Konvergenz oder Divergenz - Die Zukunft der Varieties of Capitalism


Seminararbeit, 2002

26 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Varieties of Capitalism
1.1. Die Notwenigkeit der Organisation
1.2. Verschiedene Marktwirtschaften: CME und LME
1.2.1. Unternehmen – Angestellte
1.2.2. Unternehmen – Zulieferer und andere Unternehmen
1.2.3. Corporate Governance und Sicht auf Unternehmen
1.2.4. Produktions- und Innovationsstrategien

2. Institutionelle Wettbewerbsvorteile
2.1. Wettbewerbsvorteile durch Institutionen in CME
2.1.1. Institutionen, Unternehmen und der Arbeitsmarkt
2.1.2. Institutionen, Unternehmensstruktur und der Kapitalmarkt
2.2. Wettbewerbsvorteile durch Institutionen in LME

3. Konvergenz

4. Divergenz
4.1. Institutionelle Komplementarität
4.2. Institutionelle Pfadabhängigkeit

5. Resümee - Konvergenz vs. Divergenz
5.1. Ausblick: Wirtschaftspolitik und Varieties of Capitalism

6. Literaturverzeichnis

Die einzige Konstante ist die Gewissheit der Veränderung.

Das Forschungsfeld der „Varieties of Capitalism“, das Unterschiede in der Verfasst- heit kapitalistischer Wirtschaftsysteme zum Gegenstand hat, erfreut sich reger Beach- tung. Dies lässt sich nicht nur dadurch erklären, dass mit dem Zusammenbruch plan- wirtschaftlicher Wirtschaftsysteme der Gesellschaftsforschung ein dankenswertes Theoriegebiet abhanden gekommen ist und somit Unterschiede zwischen den verblei- benden und neu entstandenen Marktwirtschaften vermehrt in das Blickfeld rückten, sondern insbesondere dadurch, dass sich in der „Varieties of Capitalism“ – Forschung eine Reihe wohletablierter Erklärungsansätze verschiedener Disziplinen fruchtbar an- wenden ließen und lassen.

So befindet sich die theoretische Auseinandersetzung mit dem Feld „Varieties of Capi- talism“ im Schnittpunkt zwischen den Wirtschaftswissenschaften, die etwa mikro- und makroökonomische Begriffe wie Pfadabhängigkeit, Komplementarität und komparati- ve Vorteile einbringen und den Sozial- und Politikwissenschaften, die die Wichtigkeit von Institutionen in der Forschung betonen.

In dieser Arbeit werden zunächst unter 1. die Unterschiede verschiedener kapitalisti- scher Wirtschaftsysteme beschrieben und eine Klassifizierung dieser in homogene Gruppen, „Liberal Market Economies“ und „Coordinated Market Economies“ nach Hall und Soskice (2001) dargestellt. Anschließend werden unter 2. Ansätz(e?) wie komparative Vorteile zur Erklärung dieser Differenzen betrachtet. Im folgenden Hauptteil der Arbeit werden unter 3. und 4. Argumente, die für oder gegen eine Per- sistenz dieser Unterschiede zwischen kapitalistischen Wirtschaftsystemen sprechen, kritisch gegenüber gestellt.

Es wird also schwerpunktmäßig die Debatte um Konvergenz oder Divergenz kapitalis- tischer Systeme in der Globalisierung betrachtet, wobei genauer auf die Begriffe Pfad- abhängigkeit und Komplementarität von und zwischen Institutionen einzugehen sein wird. Abschließend wird in einem Resümee versucht, neben einer Wertung die Debat- te Konvergenz vs. Divergenz in einen breiteren politischen Kontext zu stellen.

1. Varieties of Capitalism

Literatur zur Thematik der „Varieties of Capitalism” beginnt meistens mit der Feststellung, dass gewichtige Unterschiede zwischen Marktwirtschaften verschiedener Staaten existieren. So sollen hier zunächst einige dieser Unterschiede exemplarisch vorgestellt werden. Es geht dabei weniger darum, eine vollständige Aufzählung der Differenzen zu geben, sondern dar- um, eine Annäherung an die Thematik „Varieties of Capitalism“ bei gleichzeitiger Vorberei- tung der Darstellung der Konvergenz vs. Divergenz Debatte. Ohne dieser unnötig vorzugrei- fen, kann doch schon gesagt werden, dass die stärksten Anzeichen einer Konvergenz zwi- schen marktwirtschaftlichen Systemen im Bereich der Unternehmen zu beobachten war.

Will man ein sich dem Phänomen der Unterschiedlichkeit verschiedener Wirtschaftssysteme nähern, und versuchen, Erklärungen dieser Differenzen oder gar Prognosen über zukünftige Konvergenz oder Divergenz geben, so ist es notwendig, einzelne Akteure sowie ihr Zusam- menspiel zu betrachten[1]. Denn die Eigenschaften wie auch Besonderheiten eines kapitalisti- schen Wirtschaftssystem ergeben sich aus dem als rational und eigennutzmaximierenden Ver- halten einzelner Subjekte dieses Systems[2]. So auch Hall; Soskice (2001: 6): ”We see the po- litical economy as a terrain populated by multiple actors, each of whom seeks to advance his interests in a rational way in a strategic interaction with others.” Oder auch Whitley (1999:

25) “Firms are by no means the same sorts of economic actors in different economies. This means that the ways in which private ownership is organized and connected to authority hier- archies - as well as how these latter are structured , of course – are central to any comparative analysis of economic organisation.”

Insofern erklärt sich, dass hier ein unternehmenszentrierter Ansatz gewählt wurde, einerseits dadurch, dass es notwendig ist, verschiedene Akteure innerhalb eines komplexen Systems auszumachen, um an Beschreibungsschärfe zu gewinnen, und andererseits dadurch, dass Un- ternehmen die Einheiten sind, an denen sich Globalisierung am stärksten zeigt[3]. Dies dürfte einer der Gründe dafür sein, dass in der Betrachtung der „Varieties of Capitalism“ der Ansatz zur Einteilung verschiedener Marktwirtschaften nach der Art ihrer Organisation von Firmen- beziehungen richtungsweisend geworden ist: Innerhalb eines solchen Ansatzes lassen sich Argumente für Konvergenz oder Divergenz darstellen und nachvollziehen[4].

Stellt man also Unterschiede zwischen verschiedenen Marktwirtschaften fest und konzentriert sich dabei auf die Rolle der Firmen, so stellt sich die Frage: Haben Unternehmen verschiede- ner Standorte systematische Unterschiede in ihren Strategien oder ihren Ausrichtungen? Wenn ja, warum und welche[5]? Die Frage nach dem Warum soll unter 2. genauer beleuchtet werden - hierbei wird genauer auf die Rolle von Institutionen einzugehen sein -, im Folgen- den werden zunächst eine einige Unterschiede zwischen marktwirtschaftlichen Systemen un- ter besonderer Berücksichtigung der Rolle der Unternehmen dargestellt.

Diese Arbeit wird sich dabei an der in Soskice; Hall (2001: 8ff)[6] vorgestellten Einteilung ver- schiedener Formen marktwirtschaftlicher Systeme in „Liberal Market Economies“ (LME) und „Coordinated Market Economies“ (CME) orientieren[7].

1.1. Die Notwenigkeit der Organisation

Unternehmungen, so wie sie in Soskice; Hall (2001) dargestellt werden, haben in allen kapita- listischen Wirtschaftsystemen zunächst die selben Probleme. So produzieren alle Unterneh- men mithilfe eingesetzter Produktionsfaktoren – wie Arbeit und Vorprodukte – bestimmte Dienstleistungen oder Güter und verkaufen an ihre Abnehmer. Neben der Versorgung mit den Produktionsfaktoren und der Organisation des Verkauf, treten die aus den Wirtschaftswissen- schaften bekannten Größen der Organisation des Verhältnisses von Management und Eigen- tümer, bzw. Finanzierer, der Unternehmen in Form eines Prinzipal – Agent Verhältnisses als grundlegende Problemfelder von Unternehmungen hinzu[8].

Eine relationale Sicht auf Unternehmen fokussiert so die Untersuchung der Unterschiede zwi- schen verschiedenen Firmen auf die Untersuchung der Unterschiede in der Interaktion der Unternehmen mit anderen Akteuren. Diese anderen Akteure sind Arbeiter und Angestellte,

Zulieferer, Kunden, Finanzierer, Eigentümer, Gewerkschaften, andere Firmen, Wirtschafts- verbände sowie die Regierung.

Beispiele für Interaktionen zwischen diesen und einer Firma wären z.B. Verhandlungen mit Gewerkschaften oder Arbeitskräften über Lohn und Arbeitsbedingungen, die Ausbildung der Arbeitskräfte, die Einflussnahme auf und Kontrolle des Managements durch Eigentümer und Finanzierer des Unternehmens, die Informationsweitergabe vom Management an Eigentümer und Finanzierer, die Kapitalaufnahme des Unternehmens, die Etablierung von Standards in- nerhalb einer Branche, die Preis- und Produktstrategie des Unternehmens und die An- oder Abwesenheit gemeinsamer Forschung und Entwicklung mit anderen Firmen[9].

Für jeder dieser Interaktionen lässt sich untersuchen, ob sich die Art des Umgangs mit diesen anderen Akteuren systematisch zwischen Staaten unterscheidet.

1.2. Verschiedene Marktwirtschaften: CME und LME

Hall; Soskice (2001: 8ff) unterscheiden Volkswirtschaften danach, wie in ihnen diese Interak- tionsprobleme der Firmen gelöst sind. Idealtypisch sind dabei zwei Typen von Organisationen von Unternehmensbeziehungen. Auf der einen Seite die „Liberal Market Economies“ (LME), in denen o.g. Interaktionen der Unternehmen vornehmend über einen von Wettbewerb ge- prägten Markt organisiert und bestimmt werden, und auf der anderen Seite „Coordinated Market Economies“ (CME) zu denen es in Hall; Soskice (2001: 8) heißt: “Firms depend hea- vily on non market relationships to coordinate their endeavors with other actors and to construct their core competencies. These non-market modes of coordination generally entail more extensive relational of incomplete contracting, network monitoring based on the ex- change of private information inside networks, and more reliance on collaborative, as opposed to competitive, relationships to build the competencies of the firm.[10]

Dieser Gegensatz in der unterschiedlichen Organisation der Interaktionen lässt sich anhand einiger Beispiele deutlich zeigen[11]:

1.2.1. Unternehmen – Angestellte

Im Bereich der Verbindung von Unternehmen zu Angestellten wird in der Literatur besonders auf zwei Differenzen zwischen LME und CME hingewiesen: die Art des Ausbildungssystem und die Festigkeit des Angestelltenverhältnisses. So ist in CME eine eher kostenintensive Ausbildung zu breiten industrie-/ branchenspezifischen Fähigkeiten gekoppelt mit einer eher längerzeitlichen Anstellung zu beobachten[12] während in LME eher eine weniger kosteninten- sive Ausbildung von Firmenseite sowie eine schwächere Bindung zwischen Unternehmen und Angestellten anzutreffen sind[13]. Des weiteren lässt sich in CME eine höhere Rigidität der Löhne insgesamt und eine geringere Hierarchisierung der Angestelltenstruktur einzelner Un- ternehmen beobachten. Dieser Umstand, der auf starke und etablierte Gewerkschaften in

CME zurückgeführt werden kann[14], geht in CME einher mit geringeren Lohnunterschieden als in LME, in denen die Unternehmen mit höheren Löhnen Anreize schaffen können[15].

1.2.2. Unternehmen – Zulieferer und andere Unternehmen

Auch im Bereich der Verbindung zwischen Unternehmen und ihren Zulieferern bzw. anderen Firmen kann zwischen CME und LME eine deutliche Unterscheidung getroffen werden. So sind die Verbindungen mit Zulieferern von Unternehmen in CME längerfristig angelegt, wäh- rend solche Verbindungen in LME häufiger wechseln und hierbei stärkerer Wettbewerb unter Zulieferern zu verzeichnen ist[16]. Hierbei sind in CME vielfältige Verbindungen von Unter- nehmen einerseits über Kreuzbeteiligungen, gegenseitig oder einseitig eingeräumte Aufsichts- ratposten[17] und gemeinsame Mitgliedschaft in Wirtschaftsverbänden anzutreffen[18]. In der Literatur wird auch auf die Unterschiedlichkeit der Normsetzung hingewiesen, die in LME weniger über Absprachen, als über den Markt zustande kommen[19], während in CME ein we- sentlicher Teil der Norm-/ Standardsetzung in Zusammenarbeit von Unternehmen und/ in Wirtschaftsverbänden geleistet wird[20].

[...]


[1] Insofern wird hier ein analytisch-kompositorischer Ansatz verwendet.

[2] Diese Annahmen des methodischen Individualismus werden implizit in der Literatur zu den „Varieties of Capi- talism“ gemacht, jedoch nur selten explizit als solche gekennzeichnet.

[3] Vgl. Hall; Soskice (2001: 6): “This is a firm-centered political economy that regards companies as the crucial actors in a capitalist economy. They are the key agents of adjustment in the face of technological change or in- ternational competition whose activities aggregate into overall levels of economic performance.”

[4] Siehe Soskice (1999, 2000), Hall; Soskice (2001), Whitley (1999), Streeck (1992, 2001) Casper (2001), Bebchuk; Roe (1999)

[5] Vgl. Hall; Soskice (2001: 1)

[6] Die Unterscheidung CME und LME ist bereits in früheren Aufsätzen von Soskice vorgestellt worden. In der o.g. Quelle findet sich eine übersichtliche und umfangreiche Darstellung dieser Klassifizierung.

[7] Andere Ansätze zur Klassifizierung verschiedener Formen des Kapitalismus finden sich z.B. entlang der Trennlinie der Stärke der Gewerkschaften oder nach Ausprägung des Wohlfahrtstaates. Vgl. z.B. Esping – Andersen, G.(1998): Die drei Welten des Wohlfahrtskapitalismus, in: Lessenich, S.; Ostner, I. [Hrsg]: Welten des Wohlfahrtskapitalismus, Frankfurt/M: Campus, S.19-58. Für die in dieser Arbeit angestrebte Darstellung der Konvergenz vs. Divergenz Debatte sind diese Ansätze jedoch weniger hilfreich.

[8] Hall; Soskice (2001: 6) und Whitley (1999: 25)

[9] Hall; Soskice (2001: 6)

[10] Als nahe am Idealtypus der CME stehend werden Deutschland und Schweden genannt. Die USA und Großbri- tannien hingegen werden als LME beschrieben. (vgl. Gourevitch (1992: 240), Soskice (1999: 120ff) und Hall; Soskice (2001: 21ff, 27ff)

[11] Dem ordnungspolitisch sensibilisiertem Leser mag beim Lesen der folgenen Beispiele zu recht auffallen, dass u.g. Unterschiede durch Tarifrecht, Arbeitsrecht, Kartellrecht, Aktienrecht, Kartellrecht, Gewerberecht uvm. bedingt und beeinflusst werden. In diesem Abschnitt sollen zunächst Unterschiede dargestellt werden um unter 2. auch auf die Rolle von Recht und Institutionen genauer einzugehen.

[12] Streek (1992: 16 und 32), Hall; Soskice (2001: 44), Soskice (1999: 115) und Gourevitch (1992: 243)

[13] Gourevitch (1992: 243) und Soskice (1999: 118)

[14] Streek (1992: 32)

[15] Soskice (1999: 124)

[16] Gourevitch (1992: 243) und Soskice (1999: 116)

[17] Zur Rolle der Banken, die dieses Mittel der Informationsbeschaffung besonders nutzen: s. u. .

[18] Hall; Soskice (2001: 44) Soskice (1999: 116)

[19] Hierbei bestimmt der erfolgreiche first-mover den Branchen-Standard, an dem sich aus Kompatibilitätsgrün- den Wettbewerber halten. Dies ist in z.B. den USA zu einem guten Teil durch das starke Kartellrecht bedingt. Soskice (2000: 88) und Hall; Soskice (2001: 31)

[20] Tate (2001: 454f )

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Konvergenz oder Divergenz - Die Zukunft der Varieties of Capitalism
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Sozialwissenschaften)
Veranstaltung
Seminar: Varieties of Capitalism
Autor
Jahr
2002
Seiten
26
Katalognummer
V10230
ISBN (eBook)
9783638167222
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Konvergenz, Divergenz, Zukunft, Varieties, Capitalism, Seminar
Arbeit zitieren
Malte C. Daniels (Autor), 2002, Konvergenz oder Divergenz - Die Zukunft der Varieties of Capitalism, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10230

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