Durkheim und die Arbeitsteilung


Hausarbeit, 2001

19 Seiten


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Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Zur Person Emile Durkheim
2.1 Durkheims Aufstieg im Universitätssystem
2.2 Cluster um die „Annee sociologique“
2.3 Durkheims Beziehungen zur intellektuellen Gemeinschaft und Gesellschaft

3 Die Gesellschaftstheorie Emile Durkheims
3.1 Die Gesellschaft als „Wesen sui generis“
3.2 Individualistische Interpretation der Gesellschaft
3.3 Kollektivistische Interpretation der Gesellschaft
3.3.1 Kollektivbewusstsein
3.4 Gesellschaft als moralische Einheit

4 Durkheims Differenzierungstheorie der Gesellschaft
4.1 Segmentäre Gesellschaften - mechanische Solidarität
4.2 Arbeitsteiligen Gesellschaften - organische Solidarität
4.2.1 Die anomische Arbeitsteilung

5 Fazit

Literatur

1 Einleitung

Im Seminar „Grundkurs Soziologie“ habe ich ein Referat zu dem Thema „Die Durkheim-Schule und die Universität“ gehalten. Dieses Referat, wollte ich für die Hausarbeit gerne weiter ausarbeiten. Um aber nicht nur Biographisches über Durkheim zu schreiben, entschied ich mich dafür Durkheims Theorie der sozialen Arbeitsteilung hier dazustellen. In einem anderen Seminar (Einführung in die Arbeitssoziologie) habe ich im Rahmen einer Hausarbeit das Thema „Krise der Arbeitsgesellschaft“ mit besonderer Berücksichtigung der Theorien von Claus Offe bearbeitet. Diese Arbeit hat mein Interesse daran geweckt, wie der Klassiker Emile Durkheim die Arbeitsgesellschaft sieht und welche Modelle der Arbeitsteilung heute noch gültig sind. Um die Theorie der sozialen Arbeitsteilung jedoch verstehen zu können, ist es wichtig erst einmal Durkheims Gesellschaftstheorie zu beleuchten. Daher werde ich zuerst einmal die Person Emile Durkheim beschreiben, dann auf die wichtigsten Punkte seiner Gesellschaftstheorie eingehen und folgend die Theorie der sozialen Arbeitsteilung darstellen. Zum Schluss werde ich noch einmal auf meine Fragestellung eingehen und versuchen zu beantworten in wieweit Durkheims Theorie der sozialen Arbeitsteilung in modernen Theorien der Arbeitsteilung und im Arbeitsleben noch zutrifft. Außerdem werde ich dort meine Kritikpunkte an der Durkheimschen Theorie erläutern.

2 Zur Person Emile Durkheim

Emile Durkheim ist am 15. April 1858 im lothringischen Epinal geboren. Eigentlich hatten seine Eltern ausgemacht, dass der kleine Emile einmal in die Fußstapfen seines Vaters treten und Rabbiner werden sollte. Durkheim wurde streng jüdisch aufgezogen und später zum Studium nach Paris geschickt. Bei der Aufnahmenprüfung zur berühmten Ecole Normale Superieur fällt er zweimal durch. Diese traumatische Erfahrung brachte ihm dann aber einen solchen Leistungsantrieb, dass er die Aufnahmeprüfung beim dritten Anlauf bestand. Im Studium fiel Durkheim wegen seiner Argumentationskunst auf. Man nannte ihn bald den „Metaphysiker“. Trotz seiner intellektuellen Leidenschaft, sagt man Durkheim nach, dass er kühl, zurückhaltend und in sich gekehrt war. Er hatte nur wenige Freunde, darunter Jean Jaures, den späteren Sozialistenführer.

Im Jahre 1887 heiratete er Louise Dreyfus mit der er zwei Kinder, Marie und Andre hatte. Sie nahm ihm die Hausarbeit und die Kindererziehung ab. In ihrer „Freizeit“ schrieb sie seine Manuskripte ab und korrigierte sie.

Der erste Weltkrieg bedeutete einen tiefen Einschnitt in die akademische Arbeit Durkheims. Viele der jungen Talente der Durkheim Schule fielen im Krieg, darunter auch Durkheims Sohn Andre. Von diesem Schlag erholte sich Durkheim nie und starb am 15. November 1917. Sein Leben stand im Zeichen der Wissenschaft. Er lebte für die Soziologie.

2.1 Durkheims Aufstieg im Universitätssystem

Nach dem Studium arbeitete Durkheim erst einmal für ein paar Jahre als Lehrer in der Provinz, bis er 1885/86 ein Stipendium für Deutschland bekam. Er studierte in Berlin und Leipzig und verfasste nach seiner Rückkehr nach Frankreich zwei Artikel über seine intellektuellen Erfahrungen in Deutschland, die ihn dann rasch bekannt machten.

1887 bekam er seinen ersten Lehrauftrag für Sozialwissenschaft und Pädagogik an der Philosophischen Uni Bordeaux für sieben Jahre. 1892 habilitierte er und wurde schließlich 1896 Professor für Sozialwissenschaften an der Universität Bordeaux, der Erste in Frankreich.

1902 übernahm er eine Vertretung des Lehrstuhls für Erziehungswissenschaft an der Sorbonne und bekam ihn dann 1906 endgültig. 1905 wird sein Pädagogik Kurs Pflichtveranstaltung für alle Examenskandidaten der philosophischen Fakultät. 1913 wird sein Lehrstuhl für Erziehungswissenschaften in Erziehungswissenschaften und Soziologie umbenannt.

