Ätiologie der Depression aus systemischer Sicht. Entwicklung eines Interviewleitfadens


Hausarbeit, 2019

26 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Empirische Zielsetzung
1.3 Aufbau der Hausarbeit

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Definition von Depression
2.2 Ätiologie der Depression aus systemischer Sicht
2.3 Zusammenfassung der Theorie

3 Methodischer Teil
3.1 Entwicklung eines Strukturbaums zum Konstrukt "Risikofaktoren zur Entstehung einer Depression aus systemischer Sicht"
3.2 Entwicklung eines relevanten Interviewleitfadens
3.3 Theoretische Durchführung der Untersuchung

4 Diskussion
4.1 Herausforderung der Durchführung der Befragung
4.2 Reflektion des Konzepts "Lebensproblem/Problemsystem" in Bezug auf Depression

5 Fazit und Ausblick

6 Literaturverzeichnis

7 Anhang

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund depressiver Episoden nach Geschlecht in den Jahren von 2003 bis 2017

Abbildung 2: Strukturbaum zum Konstrukt „Risikofaktoren zur Entstehung einer Depression aus systemischer Sicht"

Abbildung 3: Interviewleitfaden für die methodische Untersuchung 14-

Abbildung 4: Layout des Interviewleitfadens

1. Einleitung

Depressive Gefühle sind in der heutigen Zeit ein weit verbreitetes Phänomen, unter wel­chem viele Menschen leiden (Hazleton, 1995, S.9). Seelische Tiefs scheinen zur Nor­malität dazuzugehören, ebenso wie Glücksmomente und Hochstimmungen. Wo hö­ren jedoch die normale Unlust und der gewöhnliche Kummer auf? Wann handelt es sich um einen psychischen Zustand, der nicht in der Lage ist, sich selbst aus dem Unglück­lichsein zu befreien, sondern sich immer weiter in einen Leidenszustand vertieft?

Die folgende Hausarbeit beschäftigt sich mit solchen Fragen und diskutiert die systemi­sche Therapie als ein junges Therapieverfahren, welches vielversprechende Ergebnisse bei der Behandlung von Depressionen vorweist (Sydow et al., 2006).

1.1 Problemstellung

Depression gilt heutzutage als die am meisten verbreitete psychische Störung. Darüber hinaus wird sie derzeit zu den fünf häufigsten Krankheiten gerechnet - mit steigender Tendenz (Wolfersdorf & Rupprecht, 2001, S. 389). Zur Behandlung dieser Erkrankung wurden im letzten Jahrhundert viele unterschiedliche Therapieformen entwickelt. Neben der ambulanten, der medikamentösen und der kognitiven Behandlung hat sich in den 1980er Jahren die systemische Therapie entwickelt. Diese fokussiert sich weniger auf klassische pathologische Sichtweisen, sondern versucht mithilfe von Veränderungen in­nerhalb sozialer Systeme den Gesundheitszustand der betroffenen Person zu verbes­sern. Um diese Therapieform präziser beschreiben zu können, beschäftigt sich die Hausarbeit mit der Entstehung einer Depression aus systemischer Sicht.

1.2 Empirische Zielsetzung

In der Hausarbeit wird das Ziel verfolgt, einen Überblick über die Entstehung einer De­pression aus systemischer Sicht zu vermitteln. Diese junge Therapieform unterscheidet sich von anderen, indem sie einen innovativen Ansatz verfolgt, das Individuum nicht auf seine Erkrankung zu beschränken.

Des Weiteren soll ein Überblick über Beziehungsmuster gegeben werden, welche typi­scherweise bei depressiven Patienten vorkommen. Die Entwicklung eines Struktur­baums sowie eines Interviewleitfadens soll dem Lesenden helfen, die Hintergründe des Krankheitsbildes zu verstehen und mögliche Interventionsmaßnahmen entwickeln zu können. Letztendlich soll in dem vierten Kapitel der Hausarbeit die systemische The­rapie kritisch hinterfragt und diskutiert werden.

1.3 Aufbau der Arbeit

Das zweite Kapitel der Hausarbeit dient als ein Überblick der theoretischen Grundkennt­nisse des Krankheitsbilds Depression (F32). Neben Prävalenzraten, epidemiologischen Befunden und dem Krankheitsverlauf wird auch auf die Ätiologie dieses Phänomens ein­gegangen. In Kapitel 2.2 werden die Grundprinzipien und Ansätze der systemischen Therapie erklärt und ein kurzer Überblick über die historische Entstehung gegeben. Da­nach beschäftigt sich dieses Kapitel 2.2 mit der Ätiologie der Depression aus systemi­scher Sicht.

Der methodische Teil beginnt mit der Entwicklung eines Strukturbaums zum Konstrukt “Risikofaktoren zur Entstehung einer Depression aus systemischer Sicht” 3.1, welcher der Grundbaustein des darauffolgenden Interviewleitfadens 3.2 ist. In dem Kapitel 3.3 geht es um die theoretische Durchführung der Befragung.

Eine Diskussion 4. soll den Leser zum Nachdenken anregen, in welcher systemische Befunde und der Erfolg der systemischen Therapie kritisch hinterfragt werden. Das Ka­pitel 4.2 behandelt alle Herausforderung, die bei der methodischen Durchführung aufge­kommen sind. In dem darauffolgenden Kapitel 4.3 wird das Konzept “Lebensprob- lem/Problemsystem” von Ludewig in Bezug auf Depression reflektiert.

Im Kapitel 5 wird ein Fazit gezogen und ein Ausblick auf die weitere Entwicklung der systemischen Therapie gegeben. Sinngemäß folgt das Literaturverzeichnis in Kapitel 6.

2. Theoretische Grundlagen

2.1 Definition von Depression

Die deutsche Depressionshilfe (2008) versteht unter einer Depression „[...] eine ernste Erkrankung, die das Denken, Fühlen und Handeln der Betroffenen beeinflusst, mit Stö­rungen von Körperfunktionen einhergeht und erhebliches Leid verursacht. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind, können sich selten allein von ihrer gedrückten Stimmung, Antriebslosigkeit und ihren negativen Gedanken befreien“.

Neben den genannten Indikatoren gibt es laut dem ICD-10 weitere Symptome, die bei einer Depression häufig auftreten:

1. Verminderte Konzentration und Aufmerksamkeit
2. Vermindertes Selbstwertgefühl und Selbstvertrauen
3. Schuldgefühle und Gefühle von Wertlosigkeit (sogar bei leichten depressiven Episo­den)
4. Negative und pessimistische Zukunftsperspektiven
5. Suizidgedanken, erfolgte Selbstverletzung oder Suizidhandlungen
6. Schlafstörungen
7. Verminderter Appetit

(Dilling, Mombour & Schmidt, 2015, S. 170).

Damit eine depressive Episode diagnostiziert werden kann, müssen die Symptome min­destens 2 Wochen andauern. Wenn die Ausprägung jedoch besonders extrem ist, kön­nen auch kürzere Zeiträume berücksichtigt werden.

Die verschiedenen Formen der Depression werden zu den „affektiven Störungen" ge­zählt. Demnach wird eine „Störung" innerhalb der Stimmungs- und Gefühlslage gesehen und weniger im Denken bzw. „Wahn", wie bei der Schizophrenie. Klassifikatorisch wird im Wesentlichen zwischen depressiven Episoden, einer Dysthymen Störung (auch „De­pressive Neurose") und einer Major (schweren) Depression unterschieden.

Die Major Depression stellt im Unterschied zur depressiven Neurose einen psychoti­schen Zustand dar. Demnach sieht sich die betroffene Person nicht mehr in der Lage, etwas an ihrer aktuellen inneren Situation zu verändern. Da kein Abstand zu den nega­tiven Gedanken und Gefühlen gewonnen wird, ist in diesem Zustand die eigenständige Lebensführung nicht mehr möglich. Die Wahrnehmung entspricht nicht dem, was um die Person herum geschieht und der Betroffene ist verwirrt bzw. orientierungslos. Schwere Schuldgefühle sowie wiederkehrende Selbstmordgedanken sind weitere Anzeichen ei­ner Major Depression (Ruppert, 2003, S. 9).

