Hans Vaihinger: Nietzsche und seine Lehre vom bewußt gewollten Schein


Hausarbeit, 2001
11 Seiten

Gratis online lesen

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

Hauptteil

Historisches

Jugendschriften

Übergangsperiode

Schriften der 3.Periode

Schlusszitat

Bibliographie

Einleitung

Die Gesetze der Natur sind eindeutig. Es existieren nur Notwendigkeiten. Es gibt niemanden, der befiehlt und niemanden, der gehorcht. Alles hat seinen Sinn, lebt und stirbt in totaler Einheit. Es gibt keine Gegensätze, alles ist ein geschlossenes System. Wenn es einen Schöpfer gibt, hat er einen Fehler gemacht. Der Fehler ist das Seelenleben des Menschen. Verdammt zur Erkenntnis versucht er seinen Mangel an Wissen auszumerzen. Er füllt die Lücken, der ihm faßlichen Strukturen der Wahrheit, mit dem Schein-Stoff der Lügen aus. Die Wissenschaft wird auf ewig in den Tälern der Unwissenheit nach Erfolg zu graben haben und alles Gefundene wird übereinstimmen mit dem bereits ersonnenen Phantasieerzeugnis.

Vaihinger deutet nach Horwicz alles Seelenleben als Reflexvorgang. Demnach reagiert die Seele nach Beeinflussung von außen mit innerer Verarbeitung dessen. Das Resultat ist die nach außen orientierte Wirkung.. Die verarbeitenden Schritte innerhalb unserer Seele sind also nur die Brücken zwischen eingehendem Stimulus und ausgehender Tat. Hiernach dienen seelisch produzierte Fiktionen ausschließlich dem praktischen Zwecke, sie sind immer handlungsorientiert.

Schon nach dem Studium von Kant, Fichte und Schopenhauer entwickelte Vaihinger „die Überzeugung, daß das Denken, dem Wollen, dem Handeln diene“ ( 1918; S.11) So sieht Vaihinger als zentrale Frage: „Wie kommt es, daß wir mit bewußtfalschen Vorstellungen doch Richtiges erreichen?

Wir operieren mit Begriffen und Abstraktionen, obwohl wir wissen das diese Annahmen willkürlich und falsch sind. Wir wissen aber auch, daß ein wissenschaftlicher Fortschritt ohne diese bewusstfalschen Annahmen nicht möglich wäre. Das findet seinen Ausdruck in den verschiedensten Wissenschaften. Die Rechtfertigung beziehen wir aus dem Nutzen, den sie uns bringen. Auch in den absolut praktischen Bezügen unseres Daseins lassen sich derart „falsche“ Grundlagen finden. So ist ja die Grundlage aller sozialen und juristischen Ordnungen der freie Wille. Obwohl die Existenz eines solchen absoluter Nonsens ist, lassen wir dieses Theoriekonstrukt bestehen, da es uns nützlich und unentbehrlich ist. Der Nutzen liegt in der Erkenntnis des richtigen Handelns. „Wir kommen im theoretischen, im praktischen und im religiösen Gebiet zum Richtigen auf Grundlage und mit Hilfe des Falschen.“ (1918; S. XII)

Hauptteil

Historisches

Alle Wahrheit ist einfach.- Ist das nicht zwiefach eine Lüge? - (Friedrich Nietzsche)

Die Philosophie des Als Ob von Hans Vaihinger ist ein nicht unbedeutendes Werk in der Entwicklung der Philosophie. Es werden Gedanken geäußert, mit denen sich die Philosophie in der Zukunft auseinandersetzen müsse, meint Vaihinger selbst. Das erkannten auch die Kritiker schon bald nach der ersten Herausgabe im Jahre 1913. Geplant war die Veröffentlichung eigentlich erst nach seinem Tode. Er hatte die Ideen für dieses Buch jedoch schon seit 1873 gedanklich konstruiert. In den Jahren 1876 - 1878 schrieb er zwei Drittel des Gesamtwerkes nieder. Gesundheitliche Probleme, Geldnot und andere Projekte sollten allerdings verhindern, daß er sich noch im ausgehenden 20. Jahrhundert weiter damit beschäftigen konnte. So begründete Vaihinger Ende des Jahre 1895 die Kant-Studien und um diesen finanziellen Halt zu gewährleisten, rief er 1904 zum einhundertsten Todestag Kants die Kant-Stiftung ins Leben.

