Kreuzzugspropaganda in der Kunst unter König Louis IX. Eine Analyse


Hausarbeit (Hauptseminar), 2021

31 Seiten, Note: 2,3

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. König Louis IX

3. Kreuzzugspropaganda und die Kunst
3.1. Die Bible moralisée
3.2. Die Saint Chapelle
3.3. Das Pierpont Morgan Libary Alte Testament
3.4. Der Psalter Saint Louis
3.5. Das Arsenal Alte Testament

4. Fazit

5. Literatur

6. Abbildungen

7. Abbildungsnachweis

1. Einleitung

Die Kreuzzüge sind in der heutigen kritischen Auseinandersetzung eng verbunden mit einer Ideologie, die wir heutzutage schwer nachvollziehen können. Ähnlich wie bei anderen Ideologien fällt es uns häufig schwer zu verstehen, wie es zur Verinnerlichung dieser Denkweisen in großen Teilen der Bevölkerung und vor allem in den Köpfen der befehlshabenden Herrscher der damaligen Zeit kam. Ein wesentlicher Beitrag zu jeder Ideologie ist deren Vermittlung in der zeitgenössischen Propaganda. Ohne, dass der Konsument es bewusst wahrnehmen muss, wird in zeitgenössischer Literatur, Musik und Bildender Kunst eine Ideologie transportiert, die die machtpolitischen Intentionen des entsprechenden Herrschers stützt. Die Kunst war und ist zu jeder Zeit ein Spiegel der Gesellschaft und häufig auch ein Mittel der Propaganda. Der Einfluss der Kreuzzüge auf die europäische Kunst steht außer Frage. Stile, Techniken und Ornamente wurden aus dem Heiligen Land übernommen und fanden immer mehr Einzug in die europäische Kunst. Aber wie sieht es mit den Inhalten der Kunst aus? Inwiefern zeigen die Kunstwerke der Zeit auch inhaltliche Auffälligkeiten, die auf die Kreuzzugsideologie zurückzuführen sind?

Die Kunst der Kreuzfahrer und deren interkulturelle Einflüsse in Stile und Techniken der Malerei und Architektur ist großflächig erforscht. Zahlreiche Werke analysieren die Meisterwerke der Kunst der Kreuzzugsjahre kunstwissenschaftlich. Allerdings werden die propagandistischen Zwecke dieser Werke häufig nur am Rande thematisiert. Nur verhältnismäßig wenige Autoren, stellen die Propaganda in den Vordergrund ihrer Untersuchung. Namentlich hervorzuheben sind hierbei besonders Ulrich Rehm, Daniel H. Weiss und Gerald G. Guest, auf die ich mich im Folgenden wesentlich beziehe.

In dieser Arbeit möchte ich mich vorrangig der Bildenden Kunst widmen, wobei diese allerdings kaum von Literatur und Architektur dieser Zeit zu trennen ist. Ich werde mich im Hauptteil der Arbeit auf die Propaganda im Zusammenhang mit König Louis IX. konzentrieren. König Louis IX., welcher auch unter dem Namen König Louis der Heilige bekannt ist, lies zu seinem Prestige und zur Repräsentation seiner Herrschaft und seines unerschütterlichen Glaubens zahlreiche biblische Schriften illustrieren und die prunkvolle Saint Chapelle in Paris bauen. Das Erbe König Louis IX. ist ein Kunstschatz, der das Weltbild, die Ideologie seiner Zeit aber auch Louis IX. persönliche Vorstellungen und Intentionen offenbart.

