Beiträge der psychoanalytisch- interaktionellen Psychotherapie für die Geistigbehindertenpädagogik


Diplomarbeit, 1993

37 Seiten, Note: 1,3


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Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Psychotherapie mit geistig behinderten Menschen
1.1 Der Umgang mit dem Begriff ‘geistige Behinderung’
1.2 Zur Bedeutung tiefenpsychologischer Erkenntnisse für die Geistigbehindertenpädagogik
1.3 Psychotherapie zwischen Bildung und Heilung
1.4 Von der Psychotherapie zur Psychoanalyse
1.5 Zusammenfassung

2. Theoretische Grundlagen für eine psychoanalytisch orientierte Therapie mit geistig behinderten Menschen
2.1 Geistige Behinderung und die Entwicklung ihrer psychischen Strukturen
2.2 Die Integration, die missglückte Einigung und gesellschaftliche Entwertungsprozesse
2.3 Strukturelle Merkmale psychischer Störungen bei geistig behinderten Menschen
2.4 Zusammenfassung

3. Zur psychoanalytisch- interaktionellen Therapie mit psychisch kranken, geistig behinderten Menschen
3.1 Die Abgrenzung zur Psychoanalyse
3.2 Die Rahmenbedingungen der interaktionellen Therapie in Neuerkerode
3.3 Der diagnostische Prozess
3.4 Die therapeutische Praxis
3.5 Der ‘interaktionelle’ Aspekt der psychoanalytischen Therapie
3.6 Zusammenfassung

4. Die psychoanalytisch- interaktionelle Psychotherapie - ein Beitrag für die Geistigbehindertenpädagogik?
4.1 Grundsätzliche Gedanken zum Verhältnis von Psychotherapie und Heilpädagogik
4.2 Zur Therapie und Erziehung in Neuerkerode
4.3 Ist die psychoanalytisch- interaktionelle Therapie ein relevantes Thema für die ‘Schule für Geistigbehinderte’?
4.4 Zusammenfassung

5. Schlussbetrachtung

6. Anmerkungen

7. Literatur

" Sie wissen, wir waren nie so stolz auf die Vollständigkeit und Abgeschlossenheit unseres Wissens und Könnens; wir sind, wie früher so auch jetzt, immer bereit, die Unvollkommenheiten unserer Erkenntnis zuzugeben, Neues dazuzulernen und an unserem Vorgehen abzuändern, was sich durch Besseres ersetzen lässt."

Sigmund Freud

Wege der psychoanalytischen Therapie (1919)

0. Einleitung

Tiefenpsychologische Erklärungs- und Therapiemodelle spielen bei der Betreuung von geistig behinderten Menschen1 eher eine untergeordnete Rolle.

Dies liegt an dem großen Theoriedefizit psychoanalytischer Untersuchungen über geistige Behinderung und der daraus bestehenden Unsicherheit bezüglich der Psychotherapierbarkeit von geistig behinderten Menschen. Es hängt mit dem gängigen Vorurteil zusammen, "dass man in psychischen Störungen bei geistig Behinderten nichts anderes als eine Ausdrucksform psychisch- geistiger Retardierung oder aber der ihr zu Grunde liegenden hirnorganischen Störung sieht." (Gaedt 1987a, 112) "Es kommt hinzu, dass die Einschätzung der intellektuellen Fähigkeiten so sehr das Bild des Menschen bestimmt (...), dass psychische Störungen als zusätzliche und unwichtige Begleiterscheinung übersehen werden und in Hinblick auf die Lebensweise der geistig behinderten Menschen als nicht behandlungsbedürftig erscheinen." (Gaedt, ebd.)

Musste man über Jahre hinweg deutlich machen,

"dass geistige Behinderung weder eine psychische Krankheit noch Verhaltensauffälligkeiten oder psychische Störungen Wesensmerkmale geistiger Behinderung sind"2 , so erkennt man inzwischen an, dass "geistig behinderte Menschen psychisch krank sein können."3

"In den USA wurden für Menschen mit einer geistigen Behinderung und einer zusätzlichen psychischen Krankheit der Begriff 'dual diagnosis' geprägt." (Sand 1992, 1)

Diese Bezeichnung zeigt das Problem auf, welches die Psychiatrie und Pädagogik mit diesem Personenkreis haben. Geistig behinderte Menschen sitzen quasi zwischen den Stühlen, weil sich keine der angesprochenen Disziplinen für wirklich zuständig fühlt.

Eine problematische Tendenz der Psychiatrie besteht darin, dass diese Menschen als geistig Behinderte aus ihrem Zuständigkeitsbereich herausgenommen werden. Der pädagogische Bereich wiederum kann mit vielen Verhaltensmustern nicht adäquat umgehen, da er versucht, sie als Anpassungsschwierigkeiten und Verhaltensstörungen mit pädagogischen Mitteln anzugehen und sie bei Überforderungen und Scheitern die betroffenen Personen als psychisch krank wieder an die Psychiatrie verweist (vgl. Sand, ebd.).

Geistig behinderten Menschen wird zwar inzwischen ein psychisches Kranksein zugesprochen, dennoch tut man sich noch immer sehr schwer, behindertenpädagogische und therapeutische Antworten auf das Phänomen psychische Störung zu geben, weil noch immer keine eindeutige Ätiologie und Definition zum Personenkreis der psychisch kranken, geistig behinderten Menschen vorliegt.4

Dies wäre allerdings sehr bedeutsam, weil abhängig von der Frage, was psychische Krankheit überhaupt ist, ganz bestimmte Verhaltens- und Lebensäußerungen von geistig behinderten Menschen als krankhaft klassifiziert werden. Die nachfolgenden Gedanken versuchen deshalb diesem besonderen Personenkreis näher zu kommen und mögliche Modelle aufzuzeigen, wie mit Verhaltensweisen umgegangen werden kann, die als krankhaft bezeichnet werden und sich unserem Verständnis entziehen, ohne dass geistig behinderte Menschen weiter ausgegrenzt werden. Bei der Betrachtung dieser Phänomene fällt auf, dass sowohl geistige Behinderung als auch psychische Krankheit pathologisch und defizitär eingeordnet werden.

Tiefenpsychologisch orientierte Erklärungsmodelle versuchen hingegen Verhaltensweisen, die als skurril und abweichend erlebt werden, als ganz erstaunliche Anpassungsleistungen geistig behinderter Menschen an deprivierende Lebensumstände zu verstehen, die für sie subjektiv gesehen höchst bedeutsam und stabilisierend sind. Diese Sichtweise eröffnet eine neue Dimension des Begreifens geistig behinderter Menschen, indem Äußerungen verstehend und konstruierend erschlossen werden (aus einem Briefwechsel mit U. Niehoff, Lebenshilfe Marburg).

In jeder Ätiologie beschreiben nicht nur genetische Faktoren und pathologische Befunde einen Menschen, sondern seine Lebensgeschichte spielt eine entscheidende Rolle. Geistig behinderte Menschen sind in dieser Hinsicht nicht auszuschließen. Die Entwicklung psychischer Strukturen vollzieht sich im sozialen Kontext, und deshalb ist eine psychische Fehlentwicklung nicht ausschließlich auf eine, bei Geburt diagnostizierten geistigen Behinderung zurückzubeziehen.

Vielmehr Einfluss auf eine gesunde oder gestörte psychische Entwicklung hat die spezifische Sozialisation eines Menschen. Inwieweit eine Behinderung in die Sozialisation und damit in eine psychischen Störung mit einfließt, muss geklärt werden. Die Entwicklung geeigneter Methoden, um psychische Störungen bei geistig behinderten Menschen zu verstehen und zu behandeln und bei der die besonderen Merkmale geistiger Behinderung und ihrer psychischen Struktur und Genese berücksichtigt werden, erscheint demnach angebracht.

Tiefenpsychologisch orientierte Therapiemodelle versuchen psychische Störungen als Folge einer gestörten frühkindlichen Entwicklung zu verstehen und die Ursachen in bestimmten Umweltbedingungen und Familienbeziehungen zu suchen. Diese Einschätzung bezieht die Psychoanalyse zwar auf nicht behinderte Menschen, muss sich aber logischerweise auch auf behinderte Menschen übertragen lassen. Das bedeutet:

"Psychotherapeutische Intervention ist eine der vielfältigen Antworten, mit denen wir auf die Grunderfahrung reagieren, dass wir Menschen ungeheuer verletzlich und kränkbar sind." (Gaedt 1987b, 9) Auf der Suche nach Möglichkeiten, psychischen Problemen entgegenzutreten, fallen meines Erachtens besonders tiefen-psychologisch orientierte Therapieverfahren auf, bei der in einem psychotherapeutischen Team versucht wird, "sich auf die innere und äußere Situation der behinderten Klienten einzulassen und sich einige Gedanken über das geeignete therapeutische Setting zu machen." (Müller -Hohagen 1991, 317)

Im besonderen zeichnet sich die Arbeit der Neuerkeroder Anstalten in der Nähe von Braunschweig aus, bei der die Therapeuten nicht

"im elfenbeinernen Turm sitzen (und psychiatrisieren M.G.), sondern in enger Kooperation mit den pädagogischen Kollegen (arbeiten M.G.), sie führen eine durchdachte Diagnostik durch, diskutieren mögliche Therapieziele und die geeigneten Zugangswege, reflektieren die Therapie miteinander und in Supervision (...) Und sie folgen offensichtlich nicht einem starren Konzept, sondern fügen ihrer psychoanalytischen Grundlage zum Beispiel auch wesentliche Erkenntnisse aus der Verhaltensforschung bei, ..." (Müller- Hohagen, ebd.).

In Neuerkerode stellt die gemeinsame Grundlage der angewendeten Psychotherapien die sogenannte

Psychoanalytisch- interaktionelle Therapie

dar. Dieser behindertenspezifisch modifizierte Therapieansatz verbindet psychoanalytische Konzepte mit persönlichkeitsfördernden Zielsetzungen, die in engen Beziehungen zwischen Therapeut und Patient aufgebaut werden sollen. Es stellt sich die Frage, ob die Beschäftigung mit diesem Ansatz Pädagogen die Möglichkeit bietet, psychoanalytisches Grundwissen über die menschliche Seele zu erfahren und Erkenntnisse der Denkweise der Psychoanalyse in die eigene Arbeit mit geistig behinderten Menschen einzubeziehen.

Erweitert dies die Dimensionen einer psychoanalytisch orientierten Therapie als pädagogisches Phänomen? Können diese Erkenntnisse in der pädagogischen Arbeit mit behinderten Menschen ein neues Verstehen ermöglichen und helfen eine Pädagogik aufzubauen, die sich auch auf die Einsicht in das Wesen der behinderten Menschen stützt? Dies würde über die bisherigen Einschätzung von Psychotherapie im allgemeinen und im speziellen mit geistig behinderten Menschen hinausgehen und bildet die wesentliche Fragestellung meiner Arbeit:

Ist ein psychoanalytisches Verständnis vom geistig behinderten Mensch und hier im besonderen, ist eine psychoanalytisch- interaktionelle Psychotherapie in der pädagogischen Arbeit mit geistig behinderten Menschen sinnvoll integrierbar? Nach dieser kurzen Heranführung in die Thematik soll im ersten Kapitel der bereits angedeutete Sinn einer Psychotherapie mit geistig behinderten Menschen beleuchtet und analysiert werden.

Zunächst sollen die pädagogischen Aspekte einer Psychotherapie herausgestellt werden, bevor abschließend die Grundzüge einer psychoanalytisch orientierten Therapie beschrieben und ebenfalls auf ihren pädagogischen Gehalt überprüft werden.

Dieser Herangehensweise folgt im zweiten Kapitel die Darstellung von allgemeinen theoretischen Überlegungen für eine psychoanalytisch orientierte Therapie mit geistig behinderten Menschen. Im Mittelpunkt der Betrachtung steht die Entwicklung der psychischen Strukturen bei geistig behinderten Menschen und mögliche Bedingungsfaktoren für pathologische Fehlentwicklungen.

Im dritten Teil wird die eigentliche psychoanalytisch- interaktionelle Therapie dargestellt. Die Erläuterung von Diagnostik und Therapie in Abgrenzung zur klassischen Psychoanalyse versucht die behindertenspezifische Modifizierung und Integration von psychiatrischen und pädagogischen Anteilen herauszuarbeiten. Abschließend behandelt das dritte Kapitel den interaktionellen Aspekt der psychoanalytisch orientierten Therapie von Neuerkerode.

Im abschließenden vierten Teil dieser Arbeit wird hinterfragt, ob die dargestellte psychoanalytisch- interaktionelle Therapie von psychischen Störungen bei geistig behinderten Menschen in ihren wesentlichen therapeutischen Momenten als pädagogisches Phänomen betrachtet werden kann und ob die interaktionelle Psychotherapie nicht nur als Theorie für die Pädagogik von Bedeutung ist, indem sie wichtige Aufschlüsse über die kindliche Entwicklung gibt, sondern dass sie in ihrem grundlegenden Beziehungsmuster der Interaktion selbst eine Form pädagogischer Praxis darstellt (vgl. Randolph 1990, 7), folglich im pädagogischen Rahmen einsetzbar ist oder allgemeiner gesagt, ob die psychoanalytisch- interaktionelle Therapie ein Beitrag für die Geistigbehindertenpädagogik bedeutet.

Im fünften Kapitel erfolgt eine abschließende Betrachtung.

Als wesentliches Ziel dieser Arbeit sehe ich die Zusammenführung von Psychiatrie und Pädagogik an, damit der geistig behinderte und im besonderen der psychisch kranke, geistig behinderte Mensch nicht zwischen den beiden Institutionen hin und her geschoben wird. Eine Zusammenarbeit bietet eventuell die Möglichkeit, als pädagogisch oder psychiatrisch tätiger Mensch Wissen anderer gesellschaftswissenschaftlicher Disziplinen in die eigene Arbeit einzubeziehen.

1. Psychotherapie mit geistig behinderten Menschen

Psychotherapie und geistige Behinderung sind zwei Begriffe, die scheinbar nichts miteinander zu tun haben und sich eher gegenseitig ausschließen. Diese Einschätzung beruht in erster Linie auf Vorurteilen und Voreingenommenheiten, die den beiden Begriffen entgegengebracht werden (vgl. Lempp 1992, 105).

Betrachtet man sie jedoch genauer, so erscheint Psychotherapie mit geistig behinderten Menschen nicht nur möglich und sinnvoll zu sein, sondern muss als erforderlich erachtet werden. Inzwischen liegen einige Praxisberichte und Bestandsaufnahmen von psychotherapeutischen Methoden vor. Dabei fällt auf, dass man tiefenpsychologisch orientierte Therapien weitgehend übergeht, indem man geistig behinderte Menschen im psychoanalytischen Sinn für unbehandelbar ansieht, weil ihnen das nötige Maß an Verstand und Vernunft fehle (vgl. Görres/ Hansen 1992, 9).

Psychotherapeutische Zugangswege zu Menschen mit psychischen Störungen, seien sie nun behindert oder nicht, beinhalten aber nicht nur die Möglichkeit der Intervention in Verhaltensweisen durch Bewusstmachen, rationale Aufarbeitung und damit verbundener Bewältigung eines Problems; das Entscheidende ist das Erleben emotionaler Vorgänge, ein Erlebnis welches völlig unabhängig von Intellekt und Sprache für jeden Menschen erfahrbar ist (vgl. Lempp 1992, 107f.).

Somit wird Psychotherapie mit geistig behinderten Menschen spätestens dadurch zum Thema und erscheint als Phänomen auch für Sonderpädagogen interessant zu sein. Tiefenpsychologische Erkenntnisse über den geistig behinderten Menschen bieten zudem Erklärungsansätze, um Verhaltensweisen und psychische Strukturen verständlicher zu machen sowie Störungsbilder als mögliche Form der Lebensbewältigung zu verstehen.

1.1 Der Umgang mit dem Begriff 'geistige Behinderung'

Ganz wesentlich abhängig von der Frage, was unter geistig behindert und psychisch krank verstanden wird, werden bestimmte Lebensäußerungen geistig behinderter Menschen als krankhaft klassifiziert. Schon allein die Beurteilung eines Menschen, der als geistig behindert bezeichnet wird, zeichnet sich durch eine defizitorientierte Sichtweise aus. Mängel und Nicht-Können, das Anderssein bestimmt unser Wahrnehmen dieser Menschen (vgl. Schumacher 1987, 157).

Hinzu kommt, dass viele Verhaltensweisen sogenannter geistig behinderter Menschen als skurril und abweichend erlebt werden. Sie entsprechen nicht der Norm und können derart extreme Ausmaße annehmen, dass wir ihnen hilflos und ablehnend gegenüberstehen. Es besteht die Gefahr, unverstehbare Verhaltensmuster von geistig behinderten Menschen mit der Behinderung gleichzusetzen. Dies beinhaltet die Reduzierung auf die Diagnose "Geistig behindert", indem dieser Personenkreis nach seinen genetischen und pathologischen Begebenheiten definiert wird und der Einfluss spezifischer Umweltbedingungen und Familienbeziehungen einfach unberücksichtigt bleiben.

1.2 Zur Bedeutung tiefenpsychologischer Erkenntnisse für die Geistigbehindertenpädagogik

Untersuchungen belegen, dass psychische Störungen bei geistig behinderten Menschen nicht nur vorliegen, sondern sogar häufiger konstatiert werden als in der Normalbevölkerung (vgl. Gaedt 1987b, 14). Fakt scheint zu sein, dass psychische Störungen in zunehmendem Maße zu einer schweren Belastung bei der Betreuung geistig behinderter Menschen werden.

"Sie engen nicht nur in einer oft dramatischen Weise die Lebens- und Entwicklungsmöglichkeiten der Betroffenen ein, sondern erschweren auch eine befriedigende und normale Lebensgestaltung für alle, die mit ihnen zusammenleben müssen." (Gaedt, Jäkel, Kischkel 1989, 17) Die Entwicklung wirksamer Strategien zur Behebung oder zumindest zur Minimierung psychischer Störungen und Fehlentwicklungen erscheint deshalb angebracht zu sein. Dennoch stellt sich die Frage, ob diese Forderung kein Rückfall in die Psychiatrisierung der geistigen Behinderung ist, bei der geistig behinderte Menschen voreilig als psychisch krank ausgegrenzt werden. Abstruse Verhaltensweisen geistig Behinderter sollten deshalb nicht vorschnell als psychische Störung mit der Folge einer Abschiebung in die Psychiatrie klassifiziert werden.

Meines Erachtens sollte sich auch die Geistigbehindertenpädagogik diesem Problem stellen und der Frage nachgehen, wie dem Phänomen geistig behindert und psychisch krank begegnet werden kann. Die bloße Anerkennung der Existenz von geistig behinderten Menschen mit einer psychischen Störung reicht nicht aus und sollte nicht dazu benutzt werden, sich diesem Personenkreis zu entledigen. Vielmehr sollte die Geistigbehindertenpädagogik Erklärungsmodelle menschlicher Verhaltensweisen, eine wesentliche Grundlage jedes therapeutischen Arbeitens, und psychotherapeutische Erkenntnisse nutzen, um den Wissensstand im psychologischen Bereich zu erweitern.

Die Anerkennung, dass psychische Störungen durchaus auch bei sogenannten geistig behinderten Menschen vorliegen können und die Feststellung, dass sie nicht unmittelbarer Ausdruck einer hirnorganischen Schädigung, sondern einer geschädigten psychischen Entwicklung sind und folglich auf die gleichen Ursachen wie bei nicht behinderten Menschen zurückzuverfolgen sind. Dies bildet einen weiteren Schritt zur Normalität und Akzeptanz von geistig behinderten Menschen und dient so der Eröffnung einer neuen Dimension der Annäherung (vgl. Falkowski 1992, 7). "Es gibt den Blick frei auf die Persönlichkeitsentwicklung geistig behinderter Menschen, sowie auf Ursachen und Auswirkungen psychischer Störungen." (Falkowski 1992, 7), die aufgrund der ohnehin schon erfolgten Sonderbehandlung und Ausgrenzung ungleich schwerer ausgebildet sein können. Bei Psychotherapie geht es nicht um die Aufhebung der Behinderung, sondern um die "Dechiffrierung" emotionaler Vorgänge. Als wichtigstes Ziel gilt die größtmögliche Unabhängigkeit für den geistig behinderten Menschen. Somit verfolgt Psychotherapie persönlichkeitsfördernde Ziele, die sich nicht wesentlich von Aspekten sonderpädagogischer und erzieherischer Richtlinien und Unterrichtsziele unterscheiden.

Die Psychoanalyse bietet als Methode zur Erforschung psychischer Vorgänge eine Theorie menschlichen Erlebens und Verhaltens und ein Verfahren zur Behandlung psychischer Störungen an (vgl. Asanger 1988, 579), die hier exemplarisch und geistigbehindertenspezifisch modifiziert dargestellt wird.

In den nachfolgenden Ausführungen geht es aber nicht darum, der Psychiatrie die Arbeitsgrundlage zu entziehen oder sie für überflüssig zu erklären. Dies ist sicherlich diskussionswürdig, würde aber über den Rahmen der Thematik hinausgehen.

Tiefenpsychologisch orientierte Therapieverfahren erscheinen durchaus pädagogisch relevant zu sein und der Geistigbehindertenpädagogik eine neue Dimension im Verstehen von geistig behinderten Menschen zu eröffnen. Dieser Ansatz führt darüber hinaus, tiefenpsychologisch orientierte Erklärungs- und Therapiemodelle nur zur Behandlung von sogenannten psychischen Störungen einzusetzen (vgl. Fittkau 1981, 406; Gerspach 1982, 111).

1.3 Psychotherapie zwischen Heilung und Bildung

Psychotherapie ist in ihren zentralen therapeutischen Momenten wesentlich mehr als eine psychologische oder medizinische Methode, um Verhaltensweisen, die als störend und eventuell krank definiert werden, zu behandeln und somit zu verändern. Dabei spielt es keine Rolle, ob die betroffene Person geistig behindert ist oder nicht.

Viel wichtiger erscheint, dass

"die Psychotherapie nicht nur als Theorie und Wissenschaft für die Pädagogik von Bedeutung ist, indem sie z.B. wichtige Aufschlüsse über die kindliche Entwicklung gibt, sondern dass sie in ihren grundlegenden Beziehungsmustern selbst eine Form pädagogischer Praxis darstellt und somit auch in den unmittelbaren Gegenstandsbereich pädagogischer Forschung und Lehre fällt." (Randolph 1990, 7)

Dies erweitert die rein spezifisch medizinische Interpretation von Psychotherapie, bei der eine psychische Auffälligkeit gleichbedeutend als Krankheit definiert wird und medizinisch behandelt und geändert werden muss.

Die Psychotherapie im allgemeinen und die Psychoanalyse als tiefenpsychologisch orientierte Therapie im speziellen unterscheiden sich von anderen medizinischen Behandlungs- und Heilungsverfahren auch darin, dass es nicht um Eingriffe in den Körper und um die Behandlung organischer Störungen geht5, sondern in erster Linie um den Bereich der menschlichen Psyche.

Psychotherapie beschäftigt sich nicht nur mit körperhaften, sondern besonders mit seelischen Phänomenen. Die Persönlichkeitsstruktur des Menschen steht im Mittelpunkt der Betrachtung und Auseinandersetzung. Das Ziel der therapeutischen Arbeit besteht nicht in der Veränderung des gestörten zum gesellschaftlich angepassten und unauffälligen Menschen - man beachte die Parallelen zur Einschätzung von sonderpädagogischen Maßnahmen - nicht im Wegtherapieren von Störungsbildern auf Kosten des Subjekts, sondern in der Förderung und Entwicklung der Persönlichkeit sowie in der Verwirklichung der Selbstbestimmung der Klienten (vgl. Randolph 1990, 8f.).

Somit entsprechen Ziele der therapeutischen Praxis gleichermaßen pädagogischen Anforderungen, die auch persönlichkeitsfördernde Merkmale beinhalten. Psychotherapeutische Grundlagen sollten deshalb in erster Linie dazu beitragen, die bestehenden Erziehungsformen zu kritisieren und zu hinterfragen, die Menschenkenntnis der Erzieher, Therapeuten und Klienten zu erweitern und somit konkret Einfluss auf den Erziehungsprozess zu nehmen (vgl. A. Freud zitiert in Fittkau 1981, 406).

Besonders

"bei Kindern und Jugendlichen lässt sich (...) Psychotherapie und Pädagogik nicht trennen.

Alles, was ein Mensch erlebt, beeinflusst ihn auch, positiv und negativ, in seinem künftigen Verhalten. Bei Kindern und Jugendlichen nennen wir eine solche Beeinflussung, gleichgültig wodurch sie geschehe, Erziehung. Deswegen ist eine Psychotherapie im Kindes- und Jugendalter ohne Erziehung gar nicht denkbar und eine Erziehung, welche nicht die langfristige Besserung des Befindens (...) zum Ziel hat, also letztlich Therapie ist, kann den Anspruch, Erziehung genannt zu werden, nicht erheben." (Lempp 1991, 106) Dabei spielt es erneut keine Rolle, ob ich von geistig behinderten, psychisch kranken oder sogenannten normalen Menschen spreche. Man erkennt, dass die Übergänge fließend sind und eine erzwungene Unterscheidung der Begriffe in Therapie, welche das Gestörte und Krankhafte beseitigt oder verbessern will, und in Erziehung, welche das Normale, Gesunde und das Gute fördert, unsinnig ist.

Dies beinhaltet im Grunde wieder nur ein Ausgrenzen und Unterscheiden von Menschen mit unterschiedlichen Fähigkeiten, die nach ihren Defiziten benannt und eingeschätzt werden (vgl. Lempp 1991, 106). Doch weder können sogenannte behinderte Menschen als anders mittels einer Sonderbehandlung aus dem Prozess der Erziehung herausgenommen werden, indem alles therapiert und als solches bezeichnet wird. Noch ist es so, dass den "normalen Menschen" eine psychische Instanz bzw. ein psychisches Leiden abgesprochen werden kann.

Auch hier sind die Kombinationsmöglichkeiten von psychisch krank, behindert und normal vielfältig und zeigen die Gefahren einer Überstrapazierung der Begriffe auf. Erstrebenswert erscheint deshalb die Erweiterung der Kompetenzen für Erziehung und Therapie, indem man zu einer effektiven Einschätzung der Möglichkeiten psychotherapeutischer Methoden für die Erziehung gelangt (vgl. Randolph 1990, 166f.).

1.4 Von der Psychotherapie zur Psychoanalyse

Der Begriff der Psychoanalyse wurde von Sigmund Freud (1856-1939) geprägt. Er verstand sie als eine "Wissenschaft von den unbewussten seelischen Vorgängen" und ordnete die Psychoanalyse der Psychologie zu (vgl. Asanger 1988, 579).

Die tiefenpsychologisch orientierte Wissenschaft lässt sich in drei, voneinander abgrenzbare Bereiche unterteilen. Zum einen bezeichnet die Psychoanalyse eine Methode zur Erforschung psychischer Vorgänge, bei der unbewusste Prozesse im menschlichen Dasein erfasst und beschrieben werden. Wesentliches Mittel ist die freie Assoziation und die Deutung von Träumen und Fehlleistungen. Freud ging davon aus, dass alle psychischen Vorgänge sich gegenseitig bedingen und deshalb regelhaft beschrieben werden können (vgl. Asanger 1988, 579).

In der Theorie menschlichen Erlebens und Verhaltens werden diese tiefenpsychologischen Erkenntnisse zusammengefasst und systematisiert: Die psychoanalytische Entwicklungspsychologie versucht menschliche Entwicklungsabschnitte in Phasen einzuteilen, die Persönlichkeits- und Motivationstheorie strukturiert die Psyche in verschiedene Bereiche und erklärt ihre Beziehungszusammenhänge.

"Psychoanalyse ist essentiell Entwicklungspsychologie, (...) die (...) zumindest implizit entwicklungspsychologische Annahmen enthält. Die genetische Betrachtungsweise, die seelischen Erscheinungen unter dem Blickwinkel ihres Gewordenseins und ihrer späteren Transformationen im Lebenslauf betrachtet, als Wissensgrundlage, um Strukturen und Störungen im psychischen Bereich zu verstehen und zu erklären und um darauf aufbauend eine psychoanalytisch orientierte Methode zur Behandlung psychischer Störungen zu entwickeln.

Die Psychoanalyse versteht sich deshalb auch als eine besondere Art der Psychotherapie, deren hauptsächliche Basis tiefenpsychologische Erkenntnisse sind (vgl. Blank/ Blank 1978, 127). Freuds Überlegungen wurden inzwischen in vielfältiger Weise weiterentwickelt und an neueres Wissen angepasst. Sie finden in den verschiedenen Bereichen oder Schulen der Psychoanalyse ihren Ausdruck.

Charakteristisch für eine psychoanalytisch orientierte Therapie ist "die Herstellung eines Dialogs, in dem frühere Erlebnisse, bzw. Erlebnisformen remobilisiert und der Selbstreflexion zugänglich gemacht werden..." (Leber zitiert in Gerspach 1982, 121) Freud erkannte bei seinen Untersuchungen, dass "der Mensch immer - vor allem, wenn er wie in der psychoanalytischen Situation, ausdrücklich Gelegenheit dazu hat - Reaktionen auf - meist frühe - beeinträchtigende und überwältigende Erlebnisse zum Ausdruck bringt, ja diese immer wieder inszeniert, um so Entlastung oder Ausgleich zu finden." (Leber zitiert in Reiser/ Trescher 1987, 14) Der Mensch versucht aktuelle Beziehungssituationen nach dem Muster früher Erfahrungen zu gestalten, um sie jetzt zu meistern. Dies stellt ergo eine Art Wiederholungszwang dar, indem das Lebensdrama in verschlüsselter Weise reproduziert wird. Die Inszenierung erfolgt, um verdrängte Konflikte durch ein Handeln in Erinnerung zu bringen und somit zu verarbeiten. Ein bewusst gewordener Lebenslauf mit all seinen Konflikten erweitert den Freiheitsspielraum einer Person. "Wenn wir das Vergangene nicht wissen, sind wir gezwungen, es zu wiederholen." (Santayana zitiert in Rattner 1990, 624)

Die Psychoanalyse bezeichnet die Inszenierungen als übertragungsähnlichen Vorgang (vgl. Gaedt 1990, 42), indem die "Interpretation der Gegenwart gemäß den Begriffen der Vergangenheit" (Loch zitiert in Bittner u.a. 1973, 126) erfolgt. Eine psychoanalytische Therapie versucht den Prozess des Wiederholungszwangs durch Gegenübertragungssituationen allmählich außer Kraft zu setzen und durchschaubarer zu machen. Gegenübertragung meint die Fähigkeit des Therapeuten auf die Übertragung einzugehen und sie zu beantworten und nicht mehr unverstehbar zu lassen.

So ermöglicht Psychoanalyse Blockaden von Entwicklungs- und Bildungsprozessen zu überwinden, mit der Möglichkeit der Selbstfindung und Selbstgestaltung (vgl. Leber zitiert in Reiser/ Trescher 1987, 14). Somit erschließt sich die Psychoanalyse den Bereich der Pädagogik, weil wesentliche Teile dieser dargestellten Aspekte sinnvolle Informationen für jeden Pädagogen darstellen müssen: Verhaltensweisen von Schülern, die als störend empfunden und damit zu einem Problem werden, können auf ihre Ursache nicht umfassend hinterfragt werden. (Sie werden auch gerade deshalb als störend empfunden, weil sie nicht als sinnvolle Handlungen verstanden werden!) Werden jedoch Lebensäußerungen aus psychoanalytischer Sicht betrachtet, können sie verstanden, ertragen und angegangen werden (vgl. Leber zitiert in Reiser/ Trescher 1987, 16). Die Psychoanalyse kann folglich "zur Grundlage heilpädagogischer Erkenntnisgewinnung gemacht werden und unseren Blick schärfen für die komplizierten Beziehungen zwischen dem Kind und dem erziehenden Erwachsenen." (Freud zitiert in Gerspach 1982, 113)

In der therapeutischen Praxis können wiederum ungenutzte Kompetenzen mobilisiert oder wiederbelebt werden (vgl. Weiß 1991, 208).

1.5 Zusammenfassung

Eine psychotherapeutische Behandlung bedeutet mehr als die Heilung von psychischen Störungen. Sie beinhaltet vor allem die Möglichkeit, Ursachen und Gründe für Verhaltensweisen, die nicht verstehbar sind, in der psychischen Entwicklung eines Menschen zu suchen und dadurch verstehbarer zu machen.

Ein psychotherapeutisches Vorgehen ist somit unabhängig von der Frage, welches Verhalten als auffällig und deshalb als psychiatrisch relevant anzusehen ist, durchführbar. Psychotherapie beinhaltet ein "planmäßiges Einwirken auf die Gesamtpersönlichkeit eines sich entwickelnden Menschen" (Fittkau 1981, 408) und hat einen persönlichkeitsfördernden Charakter. Somit muss Psychotherapie auch als pädagogisches Phänomen betrachtet werden und erscheint für jeden Menschen sinnvoll zu sein, um eigene Verhaltensweisen zu verstehen und eventuell zu verändern.

Das Entscheidende bei tiefenpsychologisch orientierten Therapien ist nicht ein rationales Verstehen, sondern das Erleben emotionaler Vorgänge, welches völlig unabhängig von Intellekt und Sprache ist. Damit erscheint Psychotherapie auch mit geistig behinderten Menschen denkbar und bietet eine neue Dimension der Annäherung (vgl. Lempp 1991, 107f.).

Die Psychoanalyse bietet als eine tiefenpsychologisch orientierte Variante die Möglichkeit psychische Strukturen darzustellen und Fehlverhalten einer gestörten psychischen Entwicklung zuzuordnen. Psychoanalytisches Verstehen erweitert den pädagogischen Prozess und fördert die Professionalisierung pädagogischer Situationen (vgl. Leber zitiert in Reiser/ Trescher 1987, 15f.).