Die Entwicklung der deutschen Philosophie um die Jahrhundertwende wurde geprägt von zwei neuen Richtungen. Zum einen die Ansätze der experimentellen Psychologie, die sich für Vaihinger in unbedeutenden Einzelheiten verfing und somit den Verlust des großen Überblickes zu beklagen hatte. Zum anderen die Fragen der Erkenntnistheorie, die einseitig formal-logisch behandelt wurden und deswegen auch zu keiner besonderen Erkenntnis geführt haben.

Trotz geschickter Organisation, die natürlich auch sein Hauptwerk tragen sollten, versprach sich Vaihinger für die Erscheinung seines Buches keinen durchschlagenden Erfolg, da sein gedanklicher Wegbereiter F.A. Lange zunehmend Mißachtung in seinem Fach fand. So um die Zeit von 1898 lernte Vaihinger die Schriften Nietzsches kennen. Für Ihn sind sie ein taufrischer Quell, unabhängig von alteingessesenen Fragestellungen und Ausdrucksformen. Diese und noch andere neue Denkansätze ließen keinen Zweifel mehr an der Erscheinung der „Philosophie des Als Ob“ zu Lebzeiten.

Zunächst abgeschreckt von Sekundärdarstellungen über Nietzsche fand Vaihinger im Selbststudium bald heraus, daß sie eine gewisse geistige Verwandtschaft in der Auffassung vom Leben und der Welt verband. Und nachdem er 1906 seine Amtstätigkeit wegen seines Augenleidens aufgeben musste, verwendete er all seine schöpferische Kraft für die Fertigstellung und Veröffentlichung.

Schon früh war Vaihinger die Partikelbindung „als ob“ aufgefallen. Und zwar immer dort, wo eine Operation mit bewußtfalschen, jedoch nützlichen Vorstellungen dargestellt wurde. So unterscheiden sich diese Fiktionen, die sich eben in Als-Ob- Annahmen ausdrücken, im wesentlichen von wissenschaftlichen Hypothesen. Die Grundidee dabei ist, daß Fiktionen dem Denken und Leben unentbehrlich sind. Folglich hat der Schein eine hohe Bedeutung in allen Bereichen der Wissenschaft und des Lebens. Er rechtfertigt als „Mythos“ sein Dasein nicht nur in der Religion. Es stehen sich eine Welt voll von fließendem Werden und eine Welt des festen Seins gegenüber. Auf der einen Seite die Anmut der befriedigenden, unendlichen Phantasie, auf der anderen Seite die klare Wissenschaft, die geordneten Verhältnisse. Hier scheint alles vollkommen und rund zu sein.

Daraus entsteht ein Konflikt zwischen Weisheit und Wissenschaft. Dieser kann nur dadurch gelöst werden, indem die ersonnene wissenschaftliche Welt ein unentbehrlicher Bestandteil des ganzen ist und sich daraus ergibt, „daß `Wahr´ und `Falsch´ `relative´ Begriffe sind.“ (1918; S.772)

Nietzsche, geprägt durch Kant, sieht die Nützlichkeit und die Notwendigkeit ein, da Lügen ein bewusstes und absichtliches Erregen von Schein ist.

Jugendschriften

In seiner ersten Schaffensperiode weist er auf die bewußte Abweichung der Wirklichkeit in bestimmten Formen kulturellen Ausdrucks, wie Kunst und Mythos hin. Besonders deutlich wird das im, aus dem Jahre 1873 stammenden, Fragment: „Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne“. Es ist früh abzusehen, was sich durch das ganzes Leben Nietzsches ziehen soll: sein Verhältnis zur Wahrheit und zur Lüge. Das deutet schon 1872 sein Erstlingswerk „Die Geburt der Tragödie“ am Beispiel der Kunst an.

