Methode und Anliegen der "News Bias"-Forschung


Seminararbeit, 2001

15 Seiten


Gratis online lesen

Inhalt

1. Einleitung

2. Was ist „News Bias“-Forschung?

3. Untersuchungen und ihre Ergebnisse

4. Berichterstattungstypen nach Klaus Schönbach

5. Worüber schreibt die Zeitung - Medien Tenor

6. Dilemma der „News Bias“ - Schlussbemerkung

Literaturnachweise

Anhang 1

Anhang 2

1. Einleitung

„Der geschickte Journalist hat eine Waffe: das Totschweigen - und von dieser Waffe macht er oft genug Gebrauch.“1 Dies schreib Kurt Tucholsky in der Zeitschrift „Weltbühne“ vom 13. Oktober 1921. In dem Artikel geht es darum, ob Medien und Journalisten die Welt so darstellen, wie sie ist. Ob sie Wirklichkeit abbilden oder die Realität in den Medien nach eigenem Gutdünken gestalten. Tucholsky kommt zu dem Schluss: „Was da steht, das ist nicht die Welt. Das ist: Die Welt Gekürzte Volksausgabe und für den Schulgebrauch bearbeitet.

Man sollte sich lieber an das Original halten.“2

Die Frage nach Abbildung und Konstruktion von Realität in den Medien stellt seit über einem halben Jahrhundert die Kom- munikationswissenschaft. Wie werden Nachrichten ausgewählt? Gibt es objektive Kriterien oder selektiert der Journalist nach Lust und Laune? 1950 untersuchte David Manning White das Selektionsverhalten eines „wire editors“ in einer amerikanischen Kleinstadt. Der Journalist hatte die Aufgabe Agenturmeldungen für seine Zeitung auszuwählen, zu bearbeiten und weiterzuleiten. White nannte seine Untersuchungsperson „Mr. Gates“, sein Versuch markiert den Anfang der Gatekeeper-Forschung.

Inzwischen sind weitere Ansätze, das Verhältnis von Realität in den Medien und der „wirklichen“ Realität, wenn es sie geben sollte, hinzugekommen. Einer ist die sogenannte „New Bias“ -Forschung. Ihr Ziel sieht Joachim Friedrich Staab in seinem Buch „Nachrichtenwert- theorie“ vor allem darin, „Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und unausgewogene politische Tendenzen zu messen, sowie Aufschluss über deren Ursachen zu erlangen.“3 Warum schreibt der Reporter also, jemand sei ein Täter obwohl er offiziell noch der Tat verdächtigt wird? Wieso steht der SPD-Kandidat vor der Kommunalwahl zehn Mal so oft in der Zeitung, wie sein Konkurrent von der CDU? Die „News Bias“-Forschung versucht dies zu ergründen. In welcher Art und Weise sie dies tut, welche Ergebnisse sie vorweisen kann und wo ihre Grenzen liegen, werde ich in meiner Arbeit zeigen. Natürlich kann ich dabei die angeführten Aspekte nur anreißen, für eine ausführliches Bearbeiten des Themas ist der Umfang meiner Arbeit zu knapp bemessen.

2. Was ist „News Bias“-Forschung

„News“ ist das englische Wort für Neuigkeit oder auch für Nachricht.

Das Wort „Bias“ bedeutet Hang, Vorliebe, Neigung oder auch Tendenz. Die „News Bias“-Forschung, oft auch einfach nur als „News Bias“ bezeichnet, will „Unausgewogenheiten, Einseitigkeiten und politische Tendenzen in der Medienberichterstattung [...] messen sowie Aufschluß über deren Ursachen erlangen.“4 Um diese Ziele zu erreichen, nutzen die Forscher zwei Wege. Auf der einen Seite führen sie experimentelle Studien durch, in denen sie die Nachrichtenauswahl beziehungsweise die Berichterstattung durch Journalisten oder andere Versuchpersonen simulieren lassen.5 Joachim Friedrich Staab führt in seinem Buch „Nachrichtenwerttheorie“ den Versuch von Roy E. Carter an, der 142 Studenten einen Artikel über einen Raubüberfall schreiben ließ. Die Studenten kamen von verschiedenen Universitäten aus den Nord- und den Südstaaten. Carter untersuchte, welche Studenten einen Schwarzen beziehungsweise einen Weißen als Tatverdächtigen ansahen und warum.6

Die zweite Seite der „News Bias“ ist die Forschung mit Hilfe von Inhaltsanalysen journalistischer Texte. Häufig kombiniert man diese mit dem Befragen der Journalisten; die Wissenschaftler versuchen Zusammenhänge zwischen der politischen Tendenz der Berichterstattung und der politischen Einstellung von Journalisten, Verlegern und Herausgebern herzustellen. Meistens werden Inhaltsanalysen und Befragungen bei politischen Konflikten oder vor einer Wahl durchgeführt. Anstelle der Journalistenbefragung können auch andere Außenkriterien mit Inhaltsanalysen kombiniert werden.

Malcom W. Klein und Nathan Maccoby analysierten acht amerikanische Tageszeitungen während des Präsidentschaftswahlkampfes 1952. Die Wissenschaftler wollten herausfinden, wie sich die redaktionellen Linien der Zeitungen in der Wahlberichterstattung bemerkbar machten, also den Zusammenhang zwischen den politischen Einstellungen der Verleger und der Nachrichtengebung ihrer Blätter untersuchen. Vier Zeitungen unterstützten den Demokraten Stevenson, Vier den Republikaner Eisenhower. Einen Monat lang analysierten Malcom W. Klein und Nathan Maccoby alle Artikel auf der Titelseite, die über einen der beiden Kandidaten berichteten. Sie untersuchten die Größe der Schlagzeilen, die Anzahl der kommentierenden und einseitigen Aussagen sowie die der Bilder. Ergebnis: Die Blätter berichteten einseitig und der redaktionellen Linie gemäß. Demokratische Zeitungen hatten mehr Artikel und Bilder von Stevenson auf ihren Seiten platziert, die Schlagzeilen über Texten, in denen über Stevenson geschrieben wurde, waren größer. Umgekehrt verhielt es sich mit den republikanisch gesinnten Tageszeitungen und Eisenhower.7

3. Untersuchungen und ihre Ergebnisse

Die Inhaltsanalyse der Zeitungen vor der amerikanischen Präsidentschaftswahl zeigt, dass politische Faktoren bei der Nachrichtengebung in den Medien eine große Rolle spielen. Die redaktionelle Linie und die persönlichen Vorlieben von Journalisten bestimmen gravierend die Berichterstattung.

George Gerbner veröffentlichte 1964 in „Journalism Quarterly“ eine Studie, die das Berichterstatten von neun französischen Tageszeitungen über einen Kriminalfall untersuchte. Die Zeitungen wichen in der Nachrichtengebung untereinander extrem ab, Gerbner führte dies auf die jeweiligen redaktionellen Linien der Blätter zurück.8 In den USA stellte Leon Man die Angaben von 49 Tageszeitungen zu Teilnehmern an Anti-Vietnamkrieg-Demonstrationen 1965 und 1967 einander gegenüber. Ergebnis: Die Tageszeitungen, welche sich gegen den Vietnamkrieg aussprachen, nahmen die Angaben der Demo- Organisatoren in ihre Artikel auf. Dem gegenüber verwendeten die Pro- Vietnamkrieg-Blätter die Zahlen der Polizei als Grundlage für die Angaben in ihren Texten.

Inhaltsanalyse und Befragung kombinierten Ruth C. Flegel und Steven H. Chaffee. Sie befragten in Madison, Hauptstadt des US- Bundesstaates Wisconsin, neun Journalisten einer progressiven Zeitung und acht Journalisten einer konservativen Zeitung zu 13 Konfliktthemen. Dabei kam zunächst heraus, dass die Journalisten Nachrichten zwar nach Selektionskriterien wie Relevanz oder lokale Nähe auswählten. Ihre eigene Meinung beeinflusse sie aber mehr als die von ihnen angenommenen Ansichten des Verlegers oder ihrer Leser, gaben die Journalisten zu. Die Inhaltsanalyse der Zeitungen bewies einen starken Einfluss der Journalistenmeinungen auf die Inhalte der Blätter. Nur bei den progressiven Blättern war außerdem auch noch die von den Journalisten vermuteten Verleger- oder Lesermeinungen in den Texten nachzuweisen.9

In Deutschland versuchten Siegfried Weischenberg, Susanne von Baschwitz und Armin Scholl ebenfalls mit einem „Mehrmethodenansatz komplexere Vorstellungen von der Aussagenentstehung“ zu entwickeln.10 Sie führten ihre Studie in einer Großstadt in Nordrhein-Westfalen durch, dort gibt es drei voneinander unabhängige Lokalzeitungen. Diese decken jeweils ein politisches Spektrum von gemäßigt rechts bis gemäßigt links ab. Die traditionell katholischen „Nachrichten“ stehen der CDU nahe, die „Zeitung“ schreibt für die bürgerliche Mitte, repräsentiert den General-Anzeiger Typus. Der SPD nahe stehend bedient die „Rundschau“ eher die politisch links orientierten Bürger der Stadt.

Eine Kommunalwahl stand kurz bevor, der regierende Oberbürgermeister (SPD) trat gegen den Kandidaten der CDU an. Weischenberg, von Baschwitz und Scholl befragten die 48 Journalisten der Lokalzeitungen unter anderem zu ihren persönlichen Einstelllungen, ihrem Berufsbild und dem Einfluss, den ihre Leser auf ihre journalistische Tätigkeit ausüben. Diese Befragungen gab es kurz vor, während und vier Wochen nach der Wahl.

Außerdem analysierten Weischenberg und seine Kollegen 16.600 Artikel aus den drei Lokalzeitungen auf ihren Inhalt bezüglich der Wahl.

Neben vielen anderen Erkenntnissen, ergab die Untersuchung, dass die SPD und ihr Spitzenkandidat in den konservativen „Nachrichten“ sehr viel weniger häufig erwähnt wird als in „Zeitung“ und „Rundschau“. (siehe Anhang 1 Tabellen). Der CDU-Kandidat findet in allen drei Blättern fast gleich wenig Beachtung. Obwohl er bei den Journalisten der drei Lokalzeitungen einer Befragung zufolge sehr beliebt ist und vor dem Wahlkampf von den Zeitungsmachern sogar mit 0,6 Prozentpunkten Vorsprung vor dem amtierenden Oberbürgermeister gesehen wird, bietet er offenbar er wenig Interessantes für die Medien. Diese Ansicht scheinen konservative, bürgerliche und linke Redaktionen gleichermaßen zu teilen, jedenfalls lässt ihre Berichterstattung derartige Annahmen zu. (siehe Anhang 1 Tabellen)

Dennoch zeigt sich auch an diesem Beispiel, dass die politischen Einstellungen der Journalisten Medieninhalte beeinflussen. So stellen die sich selbst als eher konservativ einschätzenden Schreiber der „Nachrichten“ den SPD-Kandidaten sehr viel öfter als Amtsinhaber, denn als Wahlkämpfer dar. Zudem wird die CDU besonders in Hochphase des Wahlkampfes von den „Nachrichten“ häufiger erwähnt als sonst.

4. Berichterstattungstypen nach Klaus Schönbach

Im Frühjahr 1971 führte Klaus Schönbach Inhaltsanalysen über die Berichterstattung über die „Berlin-Verhandlungen“ in 27 deutschen Tageszeitungen und den Nachrichtensendungen zweier Hörfunksender sowie derer von ARD und ZDF durch. Schönbach erarbeitete eine Liste von 30 Argumenten, sie enthielten fünf begründete Standpunkte der Bundesregierung und sieben der Opposition. Mit Hilfe dieser Liste ermittelte Schönbach die Tendenz der Beiträge. Außerdem untersuchte er deren Aufmachung, Platzierung und Stilform.

Klaus Schönbach verglich die Tendenz der Kommentare mit der Tendenz der Nachrichten. Des Weiteren untersuchte er, ob die Argumente der Regierung beziehungsweise der Opposition in einem Medium weniger berücksichtigt wurden. Als Ergebnis seiner Untersuchungen unterschied Schönbach vier Berichterstattungstypen:

1. Synchronisation: Nachrichtengebung und Kommentarlinie stimmen überein und berücksichtigen Argumente einer Seite weniger stark
2. General-Anzeiger-Typus: Nachrichten können Argumente beider Parteien berücksichtigen und mit Kommentarlinie übereinstimmen
3. Nachrichtengebung ist einseitig und stimmt nicht mit Kommentarlinie überein - unwahrscheinlicher Fall, Ergebnis unterschiedlicher Nachrichtenkriterien für Nachricht und Kommentar
4. Idealfall: Nachrichten können umfassend unterrichten und nicht mit Kommentarlinie übereinstimmen - Medium mit breitem Nachrichtenangebot und entschiedener politischer Tendenz

Schönbach nutzte die vier damals erscheinenden überregionalen Qualitätszeitungen „Frankfurter Rundschau“ (FR), „Süddeutsche Zeitung“(SZ), „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ (FAZ) und „Die Welt“ (WELT), um Einseitigkeiten festzustellen. Er berechnete das Standardmaß der Berichterstattung der vier Blätter, wichen andere Medien von diesem Maß ab, so berichteten sie einseitig.11

Die vier Zeitungen wurden von Schönbach gewählt, weil sie das politische Spektrum in der BRD von „ausgeprägt links“ (FR) bis „ausgeprägt rechts“ (WELT) abdeckten.

5. Worüber schreibt die Zeitung? - Medien Tenor

„Der einzige Branchendienst, der kontinuierlich die Berichterstattung unserer wichtigsten Zeitungen und Fernseh-Nachrichten mit wissenschaftlichen Methoden analysiert, ist der MEDIEN TENOR.“ Dies schrieb die Tageszeitung „Berliner Morgenpost“ im September 1999.12 Mehr als 70 sogenannte Codierer untersuchen jeden Tag für den Medien Tenor Beiträge in den als tonangebend angesehenen deutschen Tageszeitungen, Fernseh-Nachrichten Wochen- und Monatsmedien und in einigen Newsgroups im Internet. Eine Printmeldung über die Einführung des Euro zum Beispiel wird daraufhin untersucht, an welchem Platz sie erscheint, ob sie ein Foto hat und von welcher Agentur sie stammt. Danach wird sie nach Thema und Handlungsort katalogisiert. Wäre der Aufhänger der Meldung eine Rede zur Einführung des Euro in Frankfurt, so würde als Thema „Euro“ eingegeben und als Handlungsort „Hessen“. Im Anschluss daran codieren die Mitarbeiter des Medien Tenor einzelne Handlungsträger wie Politiker und Parteien. Aussagen über Politiker und Parteien in journalistischen Beiträgen werden Satz für Satz analysiert. Der Medien Tenor stellt fest vom wem die Aussagen stammen und wie die betroffenen Akteure in den Aussagen bewertet werden.

In den Forschungsberichten des Institutes, das zurzeit noch in Leipzig seinen Hauptsitz hat, wird darauf aufmerksam gemacht, welche Themen in den Medien vernachlässigt und welche von den sogenannten Leitmedien „gepusht“ werden. Weiterhin will der Medien Tenor redaktionelle Linien offen legen und zeigen, welche Argumente von welchen Medien transportiert werden. Außerdem beschäftigt sich der Medien Tenor mit dem Agenda-Setting; wird durch eine starke Medienberichterstattung bestimmt, was ein wichtiges Thema ist oder berichten die Medien über wichtige Themen? Zu diesem Zweck werden Ergebnisse von Medienanalysen mit Umfragen in der Bevölkerung verglichen.13

Die Geschichte von Instituten wie dem Medien Tenor begann 1985. Robert Lichter und Linda S. Lichter gründeten in den USA das erste gemeinnützige Institut für Medienanalyse. Sechs Mal im Jahr veröffentlichte Media Monitor Berichte zum Unfang der Berichterstattung, Auswahl der Ereignisse, derer sich die Medein annahmen, zu den Themen der aktuellen politischen Diskussion und zu Personen und ihren Argumenten in Print und Rundfunk. 1993 nahm der gemeinnützige „Verein für Medieninhaltsanalyse e.V.“ in Deutschland seine Arbeit auf, 1997 übernahm der Medien Tenor die Geschäfte des Vereins.

Seitdem hat der Medien Tenor die Berichterstattung in deutschen Zeitungen und Fernsehsendern wiederholt kritisiert, oft in der Weise, dass dem Berichteten offizielle Statistiken zum angesprochenen Thema gegenübergestellt wurden. Der Meiden Tenor konstatierte dann, ob die Berichterstattung die Realität angemessen wiedergab oder sie sogar beeinflusste.

Eine aufsehenerregende Studie des Medien Tenor befasste sich im Januar 2001 mit der Berichterstattung über rechte Gewalt im Jahre 2000. Dabei verglich der Medien Tenor die Zahl der Beiträge zum Thema „Rechte Gewalt“ in 20 deutschen Medien mit der durchschnittlichen Zahl der rechtsextremen Straftaten in Deutschland. Ergebnis der Studie: Nachdem im Juni und im Juli überdurchschnittlich viel über rechte Gewalt berichtet wurde, verdoppelte sich die Zahl rechtsextremer Straftaten fast. (siehe Anhang 2 Bericht)14

Grund genug für Roland Schatz, Chefredakteur des Medien Tenor, die Journalisten danach zu fragen, ob die „Berichterstattung dem Gegenstand gerecht“ werde. Viele Täter würden Straftaten erst deshalb begehen, um einmal in der Zeitung zu stehen oder sich im Fernsehen bewundern zu können. Für den Medien Tenor stimulierte die Berichterstattung in den Medien viele Straftaten. Chefredakteur Schatz warnt deshalb vor „qoutenorientierter Stimmungsmache.“15

6. Das Dilemma der „News Bias“ - Schlussbemerkung

„News Bias“ versucht durch den Vergleich von Intra-Medien-Daten, wie es zum Beispiel Artikel und Infografiken sind und von Extra- Medien-Daten, das heißt Statistiken und andere Gegenwartsarchive zu überprüfen ob das, was Zeitungen und Rundfunk berichten der Wirklichkeit entspricht. Journalisten sollen, wie im Fall der Medien Tenor Studie über rechtsextreme Straftaten, sich selbst überprüfen können. Welche Themen vernachlässige ich? Berichtet meine Zeitung einseitig? Folgen meine Texte nur meiner Meinung oder lasse ich auch andere Argumente zu? Dies ist sicher wichtig, trägt zur Vielfalt der Berichterstattung in den Medien bei und hilft Einseitigkeiten und Fehler zu korrigieren. Doch ist die Anschauung von der Wirklichkeit, welche hinter dem Konzept von „News Bias“ steht nach Ansicht von Wissenschaftlern, wie Winfried Schulz längst überholt. Das Dilemma dieser Forschungstradition ist, dass sie Journalisten als passive Mittler zwischen Realität und Medien begreift. Zeitung, Rundfunk und Internet-Medien wären demnach nur Spiegel der Realität - Schulz bezeichnet diese Auffassung als „ptolemäisch“.16

Diese Bezeichnung bezieht sich auf den Streit zwischen Astrologen im späten Mittelalter: Sie stritten darum ob die Erde Mittelpunkt des Universums und unseres Sonnensystems sei oder die Erde. Die Ptolemäer behaupteten, dass die Erde der Mittelpunkt sei, Niklaus Kopernikus bewies jedoch, dass die Planeten um die Sonne kreisen. Winfried Schulz wirft den „Ptolemäern“, jenen Leuten, welche Medien als Spiegel der Gesellschaft sehen, vor allem die Annahme zweier falscher Prämissen vor: Zum einen nähme die „ptolemäische“ Auffassung einen grundsätzlichen Gegensatz zwischen Massenmedien und Gesellschaft an, Medien sind Fremdkörper die sich außerhalb gesellschaftlicher Verflechtungen bewegen und die Macht haben zu kontrollieren und zu manipulieren. Zum anderen unterstellen, laut Schulz, die „Ptolemäer“ den Medien es sei ihre grundsätzliche Aufgabe die Wirklichkeit widerzuspiegeln. In deren Medienauffassung „werden die Massenmedien als passive Mittler der Realität begriffen“17, für Schulz jedoch stellen sie vielmehr „Weltbildapparate“18 dar. An die Stelle der mechanistischen Modelle „ptolemäischer“ Medienauffassung treten Modelle, die den Medien eine aktive und konstruktive Rolle zuschreiben. Das Bezugsmodell von Erving Goffman von 1974 oder das Reziprozitätsmodell von Gladys und Kurt Lang erkläre ich in meiner Hausarbeit nicht ausführlicher. Ihnen gemein ist jedoch die Auffassung, dass die Medien Teil der Gesellschaft selbst sind. Folglich können sie keine passiven Vermittler sein sondern greifen aktiv in das Geschehen ein. Das, was die Ptolemäer als Fehlfunktion der Medien ansehen, ist für die kopernikanischen Theoretiker eine „erwünschte Funktion(...) von Kommunikation“: Selektivität, Unausgewogenheit, Brechung und Bewertung. Die Realität ist so erst das Ergebnis von Kommunikation, nicht deren Voraussetzung und Gegenstand. Wie sehr die Wirklichkeit verzerrt wird, ist so kaum zu eruieren, da sie ja immer erst durch die Verarbeitung der Information erfahrbar ist. Es Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 30: Massenkommunikation. Opladen 1989. S. 140 ist eigentlich nur möglich verschiedene Realitätskonstrukte nebeneinander zu stellen und zu vergleichen. So kann man zum Beispiel untersuchen, ob die Mordrate in der TV-Wirklichkeit sich ungefähr mit jener deckt, die in Kriminalitätsstatistiken festgehalten und ausgesagt wird. Doch Schulz konstatiert, dass es dann „letztlich doch ungeklärt“ bleibt, „welches Konstrukt wahr und welches verzerrt ist“.

Dies ist für Winfried Schulz ohnehin nicht von praktischem Belang im Alltagsleben. „Probleme werden (...) durch Konvention oder trial and error pragmatisch gelöst.” Sollte es eine falsche Vorstellung von Wirklichkeit geben, so ist diese Möglichkeit bereits in der eben beschriebenen Handlungs- und Lebensweise mit inbegriffen und akzeptiert. Objektivität hat trotzdem einen Platz in der kopernikanischen Medienauffassung, jedoch nicht als empirisch feststellbare Tatsache. Man kann kein Medium auf Objektivität testen, um zu entscheiden, wie objektiv berichtet wird. Statt dessen begreifen Winfried Schulz und andere „Kopernikaner“ Objektivität als Ideal, dass es anzustreben gilt als eine „handlungsleitende Norm.“18

Die Vorstellung von Massenmedien als außerhalb der Gesellschaft befindliche, passive Mittler scheint mir persönlich weltfremd, während die „kopernikanische Auffassung“, dass Journalisten Realitäten erst konstruieren den von mir gemachten Erfahrungen in Zeitungsreaktionen und der einfachen Logik entspricht. Um allein die täglichen dpa-Meldungen abzudrucken müsste eine Zeitung 800 haben, es wird also selektiert. Allein die Auswahl ist schon eine subjektive Angelegenheit und schafft in unterschiedlichen Medien unterschiedliche Wirklichkeiten. Von der Formulierung der Nachrichten, der Wortwahl der Journalisten und der redaktionellen Linie gar nicht zu reden. „News Bias“ kann demnach nicht wirklich das Ziel haben, die Medien an einer angenommenen „wahren“ Realität zu messen. „News Bias“ kann jedoch Denkanstösse geben, kann auf Themen aufmerksam machen, welche lange in der Versenkung verschwunden sind. Und „News Bias“ kann auch zeigen ob Journalisten dem „kopernikanischen“ Objektivitätsideal versuchen zu folgen und welche Auswirkungen es hat, wenn sie es nicht tun.

Literaturnachweise

Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft: Grundlagen und Problemfelder, Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien 1998

Kase, Max/Schulz, Winfried (Hrsg.): Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 30: Massenkommunikation. Opladen 1989.

MEDIEN TENOR Forschungsbericht Nr. 89. Bonn. 6( 15. Oktober 1999)

MEDIEN TENOR Forschungsbericht Nr. 104. Bonn. 8 (15. Januar 2001

Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie: formale Struktur und empirischer Gehalt. München 1990

Weischenberg, Siegfried: Journalistik 2. Opladen 1995.

[...]


1 Ignaz Wrobel [Kurt Tucholsky]: Presse und Realität , in: Die Weltbühne, XVII. JG., Nr. 41 v. 13. Oktober 1921: 373 - 376 zitiert in: Weischenberg, Siegfried: Journalistik 2. Opladen 1995.

2 Ignaz Wrobel [Kurt Tucholsky]: Presse und Realität

3 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwert-Theorie: formale Struktur und empirischer Gehalt. München 1990

4 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwerttheorie, S. 27

5 Burkart, Roland: Kommunikationswissenschaft: Grundlagen und

Problemfelder, Umrisse einer interdisziplinären Sozialwissenschaft. Wien 1998

6 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwerttheorie, S. 27

7 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwerttheorie, S. 32 - 33

8 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwerttheorie, S. 33

9 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwerttheorie, S. 35

10 Weischenberg, Siegfried u.a.: Konstellationen der Aussagenentstehung. Zur Handlungs- und Wirkungsrelevanz journalistischer Kommunikationsabsichten. In: Kase, Max u.a. (Hrsg.): Kölner Zeitschrift für Soziologie und Sozialpsychologie. Sonderheft 30: Massenkommunikation. Opladen 1989. S. 281

11 Staab, Joachim Friedrich: Nachrichtenwerttheorie, S. 37

12 Berliner Morgenpost. 16.09.1999 zitiert in: MEDIEN TENOR Forschungsbericht Nr. 89. Bonn. 6( 15. Oktober 1999) . S. 50. Sp. 1

13 www.medien-tenor.de

14 Roland Schatz: Aufklärer oder Anstifter. Berichterstattung über rechte Gewalt in 2000. In: MEDIEN TENOR Forschungsbericht Nr. 104. Bonn. 8 (15. Januar 2001), S.1 auf www.medien-tenor.de

15 Roland Schatz: Aufklärer oder Anstifter, S. 1

16 Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität. Die „ptolemäische“ und die „kopernikanische“ Auffassung. In: Kase, Max u.a. (Hrsg.): Kölner Zeitschrift für

17 Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität, S. 141

18 Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität, S. 142

18 Schulz, Winfried: Massenmedien und Realität, S. 145

15 von 15 Seiten

Details

Titel
Methode und Anliegen der "News Bias"-Forschung
Hochschule
Universität Leipzig
Veranstaltung
Kommunikatorforschung
Autor
Jahr
2001
Seiten
15
Katalognummer
V102404
Dateigröße
359 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kurze Abhandlung über die "News Bias" mit vielen praktischen Beispielen. Diese Forschungsrichtung beschäftigt sich mit dem Einfluss der subjektiven Ansichten von Journalisten auf die Berichterstattung. Der Medien Tenor hat ein eigenes Kapitel.
Schlagworte
Methode, Anliegen, News, Bias, Kommunikatorforschung
Arbeit zitieren
Daniel Schulz (Autor), 2001, Methode und Anliegen der "News Bias"-Forschung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102404

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Methode und Anliegen der "News Bias"-Forschung



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden