche (äußere) Einflüsse sind zudem weltweit nicht geklärt und können dies unter Umständen nie werden. Ausschließlich nach der „am wenigsten schlechten Lösung“ kann gesucht werden, da es die perfekte nicht gibt und immer ein gewisses Risiko übrig bleiben wird.

Zu all jenen Aspekten kommen aktuelle, teils globale sicherheitspolitische Entwicklungen, Kriege, Krisen und Katastrophen aller Art und die Gewissheit, dass die derzeit auf der Erde befindlichen und startbereiten Atomwaffen den Planeten mehrfach gänzlich vernichten könnten. Der Mensch an sich als verletzliches und nur mit begrenzten Möglichkeiten und begrenzter gesundheitlich-körperlicher Belastbarkeit ausgestattetes Individuum stünde einer weiteren großen Havarie eines Kernkraftwerks, vor allem in sehr dicht besiedelten Gebieten wie Deutschland, ggf. – und einem etwaigen Atomkrieg mit absoluter Sicherheit – machtlos gegenüber. Beherrschbare oder überschaubare Strahlenunfälle und Nuklearunglücke lassen dem Menschen aber immerhin noch die Möglichkeit, sich gegen Teile der Gefahr zu schützen. Und so bietet die Jodblockade der Schilddrüse mit Hilfe der rechtzeitigen Einnahme hochdosierter Jodtabletten als Schutz gegen die Inkorporation von radioaktivem Jod die Chance, doch ein Stück Sicherheit zu schaffen. Damit tangiert die Jodblockade all jene oben aufgeführten Gesichtspunkte in gewisser Weise und ist es deshalb wert, in der vorliegenden Ausarbeitung einer genaueren Betrachtung unterzogen zu werden.

5.1 Problemstellung

Es ist aufgrund der vergangenen Ereignisse und nuklearen Unglücksfälle sowie aufgrund der aktuellen politischen Entwicklungen anzunehmen, dass dem Thema „Jodtabletten“ und der „Jodblockade der Schilddrüse“ einerseits zu viel Gewichtung zugesprochen wird, indem sie teils als „Allheilmittel“ bei Strahlenunglücken dargestellt und (in der Bevölkerung) als solches angesehen wird. Andererseits ist zu unterstellen, dass den Jodtabletten – eng verbunden mit einer adäquaten Gefahrenabwehr bzw. mit dem entsprechenden speziellen Katastrophenschutz –, sofern man ihre tatsächliche Wirkweise genauer betrachtet, zu wenig Bedeutung zugemessen wird. Dies gilt auch vor dem Hintergrund internationaler Empfehlungen und Vorgehensweisen, die sich von denen in der Bundesrepublik Deutschland teilweise unterscheiden.

Was bringen Jodtabletten wirklich? Wie wirken sie? Wie relevant sind sie überhaupt bei Strahlenunfällen? Wie werden sie „in den Köpfen der Leute“, bei Atomkraftwerksbetreibern, staatlichen Institutionen, Medizinern, Atomkraftgegnern und anderen Personengruppen gesehen? Wie werden sie vorgehalten, verteilt und angewandt? Wie leistungsfähig sind der Katastrophenschutz und die ihm zugrunde liegenden Pläne in dieser Hinsicht(bei einer großflächigen Verstrahlung ganzer Regionen bzw. dichtbesiedelter Gebiete)?Gibt es etwaige medizinische Alternativen sowie konkrete Mängel, die thematisiert und aufgezeigt werden sollten, und verbergen sich dahinter mögliche Verbesserungspotentiale, die es näher zu untersuchen gilt und die sich in Form geeigneter Maßnahmen real verarbeiten und umsetzen lassen?

5.2 Zielsetzung

Die vorliegende Hausarbeit soll sich – in möglichst alle oben aufgeführten angrenzenden Fachgebiete zumindest hineinreichend – kritisch und sachlich mit der Jodblockade der Schilddrüse und den damit einhergehenden medizinischen Aspekten, der Wirkweise von Jodtabletten, ihrer tatsächlichen Relevanz, ihren Wirkungen, Nebenwirkungen, Chancen, Risiken und Alternativen auseinandersetzen. Sie soll etwaige Mängel und Verbesserungspotentiale der Thematik „Jodtabletten“ aufzeigen und diese konkretisieren.

6 Radiologische und nukleare Gefährdungen und Bedrohungen

In der Umwelt des Menschen zivilisationsbedingt vorkommende radioaktive Stoffe, offen oder umschlossen, können durch auf den menschlichen Körper einwirkende ionisierende Strahlung gesundheitliche Schäden hervorrufen. Dabei kann es zu einer Bestrahlung des gesamten Körpers kommen (Ganzkörperexposition) oder aber es sind nur einzelne Körperteile wie z. B. Organe oder Gewebe betroffen (Teilexposition). Offene radioaktive Stoffe können neben der externen Strahlenexposition stets auch die Gefahr der Kontamination bzw. Inkorporation (interne Kontamination)bilden (vgl. 1 S. 318).

Im Besonderen soll in diesem Kapitel auf das weltweite Gefährdungspotential durch Kernkraftwerksunfälle sowie die hohe Leistungsfähigkeit und Gefahr durch Atomwaffen mit mittlerweile immenser Strahlen- und Sprengwirkung auf Basis hochmoderner und weitreichender Raketen-Trägersysteme hingewiesen werden (vgl. 2). Schwere Störfälle und Unfälle in Atomkraftwerken sowie militärische Auseinandersetzungen mit nuklearen Kriegswaffen waren historisch, sind gegenwärtig und bleiben zukünftig eine reale und enorme Bedrohung für den Menschen, seine Gesundheit und sogar sein Leben.

Im Folgenden werden die wichtigsten vorstellbaren Unfallszenarien mit radioaktiven Stoffen aufgeführt, die zu einer Kontamination führen können (vgl. 1 S. 318f):

- Kernkraftwerksunfälle unterschiedlicher Größenordnung und Relevanz für den Menschen und die Umwelt
- Unfälle in ortsfesten Anlagen (Forschungseinrichtungen, Kliniken, Industrieanlagen) mit „Freisetzung […] radioaktiven Inventars“ (3 S. 390)
- Transportunfälle auf Straße, Schiene, Luft- und Seewegen
- Kernwaffeneinsatz in kriegerischen Auseinandersetzungen
- Einsatz spezieller militärischer Waffensysteme (z. B. Uran-Geschosse)
- Kriminelle/Terroristische Aktivitäten mit Einsatz von Waffen oder Vorrichtungen, die durch Explosion oder Detonation radioaktive Stoffe dispergieren (‚Schmutzige Bomben‘, unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen [USBV] mit radioaktiver Beimengung)“ (3 S. 390)
- Absturz von Satelliten „mit radioaktiven Bauteilen“ (3 S. 390)
- Sonstiger Verlust von radioaktivem Material.

6.1 Kontamination

Der Begriff Kontamination bezeichnet laut § 3 StrlSchV (Strahlenschutzverordnung, Begriffsbestimmungen, Punkt 19) eine Verunreinigung mit radioaktiven Stoffen. Eine solche Verschmutzung kann durch Stoffe im festen, flüssigen oder gasförmigen Aggregatzustand erfolgen.

Auf die Themen Schutz vor und Vermeidung von Kontamination, Kontaminationsnachweis, Dosisabschätzung, Dekontamination und andere verwandte Gebiete soll in dieser Arbeit aus kapazitativen Gründen nicht direkt eingegangen werden.

6.1.1 Externe Kontamination

Unter dem Begriff der externen Kontamination versteht man in Bezug auf den Menschen in der Regel, dass Haut und/oder Kleidung mit radioaktiven Stoffen verunreinigt sind. Sofern es sich um eine Oberflächenkontamination handelt, unterscheidet man zwischen festhaftender und nicht festhaftender Kontamination. Von der Beschaffenheit der Oberfläche, z. B. menschliche Haut, hängt es ab, ob und wie eine radioaktive Verunreinigung überhaupt mehr oder minder schnell in den Körper eindringt und es somit zu einer Inkorporation kommen kann. Die nicht festhaftende Oberflächenkontamination birgt dabei immer auch das Risiko einer Sekundärkontamination, d. h. einer Weiterverbreitung des radioaktiven Stoffes in die Umwelt (vgl. 1 S. 319).

6.1.2 Interne Kontamination – Inkorporation

Werden radioaktive Substanzen in den menschlichen Körper aufgenommen, so versteht man darunter eine Inkorporation. Sie kann über natürliche Körperöffnungen, die Haut oder durch Wunden erfolgen. Da Permeation in Bezug auf radioaktive Jodverbindungen oder Tritium möglich ist, spielt die intakte Haut ebenfalls eine gewisse Rolle. Dennoch stellt die Diese Abbildung wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt.

Resorbierbarkeit den entscheidenden Faktor dar, wenn es um den Einbau radioaktiver Nuklide in Körpergewebe geht. Derzeitige Erfahrungen zeigen, dass Inkorporation nicht unmittelbar zum akuten Strahlensyndrom führt. Dennoch sollte die Resorption möglichst gering gehalten werden, weshalb Inkorporationen ein rasches Handeln erforderlich machen, um eine Festsetzung von Radionukliden im Zielorgan zu vermeiden. Spätfolgen wie Strahlenfibrosen und Malignome durch z. B. radioaktives Jod in der Schilddrüse oder Radium im Knochen kann damit vorgebeugt werden (vgl. 1 S. 324).

7 Biologische und medizinische Grundlagen

7.1 Wirkung ionisierender Strahlung

Ionisierende Strahlung beruht in ihrer direkten Wirkung auf der Zerstörung von Molekülen und Atomen und einer damit verbundenen Freisetzung von Ionen und Radikalen. Zellen im Organismus können dadurch absterben oder zumindest geschädigt werden. Aufgrund des körpereigenen Reparaturmechanismus‘, der ständig Zellen erneuert, hängt es allerdings stark von der Strahlungsdosis ab, ob und inwiefern die Bestrahlung zu einem Schaden führt. Ausschließlich hohe Dosen – ab ca. 0,5 Sv – verursachen bleibende und akute Schäden innerhalb kurzer Zeit (sehr hohe Dosen bereits nach wenigen Minuten), spätestens aber nach einigen Monaten. Niedrigere Dosen hingegen führen nur zu einer gewissen Wahrscheinlichkeit, dass später, ggf. erst Jahrzehnte nach der Bestrahlung, eine Schädigung daraus resultiert. In diesem Fall spricht man hier zunächst von latenten, also versteckten Schäden; sie sind somit als stochastisch (statistisch verteilt auftretend) zu kategorisieren. Als deterministisch, d. h. mit Bestimmtheit auftretend, werden hingegen akute Strahlenschäden bezeichnet (vgl. 4 S. 45).

7.1.1 Akute Strahlenschäden

Wird eine Schwelle von etwa 0,5 Sv nicht überschritten, treten keine bleibenden Akutschäden auf. Wird in kurzer Zeit eine Dosis von 0,5 bis 1,0 Sv aufgenommen, zeigen sich bei den Betroffenen Benommenheit und Übelkeit („Röntgenkater“), die schon nach einigen Tagen aber wieder verschwinden. Eine stationäre Behandlung wird erst bei noch höheren Expositionen notwendig, da dann Verdauungsorgane und das blutbildende Knochenmark und somit die Immunabwehr geschädigt wird. Ganzkörperdosen über 3,0 Sv führen bereits zu vereinzelten Todesfällen, Dosen über 6,0 Sv bedeuten Lebensgefahr; ausschließlich eine spezielle ärztliche Behandlung kann hierbei zur Genesung führen. Die folgende Abbildung skizziert die Merkmale des Auftretens akuter Schäden – von unterhalb der Schwelle, wo keine akuten Schäden auftreten bis hin zu der Dosis, bei welcher mit Sicherheit ein Schaden eintritt (vgl. 4 S. 45f).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Auftreten akuter Strahlenschäden bei bestimmten Dosen, skizziert (Quelle: Döbbeling, Ernst-Peter und Miska, Horst. Strahlenschutz. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, 2010. S. 46.)

7.1.2 Latente Strahlenschäden

Spät und stochastisch treten latente Schäden auf. Dabei wird das Krebsrisiko der bestrahlten Personen erhöht (somatischer Schaden); zudem können sie zu Erbschäden der Nachkommen (genetischer Schaden) führen. Dass beide Schäden jedoch auch spontan, d. h. ohne den Einfluss ionisierender Strahlung, auftreten, zeigt, wie schwer abzuschätzen durch Strahlung bedingte Anteile und damit verbundene Risikofaktoren sind. Prinzipiell lassen sich Risikofaktoren nur bei hohen Dosen genauer bestimmen, weshalb sie zu niedrigeren hin extrapoliert werden müssen. Internationale Fachgremien gehen deshalb vorsichtshalber davon aus, dass es keine Schwellendosis für latente Schäden gibt, unterhalb derer mögliche Auswirkungen vernachlässigbar gering oder mit Sicherheit ausbleibend sind. Bis zur Dosis 0,0Sv hin wird der Risikofaktor deshalb linear extrapoliert, also sinnvoll „verlängert“. Die folge Abbildung verdeutlicht dies (vgl. 4 S. 48).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Schematische Darstellung der Extrapolation der bei hohen Dosen beobachteten Erhöhung des Krebsrisikos zu niedrigen Dosen hin (Quelle: Döbbeling, Ernst-Peter und Miska, Horst. Strahlenschutz. Stuttgart: W. Kohlhammer GmbH, 2010. S. 48.)

Die quadratische Extrapolation – ebenfalls oben abgebildet – wäre gleichermaßen möglich aufgrund der vorliegenden Daten und würde das Risiko bei niedrigeren Dosen senken. Abgeschätzt werden jene Risikofaktoren aus der erhöhten Krebssterblichkeit von Überlebenden der Atomwaffenexplosionen in Japan sowie von Patienten, die eine Therapie in Form von Röntgenstrahlung erhielten. Ebenso konnte dabei ermittelt werden, dass bei gleichen Dosen eine zeitlich verteilte Bestrahlung geringere Schäden zur Folge hat als eine kurzzeitige (vgl. 4 S. 48f).

Die ICRP (International Commission on Radiological Protection) berücksichtigt die oben beschriebenen Zusammenhänge und gibt als Risikofaktoren für schwerwiegende Krebserkrankungen 4,1 % pro Sievert für erwachsene Arbeitnehmer und für den Durchschnitt der Bevölkerung 5,5 % pro Sievert an. Da im letzteren Wert auch Kinder Berücksichtigung finden, die im relativen Modell eine höhere Lebenserwartung aufweisen, liegt dieser etwas höher. Ein Risiko für Erbkrankheiten liegt bei etwa 0,2 % resp. 0,1 % pro Sievert für die allgemeine resp. die erwachsene Bevölkerung. Aus den genannten Daten lässt sich somit das erhöhte Krebsrisiko R für z. B. einen Feuerwehrangehörigen, der gemäß FwDv 500 bei einem Einsatz zur Rettung von Menschenleben die maximal zulässige Dosis von 250 mS verhalten hat, mit abschätzen. Innerhalb von 70 Jahren ergibt die natürliche Strahlenexposition von 2,1 mSv pro Jahr eine Gesamtdosis von 0,15 Sv. Daraus folgt, wenn man den Risikofaktor von 5,5 % pro Sievert zugrunde legt, ein Krebsrisiko durch natürliche Hintergrundstrahlung von etwa 0,8 %. Die spontane Krebsrate liegt bei etwa 20 %, weshalb man etwa jede 30. Krebserkrankung auf die natürliche Strahlenexposition zurückführen könnte. Die Forderung, jede Strahlenbelastung so gering wie möglich zu halten, resultiert unter anderem auch aus der Unsicherheit um die Wirkung niedriger Strahlendosen sowie aus der Annahme, dass latenten Schäden keine Schwellendosis zugrunde liegt, unterhalb derer nie Schäden auftreten (vgl. 4 S. 49f).

[...]

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Aspekte zur Jodblockade der Schilddrüse. Schutz vor Inkorporation von radioaktivem Jod bei Strahlenunglücken
Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln  (Institut für Rettungsingenieurwesen und Gefahrenabwehr)
Veranstaltung
Epidemiologische Gefahrenlagen
Note
2,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
35
Katalognummer
V1022403
ISBN (eBook)
9783346444417
ISBN (Buch)
9783346444424
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Jodblockade, Iodblockade, Radioaktivität, Strahlenunglücke, Katastrophenschutz, Schilddrüse, Jodtabletten, Iodtabletten, Strahlung
Arbeit zitieren
Manuel Haß (Autor:in), 2015, Aspekte zur Jodblockade der Schilddrüse. Schutz vor Inkorporation von radioaktivem Jod bei Strahlenunglücken, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1022403

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