Nach dem ICD-10 werden zwischen leichten, mittelgradigen und schweren (mit und ohne psychotische Symptome) depressiven Episoden unterschieden (Dilling et al., 2015, S.139). Ein Patient mit einer schweren depressiven Episode ohne psychotische Symp­tome zeigt häufig Agitiertheit und Verzweiflung. Weitere Symptome sind Gefühle der Nutzlosigkeit, Verlust des Selbstwertgefühls und in besonders schweren Fällen ein ho­hes Suizidrisiko. Wenn psychotische Symptome hinzukommen, ist der Betroffene eben­falls geplagt von einem Wahn-Gedanken an eine bevorstehende Katastrophe, akusti­sche und Geruchshalluzinationen (Dilling et al., 2015, S. 143).

Epidemiologische Befunde zeigen, dass 5,2% der deutschen Bevölkerung von einer De­pression betroffen sind (Weltgesundheitsorganisation, 2017). Frauen und Personen nach dem Pensionsalter berichten deutlich häufiger über Depressionssymptome. Es gibt darüber hinaus einen engen Zusammenhang zwischen einem geringen Bildungsstand und Depressionen. Dementsprechend leiden Personen mit einem geringen Bildungs­stand häufiger unter Depressionen, was mit zunehmendem Alter noch verstärkt wird. Weitere Zusammenhänge konnten bezüglich einer festen Bindung und deren Verlust festgestellt werden: Verwitwete und getrennte Personen leiden häufiger unter depressi­ven Symptomen (Baer, Schuler, Füglister-Dousse & Moreau-Gruet, 2013, S. 4). Ähnli­che Ergebnisse konnten bei der Wohnsituation erkannt werden werden: Alleinlebende und besonders alleinerziehende Frauen sind häufiger von Depressionen betroffen. Depression und Arbeitslosigkeit korrelieren ebenfalls insofern miteinander, dass bei Er­werbslosen deutlich häufiger depressive Symptome festgestellt werden und dass Per­sonen, die unter Depressivität leiden, häufiger arbeitslos sind (Baer et al., 2013, S. 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund depressiver Episoden nach Ge­schlecht in den Jahren von 2003 bis 2017 (BKK Dachverband, 2018)

Die Statistik basiert auf dem BKK Gesundheitsreport, welcher gesundheitliche Befunde von knapp 11 Millionen BKK Versicherten analysierte. Aus diesem Grund kann ein re­präsentatives Abbild des Krankheitsgeschehens in Deutschland dargestellt werden.

Bei der Abbildung wird die Anzahl der Arbeitsunfähigkeitstage aufgrund depressiver Epi­soden (F32) in Deutschland nach Geschlecht in den Jahren von 2003 bis 2017 darge-stellt. Es ist zu erkennen, dass die Arbeitsunfähigkeitstage von 2003 bis 2014 stetig zu­nehmen. Frauen sind besonders häufig davon betroffen. Im Jahr 2015 ist ein kleiner Rückgang wahrzunehmen, wobei es in den nächsten Jahren jedoch wieder zu einer Zu­nahme gekommen ist. 2017 wurden durchschnittlich 920 Arbeitsunfähigkeitstage auf­grund depressiver Episoden je 1000 BKK-Mitglieder festgestellt (BKK Dachverband, 2018).

Befunde hinsichtlich der Komorbidität zeigen, dass starke depressive Erkrankungen sehr häufig mit anderen körperlichen Beschwerden und psychischen Störungen einhergehen. Betroffene leiden besonders oft unter unspezifischen Rückenbeschwerden und Schlaf­störungen. Des Weiteren liegt gleichzeitig vermehrt eine Substanzabhängigkeit sowie neurotische (Angst- und Somatisierungsstörung etc.) und Persönlichkeitsstörungen vor. Eine Depression wirkt sich außerdem ungünstig auf das Gesundheitsverhalten aus: Der Anteil von Rauchern mit depressiver Symptomatik ist rund 40% höher als bei Personen ohne diese Symptome. Es konnte ebenfalls eine Verringerung der körperlichen Aktivität und in manchen Fällen ein höherer Alkoholismus festgestellt werden (Baer et al, 2013, S. 4).

Problematische Lebensverhältnisse und Verlusterlebnisse sind häufig vorausgehend bei der Entwicklung einer depressiven Störung. Brown, Harris und Copeland (1977) haben in einer Studie feststellen können, dass 61% der depressiven Frauen in den sechs Wo­chen vor Beginn der Depression ein schwerwiegendes Verlusterlebnis (Tod einer gelieb­ten Person, schwere Krankheit etc.) erlebt haben. Bei der gesunden Kontrollgruppe hin­gegen waren dies nur 20%. Des Weiteren haben 47% der depressiven Frauen gegen­über 17% der nicht-depressiven Frauen in den letzten Jahren unter schwierigen Lebens­verhältnissen gelitten. Dazu gehören besonders Finanz- und Wohnprobleme, Eheprob­leme und Probleme in der Versorgung und Erziehung der Kinder. Es konnte demnach eine Korrelation zwischen Verlusterlebnissen und länger dauernden Schwierigkeiten mit Depressionen bei 20% der untersuchten Frauen festgestellt werden (Brown, Harris & Copeland, 1977, S. 1-18).

Bei 15-30% der Patienten verläuft die Erkrankung chronisch und schränkt die Betroffe­nen stark ein. Etwa 4 bis 5% begehen Suizid, bezogen auf die Lebenszeit bei allen de­pressiven Störungen. Durch die Schwächung des Immunsystems spielt die Komorbidität eine große Rolle. Die Raten für Depression bei chronischer körperlicher Erkrankung (be­sonders bei Krebs) liegt meist bei 30 bis 40% (Staab & Ludwig, 1993).

Die jährlichen Folgekosten affektiver Erkrankungen in Europa werden auf rund 100 Mil­liarden Euro geschätzt (Baer et al., 2013, S. 9). Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) erwartet für die nächsten Jahre, dass unipolare Depressionen die Rangliste der Krank­heiten mit der schwersten Behinderungslast anführen werden. Depressionen sind des­halb ein prioritäres gesundheits- und sozialpolitisches Thema (Baer et al., 2013, S. 9.).

2.2 Ätiologie der Depression aus systemischer Sicht

In den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts entstand zunächst in den USA im Rahmen der Erforschung und Behandlung psychiatrischer Störungen die Familientherapie (Wynne & Singer, 1963, S. 191-198). Aus dieser entwickelte sich etwa in den 1970er Jahren die „Systemische Familientherapie“, die sich theoretisch und praktisch zu einer über die Familientherapie hinausgehenden, diese aber weiterhin beinhaltenden „Syste­mischen Therapie“ ausweitete (Reiter, Brunner & Reiter-Theil, 1997). Das Resultat, was aus dieser Entwicklung hervorging, wird heute systemische Therapie/Familientherapie genannt, um die historischen Wurzeln als auch die moderne Weiterentwicklung dieses Psychotherapieverfahrens zu berücksichtigen.

Das Verfahren ist international in den USA und den meisten europäischen Ländern (z.B. Italien, Finnland, Polen, Schweiß, Großbritannien etc.) ein anerkanntes Psychotherapie­verfahren (Conen, 2002, S. 11). In Deutschland gehört es ebenfalls zu einem weit ver­breiteten Verfahren in der Versorgungspraxis - die Psychotherapeutenkammer NRW (2004) hat gezeigt, dass 12-14% der kassenzugelassenen und/oder approbierten Kin- der-/Jugendlichen- und Erwachsenen-Psychotherapeuten in Deutschland eine abge­schlossene systemische Therapieausbildung haben (vgl. von Sydow, Retzlaff, Beher & Schweitzer, 2008).

Um die Grundlagen besser verstehen zu können, wird folgende Definition verwendet: „Systemische Therapie (ist) ein psychotherapeutischer Ansatz mit dem Ziel, Interaktio­nen zwischen einem Paar, in einer Kernfamilie, in einer erweiterten Familie oder zwi­schen einer Familie und anderen interpersonellen Systemen zu verändern und dadurch Probleme einzelner Familienmitglieder, Probleme von Familiensubsystemen oder der Gesamtfamilie zu lindern“ (von Sydow et al., 2008). Dementsprechend werden bedeut­same Beziehungen des Individuums zum Verstehen des Krankheitsgeschehens und als Ressourcen zur Veränderung genutzt. Die Heilung bzw. Linderung individueller Patho­logie wird durch die Induktion von Veränderungen im Beziehungsgefüge des Betroffenen angestrebt. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass die systemische Therapie ein psy­chotherapeutisches Verfahren ist, dessen Fokus auf dem sozialen Kontext psychischer Störungen liegt. Es werden zusätzlich zu einem oder mehreren Patienten weitere Mit­glieder des für den/die Patienten bedeutsamen sozialen Systems einbezogen und die Interaktion zwischen Familienmitgliedern und deren sozialer Umwelt näher betrachtet (Pinsof & Wynne, 1995, S. 586).

Bei der systemischen Therapie werden psychische Störungen zirkulär verstanden und behandelt. Dies bedeutet, dass Wechselbeziehungen zwischen zwei und mehr Men­schen berücksichtigt werden, deren Symptome und Umwelt zum Gegenstand des Ver­stehens und der Veränderung gemacht werden anstelle einer einseitigen Ursache-Wir­kungsbetrachtung von Krankheitsprozessen. Das Wesentliche des systemischen Prin­zips ist, dass es kein ICH ohne ein DU geben kann und zudem erst hieraus ein WIR (soziales System) wird. In dem Verständnis geht es also darum, dass der Mensch eine „biopsychosoziale Einheit" darstellt (Ludewig, 2018). Darüber hinaus löst sich die syste­mische Therapie von Begrifflichkeiten wie „krank" und „gesund", welche mit theoreti­schen Konzepten der klassischen biomedizinischen Sicht verknüpft sind. Anstelle des Krankheitsbegriffs und pathologischen Diagnosen wird pauschal von Problemen gespro­chen. Dies soll verhindern, dass eine Krankheit als persönliches Merkmal angesehen wird, das ein einzelner Mensch für sich hat und auf dieses reduziert wird (Schlippe & Schweitzer, 2014, S. 15). Vielmehr wird Krankheit als Teil einer größeren, je nach Per­spektive als störend oder auch gestört erlebten Interaktion angesehen, durch welche eine oder mehrere Personen so sehr leiden, dass ihnen ein Krankheitswert zugeschrie­ben wird. Die modernen Systemtheorien, die ebenfalls in anderen Wissenschaftsberei­chen bedeutsam sind, eröffnen einen neuen Ansatz bzw. eine neue Sichtweise auf psy­chische Erkrankungen und die Möglichkeit ihrer Behandlung.

Es ist das übergeordnete Ziel, dysfunktionale Lösungsversuche, symptomfördernde fa­miliäre Interaktionen/Strukturen sowie starre/einschränkende Familienerzählungen in­frage zu stellen und die Entwicklung von neuen, gesundheitsfördernden Interaktionen, Lösungsversuchen und Erzählungen zu fördern. Im Wesentlichen gelingt dies durch sys­temische Fragen, die Aufschluss über den Zusammenhang zwischen Symptomen und Beziehungen geben sollen. Des Weiteren wird das positive Umdeuten von Symptomen und anderen Problemen genutzt sowie symbolisch-metaphorische Methoden (Famili­enskulptur, Genogramm etc.) eingesetzt (von Schlippe & Schweitzer, 2016, S. 164).

Die systemische Therapie kann in verschiedenen Anwendungsformen und „Settings" eingesetzt werden - z.B. als Familientherapie, Paartherapie, Einzeltherapie oder auch Gruppentherapie. Darüber hinaus findet sie Anwendung in der Supervision, Beratung aber auch Team- und Organisationsentwicklung (von Sydow, 2007, S. 294 ff.).

Nach von Schlippe & Schweitzer (2014) liegt die Stärke der systemischen Therapie da­rin, Gesundheitsstörungen als Teil schwieriger Lebenslagen und zwischenmenschlicher Beziehung umfassend und schnell zu verstehen, damit sie durch Gestaltung eines Ko­operationskontextes mit gesundheitsförderlichen Beziehungsmustern positiv beeinflusst werden kann (S.10). Aus diesem Grund haben sie für diverse Krankheitsbilder „Bezie­hungsmuster“ entwickelt, um die Ätiologie aus systemischer Perspektive betrachten zu können.

Bei einer Depression kann sich die melancholische Stimmung häufig verselbstständigen und eine autonome Funktionalität entwickeln - diese ist von einer extrem bedrohlichen Qualität (Jens, 2001, S. 519). Außerdem zeigen dysfunktionale Partnerschaften eine er­höhte Häufigkeit, Intensität und Rückfallwahrscheinlichkeit depressiver Episoden (Beach & Nelson, 1990, S. 227).

Der Zusammenhang von Depression und familiäre Unterstützung ist für die systemische Therapie entscheidend. Familiäre Anerkennung, Unterstützung und Verbundenheit ha­ben zur Folge, dass depressive Phänomene statistisch unwahrscheinlicher werden (McFarlane, Bellissimo, Norman, 1994, S. 601). Darüber hinaus wird dadurch die schnellere Überwindung gefördert und es können treffende Vorhersagen zum Depressi­onsverlauf gemacht werden (McCullough, Mccune & Kaye, 1994, S. 396).

Bezüglich des Kontextes in einer Partnerschaft wurde die Erkenntnis erlangt, dass die Entwicklung einer Depression von Patienten, welche mit ihrem Partner zusammenleben, in Verbindung stehen mit dem Ausmaß an Kritik, die diesem gegenüber geäußert wird (Vaughn & Leff, 1976, S. 125).

Bei einer Trennung oder dem Verlust der Eltern/eines Elternteils führt es unabhängig von genetischer Disposition zu einer erhöhten Vulnerabilität im Erwachsenenalter (Sexson, Glanville & Kaslow, 2001, S. 465).

Es gibt ebenfalls dysfunktionale kognitive Schemata, die eine Entwicklung einer Depres­sion fördern, wie die „kognitive Triade“, welche von Beck et al. (1999) entdeckt wurde. Dabei handelt es sich um eine negative Sicht der eigenen Person und der Zukunft sowie eines pessimistischen Weltbildes, welche durch ungeprüfte Ableitungen aus früheren Sozialisationserfahrungen (z.B. Modell der gelernten Hilflosigkeit) aber auch durch chro­nische Belastungen und Traumatisierungen hervorgerufen wird (Beck, Rush, Shaw & Emergy, 1999).

Von Schlippe & Schweitzer (2014) haben einige Beziehungsmuster bei Depressionen entdeckt, welche nach dem systemischen Ansatz besonders häufig von depressiven Personen in ihrem sozialen System verwendet werden:

[...]

Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Ätiologie der Depression aus systemischer Sicht. Entwicklung eines Interviewleitfadens
Hochschule
SRH Fernhochschule
Veranstaltung
Empirische Forschung & Theorie der systemischen Beratung
Note
1,3
Autor
Jahr
2019
Seiten
26
Katalognummer
V1023780
ISBN (eBook)
9783346423733
ISBN (Buch)
9783346423740
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Systemische Beratung, Depression, Empirische Forschung, Ätiologie, Interviewleitfaden, ICD, Klinische Psychologie
Arbeit zitieren
Calvin Albrot (Autor:in), 2019, Ätiologie der Depression aus systemischer Sicht. Entwicklung eines Interviewleitfadens, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023780

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