Er bezeichnet das absichtliche Festhalten am Schein im Wissen um die Beschaffenheit dieses als `Lüge im außermoralischen Sinne´.

Im alten Griechenland herrschten noch Mythen und Fiktionen, die wohlweislich eingesetzt wurden um ein lebenswertes Leben zu ermöglichen. Eine Urbegierde des menschlichen Bewusstseins ist demnach sich zuerst geistig zu verwandeln, um dann so zu handeln, als ob man wirklich ein anderer wäre. Wer diese Mythen bewusst kenntlich macht und sie als Schein entlarvt und zerstört, erfährt von der Natur tyrannische Verdammnis.

Die heutige Welt ist völlig mythenlos. Obwohl die Illusion die notwendigste Voraussetzung des Handelns ist, wird jenes Bewusstsein in unseren Tagen immer mehr ignoriert. Aber auch Wissenschaft braucht den Mythos. Vaihinger sieht als Ergebnis der Jugendschriften Nietzsches, daß diese Erkenntnis dem höheren Menschen eigentlich bewußt sein müsste.

Religion ist im Prinzip nichts weiter als ein `Illusionsnetz´ und trotzdem zerschlägt diese Erkenntnis nicht ihre Wirksamkeit. Das wird Nietzsche anfangs zur Qual, da er als Pastorensohn in der Religion schon immer die Projektion menschlicher Wünsche sah und sich nicht mit der Erkenntnis eines bloßen Theoriekonstrukts anfreunden wollte. Letztlich führt ihn seine Einsicht zur Unerlässlichkeit jener Illusionen und Phantome für das Leben. Und eben diese Einsicht ist für Nietzsche der Abschluß der Philosophiegeschichte: „Im höchsten Scheine liegt unsere Größe, denn hier sind wir Schaffende.“ (1918; S.774)

Es besteht nicht nur ein Bedürfnis nach einer Scheinwelt, die in der Kultur und Religion ihren Ausdruck findet. Die Notwendigkeit der Fiktion zum Leben erweitert sich auf unser gesamtes Bewußtsein. „Die Oberflächen-Natur unseres Intellekts“ (1918; S.774) fordert allgemein verständliche Begrifflichkeiten. Er arbeitet mit Symbolen, Figuren und sprachlichen Bildern und abstrahiert dabei vorhandene Materie in grober Unzulänglichkeit. Diese Scheinwahrheiten ziehen sich durch das ganze Leben und unsere Kultur. Und wir tun jetzt so, als wenn Begriffe etwas Tatsächliches wären, wo sie doch nur von uns erfunden worden sind.

Es ist nicht nur die Sprache mit ihren plumpen und unvollständigen Abstraktionen, sondern auch das begriffliche Denken auf irreale Vorgänge zurückzuführen.

Die Verständigung untereinander wird nur möglich mit Hilfe der von Nietzsche bezeichneten `Erkenntnismetapher´. Demnach sind diese lügnerischen Gebilde bewußte Hilfsmittel, die uns als Gerüstkonstruktion zum Verständnis dienen. So spricht er von einem künstlerischen Trieb, der uns fundamental inne wohnt und ohne den es gar nicht auszuhalten wäre.

Übergangsperiode

Die Schriften dieser Zeit vertiefen die von ihm gewonnenen Ansichten in den Werken „Menschliches, Allzumenschliches“ (1879); „Morgenröte“ (1881) und „Die fröhliche Wissenschaft“ (1882). Obwohl er zeitweise mit dem Gedanken spielt den Freitod der bewußt gewollten Unwahrheit vorzuziehen, besinnt er sich auf die Daseinsberechtigung der Lüge und anerkennt ihren Wert. Mensch bedarf also Irrungen und Wirrungen, denn nur so konnte er sich Schritt für Schritt erheben. Erst nachdem eine imaginäre Welt geschaffen wurde, konnte die Erkenntnis Einzug halten: „Irren ist die Bedingung des Lebens.“ (1918; S. 776)

Man darf folglich diese Theoriegebäude nicht zerstören, da sie dem fortgeschritten Geiste ebenso Berechtigungsgrundlage sind, wie die Kinder Ihre Spiel- und Märchenwelt brauchen.