2. Theoretische Grundlagen für eine psychoanalytisch orientierte Therapie mit geistig behinderten Menschen

Psychotherapeutische Intervention bei geistig behinderten Menschen setzt präzise Erkenntnisse über geistige Behinderung , ihre psychischen Strukturen und die möglichen pathologischen Fehlentwicklungen voraus (vgl. Gaedt 1987b, 13). Als besonders wichtig erscheint im Zusammenhang mit geistiger Behinderung vor allem die Erforschung der Pathogenese und der sogenannten Frühstörungen. Dies liegt daran, dass die Psychoanalyse die Ursache von psychischen Störungen im sozialen Kontext und im frühkindlichen Lebensstadium vermutet, weil hier der Aufbau von psychischen Strukturen ihren Anfang hat.

2.1 Geistige Behinderung und die Entwicklung ihrer psychischen Strukturen

Die für eine psychisch gesunde Entwicklung grundlegende Erfahrung der Einflussnahme auf das eigene Leben ist besonders bei geistig behinderten Menschen kaum möglich (vgl. Gaedt 1990, 25). Ihr Leben ist gekennzeichnet durch Fremdbestimmtsein und Entmündigung. Allein diese Erfahrung des ständigen Ausgegrenztseins kann das Lebensgefühl geistig behinderter Menschen grundlegend einengen.

Besonders bedeutsam sind die Risiken der frühen Kindheitsentwicklung bei geistig behinderten Menschen.

"Die Entwicklung psychischer Strukturen vollzieht sich (...) im sozialen Kontext, das heißt im interaktionellen Aneignungs- und Anpassungsprozeß des Kindes an die Objektwelt (...). Die Psychodynamik dieses Interaktionsprozesses stellt also die entscheidende Grundlage für die Entwicklung gesunder wie gestörter Strukturen dar." (Gaedt 1987, 14)

Ziel dieser Entwicklung bildet die Ausbildung einer eigenen, unabhängigen Persönlichkeit, eines Ichs, welches allerdings nicht frei von Beeinflussungen und Veränderungen bleibt.

2.2 Die Interaktion, die missglückte Einigung und gesellschaftliche Entwertungsprozesse

Wie der Begriff 'Interaktion' schon sagt, vollzieht sich der Prozess der Entwicklung psychischer Strukturen im sozialen Dialog, der mit der Beziehung zwischen Mutter und Kind beginnt, sich auf die Familie ausdehnt und schließlich weitere soziale Bereiche mit einbezieht und die sich dabei immer gegenseitig beeinflussen.

Von Geburt an bestehen bestimmte Fähigkeiten, die

"eine große Rolle bei der Ordnung von Empfindungen und Wahrnehmungen spielen. Entsprechend darf vermutet werden, dass Störungen dieser Fähigkeiten die Entstehung eines Ordnungsgefühls von sich und der Welt beeinträchtigen." (Dornes 1993, 89)

Somit erscheint eine hirnorganische Störung bzw. eine geistige Behinderung, die bei der Geburt eines Kindes diagnostiziert wird, ein möglicher Bedingungsfaktor für eine geschädigte psychische Entwicklung zu sein (vgl. Gaedt 1987b, 14f.). Die Verhaltensforschung belegt, dass ein Säugling bereits schon von Geburt an über Kommunikationsmuster verfügt. Die Mutter ist in diesem frühen Lebensstadium der erste und wichtigste Kommunikationspartner für das Kind.

Von den ersten Kontakten an neigen die Eltern dazu, Verhaltensweisen und Äußerungen in gleicher Weise zurückzuspiegeln. Dies ist sehr wichtig, weil es dem Kind zeigt, dass es etwas in seiner Umwelt bewirkt, und es animiert gleichzeitig zur Wiederholung. Diese Selbstimitation des Kindes ist die Voraussetzung, um Kommunikationsformen weiter zu entwickeln (vgl. Kischkel u.a. 1990, 87f.).

In dieser frühen Kindheitsphase endet jedoch der Aufbau einer Interaktion nicht immer befriedigend für das Kind. Zum Beispiel könnte die Mutter eine diagnostizierte Behinderung zum Anlass nehmen, ihr Kind nicht so zu behandeln, wie sie es eigentlich spontanerweise tun würde. Die Mutter reagiert auf ihr, als geistig behindert bezeichnetes Kind zumindest mit Unsicherheit und Schuldgefühlen. Sie kann ihre Rolle als 'hinreichend gute Mutter' (vgl. Sand u.a. 1990, 69) nicht optimal ausfüllen. Der frühe Dialog zwischen Mutter und Kind kann durch diese Diagnose empfindlich gestört werden, so dass eine emotionale Distanz entstehen kann. Somit wird die Diagnose gleichzeitig zur Prognose, weil der "organische Defekt als unabänderliches Schicksal Ursache der sich entwickelnden geistigen Behinderung..." (Niedecken 1989, 34) sei.

"Sie zerstört schlagartig die wechselseitige Beziehung zwischen Mutter und Kind. Dieses Trümmerfeld wird nun Ausgangspunkt für die spezifische, von der Prognose beherrschte Sozialisation des 'Geistigbehinderten'." (Elbert zitiert in Niedecken 1989, 34)

Die Beziehung zwischen Mutter und Kind erlebt eine Kränkung und "die organische Schädigung setzt sich als psychische Schädigung fort." (Gaedt 1987b, 15) Dies bedeutet aber folglich nicht, dass psychische Störungen grundsätzlich bei geistig behinderten Menschen auftreten müssen.

Die medizinische Feststellung 'dein Kind ist geistig behindert' bedeutet ein gesellschaftliches Urteil, das eine Entwicklungsprognose beinhaltet und zur Erwartung hochgespielt wird:

"Das Kind wird sich gemäß der von außen erwarteten defizitären Prognose entwickeln, da durch die Diagnose in den meisten Fällen die Erwartungshaltung der Eltern und der Umgebung herabgesetzt wird." (Falkowski 1992, 17)

Vor diesem Hintergrund erlebt das geistig behinderte Kind eine Entwertung seiner eigenen Lebensäußerungen, weil diese der Behinderung zugeschrieben und deshalb nicht erwartet werden. Diese Verhaltensweisen werden schließlich als abweichend interpretiert und unterbunden, weil sie nicht in das Bild vom geistig behinderten Menschen passen. Diese 'negative Rückkopplung' verhindert ein Aufbrechen der Fremdheit über das Akzeptieren des 'abweichenden Verhaltens' als eine Form der Gegenwehr (vgl. Elbert 1986, 83).

Demnach wird niemand als geistig behinderter Mensch geboren, sondern im Laufe seiner Sozialisation dazu gemacht (vgl. Niedecken 1989, 61).

2.3 Strukturelle Merkmale psychischer Störungen bei geistig behinderten Menschen

Die bei geistig behinderten Menschen überwiegend vorliegenden Störungen sind von ihrer Entstehungsgeschichte und vom Erscheinungsbild den sogenannten Borderline- und prä- psychotischen Persönlichkeitsstörungen zuzuordnen (vgl. Gärtner- Peterhoff u.a. 1987, 36). Weniger präzise, aber wesentlich geläufiger ist die Bezeichnung 'Frühstörungen'.

Aufgrund der individuellen Ausprägungen von psychischen Störungen geistig behinderter Menschen erscheint eine Zuordnung zu bestimmten Krankheitsbildern oder Symptomen nicht möglich. Es lassen sich jedoch einige strukturelle Merkmale feststellen, die immer wieder beobachtet werden konnten (vgl. Heigl- Evers u.a. 1985, 289). Eine ausführliche Dokumentation der Pathogenese einer psychischen Entwicklung kann und soll an dieser Stelle nicht geleistet werden. Ich verweise deshalb auf die Ausführungen von Reinhart Lempp (vgl. Lempp 1975).

2.4 Zusammenfassung

Die Entstehung psychischer Kränkungen ist meist in Verbindung mit interpersonalen Prozessen, institutionellen oder gesellschaftlichen Strukturen zu sehen (vgl. Gaedt 1990, 49). Im Mittelpunkt der Betrachtung sollten deshalb immer die Fragen stehen: 'Was ist Behinderung?', 'Was ist die Reaktion des Kindes bzw. der Eltern auf die Behinderung?' und schließlich 'Wo hat die Umgebung mit ihren Vorurteilen einen schädigenden Einfluss auf die Entwicklung?'. Außerdem darf nicht vergessen werden, dass Störungen auch in der Familie vorliegen können, die mit der Behinderung primär nichts zu tun haben, ihre Auswirkungen aber verschärfen können (vgl. Müller- Hohagen 1987, 56).

3. Zur psychoanalytisch- interaktionellen Therapie mit psychisch kranken, geistig behinderten Menschen

Die evangelische Stiftung Neuerkerode arbeitet an und mit einem theoretischen, psychoanalytisch orientierten Konzept für den Umgang mit psychisch gestörten geistig behinderten Menschen. Die gemeinsame Grundlage der angewendeten Psychotherapien ist die sogenannte psychoanalytisch- interaktionelle Therapie. Diese psychotherapeutisch angewandte Methode wurde im wesentlichen von Anneliese Heigl- Evers und Franz Evers konzeptionalisiert.

Theoretische Grundlage dieses Entwurfs ist das psychoanalytische

Entwicklungsmodell (vgl. Mahler 1979) mit dem Schwerpunkt der Ich-Entwicklung (vgl. Blank/ Blank 1978). Auch neuere Erkenntnisse aus der Säuglingsforschung und präverbalen Entwicklung (vgl. Dornes 1993) des Menschen, die die ersten Entwicklungsphasen der Mahler' schen Theorie widerlegen, werden berücksichtigt (vgl. Gaedt 1987b, 33).

In Neuerkerode wurde eine Therapieform daraus entwickelt,

"die an das Erleben, die Bedürfnisse und die Möglichkeiten geistig behinderter Menschen angepasst ist (...) Im Vordergrund stehen die Verbesserung oder Reifung der Ich- funktionen und die Entwicklung der Beziehungen, die der Patient zu sich selbst und zu anderen Menschen hat." (Gaedt, ebd.)

Damit schließt die psychotherapeutische Praxis viel mehr ein als nur das therapeutische Bemühen eines Psychotherapeuten, den Patienten von seiner psychischen Krankheit zu heilen. Vielmehr bedeutet die Arbeit in Neuerkerode Hilfe zur Selbsthilfe: Psychotherapie in Neuerkerode stellt für geistig behinderte Menschen ein "Beziehungsangebot mit der Möglichkeit und dem Ziel des Wachstums sowie der Eröffnung neuer Lebensperspektiven..." (Gaedt u.a. 1989, 17) dar.

Somit erschließt sich die Arbeit der Neuerkeroder Anstalten auch sonderpädagogischer Betrachtung, weil wesentliche Ziele der therapeutischen Praxis mit denen von sonderpädagogischen Maßnahmen an den Schulen für geistig behinderte Menschen übereinstimmen. Die nachfolgenden Ausführungen versuchen deshalb, die pädagogischen Gesichtspunkte der psychoanalytisch- interaktionellen Therapie herauszustellen, um sie anschließend zu diskutieren.

3.1 Die Abgrenzung zur Psychoanalyse

Die interaktionelle Therapie ist eine Behandlungsmethode, die sich von der klassischen psychoanalytischen Therapie wesentlich unterscheidet. Die klassische psychoanalytische Therapie legt den Schwerpunkt ihrer Betrachtung auf die Konfliktpathologie, d.h. auf Konflikte zwischen den psychischen Instanzen (vgl. Gaedt 1987b, 36).

Die Persönlichkeitstheorie Freuds unterscheidet psychische Unterstrukturen, die als Instanzen bezeichnet und mit den Eigennamen 'Ich', 'Überich' und 'Es' gekennzeichnet werden. Das Überich erfasst den normativen Bereich im Menschen, das Gewissen. Der Bereich der primären triebhaften Grundbedürfnisse wird als 'Es' benannt. Das 'Ich' muss zwischen den beiden Bereichen der inneren Bedürfnisse und normativen Werte vermitteln, indem diese Instanz der Persönlichkeit einen Kompromiss zwischen den emotionalen Grundbedürfnissen (Es), den moralischen Werten (Überich) und der Umwelt herstellt (vgl. Asanger 1988, 581).

Grundlage für eine psychoanalytische Therapie ist das Vorhandensein eines NormalIchs, in dem durch Übertragungsvorgänge die Konflikte zwischen den einzelnen Instanzen aufgedeckt und bearbeitet werden können.

Die interaktionelle Therapie beschäftigt sich hingegen mit 'ich- pathologischen Phänomenen', "d.h. die Aufmerksamkeit in der Therapie konzentriert sich auf ein gestörtes Ich. Diese Therapie wurde aus Kenntnis heraus entwickelt, dass eine Vielzahl von psychischen Krankheiten durch mangelhaft entwickelte Ich-Funktionen gekennzeichnet sind." (Gaedt, ebd.) Die interaktionelle Therapie behandelt ergo in erster Linie Borderline- und präpsychotische Störungen. Sie werden unter dem Begriff der präödipalen Störungsbilder zusammengefasst und sind besser bekannt als sogenannte Frühstörungen. Ihnen allen gemeinsame strukturelle Merkmale sind Defizite in der Außen- und Fremdwahrnehmung, herabgesetztes Angstniveau und Dominanz primitiver Abwehrmechanismen (vgl. Heigl- Evers u.a. 1985, 289).

Die interaktionelle Therapieform erscheint besonders für den Bereich der psychischen Störungen bei geistig behinderten Menschen geeignet zu sein, weil deren Störungsbilder sowohl von der Entstehungsgeschichte (vgl. Kapitel 2) als auch vom Erscheinungsbild dieser Gruppe von Störungsbildern zuzuordnen sind (vgl. Gaedt 1987b, 34) und somit wird ersichtlich, warum gerade diese Therapieform in Neuerkerode Anwendung findet.

3.2 Die Rahmenbedingungen der interaktionellen Therapie in Neuerkerode

Neben dem theoretischen Ansatz spielen die Rahmenbedingungen unter denen eine Therapie stattfindet eine zentrale Rolle. Neuerkerode ist als Großeinrichtung mit den gängigen Risiken behaftet, die eine institutionelle Einrichtung für geistig behinderte Menschen hat. Deshalb kommt in Neuerkerode ein Konzept zum Tragen, welches die Überwindung der Ausgrenzung und Sonderbehandlung von geistig behinderten Menschen zum Ziel hat (vgl. Gaedt 1987b, 19).

In Neuerkerode decken sich diese Vorstellungen mit dem sogenannten 'Ein- Ort- zum- Leben' -Konzept (vgl. Mannoni 1975). Sie stellt eine mögliche Alternative zu gängigen psychiatrischen Einrichtungen dar, in denen die Unterbringung in der Regel Entfremdung bedeutet.

"Durch die räumliche Trennung vom Bekanntenkreis kommt es zwangsläufig zur Verminderung der Kontakthäufigkeit und zum Abbruch personaler Beziehungen." (Hahn 1987, 59) Ziel des 'Ein- Ort- zum- Leben' -Konzeptes ist es, "die Voraussetzungen zur Entwicklung differenzierter, 'normaler' Lebensräume zu schaffen." (Gaedt 1987, 19) In Neuerkerode wird dies im wesentlichen durch eine entsprechende Umgebung versucht. In einer dörflichen Atmosphäre leben und arbeiten etwa 400 geistig behinderte Menschen zusammen.

Nach sozialpsychiatrischen Gesichtspunkten verfügt Neuerkerode über eine ausdifferenzierte Infrastruktur (vgl. Sand 1992, 3). So sind für alle Bewohner Geschäfte, ein Lokal sowie diverse Freizeitangebote zugänglich. Eine Sonderschule mit 33 geistig behinderten Schülern (Angabe von 1992) und Werkstätten für erwachsene geistig behinderte Menschen gehört ebenso zu Neuerkerode, wie eine Fachschule für Heilerziehungspflege (vgl. Gaedt 1987a, 47f.). Therapeutische, medizinische und seelsorgerische Dienste stehen gleichfalls zur Verfügung.

"Trotz einer lebensfreundlichen Umweltgestaltung und einer eigenen Umsetzung der Normalisierung der Lebensumstände für die Heimbewohner, sehen sich auch hier die Mitarbeiter vor das Problem psychischer Störungen von Bewohnern gestellt, die das Zusammenleben (...) belasten (...)." (Falkowski 1992, 56)

Den geistig behinderten Menschen wird deshalb nicht nur ein Lebensraum, sondern auch eine Behandlungsform angeboten, "die sowohl dem Ist-Zustand von Beeinträchtigungen Rechnung trägt, als auch eine Soll-Vorstellung beinhaltet." (Schultze- Dierbach 1987b, 53).

Der in Neuerkerode angewendete Therapieansatz bezieht deshalb den Realraum mit ein und versucht mit Hilfe einer umfassend beschreibenden Entwicklungsdiagnose (vgl. Gaedt 1987b, 33f.) diese individuellen Erscheinungen psychischer Störungen bei geistig behinderten Menschen in ihren gesamten Entwicklungsprozess einzuordnen, um darauf aufbauend die Betreuung abzustimmen. Dies kann wiederum zur Erklärung beitragen und als Grundlage psychotherapeutischen Handelns oder als psychologische Beratung für die Betroffenen dienen (vgl. Gaedt 1987b, 35).

3.3 Der diagnostische Prozess

Die Schwierigkeiten in der Einschätzung von Verhaltensweisen geistig behinderter Menschen liegen vor allem darin, dass in den meisten Fällen eine psychische Störung von außenstehenden Personen wahrgenommen wird und nicht vom geistig behinderten Menschen selbst. Somit erfolgt auch der Entschluss zur psychotherapeutischen Behandlung von anderen Personen, die die belastenden Verhaltensweisen ertragen und damit umgehen müssen.

Ein geistig behinderter Mensch empfindet sein Verhalten nicht zwingend als behandlungsbedürftig, weil auch das Leiden des geistig behinderten Menschen in vielen Fällen nur von seiner Umgebung als solches wahrgenommen wird und darunter zu leiden hat. Die Krankheitseinsicht, der freiwillige Entschluss und der Wille zur Heilung fehlt. (vgl. Gaedt 1987b, 38).

Hieraus ergeben sich wichtige Unterschiede für den Umgang mit geistig behinderten Menschen, deren Verhalten wir als psychisch gestört ansehen: Ihnen fehlt der Leidensdruck und die Einsicht in die Notwendigkeit einer Therapie. Einen nicht unwesentlichen Faktor spielt bei der formalen Abmachung über eine Psychotherapie die Einschätzung und der Wille der direkten Bezugspersonen, wie die pädagogischen Betreuer geistig behinderter Menschen, die stellvertretend diese Entscheidung treffen müssen. Deshalb erscheint es sinnvoll zu sein, dass die pädagogischen Betreuer umfassende Kenntnisse über therapeutische Mittel sowie über soziale und psychische Strukturen der betroffenen Menschen besitzen (vgl. Finger -Trescher 1987, 136ff.).

Denn nur diese tiefergehende Einsicht in psychische Prozesse ermöglicht die konkrete und objektive Beurteilung, ob eine therapeutische Behandlung nötig erscheint. Ein konkretes Arbeitsbündnis mit dem Patienten ist selbst keine Voraussetzung für den Beginn, sondern gehört zur ersten Phase einer Therapie (Gaedt 1987b, 38).

Die Basis der Diagnosestellung bildet das beobachtbare Verhalten. Im diagnostischen Prozess muss versucht werden, die Hintergründe des Verhaltens zu verstehen und seine Entstehung mit Hilfe bekannter pathogenetischer Muster zu erklären. Der Prozess wird in vier Entscheidungsstufen präzisiert (vgl. Sand 1992, 5). Einen zentralen Beitrag bildet insbesondere die Beobachtung der Verhaltensweisen im Alltag des geistig behinderten Menschen. Hier sind in erster Linie wieder die pädagogischen Betreuer oder die direkten Bezugspersonen gefragt, denen in aller Regel jedoch ein psychoanalytisches Verständnis und damit verbunden die Erfahrung zur 'objektiven' Einschätzung fehlt.

Grundlegend sind deshalb auch sozialtherapeutische Aktivitäten der Therapeuten, um einen Einblick in den Alltag der betroffenen, geistig behinderten Menschen zu bekommen, und gleichzeitig erfolgt eine enge Zusammenarbeit mit dem pädagogischen Bereich vor und während einer Therapie, um umfassendere Informationen über die Verhaltensweisen zu erhalten. Auch deshalb erscheint ein psychoanalytisches Verständnis auf Seiten der Pädagogen von Vorteil zu sein, um Verhalten szenisch zu verstehen und entsprechend darauf reagieren zu können.

Ausgangspunkt einer Therapie ist immer ein problematisches Verhalten, welches von den pädagogischen Mitarbeitern beobachtet und als psychiatrisch relevant eingeschätzt wird. Es erfolgt eine Anmeldung beim psychologisch- ärztlichen Beratungsdienst. In einem Vorgespräch werden die persönlichen Erfahrungen der Therapeuten mit der betroffenen Person, schriftliche Vorinformationen und anamnestische Daten gesammelt und zusammengetragen.

Die aktuelle Situation wird nach ihrem Einfluss auf die Störung hin gewertet. Durch das Einbeziehen der relevanten Fakten der Lebensgeschichte entsteht eine emotionale Grundhaltung, die als Orientierung für das Erstgespräch dient (vgl. Sand u.a. 1990, 65ff.).

"An diesem Erstgespräch nehmen neben den pädagogischen Betreuern und Mitgliedern des psychologisch- ärztlichen Beratungsdienstes auch die Arbeitsanleiter bzw. Lehrer teil. Die Vorgeschichte wird ergänzt durch Erfahrungen aus den verschiedenen Lebensbereichen und durch die genaue Schilderung des problematischen Verhaltens." (Sand u.a. 1990, 67)

Dabei werden besonders die durch die Verhaltensweisen hervorgerufenen

Gefühlsreaktionen der Mitarbeiter einbezogen (vgl. Sand 1992, 5). Abschließend werden Vermutungen über die Genese der Störung, sowie mögliche Beeinflussungsstrategien umrissen. Hier werden "die bisherigen Befunde in Beziehung zu den theoretischen Vorstellungen über die Entstehung psychischer Störungen gebracht. Entsprechend dieses Rasters wird z.B. geprüft, inwieweit die beobachteten Auffälligkeiten (...) auf Ich-Funktionsdefizite und unreife Objektbeziehungen zurückzuführen sind." (Sand 1992, 5)

Außerdem wird geprüft, welchen Einfluss die Behinderung und die damit verbundenen Entwertungsprozesse auf die Ausprägung der Symptomatik hat und ob die Symptome inzwischen als Durchsetzungsstrategien instrumentalisiert werden.

"Dieses komplexe Störungsbild muss in Zusammenhang mit anderen 'gesunden' Anteilen der Persönlichkeit gebracht werden. Es gilt ein Verständnis für die gesamte Persönlichkeit zu finden..." (Sand 1992, 6)

"In einem Prozess des 'Fokussierens' wird der Versuch gemacht, gleichsam die konzentrierte Interpretation eines Problemverhaltens, einer Re-Inszenierung, zu formulieren." (Sand, ebd.)

In einer Nachbesprechung wird darauf aufbauend der Therapieplan festgelegt (vgl. Sand 1990, 68). In der Regel wird an dieser Stelle über die Dauer und Art der Interventionen entschieden (Ambulant oder Stationär, Einzel- oder Gruppentherapie usw.). Während der eigentlichen Therapie finden immer wieder Besprechungen statt, um die Behandlung an den jeweiligen Entwicklungsstand anzupassen und um einen Erfahrungs- und Problemaustausch zwischen den beteiligten Betreuern zu ermöglichen.

Der interessierte Leser erkennt, dass während des gesamten Diagnoseprozesses die pädagogischen Betreuer durch ihre Erfahrungen und Meinungen einen wesentlichen Beitrag zur Therapieentwicklung leisten. Geht man davon aus, dass besonders die Lehrkräfte in ständiger Auseinandersetzung mit den therapeutischen Mitarbeitern in Neuerkerode leben und arbeiten, wird ersichtlich, dass die Lehrkräfte durch die ständige Konfrontation und Einweihung in den analytischen Prozess Einsicht in psychische Vorgänge haben oder spätestens dadurch erlangen.

Was passiert mit der Handlungskompetenz eines Pädagogen,

"der über einen längeren Zeitraum z.B. an einer psychoanalytischen Supervision teilnimmt (? M.G.) Es ist anzunehmen, dass seine Sichtweise der pädagogischen Arbeit, seine Situationsdefinition, das Selbstverständnis seiner Berufsrolle durch die psychoanalytische Reflexion modifiziert werden. Vielleicht hat er gelernt, Verhaltensweisen von Kindern im Sinne psychoanalytischer Erkenntnisse einzuschätzen sowie flexibler und angemessener zu handeln, (...) in einem allmählichen Prozess (werden sich M.G.) die Muster seiner Situationsinterpretation im Zusammenhang seiner pädagogischen Praxiserfahrungen verändern." (Lotz 1987, 171)

3.4 Die therapeutische Praxis

Die Vielfalt der möglichen Störungsbilder erfordert eine Abstimmung des Settings und der Interventionen auf den Einzelfall. Insgesamt wird eine Trennung von Therapie und Alltag meist vermieden, weil die Patienten besonders in der Anfangsphase eine Interaktion mit dem Therapeuten vermeiden und Konflikte im verbleibenden Alltag (Schule, Wohngruppe) austragen. Deshalb muss das Umfeld für Therapeuten erlebbar sein.

"Allgemein kann man sagen, je schwerer die Beeinträchtigung, (...)

desto notwendiger ist es, den Realraum in die Therapie zu holen oder die Therapie dorthin zu verlegen." (Gaedt 1987a, 40)

Kernberg hat dafür den Begriff 'environmental interventions' geprägt. Aus der Darstellung der entwicklungsbedingten Merkmale psychischer Störungen (vgl. Kap. 2.3 u. 3.1) bei geistig behinderten Menschen wird ersichtlich, dass die psychoanalytisch- interaktionelle Behandlung keine Konflikte zwischen den Instanzen einer Persönlichkeit bearbeitet, sondern strukturelle Defizite des Ichs vermindern und ausgleichen muss (vgl. Heigl- Evers u.a. 1985, 290).

Dabei ist eine Übertragung aufgrund der vorhandenen Strukturschwäche nicht möglich. Vielmehr spricht der Therapeut von übertragungsähnlichen Verhältnissen (vgl. Gaedt 1987a, 41). Das angewandte Interventionsprinzip der psychoanalytisch - interaktionellen Therapie ist deshalb in Abgrenzung zur Psychoanalyse nicht die 'Deutung', sondern das 'Prinzip der Antwort'.

Die Technik ist auf die

"interpersonale Beziehung zwischen Patient und Therapeut zentriert; wesentlicher Wirkfaktor ist dabei, dass der Therapeut sich in seinen authentischen gefühlshaften wie vorstellungsmäßigen Antworten (...) als reale Person anbietet." (Heigl- Evers u.a. 1985, 290)

Der Therapeut übernimmt dabei die Funktion eines 'Hilfs-Ichs'. Er reagiert auf den Patienten, mit einer interaktionellen Rückmeldung, die auf dem Hintergrund der diagnostischen Einschätzung beruht, indem er "die in ihm wachgerufenen Affekte für den Patienten wahrnehmbar macht und ihm so eine emotionale Rückmeldung gibt." (Sand u.a. 1990, 73) Zur therapeutischen Intervention gehört auch die Beratung und Anleitung der Mitarbeiter im direkten Umgang mit den psychisch kranken, geistig behinderten Menschen. Dabei geht es vor allem um die Klärung der Übertragungsund Gegenübertragungsverhältnisse.

Der Therapeut versucht also den Mitarbeitern zu vermitteln,

"dass das früh traumatisierte Kind (...) seine ursprüngliche

traumatogene Situation oder besser: Beziehung in der Gegenwart und mit gegenwärtigen wichtigen Bezugspersonen zu wiederholen und diese in entsprechende 'Szenen' zu verstricken sucht. Dies sowohl im aktuellen Alltagsgeschehen, als auch in pädagogischen bzw. therapeutischen Settings." (Finger- Trescher 1987, 137)

Dem Pädagogen und Therapeuten bleibt im Grunde keine andere Wahl, als die Erfahrung zu machen, vom Kind als Übertragungsobjekt benutzt zu werden. Das Wissen in diese psychischen Zusammenhänge ermöglicht jedoch genau diesen ständigen Wiederholungszwang und den in ihm gesuchten psychischen Mechanismus der Identifizierung für eine Veränderung zu nutzen und aufzubrechen (vgl. Finger- Trescher 1987, 140).

Das Therapiekonzept umfasst mit der Ich-stützenden Struktur des Milieus und dem besonderen Prinzip der therapeutischen Beziehung zwei Schwerpunkte.

"Wegen der immer vorhandenen Ich-Defizite hat die Struktur des Lebensraums eine wichtige haltende und organisierende Funktion." (Sand 1992, 7) Eine klare Struktur kann durch einen regelmäßigen Tages- und Wochenplan erreicht werden. Dies unterstützt die Entwicklung der Ich-Strukturfunktion und verhindert Regressionen (vgl. Sand 1992, 7) Besonders im Bereich der Gruppentherapie wird dies als besonders wichtiges Therapieziel formuliert.

3.5 Der 'interaktionelle' Aspekt der psychoanalytischen Therapie

Die Methode der interaktionellen Psychotherapie grenzt sich von der klassischen Psychoanalyse vor allem dadurch ab, dass "der Therapeut seine Zurückhaltung aufgibt und in eine aktive Interaktion mit dem Patienten eintritt. Kennzeichen ist das 'Prinzip Antwort': Der Therapeut reagiert auf den Patienten, indem er (...) eine emotionale Rückmeldung gibt." (Sand u.a. 1990, 73)

"Der Therapeut versteht sich als antwortendes Du. Sein antwortendes Verhalten soll nachträglich jene Entwicklungsanreize geben, die die Mutter in der Frühphase (...) (der psychischen Entwicklung des Patienten M.G.) nicht hat geben können." (Schultze- Dierbach 1987, 57)

Somit übernimmt der Therapeut die Rolle der 'hinreichend guten Mutter' und muss seine Rückmeldungen darauf überprüfen, ob sie entwicklungsfördernd sind oder den Patienten überfordern. Dieses Verhalten fordert ein persönliches Einbringen in die Gesamtsituation der Therapie.

"Der Therapeut wird von dem Patienten in seiner durch übertragungsähnliche Phänomene verzerrten Wahrnehmung in die Rolle einer primären Bezugsperson aus dessen früher Kindheit gedrängt..." (Sand u.a. 1987, 74) Diese Situation kann der Therapeut wiederum nutzen, um in diese frühen Beziehungen einzutreten und entwicklungsfördernd und differenzierend tätig zu werden.

Die Hinwendung zu einem verstehenden und fördernden Dialog und die Entwicklung einer gemeinsamen Beziehung mit dem Patienten stehen somit im Mittelpunkt interaktioneller Psychotherapie. Über den Prozess der Identifizierung kann der Therapeut eine positive Wirkung erzielen. Dabei steht die Subjekt-Bildung, die Ich- Entwicklung und das Persönlichkeitswachstum im Vordergrund. Dies alles kann nur erreicht werden, indem der Realraum und das lebendige Umfeld in die therapeutische Betrachtung und Arbeit mit einfließen und somit beeinflussen.

Im Mittelpunkt der psychoanalytisch- interaktionellen Therapie steht die 'Daseinsanalyse' und 'Daseinsgestaltung' Niemals geht es darum, ein Symptom zu bekämpfen oder jemandem eine Störung 'wegzutherapieren', sondern ihm selber, inklusive seiner Störung, näher zu kommen, wahrzunehmen und zu verstehen. Die psychische Störung oder das Verhalten, welches als störend wahrgenommen wird, wird dann aufgegeben, wenn dieses nicht mehr benötigt wird und im eigentlichen Sinne keine Funktion der Stabilisierung zu erfüllen hat (vgl. Metzger 1990, 48).

3.6 Zusammenfassung

Die psychoanalytisch- interaktionelle Therapie wurde im theoretischen Zusammenhang mit der analytischen Ich-Psychologie entwickelt. Das angewandte Interventionsprinzip ist das der 'Antwort'.

Wesentlicher Wirkfaktor ist die persönliche Beziehung zwischen Therapeuten und Patient, bei dem der Therapeut sich als reale Person anbietet. Er übernimmt in der therapeutischen Situation die Funktion eines Hilfs- Ich, bietet somit eine Identifikationsmöglichkeit. Übertragungsähnliche Situationen kann der Therapeut dazu nutzen, positiv auf die Persönlichkeit des Patienten einzuwirken (vgl. Heigl- Evers u.a. 1985, 290f.).

Die Therapie dient in erster Linie zur Identitätsfindung und Ich- Funktionsstärkung. Ziel der interaktionellen Psychotherapie ist nicht das 'Wegtherapieren' von Symptomen, sondern dass Therapeut und Patient lernen einander näher zu kommen, wahrzunehmen und zu verstehen (vgl. Metzger 1990, 48). Somit erhält die interaktionelle Therapie eine pädagogische Dimension, weil die Zielstellung über das 'Heilen' hinausgeht und unmittelbaren Einfluss auf die Person des Patienten und nicht auf die Störung als solche nimmt.

Die pädagogischen Mitarbeiter haben einen wesentlichen Einfluss auf die Diagnose und Therapieentwicklung und sind in dem gesamten Rahmen der interaktionellen Therapie miteinbezogen. Es ist anzunehmen, dass ihre pädagogische Arbeit durch die ständige Konfrontation mit der Therapie durch die psychoanalytische Reflexion modifiziert wird (vgl. Lotz 1987, 171).

4. Die psychoanalytisch- interaktionelle Psychotherapie - ein Beitrag für die Geistigbehindertenpädagogik?

"Es nimmt den Wissenschaften nichts von ihrer Würde, dass sie die Zunutzemachung der Ergebnisse, die in anderen Wissenschaftsbereiche anfallen, ganz legal betreiben und dafür Methoden ausbilden." (Heese zitiert in Metzger 1990, 46)

4.1 Grundsätzliche Gedanken zum Verhältnis von Psychotherapie und Heilpädagogik

Sicherlich können wir uns fragen, ob die Heilpädagogik das Recht hat, sich mit den Fragen der Psychotherapie und hier im speziellen mit den Fragen der psychoanalytisch- interaktionellen Psychotherapie auseinander zu setzen. Normalerweise ist auch der Heilpädagoge vor allem Pädagoge. Er beschäftigt sich folglich nicht mit psychotherapeutischen Kategorien.

Doch zeigt gerade die Praxis in Neuerkerode, dass Heilpädagogen und andere pädagogische Mitarbeiter an einem Therapieprogramm teilhaben und einen nicht unerheblichen Einfluss darauf nehmen. Durch die ständige Auseinandersetzung mit der therapeutischen Vorgehensweise bleibt es ergo nicht aus, dass diese Mitarbeiter Erfahrungen über die psychoanalytisch- interaktionelle Therapie sammeln. Doch gerade dann stellt sich die Frage, welchen Sinn solch ein Wissen hat.

"Setzt sich der Heilpädagoge beispielsweise mit der Tiefenpsychologie und der Psychotherapie intensiv auseinander, so tut er dies mit seinen Augen und mit seinen Denkkategorien." (Metzger 1990, 47)

Der besondere Gewinn besteht darin, dass der 'ideale' Heilpädagoge nicht nur versuchen wird, diese tiefenpsychologischen Erkenntnisse kennen zu lernen und zu verstehen, sondern die für seine pädagogische Arbeit wichtigen Aspekte zu adaptieren.

Er wird psychoanalytische und interaktionelle Kategorien vor allem nach pädagogischem Verständnis mit anderen Begriffen und Denkkategorien überdenken und formulieren, wodurch die psychoanalytische- interaktionelle Therapie eine heilpädagogische Perspektive erhält (vgl. Metzger 1990, 47).

Beide Disziplinen, sowohl Therapie, als auch Erziehung, haben das Wohl und das Werden des Menschen im Blickfeld. Doch gerade dann, wenn Heilpädagogen mit den üblichen pädagogischen Mitteln nicht mehr weiterwissen und psychische Störungen zu einem großen Problem werden, können psychoanalytische Erkenntnisse in der heilpädagogischen Arbeit weiterhelfen.

Doch bietet dieses psychoanalytische Verständnis des geistig behinderten Menschen nicht nur ein anderes Verstehen, sondern beinhaltet genügend Kritik an dem eigenen Umgang mit Menschen deren Verhalten wir als störend und krank einschätzen. Ist es nicht vielleicht so, dass eine Sonderbehandlung und eine defizitorientierte Wahrnehmung geistig behinderter Menschen dazu führt, dass unverstehbare Verhaltensweisen in psychiatrische Kategorien gepresst werden, um sich selbst vor dem Eingeständnis zu retten, dass unsere pädagogischen Mittel gescheitert sind? Tiefenpsychologisch orientierte Verstehensmodelle bieten meiner Ansicht nach vor allem die Möglichkeit, unseren eigenen Umgang mit Menschen, die als psychisch krank und geistig behindert bezeichnet werden, zu hinterfragen.

"Es stellt sich die Frage, inwieweit die empfundene Störung die Störung des 'Gestörten' ist, oder ob es sich nicht etwa um unsere eigene Zugangs-Störung zu ihm (und zu uns) handelt: Ist der Unverstandene letztlich nicht einfach ein Unverstandener?" (Metzger 1990, 48)

4.2 Zur Therapie und Erziehung in Neuerkerode

Therapie wird in Neuerkerode als ein Prozess verstanden, in dem "ein Zuwachs an Kompetenz zur befriedigenden Bewältigung des Alltages angestrebt wird." (Gaedt 1987, 19) Diese Beurteilung von therapeutischen Maßnahmen unterscheidet sich von vielen anderen psychiatrischen Behandlungszielen, bei denen es darum geht, psychische Störungen durch therapeutische Intervention zu behandeln und somit zu beheben.

Dabei wird Psychotherapie im Sinne einer 'mittelbaren Therapie' verstanden (vgl. Kobi 1986, 5). Diese Formen der Therapie ist dadurch gekennzeichnet, "dass sie sich auf objektivierbare Form bzw. Anteile der als Krankheit, Störung, Behinderung, Defekt etc. definierten Irregularität richten." (Kobi, ebd.) Eine solche "Psychiatrie geht auf den Hintergrund eines medizinischen Denkmodells von der 'Pathologie' und 'Defektivität' ihrer Patienten aus." (Feuser 1987, 94) Gegenstand ihrer Praxis ist nicht der Mensch, sondern die beobachtbaren Symptome.

Normalisieren heißt in diesem Sinne 'anpassen' und 'unauffällig machen'. Der als psychisch krank und geistig behindert bezeichnete Mensch wird auf seine Unfähigkeiten hin reduziert. Er wird durch die Behandlung seine Auffälligkeit vielleicht nicht mehr haben, mehr aber auch nicht! Die Neuerkerode Anstalten stehen jedoch für ein anderes therapeutisches Verständnis.

Neben dem besonderen theoretischen Ansatz (vgl. Kap.3), spielen im besonderen die Rahmenbedingungen unter denen ein therapeutisches Arbeiten stattfindet, eine zentrale Rolle. Psychotherapie und humane Lebensbedingungen (vgl. Ein - Ort- zum- Leben- Konzept) werden als notwendige Ergänzung angesehen, um erfolgreich arbeiten zu können.

Im Sinne des pädagogischen Konzeptes 'Ein- Ort- zum- Leben' (vgl. Kap.3.2) bedeutet dies, größtmögliche Entfaltungs- und Entwicklungsmöglichkeiten für geistig behinderte Menschen zu schaffen. Dazu werden entsprechende soziale Räume mit unterschiedlichen Anforderungen, je nach Entwicklungsstand angeboten. (vgl. Gaedt 1987b, 19) Die interaktionelle Psychotherapie kann nur dann möglich sein, "wenn zwischen den individuellen Entwicklungsmöglichkeiten und der Anforderungsstruktur der sozialen Umgebung keine unüberbrückbare Kluft besteht. Es besteht also eine Abhängigkeit der Therapie von dem pädagogischen Konzept." (Gaedt 1987b, 19) Die interaktionelle Psychotherapie ist folglich in den Gesamtrahmen der Neuerkeroder Anstalten eingebunden. Vorteilhaft erscheint, dass der therapeutische Dienst durch die enge Zusammenarbeit mit den Wohngruppen, Werkstätten und der Schule einen erweiterten Einblick in den gesamten 'Mikrokosmos' der Neuerkeroder Anstalten hat.

Obwohl eine enge Zusammenarbeit zwischen den Bereichen Therapie und pädagogische Betreuung besteht, bleibt beiden Bereichen jedoch eine eigenständige Organisation erhalten. Die organisatorische Trennung lässt sich mit der unterschiedlichen Aufgabenstellung, Arbeitsweise und Qualifikation von Therapeuten und Pädagogen begründen.

So arbeiten die pädagogischen Mitarbeiter in Gruppenkonstellationen, während der Therapeut die Möglichkeit hat, einzelne Personen aus der Gruppe herauszunehmen und dadurch die Beziehung differenzierter gestalten kann. Besonders schwierig erscheint die Steuerung von ablaufenden Inszenierungen in der Gruppe: Der pädagogische Betreuer kann als direkte Bezugsperson selbst in die Gruppenprozesse und folglich in diese Inszenierungen einbezogen sein. Deshalb erscheint es für einen außenstehenden Beobachter - in diesem Fall der Therapeut - einfacher die Beziehungskonstellationen und Motive zu erkennen, die hinter den Inszenierungen stehen (vgl. Gaedt 1987b, 20).

Der zweite Schwerpunkt der Therapieprozesse, neben der eigentlichen therapeutischen Betreuung der geistig behinderten Menschen, betrifft die Beziehung der vorwiegend pädagogischen Mitarbeiter zu den geistig behinderten Menschen. So findet ein dichtes Netz von Besprechungen mit den Betreuern statt, um eine Bearbeitung der Erfahrungen und Probleme vom pädagogischen Alltag anzubieten. Dies vermittelt auch den Betreuern den nötigen Halt und die Sicherheit im täglichen Umgang mit geistig behinderten Menschen.

"Theoretische Fortbildung und Supervision (...) sollen den reflektierten Umgang mit den schwierigen Übertragungsbeziehungen erleichtern..." (Sand 1990, 9), aber auch Gegenübertragungsreaktionen aufdecken. Die Beratung der Mitarbeiter wird in der Regel von einem Therapeuten geführt, der nicht gleichzeitig mit dem betreffenden Bewohner therapeutisch arbeitet. Diese Maßnahme schützt das Arbeitsbündnis zwischen Bewohner und Therapeut. Die gesamte Therapie- und Förderplanung, somit auch die Unterrichtsstundenplanung, erfolgt im gemeinsamen Team von Therapeuten, pädagogischen Mitarbeitern und dem leitenden Arzt. Dieses Team trifft sich auch regelmäßig zu einer gemeinsamen Supervision, die von unabhängigen Supervisor geleitet wird.

Meiner Ansicht nach wird in dieser Beschreibung die enge Zusammenarbeit von Therapie und Pädagogik erkennbar. Trotzdem bleibt jeder Disziplin der eigenständige Arbeitsbereich erhalten (vgl. Sand 1990, 9f.). Es stellt sich allerdings die Frage, inwieweit hier Kompetenzen überschritten oder vielleicht sogar eingegrenzt werden. Die Beantwortung dieser Frage ist allerdings bei der rein theoretischen Betrachtung, ohne Hintergrund und praktischen Bezug zu den Neuerkeroder Anstalten, nicht möglich.

4.3 Ist die psychoanalytisch-interaktionelle Therapie ein relevantes Thema für die 'Schule für Geistigbehinderte'?

Die Arbeit mit geistig behinderten Menschen ist in der Auseinandersetzung mit auffälligen Verhaltensweisen von einer gewissen Hilflosigkeit gekennzeichnet. Besonders die Geistigbehindertenpädagogik bedarf deshalb eines neuen Verständnisses von Menschen, die als geistig behindert bezeichnet werden. Die Neuerkeroder Anstalten versuchen mit einem tiefenpsychologisch orientierten Konzept zur Betreuung geistig behinderter Menschen einen anderen Zugang zu diesem Personenkreis aufzuzeigen.

In erster Linie wird versucht, den sogenannten geistig behinderten Menschen nicht als ein unveränderliches, durch organische Schäden spezifiziertes und gewordenes Wesen zu begreifen, sondern ihn als ein werdendes, zielgerichtet und sinnkonstituierend handelndes, in Kommunikation eingebundenes Wesen zu beschreiben (vgl. Elbert 1986, 94). Auch der geistig behinderte Mensch ist folglich als Mensch mit einer Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zu verstehen und kann somit als Person aus seiner Lebensgeschichte heraus verstanden werden (vgl. Gerspach 1982, 116).

Dieses Wissen wird erweitert durch Erkenntnisse aus der psychoanalytischen Entwicklungs- und Persönlichkeitstheorie, die unverständliche Verhaltensweisen geistig behinderter Menschen einer gestörten psychischen Entwicklung zuordnen und als Anpassungsleistungen an deprivierende Lebensumstände begreifen. Besonders in der Schule werden Pädagogen in übertragungsähnliche Situationen verstrickt, weil sie eine besondere Bezugsperson im Leben geistig behinderter Menschen darstellen. Für die Schule bedeutet dies, dass ein Verständnis in diese Zusammenhänge dazu beitragen kann, Verhaltensweisen als Re- Inszenierungen unverarbeiteter Konflikte zu verstehen, übertragungsähnliche Verhältnisse zu erkennen und eigenes Verhalten auf eine Gegenübertragungsreaktion hin zu deuten:

"Gerade gegenüber Pädagogen kommt es ständig zur Übertragung. Auch für Pädagogen erscheint es mir äußerst wichtig, solche unbewussten 'positiven' und 'negativen' Zuschreibungen ebenso zu erkennen, wie ihre eigenen Reaktionen darauf." (Leber1986, 16)

Dieses Wissen erarbeiten sich die pädagogischen Mitarbeiter in Neuerkerode durch die ständige Konfrontation mit den psychoanalytisch- interaktionell arbeitenden Therapeuten; durch die Einbeziehung in Planung, Durchführung und Supervision (vgl. Kap.3.3). In der Schule ist diese Art der Modifizierung und Aneignung tiefenpsychologischer Erkenntnisse und Methoden ohne Anleitung eigentlich nicht möglich. Es stellt sich daher die Frage, wie eine psychoanalytisch- interaktionelle Therapie im schulischen Rahmen zum Einsatz kommen könnte.

In der Regel fehlt den Lehrern die nötige Qualifikation, um eine entsprechende Psychotherapie anbieten und durchführen zu können. Als praktikables Modell erscheint deshalb die Einrichtung eines psychotherapeutischen Dienstes Erfolg zu versprechen, bei dem speziell ausgebildete Therapeuten tätig werden können. Nach dem Vorbild von Neuerkerode wäre dann sowohl eine therapeutische Betreuung der geistig behinderten Menschen, als auch der pädagogischen Betreuer möglich. Durch Supervisionen und Fortbildungen könnten schließlich auch Lehrer Beziehungsprobleme, die in ihrem Arbeitsfeld auftauchen, klären und im möglichen Rahmen lösen (vgl. Leber 1986, 19).

"Dies ist eng damit verbunden, wie er (der Lehrer M.G.) Kinder und Jugendliche in ihrem Entwicklungs- und Beziehungsprozess versteht und einen fördernden Dialog mit ihnen führen kann." (Leber 1986, 19).

Dazu braucht er vor allem die Gelegenheit zu eigentlich nie abgeschlossenen Lernprozessen, wie sie in psychoanalytischen Supervisionsgruppen angeboten werden. Entscheidend für eine pädagogische Kompetenz ist die Fähigkeit Beziehungsprobleme wahrzunehmen, um in deren Folge eine Verhaltensänderung bei den betroffenen Personen ermöglichen zu können (vgl. Leber, ebd.).

Somit erscheinen tiefenpsychologische Erkenntnisse und ein 'fördernder Dialog' mit geistig behinderten Schülern im Sinne der psychoanalytisch- interaktionellen Therapie dazu beitragen zu können, geistige behinderte Menschen neu verstehen zu lernen.

4.4 Zusammenfassung

Eine Grenzziehung zwischen pädagogischer und therapeutischer Arbeit ist wichtig, aber genauso schwer bestimmbar. Ein Austausch zwischen beiden Bereichen erscheint sinnvoll, weil dies zu einer kritischen und kompetenzsteigernden Eigenreflexion führen kann. Durch die Beschäftigung mit therapeutischen Methoden erweitert der Pädagoge seinen Erfahrungs- und Wissensstand. Einsichten in tiefenpsychologische Mechanismen, wie übertragungsähnliche Situationen und eigene Gegenübertragungsreaktionen ermöglichen ein anderes Begreifen von pädagogischen Beziehungsproblemen und ermöglicht einen für beide Seiten 'fördernden Dialog' . Dies eröffnet dem Pädagogen ein neues Verstehen vom geistig behinderten Menschen, der ihn in erster Linie als "ein werdendes, zielgerichtet und sinnkonstituierend handelndes, in Kommunikation eingebundenes Wesen" (Elbert 1986, 94) beschreibt und als Person aus seiner Lebensgeschichte heraus versteht.

5. Schlussbetrachtung

Tiefenpsychologisch orientierte Erklärungs- und Therapiemodelle spielen bei der Betreuung von geistig behinderten Menschen noch immer eine untergeordnete Rolle. Dies liegt zum einen an dem großen Theoriedefizit psychoanalytischer Untersuchungen über geistig behinderte Menschen und zum anderen an dem bestehenden Vorurteil, dass psychische Störungen bei geistig behinderten Menschen als Ausdrucksform geistiger Behinderung und der damit verbundenen Retardierung zu tun haben.

Folgerichtig fand sich auch keine der beiden Disziplinen, die sich um die Bereiche Behinderung (Heilpädagogik?) und psychische Störung (Psychiatrie?) normalerweise bemühen, bereit, dass Phänomen von der doppelten Diagnose einer geistigen Behinderung und einer psychischen Störung zu behandeln. Die Folge war, dass geistig behinderte Menschen zwischen den Institutionen von Psychiatrie und Behindertenpädagogik hin und her geschoben wurden, ohne effektive Behandlungsoder Verstehensmodelle entwickeln zu wollen.

Bis heute gibt es demnach auch keine eindeutige Definition und Ätiologie zum Personenkreis der Menschen, die als psychisch krank und geistig behindert bezeichnet werden. Beschäftigt man sich jedoch mit diesen beiden Phänomenen genauer, so fällt auf, dass sowohl die Bezeichnung 'geistig behindert' als auch 'psychisch krank' Menschen nach ihren Defiziten und Mängeln einordnet und schließlich darauf reduziert. Meine Vorstellung entspricht der fatalen Entwicklung von institutionellen Ausgrenzungsmaßnahmen, die erfolgen und erfolgen können, wenn Verhaltensweisen geistig behinderter Menschen vorschnell als psychiatrisch relevant bezeichnet werden. Diese Entscheidung erfolgt im psychiatrischen Rahmen nach medizinischen und psychiatrischen Denkvorstellungen ohne direkten Bezug und Hintergrundwissen zum Personenkreis geistig behinderter Menschen.

Ganz ähnlich verhält es sich aber auch im behindertenpädagogischen Bereich von Sonderschule, Wohn- und Werkstätten. Auch hier fehlen Interventions- und Verstehensmodelle von geistig behinderten Menschen mit zusätzlichen Problemen im emotionalen und psychischen Bereich. Diese Störungen werden jedoch in erster Linie gar nicht von den geistig behinderten Menschen selbst als solche erlebt, sondern belasten in erster Linie die pädagogischen Betreuer und Mitarbeiter.

Viele Verhaltensweisen geistig behinderter Menschen werden als belastend und störend empfunden. Wir suchen nach Ursachen in der Behinderung oder wir können sie uns gar nicht erklären. Dabei übersehen wir, dass diese auffälligen Verhaltensweisen ursächliche Bezugspunkte haben und meist elementare und erstaunliche Anpassungsleistungen an deprivierende Lebensumstände sind.

Das tiefenpsychologisch orientierte Therapiemodell von Neuerkerode, 'kurz' psychoanalytisch- interaktionelle Therapie genannt, versucht Verhaltensweisen geistig behinderter Menschen auf dem Hintergrund der Erkenntnisse frühkindlicher Entwicklungsprozesse zu ergründen und problematisches Verhalten als einen 'szenischen' und handlungsorientierten Verarbeitungsversuch frühkindlicher Konflikte zu verstehen.

Dieser von Freud als Übertragung bezeichneter Mechanismus, um verdrängte Konflikte in Handlungssträngen zu wiederholen und somit verstehbar und verarbeitbar zu machen, benutzt der 'ideale' Therapeut in Neuerkerode, um sich auf der einen Seite als Bezugsperson anzubieten und auf der anderen Seite diese Stellung so zu nutzen, dass Wiederholungszwänge überflüssig werden. Dies wird erreicht, in dem der Therapeut die Übertragungsrolle annimmt, sie aber positiv besetzt.

Besonders geistig behinderte Menschen neigen dazu Handlungen und nicht die Sprache als Mittel zur Darstellung ihrer belastenden Probleme zu verwenden (vgl. Leber 1986, 17).

In ganz ähnliche Situationen kann auch ein Lehrer geraten, da er eine sehr wichtige Bezugsperson für geistig behinderte Kinder und Jugendliche darstellt. Auch an der Schule werden Bezugspersonen, ähnlich wie der Therapeut, in übertragungsähnliche Situationen verwickelt. Doch leider fehlt der nötige Erfahrungs- und Wissenshintergrund, um solchen Situationen gewachsen zu sein, sie zu verstehen und zu deuten.

Tiefenpsychologische Erkenntnisse könnten demnach auch jedem Lehrer helfen, der Beziehungsprobleme zu seinen Schülern hat (vgl. Kap.4.3). Erstrebenswert erscheint deshalb zunächst die Schaffung eines allgemeinen schulpsychiatrischen Dienstes. Dies ermöglicht ambulante Hilfen außerhalb eines institutionellen Rahmens für geistig behinderte Menschen und bietet Supervision für den, der sich weiterbilden will, aber auch für den Lehrer, der Hilfe und Unterstützung für seine pädagogische Arbeit benötigt.

6. Anmerkungen

1 Das oft unreflektiert gebrauchte Attribut 'geistig behindert' verwende ich in meinen Ausführungen nur unter besonderem Vorbehalt, da ich meine, dass dies weder einen Menschen definiert noch sein subjekterfassendes Merkmal ist.

In der Regel habe ich einheitlich den Begriff 'geistig behinderte Menschen' gewählt und zur Vereinfachung im Einzelfall auf sinn- und sachverwandte Worte meist verzichtet, obwohl nicht unbedingt immer der geistig behinderte Mensch im allgemeinen gemeint ist, sondern Teilmengen dieser Personengruppe, wie z.B. Schüler, Kinder, Jugendliche usw. .

2,3,4

Aus dem Tagungsbericht: "Psychisch krank und geistig behindert"; Königslutter

6./ 7. März 1992. Von: Ulrich Niehoff. In: Geistige Behinderung 4/ 1992

5 Auch organische Störungen können natürlich psychotherapeutisch behandelt werden!

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37 von 37 Seiten

Details

Titel
Beiträge der psychoanalytisch- interaktionellen Psychotherapie für die Geistigbehindertenpädagogik
Hochschule
Universität zu Köln
Note
1,3
Autor
Jahr
1993
Seiten
37
Katalognummer
V102320
Dateigröße
432 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Psychisch krank und geistig behindert? Geistig behinderten Menschen wird zwar inzwischen ein psychisches Kranksein zugesprochen, dennoch tut man sich noch immer sehr schwer, behindertenpädagogische und therapeutische Antworten auf das Phänomen psychische Störung zu geben, weil noch immer keine eindeutige Ätiologie und Definition zum Personenkreis der psychisch kranken, geistig behinderten Menschen vorliegt. Die nachfolgenden Gedanken versuchen diesem besonderen Personenkreis näher zu kommen und mögliche Modelle aufzuzeigen, wie mit Verhaltensweisen umgegangen werden kann, die als krankhaft bezeichnet werden und sich unserem Verständnis entziehen, ohne dass geistig behinderte Menschen weiter ausgegrenzt werden.
Schlagworte
Beiträge, Psychotherapie, Geistigbehindertenpädagogik
Arbeit zitieren
Michael Gibbels (Autor), 1993, Beiträge der psychoanalytisch- interaktionellen Psychotherapie für die Geistigbehindertenpädagogik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102320

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