2.2 Cluster um die „Annee sociologique“

Das Hauptziel der „Annee sociologique“ war die Zusammenfassung soziologisch interessanter Beiträge des vergangenen Jahres. Sie behandelte Themen wie: Humangeographie, Wirtschaftssoziologie, Rechtssoziologie und Moralsoziologie. Die „Annee“ übernahm viele Funktionen eines modernen Forschungsinstituts, war aber sehr hierarchisch strukturiert. Durkheim allein sicherte die Koordination zwischen den vielen Mitarbeitern. Seinen autoritären Vorlieben entsprechend fanden keine Redaktionssitzungen statt. Es gab hier keine formale Organisation als Basis für ein Cluster (Gruppe). Durkheim besaß eine große Verachtung für diejenigen Sozialwissenschaftler, die nicht mit der „Annee“ zusammenarbeiteten. In Frankreich war es zu der Zeit üblich, dass sich die Sozialwissenschaftler in nach außen geschlossenen und innerlich selbstzufriedenen Schulen konzentrierten.

Durkheim stellte höchste Ansprüche an seine Mitarbeiter. Das Ideal war ein hervorragendes Abiturzeugnis mit einem Studium an der Ecole Normale Superieure, die Agregation (Prüfung) in Philosophie, Philosophieunterricht an einem Gymnasium in der Provinz sowie eine Stipendiatenzeit in Deutschland.

Außerdem sollte der Mitarbeiter über folgende persönliche Merkmale verfügen:

kleinbürgerliche Herkunft, leidenschaftliche Hingabe an die Republik, militanter Antiklerikalismus (Klerikalismus: Bestreben der katholischen Kirche ihren Einfluss auf Staat und Gesellschaft zu stärken) und politische Vorliebe für Sozialisten. Das alles machte für Durkheim einen professionellen Mitarbeiter aus.

2.3 Durkheims Beziehungen zur intellektuellen Gemeinschaft und Gesellschaft

Durkheim verfasste viele Publikationen in der „Annee“, aber auch in Zeitschriften die einem breiteren Publikum zugänglich waren und hielt öffentliche Reden. In der Dreifuß-Affäre1 wurde er Generalsekretär der Sektion Bordeaux, der Liga für Menschenrechte. Sie war die wichtigste Organisation der Dreyfuß - Anhänger. Bei Treffen diskutierte man die Bedeutung der Wissenschaft als Alternative zum Christentum.

Durkheim war nie Mitglied einer sozialistischen Partei, trotzdem lag der Sozialismus nie Weit unter der Oberfläche von seinen Werken „ De la Division du travail social “ oder „ Le suicide “ .

3 Die Gesellschaftstheorie Emile Durkheims

Durkheims Gesellschaftstheorie baut auf drei zentralen Fragen auf:

1. „Wie müsste eine Gesellschaft aussehen, die soziale Ordnung und individuelle Freiheit ermöglicht, die soziale Solidarität und moralische Autonomie eröffnet?“2
2. „Was kann die Soziologie - verstanden als eine rationale, positive und empirische Wissenschaft - zu diesem Projekt einer modernen Wissenschaft beitragen?“3
3. „Wie müssten die Konturen einer individualistischen Moral aussehen, die soziale Kooperation in einer Zivilgesellschaft ermöglicht?“4

Diese drei Fragen stehen in engem Zusammenhang mit seinen Zielen, die Durkheim mit seiner Arbeit sein Leben lang verfolgte:

1. Die Einrichtung der Soziologie als Fachdisziplin5
2. Eine Diagnose der modernen Gesellschaft6
3. Die Entwicklung einer neuen Moral7

Die sozialen Tatbestände in ihrem Einfluss auf das menschliche Handeln zu untersuchen ist Durkheims wichtigstes Forschungsziel. Dabei hat er den methodologischen Leitsatz, Soziales nur durch Soziales zu erklären, denn „die bestimmte Ursache eines soziologischen Tatbestandes muss in den sozialen Phänomenen, die ihm zeitlich vorangehen, und nicht in den Zuständen des individuellen Bewusstseins gesucht werden“8. Mit dieser Feststellung wendet sich Durkheim gegen eine individualistische Betrachtungsweise in der Soziologie. Wo auch immer wir also ein psychologische Erklärung für soziale Phänomene suchen, können wir laut Durkheim sicher sein, dass sie falsch ist.

Um die Gesellschaft besser erfassen zu können schlägt Durkheim eine Klassifikation von Gesellschaftstypen vor, die nach einem Strukturschema von einfach bis komplex gebaut ist und mit einer evolutionären Vorstellung arbeitet. Durkheim stellt sich die Gesellschaftsgeschichte als Baum vor, mit einem gemeinsamen Stamm, aber vielfältigen rekonstruierbaren Verästelungen. Der Ausgangspunkt (Stamm) ist die einfache Gesellschaft (Horde oder Clan). Von dort aus geht es weiter in die höheren, modernen Gesellschaften (Verästelungen).

In den „ Regeln der soziologischen Methode “ von 1895, greift Durkheim auf die Erkenntnisse von Montesquieu zurück und beschreibt die Soziologie als „Wissenschaft von den Institutionen, deren Entstehung und Wirkungsart.“9 Im Gegensatz zu Montesquieu fasst er unter der Soziologie aber alle sozialen Tatbestände, die an das Individuum von außen herantreten, sozialen Druck ausüben, in der Gesellschaft allgemein auftreten und ein vom Einzelnen unabhängiges Eigenleben führen. Soziale Tatbestände sind anhand ihrer äußerlichen Merkmale genauso wie Dinge zu beschreiben. Sie sind äußerlich, nicht angeboren sondern anerzogen. Sie sind zwanghaft, weil sie auf den Willen des Individuums einen moralischen Druck ausüben und ihm sich sozusagen aufdrängen. Soziale Tatbestände sind z.B. Sprache (dient zur Verständigung), Geld (dient zum Austausch) oder auch außergewöhnliche Situationen wie eine kollektive Massenhysterie. Das Soziale ist hier also mehr als die Summe individueller Handlungen. Damit schließt Durkheim an eine Denktradition von Thomas Hobbes bis Herbert Spencer an, die besagt, dass die Gesellschaft mehr ist als ein Aggregat von Individuen, also eine Realität eigener Art mit eigenen sozialen Tatbeständen. Das soziale Leben ist für ihn aus dem kollektiven Sein abzuleiten. Es repräsentiert ein Wesen sui generis. Dieses Wesen hat eine natürliche beherrschende Kraft, der sich die Individuen beugen. Die Prämisse Durkheims Theorie ist, die Gesellschaft als „ein System von Erscheinungen, das aufgrund besonderer Ursachen durch sich selbst existiert“10 zu begreifen.

3.1 Die Gesellschaft als „Wesen sui generis“

Durkheims Auffassung nach ist Gesellschaft ein Objekt sui generis, also ein Gegenstand eigener Art. Sie bildet eine neue, emergente11 Einheit. Das bedeutet, dass die Gesetze der Gesellschaft nur aus sich heraus verständlich und grundsätzlich nicht auf andere Erklärungen reduzierbar sind. Der Hintergrund dieser Auffassung ist die Vorstellung, dass sich in der Zusammenfügung bzw. Kombination von einzelnen Elementen eine ganz neue Seinsebene ergibt. „Die kombinierten Elemente stellen jeweils gänzlich neue Wirklichkeiten dar, die eigenen Gesetzen folgen. Diese neuen emergenten Gesetze lassen sich dabei grundsätzlich nicht aus den Eigenschaften der Einzelelemente ableiten: Die emergente Wirklichkeit ist nicht „reduzierbar“ auf Eigenschaften der Einzelteile, aus denen sie zusammengesetzt ist.“12

Gemeint ist damit, wie oben schon beschrieben, dass sich Gesellschaftliches nicht durch die Psychologie erklären lässt.

Als Beleg für die Richtigkeit seiner These führt Durkheim ein naturwissenschaftliches Beispiel an: „Wasser sei nun einmal ein gegenüber seinen Bestandteilen Wasserstoff und Sauerstoff völlig neuer Stoff - und die Chemie ja ohne Zweifel eine erfolgreiche und respektable Wissenschaft.“13 Durkheim vergleicht die Gesellschaft mit dem Wasser, welches sich als ein völlig neues verbindendes Element aus den einzelnen Elementen, also den Individuen, bzw. in diesem Beispiel Wasserstoff und Sauerstoff bildet.

Dieses Argument führt dann wieder zu einer der grundlegenden Annahmen der Soziologie, nämlich dass die Gesellschaft nicht nur ein bloßes Aggregat von einzelnen Individuen sei, sondern eben eine ganz eigene Ebene bilde, die über die Eigenschaften der individuellen Akteure deutlich hinausgeht. Die Gesellschaft ist mehr als die bloße Summe ihrer Teile. „ (...)Sie ist eine den konkreten Individuen tatsächlich vorgängige und ihr Handeln stark prägende Kraft.“14

Eine Aufgabe der Soziologie ist es dieses „Mehr“ zu erfassen und es zu beschreiben. Dabei werden zwei extreme Pole unterschieden: Die kollektivistische und die individualistische Interpretation der Gesellschaft. Diese werde ich im Folgendem beschreiben.

3.2 Individualistische Interpretation der Gesellschaft

Dies ist die Annahme, dass sich die Gesellschaft aus den individuellen Beziehungen der Akteure besteht. Sie ist sozusagen die Kurzbezeichnung für den Verflechtungszusammenhang von interdependenten Akteuren. Die Gesellschaft ist ein Netzwerk, dass kein eigenes neues Wesen besitzt.

3.3 Kollektivistische Interpretation der Gesellschaft

Im Gegensatz dazu steht die von Durkheim vertretene kollektivistische Interpretation der Gesellschaft. Diese besagt, dass Gesellschaften ihre eigene emergente Realität haben, die jenseits der individuellen Eigenschaften, Handlungen und Beziehungen der Menschen liegt. Die Objektivität der Gesellschaft ergibt sich aus der Eigenständigkeit der Gesellschaft gegenüber den Individuen und lässt sich auch nur daraus erklären. Das Gebilde der Gesellschaft ist in diesem Ansatz ganzheitlich und holistisch. Diese holistische Auffassung formuliert Emile Durkheim vor allem in den „Regeln der soziologischen Methode“:

„Kraft dieses Prinzips ist die Gesellschaft nicht bloß die Summe von Individuen, sondern das durch deren Verbindung gebildete System stellt eine spezifische Realität dar, die einen eigenen Charakter hat.“15

Diesen Satz begründet er wie folgt:

„Zweifellos kann keine kollektive Erscheinung entstehen, wenn kein Einzelbewusstsein vorhanden ist; doch ist diese notwendige Bedingung allein nicht ausreichend. Die einzelnen Psychen müssen noch assoziiert, kombiniert und in einer bestimmten Art kombiniert sein; das soziale Leben resultiert also aus dieser Kombination und kann nur aus ihr erklärt werden. Indem sie zusammentreten, sich durchdringen und verschmelzen, bringen die individuellen Psychen ein neues, wenn man will psychisches Wesen hervor, das jedoch eine psychische Individualität neuer Art darstellt. In der Natur dieser Individualität, nicht in jener der sie zusammensetzenden Einheiten müssen also die nächsten und bestimmenden Ursachen der Phänomene, die sich dort abspielen, gesucht werden.“16

3.3.1 Kollektivbewusstsein

Durkheim begreift die Gesellschaft als ein Wesen mit einer psychischen Individualität neuer Art. Sie ist nicht auf die Psychen oder das Handeln einzelner Akteure zu reduzieren. „Die Gruppe denkt fühlt und handelt ganz anders, als es ihre Glieder tun würden, wären sie isoliert.“17 Er meint, dass Gruppen und Gesellschaften ein eigenes Handeln und Fühlen entwickeln, welches er Kollektivbewusstsein, nennt. Dieses Kollektivbewusstsein beinhaltet die gemeinsamen Wertvorstellungen und Gefühle der Gruppe. Da der Mensch mehreren Gruppen mit einem jeweils eigenem Kollektivbewusstsein angehört, ist sein „etre social“ auch durch die verschiedenen sozialen Tatbestände geprägt. Das Kollektivbewusstsein der Gruppe macht auch ihre Moral aus.

3.4 Gesellschaft als moralische Einheit

Durkheims grundlegende Annahme ist, dass die Gesellschaft ein integriertes soziales Gebilde sei, „die ihre Einheit nur über die moralisch gestützte Solidarität der Mitglieder einerseits und über ein System von Rechtsvorschriften und Sanktionen gegenüber Normübertretungen andererseits finden.“18 Der Ausgangspunkt der Überlegungen ist das Problem der Erklärung der sozialen Ordnung. Die Durkheimsche Soziologie besagt, dass die Menschen sozialisiert werden, indem sie die Moral der Gesellschaft in sich aufnehmen (internalisieren) und zu ihrem eigenen Bedürfnis machen. Des Weiteren, wenn die Internalisierung nicht richtig funktioniert hat, unterliegen die Menschen ebenfalls noch der Kontrolle der Institutionen der Gesellschaft, die dann für die erforderliche Integration vom Individuum in die Gesellschaft sorgen.

Emile Durkheim hat das Wesen der Gesellschaft in den Werten und in der moralischen Verfassung der Gesellschaft gesehen. Für ihn ist es undenkbar, dass sich Gesellschaften alleine über das zweckrationale, das ökonomisch-kalkulierende und an Kosten und Nutzen orientierte Handeln integrieren ließe. Gesellschaften können sich nur über die Solidarität ihrer Mitglieder erhalten. Die Moral muss aber auch durch externe Sanktionen unterstützt werden. Der Kern der Ordnung der Gesellschaft aber, nimmt Durkheim an, ist das Band der moralischen Verpflichtungen.

4 Durkheims Differenzierungstheorie der Gesellschaft

Gesellschaften leiten sich nach Durkheims Auffassung aus dem kollektiven Sein ab. Sie können sich in zwei entgegengesetzten Systemen und unter Ausprägung unterschiedlicher Formen sozialer Solidarität organisieren. Zum einen als segmentäre Gesellschaften mit mechanischer Solidarität, sowie als arbeitsteilige Gesellschaften mit organischer Solidarität.

In „Über soziale Arbeitsteilung“ von 1893 setzt Durkheim mit der „Studie zur Organisation höherer Gesellschaften“19 sein methodologisches Programm in eine konkrete Untersuchung um. In dem Werk „(...) postuliert Durkheim soziale Differenzierung als Strukturprinzip moderner Gesellschaft (...)“20. Er fragt nach dem Verhältnis von Differenzierung und Integration, sowie nach der Beziehung von Differenzierung und Individualisierung. An der Arbeitsteilung interessiert ihn das Zusammenspiel von Institutionen und ihrer Interdependenz (Systemintegration) und die Integration des Individuums in die Gesellschaft (Sozialintegration): „Wie geht es zu, dass das Individuum, obgleich es immer autonomer wird, immer mehr von der Gesellschaft abhängt? Wie kann es zu gleicher zeit persönlicher und solidarischer sein?“21 Die Antwort findet er in der Arbeitsteilung.

4.1 Segmentäre Gesellschaften - mechanische Solidarität

Durkheims Theorie postuliert zwei Gesellschaftstypen, von denen in den sich entwickelnden modernen Industriegesellschaften der eine den anderen im Laufe der Zeit abgelöst hat. Sein Konzept benennt den älteren, zugleich primitiveren Gesellschaftstypus als segmentären Typ, den man in archaischen Gesellschaften beobachten kann. Diese archaischen Gesellschaften bestehen aus kleinen, segmentär differenzierten Einheiten in Gestalt von Familien, Clans, Horden oder Stämmen. Ihr starkes Kollektivbewusstsein erzeugt eine Solidarität aus Ähnlichkeiten, die Durkheim mechanische Solidarität nennt. Diese Solidarität integriert den Einzelnen direkt in die Gemeinschaft. Die individuellen Züge der einzelnen Menschen sind hier weitgehend unterentwickelt. Ihre Gleichheit ist ihre Solidaritätsgrundlage. Das Kollektivbewusstsein überlagert fast vollständig die individuellen Besonderheiten der Menschen und wirkt hier besonders stark als moralische Kraft. „Die gesellschaftliche Autorität tritt als sozialer Zwang in Erscheinung, der seinen Niederschlag in einer strengen, repressiven Gesetzgebung, die jede soziale Abweichung von der gesellschaftlichen Norm unter Strafe stellt.“22 Allgemein gilt hier, dass das Kollektivbewusstsein um so mächtiger ist, je einfacher die soziale Struktur, je religiöser die Kultur und je geringer die Individualisierung in einer Gesellschaft sind.

Innerhalb der Segmente (Familien, Horden,...) gibt es ein gewisses Ausmaß an Arbeitsteilung. Diese ist aber wenig elaboriert und statisch, nimmt also im Laufe der Entwicklung nicht zu. Sie folgt rein askriptiven Merkmalen wie dem des Alters und des Geschlechts. Kinder, junge und alte Erwachsene nehmen andere Aufgaben wahr. Frauen und Männer kümmern sich um unterschiedliche Dinge. Es gibt also ein gewisses Maß an Rollendifferenzierung.

4.2 Arbeitsteiligen Gesellschaften - organische Solidarität

Wodurch wird nun der segmentäre Gesellschaftstyp abgelöst? Durkheim führt vor allem sozialstrukturelle Gründe ins Feld. Eine steigende Zahl der Bevölkerung, die gemäß der Darwinschen Evolutionslehre einen verstärkten Kampf ums Dasein nach sich zieht, steuert auch die gesellschaftliche Organisation von Arbeit.

Sozioökonomische Faktoren, die mit steigender Bevölkerungszahl eine gewisse Ausprägung annehmen (verbesserte Infrastruktur, Urbanisierung etc.), steigern den Zwang zur Differenzierung und damit vor allem den Grad der Arbeitsteilung. Die Arbeitsteilung in den modernen Gesellschaften ist sehr hoch. Es kommt zur funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft, beispielsweise in Berufsgruppen, und zu Interdependenzen zwischen den ausdifferenzierten Teilen. Es gibt nun kein allen gemeinsames Kollektivbewusstsein mehr, denn das einzelne Individuum kann nicht mehr, wie noch in der segmentierten Gesellschaft ein Abbild des Kollektives sein, da die einzelnen Gesellschaftsmitglieder in der aufgefächerten Struktur (Baumstruktur, siehe auch Punkt 3) der Lebensbereiche je unterschiedlichen Sub- Systemen zugewiesen sind.

Durkheim vergleicht die arbeitsteiligen Gesellschaften mit der Biologie. Sie gleichen in ihrer Struktur einem höherem Lebewesen insofern, dass sie ein „(...) System von verschiedenen Organen, von denen jedes eine Sonderrolle ausübt und die ihrerseits aus differenzierten Teilen bestehen (...)“ darstellen. Die Teile des Ganzen sind nicht wie in segmentären Gesellschaften gleichartig, sondern ungleichartig. Sie sind auf eine besondere Funktion, die zum Erhalt des ganzen dient spezialisiert. Wenn man sie mit den Organen des menschlichen Körpers vergleicht, sind sie unersetzbar sowie hochgradig abhängig vom Funktionieren der jeweils andren Organe. Moderne Gesellschaften können den Verlust irgendeins ihrer spezialisierten Teile ebenso wenig verkraften, wie der menschliche Körper den Ausfall eines seiner Organe. Arbeitsteilung schafft so ein Netz von Interdependenzen.

Die „organische Solidarität“ als Solidarität aus funktionalen Unterschieden bindet den Einzelnen indirekt an die Gesellschaft. Sie beruht also darauf, dass jeder von jedem abhängig ist.

Arbeitsteilung und Spezialisierung führt Durkheim im Zuge der Bevölkerungszunahme auf den Existenzkampf zurück. Arbeitsteilige Differenzierung vermindert laut Durkheim den Konkurrenzdruck: „ Darwin hat zurecht bemerkt, dass die Konkurrenz zwischen zwei Organismen um so heftiger ist, je ähnlicher sie einander sind. Da sie gleiche Bedürfnisse haben und die gleichen Zeile verfolgen, rivalisieren sie überall Ganz anders verhält es sich dagegen, wenn die zusammenlebenden Individuen verschiedenen Gattungen oder Arten angehören. Da sie sich nicht auf die selbe Weise ernähren und nicht dasselbe Leben führen, belästigen sie sich gegenseitig nicht; was dem einen zu gute kommt, ist für die anderen wertlos.“23

Die Verschiedenheit der Menschen führt dazu, dass das Kollektivbewusstsein und die mechanische Solidarität abnimmt. An die Stelle der mechanischen Solidarität rückt nun die organische Solidarität, die auf die zunehmende Individualisierung der Einzelbewusstseine zurückführt. Die Arbeitsteilung wird zur wesentlichen Quelle der Solidarität.

„Die aus der gesellschaftlichen Arbeitsteilung zwangsläufig sich ergebende soziale Abhängigkeit des einzelnen wird von diesem anerkannt und akzeptiert und somit zur vornehmlichen Ursache der sozialen Solidarität und zugleich zur Grundlage der moralischen Ordnung dieser Gesellschaften, ihrer Moral.“24 Die organische Solidarität umfasst weniger das Recht, seine individuellen Bedürfnisse zu befriedigen, als vielmehr die Pflicht, seine Talente zum größtmöglichen Nutzen der Gesellschaft zu entfalten. Sie ist als eine moralische Haltung von Individuen zu verstehen, deren Wahrung bestimmte gesellschaftliche Institutionen, wie z.B. das Zivilrecht überwachen.

Das der organischen Solidarität entsprechende restitutive Recht ist in der Lage, differenziert zu urteilen. Es ist vorrangig auf Wiedergutmachung ausgerichtet. Durkheim findet die Züge restitutiven Rechts in den Gesetzbüchern moderner Staaten schon ausgeprägt, stellt aber auch fest, dass die organische Solidarität als moralisches Prinzip der organisierten Gesellschaft zur Zeit noch nicht in genügendem Maße fundiert ist. Das Gesetz gilt zur Einhaltung der Moral bei Normübertretungen. Falsche Verhaltensweisen werden sanktioniert. So trägt der Staat durch Zwangsmaßnahmen zur organischen Solidarität bei. In Übereinstimmung mit Thomas Hobbes meint Durkheim, dass das staatliche Gewaltmonopol ein unerlässlicher gesellschaftlicher Integrationsmechanismus bleibt.

Durkheim sucht nach weiteren Integrationsmechanismen, weil er erkennt dass das Privatrecht (Individuen schließen untereinander Verträge ab, die beiden Seiten Nutzen bringen) nicht ausreicht. Aufgrund dieser Einschätzung, dass bloße Interessensinterdependenzen nicht die organische Solidarität hervorbringen können nennt er zuerst zwei äußerliche Integrationsmechanismen. Nämlich zum einen den eben genannten Mechanismus durch Zwangsmaßnahmen des Staates. Der zweite Mechanismus beruht darauf, dass auch in hochgradig differentierten modernen Gesellschaften immer ein Rest an „mechanischer Solidarität“ fortbesteht. Insofern muss die „organische Solidarität“ die Last gesellschaftlicher Integration nicht ganz alleine bewältigen.

Theoretisch weiterführend sind zwei andere Integrationsmechanismen, die den moralischen Charakter der Arbeitsteilung ausmachen.

Der erste führt darauf zurück, dass Arbeitsteilung nicht so weit geht, dass jeder ein Monopolist auf seinem Gebiet ist. Es gibt immer zahlreiche Träger der gleichen Rolle, die dann untereinander in dieser Hinsicht ähnlich sind. Jede Gruppe von Trägern der gleichen Rolle besitzt intern die Struktur einer einfachen Gesellschaft und kann dementsprechend eine Binnenintegration über die „mechanische Solidarität“ hervorbringen. Durkheim spricht hier von den Berufsgruppen. Dieser Integrationsmechanismus nutzt also die Tatsache, dass die Rollendifferenzierung immer auch neue, spezifische Ähnlichkeiten der gleichen Rollen schafft.

Es müssen aber immer noch die Differenzen zwischen den verschiedenen Gruppen überbrückt werden. Und hier setzt der zweite Mechanismus an. Durkheim geht davon aus, dass dann, wenn zwischen unterschiedlichen Gruppen bzw. Rollen dauerhafte Interaktionen aufgrund wechselseitiger Leistungsabhängigkeiten entstehen eine Kooperationsmoral aufkommt. Diese hängt jedoch auch von übergeordneten reflexiven Interessen ab, die Durkheim nicht berücksichtigt. Nämlich:

1. „Interesse an sozialer Erwartungssicherheit. Kein Akteur will in eine anomische Orientierungslosigkeit fallen.“25
2. „Interesse an der Aufrechterhaltung wechselseitigen Vertrauens.“26
3. „Interesse an Besitzstandswahrung“27

Die ,,organische Solidarität" muss sich erst durchsetzen, um das gesellschaftliche Gleichgewicht wiederzuerreichen. Durkheims Werk, das einen sozialreformerischen Anspruch hat, schließt mit Blick auf die zeitgenössische Situation mit den Worten: ,,Wichtig ist, dass diese Anomie endet und dass man die Mittel zur Herstellung eines harmonischen Zusammenspiels derjenigen Organe findet, die sich noch unharmonisch aneinander stoßen ... Unsere erste Pflicht besteht heute darin, uns eine neue Moral zu bilden."28

4.2.1 Die anomische Arbeitsteilung

Laut Durkheim ist die anomische Arbeitsteilung die Folge eines zu raschen sozialen Wandels, insbesondere von der handwerklichen zur industriellen Produktion. Diesen Krisenzustand hinsichtlich seiner Einflussgrößen zu analysieren und die Möglichkeiten sowie die Instrumente seiner Überwindung aufzuzeigen ist Durkheims größtes Problem. Durkheim erkennt die anomische Arbeitsteilung in „Über soziale Arbeitsteilung“ als pathologische Form. D.h., dass eine Abweichung vom normalen vorliegt.

Er unterscheidet drei Typen der anomischen Arbeitsteilung:

1. Die Wirtschaftskrisen bedingende

Hier kommt es zu einem Teilzusammenbruch der „organischen Solidarität“.

Wirtschaftskrisen bringen zum Ausdruck, dass „an bestimmten Punkten des Organismus bestimmte soziale Funktionen nicht mehr aufeinander abgestimmt sind“.29 Durkheim verdeutlicht diese Inkoordination an einem Beispiel: Der Industriebetrieb fertigt im Gegensatz zu kleinen handwerklichen Betrieben für einen weitgehend anonymen Markt. Der persönliche Kontakt zum Kunden weicht einer weitgehend internationalen Marktorientierung. So verliert laut Durkheim der Produzent die Marktübersicht und es kann zu einer Wirtschaftskrise kommen.

2. Die die Feindschaft zwischen Arbeit und Kapital verschärfende

Durch die industrielle Produktionsweise verändern sich die Beziehungen zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer. Durkheim meint, dass eine größere Ermüdung des Nervensystems und der ansteckende Einfluss der großen Städte die Bedürfnisse der Arbeiter erhöhen. Außerdem geht er davon aus, dass die Maschinen die Arbeiter langfristig ersetzen und er kritisiert, dass die Arbeiter „kaserniert“ und für den ganzen Tag ihrer Familie entzogen werden.

3. Die zum Einheitsverlust der Wissenschaft führende

In der Wissenschaft sind die einzelnen Spezialforschungen „untereinander zu weit entfernt, um die ganzen Bande zu fühlen, die sie vereinen“.30 Dadurch, „dass sie ihre Untersuchungen ständig weitertreiben, werden sie sich schließlich annähern und folglich ihrer Solidarität bewusst“31. Die Einheit der Wissenschaft würde sich so nach einer gewissen zeit selbst einstellen.

Anomische Arbeitsteilung sind sporadisch auftretende Koordinationsstörungen, die dann auftreten, wenn nicht alle Existenzbedingungen der organischen Solidarität erfüllt worden sind. Damit es diese geben kann, muss für ein System von einander abhängigen Organen auch die Art und Weise bestimmt sein, wie diese zusammenwirken müssen. Es muss folglich Regeln des Zusammenwirkens geben. Durkheim erkennt, dass es aber immer schwieriger sein wird, eine ausgedehnte Reglementierung zu finden, wenn die Funktionen der Organe des Systems immer spezialisierter werden. Besonders regellos sind die Beziehungen zwischen Arbeit und Kapital. Fehlende Arbeits- und Rechtsgrundlagen verhindern das Aufkommen der erforderlichen Solidarität.

In „Über die soziale Arbeitsteilung“ vertritt Durkheim die Ansicht, dass die anomischen Erscheinungen der Arbeitsteilung „nicht naturnotwendig“ sind, sondern nur unter außergewöhnlichen Umständen auftreten. Nämlich dann, wenn sich das Individuum in seiner Funktion abkapselt und nicht den nötigen Kontakt mit den Nachbarfunktionen sucht.

Etwa vier Jahre später verdrängt Durkheim seine These mit der positiven Einschätzung, dass die anomische Arbeitsteilung nur ein vorrübergehender Ausnahmenzustand ist und betrachtet sie in seinem Werk „Der Selbstmord“ als chronischen Dauerzustand. Er sieht seine alte These durch die tatsächliche Entwicklung als widerlegt an. Die Anomie ist also zu einer „kollektiven Krankheit“ geworden.

5 Fazit

Zuerst möchte ich die Frage aus der Einleitung aufgreifen die da lautet, in wieweit Durkheims Theorie der sozialen Arbeitsteilung in modernen Theorien der Arbeitsteilung und im Arbeitsleben noch zutrifft.

Ich denke, dass Durkheim mit seiner Theorie heute noch in soweit Recht hat, dass die einzelnen Individuen sich schon immer mehr spezialisieren. Auch sind sie in gewisser Hinsicht voneinander abhängig. Jedoch ist diese Abhängigkeit geringer als Durkheim annimmt. Ich denke auch, dass diese Abhängigkeit nur von wenigen Leuten bewusst wahrgenommen wird und dass es aus diesen beiden Gründen nicht unbedingt zur Bildung der „organischen Solidarität“ kommt, oder dass sie nur schwach ausgebildet ist. Es kommt also zu einem chronischen anomischen Zustand, den Durkheim in „Der Selbstmord“ beschreibt. Dieser Zustand hat mit Beginn der Massenarbeitslosigkeit zugenommen. Trotzdem ist unsere Gesellschaft meiner Meinung nach nicht ohne jede Moral. Diese verändert sich natürlich von Generation zu Generation, wird aber nach wie vor durch die Gesetze des Staates gestützt.

Claus Offe geht in seinem Buch „Arbeitsgesellschaft - Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven“ davon aus, dass die Information, dass jemand Arbeitnehmer ist, immer weniger Aussagekraft über den Inhalt des Handelns, die Wahrnehmung von Interessen, den Lebensstil usw. hat. Der Informationsgehalt der Arbeit wird durch zunehmende Variationsspielräume zwischen den einzelnen Arbeitssituationen in Hinblick auf Einkommen, Qualifikation, Arbeitsplatzsicherheit, soziale Anerkennung, Arbeitsbelastung, Aufstiegschancen, Kommunikationsmöglichkeiten, Autonomie usw. immer ungewisser. Für Offe ist Arbeit so abstrakt geworden, dass sie nur noch als Kategorie der deskriptiven Sozialstatistik in Betracht kommt, nicht aber als analytische Kategorie zur Erklärung sozialer Strukturen, Konflikte und Handlungen. Die Eigenschaft Arbeitnehmer zu sein, kann folglich nicht mehr „zum Ausgangspunkt kultureller, organisatorischer und politischer Aggregatbildungen und kollektiver Deutungen“32 gemacht werden. Er deutet damit an, dass es kaum Kollektivbewusstsein gibt. Wenn man danach geht, kann man sagen, dass die Gesellschaft der Arbeitnehmer kein „Wesen sui generis“ mehr besitzt und ihr die bindende organische Solidarität sowie eine gemeinsame Moral fehlt. Inwieweit es so etwas in den unterschiedlichen Berufsgruppen gibt, bleibt offen.

Das Problem der Massenarbeitslosigkeit wird bei Durkheim nicht behandelt. Er sieht also auch nicht, dass Arbeitslose mit in die Gesellschaft eingebunden werden müssen, damit es zur gewünschten „organischen Solidarität“ kommt. Interessant wäre auch einmal zu untersuchen ob es eine Art Binnensolidarität unter den Arbeitslosen gibt, weil sie sich ja in ihrer Rolle durchaus ähneln. Vielleicht wird diese ja über Medien (z.B. Fernsehen) übermittelt und macht eine bestimmte Moral aus. Aber das würde jetzt hier zu weit führen.

Das Arbeitsteilung nicht nur zu Spezialisierungen, Abhängigkeiten und der enstehenden „organischen Solidarität“ führt, sondern auch als Methode zur Bekämpfung von Arbeitslosigkeit eingesetzt werden kann, wird von Durkheim auch nicht angesprochen.

Außerdem bleibt die technische Arbeitsteilung, kosten- und organisationsorientierte industrielle Arbeitszerlegung bei Durkheims Begriffsfassung ausgeschlossen. Er sieht die Arbeitszerlegung nur als anormale Form und verkennt dabei, die fundamentale Bedeutung für die industrielle Arbeitsorganisation.

Wenig deutlich wurde mir bei Durkheim auch, wie es bei einer fortschreitenden Arbeitsteilung im Gegenzug zu der schwindenden „mechanischen Solidarität“ zu der „organischen Solidarität“ kommt. Er sagt zwar, dass sich zwischen den Funktionsträgern Abhängigkeiten bilden und sich daraus feste Verhaltensregeln entwickeln, aber wie genau das geschieht, blieb mir unklar.

Ein weiterer Kritikpunkt ist, dass es zu einer Wirtschaftskrise, also zu einem anomischen Zustand kommt, weil die Industrie für einen anonymen Markt produziert. Er sagt, dass die Industrie deshalb den Marktüberblick verlieren wird. Dabei berücksichtigt er nicht, dass Industriegüter billiger produziert werden, welches ja ein ausschlaggebendes Argument bei der Entscheidung zum Kauf eines Produktes ist. Außerdem ignoriert er unternehmerische Instrumente wie Marktbeobachtung und Marktanalyse.

Ingesamt denke ich aber, dass gerade die heutige Massenarbeitslosigkeit und der damit verbundene Konkurrenzkampf die Menschen in die Spezialisierung drängen. „Der Feld-Wald-Wiesen-Advokat stirbt in den großen Städten allmählich aus. Eine Chance hat nur, wer eine Nische findet oder in die neuen Bundesländer geht.“33 Dass es durch den Anstieg der Spezialisierungen, aber auch zu einem Anstieg der Moral durch die „organische Solidarität“, die ja nach Durkheim entstehen müsste, bezweifle ich. Ich denke, dass Moral, Wertvorstellungen usw. vor allem in der Erziehung vermittelt werden und dass der Staat sozusagen die Verantwortung dafür übernimmt, dass bestimmte Regeln, bzw. Gesetze, die durch die Moralvorstellungen der Gesellschaft entstehen auch eingehalten werden, damit ein Zusammenleben möglich ist.

Literatur

- Dirk Kaesler (Hrsg.): Klassiker der Soziologie; 2. Auflage; C.H. Beck ohG, München 2000
- Emile Durkheim: Die Regeln der soziologischen Methode; Hrsg.: Rene König; 2. Auflage; Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1991
- Emile Durkheim: Über soziale Arbeitsteilung; 3. Auflage; Suhrkamp, Frankfurt a.M. 1999
- Hartmut Esser: Soziologie, allgemeine Grundlagen; 3. Auflage; Campus, Frankfurt a.M. 1999
- Uwe Schimank: Theorien gesellschaftlicher Differenzierung; Leske + Budrich, Obladen 1996

[...]


1 Die durch ein aristokratisch orientiertes Militär falsch geführte Untersuchung gegen einen jüdischen Offizier. Die Untersuchung galt als geeignetes Symbol, um das sich die Gegner der traditionellen Ordnung scharten. Es kam zu einer innenpolitische Krise, in der es paramilitärische Systeme wie Spitzel, Kuriere, Stoß- und Verteidigungstruppen von beiden Seiten gab.

2 Hans-Peter Müller in „Klassiker der Soziologie“ S.150

3 Ebd.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Ebd. S.151

7 Ebd.

8 Durkheim „Les regles de la methode sociologique“ S.121, zitiert in May „Arbeitsteilung als Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S.72

9 Durkheim „Die Regeln der soziologischen Methode“ S.100; Durkheim meint mit dem Wort Institutionen alle Glaubensvorstellungen und durch die Gesellschaft festgesetzten Verhaltensweisen.

10 Durkheim „Les regles de la methode sociologique“ S.121, zitiert in May „Arbeitsteilung als Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S.72

11 Das Wort emergent leitet sich von emergere (lat. auftauchen) ab. Es meint allgemein den Sachverhalt, dass Phänomene auftauchen, die man aufgrund des bisherigen theoretischen Wissens so nicht hätte erwarten können und die mit diesem Wissen nicht erklärbar seien.

12 Hartmud Esser: „Soziologie - Allgemeine Grundlagen“. S. 404

13 ebd.

14 ebd.

15 Durkheim: „Die Regeln der soziologischen Methode“ S. 187

16 ebd. S.187f

17 ebd. S.188

18 Hartmud Esser: „Soziologie - Allgemeine Grundlagen“. S. 409 9

19 So lautete der Untertitel der ersten Auflage von „Über soziale Arbeitsteilung“

20 Hans-Peter Müller in „Klassiker der Soziologie“ S.157

21 Durkheim: „Über soziale Arbeitsteilung“ S. 82

22 May: „Arbeitsteilung als Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S.76

23 Uwe Schimank: „Theorien gesellschaftlicher Differentierung“ S.41

24 May: „Arbeitsteilung als Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S.76

25 Uwe Schimank: „Theorien gesellschaftlicher Differenzierung“ S.38

26 ebd.

27 ebd.

28 Durkheim: „Über soziale Arbeitsteilung“ S. 480

29 Dukheim: „De la division de travail social“ S. 344 zitiert in May : „Arbeitsteilung als

Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S. 78

30 Dukheim: „De la division de travail social“ S. 362 zitiert in May : „Arbeitsteilung als Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S. 78

31 Dukheim: „De la division de travail social“ S. 362f zitiert in May : „Arbeitsteilung als Entfremdungssituation in der Industriegesellschaft von Emile Durkheim bis heute“ S. 78

32 Offe: „Arbeitsgesellschaft - Strukturprobleme und Zukunftsperspektiven“ S. 71

33 DIE ZEIT 22/1995: 6

18 von 19 Seiten

Details

Titel
Durkheim und die Arbeitsteilung
Hochschule
Technische Universität Berlin
Veranstaltung
Grundkurs Soziologie
Autor
Jahr
2001
Seiten
19
Katalognummer
V102419
Dateigröße
370 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Durkheim, Arbeitsteilung, Grundkurs, Soziologie
Arbeit zitieren
Barbara Schulz (Autor), 2001, Durkheim und die Arbeitsteilung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/102419

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