Unser Denken hängt von unserer Sprache ab. Wir sind geneigt, die Dinge uns einfacher zu denken als sie sind. Wir simplifizieren um der Bequemlichkeit Willen und vereinfachen auf diese Weise unser, um ein vielfach komplizierteres, Wesen. Das gibt uns die Freifahrt für eine ersonnene Wirklichkeit. Unsere Denkweisen abstrahieren sich durch Isolation und Logik und sind deswegen unwirklich. Einige Beispiele lassen sich in der Mechanik, Mathematik, Atomistik oder Physik finden. In diesen Wissenschaften werden bestimmte Gegebenheiten unabhängig voneinander dargestellt. Es werden hier Richtungen, Bewegungsformen oder Druckverhältnisse isoliert. Sogenannte Naturgesetze sind das Überbleibsel `mythologischer Träumerei´. Auch ist die Behauptung, daß es Zahlen, Flächen, gerade Linien und runde Kreise gibt, nichts weiter als ein Irrtum. In Wirklichkeit gibt es diese getrennten Erscheinungen nicht. Eine konsequente Überprüfung würde die Widersprüchlichkeit dieser wissenschaftlichen Festlegungen aufzeigen.

Wir leben jetzt also in einer Welt die wir uns so zurecht gemacht haben, voll von Dingen, Stoffen, Körpern, könnten aber ohne diese nicht leben. Nur so können wir forschen und schlussfolgern: „Der Irrtum ist die Voraussetzung des Erkennens.“ (1918; S. 776) Die Unwahrheit der Existenz der Zahlen, des Raumes und der Gleichheit führen uns zu verfälschten Annahmen, ohne die wir unmöglich Erkenntnis erlangen könnten. Auf dem Fuße der Annahme derartiger Konstanten beruht das Fortbestehen der Menschheit.

Wenn Kant sagt: „Der Verstand schöpft seine Gesetze nicht aus der Natur, sondern schreibt sie dieser vor“, meint er wohl, daß wir uns gegenseitig ein Handbuch von der Welt geben. Das Denken muß jedoch in starren und unbeweglichen Bahnen vollzogen werden, da es anders nicht in der Lage wäre zu existieren. Der Intellekt ist nicht fähig das Werden zu begreifen und kann nur das Bleibende sehen. Er wird stets nach starren und festen Strukturen streben.

Der Glaube an das Dauernde und Unbedingte, ist die Grundlage unser Realität. Es zählt nicht das, was wahr, sondern das, was uns am nützlichsten ist. Handlungsfähig werden wir nur dann, wenn wir uns nach diesen Irrtümern richten, obwohl wir durchschaut haben, das es nur Irrungen menschlichen Intellekts sind. „Frei können wir uns nur träumen, nicht machen.“ (1918; S. 779)

Ein unentbehrlicher Bestandteil eines erkenntnisfähigen Daseins ist die Trennung zwischen Subjekt und Objekt. Dieser `Urirrtum´ hilft dabei unser kompliziertes Wesen in einer Vereinfachung zu begreifen. Dieser gibt uns von uns selbst ein Bild von einem Ding, das im Wesen werdend ist, jedoch als bleibend gedacht wird. „Schein ist für mich das Wirkende und Lebende selber...“ (1918; S.780)

Schriften der 3.Periode

In „Also sprach Zarathustra“ (1883-85); „Jenseits von Gut und Böse“ (1886); „Genealogie der Moral“ (1887); „Götzendämmerung“ und „Der Antichrist“ (beide 1888) spricht Nietzsche nun das `Problem vom Wert der Wahrheit´ an. Wahrheit ist für ihn nicht etwa das Gegenteil eines Irrtums, sondern das Verhältnis bestimmter Irrtümer zu anderen Irrtümern. Wahrheit besitzt allerdings noch eine andere Bedeutung. Sie ist im Gegensatz zum Sein ursächlich und zweckmäßig.

Sie ist also stets einer Bestimmung zugeteilt. Wahrheit ist folglich nicht etwas, daß wir auffinden bzw. entdecken können, sondern vielmehr etwas, daß es zu schaffen gilt. Stellt man sich nun über Begriffe wie `Wahr´ und `Falsch´, so kann Wahrheit nichts als Schein sein, d.h. alles ist perspektivische Wahrnehmung und das ist die Grundbedingung des Lebens.

Wir müssen an, aus anderer Perspektive getroffene, Urteile glauben, da ein Verzicht auf diesen Glauben bzw. auf solche Urteile eine Entsagung dem Leben wäre. Es besteht also ein `Wille zur Täuschung´, da jegliche Art von Ausdruck, sei es Kunst oder Wissenschaft, uns in einer zurecht gedichteten Welt festhalten will. Sie müssen diese vereinfachte Täuschung lieben, da sie das Leben lieben. Es ist ihre Existenz. So ist nicht nur der Mensch, sondern das ganze organische Leben als Scheinwelt angelegt. Es sind gerade die größten menschlichen Fehler und Fälschungen, die uns bisher vom animalischen Sein, einem glücklichen Zustand, hinweg gehoben haben.

Konventionelle Fiktionen werden zur besseren Verständigung untereinander benutzt, anerkannt und gelten als allgemein gültig, wohl im Wissen um ihre „naiv-humanitäre Zurechtmachung“.(1918, S.783) Wir vermenschlichen uns die Welt, indem wir sie mit Bedeutungen belegen, die es nicht gibt. Wir haben ein für alle halbwegs verständliches Bild von etwas konstruiert, was nie beschrieben und durchschaut werden kann.

Nietzsche nennt den menschlichen Intellekt einen „Fälschungsapparat“, der im vollen Bewußtsein des Eigentümers angewendet wird und eine großen Erfindungsreichtum hervorgebracht hat. Es besteht im Intellekt ein Zwang zur Ordnung und Kategorisierung. Wir müssen schemenhaft denken, da uns sonst die Erkenntnis verborgen bleibt. Dadurch vereinfachen wir das Geschehen und dies ist letztlich ein verfälschen. „Die falschesten Annahmen sind uns gerade die unentbehrlichsten“ (1918; S.783) und ein Leben ohne regulative Fiktionen und perspektivischer Fälschung wäre nicht denkbar. Die Erkenntnis selbst ist von erdichtendem und fälschendem Wesen. Im Menschen entstand der Wille zum Schein, zum Verkauf des Unwahren als Wahr.

Die schon erwähnten regulativen Fiktionen, im Wesen zwar eine Unwahrheit, sind aber eben anschauliche Konstruktionen. Sie sind ein Mittel zum Zweck und dieses logische Denken gibt der Illusion erst eine Struktur, ein Muster.

Logik kann nur unter der Voraussetzung des Irrtums existieren. Wir denken also nicht nach und in logischen Mustern, sondern die Logik ist ein Muster unseres Denkens. Regulative Fiktionen richten allerdings einen Schaden an, wenn sie nicht als solche benutzt werden, sondern ihnen ein irrtümlicher Realitätscharakter beigemessen wird. Zum Beispiel die geistige Annahme von Ursache und Wirkung oder eigener Handlungsfreiheit. In diesem Zusammenhang wird noch einmal die Problematik des Subjektes aufgegriffen. Es ist nicht nur das Subjekt ein fiktives Gebilde, welches nicht existiert, es sind auch die damit verbundenen Vorstellungen von Moral in höchstem Maße illusorisch. So nehmen wir auch an es gäbe einen Gott, der uns unser Seelenheil beschert, solange wir seiner Stimme folgen. Das Diesseits wird zur Strafe und die Erlösung läßt sich erst nach dem Tode finden. Die Botschafter Gottes unterrichten uns vom irdischen Leid und wie wir es vermeiden können. So kommen wir dann zur christlichen Weltanschauung und führen deswegen unzählige Kriege. All diesen falschen Werte, Kategorien und Begriffe sind letztlich bloß Ausdrucksmittel und sollen beim großen Mosaikpuzzle des Lebens helfen. Es befindet sich eine Macht in uns, die ordnet, fälscht und alles getrennt voneinander auffasst, die aber die nützliche und notwendige Voraussetzung unseres Lebens darstellt. Welche Rolle spielt die Illusion im Ganzen des Weltgeschehen?

Von Nietzsche gilt, dass mit zunehmender Entfernung von der Wahrheit alles „um so reiner, schöner, besser ist.“ (1918; S.787) Die Lüge gehört zu unserem Dasein und bestimmt es auch in allen Bereichen. Es ist also wichtig den Wert anzuerkennen. Vielleicht ist „alles Sein notwendig ein Vorstellen und damit ein Fälschen?“ (1918; S.788)

Jedenfalls ist der Wille zum Schein ursprünglicher tiefer als der Wille zur Wahrheit. Unsere Existenz gründet sich folglich auf perspektivischer Vorstellung, auf wahrem Schein, der in Kenntnis um dessen Macht sehr wertvoll wird und durchaus zu bejahen ist.

Schlussendlich spricht Nietzsche seinen Zeitgenossen die Fähigkeit ab, einen Mythos in die Wirklichkeit hineinlegen zu können, was heißt, sie und wir sind nicht im Besitz der Schaffenskraft zur Erzeugung von künstlichem Schein.

Ist die Lüge selbst nicht etwas göttliches? Der Wert aller Dinge ist ja schließlich erlogen, sollten wir nicht deshalb an Gott glauben, gerade weil er falsch ist, denn im Glauben spielen Moral und Logik ja keine Rolle. So sind die Religionen ihrem Wesen nach als ehrwürdig anzusehen, da sie es schaffen „noch den Niedrigsten anzulehren, sich durch Frömmigkeit in höhere Scheinordnung der Dinge zu stellen.“ (1918; S.789)

Schlusszitat

Und so erkennt man denn auch, daßein gemeinsames Band die Differentiale derMathematik, die Atome der Naturwissenschaft, die Ideen der Philosophie und sogardie Dogmen der Religion umschlingt - die Einsicht in die Notwendigkeit bewussterFiktionen als unentbehrlicher Grundlagen unseres wissenschaftlichen Forschens,unseresästhetischen Genießens, unseres praktischen Handelns. (Friedrich Nietzsche)

Bibliographie

HANS VAIHINGER: Die Philosophie des Als Ob. 3.Auflage, Verlag von Felix Meiner, Leipzig, 1918 MARIA BINDSCHEDLER: Nietzsche und die poetische Lüge. Walter de Gruyter & Co., Berlin 1966 MANUELA LENZEN: Königsberger Turnierplatz. Vor hundert Jahren wurden die „KantStudien“ geboren. -In FAZ, Nr. 186, 13.08.1997, S. N6 MAX SCHELER: Die deutsche Philosophie der Gegenwart. In: Wesen und Formen der Sympathie. Ges.W.Bd.7, Francke, Bern, 1973, S.261-330

11 von 11 Seiten

Details

Titel
Hans Vaihinger: Nietzsche und seine Lehre vom bewußt gewollten Schein
Hochschule
Freie Universität Berlin
Veranstaltung
Sozialpsychologische Grundbegriffe: Lügen
Autor
Jahr
2001
Seiten
11
Katalognummer
V102350
Dateigröße
463 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hans, Vaihinger, Nietzsche, Lehre, Schein, Sozialpsychologische, Grundbegriffe, Lügen
Arbeit zitieren
Kay Bartelt-Schattat (Autor), 2001, Hans Vaihinger: Nietzsche und seine Lehre vom bewußt gewollten Schein, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102350

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Hans Vaihinger: Nietzsche und seine Lehre vom bewußt gewollten Schein


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden