Das Forschungsfeld der „Varieties of Capitalism“, das Unterschiede in der Verfasstheit kapitalistischer Wirtschaftsysteme zum Gegenstand hat, erfreut sich reger Beachtung.
Dies lässt sich nicht nur dadurch erklären, dass mit dem Zusammenbruch planwirtschaftlicher Wirtschaftsysteme der Gesellschaftsforschung ein dankenswertes Theoriegebiet abhanden gekommen ist und somit Unterschiede zwischen den verbleibenden und neu entstandenen Marktwirtschaften vermehrt in das Blickfeld rückten, sondern insbesondere dadurch, dass sich in der „Varieties of Capitalism“ – Forschung eine Reihe wohletablierter Erklärungsansätze verschiedener Disziplinen fruchtbar anwenden ließen und lassen.
So befindet sich die theoretische Auseinandersetzung mit dem Feld „Varieties of Capitalism“ im Schnittpunkt zwischen den Wirtschaftswissenschaften, die etwa mikro- und makroökonomische Begriffe wie Pfadabhängigkeit, Komplementarität und komparative Vorteile einbringen und den Sozial- und Politikwissenschaften, die die Wichtigkeit von Institutionen in der Forschung betonen.
In dieser Arbeit werden zunächst unter 1. die Unterschiede verschiedener kapitalistischer Wirtschaftsysteme beschrieben und eine Klassifizierung dieser in homogene Gruppen, „Liberal Market Economies“ und „Coordinated Market Economies“ nach Hall und Soskice (2001) dargestellt. Anschließend werden unter 2. Ansätz(e?) wie komparative Vorteile zur Erklärung dieser Differenzen betrachtet. Im folgenden Hauptteil der Arbeit werden unter 3. und 4. Argumente, die für oder gegen eine Persistenz dieser Unterschiede zwischen kapitalistischen Wirtschaftsystemen sprechen, kritisch gegenüber gestellt.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Varieties of Capitalism
1.1. Die Notwenigkeit der Organisation
1.2. Verschiedene Marktwirtschaften: CME und LME
1.2.1. Unternehmen – Angestellte
1.2.2. Unternehmen – Zulieferer und andere Unternehmen
1.2.3. Corporate Governance und Sicht auf Unternehmen
1.2.4. Produktions- und Innovationsstrategien
2. Institutionelle Wettbewerbsvorteile
2.1. Wettbewerbsvorteile durch Institutionen in CME
2.1.1. Institutionen, Unternehmen und der Arbeitsmarkt
2.1.2. Institutionen, Unternehmensstruktur und der Kapitalmarkt
2.2. Wettbewerbsvorteile durch Institutionen in LME
3. Konvergenz
4. Divergenz
4.1. Institutionelle Komplementarität
4.2. Institutionelle Pfadabhängigkeit
5. Resümee - Konvergenz vs. Divergenz
5.1. Ausblick: Wirtschaftspolitik und Varieties of Capitalism
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Debatte um Konvergenz oder Divergenz kapitalistischer Wirtschaftssysteme im Kontext der Globalisierung. Dabei wird analysiert, ob sich unterschiedliche nationale Wirtschaftsmodelle einander angleichen oder ob ihre spezifischen institutionellen Ausprägungen aufgrund von Pfadabhängigkeiten und Komplementaritäten fortbestehen.
- Klassifizierung von Wirtschaftsmodellen in "Liberal Market Economies" (LME) und "Coordinated Market Economies" (CME)
- Analyse institutioneller Wettbewerbsvorteile durch spezifische Koordinationsmechanismen
- Untersuchung der Triebkräfte für eine mögliche systemische Konvergenz
- Diskussion der Widerstandsfähigkeit (Divergenz) von Institutionen gegenüber globalem Anpassungsdruck
Auszug aus dem Buch
1.2. Verschiedene Marktwirtschaften: CME und LME
Hall; Soskice (2001: 8ff) unterscheiden Volkswirtschaften danach, wie in ihnen diese Interaktionsprobleme der Firmen gelöst sind. Idealtypisch sind dabei zwei Typen von Organisationen von Unternehmensbeziehungen. Auf der einen Seite die „Liberal Market Economies“ (LME), in denen o.g. Interaktionen der Unternehmen vornehmend über einen von Wettbewerb geprägten Markt organisiert und bestimmt werden, und auf der anderen Seite „Coordinated Market Economies“ (CME) zu denen es in Hall; Soskice (2001: 8) heißt: “Firms depend heavily on non market relationships to coordinate their endeavors with other actors and to construct their core competencies. These non-market modes of coordination generally entail more extensive relational of incomplete contracting, network monitoring based on the exchange of private information inside networks, and more reliance on collaborative, as opposed to competitive, relationships to build the competencies of the firm.”
Dieser Gegensatz in der unterschiedlichen Organisation der Interaktionen lässt sich anhand einiger Beispiele deutlich zeigen:
Zusammenfassung der Kapitel
Varieties of Capitalism: Dieses Kapitel führt in die Klassifizierung kapitalistischer Systeme nach Hall und Soskice ein und beleuchtet die Notwendigkeit der Organisation sowie Unterschiede zwischen CME und LME.
Institutionelle Wettbewerbsvorteile: Hier wird erläutert, wie unterschiedliche Institutionen systematische Unterschiede in den Strategien und Wettbewerbsvorteilen von Unternehmen in LME und CME generieren.
Konvergenz: Dieses Kapitel diskutiert die These, dass sich kapitalistische Systeme aufgrund von Globalisierung und Marktdruck mittel- bis langfristig einander angleichen.
Divergenz: Der Fokus liegt hier auf den Mechanismen, die einem institutionellen Wandel entgegenwirken, insbesondere durch Pfadabhängigkeit und institutionelle Komplementarität.
Resümee - Konvergenz vs. Divergenz: Zusammenfassend wird argumentiert, dass eine totale Konvergenz unwahrscheinlich ist und eher hybride Entwicklungsfade zu erwarten sind.
Ausblick: Wirtschaftspolitik und Varieties of Capitalism: Das Kapitel reflektiert, wie die zukünftige wirtschaftspolitische Ausrichtung maßgeblich über das Fortbestehen oder die Transformation der nationalen Kapitalismusmodelle entscheidet.
Schlüsselwörter
Varieties of Capitalism, Konvergenz, Divergenz, Liberal Market Economies, Coordinated Market Economies, Institutionen, Pfadabhängigkeit, Komplementarität, Globalisierung, Wettbewerbsvorteile, Corporate Governance, Diversified Quality Production, Innovationsstrategien, Wohlfahrtsstaat, Kapitalismusmodelle.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der Frage, ob kapitalistische Wirtschaftssysteme in einer globalisierten Welt zunehmend konvergieren oder ob sie aufgrund ihrer nationalen institutionellen Verankerung ihre Unterschiede beibehalten (Divergenz).
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentral sind die Analyse der Unterschiede zwischen "Liberal Market Economies" (LME) und "Coordinated Market Economies" (CME) sowie die Untersuchung von Institutionen als Rahmenbedingungen für wirtschaftliches Handeln.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das primäre Ziel ist es, die Debatte um Konvergenz und Divergenz kapitalistischer Systeme theoretisch fundiert zu bewerten und einzuordnen, ob eine totale Angleichung zu erwarten ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine analytisch-kompositorische Untersuchung, die auf den institutionentheoretischen Ansätzen von Hall, Soskice, Streeck und anderen basiert, um den Einfluss von Institutionen auf Unternehmensstrategien zu deuten.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die institutionellen Grundlagen von Wettbewerbsvorteilen in verschiedenen Marktwirtschaften, diskutiert Treiber der Konvergenz (z.B. Finanzmärkte) und beleuchtet Gegenkräfte wie Pfadabhängigkeiten und institutionelle Komplementaritäten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem "Varieties of Capitalism", Pfadabhängigkeit, Komplementarität, LME, CME, sowie die Konzepte der "Radical Innovation" und "Diversified Quality Production".
Warum behalten einige Institutionen in CME ihre Wirkung trotz globalen Drucks?
Dies liegt an der sogenannten institutionellen Komplementarität und Pfadabhängigkeit, bei denen Akteure aufgrund versunkener Kosten und politischer Interessen Anreize haben, bestehende Strukturen trotz Effizienzverlusten aufrechtzuerhalten.
Wie beeinflusst die Globalisierung der Finanzmärkte die Unternehmensführung in CME?
Die Integration der Finanzmärkte erzeugt einen erhöhten Druck auf Unternehmen, sich am "Shareholder Value"-Prinzip zu orientieren, was zu Veränderungen in der Unternehmensverflechtung und der Rolle der Banken führt.
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- Malte C. Daniels (Author), 2002, Konvergenz oder Divergenz - Die Zukunft der Varieties of Capitalism, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/10230