Ich möchte die Kunst unter Louis IX. auf die Kreuzzugsideologie hin untersuchen und herausstellen, inwiefern diese eine Mittel der Propaganda des Königs war. Auch ist es theologisch interessant zu betrachten, wie die Kreuzzugsgedanken in der Illustration der Heiligen Schriften und der dekorativen Ausarbeitung der Saint Chapelle verankert sind. Besonders in der Illustration biblischer Themen, die Louis der Heilige bevorzugte, stellt sich die Frage, inwiefern hier Religion zu Politik wird und, wenn wir von religiöser oder politischer Propaganda sprechen, wie sieht diese aus? Welche Methoden wurden angewandt? Welche Elemente kehren wieder und wie sind diese im Kontext der Kreuzzugspropaganda anderer Herrscher einzuordnen? Ich möchte diese Fragen anhand einer Analyse konkreter Werke klären. Aus dem beachtlichen Umfang, der im Kontext mit König Louis IX. entstandenen Manuskripte, habe ich die Bible moralisée, Kodex 2554 der österreichischen Nationalbibliothek; das Pierpont Morgan Libary Alte Testament, besser bekannt als „Kreuzritterbibel“, welches heute in der Pierpont Morgen Libary MS M 638 zu finden ist; den Psalter St. Louis, das Manuskript latin 10525 der Bibliothèque nationale de France und das Arsenal Alte Testament, das heute in der Bibliothèque de l’Arsenal unter der Kennung MS 5211 zu finden ist ausgewählt. Ich möchte die Illustration, dieser beachtlich gut erhaltenen Werke genauer betrachten und deren Intention herausstellen.

Eine monumentale Bedeutung für die Forschung und Kunst hat auch die von König Louis IX. beauftragte Saint Chapelle in Paris, deren Innenausstattung und Dekoration ich in dieser Arbeit untersuchen will. Das Bauwerk nimmt zwischen den Handschriften eine Sonderstellung ein, ist aber im Dekor des Innenraums - unter dem Aspekt der Kreuzzugspropaganda - untrennbar mit den anderen Werken verbunden.

2. König Louis IX

König Louis IX, Sohn von Ludwig VIII. und Blancas von Kastilien, geboren zwischen 1213 und 12161 lebte ein mönchisches Leben, ohne je ein Gelübde abzulegen. 1297 wurde er heiliggesprochen. Louis IX. war sehr religiös bis zur Grenze der Ekstase, er geißelte sich selbst - beispielsweise für seinen erfolglosen Kreuzzug. Louis IX. Kreuzzugsabsichten sind also im Wesentlichen auf seine Frömmigkeit zurückzuführen.2 Anders als sein Zeitgenosse Friedrich II., der dem Islam pragmatisch gegenüberstand und versuchte diesen mit Hilfe von Gelehrten tiefer zu verstehen, zeigte Louis dahingehend wenig Interesse. Er teilte eher die gängigen Ansichten, denen zu Folge die Sarazenen zwar nicht unbedingt Heiden waren, und der Islam durchaus den Status einer Religion hatte, aber die Sarazenen dennoch ketzerische Barbaren waren, die es zu bekämpfen galt. Unter Theologen galt der Islam im 13. Jahrhundert für gewöhnlich als Ketzerei. Eine Lehre die bereits bekannte Persönlichkeiten des 12. Jahrhunderts, wie beispielsweise Bernhard von Clairveaux (1090-1153) oder Petrus Venerabilis (ca. 1092-1156) geprägt hatten. Obwohl die Übersetzung des Korans vom Erzbischof von Toledo, Don Rodrigo Jimenez, in Frankreich und England im 13. Jahrhundert kaum rezipiert wurde, gab es durchaus differenziertere Vorstellungen vom Islam, zum Beispiel beim Chronisten Matthew Paris sowie auch Roger Bacon.

Die Ansichten König Louis IX. veränderten sich allerdings in Laufe seines Lebens. Noch 1249 lehnte Louis IX. Verträge mit den Muslimen ab, da diese nicht als gleichwertige Vertragspartner betrachtet werden könnten. Während seines Aufenthaltes in Outremer3 aber sind zahlreiche Vertragsabschlüsse mit Sarazenen belegt.4 Im Dezember 1244 nahm Louis IX. das Kreuz unmittelbar nach der Heilung einer schweren Krankheit an. Die Annahmen, dass es sich hierbei um eine Stilisierung des Geschehens handelt, ist möglich aber nicht wissenschaftlich belegbar. Der Kreuzzugsgedanke war in der Gesellschaft des 13. Jahrhundert nicht mehr so verankert, wie er es noch in vorherigen Jahrhunderten war, denn der Kreuzzug wurde nicht mehr als Pflicht gegenüber Gott gesehen und auch als Mittel zur Sündenvergebung rückte er in den Hintergrund. Die Kreuzzugseuphorie war in adligen Kreisen schon gegen Ende des 12. Jahrhundert verflogen5 und gegen Ende des 13. Jahrhunderts wurden die Kreuzzugs-Ideale zunehmend hinterfragt, wie die kreuzzugskritische Literatur der zweiten Hälfte des 13. Jahrhunderts zeigt.6

Dennoch sind nicht nicht-missionarische, persönliche oder politische Gründe, wie die Kreuzfahrt als Buße, strategische Entscheidung oder ritterliches Abenteuer auf Grund der überlieferten Persönlichkeit und Lebensführung des Königs eher auszuschließen. Neben der religiösen Motivation spielte womöglich auch ein Pflichtgefühl für sein Königreich eine Rolle. Auch die These, dass sich Louis IX. von seiner Mutter, die wohl Zeit ihres Lebens starken Einfluss auf die Politik des Königs hatte, emanzipieren wollte, gilt als authentisch.7 Es ist allerdings auch nicht zu unterschätzen, dass Louis IX. Haltung auch durch seine Vorgänger beeinflusst war, die die Rolle des Königs als Beschützer des Christentums im Orient bestimmten.8 Auch vermittelten einige Päpste, wie beispielsweise Papst Gregory IX, dass die französischen Könige sowie die Könige Judahs einen kriegerischen Vorteil durch den bevorzugten Status in den Augen Gottes hatten. Laut Matthew Paris ist es auch überliefert, dass Louis IX. als ihm während des Kreuzzuges Jerusalem im Austausch für die ägyptische Stadt Damiette geboten wurde, ablehnte, da er höhere Ziele hatte. König Louis IX. wollte den Sultan und sein Volk zum Christentum missionieren. Im Vordergrund seiner Kreuzzüge standen für Louis IX also vor allem zur damaligen Zeit immer noch als ehrwürdig und edel geltende religiöse Beweggründe, nicht etwa machtpolitische Gründe, wobei diese auch nicht vollkommen außer Acht gelassen werden sollten.9

3. Kreuzzugspropaganda und die Kunst

Die Kreuzzugspropaganda ist in nahezu allen Formen der Kunst des Mittelalters zu finden. Sie stilisiert die Kreuzfahrer als Kämpfer, die im Auftrag Gottes handeln. Diese Erwählung Gottes, die in der Propaganda immer wieder auf verschiedene Weisen dargestellt wird, legitimiert den Kreuzzug.10 Die royale Propaganda stellte den Herrscher als Kreuzzugshelden dar. Beispielsweise zeigt eine Statue von König Louis IX. und seiner Frau Margarete von der Provence, diesen als Kreuzfahrer mit einer Robe mit einem Kreuz darauf und einem Schwert und Schild, auf dem eine Lilie zu sehen ist. In seiner linken Hand hält er eine Kopie des heiligen Grabes.11 Die Lilie symbolisiert himmlisches und irdisches Königtum, sowie Glaube, Sieg und adlige Tugenden. 1150 nutze König Louis VII. drei stilisierte Lilienblüten für seine Fahne, wahrscheinlich auf Grund der symbolträchtigen Bedeutung der Pflanze. Seit dem vereinnahmten die französischen Monarchen die Schwertlilie stilisiert als Symbol auf Lilienzeptern, Bannern und Kronen.12 Das Symbol findet sich immer wieder in der Propaganda der französischen Könige. Häufig wird es dort angebracht, wo man eine Zugehörigkeit zum französischen Königtum verdeutlichen will.

Ein wichtiger Schritt in der Ikonografie der Kreuzzüge war es, dass die Heiligen zu Kreuzfahrern wurden. In Legenden wurde von der Unterstützung der Heiligen im Kampf berichtet. Über den Kampf von Antioch im Juni 1098 behaupteten die Franken, dass Reiter auf weißen Pferden, geführt von St. Georg, Mercius und Demetrius mit ihnen kämpften. Dieses Ereignis wurde unter anderem in einer Malerei an der Südseite der Kirche in Fordington und in einem Gemälde in Poncé-sur-le-Loir gezeigt. Auch sehr beliebt war die Darstellung der Legende um St. Georg.13 St. Georg soll, der Legende nach, einen Drachen getötet haben, der ein Dorf tyrannisierte und somit dafür gesorgt haben, dass sich das ganze Dorf taufen ließ.14 Die Szene in welcher Georg den Drachen tötet sehen wir in mittelalterlichen Kirchen und Handschriften immer wieder. Unteranderem ist diese Szene in der Templer Kapelle in Cressac15 sowie in der Kathedrale in Ferrera dargestellt. Die immer wiederkehrende Präsenz dieser Thematik im Kontext der Kreuzzüge zeigt, dass die vom Heldentum Georgs berichtende Legende auf die Kreuzzüge bezogen wurde, in welchen man ähnliches Heldentum sah.16

Im 13. Jahrhundert wurden Kirchen oft mit Anspielungen auf die Kreuzzüge, welche an das Schicksal des Heiligen Landes erinnern, geschmückt. Um die 1250er Jahre wurden im Kontext Henry III. von Englands Beteiligung beim Kreuzzug auch royale Residenzen mit großen Wandgemälden der Kreuzzüge ausgestattet. Die Darstellungen dankten Gott für eine sichere Rückkehr und den Erfolg des Kreuzzugs. Außerdem ehren sie den König, der als Kämpfer Gottes stilisiert wird und feiern die militärischen Erfolge dessen. Der Boden der Kirche San Giovanni Evangelista Ravenna ist ein sehr plakatives Beispiel für die Darstellung der Kreuzzüge in Kirchen. Der Mosaikboden aus dem 13. Jahrhundert zeigt die Geschichte des vierten Kreuzzuges in simplen Darstellungen ohne erwähnenswerte künstlerische Raffinesse. Leider wurden Großteile des Bodens im 16. Jahrhundert zerstört und uns sind heute nur noch Bruchstücke erhalten.

Eine konkretere Szenerie zeigt die Templer Kapelle von Cressac in Charente: An der Nordseite der Kapelle ist eine Gruppe Ritter zu sehen, die aus einer christlichen Stadt reiten, um mit einer Gruppe berittener Sarazenen zu kämpfen. Ein Sarazene, der eine Krone trägt weist auf eine bestimmte Szene hin. Es handelt sich um die Niederlage Nur al-Dins im September 1163 als dieser Krak de Chavalier angriff. Auf der christlichen Seite standen einige Templer und zwei Adlige aus West-Frankreich.17

Ähnliche Darstellungen finden wir auch in Handschriften, welche durch die aufwendigen Miniaturen einen großen künstlerischen Wert haben. Die frühesten illustrierte Texte, die die Geschichte der Kreuzfahrer zeigen waren William of Tyres „History of Outremer“, die zwischen 1244 und 1291 entstanden sind. Heute sind sie in der Bibliothéque nationale de france in Paris zu finden.18 Als bedeutendstes historisches Werk, das immer wieder auch als Quelle der Forschung dient, gilt Matthew Paris „Chronica majora“. Es handelt sich hierbei um eine auf das 12. Jahrhundert zu datierende Chronik, die die Geschichte der Welt von der Erschaffung dieser bis zum Tod Matthews Jahr für Jahr darstellt. Aber selbst dieses historische Werk zeigt keine objektive Betrachtung der Geschehnisse.19 Der Islam wird auch hier, obwohl Matthew Paris diesen bereits differenzierter betrachtet hat als ein Großteil seiner Zeitgenossen, negativ portraitiert, während im Vordergrund der Kampfszenen immer wieder das Kreuz steht. Der muslimische Sultan Saladin wird in der Chronika majora als böser Ungläubiger dargestellt.20 In der Darstellung Saladins Todes ist zu sehen, wie ein dunkler Vogel aus dessen Mund fliegt. Dieser symbolisiert den bösen Geist, der aus Saladin aufsteigt (Abb. 1).21

Neben den mittelalterlichen Chroniken stellen aber auch Handschriften von biblischen Texten das Bild des Sarazenen antithetisch dem des noblen und fairen christlichen Kämpfers gegenüber. Während die Sarazenen, die als grausam und besessen von ihren sexuellen Trieben galten, häufig in schwarz gezeichnet wurden, um ihre dunkle Seele zu betonen, wurden die edlen Christen, sowie auch Muslime, die zum Christentum konvertiert waren, mit heller Hautfarbe dargestellt.22 In Bibeln wurden die Darstellungen genutzt, um die christliche Herrschaft zu repräsentieren. Besonders beliebt waren hierbei Szenen der Apokalypse, das Buch Daniel und Szenen aus dem Pentateuch, wie beispielsweise die Schlacht bei Refidim in Ex. 17,8 – 13 oder auch Isaaks Opferung in Gen. 22.23 Nicht nur für Adlige, wie König Louis IX. wurden solche Bibelhandschriften angefertigt. Der Westminster Psalter wurde im 13. Jahrhundert für die Benediktiner angefertigt. Es wird angenommen, dass der Psalter von einem hochrangigen Mönch oder Abt, der in Verbindung zur Westminster Abbey stand in Auftrag gegeben wurde. Die Handschrift von 230 x 155 mm beinhaltet mehrere Seiten füllende Miniaturen. Besonders bekannt ist die Darstellung eines huldigenden Ritters, der heutzutage häufig als Henry III. identifiziert wird, mit seinem Pferd in Kampfmontur hinter sich.24 Das Bild zeigt den Herrscher als ehrbaren Kreuzfahrer und symbolisiert die Befürwortung Gottes für den Kreuzzug (Abb.2).25

3.1. Die Bible moralisée

Der Begriff Bible moralisée bezeichnet nicht nur ein Werk, sondern eine ganze Werkgruppe. Die Werke vereint zum einen die Darstellung der Erschaffung der Welt als erste Miniatur und zum anderen die zahlreichen Miniaturen, welche die biblischen Erzählungen ergänzend auslegen. Es sind 14 derartige Handschriften bekannt. Vier davon stammen aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts.26 Ich möchte mich hier auf den Kodex 2554 in der Österreichischen Nationalbibliothek konzentrieren, der auch als „Kodex Vindobonensis“ 2554 bekannt ist. Anhand der Rekonstruktion des Widmungstextes, sowie durch das Widmungsbild lässt sich bei diesem Werk davon ausgehen, dass es für König Louis IX. angefertigt wurde.27 Diese Bible moralisée ist womöglich in die späten 1220er Jahre zu datieren.28 Das Werk enthält 131 Pergamentblätter von 344 mm Höhe und 260 mm Breite. Am Ende der Handschrift sind sechs lothringische Wappen zu sehen. Darunter eines der Familie Mercy und eines der Grafschaft Luxembourg. Es ist möglich, dass das Werk im 16. Jahrhundert in den Besitz einer dieser Familien wechselte.29

Inhaltlich liegt der Fokus, wie auch in anderen Handschriften König Louis IX. auf Berichten der großen Männer im Alten Testament. Eine Reihe von Miniaturen zeigen die Könige und Prinzen oft umgeben von schlechten Ratgebern. Die Bible moralisées und somit auch der Kodex 2554 dienten wahrscheinlich der Ziehung und dem literarischen Interesse des Hochadels. Es handelt sich nicht um für Theologen geschaffene Lehrbücher. Dies ist unteranderem daran zu erkennen, dass theologisch wertvolle Stellen in den Werken einfach ausgelassen werden. Auch hätte für Theologen und Prediger eine Handschrift mit dem reinen Text ohne ausschmückende Elemente ausgereicht, während die Bible moralisées allesamt aufwendig illustriert sind. Die prunkvolle und geradezu verschwenderische Ausschmückung der Handschriften spricht für eine Verwendung des Adels zum Unterrichten der künftigen Thronfolger.30 In den zahlreichen Miniaturen des Kodex 2554 wird nicht versucht die handelnden Personen durch Umfeld, Kleidung oder ähnliches in die Zeit zu versetzen in der die dargestellte Geschichte sich abspielt. Vielmehr sind die Figuren in das 13. Jahrhundert versetzt. Durch ihre Kleidung, Attribute, und ihr Umfeld aber auch durch die verschiedenen Darstellungen abhängig von Herkunft und Rang der Figuren scheinen die biblischen Szenen als würden sie im frühen 13. Jahrhundert spielen.31 Der Aufbau der Seiten folgt einem strengen Konzept. Immer zwei untereinander liegende Medaillons gehören zusammen. Im oberen Textabschnitt wird die Bibelstelle paraphrasiert wiedergegeben. Die danebenstehende Miniatur illustriert die entsprechende Szene. Im Textabschnitt darunter findet sich eine Bibelauslegung und daneben im Medaillon eine dazugehörige Illustration.32

Die plakative Bilderargumentation der Bible moralisée zeigt sich repräsentativ an der Illustration Moses Kampf gegen die Amalekiter (Abb. 3). Die linke obere Miniatur zeigt, wie die Israeliten unter Josua gegen die Amalekiter kämpfen. Am rechten Bildrand wenden sich zwei Krieger in Bitthaltung in Richtung des rechten Medaillons. In diesem Medaillon sehen wir Moses, der während seines Gebetsrufes von Aaron und Hur gestützt wird. Die beiden Männer halten Moses zum Gebet erhobene Arme hoch, während Mose zu Gott aufblickt. Dieser Gebetsruf Mose soll dem Alten Testament zufolge zum Sieg gegen die Amalekiter geführt haben. In den zwei darunter liegenden Medaillons sehen wir eine typologische Übertragung des Geschehens auf die ecclesia militans. Die Darstellung von Mose beim Gebetsruf ist auf einen christlichen Priester übertragen, der vor einem Altar steht und zu einer Taube hinaufblickt. Der Priester wird in seiner Gestik von Gottvater und Christus gestützt. In dem Medaillon unter der Kampfszene sehen wir als Auslegung auch eine weitere Kampfszene. Allerdings kämpfen hier die Personifikationen der sieben Tugenden gegen den Teufel und die Juden. Wir sehen fünf Tugenden beim Kampf und eine der Tugenden, die bereits zu Boden geht. Währenddessen bitten zwei der Tugenden parallel zu den Kriegern im oberen Medaillon zur rechten Seite, wo sich hier das Medaillon mit dem christlichen Priester befindet. Die Illustration verdeutlicht klar die Auslegung der entsprechenden Bibelstelle. Der Kampf der Israeliten gegen die Amalekiter wird auf den Kampf der Christen gegen alles Übel im Allgemeinen aber auch spezifisch auf den Kampf gegen die Juden bezogen. Das Christentum wird hier also maßgeblich durch den Kampf gegen die Ungläubigen definiert.

Ein weiteres Beispiel sehen wir kurz darauf (Abb. 4). Unter den von den Benjaminiten, die in der Bible moralisée Sodomiten genannt werden, geschlagenen Israeliten sehen wir auch die Heiligen Dionysius und Thomas, die den Märtyrertod sterben. Die Bereitschaft zum Martyrium gehört hier also auch zum positiven Christentum.33 Die Alternative dazu besteht im erfolgreichen Kampf. In einer Miniatur sehen wir die Israeliten, die die Benjaminiten töten und darunter die entsprechend illustrierte Auslegung: Kaiser Konstantin übergibt ein Lilienzepter an den Apostel Petrus damit die Christen unter Petrus Beistand ihre Feinde besiegen können. Kaiser Konstantin wird durch die Darstellung in blau-rotem Mantel mit Krone und Lilienzepter, als Symbol der französischen Monarchie zum Vorfahren der französischen Könige erklärt. Auch unter der Miniatur Sauls, der vor dem Kampf gegen die Philister, die hier interessanterweise Sarazenen genannt werden, ein Heer mahnt, finden wir französische Herrschaftsinsignien (Abb. 5). In dem darunter liegenden Medaillon sehen wir in Sauls Rolle ein Repräsentant der christlichen Herrscher; ein König, der in Kettenhemd und rotem Mantel, mit Lilienkrone und -zepter ausgestattet, das Heer mahnt. Hinter dem König - kaum zu erkennen - ist ein geistlicher Würdenträger zu sehen. Der Text zur danebenstehenden Miniatur gibt das Ziel der Mahnung als das Töten und Vernichten aller Ungläubigen und Feinde Gottes an. Die Idealisierung des Heiligen Krieges findet sowohl in der Illustration als auch im Text des Werkes ausgiebigen Raum.34

[...]


1 Reitz, Dirk: Die Kreuzzüge Ludwigs IX. von Frankreich 1248/1270. Darmstadt. 2004. S. 50.

2 Ebd. S. 53.

3 „Outremer“ bedeutet so viel wir „Übersee“ und bezeichnet die Kreuzfahrerstaaten an der östlichen Mittelmeerküste.

4 Reitz. S. 54 f.

5 Ebd. S. 75 f.

6 Ebd. S. 236

7 Ebd. S. 71 f.

8 Ebd. S. 73

9 Weiss, Daniel H.: Biblical History and medieval Historiography: Rationalizing Strategies in crusader Art: In: MLN. Band 108. Nr.4. Baltimore. 1993. S. 713 f.

10 Völkl, Martin: Muslime, Märtyrer, Militia Christi. 2011. Stuttgart. S.167.

11 Morris, Collin: Picturing the Crusades: The Uses of Visual Propaganda, 1095-1250. In: France, John. Zajac, William G. (Hrsg.): The crusades and their sources. 1998. Aldershot. S. 201.

12 Zierling, Clemens: Lexikon der Pflanzensymbolik. Baden. München. 2007. S. 247.

13 Morris. S. 200.

14 Lanzi, Gioia. Lanzi, Fernando: Das Buch der Heiligen, Kunst, Symbole und Geschichte. 2003. Stuttgart. S. 86.

15 Morris. S. 200.

16 Ebd. S. 204

17 Ebd. S. 199 f.

18 Yeager, Suzanne. Paul, Nicholas: Remembering the Crusades, Myth, Image and Identity. Baltimore. 2012. S. 125

19 Lewis, Suzanne: The Art of Matthew Paris in the Chronica Majora. 1987. Berkley. Los Angeles. S. 9.

20 Und das obwohl Saladin für gewöhnlich den Ruf des „edlen Heiden“ hatte.

21 Lewis. S. 272.

22 Edington, Susan B. García-Guijardo, Luis: Jerusalem the Golden, The Orgins and Impact of the First Crusade. 2014. Turnhout. S. 329 f.

23 Ebd. S. 331

24 Lapina, Elizabeth. Moris, April J. u.w.: The crusades and visual culture. 2015. New York. S. 157.

25 Ebd. S. 170.

26 Hausherr, Reiner. Stork, Hans- Walter: Bible moraliseé Codex Vinnobonensis 2554 der Österreichischen Nationalbibliothek, Kommentar von Reiner Haussherr, Übersetzung der französischen Bibeltexte von Hans Walter Stork. Graz. 1999. S. 5.

27 Stork, Hans- Walter: Die Wiener französische Bible moralisée Codex 2554 der Österreichischen Nationalbibliothek. 1992. St. Ingbert S. 36 f.

28 Rehm. Ulrich: Kunst im Dienst des „Heiligen Krieges“: zur Lektüre alttestamentlicher Bilderzyklen unter Ludwig IX von Frankreich. In: Köb, Ansgar. Riedel, Peter (Hrsg.): Emotion, Gewalt und Widerstand: Spannungsfelder zwischen geistlichem und weltlichem Leben im Mittelalter und Früher Neuzeit. Paderborn. 2007. S. 54.

29 Hausherr. S. 9 f.

30 Stork. S. 41 f.

31 Ebd. S. 327.

32 Hausherr. S. 4.

33 Rehm. S. 54 f.

34 Ebd. S. 56 f.

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Kreuzzugspropaganda in der Kunst unter König Louis IX. Eine Analyse
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
2,3
Jahr
2021
Seiten
31
Katalognummer
V1024183
ISBN (eBook)
9783346422408
ISBN (Buch)
9783346422415
Sprache
Deutsch
Schlagworte
kreuzzugspropaganda, kunst, könig, louis, eine, analyse
Arbeit zitieren
Anonym, 2021, Kreuzzugspropaganda in der Kunst unter König Louis IX. Eine Analyse, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/1024183

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