Diese Arbeit untersucht, inwiefern man in Goethes Roman "Die Wahlverwandtschaften" von Vernunft oder Natur reden kann. Da in dem Roman das Verhältnis vierer Personen, die letztendlich eine Anziehung zueinander entwickeln, im Vordergrund steht, muss man sich die Frage stellen, ob die Protagonisten im Sinne des chemischen Begriffes 'Wahlverwandtschaften' handeln und sich von ihrer Anziehung und ihren natürlichen Trieben leiten lassen.
Unterliegen sie den Kräften der Naturgesetze, die für sie nicht steuerbar sind? Oder ist es ihnen möglich, über ihre Triebe hinwegzukommen und vernünftig und selbstbestimmt zu handeln? Um sich diesen Fragen zu stellen, werden zunächst das Thema des Romans sowie die Bedeutung des Titels "Die Wahlverwandtschaften" genauer beleuchtet, um daraufhin zu einer Schilderung von Goethes Auffassung von Vernunft und Natur zu kommen. Danach werden bestimme Textstellen hinsichtlich der Leitfrage untersucht.
Goethes "Die Wahlverwandtschaften" ist ein Werk, welches hervorragend zeigt, wie sich Naturwissenschaften und Literatur in ein Wechselverhältnis begeben können. Veröffentlicht wurde es von Goethe im Oktober des Jahres 1809. Es geht um Eduard und Charlotte, die sich seit Kindertagen zugeneigt waren. Nach dem Tod ihrer ersten Ehepartner, die sie mehr aus gesellschaftlichen Zwängen als aus Liebe wählten, sind sie in zweiter Ehe miteinander verbunden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Das Werk ,,Die Wahlverwandtschaften“
2.1. Begriffserklärung
2.2. Goethes Auffassung von Vernunft und Natur
3. Vernunft oder Natur in Goethes ,,Die Wahlverwandtschaften“
3.1. Das Gespräch über die Wahlverwandtschaften
3.2. Wahlverwandtschaft zwischen dem Hauptmann und Charlotte
3.3. Wahlverwandtschaft zwischen Eduard und Ottilie
3.4. Wie gehen die Protagonisten mit ihren Neigungen um?
4. Schluss
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Spannungsfeld zwischen Vernunft und Natur in Johann Wolfgang von Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“. Im Zentrum steht die Forschungsfrage, ob die Protagonisten in der Lage sind, ihre durch chemische Metaphorik beschriebenen Triebe vernunftgesteuert zu beherrschen, oder ob sie deterministischen Naturgesetzen unterliegen, die ihre Handlungsfreiheit ausschließen.
- Analyse der chemischen Metaphorik des Begriffs „Wahlverwandtschaften“
- Untersuchung von Goethes Philosophie zu Vernunft und körperlicher Natur
- Gegenüberstellung der Paarkonstellationen Charlotte/Hauptmann und Eduard/Ottilie
- Differenzierung zwischen naturbestimmtem Triebverhalten und vernunftbasiertem Handeln
- Bewertung der menschlichen Handlungsfreiheit angesichts unausweichlicher Leidenschaften
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Gespräch über die Wahlverwandtschaften
Schauen wir uns zu Anfang noch einmal das erste Gespräch über die Wahlverwandtschaften in Kapitel vier des ersten Teiles an. Um genauer zu sein, geht es um den Abschnitt, in dem Charlotte über die Trennungen und neuen Verbindungen chemischer Stoffe redet. Denn hier spricht sie nicht von einer Wahl, was der Freiheit und der Vernunft des Menschen entsprechen würde, sondern von einer Notwenigkeit „[...] ich würde hier niemals eine Wahl, eher eine Naturnotwendigkeit erblicken“.
Wenn man den Begriff Wahl nun wirklich verwenden will, dann nur in dem Sinne, dass „die Wahl bloß in den Händen des Chemikers“ (Goethe, „Die Wahlverwandtschaften“, S. 39.) liegt. Dies könnte man so verstehen, dass die „Wahl“ dementsprechend nicht bei einem selbst liegt, sondern in den Kräften der Chemie, Des Experimentators. Sieht Charlotte hier nicht womöglich unbewusst die spätere Handlung voraus? Die Protagonisten werden auf die Gesetze der Anziehung und Abstoßung projiziert, ergibt sich erst einmal eine „Gelegenheit“ entstehen daraus „Verhältnisse“, die unausweichlich sind „Sind sie aber einmal beisammen, dann gnade ihnen Gott! [...]“ (Goethe, „Wahlverwandtschaften“, S.39.).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problemstellung des Romans ein und formuliert die Leitfrage zur Spannungsbeziehung zwischen Vernunft und menschlicher Triebnatur.
2. Das Werk ,,Die Wahlverwandtschaften“: Dieses Kapitel verortet das Werk historisch und inhaltlich, wobei insbesondere der Einfluss naturwissenschaftlicher Konzepte auf die literarische Darstellung menschlicher Beziehungen beleuchtet wird.
2.1. Begriffserklärung: Der Abschnitt klärt die chemische Herkunft des Titels und dessen Übertragung auf die zwischenmenschliche Dynamik im Roman.
2.2. Goethes Auffassung von Vernunft und Natur: Hier wird Goethes philosophisches Menschenbild dargelegt, in dem Vernunft und körperliche Natur untrennbar miteinander verflochten sind.
3. Vernunft oder Natur in Goethes ,,Die Wahlverwandtschaften“: Dieses Kapitel bildet den Hauptteil der Arbeit und analysiert die konkrete Umsetzung des Spannungsfeldes in den Romanhandlungen.
3.1. Das Gespräch über die Wahlverwandtschaften: Die Analyse konzentriert sich auf die fundamentale Szene im vierten Kapitel, in der das chemische Gesetz der Wahlverwandtschaft als Metapher für menschliches Schicksal eingeführt wird.
3.2. Wahlverwandtschaft zwischen dem Hauptmann und Charlotte: Der Fokus liegt auf der Entwicklung und dem bewussten Umgang der beiden Charaktere mit ihren aufkommenden Neigungen.
3.3. Wahlverwandtschaft bei Eduard und Ottilie: Diese Untersuchung thematisiert die unbewusste und verheerende Anziehung zwischen Eduard und Ottilie, die sich der vernünftigen Kontrolle entzieht.
3.4. Wie gehen die Protagonisten mit ihren Neigungen um?: Hier wird das reflektierte Handeln im Vergleich zum triebgesteuerten Verhalten anhand spezifischer Schlüsselszenen wie dem Musizieren oder dem nächtlichen Besuch gegenübergestellt.
4. Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass die Protagonisten unterschiedlich auf ihre Bestimmung reagieren, wobei das Unvermögen, gegen die Natur anzukämpfen, bei Eduard und Ottilie in die Katastrophe führt.
Schlüsselwörter
Wahlverwandtschaften, Johann Wolfgang von Goethe, Naturgesetz, Vernunft, Leidenschaft, Determinismus, Chemische Metaphorik, Triebnatur, Handlungsfreiheit, Eduard, Charlotte, Ottilie, Sittlichkeit, Anziehung, Abstoßung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht, ob Goethes Protagonisten in „Die Wahlverwandtschaften“ als freie Individuen vernünftig handeln oder ob sie von naturgesetzlichen Trieben determiniert werden.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind das Verhältnis von Vernunft und Natur, der Einfluss naturwissenschaftlicher Erkenntnisse auf die Literatur und die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit.
Welches primäre Ziel verfolgt die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es zu ergründen, ob die Figuren im Sinne der chemischen Metaphorik des Werkes unvermeidlich ihren Trieben folgen oder ob sie diesen durch Vernunft entgegenwirken können.
Welche wissenschaftliche Methode wird zur Analyse verwendet?
Es wird eine textnahe Analyse zentraler Schlüsselszenen des Romans durchgeführt, unterstützt durch die Einbeziehung zeitgenössischer philosophischer und naturwissenschaftlicher Diskurse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Gesprächssituationen über Chemie, vergleicht das Verhalten der Paarkonstellationen Charlotte/Hauptmann und Eduard/Ottilie und untersucht deren bewusste Reflektion ihrer Neigungen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Schlüsselwörter sind Wahlverwandtschaften, Naturgesetz, Vernunft, Determiniertheit, Leidenschaft und Sittlichkeit.
Wie unterscheidet sich die Reaktion von Charlotte von der Eduards?
Während Charlotte versucht, sich vernünftig zu verhalten und die Trennung zu suchen, lässt sich Eduard ungefiltert von seinen Leidenschaften treiben, was er kaum reflektiert.
Welche Rolle spielt die chemische Metapher für den Ausgang des Romans?
Die Metapher deutet auf ein Schicksal hin, dem sich die Protagonisten nicht entziehen können, was bei Eduard und Ottilie schließlich im gemeinsamen Tod endet.
- Arbeit zitieren
- Swati Hertweck (Autor:in), 2020, Vernunft und Natur in Goethes "Wahlverwandtschaften". Umgang der Protagonisten mit ihren Neigungen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1023809