Lernen an fremden Biografien. Chancen und Grenzen von Elisabeth von Thüringen


Seminararbeit, 2019

19 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. EINLEITUNG

2. BIOGRAFISCHES LERNEN UND LERNEN AN BIOGRAFIEN
2.1 Definitionen Biografisches Lernen und Lernen an Biografien
2.2 Wandel der Relevanz des Biografischen Lernens
2.3 Zur Bedeutung im Religionsunterricht

3. LEBENSSTATIONEN DER ELISABETH VON THÜRINGEN
3.1 Kindheitund Jugend
3.2 Leben am Fürstenhof und Leben für die Armen
3.3 Verhältnis zu Konrad von Marburg

4. BIOGRAFISCH LERNEN AN ELISABETH VON THÜRINGEN - CHANCEN UND GRENZEN
4.1 Konsumkritisches Leben
4.2 Gottes-und Nächstenliebe
4.3 Einstellung zu Familie und Kindern

5. BEZUG ZUR VORLESUNG „PRAKTISCHE THEOLOGIE IM KONTEXT"
5.1 Postmoderne als Herausforderung im Religionsunterricht
5.2 Der Mensch mitseiner Biografie im Mittelpunkt des Religionsunterrichts
5.3 Bezüge zu Feldern einer kontextuellen praktischen Theologie
5.3.1 Lehrerals Vorbilder
5.3.2 Diakonie - die soziale Dimension des Christentums

6. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

1. Einleitung

„Ein edles Beispiel macht die schweren Taten leicht.“ Dieses Zitat von Johann Wolfgang von Goethe beschreibt treffend, inwiefern menschliche Vorbilder Kindern und auch Erwachsenen Mut zusprechen können. Schier nicht lösbare Aufgaben können durch die Orientierung an Menschen, welche in der Vergangenheit ähnliche Schwierigkeiten lösen konnten, bewältigt werden. Nicht nur in schwierigen Zeiten, sondern generell im Leben scheinen Menschen als Anhaltspunkte für eigenes Handeln und die Entwicklung eigener Überzeugungen unabdingbar. Aber brauchen wir - Kinder und Erwachsene, Gläubige, Ungläubige und Suchende - in einer Zeit, welche zunehmend von dem Drang nach Freiheit und Individualisierung geprägt ist, noch Vorbilder? Sind diese nicht schon längst überflüssig geworden? Sollen sich Kinder nicht vorwiegend selbst verwirklichen und zu einem vollkommen autonomen Wesen erzogen werden? Wie passen diese zu beobachtenden gesellschaftlichen Entwicklungen und Vorbilder zusammen? Tatsächlich lässt sich aber genau in dieser Zeit feststellen, dass der Prozess der Selbstentwicklung kaum ohne der Orientierung an anderen Personen möglich ist. Beobachtet man die heutige Jugend, können zahlreiche YouTube und Instagram Stars und Sternchen unzählige jugendliche Follower vorweise, obwohl sie als Vorbilder durchaus kritisch zu betrachten sind. Alleine diese Tatsache zeigt, dass Kinder und Jugendliche auf der Suche nach menschlichen Anhaltspunkten sind. Aber eignen sich dann Heilige als Vorbilder oder ist ihr Leben zu perfekt und zu weit von der Lebenswirklichkeit der Schülerinnen und Schüler entfernt? Und welche Daseinsberechtigung im Religionsunterricht hat dann die Heilige Elisabeth von Thüringen, die nicht allzu selten als „Mutter Teresa des Mittelalters“ bezeichnet und als Vorbild in christlicher Nächstenliebe, gelebter Gerechtigkeit und mutiger Solidarität herangezogen wird? Meist sind die Heiligen gar nicht so perfekt und vorbildlich, wie sie auf den ersten Blick scheinen und vielleicht bieten bei manchen Heiligen gerade die Widersprüchlichkeiten und die Ambivalenz im Leben und Glauben die größten Lernchancen, denn Heldenhaftigkeit hat auch mit Menschlichkeit zu tun. Und menschliche Handlungen sind von außen betrachtet nicht immer verständlich. Vielleicht können genau diese nicht nachvollziehbaren Handlungen eines Heiligen Denkanstöße liefern, um sich mit ihr oder ihm auseinanderzusetzen.

Vor diesem Hintergrund soll in dieser Arbeit dargestellt werden, inwieweit der Einsatz der Heiligen Elisabeth von Thüringen im Kontext des Biografischen Lernens im Religionsunterricht sinnvoll ist und welche Chancen und Grenzen damit verbunden sein können. Um diese Themenstellung umfassend zu erläutern, werden nach der Einleitung im zweiten Kapitel die Grundlagen zum Biografischen Lernen und Lernen an Biografien definiert. Das dritte Kapitel beschäftigt sich näher mit den zentralen Lebensstationen der Elisabeth von Thüringen, wobei in dieser Arbeit nur auf ausgewählte Aspekte eingegangen werden kann. Im vierten Kapitel werden explizit die Chancen und Grenzen herausgearbeitet, so dass im letzten Kapitel die Bezüge der erarbeiteten Inhalte zu der Vorlesung „Praktische Theologie im Kontext“ erörtert werden können.

2. Biografisches Lernen und Lernen an Biografien

2.1 Definitionen Biografisches Lernen und Lernen an Biografien

„Biografisches Lernen [...] erfolgt im Kontext der eigenen Lebensgeschichte des Subjekts.“1 Es kann auch als Verbindung von Biografie, Lebensgeschichte und Lernen beschrieben werden.2 Da die Kinder und Jugendlichen in dieser pluralen Gesellschaft dazu gezwungen sind, ihre Identität immer neu zu finden und zu gestalten, sollten sie in ihrer Umwelt Entfaltungsmöglichkeiten entwickeln können.3 Dabei ist jede Biografie individuell und einzigartig und deshalb können Fragen der Lebensgestaltung und der Zukunftsperspektive nicht generell beantwortet werden.4 Biografisches Lernen ist oft mit dem Lernen an anderen Biografien verknüpft.5 Lernen an Biografien kann als die Vielzahl von Lernchancen definiert werden, welche sich durch die Auseinandersetzung mit den Lebensbeschreibungen von anderen Personen ergeben. Diese Personen werden dadurch zu Vorbildern, dass sie von einem Mitmenschen auserwählt werden, um als Orientierungspunkt für dessen Leben zu dienen.6 Die „Wertvorstellungen, Lebensherausforderungen und -entscheidungen anderer Biografien“7 können behilflich sein, diese als Orientierungshilfe für das eigene Leben zu nutzen.8 Durch das Hineinversetzen in eine fremde Biografie kommt es bei den Kindern nicht zu einer direkten Übertragung, sondern eher zum Ausprobieren unterschiedlicher Wertvorstellungen. Kinder und Jugendliche dürfen sich beim Lernen an Biografien keinesfalls unter Druck gesetzt fühlen, dass sie genau das vorgelebte Verhalten der Person übernehmen sollen. Im Gegenteil, die fremden Biografien sollen Möglichkeiten und Angebote liefern, welche Kinder und Jugendliche bei Belieben in die eigene Lebensgestaltung einfließen lassen können.9 Die Schülerinnen und Schüler sollen angeregt werden, Position zu beziehen und zugleich sollen ihnen Bedeutungszuschreiben ermöglicht werden.10

Da in dieser Seminararbeit das Lernen an Elisabeth von Thüringen dargestellt werden soll, wird der Begriff Biografisches Lernen gleichbedeutend zum Lernen an fremden Biografien verwendet, da ein Lernen an Biografien religionspädagogisch dem biografischen Lernen zuzuordnen ist. Treffend formuliert wurde es als „Biografisches Lernen durch Lernen an Biografien“11.12

2.2 Wandel der Relevanz des Biografischen Lernens

Nachdem sich in der Kriegs- und ersten Nachkriegsgeneration sehr viele Menschen an einem Vorbild orientierten, beziehungsweise eher zu den großen Helden dieser Zeit aufblickten, wurde seit Beginn der 60er-Jahre die NS-Zeit, vor allem in Westdeutschland, intensiv aufgearbeitet. Dabei hat sich zunehmend „die Fragewürdigkeit einer interessensgeleiteten Verherrlichung großer Figuren“13 herauskristallisiert.14 Diese Generation erlebte, dass der Begriff Vorbild und das Lernen an einem von dem nationalsozialistischen System missbraucht wurde. Das Verhalten der Menschen wurde mitunter dadurch manipuliert.15 Folglich war danach die Orientierung an Vorbildern lange rückläufig.16 Das war dann die Zeit, in welcher die Vorbilder auch allgemein aus der Pädagogik verschwanden. Eine empirische Untersuchung hierzu lieferte folgende Ergebnisse:

1955 orientierten sich nach der Shell Studie 2000 44 % der Jugendlichen an einem Vorbild, wohingegen es in den Jahren 1984 und 1996 nur noch 19 % beziehungsweise 16 % der Jugendlichen waren. Es lässt sich ein deutlicher Abwärtstrend in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts feststellen. Als Gründe für diese Entwicklung werden der Wunsch nach eigenständiger Entwicklung und die generelle Ablehnung von Idealbildung und Heldenverehrung genannt.17 Der Abwärtstrend setzte sich aber nicht fort, im letzten Jahrzehnt kam es zu einer Wende in der Entwicklung. In diesem Zusammenhang fällt oft der Begriff der „Renaissance der Vorbilder“18 oder des „Biographie-Booms“19. In der Shell Studie 2000 gaben für das Jahr 2000 an, dass 29 % der Jugendlichen ein Vorbild haben. Unsere schnelllebige Zeit ist zunehmend von privaten und gesellschaftlichen Unsicherheiten geprägt. Deshalb benötigen die Kinder und Jugendlichen scheinbar mehr denn je Punkte, an denen sie sich bei der Wahl zwischen unzähligen Lebensgestaltungsmöglichkeiten orientieren können.20 Ohne Anhaltspunkte die eigene Identität zu gestalten, wird für die Kinder und Jugendlichen zur großen Herausforderung. Dabei bleibt zu beachten, dass es keine für alle gültigen Orientierungsmöglichkeiten gibt.21 Folgendes Zitat von Ziebertz beschreibt zusammenfassend die schwierige Situation von Kindern und Jugendlichen in unserer von Pluralität geprägten Zeit und macht deutlich, wieso das Biografische Lernen im Religionsunterricht eine Verödung erfährt (siehe Punkt 2.3): „Zeitgenössische Biografien werden komplizierter, individueller, autonomer und eigensinniger. In jedem erreichten Zustand ist mittlerweile Revision als Möglichkeit und Notwendigkeit enthalten.“22

2.3 Zur Bedeutung im Religionsunterricht

Biografisches Lernen als Methode kann Kinder und Jugendliche in vier Aspekten unterstützen:

1. Identitätsfindung
2. Perspektivenübernahme / Empathiefähigkeit
3. Entwicklung des moralischen Urteils
4. Diskursive Ausbildung moralischer Überzeugungen

Das Lernen an fremden Biografien kann im Rahmen des Religionsunterrichts einen Beitrag zur Identitätsfindung der Schülerinnen und Schüler leisten. In der postmodernen Gesellschaft gilt die Identität im Jugendalter noch nicht als abgeschlossen, sondern als „sehr flexibel, vorläufig, balancierend und narrativ“23. Besonders wichtig ist, dass der Lernende eigenständig darüber entscheiden kann, ob die Handlungen der anderen Biografie nachvollziehbar und plausibel klingen. Perspektivenübernahme wird auf mehrfache Weise geschult und gefördert. Durch die intensive Beschäftigung mit der jeweiligen Biografie können sowohl Perspektiven dieser als auch Sichtweisen des Lehrenden und der Mitschülerinnen und Mitschüler kritisch betrachten. Um die Lebensumstände der fremden Biografie im richtigen Kontext zu betrachten, benötigen die Kinder und Jugendlichen eine gewisse Empathiefähigkeit, welche anhand dieser Methode gefördert wird.24 Neben der Empathiefähigkeit wird die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit unterstützt. In Diskussionen im Klassenverbund kann anhand Dilemma- Geschichten diese gestärkt werden. Als letzter Aspekt bleibt noch die diskursive Ausbildung moralischer Überzeugungen zu nennen. Im Kontext des Religionsunterrichts werden fremde Biografien präsentiert, welche auch einem „jüdisch-christlichen Ethos“25 entsprechen. Durch das Biografische Lernen sollen die Schülerinnen und Schüler in der Lage sein, „ihre Überzeugungen und auch die religiösen und säkularen Normen an konkreten Lebenssituationen abzuarbeiten, auszutesten und zu entwickeln“.26

3. Lebensstationen der Elisabeth von Thüringen

3.1 KindheitundJugend

Elisabeth von Thüringen wurde im Sommer/Frühherbst 1207 als drittes Kind des Königs Andreas II. von Ungarn und seiner Gemahlin Gertrud, welche aus dem Haus Andechs- Meranien stammte, in Sârospatak im Nordosten des heutigen Ungarns geboren. Somit gehörte Elisabeth dem vornehmsten europäischen Hochadel an.27 Die nach Macht strebende Mutter Elisabeths wurde 1213 bei einem Aufstand ermordet. Zu diesem Zeitpunkt befindet Elisabeth bereits weit weg von zuhause.28 1211 wurde Elisabeth nämlich im Alter von vier Jahren nach Eisenach an den Thüringer Landgrafenhof geschickt, um sich mit dortigen Landgrafen zu verloben. Der Hof galt zu jener Zeit als einer der einflussreichsten und modernsten Fürstenhöfe.29 Zudem ist über ihre Kindheit bekannt, dass sie eine gemeinsame Erziehung mit den Kindern des Landgrafen genoss und sie besonders zu ihrem „Bruder“ Ludwig ein liebevolles Verhältnis hatte. Sie scheint ein leidenschaftliches Mädchen gewesen sein, welches bereits in frühen Jahren bewusst eine besondere Offenheit für Religion entwickelte und sogar für manches Gebet in der Kapelle ihr Spielen unterbrach.30

3.2 Leben am Fürstenhof und Leben für die Armen

Elf Jahre nach der Verlobung folgte im Jahr 1221 die Hochzeit mit dem Landgrafen von Thüringen, Ludwig IV.31 Es existieren Spekulationen darüber, dass sie eigentlich dessen Bruder Hermann I. von Thüringen hätte heiraten sollen, welcher zu diesem Zeitpunkt aber bereits verstorben war.32 Zum Zeitpunkt der Hochzeit war Elisabeth 14 und Ludwig 21 Jahre alt, kein ungewöhnliches Alter für mittelalterliche Hochzeiten. Besonders war an dieser Verbindung, dass sich die beiden wirklich gerne hatten und eine liebevolle Beziehung pflegten.33 Nur ein Jahr nach der Hochzeit gebar die junge Elisabeth im März 1222 ihr erstes Kind Hermann II. Nach dessen Geburt verließ Elisabeth die für sie vorgezeichneten Wege eines hochadeligen weiblichen Lebensentwurfes und suchte für ihre Lebensgestaltung einen neuen Mittelpunkt.34

[...]


1 Mendl, Taschenlexikon 34.

2 Vgl. Buschmeyer 18.

3 Vgl. Mendl, Taschenlexikon 34.

4 Vgl. Buschmeyer 18.

5 Vgl. Mendl, Taschenlexikon 34.

6 Vgl. Witten 70.

7 Mendl, Taschenlexikon 34.

8 Vgl. ebd. 34.

9 Vgl. Mendl, Orientierung an fremden Biografien 54.

10 Vgl. Lindner 65f.

11 Mendl, Modelle83.

12 Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 132.

13 Mendl, Modelle 17.

14 Vgl. ebd. 17ff.

15 Vgl. Lindner 102.

16 Vgl. Mendl, Orientierung an fremden Biografien 53.

17 Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 134.

18 Vgl. Lindner 90.

19 Vgl. ebd. 116.

20 Vgl. Mendl, Religionsdidaktik 134.

21 Vgl. Ziebertz 375.

22 Ebd. 377.

23 Mendl, Modelle 84.

24 Vgl. Kuhn 88 ff.

25 Mendl, Modelle 84.

26 Kuhn 96.

27 Vgl. Werner, europäischer Hochadel 28.

28 Vgl. Werner, Mechthild 52.

29 Vgl. Kälble/Tebruck 58.

30 Vgl. Werner, Mechthild 52.

31 Vgl. Werner, europäischer Hochadel 28.

32 Vgl. Friese 13.

33 Vgl. Werner, Mechthild 52.

34 Vgl. Werner, religiöse Armutsbewegung 102.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Lernen an fremden Biografien. Chancen und Grenzen von Elisabeth von Thüringen
Hochschule
Universität Passau
Note
1,7
Autor
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V1022963
ISBN (eBook)
9783346420237
ISBN (Buch)
9783346420244
Sprache
Deutsch
Schlagworte
lernen, biografien, chancen, grenzen, elisabeth, thüringen
Arbeit zitieren
Theresa Sammereier (Autor:in), 2019, Lernen an fremden Biografien. Chancen und Grenzen von Elisabeth von Thüringen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1022963

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